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First Comes Love

Über die Autorin

Katie Kacvinskys erstes Buch, Die Rebellion der Maddie Freeman, ist 2011 bei Boje erschienen und war sofort ein Erfolg. Dylan & Gray ist der zweite Jugendroman der Autorin, die früher von Modeln bis Unterrichten verschiedene Jobs hatte, inzwischen aber vom Schreiben lebt. Die Fortsetzung zu Die Rebellion der Maddie Freeman ist in Vorbereitung.

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Becky

Danke für alles, was du mit mir geteilt hast.
Es wäre mir eine Ehre gewesen, Dan kennenzulernen.

Erste Begegnung

Gray

Aus dem Augenwinkel beobachte ich ein Mädchen auf der anderen Seite des Campus. Die Sonne brennt auf ihre bloßen Schultern. Sie hat sich auf den Boden gekauert und das Gesicht an eine Fotokamera gepresst. Das Gerät muss uralt sein, denn sie dreht an dem Objektiv, um die Schärfe einzustellen, und nach jedem Foto zieht sie einen Hebel, um den Film weiterzuspulen.

Der Campus zwischen uns ist nichts als eine üppige Betonlandschaft. Asphaltwege führen auf einen runden Zementplatz in der Mitte zu. Anscheinend waren die Architekten des Mesa Community College der Meinung, das billigste Baumaterial sei gerade gut genug für Studenten unserer Preisklasse. Wir haben uns kein Luxusgelände verdient. An Privatuniversitäten bekommt man korinthische Säulen, Kopfsteinpflaster und von Gärten umrahmte Hörsäle, sodass die Studenten ihren Ernest Hemingway beim Plätschern von Springbrunnen lesen und im Schatten von Weinlaubterrassen aus Robert Frosts Gedichten zitieren können. Staatliche Unis haben Betonbänke zu bieten und eine einzige Mensa, deren Spezialität fettige Donuts und Pommes sind. Da weiß man doch gleich, wo man in der Hackordnung hingehört.

Mein Blick wandert zurück zu dem merkwürdigen Mädchen. Sie lässt sich kaum übersehen, denn sie treibt sich immer irgendwo auf dem Campus herum wie ein streunender Coyote. Manchmal sitzt sie an einen Baum gelehnt und schreibt in ein Notizbuch, das nicht größer ist als ihre Handfläche. Manchmal pfeift sie vor sich hin. Sie ist immer allein und trägt jeden Tag dieselben ausgelatschten schwarzen Adidasschuhe. Ich glaube, genau das gleiche Modell hatte ich, als ich zwölf war.

Ihr anderes Lieblingskleidungsstück ist eine schlabberige Jeans, was vor allem deshalb bemerkenswert ist, weil die Sommertemperatur in Phoenix durchschnittlich vierzig Grad beträgt. Die Jeans rutscht ihr fast von den dünnen Hüften und ist so weit geschnitten, dass die Hosenbeine wie Vogelflügel flattern, wenn eine Windböe den Staub aufwirbelt. Heute trägt sie dazu ein Top in Zitronengelb, das sich eng an ihre schmale Taille schmiegt. Das Mädchen hat ähnlich viele Kurven wie eine Bohnenstange. Einmal hat sie bemerkt, dass ich sie beobachte, und gegrinst. Also habe ich weggeschaut. Ich will keinen Kontakt mit ihr. Ich bin nicht auf der Suche nach Freundschaft. Sie ist nur ein bewegliches Objekt, an das meine Augen sich heften können, während ich meine Gedanken abschalte und warte, dass die Zeit vergeht.

Ich sitze an der Wand des naturwissenschaftlichen Traktes, die ein wenig Schatten bietet, und habe meine Baseballkappe tief in die Stirn gezogen, denn der Betonboden wirft gleißend das Licht zurück. Auch beim Unterricht nehme ich die Kappe nie ab. Sie gibt mir das Gefühl, als könne ich mich unsichtbar machen, nur indem ich den Schirm nach unten ziehe. Damit kann ich die Welt ausschließen und so tun, als würde mich niemand sehen. Außerdem kann ich unbemerkt Leute beobachten. Vor allem starre ich natürlich den Mädchen nach, die mit ihren superkurzen Röcken auf Pfennigabsätzen vorüberstöckeln und ihre gebräunten Beine zeigen. Ihre hautengen Tops überlassen wenig der Fantasie. Tja, soll mir nur recht sein.

Ich hole meinen iPod aus der Tasche und scrolle durch die Alben, bis ich beim Hiphop ankomme. Musik ist jahreszeitlich, finde ich. Im Sommer ändert sich mein Geschmack, und ich höre fast nur noch schnelle Rhythmen, wild und funky. Wenn der Winter kommt, mag ich es langsamer. Akustische Gitarre. Oldies. Jetzt trommele ich mit den Fingern den Rhythmus auf den Boden und drücke mich möglichst lange davor, zum Unterricht zu gehen. Nichts ist schlimmer als im Sommerkurs abwechselnd Mathe und Kreatives Schreiben zu haben. So viel rechte und linke Gehirnhälfte kann man von keinem Menschen verlangen, besonders wenn noch nicht einmal Mittagszeit ist. Wenigstens ist die Quälerei auf eine kurze Vierwochendosis beschränkt und dauert nicht ein ganzes Unisemester.

Als mein Blick wieder bei dem Mädchen landet, sehe ich sie flach auf dem Bauch liegen, und zwar mitten auf dem Gehweg. Ich starre frustriert zu ihr hinüber. Was tut sie da? Fotografiert sie wirklich den bescheuerten Asphalt? Ratlos mustere ich ihren schlaksigen Körper. Sie ist nicht dünn wie die ausgehungerten Models in Zeitschriften, die mich immer an Strichmännchen mit Haarmähne und Schminke erinnern. Eher wirkt sie hyperaktiv-schlank, als könne sie nie lange genug still sitzen, um eine vollständige Mahlzeit zu essen. Als würde ihre Geheimdiät darin bestehen, das Leben in möglichst rasanter Geschwindigkeit zu genießen.

