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@ E.R.O.S.

Über den Autor

Greg Iles hat sich vom Geheimtipp zu einem der wichtigsten amerikanischen Thriller-Autoren entwickelt. Greg Iles wurde in Deutschland geboren, sein Vater leitete die medizinische Abteilung der Amerikanischen Botschaft. Die Bücher von Greg Iles erschienen in über zwanzig Ländern. Der Autor lebt mit Frau und zwei Kindern in Natchez, Mississippi Weitere Informationen über seine Romane und Filme finden Sie unter www.gregiles.com.

BASTEI ENTERTAINMENT

Danksagungen

Wie immer gilt mein Dank meiner Agentin Natasha Kern.

Und Ed Stackler, einem jungen Redakteur der alten Schule, einem der letzten in einer Branche, die dafür keine Zeit mehr hat.

Vielen Dank an Elaine Koster für kluge Ratschläge.

Besonderen Dank an Stephen King; sowie an Michaela Hamilton dafür, daß sie eingesprungen ist, an Peter Schneider für kreative Hinweise, Hank Doliner für allgemeine Grundsätze und dem Team bei Dutton/Signet für die Fachkenntnisse und den Einsatz.

Besonderen Dank an Oriana Green, für zu viele Beiträge, als daß ich sie hier aufzählen könnte, Gott sei Dank.

Besonderen Dank an Robert und Frances Royal.

Besonderen Dank an »woodyq«.

Ich verdanke viel dem Augenarzt Dr. Lou Jacobs, der mir großzügig Einblicke in seine Erfahrungen mit der Neurochirurgie gewährt hat.

Für allgemeinen medizinischen Beistand danke ich: Dr. Jerry Iles, Dr. Michael Bourland, Dr. Tom Carey, Dr. John White, Dr. Tom Weed.

Gerichtsmedizin: Natalie (Raven), die veröffentlichten Werke von John Douglas, Robert Ressler, Ann Burgess und Allen Burgess.

Für allgemeine Hilfe danke ich: Dr. Robert Savant, Dr. John McGee, Keith Rayburn, Jim Easterling, Beverly Halpern, Geoff Iles, John Lanzon, Robert Hag, Mary Lou England, Dr. Noah Archer, Trish Archer, Finley Hootsell, John George und Win.

Dank auch den Mitgliedern von CompuServe und America Online, die mir tausendfach geholfen haben, besonders Pat Reinken und Emery Werberg.

Ich verdanke besonders viel den Werken von Joseph Campbell, Camille Paglia, Steven Levy, Jeffrey Burton Russell, Carl Jung, Neil Finn, Toad the Wet Sprocket und Sting.

Leser: Courtney Aldridge, Betty Iles.

Wie immer Dank an Madeline für ihre Geduld und an ihre Großmütter dafür, daß ich sie so lange bei ihnen abladen konnte. Sonst hätte ich das Buch nie fertigbekommen.

Alle Fehler gehen auf meine Kappe.

Prolog

Lieber Vater,

wir sind gestern abend in New Orleans gelandet.

Eine feuchte Stadt.

Flach, tief, weitläufig. Eine einzige Gruppe hoher Gebäude in der Ferne.

Der Taxifahrer war überraschenderweise ein Cajun. Ein hagerer, brauner, runzliger Mann. In Chinatown erwischt man nie einen Chinesen als Taxifahrer. Ich hätte mit einem Osteuropäer gerechnet, wie man sie überall findet.

Er schaute immer wieder in den Rückspiegel, während wir durch eine alte Vorstadt fuhren, die er »Metry« aussprach. Hier sind die Weißen einst vor »de Niggas« geflohen. Jetzt fliehen sie über den Lake Pontchartrain. Ich habe an dem Computer auf meinem Schoß gearbeitet, aber mit einem Ohr seinen Worten gelauscht.

Die Nacht brach herein über einem aufgehenden Mond, als wir auf einen höher gelegenen Teil des Freeways und dann vorbei am Superdome fuhren. Kali muß ein schwarzer Schatten für ihn gewesen sein, neben mir auf dem Rücksitz, ein Schatten mit leuchtenden schwarzen Augen.

Sie wollte den Fahrer umbringen.

Ich spürte es.

In ihrer Handtasche der Schal – die heilige Waffe. Ich sehe ein Bild in ihrem Kopf: Er hält an einer Ampel, als wir die Abfahrt zur Unterwelt der ebenerdigen Straßen nehmen. Sie legt die Schlinge um seinen Hals und raubt ihm heimlich das Leben …

Ich lege eine Hand leicht auf ihr Handgelenk und spüre ein Zucken, das meinen Eindruck bestätigt. Sie ist bereit.

Ich weiß, wenn ich die Hand unter ihren Sari schiebe, werde ich feststellen, daß sie feucht ist. Sie lebt für diese Abende.

Ich hoffe, daß die Sicherheitsvorkehrungen nicht strenger als erwartet sind.

Ich schiebe die Hand unter ihren Sari.

Sie ist naß. Geradezu glühend heiß.

Zeit ist Feuer.

Wie gegensätzlich wir doch sind, wie absolut gegensätzlich.

Ich kann mich zurückhalten. Weiß mich zu beherrschen.

Trotze der Sache.

Kali kennt nur das Leben.

Sie legt den Kopf auf die Rücklehne; schwarze Augen funkeln durch halb geschlossene Lider. Ich bewege meine Hand, während wir die Abfahrt hinab auf den Poydras fahren, und rette dem Fahrer damit wahrscheinlich das Leben.

Wir fahren weiter zum Canal und French Quarter.

Kali kommt lautlos zum Höhepunkt.

Der Fahrer riecht sie. Beißend, scharf. Ich erkenne Wachsamkeit auf seinem Nacken, so wie er den Kopf schräg hält. Seine Blicke schießen wieder zum Rückspiegel. Eine Hure? fragt er sich.

Kali lächelt ihn im Spiegel an. In ihrem Lächeln liegt Tod. Tod, in den ein Mann vielleicht freiwillig geht. Sie ist betörend schön. Und so sollte es auch sein.

Du hast ihrem Vater viel Geld für sie bezahlt.

Wir verließen das Taxi vor Galatoire’s, betraten das Restaurant, gingen sofort wieder und wechselten noch zweimal das Taxi.

Ermüdend, aber nützlich.

Die Absicherung der Villa war beträchtlich, aber nicht schlimmer, als ich erwartet hatte. Eine kleine Privat-Armee, wie es sich für eine amerikanische Kultfigur gehört. Leibwächter, die man von Gott weiß was für einer Agentur angeheuert hatte – wahrscheinlich irgendein Haufen, der von einem Expolizisten geleitet wurde, der sich in Ausübung seines Jobs zwanzig Jahre lang einen hinter die Binde gegossen hatte.

Das Schmiedeeisen des Zauns war von erlesener Qualität, französischer Einfluß. Ich ließ die rechte Hand über die Spitzen gleiten, als wir daran vorübergingen. Ich würde mir an ihnen blaue Flecken holen, das wußte ich, aber ich fühlte mich fit.

Fast verwegen. Das Gitter entsprach denjenigen auf den Balkonen des ersten Stocks.

Pittoresk.

Auf der Straße drängten sich alle möglichen Touristen. Die meisten davon Gaffer. Ich neigte den Kopf, als wir an den Wachposten am Tor vorbei gingen. Einer nickte leicht, schaute auf meine Aktentasche. Der andere folgte mit den Blicken Kali. Selbst der sich bauschende Sari konnte die scharfen Konturen ihres Körpers nicht verbergen.

»Gleich wenn wir um die Ecke sind?« fragte sie.

»Sobald nicht mehr so viele Leute da sind.«

Als wir um die Ecke bogen, schmolz die Menge dahin, als hätte irgendein Inspizient sie verscheucht. Kali raffte den Sari und war innerhalb von ein paar Sekunden über den Gitterzaun und zwischen den Palmwedeln und Bananenbäumen. Ich war vorsichtiger. Ich schob die Aktentasche zwischen den Gitterstäben hindurch und kletterte dann hinüber.

Wir standen dicht nebeneinander zwischen den tropfnassen Bäumen und schauten zu der von Flutlicht erhellten Fassade der Villa hinüber. Solides Mauerwerk, wie ein Nebengebäude von Versailles. Kalis Hand legte sich auf mein unter dem Reißverschluß geschwollenes Glied. Sie drückte mich leicht, eine Krankenschwester, die den Puls fühlte.

Ich erschauerte. »Wir müssen warten.«

Ein kurzes Einatmen. »Wie lange?«

Ich ging zwischen den dunklen Blättern in die Hocke, bootete den Computer und loggte mich wieder bei EROS ein. »Sie ist noch an ihrem Computer. Sie sucht nach mir.«

»Dann soll sie dich doch finden.«

Ich schaltete den Computer aus, legte ihn in die Aktentasche zurück und rief mir die fotokopierten Blaupausen in Erinnerung zurück, die das Archiv mir so pflichtbewußt geschickt hatte. »Das Fenster ganz oben rechts«, sagte ich. »Jetzt.«

Die Aussicht, das offene Gelände zwischen dem Zaun und der Villa überqueren zu müssen, war für mich entmutigend. Für Kali war es nichts. Sie glaubt, wir seien in solchen Augenblicken unsichtbar. Weniger als Schatten. Wir seien nur noch Zweck.

Unter dem Seitenbalkon öffnete ich den Aktenkoffer. Kali nahm das Seil heraus und warf den gummierten Haken über die Eisenstäbe des Balkongeländers. Sie klettert wie ein Dieb.

Ich warf die Aktentasche hoch.

Ein Koffer mit Utensilien für eine Vergewaltigung, so würde die Polizei den Inhalt bezeichnen.

Aber es ist so viel mehr.

Ich hatte mich auf Widerstand eingestellt, aber die gläserne Balkontür stand offen. So ist es oft: Man lädt das Böse geradezu ein.

Kali zog das Seil hinter uns hoch.

Wir gingen gemeinsam durch den Flur. Dicker Teppichboden. Die Klimaanlage flüsterte aus der Decke. Irgendwo das regelmäßige Ächzen eines sich langsam drehenden Deckenventilators.

Ich folgte dem Ächzen.

Es führte uns ins Schlafzimmer. Kali bezog ihren Posten neben der Tür. Ich sehe es immer wieder: Das Schicksal entwirrt sich zum Chaos.

Ich öffne die Tür so leise wie möglich.

Die Patientin sitzt vor ihrem Computer, mir den Rücken zugewandt. Sie trägt ein langes, fließendes Gewand, das einem ihrer frühen Romane hätte entnommen sein können. Du solltest einen Penny an eins der Ventilatorblätter kleben, damit dieses Geräusch aufhört, will ich sagen. Aber ich verzichte darauf. Statt dessen sage ich:

»Ich bin da, Karin.«

Der Stuhl kippt auf den Teppich, als sie in sprachlosem Entsetzen aufspringt. Ihre Augen sind hinter der Brille fast gänzlich weiß. Sie ist schwerer als auf ihren Publicityfotos. Ihr Blick fliegt zu meiner sichtbaren Hand, sucht nach einem Messer oder einer Pistole. Aber sie ist leer.

»Wie sind Sie hier hereingekommen?« flüstert sie.

Ich würdige sie keiner Antwort.

»W-Wer sind Sie?«

»Prometheus.«

Ihre Augen wurden größer, als ich es für möglich gehalten hätte. »Aber ich habe doch gerade eben …« Sie schaut zu dem Computer. »Wie …?«

»Das ist nicht wichtig. Ich bin endlich zu dir gekommen. Um dir zu geben, was du am meisten begehrst.«

Sie starrt mich an; ihr Gehirn trommelt offenbar hinter den glasigen Augen. »Wie … hast du einen Wagen für uns?« fragt sie schließlich.

»Ich dachte, du könntest einen von deinen kommen lassen.«

»Ja«, sagt sie. »Wenn du mich nur noch ein paar Dinge …«

»Nein.«

Sie erstarrt neben ihrem Nachttisch. Ihre Blicke schießen nach unten, dann wieder zurück zu meinem Gesicht. Alles bricht zusammen. Kali hatte recht: Phantasie und Wirklichkeit sind zwei verschiedene Universen. Ich bin gekommen, um zu retten, aber wer erkennt schon einen großen Zweck, wenn die Sicht vor Entsetzen umwölkt ist? Meine Hoffnungen brechen um mich herum zusammen wie zerschmetterte Ikonen. Ich schiebe die rechte Hand hinter den Rücken und schließe die Finger um den Griff der Pistole.

»Karin?« bitte ich, biete ihr eine letzte Chance.

Dann zerbricht ihre Maske, enthüllt ihre Panik, und ihre Hand fährt zum Nachttisch. Ich sehe dort einen Schalter. Einen Alarmknopf.

Ich habe keine andere Wahl, muß einfach schießen.

Die Federn des Pfeils erblühen auf ihrem Leib, direkt über der Stelle, wo ihr Nabel sein muß. Die Patientin schaut mit animalischem Unverstand nach unten und zieht den Pfeil heraus, aber dafür ist es viel zu spät. Dann läuft sie. Das tun die Tapferen normalerweise immer.

Sie läuft direkt zu mir. Eigentlich nicht auf mich zu, sondern direkt zu mir hin, weil ich zwischen ihr und der Tür stehe.

Ich lasse sie an mir vorbei.

Sie schnappt nach Luft.

Ich drehe mich um.

Kali steht auf der Schwelle. Die treue Kali. Safrangelber Sari, nußbraune Haut, pechschwarzes Haar, noch schwärzere Augen. Sie hält einen bösartig gekrümmten Dolch in der Hand. Eine furchterregende Waffe. Ganz einfach. Wirksam in zwei Dimensionen, der physischen wie der seelischen.

Die Patientin dreht sich zu mir um, hofft auf irgendeine Erklärung. Wie stark ihr Herz klopfen muß!

»Kali«, sage ich, bedauere jeden Augenblick.

Die Patientin fährt wieder herum, als sie hört, daß Kali die Tür schließt, beobachtet, wie die junge Frau sich mit meiner Aktentasche geschmeidig über den Boden bewegt, wie ein schwarzer Engel.

Kali stellt die Tasche ab, richtet sich dann auf und öffnet den Sari. Er fällt zu Boden. Sie ist darunter völlig nackt. Ich beobachte, wie die Patientin herauszufinden versucht, was hier wohl geschieht, während der Ketamincocktail durch ihren Organismus fließt. Warum zieht die Inderin sich aus? Kurz bevor sie das Bewußtsein verliert, kommt sie vielleicht darauf; daß Kali sich auszieht, damit kein Blut ihre Kleidung beschmutzt.

Ich muß mich ebenfalls ausziehen, doch vorher gehe ich zum Computer, logge mich aus, gebe ein paar Befehle ein und schalte das Gerät ab. Dann kehre ich zu der Patientin zurück, knie nieder und öffne die Aktentasche.

»Was ist da drin?« fragt sie dumpf und setzt sich auf den Boden.

»Meine Instrumente.« Ich nehme eine Knochenzange aus rostfreiem Stahl aus dem Koffer und versuche zu lächeln, doch mein Herz ist ein schwarzes Loch.

Die Patientin hat für ihre Romane genug Nachforschungen betrieben, um die Knochenzange als solche zu erkennen. In blinder Panik versucht sie erneut, die Tür zu erreichen, kriecht wie ein Kleinkind auf allen vieren, doch Kali drückt sie flach auf den Bauch. Ich beobachte sie schweigend, bis ich sehe, daß der Dolch aufblitzt und sich gegen die Kehle der Patientin drückt.

»Wage es ja nicht«, sage ich, aufgeschreckt von der Blutgier in ihren Augen. Ich spreche nun gebieterisch. »Zieh sie aus.«

Wir ließen uns mit der Patientin Zeit. Wir konnten es uns leisten, denn Karin duldete keine Wachmänner in ihrer Villa. Aber unsere Möglichkeiten waren beschränkt. Wie ich mich danach sehnte, mich in diesen reglosen Körper zu ergießen. Aber das war natürlich unmöglich.

Diesmal zwang ich Kali, vorsichtig zu sein, damit kein Blut an ihre Füße kam. Nachdem sie fertig war und ich meine Proben eingesammelt hatte, zogen wir uns in die Dusche zurück. Echter Marmor. Wir trugen Badekappen aus Gummi, damit so wenig Haare wie möglich in das Abflußsieb gerieten. Das Blut glitt von unserer rasierten Haut und wirbelte auf dem weißen Stein. Endlich konnte ich mich gehenlassen.

Selbstbeherrschung ist so wichtig.

Kali kniete in dem heiß sprühenden Wasser vor mir nieder. Ich hatte mich so lange zurückgehalten, daß weder ihr Können noch ihr Eifer erforderlich waren. Sie schluckte jeden Tropfen des Beweismittels, wie es auch erforderlich war. Vielleicht hatte sie Spuren ihrer eigenen Erregung zurückgelassen, aber was soll die Polizei damit schon anfangen? Sie wird sowieso schon verwirrt genug sein.

Als wir uns aus der Villa schlichen, nun nicht mehr nur mit dem Aktenkoffer, sondern auch mit dem gefüllten Gummisack bewehrt, dachte ich an die Patientin. Ein so großes Potential: für meine Arbeit, für die ganze Public Relation. Alles verloren, und wofür? Für mehr Homogenität? Aber ich darf mich nicht bei Fehlschlägen aufhalten. Starke Seelen erfreuen sich an Widrigkeiten.

Morgen ist ein anderer Tag.

1

Das Leben ist einfach.

Für je komplizierter Sie das Ihre halten, desto weniger wissen Sie über Ihre wirklichen Lebensumstände.

Lange Zeit über habe ich das nicht verstanden.

