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Dying for You - Gefangen im Albtraum

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

 

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich
der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen

sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

Beverly Barton

Dying for You – Gefangen im Albtraum

Roman

 

 

Aus dem Amerikanischen von

Gisela Schmitt

 

 

 

Dieses Buch widme ich

meinen Leserinnen und Lesern,

allen voran denen,

die dieser Reihe über Jahre

die Treue gehalten haben.

Vielen Dank. Das bedeutet mir sehr viel.

PROLOG

Zum ersten Mal brachte Arturo Torres-Rios einen Mann um, als er vierzehn Jahre alt war. Mit siebzehn tötete er zum ersten Mal eine Frau und mit zwanzig zum ersten Mal ein Kind. Dennoch gefiel es ihm nicht, wenn man ihn Mörder nannte. Er selbst verstand sich als Vollstrecker.

Mittlerweile war er zweiunddreißig Jahre alt. Arturo hatte sich im Laufe der Zeit viele nützliche Fähigkeiten antrainiert -Fähigkeiten, mit denen er sein Geld verdiente. Manchmal setzte er sie allerdings auch zu seinem Vergnügen ein. Als Auftragskiller hatte er wenig Konkurrenz. Er bevorzugte Aufträge, bei denen er wenig oder gar keinen persönlichen Kontakt mit dem Opfer haben musste. Doch ab und zu, wenn die Bezahlung stimmte, ließ er sich durchaus auch als Folterer, Kidnapper oder Dieb engagieren.

Er mochte die US-Amerikaner nicht. Erst recht nicht, wenn sie Ölfirmen in Südamerika gründeten und mit der Regierung seines Heimatlandes Abkommen schlössen. Das kleine Land Ameca besaß große Ölvorkommen. Der überwiegende Teil der Bevölkerung lebte jedoch in Armut, so wie auch Arturo als Kind in Armut gelebt hatte. Es war allgemein bekannt, dass er die Gringos nicht mochte, und dennoch wurde er immer wieder auch von Amerikanern angeheuert, um für sie ihre schmutzigen Geschäfte zu erledigen. Mit seinen Auftraggebern hatte er jedoch nie persönlich Kontakt. Dafür gab es Josue Soto. Er war Rechtsanwalt und ein langjähriger Freund von Arturo. Er fungierte als Mittelsmann und managte alle Jobs für ihn. Und Josue war die zehn Prozent Anteil wert, die Arturo an ihn abdrückte. Seinem Freund aus Kindertagen konnte er vertrauen.

Sie trafen sich nie in Josues Büro oder bei ihm zu Hause und auch nicht bei Arturo. Immer, wenn ein Geschäft anstand, trafen sie sich in der alten Missionskirche in Puerto Colima, ihrem Heimatdorf.

„Wenn du den Auftrag annimmst, bekommst du eine Viertelmillion Dollar sofort, eine weitere Viertelmillion gibt es nach Abschluss von Phase eins und die restlichen anderthalb Millionen, wenn der Auftrag erledigt ist“, erklärte Josue ihm.

„Zwei Millionen Dollar sind ein verlockendes Angebot.“

„Und du musst dir nicht einmal selbst die Hände schmutzig machen. Du musst nur alles überwachen und dafür sorgen, dass nichts schiefgeht. Ich bin sicher, du kannst das richtige Team für einen solchen Auftrag zusammenstellen.“

„Ist der Auftraggeber aus den USA oder aus Ameca?“, wollte Arturo wissen.

Josue seufzte schwer. „Warum fragst du? Du weißt doch, dass es besser für dich und für den Kunden ist, wenn keine Fragen gestellt werden. Das ist für alle sicherer.“

Arturo lächelte. Josue hatte recht. Es spielte keine Rolle, wer seine Dienste in Anspruch nehmen wollte. Schließlich konnte jeder ihn buchen; Arturo war auf dem freien Markt verfügbar. „Vergiss einfach, dass ich gefragt habe.“

„Dir bleibt knapp ein Monat Zeit für die Vorbereitung. Alles muss am fünfzehnten September fertig sein. Den genauen Ort und Zeitpunkt kannst du wählen, aber die eigentliche Zeitspanne, die dir bleibt, ist nur kurz, maximal ein paar Tage.“

„Das ist kein Problem.“ Arturo betrachtete den dünnen Ordner, den Josue in der Hand hielt. „Und da drin finde ich alle Informationen und weitere Instruktionen?“

Josue nickte.