Ich schaue auf meinem Handy nach der Uhrzeit und runzele die Stirn. Natürlich muss das Mädchen genau den Weg blockieren, der zwischen mir und der Abteilung für Sprach- und Literaturwissenschaft liegt. Ich könnte um sie herumgehen, andererseits habe ich noch nie jemanden gesehen, der mit solcher Hingabe einen Gehweg fotografiert. Ich will wissen, was an dem Campusboden so spannend ist, dass sie fast die Nase daraufpresst. Also stehe ich auf und nähere mich ihr vorsichtig wie einem wilden Tier, das unerwartet beißen oder kratzen könnte. Noch immer liegt sie bäuchlings ausgestreckt, hat sich auf den knochigen Ellbogen abgestützt und hält die Kamera mit beiden Händen absolut still. Ich bin sicher, dass sie meine Schritte gehört haben muss.

»Komm nicht näher«, warnt sie mich plötzlich. Ich bleibe einige Meter entfernt stehen und der Wind wirbelt den Sand um uns auf. Aus ihrem geflochtenen Zopf haben sich einige braune Haarsträhnen gelöst und wehen ihr ins Gesicht. Ich schaue missmutig auf sie herab, weil sie einen öffentlichen Gehweg blockiert.

»Du liegst mir im Weg«, sage ich. Meine Kehle ist trocken, sodass meine Stimme kratzig und rau klingt. Sie wendet ganz langsam den Kopf und schaut mich mit einem ernsten, durchdringenden Blick an, als sei sie auf einer heiligen Mission.

»Still, sonst verscheuchst du sie noch«, flüstert sie. Ihre Augen huschen in eine bestimmte Richtung und ich folge ihrem Blick. Der Weg ist leer. Weit und breit rührt sich nichts. Ich betrachte das Mädchen besorgt. Vielleicht ist sie schizophren. Vielleicht hat die Wüstenhitze ihr Gehirn verbrutzelt (zumindest die rechte Logikhälfte) und jetzt leidet sie unter Wahnvorstellungen. Ich hebe einen Fuß, um vorsichtig zurückzuweichen, aber da entdecke ich plötzlich nur Zentimeter vor dem Gesicht des Mädchens zwei blassgrüne Geckos. Sie haben einander die Köpfe zugewandt, als würden sie sich unterhalten.

Ich stehe ganz still und sehe zu, wie das Mädchen mit sorgfältiger Präzision an der Kamera dreht und die Schärfe einstellt. Sie drückt den Auslöser und ich höre ein leises Klicken.

»Hab sie!«, sagt das Mädchen, steht auf und klopft sich den Sand von der Jeans. Sie ist größer als ich dachte und reicht fast an meine 185 cm heran.

»Gar nicht einfach, die Kerlchen zu überzeugen, dass sie stillhalten sollen«, sagt sie und lächelt mich mit ihren hellbraunen Augen an. »Die sind furchtbar kamerascheu.«

Ich mustere sie von Kopf bis Fuß. Sie stammt definitiv nicht aus Phoenix. Ich tippe auf den Mittleren Westen oder die Ostküste.

»Du bist ganz schön weit weg von zu Hause, oder?« Ihre Haut ist voller Sommersprossen, aber nicht so dunkel wie bei uns Einheimischen. Wenn man täglich von der Arizona-Sonne gegrillt wird, hört das Melanin nicht mal im Winter auf, Bräune zu produzieren.

»Wieso?«, fragt sie und schaut mit schmalen Augen zu mir hoch.

Weil du dich benimmst, als hättest du nicht alle Tassen im Schrank.

»Weil man hier nicht viele Leute sieht, die sich auf kochend heißem Beton ausstrecken, um eine Nahaufnahme von zwei Geckos zu machen«, lasse ich sie wissen. »Die Viecher sind überall.«

Sie schaut sich um, ob vielleicht noch mehr Lurche in der Nähe lauern. »Ja schon, aber sie sind so zutraulich. Ständig wuseln sie um meine Füße und wollen Fangen spielen.« Sie stülpt einen Deckel auf das Kameraobjektiv. »Ich bin für die Sommerferien hier«, beantwortet sie meine frühere Frage. Ich hebe die Augenbrauen. Normalerweise würde ich schon gar nicht mehr hier stehen, denn Small Talk ist nicht meine Sache. Aber dieses Mädchen wird mit jeder Minute bizarrer.

»Sommerferien in Phoenix?«, frage ich und sie grinst über meine geschockte Stimme. Die meisten Leute fliehen um diese Jahreszeit aus unserer Wüstenregion, außer sie mögen das Gefühl knusprig gebratener Haut oder schließen sich gerne den ganzen Tag in einem Riesenkühlschrank ein, den man gemeinhin als Klimaanlage bezeichnet.

»Ich wollte schon immer die Wüste sehen«, sagt sie und hebt das Kinn. »Hast du nach dem Unterricht was vor?« Die Frage kommt so selbstbewusst heraus, dass mir der Mund offen stehen bleibt. Bildet sie sich ein, dass ich hier stehe, weil ich mit ihr sprechen will? Ist ihr nicht klar, dass sie einfach nur meinen Weg blockiert hat?

»Äh«, stammele ich.

Meine Tage sehen immer gleich aus: Mittagessen, Computerspiele, Gitarre üben, Hanteln stemmen, übers Leben nachgrübeln, meinen Eltern aus dem Weg gehen, Teilzeit im Videoladen jobben.