Jetzt ist es mir völlig klar.

Man ist hungrig, oder man ist satt. Man ist gesund, oder man ist krank. Man ist seiner Frau treu, oder man ist es nicht. Man lebt, oder man ist tot.

Ich lebe.

Wir beklagen uns über komplizierte Zustände, über moralische Grauzonen, aber wir suchen Zuflucht in diesen Dingen. Komplexität bietet Zuflucht vor Entscheidungen und damit auch davor, Maßnahmen ergreifen zu müssen. In den meisten Situationen zögen die meisten von uns es vor, nichts zu tun.

Sic transit gloria mundi.

Etwas stimmt nicht.

Ich starre auf die Telefonnummer der Polizei von New Orleans, die ich mir gerade von der Auskunft besorgt habe.

Irgendwie habe ich schon seit einiger Zeit gewußt, daß etwas nicht stimmt, aber anscheinend mußte erst geschehen, was heute geschehen ist, damit ich es mir eingestehe; mich über den inneren Widerstand hinwegsetze.

»Ich habe Informationen über den Mordfall Karin Wheat«, sage ich, als die Verbindung zustande kommt.

»Ich verbinde Sie mit der Mordkommission«, sagt eine weibliche Stimme.

Ich schaue von meinem Schreibtisch zu dem kleinen Farbfernseher hoch, den ich sechzehn Stunden am Tag auf CNN eingestellt habe. Dort läuft gerade die Sendung International Hour. Dank CNN habe ich von dem Mord erfahren.

»Detective Mozingo«, sagt eine männliche Stimme.

»Ich habe Informationen, die den Fall Karin Wheat betreffen.«

»Wie heißen Sie?«

»Harper Cole.«

»Adresse?«

»Ich rufe aus Rain in Mississippi an.«

Eine Pause. »Von wo?«

»Eine Gegend im Delta, wo Landwirtschaft betrieben wird.«

»Wieso wissen Sie etwas über den Fall Wheat? Die Leiche wurde erst vor sechs Stunden entdeckt?«

»Ich habe es gerade auf CNN gesehen. Sie haben eine reguläre Nachrichtensendung unterbrochen, um die Villa der Wheat zu zeigen. Sie war wohl berühmter, als ich dachte.«

Ich höre, daß der Detective seufzt, die Hand vor die Sprechmuschel hält und etwas murmelt, daß sich wie »… beschissen hohes Ansehen …« anhört.

»Arbeiten Sie an dem Fall?« frage ich ihn.

»Nein, Gott sei Dank. Den hat Mayeux. Aber ich nehme die Information entgegen. Was glauben Sie denn zu wissen?«

»Ich glaube, ich weiß, wie sie ermordet wurde.«

»Wir wissen, wie sie ermordet wurde, Sir.«

Heutzutage traue ich keinem mehr, der mich Sir nennt. »Entschuldigung. Ich meine, wie der Mörder auf sie gekommen ist. Wie er sie ausgewählt hat.«

Erneutes Schweigen. Ein argwöhnisches.

»Es ist ziemlich kompliziert«, fahre ich fort. »Ich arbeite als Sysop – Entschuldigung, als Systemoperator – eines Online-Computer-Services. Sind Sie damit vertraut?«

»Nicht so richtig«, sagt der Detective mißtrauisch.

»Haben Sie schon mal von America Online gehört? Von CompuServe?«

»Ja. Das Internet, nicht wahr?«

»So in etwa. Der Online-Service, für den ich arbeite, heißt EROS. Er beschäftigt sich ausschließlich mit Sex.«

»Sie meinen, so was wie Telefonsex?«

Großer Gott. »Vielleicht sollte ich warten und mit Detective … Mayeux sprechen, so heißt er doch?«

»Ja. Er ist aber noch am Tatort. Sagen Sie mir einfach, was Sie wissen, und …«

Mozingo spricht noch, aber ich höre ihm nicht mehr zu. Ich schaue erstaunt auf das Gesicht eines Mannes, den die CNN-Bildunterschrift als Michael Mayeux bezeichnet, Detective beim NOPD. Sein Hemd ist schweißgetränkt, und er steht neben dem hohen, schwarzen, gußeisernen Tor der Villa, die Karin Wheat gehört. Ich erkenne sie aufgrund der vorherigen Sendung. Der Bürgersteig vor dem Tor ist mit leuchtend gelbem Polizeiband abgesperrt, aber vor der Begrenzung stehen mindestens hundert Leute zwischen fünfzehn und fünfzig. Mehr Frauen als Männer.

Fans.

Detective Mayeux betrachtet gereizt eine schwarze Reporterin. »Ich kann zu diesem Zeitpunkt keinen Kommentar dazu abgeben«, sagt er. Er ist ein sonnengebräunter Mann von mittlerer Größe, Anfang Vierzig, vielleicht vier bis fünf Kilo Übergewicht. Die Reporterin stößt ihm das Mikrofon fast ins Gesicht.

»Was ist mit den Meldungen, daß Miss Wheats Leiche sexuell mißbraucht und verstümmelt wurde?«

Mayeux schaut gequält drein. »Das kann ich kategorisch verneinen, Charvel«, sagt er und scheint etwas vergnügter dreinzuschauen, als in ihren Augen Enttäuschung aufflackert.

»Sind Sie noch da?« bellt eine Stimme in mein Ohr.

»Ja, sicher«, murmele ich und beobachte, wie Mayeux einer Streifenpolizistin bedeutet, sie solle die Menge zurückdrängen. »Ich sehe den Typ gerade.«

»Welchen Typ?«

»Ihren Kollegen. Mayeux. Sie zeigen ihn live auf CNN. In diesem Augenblick.«

»Verdammt, der ist ständig in der Flimmerkiste zu sehen.«

Ich komme zu dem Schluß, daß mir Mayeux’ Aussehen besser gefällt als Mozingos Stimme. »Hat Detective Mayeux’ Anschluß einen Anrufbeantworter?«

Der Detective legt eine Hand auf die Sprechmuschel und ruft dann etwas. »Ich verbinde Sie.«

Eine weibliche Tonbandstimme teilt mir mit, daß ich eine Nachricht von bis zu zehn Minuten Länge hinterlassen kann.

»Mein Name ist Harper Cole«, sage ich deutlich. »Ich rufe aus Mississippi an.« Dann stocke ich. Ich kann nicht einfach meinen Namen und meine Nummer hinterlassen. Bei so einem Mordfall kommt Mayeux vielleicht erst in ein paar Tagen dazu, mich zurückzurufen. Ich wiederhole die Telefonnummer noch einmal, halte dann inne und sammle meine Gedanken.

»Ich rufe an, weil ich glaube, daß dieser Mord … der an Karin Wheat … vielleicht im Zusammenhang mit einigen anderen … keinen Morden, aber … doch, vielleicht doch Morden steht. Ich arbeite als Systemoperator für einen Online-Computer-Dienst … einen landesweiten Service … namens EROS. In den letzten Monaten ist mir aufgefallen, daß ein paar Frauen das Network plötzlich ohne Angabe von Gründen verlassen haben. Sie hätten den Vertrag einfach beenden können, aber ich bin nicht der Ansicht, daß sie das getan haben. Der Firma ist es bestimmt nicht recht, daß ich Sie deshalb anrufe, aber ich halte es für meine Pflicht. Es ist zu kompliziert, um es auf Anrufbeantworter zu sprechen, aber ich fürchte, diesen anderen Frauen könnte auch etwas zugestoßen sein. So etwas in der Art, was mit Karin Wheat passiert ist. Vielleicht ist dieselbe Person darin verwickelt. Denn Karin Wheat war Kundin bei EROS. Das ist übrigens eine vertrauliche Information. Sie werden es nicht verstehen, wenn ich es Ihnen nicht persönlich erkläre. Es wäre nett, wenn Sie mich so schnell wie möglich zurückrufen würden. Ich bin immer zu Hause. Ich arbeite zu Hause und bleibe immer ziemlich lange auf. Danke.«

Auf dem Fernsehschirm ist Mayeux von dem schmiedeeisernen Tor verschwunden. Die Menschenmenge ist größer als zuvor. Die Kamera streicht über mehrere männliche Gesichter, die mit Lidschatten und Eyeliner geschminkt sind. Anhänger von Karin Wheats esoterischer Prosa. Ein Schwarzweißfoto der Autorin erscheint und füllt ein Viertel des Bildschirms aus. Es ist das Umschlagfoto aus ihrem letzten Buch. Ich erkenne es, weil dieser Roman – Isis – in meinem Bücherregal steht. Ich habe ihn gekauft, nachdem ich die ersten On-line-Gespräche mit Karin geführt hatte. Sehr interessante Gespräche.

Karin Wheat war eine verquere Lady.

Ich erhebe mich vom Schreibtisch und gehe zum Minikühlschrank, um mir ein eiskaltes Tab zu holen. Damit breche ich die Monotonie der Diät-Cokes. Das Zeug sprudelt nicht nur stärker, mir schmeckt es auch wirklich. Als ich mich wieder hinter meinen Gateway 2000 setze, habe ich die Dose halb geleert.

Preisnotierungen von der Chicago Mercantile Exchange scrollen langsam über den Bildschirm. Das ist mein eigentlicher Job. Warentermingeschäfte, Anleihen, Rentenwerte, sogar landwirtschaftliche Produkte. Ich mache es von zu Hause aus, nur mit meinem eigenen Geld; das macht es einfach. Keine selbstmordgefährdeten Klienten, mit denen ich mich abgeben muß. Ich halte im Augenblick eine Zehnerpartie S&P-Kontrakte, aber im Augenblick steht keine Krise an.

Ich trinke noch einen Schluck Tab und schaue über den postmodernen schwarzen Tisch, auf dem der EROS-Computer und die Satelliten-Bildverbindung stehen. Es ist später Nachmittag, und online herrscht nur wenig Betrieb. Im Augenblick hauptsächlich Hausfrauen: romantisches Herz-Schmerz-und-Sex-Zeugs. Die richtigen Freaks sind jetzt auf dem Nachhauseweg von der Arbeit.

Meine Frau sollte es auch sein. Derzeit arbeitet sie in Jackson, der Hauptstadt des Staates, achtzig Minuten entfernt von unserem Bauernhaus inmitten der Baumwollfelder des Deltas. Drewe ist Ärztin – ihre Zeit als Assistenzärztin im Krankenhaus liegt drei gesegnete Jahre zurück – und genauso alt wie ich, dreiunddreißig. Ich denke gerade, daß ich allmählich damit anfangen sollte, uns etwas zum Abendessen zu kochen, als das Telefon klingelt.

»Hallo?«

»Hier spricht Detective Michael Mayeux, NOPD.«

Seine Stimme hat den blechernen Funkklang, den Handys eigentlich nicht haben sollen, aber meistens doch haben. »Danke, daß Sie so schnell zurückgerufen haben.«

»Hab’ gerade meinen Anrufbeantworter abgehört«, erklärt er. »Achtundzwanzig Verrückte haben sich schon gemeldet. Vampire haben sie umgebracht, Zombies. Ein Typ behauptet, er sei ein Buhlteufel und habe sie getötet.«

»Und warum haben Sie mich dann angerufen?«

»Sie hörten sich nicht ganz so verrückt an wie die anderen. Sie haben gesagt, Sie rufen aus Mississippi an?«

»Richtig. EROS – die Firma, bei der ich Sysop bin – hat ihren Sitz in New York, aber ich erledige meinen Job von hier aus.«

»Ich höre, Mr. Cole.«

»Wissen Sie, was Online-Dienste sind?«

»Klar. AOL, CompuServe, Delphi. Aber Ihre Nachricht vermittelte mir nicht den Eindruck, daß wir über Leute sprechen, die sich im Netz rumtreiben oder ihren Urlaub per Modem buchen.«

»Nein, da haben Sie recht«, sage ich, erleichtert, jemanden gefunden zu haben, dem man nicht alles vorkauen muß.

»Was hat es also mit diesem EROS auf sich? Live-Plaudereien, E-mail, Rollenspiele und so weiter?«

»Genau.«

»Mein Junge ist ein Computernarr. Ich logge mich dann und wann mal in CompuServe ein. Aber ich bin kein Experte. Erklären Sie es, als hätten Sie es mit einem Idioten zu tun.«

»Ich bin selbst einer, Detective. Ich habe Ihrem Anrufbeantworter gesagt, daß Karin Wheat Mitglied bei EROS war.«

»Und Sie haben gesagt, es sei eine vertrauliche Information.«

»Ist es auch. Ich meine, den Bestimmungen des Mitgliedervertrags zufolge. Es ist uns gesetzlich untersagt, die wahre Identität eines Kunden aufzudecken. Bei uns sind eine Menge verheirateter Leute online, die nicht gerade scharf darauf sind, daß ihre Ehepartner das mitkriegen. Und auch ziemlich viele Promis.«

»Aber Sie haben mir Karin Wheats Namen genannt.«

»Nur, damit Sie wissen, wie ernst es mir ist.«

»Bleiben Sie dran – fahr auf die Chartres, Harry. Da bin ich wieder, Mr. Cole. Sie haben gesagt, Karin Wheats Tod könnte mit einigen anderen Frauen im Zusammenhang stehen? Ihrem Verschwinden oder so was?«

»Genau. Ich möchte Ihnen – für den Anfang zumindest – die Namen dieser Frauen geben und Sie bitten, sie zu überprüfen. Heimlich, wenn das geht. Das können Sie doch, oder?«

Mayeux schwieg einen Moment lang. »Sie meinen, ich soll herausfinden, ob sie noch leben?«

»Genau.«

»Ja, das können wir. Aber warum haben Sie das noch nicht getan, wenn Sie sich solche Sorgen machen? Sie haben doch ihre Telefonnummern, oder?«

»Ja. Und ich habe auch schon daran gedacht. Aber ehrlich gesagt … man hat mir gesagt, ich solle es bleiben lassen.«

»Wer hat das gesagt?«

»Jemand in der Firma. Hören Sie, können Sie sich einfach die Namen notieren? Vielleicht bin ich ja verrückt, aber ich würde mich dann besser fühlen, okay?«

»Schießen Sie los.«

Ich lese die Namen und Nummern von einem Notebook ab. Mayeux wiederholt alles, was ich ihm genannt habe; ich vermute, er spricht auf ein Tonbandgerät. »Das sind fünf verschiedene Bundesstaaten«, stellt er fest. »Sechs Frauen, fünf Staaten. Über den ganzen Kontinent verteilt.«

»Der Informations-Superhighway«, erinnere ich ihn.

»Kein Scheiß … Na ja, ich melde mich wieder, wenn dabei was rumkommt. Muß aufhören, Mr. Cole. Wird Zeit, mit den Feen und Vampiren zu sprechen.«

Das Gespräch hat mich seltsam aufgewühlt.

Nach Wochen des Argwohns habe ich endlich etwas unternommen. Ich verspüre die Versuchung, Miles in Manhattan anzurufen und ihm geradeheraus zu sagen, was ich getan habe, lasse es aber bleiben. Falls Miles Turner recht haben sollte – falls all diese Frauen zufrieden in ihre Rollen als glückliche Hausfrauen oder erfüllte Karrierefrauen zurückgeschlüpft sind –, will ich ihm die Genugtuung nicht gönnen. Aber falls ich recht haben sollte … falls diese Frauen alles andere als wohlauf sind …

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Miles erfahren sollte, was ich weiß. Die Erkenntnis schockiert mich ein wenig. Ich kenne Miles Turner seit über zwanzig Jahren. Seit der Grundschule. Damals war er exzentrisch. Und während der letzten fünfzehn Jahre – seit er 1978 Mississippi verließ, um zum MIT zu gehen – habe ich ihn kaum noch gesehen. Es war Miles, der mich überhaupt dazu gebracht hat, für EROS zu arbeiten. Aber ich kann ihm keinen Vorwurf machen. Ich war ein willfähriger Faust.

Als ich den dumpfen Knall höre, mit dem Drewe draußen die Tür des Acura zuschlägt, beuge ich mich tief über die Tastatur des Gateway und nehme die Haltung ein, die meine Frau darauf schließen läßt, daß ich in den vergangenen acht Stunden wie ein Verrückter Warentermingeschäfte getätigt habe.

»Mit wem hast du telefoniert?« ruft sie aus der Diele.

Pech gehabt. Auf dem Nachhauseweg muß sie versucht haben, mich mit ihrem Handy zu erreichen. Das tut sie oft, da der Blick durch die Autofenster auf die träge im Sommersonnenschein liegenden Baumwollfelder so nach zehn bis zwölf Sekunden ziemlich langweilig wird.

Drewe beugt sich in mein Büro, weigert sich demonstrativ – wie schon seit ein paar Wochen –, die Domäne des EROS-Computers zu betreten. Meine Frau ist, wie so viele, auf die Zeit eifersüchtig, die ich am Computer verbringe. Aber bei diesem Konflikt geht es um mehr als um eine Frau und einen Computer. EROS ist nicht nur ein Rechner, sondern der Knotenpunkt eines Netzwerkes von fünftausend Personen (die Hälfte davon Frauen), die mitunter von früh bis spät an Sex denken.

»Ich hab’ Hühnerbrüstchen mitgebracht«, sagt Drewe und zieht die Augenbrauen hoch wie ein französischer Küchenchef aus einem Comic.

»Toll«, sage ich. »Ich komme gleich und werf’ sie in die Pfanne.«

Es ist nicht so, daß Drewe nicht an Sex denken würde. Ganz und gar nicht. Es ist auch nicht so, daß sie keinen Spaß am Sex hätte. Sie hat Spaß daran. Aber in letzter Zeit denkt sie auf eine ganz neue Art und Weise über Sex nach. Sie hält ihn nun für ein Mittel zum Zweck. Damit meine ich den natürlichen Zweck.