Arturo nahm den Ordner, öffnete ihn und las sich die drei Seiten mehrmals durch. Dann gab er den Ordner seinem Freund zurück. Er hatte es sich beigebracht, relevante Daten sofort abzuspeichern und die Information einzig in seinem Kopf aufzubewahren. Das war die sicherste Methode. Keine schriftlichen Beweise.

„Dann kann ich heute noch mit dem Auftraggeber Kontakt aufnehmen und ihm bestätigen, dass wir den Auftrag angenommen haben?“

„Ja. Und sag ihnen, sie sollen das Geld sofort auf unser Konto überweisen. Sobald das geschehen ist, werde ich einen todsicheren Plan entwerfen und mir ein perfektes Team zusammenstellen.“

„Es soll niemand sterben“, erinnerte Josue ihn. „Erst, wenn explizit die Anweisung dazu gegeben wird.“

Arturo und Josue erhoben sich aus der hölzernen Kirchenbank und schüttelten sich die Hände. Josue ging als Erster und verließ die Kirche durch die vordere Tür. Arturo benutzte den Seitenausgang. Draußen setzte er seine Sonnenbrille auf und ging, nachdem er sich auf der mit Müll übersäten Straße mehrfach umgesehen hatte, rasch zu seinem Wagen, den er zwei Häuserblocks entfernt abgestellt hatte.

1. KAPITEL

Daisy Holbrook bildete sich etwas darauf ein, ihre Aufgabe als Büroleiterin der Dundee Private Security and Investigation Agency mit Kompetenz und Raffinesse zu erledigen. Sie war immer bei allen Fällen gleichzeitig auf dem Laufenden. Zurzeit koordinierte sie zwanzig Agenten, mehrere freie Mitarbeiter und sechs Büroangestellte. Dundee Private Security and Investigation Agency wickelte Aufträge innerhalb und außerhalb der Vereinigten Staaten ab und galt als eine der besten in der Branche. Der Inhaber der Sicherheitsagentur, Sam Dundee, schaute zwar nur einmal im Jahr in der Zentrale in Atlanta vorbei; in besonders dringenden Fällen jedoch war er telefonisch jederzeit erreichbar. Als sein Geschäftsführer fungierte Sawyer McNamara. Er kümmerte sich um Personalentscheidungen und die Auftragsvergabe. Man konnte sagen: Er regierte Dundee mit eiserner Faust. Sein Wort war Gesetz. Viele der Agenten waren gut miteinander befreundet und trafen sich auch in ihrer Freizeit. Sawyer tat das nicht; er hielt professionelle Distanz zu seinen Angestellten. Keiner der Agenten mochte Sawyer wirklich, doch respektiert wurde er von allen. Bis auf Daisy zitterte das ganze Büro vor dem großen Boss, und alle weiblichen Angestellten waren heimlich in ihn verliebt. Daisy verstand, wieso. Sawyer wirkte nicht nur durch seine einschüchternde Art Respekt einflößend. Er besaß aufgrund seines guten Aussehens – er war groß und dunkelhaarig – einen gewissen Sex-Appeal, der dadurch noch gesteigert wurde, dass er sich kleidete wie ein Model aus der GQ. Als Daisy direkt nach dem College ihren Job bei Dundee antrat, war auch sie ein bisschen in ihn verliebt gewesen, das musste sie zugeben.

Aber das war lange vorbei.

Jetzt schaltete sie das Licht an, vergewisserte sich, dass das Reinigungspersonal die einzelnen Büros in perfektem Zustand hinterlassen hatte, und stellte zwei Kannen Kaffee in den Konferenzraum. Plötzlich erinnerte sie sich wieder an ihren ersten Tag im Büro, damals, vor acht Jahren. Nervös war sie gewesen und unsicher, doch entschlossen, ihr Bestes zu geben. Zwei Jahre darauf war die damalige Büroleiterin dann in Ruhestand gegangen und ihre Stelle frei geworden. Für Daisy war es eine absolute Überraschung gewesen, als ihr diese Position anvertraut worden war.