»Ich könnte jemanden brauchen, der mich mit dem Auto nach Hause bringt.«

Ich tue so, als würde ich eine Nachricht auf meinem Handy checken, um Zeit zu gewinnen und mir eine Ausrede einfallen zu lassen.

»Weil ich nämlich mit dem Bus von Scottsdale gekommen bin und das hat zwei Stunden gedauert«, fügt sie hinzu.

Schon wieder klappt mir die Kinnlade herunter. Jeder weiß, dass man in Phoenix ein Auto braucht. Ich kenne nur eine Ausnahme, nämlich ein gewisses Mädchen, das hier in Jeans herumläuft und sich per Anhalter kutschieren lässt.

»Du wohnst in Phoenix und hast kein Auto?«

»Doch, ich habe eins«, sagt sie. »Mir gefällt es nur besser, mit dem Bus zu fahren. Da sehe ich mehr von der Gegend. Aber heute kannst du ja mein Stadtführer sein.«

Glaubt sie wirklich, dass ich nachmittags nichts anderes zu tun habe als Chauffeur zu spielen? Nun ja, stimmt natürlich. Aber trotzdem ist es unhöflich, so etwas anzunehmen. Außerdem würde keine normale Person einen Wildfremden mit einem derartigen Wunsch überfallen. Und wer fährt schon freiwillig mit dem Bus? Der ist wie ein Ghetto auf Rädern.

»Du kennst mich doch gar nicht«, warne ich sie. »Vielleicht züchte ich in meiner Freizeit Skorpione.«

Sie mustert mich einen langen Moment, dann lächelt sie. »Ich habe dich schon öfter auf dem Campus gesehen. Du tust nicht viel, sitzt im Schatten herum, trommelst mit den Fingern auf den Boden und hörst Musik. Manchmal spielst du auch Luftgitarre«, fügt sie hinzu. »Die meiste Zeit siehst du gelangweilt und schläfrig aus. Aber insgesamt wirkst du harmlos. Außerdem bist du irgendwie süß.«

Ich starre sie an. Also hat sie mich beobachtet, während ich sie beobachtet habe. Und ihr Urteil über mich lautet: langweilig und harmlos. Ich frage mich, ob ich bei allen Mädchen so ankomme. Na ja, wenigstens hat sie noch das »irgendwie süß« hinterhergeschoben.

»Ich kann dich in einer Stunde hier abholen«, höre ich mich selbst sagen. Am liebsten würde ich mir die Worte zurück in den Hals stopfen und sie für immer in der Schublade »Halt-bloß-den-Mund-du-Idiot« verschwinden lassen. Was soll ich mit ihr anstellen? Aber bevor ich mein Angebot zurücknehmen kann, nickt sie schon.

»Perfekt. Ich knipse in der Zwischenzeit die restlichen Fotos für meine Campus-Serie.« Mein Blick wandert über das vertrocknete Gras, die Betonbänke, die dürren Bäume und den staubigen Boden. Sie will eine ganze Stunde damit verbringen, etwas abzulichten, von dessen Hässlichkeit einem die Augen brennen? Mit einem Seufzer mache ich mich auf den Weg zu meinem Schreibkurs und denke bereits über einen Fluchtplan nach.

Dylan

Ich sitze auf dem trockenen, kratzigen Gras und schaue dem Jungen interessiert nach, während er sich so hastig durch die Tür des Unigebäudes duckt, als müsse er vor einem Kugelhagel in Deckung gehen.

Bei meinem Sommerkurs in Fotografie habe ich zwei entscheidende Dinge gelernt. Erstens, wie man Leute beobachtet. Kaum zu glauben, was Menschen über sich verraten, wenn sie davon ausgehen, dass niemand hinschaut. Zweitens, Schönheit gerade dort zu suchen, wo sie schwer zu entdecken ist. Ich gebe mir Mühe, das Leben wie durch eine Kameralinse zu betrachten. Gar nicht einfach, aber ich mag Herausforderungen. Normale Schönheit kann jeder sehen, doch inzwischen bleibt mein Blick an den Kleinigkeiten hängen, die man nur mit Geduld entdeckt. Man muss sich die Zeit nehmen, sie wie einen archäologischen Fund auszugraben und zu entstauben. Was Risse, Schwachstellen und fühlbare Kanten hat, ist so viel interessanter als glatt polierte Perfektion. Das gilt auch für Menschen.

Ich halte mich an den Tipp meines Lehrers, jeden Tag nach dem Unterricht eine Stunde lang Leute zu beobachten und Eindrücke zu sammeln. Eine Kamera hat gewisse Ähnlichkeit mit einem Tagebuch: Sie bewahrt Gefühle, Erinnerungen und Geschichten, wenn man sich die Zeit dafür nimmt. Dadurch bin ich auf diesen Typen aufmerksam geworden. Er ist leicht zu übersehen. Sein Rücken ist immer an irgendein Gebäude geheftet, und ich war kurz davor, ihn für eine moderne Statue zu halten, bis sich eines Tages unsere Blicke trafen. Selbst auf die Entfernung überraschte mich das Blau seiner Augen. Es erinnerte an einen Himmel kurz vor der Abenddämmerung und von Nahem betrachtet ist es noch eindruckvoller. Ziemlich schwer, sich wieder loszureißen. Aber vor allem faszinierte mich, dass seine Augen die Welt nicht zu sehen, sondern abzublocken schienen. Wie verspiegelte Brillengläser. Als ich ihn versuchsweise anlächelte, kam nichts zurück. Er nickte nicht einmal. Stattdessen wandte er sich ab, weil ich die Aufdringlichkeit besessen hatte, in sein Blickfeld zu geraten.