Kinder.

Sie lächelt. Mit dreiunddreißig und kinderlos hat Drewe noch die straffe Haut und die festen Muskeln einer Frau in den Zwanzigern. Ihr Brüste sind noch hoch und fest, ihr Gesicht ist faltenlos, von Lachfältchen einmal abgesehen. Das liebe ich an ihr. Ich weiß, wie selbstsüchtig mein Wunsch ist, daß sie ihre körperliche Jugend behält. Aber ein Teil von mir möchte das. Ihr Haar ist rötlichbraun, die Haut hell, die Augen sind grün. Sie hat nicht die Schönheit eines Models (ihre jüngere Schwester Erin war das Model) und auch nicht die aufgesetzte Eleganz einer verhätschelten, Aerobic treibenden jungen Studentin. Drewes besonderer Reiz geht von ihren Augen aus. Nicht nur von den Augen selbst, die tiefliegend und klar sind, sondern auch von den Brauen, die wie die Spanten eines Schiffes fein geschwungen und doch kräftig sind. Ihre Augen versprühen reine Intelligenz, kühle, reichlich vorhandene, ungewöhnliche Vernunft.

Drewe Cole ist klug.

Ihr Lächeln wird breiter und zu einem koboldhaften Grinsen – was ich in letzter Zeit nicht mehr so oft gesehen habe –, und dann geht sie zur Küche. Ich werfe einen letzten Blick auf die Zahlen aus Chicago und folge ihr.

Unser Haus wäre für jeden, der nicht auf einer Farm aufgewachsen ist, eine Kuriosität. Es nahm seine Anfänge vor fünfundsiebzig Jahren als quadratisches, einstöckiges Gebäude, das gerade groß genug war, um meinem Großvater mütterlicherseits und meiner Großmutter (die im Alter von neunzehn respektive sechzehn Jahren heirateten) und den ersten Kindern, die sie erwarteten, Unterkunft zu bieten. Doch als die Farm gedieh und weitere Kinder kamen, baute mein Großvater immer mehr Räume an – zuerst mit einer hartnäckig logischen Symmetrie, später offensichtlich dort, wo er sie am einfachsten anhängen konnte. Das Ergebnis ähnelt irgendwie einem hölzernen Kartenhaus, das ein Achtjähriger errichtet hat. Wenn man von einem Zimmer zum anderen geht, muß man manchmal ein paar Stufen auf- oder abwärts gehen, um sich auf eine etwas andere Ebene zu begeben, doch da ich in diesem Haus großgeworden bin, nehme ich diese Abweichungen nicht mehr bewußt wahr.

Das Herz des Hauses ist die Küche, ein langer und zu schmaler Raum. Ich habe mir einmal überlegt, eine Wand herauszureißen und sie zu vergrößern, doch ein befreundeter schwarzer Zimmermann sagte mir, da das gesamte Haus durch irgendeine Rassisten-Magie an diesem Kern zu kleben scheine, sei ich besser beraten, lieber jedesmal den Arsch an dem meiner Frau zu reiben, wenn wir uns gleichzeitig zwischen dem Herd und der Arbeitsfläche gegenüber bewegten. Das erwies sich als guter Rat.

»Sind wir heute reicher oder ärmer?« fragt Drewe von der Spüle aus. Sie wäscht bereits die Hähnchenteile ab.

»So in etwa gleich«, sage ich, hole eine gußeiserne Bratpfanne aus dem Herd und stelle sie auf eine Gasflamme.

Ihre Frage ist oberflächlich. Bei den zehn Kontrakten, um die es geht, und die entsprechen heutzutage für mich dem Durchschnitt, könnte ich höchstens – und das auch nur im allerschlimmsten Fall – etwas fünfzigtausend Dollar verlieren. Das würde uns nicht ernsthaft beeinträchtigen.

Ich bin gut in meinem richtigen Job.

»Hast du heute ein paar Menschenleben gerettet?« sage ich. Meine Frage ist nicht oberflächlich. Drewe ist Gynäkologin. Sie arbeitet in der Abteilung für Geburtshilfe und bringt die Babys zur Welt, die vor dreißig Jahren mein Vater (ein praktischer Arzt) zur Welt gebracht hätte. Normalerweise hat sie nichts mit Autounfällen oder Opfern von Schießereien zu tun, aber oft mit traumatisch verlaufenden Geburten.

Sie beantwortet meine Frage mit einem schnellen Kopfschütteln und wirft die Hähnchenteile in die zischend heiße Bratpfanne. Ich würze sie großzügig, als sie fragt: »Was ist mit EROX?«

Sie hat das Akronym absichtlich falsch ausgesprochen, betont es, wie ein Diskjockey es tun würde: E-Rocks. EROS steht für Erotic Realtime Online Stimulation. Drewe ersetzt das »S« durch ein »X«, um die lüsterne, pornographische Natur des Netzwerks zu betonen. Vor neun Monaten hat sie das noch nicht getan. Sie war von dem Forum genauso fasziniert wie ich, und unser Sexleben blühte mit ihrer Faszination auf. Vor neun Monaten hat sie EROS ausgesprochen, wie es dem griechischen Gott der Liebe und des Begehrens gebührt.

Jetzt ist die Sache noch ein bißchen besser als Telefonsex. Aber nur ein bißchen.

»Etwas wirklich Schlimmes ist passiert«, sage ich.

Drewe schaut besorgt von einer Dose LeSueur-Erbsen auf. Familie, denkt sie. Wer ist gestorben?

»Karin Wheat wurde gestern abend ermordet.«

Sie reißt die Augen auf. »Die Schriftstellerin? Karin Wheat aus New Orleans?«

Ich nicke. »Es kam auf CNN. Kannst du dir das vorstellen?«

»Klar. Jeder, nach dessen Büchern Filme gedreht werden – und der so unheimliche Fans hat wie sie –, kommt im ganzen Land in die Fernsehnachrichten. Ich wette, Hard Copy wird in einer Stunde darüber berichten.«

Sie hat wahrscheinlich recht. Sollte ich es mir ansehen? Ich weiß aus Erfahrung, daß kaum Fakten, aber jede Menge Nervenkitzel gebracht werden. Andererseits kann Drewe nicht mehr als zehn Minuten von Crossfire ertragen.

»Du hörst dich wirklich aufgeregt an«, sagt sie und mustert mich mit echter Besorgnis.

Ich wende den Blick kurz ab, verberge meine Gedanken hinter einem anerkennenden Blick auf die Hähnchenteile. Wieviel soll ich ihr sagen? »Sie war auf EROS geschaltet«, erwidere ich schließlich, wobei ich nicht schuldbewußt klingen wollte, jedoch weiß, daß ich es tue.

»Was? Warum hast du mir das nicht gesagt?«

Ich schaue mit einem gewissen Trotz in den Augen auf. »Du willst seit Monaten nichts mehr von EROS wissen, Drewe. Karin ist erst vor ein paar Wochen dazugekommen.«

Sie hebt das Kinn und betrachtet mich. »Es heißt also schon Karin«, sagt sie schließlich. »Du hast mit ihr online gesprochen?«

»Klar. Die üblichen Sysop-Einweisungen.«

»Bitte.« Sie klemmt die Dose Erbsen in den elektrischen Öffner und übertönt jede Antwort mit einer knirschenden Fanfare. Ich widme mich wieder dem Hähnchen.

»Hast du online Sex mit ihr gehabt?« fragt sie, ohne mich anzusehen.

Ich seufze wütend. »Die Frau ist tot, Drewe.«

»Mein Gott«, sagt sie und kippt die Erbsen in einen Topf. »Ich sollte bei Hard Copy auftreten. Mein Ehemann fickt elektronisch berühmte Frauen.«

Ich gebe auf. Drewe ist auf EROS noch wütender, als ich dachte.

»Weiß man, wer es getan hat?« fragt sie mit unbewegter Stimme.

»Nein.« Ich drehe die Hähnchenbrüste um. »Aber ich glaube, ich weiß es.«

2

Drewe und ich sehen uns das Magazin Hard Copy mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu an. Dramatische Kamerawinkel, sexuelle Anspielungen und unheimlich wirkende Schwarzweiß-Videoaufnahmen von Karin Wheats Villa in New Orleans (mitsamt dem dazugehörigen künstlich erzeugten Nebel) verleihen der Sendung einen viktorianischen Hauch, der an Jack the Ripper denken läßt. Drewe gibt keinen Kommentar ab, während der Beitrag läuft, und ich ertappe mich dabei, daß ich in Gedanken mein Verhör beim Abendessen ein bißchen aufpoliere.

Ich hatte ihre scharfsinnigen Fragen, während ich Hähnchen und ungeschälten Reis kaute, beantwortet und mich bemüht, sie nicht zu beunruhigen, indem ich nicht mehr als unbedingt nötig enthüllte. Sie wollte wissen, wieso mir überhaupt aufgefallen war, daß diese sechs Frauen den Dienst nicht mehr in Anspruch nahmen. Ich konzentrierte mich auf den technischen Aspekt und erklärte ihr, daß diese sechs Frauen aktive User gewesen seien, die plötzlich von den Foren verschwunden seien, aber trotzdem ihre EROS-Beiträge, die wirklich nicht gerade gering sind, weiterhin bezahlt hätten. Ich erwähnte nichts vom anonymen Einzugsverfahren oder von meinen engen Beziehungen zu einigen der Frauen.

Zum Glück konzentrierte Drewe sich auf Miles Turner und seinen erfolgreichen Versuch, mich daran zu hindern, eine interne Untersuchung durch EROS selbst einzuleiten. Auch sie kennt Miles seit unserer Kindheit. Er hatte seine Einwände gegen eine Ermittlung mit dem Schutz der Privatsphäre –, mit der – wie er es ausdrückte – »Vertraulichkeit, die wir den Kunden zugesichert haben«, begründet, und seine Argumente waren wasserdicht. Die Geschäftsführerin von EROS nimmt diese Privatsphäre so ernst, daß sie die Geheimhaltung der Identität eines jeden Abonnenten mit einer Million Dollar versichert hat. Dieser einzigartige Schritt in der Welt der Online-Dienste hatte viel dazu beigetragen, das exponentielle Wachstum ihrer kleinen und teuren Abteilung der digitalen Welt zu gewährleisten. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, was für ein Erdbeben meine Entscheidung, die Polizei einzubeziehen, in der EROS-Zentrale in New York auslösen wird.

Als Hard Copy von Werbespots unterbrochen wird, requiriert Drewe den Küchentisch und das Telefon, um die Eintragungen in den Patientenakten auf den neuesten Stand zu bringen und ihre Berichte zu diktieren. Aus irgendeinem Grund sind diese Unterlagen der einzige Teil ihrer Pflichten, den meine sonst so überaus ordentliche Frau nicht pünktlich erledigen kann oder will. Die mit Farbkodes versehenen Aktenstapel, die sie aus dem Büro mit nach Hause bringt, sind oft mit drohenden Mahnungen des Verwaltungsdirektors des Krankenhauses versehen, die in drakonischem Stil warnen, Drewe könne ihrer Privilegien als Angehörige der Abteilungsleitung verlustig gehen.

Während ihre monoton diktierende Stimme durch das Haus hallt, ziehe ich mich in mein Büro zurück und greife mir eine der fünf Gitarren, die an der Wand über dem Doppelbett hängen, auf dem ich mich schon mal ein paar Minuten lang ausruhe, wenn mich die manische Börsenaktivität überkommt. Ich entscheide mich für eine Martin D-28S mit klassisch breitem Hals, aber Stahlsaiten. Ich gleite durch ein paar Akkorde und lasse meinen Gedanken und Fingern freien Lauf. Die Musik hätte einen zufälligen Zuhörer überrascht. Ich bin ein guter Gitarrist. Nicht gerade ein Naturtalent, aber doch ein so versierter, daß ich mir damit den Lebensunterhalt verdienen könnte. Das ist mein alter Beruf.

Ich bin gescheiterter Musiker.

Die Erinnerungen an diese Laufbahn tun noch weh. Ich greife jetzt öfter zu dem Instrument, doch drei Jahre lang habe ich keine Gitarre angefaßt und zwölf Monate lang nicht gesungen. Selbst jetzt noch spiele ich nie meine eigenen Songs. Ich tue nur das, was ich jetzt tue, lasse dem Teil meines Gehirns, der diese Funktion kontrolliert, freien Lauf und schalte meine Stimmung auf Autopilot.

Manchmal überrasche ich mich selbst.

Wie jetzt. Ich habe irgendwie ein langsames Jazzstück voller Arreggios und gedehnter Akkorde in die Einleitung von »Still Crazy After All These Years« übergehen lassen. Ich weiß, ich liebe den hinterhältigen siebenten am Ende dieser Zeile: »I met my o-old lover on the street last night« – päng. Verdammt, was soll’s, denke ich, singe mich durch den ganzen Song und ende völlig unbeabsichtigt bei einem möglichen Mord. »Now I sit by my window and I watch the cars. And I fear I’ll do some damage one fine day. But I would not be convicted by a jury of my peers …« Als ich fertig bin und den nicht vorhandenen Ovationen lausche, merke ich, daß Drewe mein Arbeitszimmer betreten hat und neben der Tür steht. Zum erstenmal seit sechs Wochen.

»Hört sich gut an«, sagt sie. »Wirklich gut.«

»Es fühlt sich gut an.«

»Denkst du an eine alte Liebhaberin?«

»Nein. An meinesgleichen. Was glaubst du, was wohl aus ihnen geworden ist?«

Sie lächelt bedauernd. »Sie sind erwachsen geworden, haben geheiratet und Kinder bekommen.«

Wie die meisten Männer habe ich blindlings den Bock geschossen, auf unseren Streit zurückzukommen. Ein Kind kriegen. Ich nehme an, eine Menge Paare in unserem Alter führen diese Debatte. Zumindest oben im Norden und im Westen. Unten im Süden bekommen die meisten Paare ihre Kinder noch, wenn sie in den Zwanzigern sind.

Wir nicht.

Zum Teil tragen unsere Berufe Schuld daran. Fahrende Sänger und erschöpfte Medizinstudentinnen sind kaum in der idealen Position, eine Familie zu gründen, selbst wenn sie verheiratet sind, was Drewe und ich nicht waren, bis ich die Musik aufgab. Aber es steckt noch mehr dahinter. Seit wir verheiratet sind, haben wir ein ziemlich geregeltes Leben geführt, und unser gemeinsames Einkommen ist schon fast unanständig hoch. Meine Eltern sind tot, aber Drewes sind gerade von sanften Anspielungen dazu übergegangen, meine Fortpflanzungsfähigkeit überhaupt in Frage zu stellen.

Wenn nur die Anzahl meiner Samenfäden sowie ihre Beweglichkeit das Problem wäre. Wie viele andere Menschen auch habe ich meine Geheimnisse. Einige sind klein, entstanden in Augenblicken, in denen ich hätte aufrichtig sein können, auch wenn es schmerzhaft gewesen wäre, mich aber anders entschieden hatte. Andere sind größer und beziehen sich ausnahmslos auf Frauen, bei denen es sich nicht um meine Gattin handelt.

Ziehen Sie keine voreiligen Schlüsse. Von dem Augenblick an, da Drewe und ich das Ehegelübde abgelegt haben, habe ich nicht mehr die nackte Haut einer anderen Frau berührt. Aber irgendwie ist das nur ein kleiner Trost. Denn das Geheimnis, das mich nun plagt, ist viel gefährlicher als Ehebruch, viel schändlicher. Wäre ich katholisch, würde ich es wohl eine Todsünde nennen.

Nein, ich bin nicht schwul.

Aber ich habe Angst.

Als das Telefon endlich klingelt, schlafen Drewe und ich schon seit Stunden. Ich erwache, setzte mich sofort auf und greife wie einer meiner schottischen Vorfahren nach dem Schwert, finde statt dessen aber ein schnurloses Telefon in meiner Hand.

»Hallo?«

»Mr. Cole?«

Ich blinzle, versuche gleichzeitig, die Augen und den Kopf klarzubekommen. »Äh … was?«

»Hier ist Detective Michael Mayeux. NOPD. Wir haben heute nachmittag miteinander gesprochen.«

Drewes schlafender Körper verdeckt meinen Blick auf den Radiowecker. »Wie spät ist es?«

»Drei Uhr zwanzig in der Nacht. Es tut mir leid, aber ich bin gerade erst dazu gekommen, die Namen zu überprüfen, die Sie mir genannt haben. Diese sechs Frauen …«

»Klar.« Ich bemerke eine seltsame Ernsthaftigkeit in Mayeux’ Stimme.

»Harper?« Drewe setzt sich im Bett auf und zeigt auf das Fenster. »Da draußen ist jemand. Sieh doch.«

Als ich erkenne, daß unsere Vorhänge von außen von etwas erhellt werden, bei dem es sich um Autoscheinwerfer handeln muß, läuft mir eine Gänsehaut über den Rücken. Um diese Zeit bekommen wir nie Besuch. Wir bekommen überhaupt nur selten Besuch.

»Bleib hier«, sage ich zu ihr, »ich hole eine Waffe.«

»Bitte tun Sie das nicht, Mr. Cole.« Mayeux’ Stimme läßt mich zusammenfahren. »Wenn Sie aus dem Fenster schauen, werden Sie wohl einen Streifenwagen sehen.«

»Das Cairo County hat keine eigene Polizei«, sage ich und gehe vorsichtig zum Fenster.