„Sie sind intelligent, arbeiten effizient und können einen kühlen Kopf bewahren“, hatte Sawyer zu ihr gesagt. „Noch dazu können Sie in hochhackigen Schuhen anständig laufen und geraten auch nicht in teenagerhafte Verzückung, wenn ich mit Ihnen spreche.“

Nach acht Jahren bei Dundee kannte man Daisy unter dem Spitznamen „Miss Multitasking“ – und darauf war sie stolz. Inzwischen war sie den meisten Agenten freundschaftlich verbunden, mit einigen sogar eng befreundet, und ein ganz bestimmter Agent hatte schon vor Jahren ihr Herz gestohlen. Bis auf den Mann selbst wusste jeder bei Dundee, dass Daisy in Geoff Monday verliebt war. Geoff war ehemaliger Offizier des Special Air Service, kurz SAS, einer britischen Spezialeinheit. Er galt als Casanova und überzeugter Junggeselle. Zudem war er noch fünfzehn Jahre älter als Daisy und behandelte sie gern wie seine kleine Schwester. Sie schien nichts anderes für ihn zu sein als ein guter Kumpel. Unerwiderte Liebe war einfach etwas Schreckliches!

Auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz sah Daisy auf die Uhr. Zehn nach acht. Sie war jeden Morgen pünktlich um acht Uhr da, eine Stunde vor allen anderen. Falls kein besonders dringender Fall vorlag, erschien ihr Chef normalerweise zwischen neun und zehn. Die Agenten, die keinen aktuellen Auftrag hatten, tauchten zu den unterschiedlichsten Zeiten auf. Gerade als Daisy bei ihrem Schreibtisch angekommen war, hörte sie, wie der Fahrstuhl stoppte. Offensichtlich kam da noch jemand früh zur Arbeit, entweder ihr Chef oder einer der Agenten.

Die Büroangestellten tauchten meist erst auf die letzte Minute auf.

Daisy sah den kurzen Gang hinunter und stellte fest, dass die Agentin Lucie Evans regelrecht aus dem Aufzug herausplatzte. Ihre lange, rotbraune Lockenmähne wippte bedrohlich auf und ab, während sie wütend in Daisys Richtung stapfte.

Oh-oh. Diesen Blick kannte Daisy. Lucie war stinksauer. Blitze schössen aus ihren dunklen Augen, ihre Wangen waren gerötet, ihr Schritt entschlossen. Diese Frau war wütend, total wütend – und es gab nur eine einzige Person, die sie in diesen Zustand versetzen konnte.

„Ist er schon da?“, knurrte sie, als sie vor Daisys Schreibtisch stand.

„Leider nicht.“

„Dann ruf ihn an und richte ihm von mir aus, dass er seinen Hintern hierherbewegen soll, und zwar so schnell, wie sein scheißteurer Mercedes fahren kann!“

„Handelt es sich um einen Notfall?“ Daisy wusste, dass sie Sawyer ohne triftigen Grund besser nicht zu Hause stören sollte.

„Oh ja, es handelt sich um einen Notfall!“, fauchte Lucie. „Der Notfall bin ich! Sag diesem Mistkerl, er soll innerhalb von zwanzig Minuten hier antanzen, denn sonst fange ich an, all die hübschen Bilder und Skulpturen in seinem Büro auseinanderzunehmen!“

„Lucie, du willst doch nicht wirklich ...“

„Doch, genau das.“ Lucie verzog den Mund zu einem boshaften Lächeln, an dem Daisy erkannte, dass sie es durchaus ernst meinte.

„Wenn du anfängst, in Mr. McNamaras Büro zu wüten, muss ich den Sicherheitsdienst rufen.“

„Ruf lieber Sawyer an“, sagte Lucie, während sie den Gang entlangrauschte. „Ich verspreche auch, dass ich innerhalb der nächsten zwanzig Minuten nichts anfassen werde.“

„Wo willst du hin?“

„Erst hole ich mir eine Tasse Kaffee, und dann warte ich im Büro des Big Boss.“

Daisy folgte Lucie in den Aufenthaltsraum. „Willst du mir nicht sagen, worum es geht? Sag mir doch erst mal, was los ist, und dann versuche ich ...“

Lucie sah sie an. „Was? Und dann versuchst du, mich zu beruhigen? Zwischen mir und Sawyer zu vermitteln? Sorry, Süße – aber diesmal nicht. Das übersteigt alles, was du zur Vermittlung tun oder sagen könntest.“

„In Ordnung. Dann rufe ich jetzt Mr. McNamara an und sage ihm, dass du hier bist und ganz außer dir vor Wut.“

„Sag ihm, er hat zwanzig Minuten.“

Daisy blieb in der Tür noch einmal stehen. „Bitte versprich mir, dass du so lange nichts kaputt machst!“