Gerade weil er sich so anstrengt, unsichtbar zu wirken, hebt er sich in meinen Augen vom Rest der Menge ab. In den letzten zwei Wochen habe ich eine ganze Reihe von Beobachtungen gemacht:

  1. Er lächelt nie. Ohne Ausnahme. Manchmal nickt er Leuten zu, die an ihm vorbeikommen. Manchmal benutzt er das Handy und schreibt SMS. Ich habe ihn auch noch nicht wütend gesehen. Er zeigt überhaupt keine Gefühle, sondern wirkt wie betäubt. Als würde ein Teil von ihm fehlen. Wieso lächelt dieser Junge nie? Hat er eine fiese Zahnklammer? Eine Gesichtsmuskellähmung? Oder peinlich vorstehende Hasenzähne? Meine neue Mission ist, ihn zum Lächeln zu bringen. Auch wenn dieser Vorsatz den Schwierigkeitsgrad einer Polarexpedition hat. Man kann erst feststellen, ob unter den Eisschichten Leben verborgen ist, wenn man sich geduldig hindurchgehackt hat.
  2. Er geht anderen Menschen aus dem Weg. Für dieses Verhalten fallen mir verschiedene Erklärungen ein: Er spielt gerne cool und unnahbar. Er ist ein asozialer Griesgram. Er hat eine ansteckende Hautkrankheit, die er nicht verbreiten will. Wie lautet wohl die richtige Theorie? Warum entscheidet sich jemand, ganz für sich zu bleiben? Ich bin entschlossen, die Lösung des Rätsels zu finden. Denn das Leben ist für mich eine endlose Entdeckungsreise auf der Suche nach dem »Warum«.
  3. Er ist sexy, aber nicht auf die typische Art. Die Straßen von Phoenix sind gepflastert mit gestylten Jungs, als hätte jemand sie wie Glitterdeko über die Stadt verteilt. Überall sieht man Tattoos, stachelige Gelfrisuren, Muskelshirts und aufgeknöpfte Hemden, die bronzefarbene Haut und sonnengebleichtes Brusthaar zur Schau stellen. Er dagegen trägt kurze Sporthosen, Baseball-Shirts und Flipflops. Da haben wir etwas gemeinsam. Er ist nicht darauf aus, Leute zu beeindrucken. Kann ja sein, dass er nicht der kontaktfreudigste Typ der Welt ist, aber wenigstens ist er echt.
  4. Er ist verrückt nach Musik und hat immer irgendwelche Songs über seinen iPod laufen. Manchmal gerät er davon richtig in Trance. Und ich habe ihn noch nie ohne seine Baseballkappe gesehen, hinter der er sich verbirgt, als könne sie ihn von der Welt abschirmen und zum Verschwinden bringen.

Ich ziehe den Reißverschluss meines Rucksacks auf und hole meinen Brainstormer heraus (ein Notizbuch in handlicher Größe, das ich immer mit mir herumschleppe). Darin blättere ich, bis ich bei meiner Liste mit guten Vorsätzen fürs Jahr angekommen bin. Ich habe mir für jede Woche ein anderes Ziel gesetzt und bisher ist es mir gelungen, alle einzuhalten. Die Aufgabe für diese Woche lautet: Freund(in) finden. Ich blinzele gegen das gleißende Sonnenlicht, das den Betonplatz erhellt. Zwei Mädchen gehen vorbei und ihre Stöckelschuhe klackern laut auf dem Asphalt. Sie werfen einen Blick in meine Richtung, mustern meine Jeans und Adidas-Schuhe, und ich kann regelrecht hören, wie bei dieser Modesünde die Alarmsirenen in ihrem Kopf losjaulen.

Sich in Phoenix mit jemandem anzufreunden ist keine leichte Wochenaufgabe. Aber ich habe schon länger heimliche Bewerberrunden abgehalten – den Leuten bei ihren Gesprächen zugehört, ihre Körpersprache beobachtet und darauf gewartet, dass jemand auftaucht, der mein Interesse weckt.

Ich schaue in Richtung des Gebäudes für Sprach- und Literaturwissenschaft und grinse, denn die persönliche Begegnung mit meinem Kandidaten hat mich überzeugt.

Dieser Typ ist perfekt.

Oberflächlich betrachtet hat er eine Persönlichkeit wie Schmirgelpapier, aber wenn ich ihn durch die Kameralinse in meinem Kopf betrachte, sehe ich Schichten und Kanten. Er erinnert mich an eine Sonnenliege … zusammengeklappt in der Abstellkammer. Ich werde dafür sorgen, dass er sich wieder entfaltet.

Erster Versuch

Gray

Lyrik ist fast so schlimm wie Mathe – eine unbekannte Sprache, die nur ein paar Auserwählte begreifen können. Ich habe den Kurs in Kreativem Schreiben belegt, weil ich ihn vielleicht brauchen kann, um mich später fürs College zu bewerben. Außerdem hatte ich gehört, dass die Dozentin ein zugedröhnter Hippie ist, bei der sogar ein Zweitklässler durchkommen würde, solange er irgendwas Geschriebenes einreicht. Also hatte ich geplant, ein Ferientagebuch zu führen, Teile davon als autobiografische Essays zu tarnen und mich so um echte Aufgaben zu drücken. Stattdessen bin ich gezwungen, Gedichte zu schreiben. Schon seit vier Wochen soll ich denken wie ein Mädchen. Sensibel … bildhaft … blumig …

Ich bin vier Minuten zu spät gekommen, was niemanden stört, und sitze ganz hinten im Klassenraum. Jede Stunde müssen wir uns zu Vierergruppen zusammenfinden und unsere peinlichen Schreibversuche miteinander durchsprechen. Nur um ein paar mickrige Punkte für »aktive Teilnahme« zu bekommen. Wir lesen nacheinander vor, welchen Müll wir zustande gebracht haben. Ich wette, die meisten haben ihre so genannte Lyrik schnell in der Pause oder beim Frühstück hingekritzelt. Ein Typ in meiner Gruppe hat tatsächlich ein Liebesgedicht an einen Bacon Burger geschrieben. Mrs Stiller, unsere übermäßig gefühlvolle Dozentin, ermuntert uns dazu, beim Schreiben unsere innersten Regungen und Geheimnisse zu enthüllen. Literatur ist das Fenster zur Seele, predigt sie. Ich bleibe lieber auf der sicheren Seite. Also habe ich ein Gedicht darüber geschrieben, wie ich für meine Highschool den Baseball-Pokal geholt habe. Und eines über Kanufahren. Beide waren vollgestopft mit Klischees und abgedroschenen Redewendungen. Ich habe sogar versucht zu reimen. Das Erlebnis war demütigend.