»Ein Teil Ihrer Farm liegt im Yazoo County«, erwidert Mayeux. »Das müßte Sheriff Buckner vom Yazoo County sein. Kennen Sie ihn?«

»Ich weiß, wer er ist.« Ich öffne die Vorhänge ein wenig und sehe auf der Kiesauffahrt vor unserem Haus tatsächlich einen Streifenwagen, einen weißen Chevrolet Caprice. »Verdammt, was hat der um drei Uhr morgens auf meiner Auffahrt zu suchen?«

»Beruhigen Sie sich, Mr. Cole. Sheriff Buckner ist dort, um Ihre Sicherheit zu gewährleisten.«

Schöne Scheiße. »Warum kann ich das nicht so ganz glauben, Detective?«

Er schweigt zu lange. Ich bedeute Drewe, still zu sein. »Verdammt, was geht hier vor, Mayeux?«

»Diese Frauen, von denen Sie mir erzählt haben. Sie sind alle tot.«

Auf meinem Gesicht steht Schweiß. Gerade eben war er noch nicht da. Ich spüre ihn in meinem Haar, auf den Unterarmen, in den Kniekehlen. Dieser kleine, intuitive Teil meines Bewußtseins, der stets das Schlimmste annimmt, hat Besitz von meinem Körper ergriffen. Ich hatte recht. Ich hatte recht, und ich hätte früher handeln sollen. »Alle sechs?« frage ich mit kaum hörbarer Stimme.

»Sie alle sind in den letzten neun Monaten ermordet worden, Mr. Cole. Und ich muß Ihnen sagen, es gibt eine Menge Leute im ganzen Land – Polizeibeamte –, die mit Ihnen über diese Frauen sprechen möchten.«

Ich versuche nicht einmal, den chemischen Wirbelsturm in meinem Gehirn in zusammenhängende Wörter umzuwandeln.

»Nur zwei dieser Morde wurden vor dem heutigen Abend miteinander in Verbindung gebracht, Mr. Cole. Diese beiden fanden in Kalifornien statt.«

Ich schließe die Augen. Juliet Nicholson. Tara Morgan.

»Wir hätten gern«, sagt Mayeux freundlich, »falls Sie sich morgen freimachen können, heißt das, daß Sie zu uns aufs Präsidium hier in New Orleans kommen und mit uns sprechen. Was halten Sie davon?«

Ich sehe wieder durchs Fenster. Sheriff Buckners Streifenwagen steht noch dort, träge wie eine Katze in feuchter Dunkelheit.

»Sie glauben, ich habe sie getötet«, sage ich mit monotoner Stimme.

Erneut zögert Mayeux zu lange. »Um Ihnen die Wahrheit zu sagen, Mr. Cole, wir wissen nicht, was wir glauben sollen. Ich habe den Leuten immer wieder gesagt, daß Sie mich angerufen haben, um mir diese Information mitzuteilen, und daß Sie das wohl kaum getan hätten, wenn Sie sie ermordet hätten.«

»Worauf Sie sich verlassen können.«

»Andererseits sagen mir einige Leute, daß so etwas durchaus schon vorgekommen ist. Öfter, als man glauben könnte. Ist das einer dieser seltsamen Fälle, Mr. Cole?«

»Es war dumm von mir, Sie anzurufen«, sage ich und meine es auch so. »Miles hatte recht.«

»Miles und wie weiter?« Nach dieser Frage stelle ich mir vor, wie Mayeux einen Kugelschreiber über ein Notizbuch hält.

»Brauche ich einen Anwalt, Detective?«

»Was?« Drewe steht auf, läuft schnell zum Schrank und zieht sich einen Morgenmantel über.

»Immer mit der Ruhe«, sagt Mayeux. »Mein Gefühl verrät mir, daß Sie nur ein verantwortungsvoller Bürger sind, der das Richtige tun will und sich dabei verheddert hat. Ich sage Ihnen gleich, das passiert öfter, als es eigentlich der Fall sein sollte. Aber wenn Sie einen Anwalt hinzuziehen wollen, bringen Sie ruhig einen mit.« Er hält einen Herzschlag lang inne. »Doch wenn Sie meinen Rat hören wollen, ich würde mir das Geld sparen. Wir wollen nur erfahren, was Sie wissen, Mr. Cole. Wenn Sie nichts zu verbergen haben, brauchen Sie auch keinen Anwalt.« Mayeux’ Stimme wird leiser. »Außerdem ist der erste Eindruck immer sehr wichtig. Für gewisse Leute werden Sie viel unschuldiger wirken, wenn Sie nicht von Anfang an einen Anwalt dabei haben.«

Eins ist sicher. Detective Michael Mayeux ist nicht Polizist geworden, weil es ihn auf einen Krabbenkutter zufällig nach New Orleans verschlagen hat. Er versteht sich darauf, Leute dazu zu bringen, das zu tun, was er von ihnen will. Dieses Talent habe ich mit ihm gemeinsam, und ich stelle diese Tatsache fest, wie ein guter Kämpfer die Stärke eines möglichen Gegners einschätzt.

»Ich nehme an, Sie möchten, daß ich mit Sheriff Buckner nach New Orleans fahre?«

»Nein, Sir. Kommen Sie mit dem eigenen Wagen, fliegen Sie rüber, wie immer Sie wollen. Versuchen Sie nur, es bis Mittag zu schaffen. Ich habe hier unten ein sehr ungeduldiges Publikum.«

Ich treffe eine schnelle Entscheidung. »Hören Sie, Detective, nach diesem Anruf kann ich sowieso nicht mehr schlafen. Ich spreche mit meiner Frau, ziehe mich dann an und fahre los. Je eher ich aus der Sache raus bin, desto besser fühle ich mich.«

»Gute Antwort, Mr. Cole.«

»Wir sehen uns dann so in etwa fünf Stunden.«

»Ich warte auf Sie.«

Als ich Drewe die Lage erklärt habe, ist Sheriff Buckners Streifenwagen leise verschwunden. Meine Frau will mich nach New Orleans begleiten, aber ich rede es ihr aus. Zum einem muß sie sich um ihre Patientinnen kümmern. Zum anderen weiß ich nicht, wie tief die Polizei mit ihren Fragen bohren wird. Ich bezweifle, daß es irgendeinem Mann gefallen würde, wenn man in Anwesenheit seiner Frau sein Leben mikroskopisch genau durchleuchtet; denn in letzter Zeit ist eins meiner Geheimnisse – wie die alte Schrotkugel in meiner Wade – immer dichter an die Oberfläche gewandert. Eine mit der richtigen Schärfe gestellte Frage könnte diese Oberfläche glatt durchtrennen.

Ich ziehe in Betracht, Miles in New York anzurufen und ihm zu sagen, was im Gange ist, sehe dann aber davon ab. In dieser Hinsicht sind Drewe und ich uns einig. Da ich der Polizei den Namen einer EROS-Kundin verraten habe, muß ich mit großer Wahrscheinlichkeit mit einer Klage rechnen. Ich beruhige mich mit dem Gedanken, daß dieser Vertrauensbruch gerechtfertigt sei, weil ich tödliche Gefahren für andere EROS-Kundinnen wahrnehme, aber wer kann das in den USA der neunziger Jahre schon sagen? Jan Krislov, die sechsundfünfzigjährige Witwe, der EROS gehört, ist im ganzen Land als Anwältin des Rechts auf Privatsphäre bekannt. Sie hat auch mehr Geld als Gott. Und auf jeden Fall bessere Anwälte.

Doch unter all dieser Besorgnis spüre ich noch tiefere Bedenken. Drewe sieht das ähnlich. Ganz früh in unserem Leben waren Miles Turner und ich fast wie Brüder. Dann haben wir uns viele Jahre lang kaum noch gesehen. Nicht ganz vor einem Jahr trat er wieder in mein Leben und holte mich zu EROS. Erweitere deinen Horizont, sagte mein persönlicher Mephistopheles. Bist du es noch nicht leid, Geld zu verdienen? Stelle dich neuen Herausforderungen. Das macht mehr Spaß, als du gehabt hast, seit wir unsere Babysitterin beschwatzt haben, ihren BH auszuziehen.

Jetzt habe ich gar keinen Spaß mehr.

3

Lieber Vater,

wir sind am Nachmittag in Michigan gelandet. So grau nach dem dekadenten Grün von New Orleans. So grau wie unsere Erschöpfung. Meine Gelenke schmerzten ständig: Wir mußten durch das schwarze Herz eines Sturms fliegen.

Ich habe diesmal das Transportmittel und die Technik gewechselt. Ich habe aus meinem Fehler bei Karin gelernt. Wie irritierend es doch ist, Naivität bei sich zu entdecken, selbst nach Jahren des Zynismus.

Ich war trunken vor Erwartung. Unsere Verführung war lang und üppig, ein Fortschreiten vom Geistlichen zum Weltlichen. Ich saß mit Notebook und Handy im Patio der Patientin, wußte, sie nahm an, im Dialogverkehr mit einem Mann zu sein, der Tausende von Kilometern entfernt war, einem gesichtslosen Liebhaber, und ich hockte keine sechs Meter von ihr entfernt auf dem Boden.

Ich schlich zu ihrem Fenster und beobachtete, wie sie ihre Antworten tippte. Kali massierte mich, während ich sie beobachtete, und ich ergoß mich auf das Blumenbeet. Ich frage mich, ob das FBI dort nachsehen wird. Ja, sie werden dort nach Fußabdrücken suchen, aber nicht nach Samen. Den werden sie genau dort finden, wo sie ihn erwarten, aber es wird natürlich nicht meiner sein.

Ich konnte dem Drang nicht widerstehen, Rosalind zu sagen, daß ich dort war. Darin lag kein Risiko: Sie konnte nicht die Polizei anrufen, solange sie mit EROS verbunden war, und Kali war bereits im Haus. Das Entsetzen war absolut. Lähmend. Kali demonstrierte außerordentliche Selbstbeherrschung, sehr beruhigend nach dem Blutrausch von New Orleans. Und diesmal hinterließ ich eine Nachricht, eine Textstelle, die Du mir vor langer Zeit einmal vorgelesen hast:

Die Grenzen meiner Geduld sind erreicht. Ich stehe mit dem Rücken zur Wand; ich kann nicht weiter zurückweichen. Ich habe Gott gefunden, aber er ist unzulänglich. Ich bin nur geistig tot. Körperlich bin ich lebendig. Moralisch bin ich frei. Die Welt, die ich verlassen habe, ist ein Zwinger. Die Dämmerung bricht an über einer neuen Welt, einer Welt des Dschungels, in der die mageren Geister mit scharfen Klauen umherstreifen.

Wenn ich eine Hyäne bin, so eine magere und hungrige: ich ziehe aus, um mich zu mästen.

Ich weiß. Ich weiß. Aber ich bin’s leid, biologischen Abfall zurückzulassen. Warum sie nicht mit ein wenig geistigem Flair in die Irre führen? Das ist doch nur der Blödsinn, bei dem den Leuten in Quantico der Sabber aus dem Mund läuft. Es wird die einzige Datei sein, die auf Französisch geschrieben ist, aber trotzdem habe ich sie mit »Henri« gezeichnet. Subtilität ist bei der Polizei die reinste Verschwendung. Wenn sie es übersetzt haben, wird die Prozedur abgeschlossen sein. Heute abend die Laborarbeit. Ein Tag, um die nächste Patientin zu holen.

Ein weiterer, um die müden Gelenke auszuruhen, die Finger zu beruhigen.

Dann schneide ich mir den Weg frei nach Walhalla.

4

Drei Stunden konzentrierter Fahrt bringen mich über die Staatsgrenze von Louisana, wobei die Dämmerung links von mir anbricht und New Orleans noch einhundert Kilometer entfernt ist. Die letzten dreihundert Kilometer waren ein Zeitlupen-Stroboskop aus Dunkelheit und dem grellen Licht der Raststätten gewesen. In jeder anderen Nacht hätte ich den Highway 61 genommen. Das tun heutzutage nicht mehr viele Leute. Sie ziehen die Geschwindigkeit der Landschaft vor, und dazu war ich diese Nacht auch gezwungen. Die I-55 verläuft gerade wie eine Pipeline, und die meisten Reisenden darauf verschwenden keinen Gedanken an die älteren, indirekteren Verkehrsadern, die ein Stück westlich davon verlaufen: der Highway 61, eine historische Asphaltstrecke, gesäumt von versengten Schornsteinen, die wie Wachtposten unbefriedetes Land behüten; und hinter dem Uferdamm die Aorta des Kontinents, der kilometerbreite Flußlauf, den es schon gab, bevor der erste Mensch seinen Fuß hierher setzte, und den es noch geben wird, lange nachdem der Mensch wieder verschwunden sein wird.

Aber in der anbrechenden Dämmerung kann ich mir nur die direkteste Verbindung zwischen zwei Punkten leisten. Auf dem Beifahrersitz neben mir liegt ein Aktenkoffer voll von lasergedruckten Seiten – Protokolle des Mörders, der seine Opfer verführt – und meine schönste Hoffnung auf Absolution in der Angelegenheit der sechs toten Frauen.

Sieben, denke ich, als mir Karin Wheat einfällt.

Bei La Place wechsle ich auf die I-10, um die letzten zwanzig Minuten nach New Orleans zurückzulegen. Die Augustsonne ist jetzt, um kurz nach acht, endgültig aufgegangen, und das flache, trübe Wasser des Bonnet-Carre-Überlaufkanals siedet unter ihrem lidlosen Blick. Als ich das Fenster des Explorers herunterkurble, dringt mir ein Schwall von Gestank verfaulender Wasserpflanzen und Fische des Lake Pontchartrain in die Nase.

Während der vergangenen vier Stunden habe ich mir jeden Schritt auf dem geistigen Weg in Erinnerung zurückgerufen, der mich zu dieser körperlichen Reise geführt hat. Ich bin mir nicht sicher, was die Polizei von mir zu erfahren hofft. Aber für mich wäre die vernünftigste Frage: Warum habe ich meinen Verdacht nicht früher gemeldet? Das weiß ich selbst nicht ganz genau. Ich kann nur hoffen, daß das, was ich zu sagen habe, die Polizei so sehr schockiert, daß es sie wenigstens für eine Weile von dieser Frage ablenkt.

Es ist kein Problem, das Polizeipräsidium von New Orleans zu finden. Es liegt in der Nähe von Drewes Alma mater, der Tulane Medical School, direkt hinter dem Strafgerichtsgebäude der Stadt New Orleans. Noch leichter ist es, Detective Michael Mayeux ausfindig zu machen. Die Mordkommission ist im zweiten Stock untergebracht. Ich habe dem Sergeant bei der Anmeldung – der hinter einem Fenster aus Panzerglas sitzt – kaum meinen Namen genannt, als ich auch schon durch eine schwere Tür, ein Großraumbüro, einen Gang entlang und in ein kleines Büro geführt werde. Mayeux sitzt hinter einem zerkratzten Metallschreibtisch, auf dem ein fürchterliches Durcheinander herrscht, und spricht eindringlich in ein Telefon mit Schnur. Das Büro hat keine Fenster. Aber es verfügt über einen Computer, ein überfülltes Bücherregal und, in der einzigen Lichtung inmitten des Chaos, über eine Kaffeemaschine. Darauf steht eine aufgerissene rote Packung mit dunkel geröstetem Zichoriekaffee.

»Kann ich Ihnen helfen?« fragt Mayeux, legt den Hörer auf und beißt von einem Krapfen mit Zuckerguß ab, den ich zuvor nicht gesehen habe.

»Ich bin Harper Cole.«

Er erstarrt beim Kauen, legt dann den Krapfen auf den Schreibtisch, steht auf und kaut schnell weiter, während er mich zurück in den Gang und zu einer anderen Tür hin schiebt. Er ist so etwa einsfünfundsiebzig groß, hat deutlich wahrnehmbare Rettungsringe und eine kahle Stelle auf dem Hinterkopf. Er bleibt an der Tür stehen und wendet sich mir zu, und seine dunkelbraunen Augen schauen so beruhigend wie die eines Trainers vor einem wichtigen Spiel.

»Sagen Sie diesen Leuten einfach, was Sie wissen, Mr. Cole. Nehmen Sie sich Zeit und lassen Sie nichts aus. Wenn Sie Hunger kriegen oder eine Pause brauchen sollten, nicken Sie mir zu, und wir unterbrechen einfach. Es könnte ziemlich heftig werden. Plötzlich interessieren sich furchtbar viele Leute dafür, was Sie über diese Frauen zu sagen haben.«

»Augenblick mal«, sage ich und hebe die Hand. »Ich dachte, ich würde mit Ihnen sprechen. Wer ist da drin?«

Er bedenkt mich mit einem schiefen Lächeln. »Keine Bange, ich bleibe die ganze Zeit über bei Ihnen. Genau wie mein Partner und der Chief.«

Mayeux will mich beruhigen, hat aber nur das Gegenteil erreicht. »Und …?«

Er wendet den Blick von meinem Gesicht ab. »Die anderen Burschen sind Bundesbeamte. FBI.«

»FBI? Wieso?«

»Diese Typen kommen von der Investigative Support Unit, der Abteilung zur Unterstützung laufender Ermittlungen, die früher mal Abteilung für Vergleichende Verhaltensforschung hieß. Ein Special Agent und ein Seelenklempner. Und zwei Beamte vom örtlichen Büro. Bedenken Sie, was ich Ihnen gesagt habe. Zwei der Frauen wurden in Kalifornien getötet – eine in LA, eine in San Francisco. Weil ihre Leichen auf besondere Art und Weise verstümmelt wurden, und noch aus anderen Gründen, kam die Polizei da draußen zu dem Schluß, es eventuell mit irgendwelchen Ritualmorden zu tun zu haben. Sie zogen die Investigative Support Unit hinzu, damit sie ihr ein Profil des UNSUBs erstellt.«

»Ihres was?«

»UNSUB. Unbekanntes Subjekt. Auf jeden Fall hatte ich kaum die Namen dieser beiden Toten aus Kalifornien erwähnt, als die Einheit wie der Teufel über uns herfiel. Als sie von Ihnen und den anderen Frauen hörten, stand ihnen der Schaum vor dem Mund. Sie glauben, daß wir es hier mit einem Serienmörder zu tun haben. Vielleicht mit einer ganz neuen Art von Killer. Im Augenblick sind Detectives aus dem ganzen Land zu uns hin unterwegs. Das ist eine ganz große Sache.«

»So viel zu unserer freundlichen kleinen Plauderei.«

Mayeux will den Türknopf drehen, zögert dann jedoch. Ein Funke Cajun-Schalk blitzt in seinen Augen auf. »Nehmen Sie die beschissene Stimmung nicht persönlich. Chief Tobin hat die Unterstützung durch die Einheit offiziell angefordert – er kennt ihren Leiter –, aber das NOPD und die örtliche FBI-Dienststelle haben mit ihr noch ein Hühnchen zu rupfen. Das ist nicht Ihr Problem. Erzählen Sie einfach Ihre Geschichte.« Mayeux blinzelt. »Showtime, Cher

5

Detective Mayeux’ Warnung bezüglich der Stärke der Spannungen war eine Untertreibung. Der kahle Konferenzraum erinnert mich in erster Linie an einen voller Leadsänger. Egos prallen gegeneinander wie Luftballons an Schnüren, während ihre Besitzer sich in eingeübte Posen werfen und keine andere Tagesordnung als die ihre anerkennen wollen. Vier Männer in Geschäftsanzügen sitzen in geschlossener Phalanx am anderen Ende eines rechteckigen Tisches. Sie könnten genausogut Schilder mit der Aufschrift FBI an ihren Jacken befestigt haben. Der Polizeichef von New Orleans, ein riesenhafter Schwarzer, trägt ein gestärktes weißes Uniformhemd, das sich über seinen Körpermassen spannt. Jeweils vier Sterne schmücken die blauen Streifen auf den beiden fleischigen Schultern.

Rechts vom Chief sitzt eine Kleiderstange von Mann, bei dem es sich um Mayeux’ Partner handeln muß. Er sieht saumäßig schlecht aus. Augen wie Fünfmarkstücke, ein unregelmäßiges Zittern der Hände, das auf gravierenden Schlafentzug schließen läßt. Ich kenne die Symptome gut. Neben ihm sitzt eine vollbusige Latino-Sekretärin. Mit dem linken Ohr lauscht sie dem Chief, doch ihre Blicke bleiben auf die jungen FBI-Agenten gerichtet.

»Meine Herren«, sagt Detective Mayeux, »Mr. Harper Cole.«

Mayeux nennt mir Namen, aber es gelingt mir nicht, sie dauerhaft zu speichern. Drei der FBI-Agenten tragen blaue Anzüge, der vierte einen anthrazitgrauen. Heißt das, daß er der Boß von ihnen ist? Er ist eindeutig der älteste, trägt sein ergrauendes Haar jedoch länger als die anderen. Mayeux nennt leise seinen Namen und betont ihn unabsichtlich.

Arthur Lenz. Doktor Arthur Lenz.

Natürlich. Lenz ist der Seelenklempner.

Wann immer ich interessante Fremde kennenlerne, ordne ich sie als Ersatzdarsteller für die Stars meiner Erinnerung ein. Manchmal treffe ich einen Edmond O’Brien oder einen George Sanders, vielleicht einen Robert Ryan. Ich erinnere mich an diese Burschen, weil ich als Kind immer lange mit meinem Dad aufgeblieben bin und wir uns Channel 4 aus New Orleans angesehen haben. So ist es mir zur Gewohnheit geworden, Fremde gleichsam in Zelluloidschubladen in meinem Kopf einzuordnen. Manche Leute sind nur Statisten, wie Mayeux’ Partner und die Sekretärin. Aber dann und wann treffe ich auf einen überzeugenden Zeitgenossen. Jemand, der mich nicht nur an – sagen wir – Fredric March erinnert, sondern es wirklich sein könnte.

Doktor Lenz ist vielleicht so einer. Er ist großgewachsen – das ist unverkennbar, obwohl er sitzt –, und doch … er ist irgendwie beschränkt, so wie ein Schauspieler, der nie den Sprung auf die Kinoleinwand geschafft hat. Ewig mittleren Alters, ein weißer angelsächsischer Protestant – oder zumindest wäre er es gern –, teurer Anzug, sehr auf Selbstkontrolle bedacht. Er hat unbestreitbar ein gewisses Charisma, doch irgendwie gehört er eher ins Fernsehen als zum Film.

In dem unbehaglichen Schweigen, das auf die Vorstellungen folgt, wirft einer der FBI-Leute in den blauen Anzügen – Baxter, glaube ich – dem Polizeichef einen ärgerlichen Blick zu. Dann sieht er mir in die Augen. »Guten Morgen, Mr. Cole«, sagt er und versieht das »Mister« mit der eigentümlichen und verächtlichen Betonung, die Militärangehörige sich für Zivilisten aufheben. »Ich bin Special Agent Daniel Baxter.«

Zuerst habe ich auf Baxter nicht geachtet, weil er sich von der Größe her nicht von den beiden anderen blauen Anzügen unterscheidet. Aber jetzt schaue ich ihn mir an. Und bekomme das Gefühl, daß er etwas verbirgt; im biblischen Sinne; gemeint ist, daß er sein Licht unter den Scheffel stellt. Hinter seinen dunklen Augen liegt eine gewisse Bedeutung, aber er ist kein Hauptdarsteller. Er ist ein knochenharter Sergeant aus einem Schwarzweiß-Kriegsfilm, der das Kommando übernehmen muß, weil sein Lieutenant gefallen ist.

Als hätten Agent Baxters Worte ihn ins Leben zurückgerufen, begrüßt der Polizeichef mich mit einem überraschenden James-Earl-Jones-Baß. »Mr. Cole, ich bin Chief Sidney Tobin. Ich danke Ihnen, daß Sie so schnell hierher gekommen sind. Überflüssig zu sagen, daß wir alle uns sehr für das interessieren, was Sie in bezug auf diese Morde zu sagen haben. Sie besitzen unsere ungeteilte Aufmerksamkeit.«

Detective Mayeux setzt sich und bietet mir dabei den Stuhl am Kopf des Tisches an, aber ich bleibe stehen. Ich bin eins fündundachtzig groß, wiege siebenundachtzig Kilo und weiß, daß meine Größe mir einen psychologischen Vorteil verschafft, wenn ich sie richtig einsetze. Ich schätze, daß ich heute jeden Vorteil brauche, den ich kriegen kann.

»Bevor ich irgend etwas sage«, beginne ich, »es gibt noch etwas Wichtiges, das ich Detective Mayeux am Telefon nicht gesagt habe.«

»Und das wäre?« poltert der Chief.

»Ich bin mir ziemlich sicher, daß ich weiß, wer diese Frauen ermordet hat.«

Ungläubige Stille legt sich über den Raum. Dr. Lenz findet aus der Sackgasse heraus. »Sie haben einen Namen, Mr. Cole?«

»Und eine Adresse.«

»Großer Gott!« ruft Mayeux. »Raus damit!«

Ich öffne meine Aktentasche und hole ein Blatt Papier heraus. Davon lese ich ab: »David M. Strobekker. Das schreibt sich S-T-R-O-B-E-K-K-E-R. Vierzehn-null-zwei Moorland Avenue, Edina, Minnesota. Das ist ein Vorort von Minneapolis.«

»Was wissen Sie sonst noch über diesen Typ?« bellt Mayeux’ Partner.

»Er hat ein Girokonto bei der Norwest Bank in Minneapolis. Das ist das einzige, was ich mit Sicherheit weiß.«

»Lassen Sie es durch den Computer laufen, Mike«, befiehlt der Chief. »Sofort.«

»Ich kann über das Telefon auf die FBI-Computer zugreifen«, sagt einer der jüngeren FBI-Leute zu Mayeux, der mir einen wütenden Blick zuwirft, als er den Raum verläßt.

»Ich könnte verklagt werden, weil ich Ihnen diesen Namen genannt habe«, fahre ich fort.

»Lassen Sie das unsere Sorge sein«, sagt Baxter.

»Das FBI wird mir Anwälte stellen, die mich bei einer zivilrechtlichen Klage verteidigen?«

Arthur Lenz’ Gesicht zeigt eine Spur von Heiterkeit.

»Bleiben wir bei den Morden«, sagt der Polizeichef. »Erklären Sie uns, woher Sie diese sechs Namen kennen und wieso Sie vermutet haben, die Frauen könnten in Schwierigkeiten sein.«

Hinter mir öffnet und schließt sich die Tür. Mayeux nimmt wieder an der rechten Seite des Tisches Platz. »Kiesha überprüft Strobekker, Chief.«

»Unterbrechen Sie mich, wenn ich irgend etwas sage, das Sie nicht verstehen«, sage ich.

Die beiden jüngeren FBI-Agenten grinsen darüber, aber ich bin mir ziemlich sicher, daß sie mich bald mit dummen Fragen beharken werden.

»Ich arbeite für eine Firma namens EROS«, sage ich langsam. »Das ist ein Akronym – E-R-O-S, das für Erotic Realtime Online Stimulation steht.« Als ich ein paar anzügliche Blicke sehe, ignoriere ich den mythologischen Bezug und fahre fort. »Wir sind ein Online-Service, dem ein breites Spektrum von Kunden angehört, die sich für die menschliche Sexualität interessieren. EROS ist eine in New York ansässige Firma, die juristisch im Staat Delaware gemeldet ist …«

»Wem gehört sie?« unterbricht Baxter.

»Einer Witwe namens Jan Krislov.«

»Was?«

Dem angewiderten Ausdruck auf Daniel Baxters Gesicht entnehme ich, daß sie ihm in irgendeiner Hinsicht vertraut ist. Ein Aufblitzen meines Instinkts sagt mir, daß es sich dabei um ihre energische Verteidigung der elektronischen Privatsphäre handeln muß.

»Bitte fahren Sie fort, Mr. Cole«, weist Chief Tobin mich an.

»Jeder Bewohner der USA kann vierundzwanzig Stunden am Tag einen vollen Online-Zugriff auf EROS haben. Wir haben auch europäische Abonnenten, die uns über Internet erreichen. Es gibt drei Ebenen von Gesprächsforen, auf die die Leute mit Aliasnamen – Kodenamen – zugreifen, die völlige Anonymität gewährleisten. Ebene eins ist die am breitesten gefächerte. Die Leute benutzen sie, um über alle möglichen sexuellen Themen zu sprechen, von der Psychologie über medizinische Probleme bis hin zu privaten Themen.«

»Die verdammte Jan Krislov«, murmelt Baxter.

Ich atme tief ein. Als ich keine Fragen höre, konzentriere ich mich auf Mayeux und fahre fort. »Ebene zwei ist eine von zwei Fantasy-Foren. Auf diesem Level schreiben die Kunden über ihre Phantasien, korrespondieren miteinander über quasi öffentliche Mitteilungen und E-mails oder lauschen manchmal einfach nur den Phantasien anderer Abonnenten. Es kann sich dabei um einen Gruppenaustausch handeln, doch wenn ein Kunde oder eine Kundin es vorzieht, können sie auf Direkt-Kontakt umschalten, der völlig privat ist. Wir nennen das einen privaten Raum. Es gibt auch Dateien in der Online-Bibliothek, auf die jederzeit zugegriffen werden kann. Beliebte Gespräche vorangegangener Sitzungen und so weiter.«

»Fummeldateien«, sagt Mayeux’ Partner und öffnet die roten Augen zu einem herausfordernden Blick. »Nicht wahr? Sie sprechen nicht mit echten Personen, können mit den Händen also machen, was sie wollen. Wichsdateien, oder?«

Der Mann ist ordinär, liegt aber nicht sehr weit daneben. »Das ist wahrscheinlich eine zutreffende Einschätzung.«

»Was ist mit Ebene drei?« fragt Doktor Lenz, dessen Augen fasziniert leuchten.

»Level drei …« Hier gerate ich oft ins Stolpern, wenn ich Außenstehenden, die nicht der Firma angehören, EROS erkläre. Ich bin mir nie ganz sicher, wie ich Ebene drei erklären soll. Um ehrlich zu sein, ich verfolge sie auch nicht so oft; wenigstens nicht, bis sich mein Argwohn bezüglich der »verschwundenen« Frauen einstellte. Der meiste Verkehr auf der dritten Ebene findet nachts statt und fällt damit in Miles’ Metier. Das ist auch ein Grund dafür, warum ich mich von ihm so lange überreden ließ, nicht einzugreifen.

»Ebene drei«, wiederhole ich, »ist das, was man die Bundesliga der sexuellen Foren nennen könnte. Die Dialoge sind ziemlich heavy, alles ist erlaubt. Kommen Sie jetzt nicht auf falsche Gedanken … es ist keine Kinderpornographie oder so, aber …«

»Es geht ziemlich heiß her«, beendet Dr. Lenz den Satz.

»Ja, ziemlich heiß. Bis vor drei Wochen haben wir noch nicht mal das Übertragen von Abbildungen erlaubt, aber glauben Sie mir, Worte sind schon eindringlich genug. Wir sprechen hier über Bondage, S&M, homoerotischen Sex, was Sie sich nur vorstellen können. Natürlich auch über Heterosex.«

»Wieviel kostet es, bei EROS mitzumachen?« fragt Baxter.

»Tausend Dollar Aufnahmegebühr …«

Mayeux pfeift lange und tief.

»… sowie fünfhundert Dollar monatliche Grundgebühr, die unterschiedlichsten Zahlungsvereinbarungen sind möglich. Frauen zahlen dreihundert Dollar im Monat. EROS hat achtzehnhundert lokale Zugriffsnummern, so daß niemand befürchten muß, Rechnungen für Ferngespräche zu bekommen.«

»Alle Frauen außer der Wheat waren in den Zwanzigern«, sagt Baxter. »Woher haben die so viel Geld?«

»Geerbt«, erwidere ich. »Bei EROS sind eine Menge reiche Mädchen. Und auch Vorzeigeehefrauen. Sie heiraten Geld – altes Geld –, täuschen des Nachts Orgasmen vor und loggen sich am Tag in EROS ein. Das ist sicherer als Ehebruch, vor allem im Zeitalter von AIDS.«

»Karin Wheat war Mitglied bei diesem EROS-Dings?« unterbricht mich Chief Tobin.

»Ja. Seit etwa drei Monaten.«

»Und die anderen Frauen? Alles Abonnentinnen?«

»Genau. Die meisten von ihnen schon seit über einem Jahr, bis sie plötzlich aus dem Netz fielen.«

»Was genau meinen Sie mit ›rausfallen‹?« fragt Lenz.

»Augenblick mal, Doktor«, sagt Chief Tobin und bekräftigt damit die Vormachtstellung, die er in seinem Präsidium hat. »Mr. Cole, wollen Sie mir sagen, daß all diese Mordopfer Mitglieder dieses superteuren Computerclubs waren, oder was auch immer das ist, und kein Cop in den Mordkommissionen von LA oder San Francisco oder Houston oder Portland oder einem der anderen Orte es fertiggebracht hat, diese Verbrechen mit Rechnungen oder Abbuchungen von Ihrer Firma in Zusammenhang zu bringen?«

»Das kann ich erklären.« Ich halte kurz inne, und mir wird klar, daß ich lieber Fragen stellen, als sie beantworten würde. »Ehrlich gesagt überrascht es mich mehr, daß die Morde nicht durch Indizien miteinander in Verbindung gebracht wurden, die Sie am Tatort gefunden haben. Nehmen Sie es mir nicht übel, aber das ist doch Ihre Aufgabe, oder?«

»Gott verdammt«, knurrt Mayeux’ Partner.

»Dafür gibt es genug Gründe«, wirft einer der FBI-Agenten ein.

»Bei jedem Fall eine andere Waffe«, sagt sein Vetter im blauen Anzug. »Die forensischen Erkenntnisse deuten auf mehrere Täter hin.«

»Mehrere Täter am selben Tatort«, fügt der erste Agent hinzu.

»Was selten ist«, sagt Baxter und funkelt die jüngeren Kollegen wütend an. »Höchst ungewöhnlich.«

»Wir haben noch nicht alle Berichte vorliegen, Chief«, sagt Mayeux, »aber das scheint bei fast jedem Fall stark variiert zu haben.«

»Genau wie die Signatur«, sagt Baxter.

»Der Mörder hat Mitteilungen zurückgelassen?« frage ich.

Baxter schüttelt den Kopf. »Mit der ›Signatur‹ ist das Verhalten des Straftäters am Tatort gemeint.« Er mustert mich genau, als überlege er, ob er fortfahren solle. »Jenes Verhalten, das über das hinausgeht, das unbedingt nötig ist, um das Verbrechen zu begehen. Ein charakteristisches Verhalten.«

»Ach so.«

»Es gibt bei diesen Fällen keine Signatur«, sagt Dr. Lenz herrisch. »Es ist nur eine Inszenierung. Aber die Trophäen in Kalifornien weichen kein Jota voneinander ab.«

»Trophäen?« echoe ich. »Was für Trophäen?«

»Warum sagen Sie uns das nicht?« fragt Mayeux’ Partner und richtet einen Zeigefinger auf meine Brust.

Es wird still im Raum, und in diesem Augenblick spüre ich das erste Kräuseln echter Furcht in meiner Brust. »Bin ich bei diesem Fall ein Verdächtiger?«

Mehrere Personen wechseln Blicke, niemand sieht mich direkt an.