Nach einer halben Stunde, in der wir uns zu zweit eine Liste von Metaphern ausdenken sollen (meine Partnerin ist die ganze Zeit damit beschäftigt, ihren Freund anzusimsen, also muss ich alles alleine machen), und ein weiteres Gedicht als Hausaufgabe bekommen (langsam glaube ich, dieser Kurs ist eine Strafe für schlechtes Karma aus einem vorigen Leben), nähert sich die Stunde allmählich dem Ende.

Erleichtert klappe ich mein Heft zu, aber da fällt mir ein, wer draußen auf mich wartet. Nämlich das frustrierendste Mädchen der Welt. Zwar muss ich zugeben, dass sie aus der Nähe hübscher war als erwartet, aber gegen ihr Maß an Durchgeknalltheit kommt auch gutes Aussehen nicht an. Ich schlurfe den Korridor entlang und denke darüber nach, ob ich den Nordausgang nehmen und von dort zum Parkplatz schleichen soll, damit mich Coyote Kid nicht sieht. Schließlich hatte ich einen ruhigen Nachmittag geplant. Ich wollte mich zu Hause verbarrikadieren und Nintendo-Football spielen. Ein neuer Gedanke hilft mir, mich wieder zu entspannen. Vielleicht hat sie lange genug im Schatten gesessen, um ihren Sonnenstich loszuwerden. Sie könnte zu dem logischen Schluss gekommen sein, dass es nicht nur unhöflich, sondern auch gefährlich ist, sich total fremden Typen als Anhalter aufzudrängen.

Immerhin kann sie kaum ernsthaft glauben, dass ich mich mit ihr anfreunden will. Ein ›Betreten verboten‹-Schild sendet mehr einladende Signale aus als ich.

Aber als ich aus der Tür komme, hockt sie dort im Gras und grinst zu mir hoch, als sollte ich mich freuen, sie zu sehen. Ich nicke kurz und gehe an ihr vorbei zum Parkplatz. Sie wirft sich ihren knallroten Rucksack über die Schulter und eilt mir halb joggend, halb hopsend über den Campus nach.

Als sie mich eingeholt hat, wird sie langsamer und spaziert so dicht neben mir her, als wären wir allerbeste Kumpel. Ich weiche auf die Grasfläche aus und ziehe mir meine Kappe tiefer in die Stirn.

»Okay, erzähl mir die Geschichte deines Lebens«, sagt sie.

»So etwas habe ich nicht«, knurre ich.

»Quatsch, jeder hat eine Story. Im Rückblick hat man immer was Interessantes getan«, sagt sie.

Ich öffne die Beifahrertür meines Kombis, um die eingeschlossene Luft herauszulassen. Dann gehe ich um das Auto herum und öffne auch die Fahrertür, wobei ich aufpasse, kein Metall zu berühren, weil ich mir daran die Finger verbrennen würde. Eine Minute schauen wir uns über den Wagen hinweg an und warten, bis die Temperatur im Innenraum nicht länger dem Fegefeuer gleicht. Ich greife zu der etwas feigen Strategie, den Spieß umzudrehen und zu fragen, was denn ihre Story ist.

»Das ändert sich ständig«, sagt sie. »Im Moment bin ich eine Fotografin auf dem ersten Schritt zur großen Karriere.« Sie streicht sich eine lose Haarsträhne hinters Ohr.

In gespielter Überraschung reiße ich die Augen auf. »Oh, du bist noch nicht weltbekannt? Niemand hat dich dafür bezahlt, unseren Betoncampus in all seiner Pracht abzulichten?« Ich lasse mich auf den Autositz fallen und sie steigt ebenfalls ein. Schweigend hocken wir einen Moment nebeneinander und versuchen uns an die Hitze zu gewöhnen.

»Sarkastisch. Gut zu wissen«, sagt sie gedankenvoll, als würde sie meine Charaktereigenschaften auf einer inneren Strichliste abhaken.

Ich greife nach meiner Wasserflasche und trinke einen Schluck. Als ich fertig bin, nimmt sie mir einfach die Flasche aus der Hand und setzt sie an die Lippen. Also bin ich nicht nur ihr Chauffeur und Stadtführer, sondern auch noch ihre persönliche Minibar? Kopfschüttelnd lasse ich den Wagen an und die Klimaanlage erwacht mit einem Brüllen zum Leben. Es fühlt sich an, als würde man Kaminglut direkt ins Gesicht geblasen bekommen. Aber wenigstens gibt es überhaupt einen Luftzug. Meine Beifahrerin macht es sich gemütlich, indem sie ihre dünnen Beine ausstreckt und einen schmutzigen Turnschuh auf dem Armaturenbrett absetzt. Ich hebe die Augenbrauen und frage, ob sie es bequem genug hat. Vielleicht möchte sie auch noch ein Kissen und einen Erdbeercocktail?

Sie bedankt sich höflich und versichert, dass es ihr bestens geht. Mit zusammengepressten Lippen kämpfe ich ein Lächeln nieder. Sie soll sich bloß nicht einbilden, dass ich sie unterhaltsam finde. Wir verlassen den Parkplatz und fahren erst einmal auf den Highway in Richtung Tempe, einer Vorstadt in der Nähe von Mesa und Scottsdale. Phoenix ist ein ausgedehnter Moloch, umgeben von Wohngebieten, in denen sich Pendler niedergelassen haben.

Das Mädchen redet ungebremst weiter. Sie lässt mich wissen, dass sie noch keine Geschichte hat, die sich zu erzählen lohnt, und genau deshalb für den Sommer hierhergekommen ist. Auf der Suche nach einer Story für ihr Leben. Angeblich liegt es nämlich in unserer Hand, wie unsere Geschichte am Ende aussieht. Vielleicht wird unser Leben eine Kitschromanze, vielleicht ein Krimi oder ein Entwicklungsroman. Vielleicht passt es auf ein einziges Blatt Papier, wie ein Pamphlet, oder wächst zu einer mehrbändigen Serie.

»Hauptsache, meine Geschichte wird außergewöhnlich«, sagt sie. Ich hebe eine Augenbraue und wünsche ihr viel Glück.

»Wie lange spielst du schon Gitarre?«, fragt sie plötzlich und ich bekomme das ungute Gefühl, dass dieses Mädchen tatsächlich gestört ist. Kutschiere ich gerade eine Stalkerin durch die Stadt?

»Woher weißt du das?«

Meine scharfe Frage lässt sie nur mit den Schultern zucken, als sei die Antwort offensichtlich. »Deine Hände«, sagt sie. »Du hast Hornhaut an den Fingerkuppen der linken Hand.«

Ich starre auf meine Finger und bin beeindruckt von ihrer Beobachtungsgabe. Tatsächlich hat das stundenlange Üben die Haut verschorfen lassen. An einer Stelle schält sie sich, und wenn ich allein wäre, würde ich mit den Zähnen daran herumzupfen.

Das Mädchen mustert meine Hände noch genauer und stellt fest: »Sieht aus, als würdest du ziemlich oft spielen.« Dazu sage ich nichts, denn sie hat recht. Ich beschäftige mich mehr mit meiner Gitarre, als ich zugeben möchte – vier bis sechs Stunden pro Tag. Der Gedanke, dass ich die engste Beziehung in meinem Leben mit einem Saiteninstrument führe, ist ein bisschen deprimierend. Aber wenn ich mich in die Musik flüchte, kann ich meinen Eltern aus dem Weg gehen.

Ich schaue das Mädchen an und stelle mir vor, wie sie mich gerade mit ihren Gedanken durchleuchtet (eine typisch weibliche PSI-Kraft) und zu folgendem Ergebnis kommt: Er hat keinen Ehrgeiz und hängt den ganzen Tag nur rum. Freunde hat er anscheinend auch nicht …

Heute auf dem Campus dachte ich, ihre Augen seien schlicht braun, aber jetzt stelle ich fest, dass es nicht so einfach ist – außen sind sie dunkelbraun, innen goldbraun und um die Iris herum gibt es einen unverkennbaren Ring aus Blaugrün. Ihre braunen Haare bekommen einen rötlichen Schimmer, wenn die Sonne darauffällt. Sie hat Dutzende von Sommersprossen um die Nase und ein Grübchen in der linken Wange. Die unteren Vorderzähne stehen ein bisschen schief. Sie ist ungeschminkt, soweit ich erkennen kann, und benutzt nur den Labello, mit dem sie sich gerade die Lippen einfettet. Aus der Ferne fand ich sie immer nichtssagend und höchstens etwas seltsam. Doch nun muss ich feststellen, dass etwas an ihr den Blick einfängt und nicht wieder loslässt.

»Wie heißt du?«, frage ich, weil es mich zum ersten Mal interessiert. Sie grinst mich an und das Grübchen wird noch deutlicher.

»Dylan«, sagt sie.

»Dylan«, probiere ich den Klang aus. »Ich heiße Gray.«

Halb erwarte ich, dass sie auch das schon weiß, aber sie zieht verwirrt die Augenbrauen zusammen.

»Und dein Vorname?«

Ich verdrehe die Augen. »Das ist mein Vorname. Es gibt ja wohl niemanden, der zuerst den Nachnamen nennt, wenn er sich vorstellt.«

James Bond schon, widerspricht sie, und die meisten Ärzte. Und ziemlich sicher gibt es in Nordengland abgelegene Flecken, wo man noch immer karierte Anzüge mit Ellenbogenflicken und Bowlerhüte trägt und niemals den Vornamen benutzt.

Wovon quasselt sie eigentlich? Ich runzele die Stirn und argumentiere, dass keines dieser Beispiele auch nur im Entferntesten mit mir zu tun hat.

Dylan will wissen, welche Geschichte hinter meinem Namen steckt. Sie lässt nicht locker, also gebe ich seufzend nach und erzähle zum hundertsten Mal, dass meine Mom an der Nordküste von Oregon geboren wurde, wo es jeden Tag regnet. Der Himmel ist grau, das Meer, die Landschaft – sogar die Luft ist ständig mit dickem grauen Nebel gefüllt. Meine Mom hat mich nach dieser Farbe benannt, weil es sie an ihr Zuhause erinnerte. Ich hatte gehofft, dass ich mich irgendwann an den Namen gewöhnen würde. Leider bin ich zu oft gezwungen, wildfremden Leuten zu erklären, dass meine Mom bei der Taufe nicht unter Drogen stand. Dylan behauptet, sie finde den Namen toll. Weil er einzigartig sei. Okay, das bekomme ich von Mädchen öfter zu hören, was immerhin ein Plus ist.

»Gray«, summt sie und lässt es klingen wie einen Songtitel. »Blue-eyed Gray.«

»Also, was willst du von Phoenix sehen?«, frage ich, um das Thema zu wechseln.