»Muß ich einen Anwalt rufen?«

Schließlich bricht Baxter das Schweigen. »Mr. Cole, ich werde Ihnen reinen Wein einschenken. Ich bin nicht nur ein Special Agent. Ich bin der Leiter der Investigative Support Unit des FBI. Wir erstellen Täterprofile und helfen der örtlichen Polizei, gewalttätige Serientäter zur Strecke zu bringen, ob es nun Mörder, Vergewaltiger, Brandstifter, Bombenleger oder Kidnapper sind. Wenn Verbrechen dieser Art gemeldet werden, wird die Person, die sie gemeldet hat, immer als Verdächtiger angesehen. Serientäter melden ihre Verbrechen ziemlich oft selbst, um ihre Taten zu verschleiern oder sich daran zu delektieren, bei einer Ermittlung zu helfen, die sie selbst zum Ziel hat. In diesem Fall haben Sie all diese Verbrechen gemeldet. Als man mich gestern abend über diese Situation in Kenntnis setzte, hat die Einheit eine umfassende Überprüfung Ihres Hintergrunds eingeleitet, einschließlich all Ihrer Aktivitäten in den letzten beiden Jahren. Das klingt drastisch, ist aber das übliche Verfahren.«

Baxter schaut auf seine Uhr, die er auf Art des Militärs mit dem Zifferblatt nach innen trägt. »Dr. Lenz und ich haben in den letzten Stunden ein vorläufiges Profil des Täters bei diesen Mordfällen erstellt. Und ehrlich gesagt war das eine der schwierigsten Aufgaben, die wir jemals übernommen haben. Zu diesem Zeitpunkt werde ich Ihnen nicht sagen, wieso, doch Dr. Lenz ist der Ansicht, daß Sie in diesem Fall wahrscheinlich nicht der Mörder sind. Ich schließe mich dem an. Ich will damit nicht behaupten, daß Sie nicht auf irgendeine Art und Weise darin verwickelt sein könnten – es wäre unverantwortlich von mir, diese Möglichkeit auszuschließen –, aber ich bin bereit, vorerst von der Annahme auszugehen, daß Sie der sind, der Sie zu sein behaupten … ein guter Samariter, der sich an die Behörden wendet, um daran mitzuwirken, daß der Gerechtigkeit Genüge getan wird. Offensichtlich ist in diesem Augenblick auch das Leben anderer Frauen in Gefahr. Eine kooperative Atmosphäre wäre zu diesem Zeitpunkt das Beste für uns alle. Wenn Sie einen Anwalt hinzuziehen möchten, ist das Ihr gutes Recht, doch zu diesem Zeitpunkt beabsichtigt hier niemand« – Baxter wirft den Beamten der Polizei von New Orleans einen scharfen Blick zu –, »Sie irgendeines Verbrechens zu beschuldigen.«

Als er fertig ist, sagt niemand etwas. Alle außer Baxter und Lenz scheinen ihre Schuhe zu betrachten. Ich begehe vielleicht den schlimmsten Fehler meines Lebens, doch ich entschließe mich, Baxter zu vertrauen, zumindest so weit, daß ich keinen Anwalt anrufe.

»Was für Trophäen?« frage ich erneut.

»Ungewöhnliche«, sagt Baxter nachdenklich.

»Vielleicht ist er Präparator«, scherzt Mayeux’ Partner und blinzelt ihm zu.

»Notieren Sie das, Maria«, sagt Chief Tobin und sieht zu, wie die Brünette über ihren Notizblock herfällt.

»Präparatoren entnehmen keine Drüsen«, sagt Dr. Lenz verächtlich.

»Die Polizei von Houston hat uns mitgeteilt, daß er den ganzen gottverdammten Kopf mitgenommen hat«, faucht Mayeux, nicht bereit, den arroganten Tonfall des Psychiaters hinzunehmen. »Und das hat er auch hier gemacht.«

Ich suche nach einem Stuhl, auf den ich mich setzen kann, aber niemand bemerkt es. »Jemand hat Karin Wheat den Kopf abgeschnitten?« flüstere ich.

»Diese Information ist geheim«, sagt Baxter.

Mayeux schnaubt nur angesichts dieser Geheimniskrämerei.

»Das stimmt nicht ganz, Mr. Cole«, berichtigt Chief Tobin. »Jemand hat Miss Wheat den Kopf abgeschnitten, aber diese Information ist nicht geheim. Doch ich würde Ihnen dringendst raten, daß Sie diese Kenntnis für sich behalten.« Der Chief wirft mir einen eindeutigen Blick zu: Wenn Sie irgendwie in meine Ermittlungen reinpfuschen, bringe ich Sie ins Armengrab. »Also«, sagt er, und sein sanfter Baß füllt den Konferenzraum wie weiches Licht. »Was ist mit meiner Frage? Kreditkartenabrechnungen von EROS, eingelöste Schecks, Telefonrechnungen und so weiter. Warum wurden die Verbrechen nicht auf diese Weise miteinander in Verbindung gebracht?«

»Chief«, sagt Baxter, »trotz all unserer Bemühungen, die städtischen Police Departments mit unserer zentralen Verbrechensdatei vertraut zu machen, ist der Rücklauf noch ziemlich gering. Nicht annähernd genug Beamte nehmen sich die Zeit, die Formulare über ihre Gewalttäter auszufüllen und einzuschicken. Diese EROS-Connection ist genau das, was so durch die Maschen schlüpft. Es würde mich nicht überraschen, wenn Detectives der beteiligten Mordkommissionen entsprechende Belege bei den Beweisstücken liegen haben, ohne zu wissen, daß Kollegen in anderen Städten ähnliche Unterlagen besitzen.«

»Alles unsere Schuld, wie üblich«, murrt Mayeux’ Partner.

»Fünf dieser sechs Fälle wurden an die Zentraldatei gemeldet«, gibt Mayeux seinem Partner Rückendeckung. »Aber sie standen nicht miteinander in Zusammenhang. Es hat sich keine EROS-Verbindung aufgetan. Alle Opfer besaßen Computer, aber nichts auf ihren Festplatten hat auf EROS hingewiesen. Warum nicht?«

»Na ja«, sage ich, nachdem ich mich endlich wieder so weit im Griff habe, daß ich wieder an dem Gespräch teilnehmen kann. »Wenn der Mörder es nicht eilig hatte, konnte er die EROS-Software von den Computern der Opfer löschen und alle Handbücher mitnehmen, die sie hatten. Obwohl man schon ein richtiger Zauberer sein muß, um alle Spuren auf den Festplatten zu beseitigen. Vielleicht sollte einer Ihrer Leute das mal überprüfen.«

Baxter bedenkt mich mit einem schiefen Lächeln. »Bislang keine Spuren.«

»Karin Wheat hat EROS mit ihrer Visa-Karte bezahlt«, sagt Mayeux. »Das habe ich sofort überprüft, nachdem Sie mir gesagt haben, sie sei Mitglied.«

»Sie wird die einzige sein, die so vorgegangen ist«, erwidere ich.

»Woher wissen Sie das?« fragt Dr. Lenz, und der Blick seiner schwerlidrigen Augen bohrt sich in die meinen.

»Weil alle anderen Frauen – jedes der Opfer, meine ich – ihre Rechnungen über ein anonymes Konto beglichen haben.«

»Was ist das?« fragt der Chief. »Eine direkte Einzugserlaubnis?«

»Ja, aber nicht auf die Art, wie Sie es sich vorstellen. Viele EROS-Abonnenten – besonders Frauen – sind verheiratet, und ihre Männer sollen nichts davon mitbekommen, daß sie bei uns Mitglied sind. Einige loggen sich nur von ihren Arbeitsplätzen aus ein. Andere von zu Hause, aber nur, wenn ihre Männer nicht da sind. Miss Krislov unternimmt alle Anstrengungen, um zu gewährleisten, daß die Frauen, die sich EROS anschließen, nicht Gefahr laufen, stigmatisiert zu werden. Um das zu erleichtern, kam sie auf die Idee mit den anonymen Abbuchungen. Wenn eine Frau nicht will, daß ihr Mann erfährt, daß sie online ist – oder umgekehrt –, raten wir dem User, bei einer Bank, bei der der Ehepartner kein Kunde ist, ein Girokonto zu eröffnen, wenn möglich in einer anderen Stadt, und ein Postfach als Adresse anzugeben. Dann ziehen wir die monatliche Gebühr direkt von diesem geheimen Konto ein.«

»Verdammte Scheiße«, sagt Mayeux’ Partner.

»Und alle Ermordeten hatten so ein geheimes Konto?« fragt Mayeux.

»Außer Karin Wheat.«

»Aber drei von ihnen waren nicht verheiratet«, stellt Mayeux klar. »Vor wem haben sie es verborgen? Vor ihren Freunden?«

»Oder Freundinnen«, sagt Dr. Lenz.

»Was ist mit den Telefonrechnungen?« fragt Mayeux. »Müßten darauf nicht die einzelnen Verbindungen genau aufgeführt sein?«

»Vergessen Sie nicht, der Anruf ist für den Anrufer kostenfrei.«

»Scheiße. Nachdem sie umgebracht worden waren, waren ihre Geheimkonten irgendwann erschöpft?«

»Irgendwann – das ist genau der Punkt, wo ich Verdacht schöpfte. EROS ist nicht wie CompuServe oder America Online, wo man vielleicht das Interesse verliert, aber weiterhin die Neunfünfundneunzig pro Monat bezahlt, weil man irgendwann mal wieder damit anfangen will. Wir sprechen hier von drei- bis fünfhundert Dollar pro Monat. EROS-User mögen reich sein, aber wenn sie es leid sind, lösen sie die Konten auf, von denen abgebucht wird.«

»Und die Ermordeten haben das nicht getan«, sagt Mayeux.

»Genau. Und besonders zwei Frauen – das dritte und vierte Opfer – waren online sehr aktiv. Und dann, päng, waren sie eines Tages weg. Aber das Geld wurde weiterhin eingezogen. Das paßte nicht ins Muster. Ich will nicht sagen, daß so etwas noch nie zuvor passiert ist, keineswegs. Deshalb habe ich auch nicht sofort die Polizei angerufen. Doch je länger die Zahlungen eingingen, ohne daß die Frauen sich online zeigten, desto unbehaglicher wurde mir zumute. Ich sah mir das Buchhaltungsprogramm an, um herauszufinden, wie viele Abonnentinnen weiterhin regelmäßig anonym abbuchen ließen, sich aber nicht mehr ins System einloggten. Es waren etwa fünfzig, so viele, daß ich schon dachte, ich sei paranoid; und genug, daß die Firma zu dem Schluß kam, der Sache weiter keine Bedeutung beimessen zu müssen. Aber dann fiel mir ein, daß die Opfer drei und vier häufig mit diesem Strobekker gesprochen hatten. Also hielt ich ihn im Auge. Dann druckte ich seine Gespräche aus. Und ich erkundigte mich in der privaten E-mail nach ihm. So kam ich an die Namen des ersten und zweiten Opfers. Und während ich Erkundigungen über ihn einzog, brachte er die Opfer fünf und sechs um. Während dieser Zeit hat er auch mit mindestens zwanzig anderen Frauen gesprochen.«

»Versucht die Firma nicht, Kontakt mit Kunden aufzunehmen, wenn ihr Konto nicht mehr gedeckt ist?« fragt Mayeux. »Für den Fall, daß es sich nur um ein Versehen handelt?«

»Nein. Beide Partner haben vereinbart, daß die Firma davon ausgeht, der Kunde verlange ihre Dienste nicht mehr, wenn ein anonymes Konto auch nur ein einziges Mal nicht gedeckt ist, und der Zugriff wird dann sofort beendet.«

»Das kapier’ ich nicht«, sagt Mayeux’ Partner. »Keine Firma würde doch auf so viel Schotter verzichten, ohne sich zu vergewissern, daß der Kunde wirklich aussteigen will.«

Wie kann ich es ihnen erklären? »Jan Krislov ist die Alleinbesitzerin von EROS. Und ob Sie es glauben oder nicht, es geht ihr dabei nicht ums Geld.«

»O ja, ich glaub’s«, murmelt Baxter.

»Warum verlangt sie dann so verdammt viel für den Service?« fragt Mayeux’ Partner hartnäckig.

Ein schwaches Lächeln legt sich auf Arthur Lenz’ Patriziergesicht. Das allein bewirkt, daß sich alle Blicke auf ihn richten. »Die hohe Gebühr fungiert als erstes grobes Auswahlraster«, sagt er leise. »Nicht wahr, Mr. Cole?«

»Was für ein Auswahlraster?« fragt Mayeux’ Partner.

Lenz antwortet für mich. »Indem Miss Krislov eine exorbitante Gebühr verlangt, sorgt sie dafür, daß ihre Online-Umgebung nur jenen zugänglich ist, die im Leben eine gewisse gesellschaftliche Stellung erreicht haben.«

»Ein fehlerhaftes System«, sagt Mayeux. »Es setzt voraus, daß reiche Leute keine Arschlöcher sind.«

»Ich habe ja gesagt, daß es ziemlich grob ist«, gesteht Lenz zu. »Aber ich kann mir vorstellen, daß es recht gut funktioniert.«

»Es funktioniert perfekt«, sage ich, unfähig, meine Bewunderung zu verbergen. »Weil es für die Mitglieder noch andere Einschränkungen gibt.«

In Lenz’ Augen flackert Neugier auf. »Zum Beispiel?«

»EROS steht jeder Frau offen, die die Gebühr bezahlen kann, aber jeder Mann, der beitreten will, muß eine Textprobe zur Einschätzung vorlegen.«

»Wer begutachtet die Probe?«

»Jan Krislov.«

»Nach welchen Kriterien?«

Ich kann der Versuchung nicht widerstehen und zeige auf Mayeux’ Partner. »Er würde sich nicht qualifizieren.«

Mayeux legt einen Arm über die Brust seines Partners. »Wie viele Leute gehören dieser Sache an?« fragt er.

»Fünftausend. Die eine Hälfte Männer, die andere Frauen. Das numerische Verhältnis wird strikt beibehalten.«

»Schwule erlaubt?« fragt Lenz.

»Sogar gern gesehen. Und in diesem Verhältnis enthalten.«

Mayeux schüttelt den Kopf. »Sie wollen uns sagen, daß diese Krislov persönlich zweieinhalbtausend Textproben von Männern begutachtet hat, die über Sex schreiben?«

»Zweieinhalbtausend Proben persönlich gebilligt. Begutachtet hat sie wesentlich mehr. Wir haben zur Zeit eine Warteliste von zweitausendachthundert Männern.«

»Dann sitzt Jan Krislov bis spät in die Nacht am Schreibtisch und liest ihre privaten Penthouse-Leserbriefe«, sagt Baxter mit hämischer Stimme. »Ich kenne ein paar Senatoren, für die das ein gefundenes Fressen wäre.«

»Ist wahrscheinlich besser, als sich Jay Leno anzusehen«, läßt der örtliche FBI-Agent sich vernehmen. »Für eine Frau, meine ich«, fügt er schnell hinzu.

Dr. Lenz beugt sich auf seinem Stuhl vor. »Ich bezweifle, daß diese Textproben so ordinär sind, wie Sie annehmen. Nicht wahr, Mr. Cole?«

»Nein. Wir haben ein paar sehr begabte Leute bei EROS.«

Mayeux’ Partner schnaubt.

»Zum Beispiel Karin Wheat«, sagt Lenz.

»Noch etwas«, füge ich hinzu, »nicht alle Männer bei EROS sind wohlhabend. »Einige haben Textproben abgeliefert, die Miss Krislov so beeindruckt haben, daß sie ihnen kostenlosen Zugriff verschafft hat. Eine Art Stipendium-Programm. Sie meint, das verbessert die allgemeinen Erfahrungen der Frauen.«

Die Sekretärin nickt. Ich deute die Geste als: Weiter so, Mädchen.

»Ich wäre sehr daran interessiert, einige dieser Online-Gespräche kennenzulernen«, sagt Lenz. »Haben Sie zufällig welche dabei?«

»Ja.«

»Ist Ihnen irgend etwas aufgefallen«, fügt Baxter hinzu, »das diese Frauen gemeinsam hatten?«

Ich halte einen Augenblick lang inne. »Die meisten von ihnen haben viel Zeit auf Ebene zwei verbracht – meiner Ebene. Ihre Phantasien waren ziemlich konventionell, womit ich meine, daß es eher um Romantik als um Sex ging. Sie konnten schon mal recht ungewöhnlich sein, aber es waren keine abartigen Sachen dabei, keine Folter oder abstoßende Körpersubstanzen. Aber, um die Wahrheit zu sagen, weiß ich überhaupt nichts darüber, wie die Frauen im wirklichen Leben waren. Nur in ihren Phantasien …«

»Ihre Phantasien könnten das Wichtigste an ihnen sein«, sagt Lenz. »Eventuell«, stimme ich zu, »aber den Eindruck habe ich nicht. Ich weiß nicht genau, warum. Was hatten sie im wirklichen Leben gemeinsam?«

»Das geht Sie verdammt noch mal nichts an«, schnappt Mayeux’ Partner.

»Ich verstehe. Na ja, ich sehe das wohl auch so.«

Dr. Lenz beugt sich zu Baxter vor. »Alle Opfer außer Karin Wheat, die siebenundvierzig war, waren noch keine sechsundzwanzig Jahre alt«, sagt er. »Alle hatten eine Collegeausbildung, alle außer einer waren weiß, und die war Inderin.«

»Indianerin, meinen Sie?« fragt Chief Tobin.

»Eine Inderin«, sagt Mayeux’ Partner und schlägt eine Akte auf den Tisch. »Mit so einem Punkt auf der verdammten Stirn.«

»Ich erinnere mich an keinen indischen Namen«, sage ich fast zu mir selbst.