»Alles«, sagt sie. »Fahr mich einfach überall hin.«

Ich sage vielen Dank für diese hilfreiche Antwort und entscheide, sie zu der Shoppingmeile zu führen, von der anscheinend alle Mädchen magisch angezogen werden. Mill Avenue bietet endlose Boutiquen, in denen eine Jeans mehr kostet als eine durchschnittliche Monatsmiete. Die Restaurants haben Stoffservietten und Balustraden zu bieten, von denen man auf die Welt herabschauen kann, während man seinen Dreißig-Dollar-Salat genießt. In den Cafés gibt es garantiert biologischen, fair gehandelten, frisch gerösteten, perfekt aufgebrühten, mit Goldstaub berieselten Gourmetkaffee. (Okay, den Goldstaub habe ich erfunden, aber überraschen würde es mich kein bisschen.) Eine Tasse für fünf Dollar. Erleben Sie das sanfte Aroma einer Heißgetränk-Abzocke.

Ich parke den Wagen am Straßenrand vor einem Sushi-Restaurant. Durch die Autofenster starren wir auf die Außenterrasse, die von einer Sprinkleranlage besprüht wird, um der kochenden Wüstenluft eine mediterrane Atmosphäre zu geben. Viele Mittagsgäste sitzen dort, die Frauen tragen Sonnenbrillen, die wie riesige Fliegenaugen aussehen, und die Männer hätscheln ihre BlackBerry Smartphones.

Dylan wendet sich zu mir um und wartet. Ich nicke in Richtung der Einkaufsmeile und wünsche ihr viel Spaß. »Wir treffen uns dann in einer Stunde wieder«, sage ich. Während sie haufenweise Geld verpulvert, kann ich mich irgendwo im Schatten verkriechen. Ihr Lächeln verflüchtigt sich und sie sieht mich so enttäuscht an, dass ich mich breitschlagen lasse, ein paar Blocks mitzugehen.

Wir schlendern den Bürgersteig entlang. Ihre Kamera wippt an einer schwarzen Kordel gegen ihren Bauch. Ich frage mich, ob ich erwähnen soll, dass sie wie eine typische Touristin aussieht. Doch obwohl ich sie noch nicht allzu lange beobachten konnte, weiß ich eines mit Sicherheit: Ihr ist es vollkommen egal, was die Leute von ihr denken. Kaum jemand hat einen angeborenen Anti-Kritik-Schirm, der empörte Blicke einfach abgleiten lässt. Aber Dylans Schutzschild ist dick wie Panzerglas.

Wir betrachten Schaufenster, die uns mit Angeboten und vollgehängten Kleiderstangen zum Kauf locken wollen. Ich erwarte, dass Dylan sich auf die Läden stürzt, aber stattdessen schaut sie sich die Leute an. Die Straße ist gesäumt von schmuddeligen Gestalten. Abgekämpft betteln sie um Geld und Essen. Manche spielen auf ramschigen Instrumenten, andere haben magere Hunde um die Füße liegen. Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich obdachlose Hundebesitzer sehe. Sie können kaum sich selbst ernähren, was für Abfälle verfüttern sie wohl an ihre Tiere? Vielleicht will ich es gar nicht wissen.

Während wir die Straße entlanggehen, löchert mich Dylan mit Fragen. Nicht der übliche Smalltalk: Welchen Job hast du, wo bist du geboren, was machst du als Hobby? Was Dylan an Fragen aus dem Hut zaubert, ist kaum zu glauben. Wer hat Sprühbutter erfunden und warum? Brauchen wir eine Armee, die auch den Kampf gegen Außerirdische trainiert? Gibt es tatsächlich Leute, die Schafwollkleidung nicht kratzig finden? Als wir gerade über das Pro und Contra von Laubbläsern diskutieren, werfe ich einen Blick auf mein Handy und stelle fest, dass wir schon fast eine Stunde durch die Gegend laufen.

Auf der Straße paradieren blitzblanke Cabrios vorbei und uns umgibt eine Wolke aus Parfum und Aftershave von all den Shopping-Besessenen, die den Boulevard entlanghetzen und schützend die Hände um ihre Portemonnaies und Handtaschen gekrampft haben.

Wir kommen an einem Obdachlosen vorbei, der ein Schild mit der Aufschrift Hast du mal ’nen Joint? hochhält. Ich lehne mich in Dylans Richtung und flüstere: »Wenigstens ist er ehrlich.«

Dylan bleibt stehen und fragt ihn, ob sie ein Foto machen darf. Er nickt und sie knipst ein paar Bilder, während ich aus dem Hintergrund zuschaue. Dann fragt sie den Mann, wo er herkomme, und zu meiner Überraschung klingt er sachlich und gebildet. Seine blauen Augen blitzen und seine silbernen Haare hat er zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden, der ihm fast bis zur Taille fällt. Er erzählt uns, dass er per Anhalter aus Colorado gekommen ist, wo er auf einem Ökobauernhof gearbeitet hat. Er hat einen Uniabschluss, hasst aber die Grauen Männer und das System, weil sie den Kapitalismus erfunden haben, der den Konsumterror erfunden hat, der unsere Mutter Erde zerstört. Er hat noch nie Steuern gezahlt, aber auch noch nie etwas gestohlen. Er lebt nur für den Moment, einen Tag nach dem anderen, und damit geht es ihm besser als den meisten. Sein breites Grinsen enthüllt einen Mund voller Zahnlücken.

Dylan drückt mir die Kamera in die Hand und sagt, ich soll einen Moment warten. Dann sprintet sie in einen Laden mit Badebekleidung. Ich bleibe draußen neben dem Landstreicher stehen und starre auf den Boden. Ausgerechnet jetzt wird sie von dem plötzlichen Verlangen überwältigt, shoppen zu gehen? Zwei Minuten später kommt Dylan zurückgerannt und schwenkt ein Paar blaue Flipflops. Sie überreicht sie dem barfüßigen Mann und fragt, wie er heißt. Zuerst schaut er überrascht, dann grinst er und sagt, sein Name sei Sam.

»Prima«, sagt sie. »Ich glaube, die sollten passen, Sam.« Der Mann nimmt die Plastiksandalen und steckt die Riemen zwischen seine braunen Zehen. Er nickt Dylan zu, bedankt sich und nennt sie einen Engel. Bei dem Kompliment hebe ich die Augenbrauen. Ich halte ›durchgeknallt‹ immer noch für eine bessere Beschreibung.

Wir gehen weiter die Straße entlang und Dylan bleibt nur stehen, wenn sie Leute knipsen will, die zu abgelenkt sind, um sie zu bemerken. Sie macht ein Foto von einer Mutter mit drei Töchtern, die in ein Schaufenster vertieft sind. Alle tragen die gleichen pinkfarbenen Caprihosen und knallweißen Tennisschuhe. »Team Capri«, flüstert sie mir zu.

Fast hätte sie mich zum Lächeln gebracht. Ich stelle fest, dass ich tatsächlich Spaß habe, und genau in dem Moment entdecke ich eine bekannte Gestalt am Ende des Häuserblocks. Im Schatten einer Markise steht mein früherer bester Freund neben einer langbeinigen Blondine. Er winkt und ich presse die Lippen zusammen. Eigentlich sollte ich nicht überrascht sein. Schließlich weiß ich, dass Brandon Stack immer noch in Phoenix wohnt. Er hat ein Stipendium der Uni Arizona bekommen, um dort Baseball zu spielen. Ich atme scharf aus und gehe auf ihn zu. Brandon stößt zur Begrüßung seine Faust gegen meine.

»Hey, Mann, cool dich zu sehen«, sagt er. Ich nicke, auch wenn ich seine Begeisterung nicht teile. Das Timing könnte kaum mieser sein. Natürlich kann Brandon nichts dafür, dass seine bloße Anwesenheit mich daran erinnert, woraus mein Leben gerade besteht und vor allem, was darin fehlt. Ich habe eine Menge Zeit damit verbracht, meine Vergangenheit sorgfältig zu verpacken, zu verschnüren und luftdicht zu versiegeln. Das fertige Paket habe ich im hintersten Winkel meines Bewusstseins verstaut, doch Brandons Anblick lässt es wieder aufplatzen, sodass die Erinnerungen herausquellen und mir vor die Füße fliegen.

Dylan lehnt im Schatten der Häuserwand neben der blonden Sexbombe. Sie sieht aus wie ein zerrupftes Straßenkind, das sich in die glitzernde Promiwelt verirrt hat.

»Oh«, sagt Brandon, »das hier ist Kim, meine Freundin.« Ich halte ihr die Hand entgegen. Kim schüttelt sie schlaff und blickt immerhin für eine Sekunde von ihrem Handy hoch. Ihr Lächeln entblößt strahlend weiße Zähne zwischen rosig schimmernden Lippen, und ihre blauen Augen schauen mich unter einer dicken Schicht von schwarzem Mascara an. Ich kann nur glotzen. Diese Reaktion ist ganz natürlich, schließlich habe ich männliche Hormone, und Kim steckt in so wenig Kleidung, als wolle sie unbedingt von Victoria’s Secret entdeckt werden. Sie sieht aus wie das globalisierte Schönheitsideal höchstpersönlich. Platinblond. Brüste wie Medizinbälle, die ihr fast aus dem knallblauen Top fallen. In ihrem gebräunten Nabel steckt ein Piercing-Ring. Sie wäre das perfekte Motiv für ein Playboyplakat und das weiß sie auch. Was bedeutet, dass ein Normalsterblicher sich gar nicht erst zu bemühen braucht. Früher war Brandon mit Mädchen zusammen, die wie Jungs herumliefen und vor allem einen schrägen Sinn für Humor hatten. Er hat immer behauptet, auf das Aussehen käme es nicht an. Kim ist der Beweis dafür, dass er zum Massengeschmack übergelaufen ist.

Wir haben seit Monaten nicht mehr miteinander gesprochen. Aber ich muss ihn nur anschauen und weiß, dass sein Leben völlig unverändert weitergegangen ist (abgesehen von dem Supermodel an seiner Seite). Ihm ist immer alles zugeflogen und deshalb fehlt ihm der nötige Antrieb, um Neues zu wagen. An unserer Highschool war er der Star der Baseballmannschaft und der König des Abschlussballs. Charisma, blendendes Aussehen, gute Noten … Alle lagen ihm zu Füßen. Wenn die Gerüchte stimmen, soll er schon ab dem ersten Semester für seine Uni als Baseball-Shortstop antreten.

Ich mache ihn mit Dylan bekannt und sie nickt mit einem schrägen Grinsen, gibt ihm aber nicht die Hand. Stattdessen vergräbt sie die Finger in den Hosentaschen und schaut mit aufmerksamen, schmalen Augen zwischen Brandon und mir hin und her.

Brandon lässt seinen Blick an ihr herunterwandern. Als er sich wieder mir zuwendet, hebt er eine skeptische Augenbraue. Ich kann es ihm nicht verdenken. Dylans Klamotten sehen aus, als käme sie gerade von der Gartenarbeit und in Phoenix definieren sich nun einmal alle über ihr Outfit. Dann wird Brandons Miene ernst und mein Magen zieht sich zusammen. Oh, nein. Hoffentlich fängt er nicht damit an. Nicht gerade jetzt.

Dylan

Ich lehne an der Hauswand und schaue zu, wie die Spannung zwischen Brandon und Gray wächst, bis man sie fast mit Händen greifen kann.

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