»Pinky Millstein«, sagt Baxter. »Mädchenname Jathar. Verheiratet mit einem Strafverteidiger, der ziemlich oft auf Reisen war. Man hat auch an einem der anderen Tatorte ein Haar eines Inders oder einer Inderin gefunden. Sagt Ihnen das irgend etwas?«

»Na ja … einer von Strobekkers Decknamen ist Shiva. Das ist doch indisch, oder?«

»Ja, allerdings«, sagt Dr. Lenz leise. »Shiva der Zerstörer. Wie lauten seine anderen Pseudonyme?«

»Prometheus. Hermes.«

Der Psychiater zeigt keinerlei Regung. »Was ist mit den Opfern? Fällt Ihnen irgend etwas ein, das ihre Online-Namen miteinander verbindet?«

»Nicht, daß ich wüßte.«

»Ist Ihnen sonst noch etwas aufgefallen?«

»Strobekker selbst. Ganz gleich, was für ein Pseudonym er benutzt, sein Stil ist unverkennbar.«

»Inwiefern?«

»Er ist zum einen sehr gebildet; und auch sehr gefühlsbetont. In einem Augenblick schreibt er aus dem Stegreif Gedichte, im nächsten verblüfft er mit ein paar äußerst scharfen Einsichten in die Psyche einer Frau, fast so, als könne er jede Frage beantworten, die sie im Sinn hat, bevor sie sie stellt. Aber am seltsamsten ist: Er muß so gut maschineschreiben können wie kaum ein anderer auf der Welt. Er ist blitzschnell, und ihm unterläuft nie ein Fehler.«

»Nie?« fragt Lenz und beugt sich vor.

»Nicht während der ersten fünfundachtzig Prozent des Kontakts.«

»Was meinen Sie damit?«

»Beim sechsten Opfer, und bei Karin Wheat, bemerkte ich ein paar Tage, bevor die Frauen offline gingen, daß Strobekker anfing, Tippfehler zu machen – wie jeder andere es auch tut. Als ich mir die Sache noch mal ansah und die Ausdrucke der Gespräche zwischen dem Mörder und den Opfern ansah, stellte ich fest, daß er bei jeder Beziehung so um die Fünfundachtzig-Prozent-Marke herum anfing, Tippfehler zu produzieren. Natürlich wußte ich da noch nicht, daß jemand umgebracht worden war.«

»Sie hören sich an, als hätten Sie diese Sache bis zur Wissenschaft destilliert«, sagt Baxter.

»Ich arbeite mit Zahlen.«

»Indem Sie dieses Sex-Ding betreiben?« fragt Mayeux.

Ich kichere verbittert. »Nein, EROS habe ich nur zum Spaß gemacht. Können Sie sich das vorstellen? Ich verdiene meinen Lebensunterhalt mit Warentermingeschäften.«

Meine Zuhörer starren mich an, als hätte ich erklärt, ich sei Alchimist.

»Auf einem schmucken Bauernhof im Mississippi-Delta?« fragt einer der jungen FBI-Agenten. »Wer sind Ihre Klienten? Farmer, die ihre Ernten verschachern?«

»Ich habe nur einen Klienten.«

»Wen?« fragt Mayeux argwöhnisch.

»Sich selbst«, sagt Arthur Lenz.

Offensichtlich ist Dr. Lenz hier der Alchimist. »Das stimmt. Ich handle nur auf eigene Rechnung.«

»Sind Sie Millionär oder so?« fragt Mayeux’ Partner. »Ein gottverdammter Gentleman-Farmer oder so was?«

»Hüten Sie Ihre Zunge, Poché«, schnappt der Chief.

»Ich komme zurecht.«

»Was ist mit den letzten fünfzehn Prozent des Kontakts?« fragt Lenz, den das Gezänk eindeutig irritiert.

»Er macht Fehler. Etwa genau so viele wie jeder andere. Und er tippt langsamer. Viel langsamer.«

»Vielleicht wichst er mit einer Hand, während der Zeitpunkt des Mordes näher rückt«, schlägt Poché vor.

Der Chief runzelt die Stirn, läßt es aber dabei bewenden.

Dr. Lenz nimmt eine Pose intensiver Nachdenklichkeit ein, als hinter mir abrupft die Tür geöffnet wird. Ich drehe mich um und sehe eine Schwarze in den Zwanzigern, die einen Computerausdruck in der Hand hält. Mit blauer Tinte war eine handschriftliche Anmerkung daraufgekritzelt worden.

»Was gibt es, Kiesha?« fragt der Chief.

»Wir haben einen David M. Strobekker gefunden.«

Im Konferenzraum wird allgemein der Atem angehalten. »Vorstrafen?« fragt Mayeux zögernd.

»Nein.«

»Eintragungen beim Straßenverkehrsamt von Minnesota?«

»Keine. Er hatte ein Auto – einen Mercedes –, aber die Zulassung ist letztes Jahr erloschen.«

»Und was ist das für ein Bursche?«

»Bilanzbuchhalter einer bekannten Firma in Minneapolis, Minnesota.«

Ich bemerke, daß Kiesha versucht, Chief Tobin allein durch Blickkontakt etwas mitzuteilen. Trotz ihrer telepathischen Dringlichkeit gelingt es ihr nicht.

»Was ist denn, Liebes?« fragt Arthur Lenz, als würde er die Frau von Kind an kennen.«

»Er ist tot«, sagt sie, fast wie gegen ihren Willen. »David M. Strobekker wurde vor elf Monaten in einer Gasse in Minneapolis totgeschlagen.«

Ein heißes Kribbeln rast über meine Unterarme.

»Verdammte Scheiße«, sagt Mayeux. »Womit haben wir es denn hier zu tun?«

Daniel Baxter richtet einen Finger auf Kiesha, der so dick wie der Lauf eines Colt Python ist. »Details?«

»Die Mordkommission von Minneapolis meint, es sieht aus wie ein Straßenraub, der schiefgegangen ist. Strobekker war alleinstehend, wahrscheinlich homosexuell. Er trieb sich auf einem üblen Abschnitt der Hennepin Avenue herum. Sein Schädel war dermaßen zu Brei geschlagen, daß sein Boß sein Gesicht nicht mehr erkannte.«

Dr. Lenz gibt ein leises Geräusch von sich, das ich nur als eines des Vergnügens deuten kann.

»Positive Identifizierung?« fragt Mayeux.

»Zahnarztunterlagen und ein Daumenabdruck«, erwidert Kiesha. »Seine Firma besteht darauf, daß sich in jeder einzelnen Personalakte ein Daumenabdruck befindet; fragen Sie mich nicht, warum. Aber es war ganz sicher Strobekker.«

»Nicht ganz sicher«, sage ich, selbst überrascht, meine Stimme zu hören.

»Warum nicht?« fragt Mayeux scharf.

»Na ja … sagen wir, Strobekker ist der Mörder. Sagen wir, er entscheidet sich, seinen eigenen Tod vorzutäuschen, damit er bei späteren Verbrechen nicht verdächtigt wird. Er nimmt einem Penner einen Daumenabdruck ab, schmuggelt den in seine Personalakte, bringt den Penner dann um und schlägt sein Gesicht zu Brei.«

»Was ist mit den zahnärztlichen Unterlagen?« fragt Baxter.

Ich zucke mit den Achseln. »Ich habe nur laut gedacht.«

»Sie sehen sich zu viele Filme an.«

»Ich muß die Leiche sofort sehen«, sagt Lenz zu Baxter, hat den Blick aber noch immer auf mich gerichtet.

»Jeff, rufen Sie die Zweigstelle in Minneapolis an«, befiehlt Baxter. »Wir brauchen einen Richter, der uns so schnell wie möglich eine Exhumierungsanordnung verschafft. Dann rufen Sie auf dem Flughafen an und buchen die erste Maschine nach da oben.«

»Wonach suchen Sie?« frage ich.

»Unter anderem nach einer Zirbeldrüse«, sagt Lenz und beobachtet mich ganz genau. »Schon mal davon gehört?«

Ich schüttle den Kopf, während ich mir den Begriff einpräge. Meine anatomischen Kenntnisse sind beschränkt, doch die meiner Frau sind enzyklopädisch.

»Die beiden Frauen, die in Kalifornien gestorben sind, wurden miteinander in Verbindung gebracht, weil ein Pathologe aus San Francisco bei einer Tagung zufällig mit einem Kollegen über einen ungelösten Mordfall sprach. Eine Frau war erdrosselt worden; dann hat man ihr beide Augen entfernt und Holzpfähle durch die Höhlen getrieben. Als der Pathologe das Gehirn sezierte, stellte er fest, daß die Spitzen beider Pfähle in den dritten Gehirnventrikel eingedrungen waren – ein wenig zu perfekt für seinen Geschmack. Noch seltsamer war, wie er dann herausfand, daß ein Teil der Zirbeldrüse fehlte, was durch den Pfahleinsatz nicht zu erklären war. Der Kollege, der das hörte – ein Pathologe aus Los Angeles – hatte einen nicht aufgeklärten Mordfall, der in fast jeder Hinsicht völlig anders gelagert war. Eine Frau war mit einem Splitthammer totgeschlagen worden, wahrscheinlich von jemandem, den sie kannte. Ihr Gehirn hatte schreckliche Verletzungen davongetragen. Aber das erklärte nicht, warum ein Großteil ihrer Zirbeldrüse verschwunden war. Dieses zufällige Gespräch hat die beiden Verbrechen schließlich miteinander in Verbindung gebracht. Dann aber geriet die Polizei prompt auf die falsche Spur und kam zu dem Schluß, sie hätten es mit Ritualmorden zu tun.«

Der Tonfall, mit dem Lenz das Wort »Polizei« ausspricht, verschafft ihm in diesem Raum nur wenige Freunde. Er richtet seinen Zeigefinger auf mich.

»Sie haben diese beiden Opfer durch EROS in Verbindung mit vier anderen gebracht. Alle vier dieser Frauen sind an schweren Kopfverletzungen gestorben oder haben postmortale Kopftraumata erlitten: ein Pistolenschuß, einer mit der Schrotflinte, ein tödlicher Sturz. Eine wurde enthauptet, wie auch Karin Wheat. Wir exhumieren die ersten drei und nehmen noch einmal Autopsien der Köpfe vor. Ich habe den starken Verdacht, daß wir, falls der Zustand der Gehirne es zuläßt, feststellen werden, daß diesen Frauen die ganze oder ein Teil der Zirbeldrüse fehlt.«

Der Psychiater starrt mich an, als erwarte er von mir, daß ich seine Wissenslücken ausfülle.

»Verdammt, was für einen Zweck hat die Zirbeldrüse?« frage ich.

Während Lenz und Baxter mich stumm mustern, verrät mein Überlebensinstinkt mir, daß ich jetzt endgültig feststellen muß, ob die Gittertür des Käfigs schon zugeschlagen wurde. Ich richte meine Worte an Chief Tobin. »Hören Sie«, sage ich, »ich glaube, Sie sprechen jetzt über Dinge, bei denen ich nicht mitreden kann. Kann ich jetzt nach Hause gehen?«

»Noch nicht«, sagt Tobin. »Geben die Leute bei diesem Sex-Netzwerk auch ihre richtigen Namen an?«

Ich versuche, das Gefühl zu unterdrücken, daß ich die Nacht in einem Hotel in New Orleans verbringen werde, wenn nicht sogar im Gefängnis. »Fast nie. Die Kodenamen geben ihnen die Freiheit, zu sagen und zu sein, was immer sie möchten. Sie tauschen vielleicht ihre Telefonnummern aus, um ein f2f zu vereinbaren, aber …«

»Was ist ein f2f?« fragt der Chief.

»Die Abkürzung für ›face to face‹, ein persönliches Treffen.«

»Ach so. Dann haben die Opfer ihm die Nummern gegeben?«

»Nicht bei Gesprächen, die ich ausgedruckt habe.«

»Und was glauben Sie, wie er ihre Namen herausbekommen hat?«

»Ich glaube, er hat sich irgendwie Zugriff auf unser Buchhaltungssystem verschafft. Im Verwaltungscomputer der Firma gibt es eine Hauptliste der Kunden mit Kontonummern, Adressen, einfach allem. Da habe ich mir Strobekkers Namen besorgt.«

»Wer hat Zugriff auf diese Liste?« fragt Baxter.

»Ich, Miles Turner, Jan Krislov. Vielleicht ein paar Techniker. Mehr nicht. Der Computer erstellt die Rechnungen automatisch. Es ist ein ziemlich hochentwickeltes System.«

»Wer ist Miles Turner?« fragt Lenz.

»Der Haupt-Sysop. Wir sind zusammen in Mississippi aufgewachsen, aber er lebt jetzt in New York. Er hat mir diesen Job aufgeschwatzt.«

»Also glauben Sie, der Killer hat sich in die Buchhaltungsdateien gehackt?« fragt Baxter.

»Keine Ahnung. Miles meint, das sei unmöglich, die Liste sei besser geschützt als die Abschußkodes von Atomraketen, aber so wie ich das sehe, ist das die einzige Möglichkeit, wie der Mörder an die Namen herangekommen sein kann. Er muß diese Kundenhauptliste mindestens einmal gesehen haben. Vielleicht hat er sie ausgedruckt.«

»Das ist nicht die einzige Möglichkeit«, wirft Mayeux’ Partner ein. »Sie oder dieser Miles hätten die Liste jemandem geben können. Oder auch verkaufen

Ich bin drauf und dran diesem Typ zu sagen, er könne mich langsam mal am Arsch lecken, als Baxter fragt: »Wer trifft die Sicherheitsvorkehrungen für EROS?«

»Miles«, erwidere ich, beobachte dabei aber noch immer Mayeux’ stirnrunzelnden Partner.

»Dieser Miles Turner versteht viel von Computern?« fragt Baxter.

»›Viel‹ kommt der Sache nicht mal annähernd nah.«

»Hat er einen akademischen Grad?«

»Vom MIT

»Die verstehen was davon«, sagt einer der jüngeren FBI-Agenten.

»Ein akademischer Abschluß?«

»Mehrere Abschlüsse. Ich kenne die genauen Bezeichnungen nicht, aber er hat sich auf angewandte Physik spezialisiert.«

»Wie konnte Strobekker seine Sicherheitsvorkehrungen umgehen«, fragt Mayeux’ Partner, »wenn er so verdammt klug ist?«

Es ist offensichtlich, daß die anderen diese kleine Ratte ebenso verabscheuen wie ich, aber die Frage ist gut. »Das weiß ich nicht. Er kann es jedenfalls nicht glauben, daß es irgendwem gelungen sein soll.«

»Wie viele Techniker arbeiten für die Firma?« fragt Baxter.

»Vier oder fünf. Ich weiß nicht genau, ob sie Zugriff auf die Hauptliste haben, aber wenn sie sie sich unbedingt ansehen wollen, finden sie wohl schon eine Möglichkeit. Sie sind gut. Miles hat jeden sorgfältig ausgewählt.«

Die beiden jüngeren FBI-Agenten murmeln sich etwas zu. Von den Lippen des einen mit den Hundeaugen kann ich ablesen: »… das Telefon des Mistkerls anzapfen und ihn festnageln … das können die Deppen vom NSA übernehmen … nächstes Einloggen … keine Zeit …« Dann bringt Baxter sie mit einem Blick zum Schweigen.

»Wenn Sie nichts dagegen haben, Mr. Cole«, sagt er sanft, »könnten Sie uns vielleicht einen Grundriß der EROS-Büros zeichnen, bevor Sie gehen.«

Das erschreckt mich. »Das kann ich nicht.«

»Warum nicht?«

»Ich war nie dort.«

»Nie?«

»Sie legen geradezu zwanghaften Wert auf Vertraulichkeit, was ihr Büro betrifft. Wofür brauchen Sie diese Pläne überhaupt?«

Niemand antwortet.

»Sie wollen doch nicht so eine Waco-Operation durchführen, oder? Das können Sie damit nicht vergleichen. Es gibt Gründe für diese Geheimnistuerei. Wir haben sehr berühmte Kunden.«

»Immer mit der Ruhe«, sagt Baxter. »Wir sind nicht das ATF.«

»Sie sprechen nur in Initialen, Mr. Baxter.«

»Wir können Sie an Ort und Stelle verhaften und am Arsch ins Gefängnis schleifen!« brüllt Mayeux’ Partner, der nun doch die Beherrschung verliert. »Ich weiß nicht, warum wir das nicht schon längst getan haben, verdammt noch mal!«

»Nur zu!« brülle ich zurück, als meine Wut überkocht. »Sie wollen mich verhaften, weil ich diese Mordfälle für Sie miteinander in Verbindung gebracht habe? Die Presse wird sich sehr für so eine Story interessieren. Meine Frau kennt aus der Schule noch einen Nachrichtensprecher eines der Sender hier. Vielleicht sollte ich sie mal anrufen.«

»Vielleicht sollten sich alle einfach nur beruhigen«, dröhnt Chief Tobin. Nachdem die Polizei wegen Korruptionsvorfällen von allen Seiten unter Beschuß geraten war, braucht er weitere Presseberichte so dringend wie einen Kropf.

»Dann kann ich jetzt nach Hause fahren?« frage ich erneut.

Der Chief mustert Baxter, der seinerseits Lenz ansieht. Lenz nickt schließlich zurückhaltend. Baxter greift in eine Innentasche seiner Jacke und gibt mir eine Karte. »Das ist die Nummer unseres Hauptquartiers in Quantico, Virginia. Ich möchte, daß Sie sich in den nächsten paar Tagen einmal täglich dort melden. Offensichtlich werden wir noch einmal mit Ihnen sprechen müssen. Vielleicht sogar ziemlich ausführlich.«

Mayeux’ Partner schaut drein, als hätte er gerade mit seinem Kaffee einen Zigarettenstummel verschluckt, doch Chief Tobins scharfer Blick macht ihn mundtot.

»Ich würde mir im Flugzeug gern Ihre EROS-Ausdrucke ansehen«, sagt Lenz. »Können Sie sie mir geben?«

Ich öffne die Aktentasche, hole den dicken Papierstapel heraus und lege ihn auf den Tisch. »Sie gehören Ihnen. Aber ich rechne mit Ihrem Beistand, wenn Jan Krislov mir mit beiden Füßen und einem Dutzend Anwälten auf die Brust springt.«

»Überlassen Sie die Krislov uns«, sagt Baxter.

Ich vergleiche Daniel Baxter mit dem Bild, das ich mir im Geiste von der kaltblütigen Geschäftsführerin von EROS mache, unterdrücke eine Erwiderung und gehe zur Tür. Ich habe schon einen Fuß über die Schwelle gesetzt, als Lenz »Mr. Cole?« sagt.

Ich drehe mich um und erwarte irgendeinen Columbo-Trick, genau in dem Augenblick, in dem ich die Freiheit schon riechen kann. Lenz lächelt seltsam. »Was für ein Instrument spielen Sie?«

Die Frage wirft mich aus dem Gleichgewicht. Ist das irgend so eine beschissene Barbara-Walters-Frage? Was für ein Baum ich gern wäre? Aber natürlich ist es das nicht. Ich spiele ein Instrument, und irgendwie weiß Lenz das. »Gitarre«, antworte ich verdutzt.

Der Psychiater nickt, und in seinen Augen liegt ein Anflug von Enttäuschung. »Singen Sie auch?«

»Einige Leute glauben das. Aber ich hab’s nie getan.«

Der Rest der Gruppe schaut von mir zu Lenz und wieder zurück und versucht, diese seltsame Koda unseres Gesprächs zu verstehen. Meine Verwirrung hält mich an Ort und Stelle, bis der Psychiater sagt: »Schwielen, Mr. Cole. Sie haben stark ausgeprägte Schwielen an den Fingerspitzen Ihrer linken Hand.«

Die Hand schließt sich unfreiwillig. Ich werfe einen Blick auf Lenz, präge mir sein Gesicht ein, drehe mich dann um und trete auf den Gang.

Als ich das Revier verlasse, komme ich an einem Pulk von Männern mittleren Alters in schweißfleckigen Anzügen vorbei. Sie warten offensichtlich auf etwas. Ihre wütenden Stimmen verraten mir, daß sie keineswegs aus den Südstaaten kommen, und bevor ich außer Hörweite bin, wird mir klar, daß sie auf mich warten.

Ich beschleunige meine Schritte.

Als ich draußen bin, denke ich über Dr. Lenz’ kleine Vorstellung nach. Er ist ein aufmerksamer Mann. Aber ist er auch clever? Ein kluger Mann hätte einfach nur festgestellt, daß ich Schwielen an den Fingern habe, und sich verabschiedet; außer er war der Ansicht, er müsse unbedingt schnell herausfinden, was für ein Instrument ich spiele. Doch selbst dann hätte ein kluger Mann geschwiegen, nachdem ich seine Frage beantwortet hatte, und mich über seine deduktiven Fähigkeiten staunen lassen. Und doch hat Arthur Lenz nicht der Versuchung widerstehen können, seinem staunenden Publikum von Lestrades den Sherlock Holmes zu geben. Warum?

Der Arzt wollte sich zur Geltung bringen. Ich weiß nicht, warum, aber das ist irgendwie wichtig. Ich werde das Gefühl nicht los, daß dieses unaufdringliche Gespräch ein sorgsam inszeniertes Verhör war, das allerdings nicht so aussehen, auf keinen Fall diesen Anschein erwecken sollte. Baxter und Lenz spielen die guten Bullen, die Cops aus New Orleans die bösen. Vielleicht ist es auch noch komplizierter. Aber warum haben sie mich nicht verhaftet und durch die Mangel gedreht, wenn sie mich wirklich verdächtigen? Oder mich den Wölfen aus den anderen Bundesstaaten zum Fraß vorgeworfen, die auf mich warteten?

Eines ist sicher: Das FBI hat das Gespräch kontrolliert. Ich bin frei, weil sie es so wollten. Warum wollen sie das? Könnte das FBI – wie Chief Tobin – Angst vor den Medien haben? Wäre möglich. Nach sieben Morden – acht, wenn man Strobekker mitzählt – hat die Eliteeinheit Serienkiller es fertig gebracht, kein einziges der Verbrechen mit einem der anderen in Verbindung zu bringen. Wenn diese kostbare Einheit jetzt fälschlicherweise den braven Bürger beschuldigt, der die Morde für sie miteinander in Zusammenhang gebracht hat, würde sie in solchen Sendungen wie Nightline, ganz zu schweigen von Hard Copy, die sich bereits an den Fall herangemacht hat, zur Zielscheibe des Spotts werden.

Mich treibt nur die Intuition zum Weitergehen, doch diese lautlose Stimme in meinem Kopf hat mich nur selten im Stich gelassen. Während ich den unvermeidlichen Strafzettel von der Windschutzscheibe meines Explorers ziehe und das zusammengeknüllte Bällchen in den Rinnstein werfe, sagt diese Stimme eines laut und deutlich: Du hast heute mehr Probleme, als du gestern hattest.

6

Als ich den Schlüssel in der Haustür meines Bauernhauses umdrehe, klingelt eines meiner Bürotelefone. Da ich denke, es sei Drewe, laufe ich zum Apparat.

»Hallo, Verräter.«

Es ist nicht Drewe. Die Stimme im Hörer ist gleichzeitig fremd und vertraut. Sie gehört Miles Turner.

»Du hast die Sache wirklich tüchtig durchgeschüttelt, was?« sagt er. »Was hast du gehört?« frage ich, schockiert über die saunaähnliche Hitze, die sich im Lauf des Tages im Haus angesammelt hat.

»Jan ist sehr böse auf dich.«

»Das hab’ ich mir gedacht. Hat das FBI sie angerufen?«

Ich höre ein schwaches tz … »Ob sie sie angerufen haben? Nein, Harper. Das wäre für das Federal Bureau der Inkompetenz doch viel zu einfach. Sie standen mit einem Durchsuchungsbefehl vor unseren Bürotüren.«

»Was? Bei EROS? Wann?«

»Vor zwei Stunden. Special Agents aus der New Yorker Niederlassung.«

»Was haben sie zu sehen bekommen?«

»Nicht viel. In dem Augenblick, in dem die Rezeption sie anrief und sagte, das FBI sei im Haus, hat Jan die Kundenhauptliste im Aktenraum eingeschlossen. Sie hat sich geweigert, ihnen einen Schlüssel zu geben, und das Ding ist der reinste Tresor. Eigentlich ist es ein Tresorraum. Es erinnert mich an den Luftschutzraum deines Großvaters – Eisenhower-Chic. Es hat ein Zeitschloß: zweiundsiebzig Stunden, bis man das Ungetüm öffnen kann. Das FBI hätte es vielleicht aufsprengen oder aufschweißen können, aber sie haben es nicht versucht. Sie haben einfach zwei Leute davorgestellt. Sie haben nicht mal unsere Server beschlagnahmt. Jan meint, die Razzia sei eine reine Einschüchterung.«

»Das glaube ich nicht, Miles. Alle sechs Frauen, von denen ich dir erzählt habe, wurden in diesem Jahr umgebracht. Karin Wheat ist die siebente. Und David Strobekker, der Mann, den ich für den Mörder hielt, der achte.«

»Das hat das FBI auch gesagt.«

»Jetzt hör schon auf, Mann. Wach auf und riech den verdammten Braten! Ich hab’ gehört, wie ein Typ was von Telefonüberwachung geflüstert hat, und man solle die NSA hinzuziehen … so ein George Orwell-Zeug.«

»Was das angeht, so wird Jan dem FBI erlauben, eine Abhöranlage hier im Büro zu installieren.«

Ich bin von den Socken. »Aber du hast doch gerade gesagt, sie hätte die Kundenliste vor ihnen versteckt.«

»Hat sie auch. Aber Jan ist nicht blöd. Sie weiß, daß sie auf einem ganz schmalen Grat der Legalität wandelt. Es besteht das Problem, ob sie zu einer Warnung verpflichtet sein könnte, die Abonnenten zu warnen, meine ich. Sie ist der Meinung, wenn sie mit dem FBI kooperiert, um Strobekker – oder wen auch immer – aufzuspüren, beweist sie, daß sie dem FBI nicht nur um des Behinderns selbst willen im Wege steht.«

»Wenigstens ist zumindest irgendeiner da oben zu einem vernünftigen Gedanken fähig. Was glaubst du, wie lange wird es dauern, Strobekker aufzuspüren, sollte er sich noch mal einloggen?«

»Wenn er dumm genug ist, haben sie ihn sofort. Ich persönlich bin allerdings der Ansicht, daß sie nicht die geringste Chance haben.«

»Verdammt noch mal, das hört sich ja fast an, als wärest du froh darüber!«

Miles lachte leise. »Ich hab’ dich seit ’ner ganzen Weile nicht mehr so aufgeregt gehört. Hat dir Karins Tod so sehr zu schaffen gemacht?«

Ich schlucke. »Du kanntest sie?«

»Natürlich. Wir haben ziemlich viele Messages ausgetauscht, wenn nicht viel los war. Karin war eine der Säulen der dritten Ebene. Eine überaus interessante Frau.«

Meine Gedanken rasen. »Das … das weiß ich. Aber …«

»Aber du hast bei Gesprächen mit ihr nie eins meiner Pseudonyme gesehen, was? Das denkst du doch gerade.«

»Ja.«

»Ich habe viele Namen, Harper. Nicht mal du kennst alle.« Er hält kurz inne. »Du sagst den Frauen doch auch nicht immer, daß du ein Sysop bist, oder? Daß du weißt, wer sie wirklich sind? Das würde doch den Spaß verderben, oder? Erstaunlich, wie sehr sie sich öffnen, wenn sie glauben, sich hinter der Anonymität eines Kodenamens zu verbergen, was? Besonders die Schauspielerinnen. Es gibt nichts Besseres, als es online mit einer Drei-Millionen-Dollar-Schauspielerin zu treiben, die glaubt, du würdest glauben, sie sei eine ganz andere, was? Dann kannst du auf ihr spielen wie auf deiner Gitarre, oder?«

Ich sage nichts.

»Und wie nimmt Dr. Drewe Welby das alles auf? Hat sie dich endlich kleingekriegt und dich zum FBI geschickt?«

»Ich bin nicht zum FBI gegangen«, fauche ich. »Ich hab’ die Polizei von New Orleans angerufen. Das FBI war an dem Fall schon dran. Verdammt, Miles, es geht hier um Mord.«

»Na und?«

»Na und?«

»EROS ist wie ein organisches System, Harper. Es entwickelt sich ständig. Starke Emotionen fließen jeden Tag hindurch. Sexuelle Emotionen. Wir sind daran gewöhnt, einen gewaltigen Input zu überwachen, oder Durchsatz, wenn du so willst. Aber ein Output war stets als Möglichkeit angelegt. Und Sex hing schon immer sehr eng mit dem Tod zusammen. Ich verstehe einfach nicht, wieso sich jetzt alle so überrascht zeigen.«

»Miles, laß jetzt mal dein beschissenes Philosophieren. Begreifst du nicht, daß die höchste Verpflichtung von EROS darin besteht, die Sicherheit seiner Kunden zu gewährleisten?«

»Du bist doch derjenige, der gegen diese Verpflichtung verstoßen hat, in dem er der Polizei die Namen von Abonnenten verraten hat.«

Ich schüttle den Kopf. »Jetzt bist du völlig ausgeflippt, Mann.«

»Dir ist doch klar«, sagt er kalt, »daß dich aufgrund deines Vorgehens ein Rechtsstreit erwartet. Dein Arbeitsvertrag ist in dieser Hinsicht ziemlich eindeutig. Ich käme mir als dein Freund ziemlich mies vor, würde ich dich nicht davor warnen, daß du in den nächsten Tagen mit großer Wahrscheinlichkeit von Elaine Abrams hören wirst. An deiner Stelle würde ich mit meinem Anwalt sprechen.«

Plötzlich kommt mir in den Sinn, daß Miles Turner – der in Rain, Mississippi, aufgewachsen ist – ohne jede Spur eines Südstaatenakzents spricht. Er hat endlich sein lebenslanges Ziel erreicht, seine Herkunft auszulöschen.

»Hör mir zu, Miles«, bitte ich inständig und greife nach einem Zipfel des Jungen, den ich einst so gut kannte. »Unschuldige Frauen werden ermordet und verstümmelt. Ich versuche, das zu stoppen. Wenn du und Krislov das nicht verstehen könnt, wird das FBI euch niederwalzen. Ich habe die Typen kennengelernt, die die Ermittlung leiten. Sie sind bei der Investigative Support Unit – die Burschen, die Serienmörder jagen – und meinen es todernst.«

»Das hab’ ich mitbekommen«, sagt er und zeigt deutlich einen Anflug von Verärgerung. »Und du und ich, wir sind ihre Hauptverdächtigen.«

Ich schweige.

»Das ist dir doch klar, Harper? Du und ich, wir sind die beiden einzigen – von meinem technischen Personal mal abgesehen –, die Zugriff auf die richtigen Namen der Abonnenten haben. Offensichtlich wählt der Mörder seine Opfer mit Hilfe der Kundenhauptliste aus.«

Offensichtlich. »Wie hat er also Zugriff darauf bekommen?«

»Das überprüfe ich gerade.«

»Du hast mir gesagt, diese Dateien seien genauso sicher wie die Abschußkodes von Atomraketen.«

»Meine Systemarchitektur ist wasserdicht«, faucht er. »Doch selbst das beste Betriebssystem hat bisweilen Schwächen, von denen niemand was weiß. So kommen sie aus der Fabrik.«

»Wie viele Techniker gibt es, Miles?«

»Sechs.«

Mehr, als ich gedacht habe. »Wenn der Mörder sich nicht durch deine Sicherheitsvorkehrungen gehackt hat und wir beide die Morde nicht begangen haben, muß einer von ihnen der Mörder sein.«

»Nein.«

»Woher weißt du das?«

»Ich weiß es einfach.«

Das läßt mich innehalten. Wenn Miles Turner so sicher klingt, hat er immer recht. Die Polizei würde das natürlich nicht akzeptieren, aber ich tue es. Aber wie kann er das wissen? Um nicht zu weit auf diesem Gedankenpfad abzurutschen, sage ich: »Hör mal, bin ich gefeuert oder was?«

»Gefeuert?« wiederholt er, als sei ihm diese Vorstellung nie in den Sinn gekommen.

»Du hast gerade gesagt, die Krislov sei sauer auf mich. Es ist ja nicht so, daß das Network ohne mich nicht läuft.«

»Natürlich läuft es ohne dich nicht. Wir beide sind die einzigen Fulltime-Sysops.«

»Was ist mit Racquel Hirsch?«

»Die leckt sich ihre lesbische Zunge auf Montserrat wund. Die kommt erst in einer Woche zurück. Außerdem ist sie nur ’ne Teilzeitkraft und versteht von technischen Dingen nicht mal so viel, daß sie eine Festplatte defragmentieren könnte.«

»Und was, wenn ich kündige?«

»Das kannst du nicht.«

»In meinem Vertrag steht, daß ich es kann. Darauf habe ich geachtet. Die Sache war doch sowieso nur auf Probe, oder hast du das vergessen? Ich wollte mal reinschnuppern.«

Miles spricht leiser, und seine Stimme klingt plötzlich wie die eines Schlangenbeschwörers. »Aber du bist doch monatelang dabeigeblieben, oder? Dir gefällt es. Und wenn du die Brocken hinwirfst, verlierst du deinen Platz in der ersten Reihe.«

Mein Gott. »Ich kann auf den ganzen Ärger verzichten, Miles.«

»Ach ja? Und was wird dann aus deinen Online-Freundinnen? Oder sollte ich Geliebten sagen? Willst du dich für immer von ihnen verabschieden? Dein Arbeitsvertrag verbietet dir, jemals persönlich mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Wenn du kündigst, werde ich Elaine Abrams wohl an diese Klausel erinnern müssen.«

»Leck mich am Arsch. Ich hau’ in den Sack.«

»Was ist mit Eleanor Rigby?«

Ich atme langsam aus, und meine Hand krampft sich um den Telefonhörer. »Was weißt du von Eleanor?«

»Ich weiß nur, daß sie sehr niedergeschlagen wäre, wenn du ohne jede Erklärung aus EROS aussteigen würdest.«

Miles weiß, daß er mich an den Eiern hat. In Wirklichkeit will ich gar nicht kündigen. Nachdem ich den Mut aufgebracht habe, mich mit meinem Verdacht »an die Öffentlichkeit zu wenden« – und recht behalten habe –, will ich die Angelegenheit endgültig geklärt haben. Miles kotzt mich nur an. »Ich bleibe, bis Racquel zurückkommt«, sage ich mit fester Stimme.

»Braver Junge. Ach ja, fang lieber schon mal damit an, deine Pseudonyme zu organisieren. Deine FBI-Freunde werden Fragen stellen, und es kann ganz schön schwierig sein, sich daran zu erinnern, wo man vor so vielen Monaten an so vielen verschiedenen Abenden war.«

»Ich habe nichts zu verbergen«, sage ich nachdrücklich. »Ich bin unschuldig.«

Es folgt ein ...

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