Lucie malte mit ihrem Zeigefinger ein X auf ihre Brust und sagte: „Ich schwöre.“

Auf dem Weg zurück zu ihrem Schreibtisch seufzte Daisy besorgt. Es war nicht das erste Mal, dass sich Lucie Evans so über Sawyer aufregte. Und sie hatte durchaus auch schon etwas kaputt gemacht, nämlich Sawyers kostbaren Waterford-Crystal-Briefbeschwerer. Was auch immer sie jetzt derart aufregte, musste schlimmer sein als alles bisher Dagewesene. In den acht Jahren, die sie jetzt bei Dundee arbeitete, hatte Daisy den Kampf zwischen Lucie und Sawyer mit derselben Faszination verfolgt wie alle ihre Kollegen auch. Keiner kannte die Gründe dafür, doch die Feindschaft zwischen den beiden war offenbar dazu ausgelegt, einen Dritten Weltkrieg auszulösen. Und trotzdem hatte bisher weder Sawyer Lucie gefeuert, noch hatte Lucie ihrerseits gekündigt. Daisy wusste, dass alle beide störrisch wie Maultiere sein konnten und keiner von beiden jemals freiwillig nachgeben oder auch nur einen Millimeter von seiner Position abrücken würde. Sawyer für seinen Teil schien regelrecht darauf zu warten, dass Lucie endlich ihre Kündigung einreichte, Lucie dagegen wartete offensichtlich darauf, dass Sawyer sie endlich rauswarf. Eine Pattsituation.

Wieder zurück an ihrem Arbeitsplatz, wählte Daisy Sawyers Privatnummer. Nach dem dritten Klingeln hob er ab.

„Guten Morgen, Daisy. Gibt es ein Problem?“

„Ja, Sir, bedauerlicherweise.“ Es grauste ihr davor, ihm zu sagen, worum es sich handelte. Üblicherweise reichte die Erwähnung von Lucies Namen aus, um Sawyers gute Laune in das genaue Gegenteil zu verkehren.

„Ich höre“, sagte er ungeduldig.

„Lucie Evans ist hier.“ Daisy wartete auf eine Reaktion.

„Miss Evans hat derzeit einen Auftrag. Hat sie Ihnen eine Erklärung dafür geliefert, warum sie den Kunden im Stich gelassen hat?“

„Nein, Sir. Sie hat den Kunden nicht erwähnt. Aber sie bat mich, Sie anzurufen und Ihnen auszurichten ...“ – hier räusperte sich Daisy – „... wenn Sie nicht binnen zwanzig Minuten im Büro wären, würde sie anfangen, es auseinanderzunehmen.“

„Rufen Sie sofort den Sicherheitsdienst und lassen Sie sie ... Nein, warten Sie. Sagen Sie ihr, ich komme. Und wenn sie auch nur eine Büroklammer angefasst hat, werde ich dafür sorgen, dass sie auf dem Polizeirevier landet.“

„Ja, Sir. Ich werde Miss Evans sofort informieren.“

Lucie saß in Sawyers Büro auf seinem vornehmen Ledersessel am Schreibtisch. Als Daisy hereinkam, drehte Lucie sich um und lächelte sie an.

„Und?“

„Mr. McNamara ist in zwanzig Minuten hier.“

Lucie nahm einen gläsernen Briefbeschwerer in die Hand, den Ersatz für das Original, das sie vor ein paar Jahren zerstört hatte.

„Versprich mir, dass du dich benimmst“, bat Daisy sie noch einmal und sah sie flehentlich an.

Lucie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, tippte auf das Zifferblatt und erwiderte: „In den nächsten zwanzig Minuten werde ich ganz brav sein.“

Sawyer schüttete den Inhalt seiner Tasse in den Ausguss, ließ kurz Wasser laufen und stellte die Tasse in den Geschirrspüler. Die Kaffeemaschine schaltete sich automatisch ab, also ließ er die halbvolle Kanne auf der Wärmeplatte stehen. Seine Haushälterin Mrs. Terrance würde gegen zehn Uhr kommen und saubermachen.

Er ging ins Schlafzimmer, zog eine Jacke über, nahm seine Aktentasche und ging raus zur Garage. Normalerweise brauchte er für die Strecke von zu Hause bis zur Dundee-Zentrale etwa dreißig Minuten. Heute Morgen musste er zehn Minuten schneller sein. Er kannte Lucie Evans lange genug, um zu wissen, dass sie nicht bluffte. Und er kannte auch Daisy Holbrook gut genug, um zu wissen, dass sie erst im allerletzten Moment den Sicherheitsdienst rufen würde. Das bedeutete, Lucie würde unter Umständen tatsächlich sein Büro auseinandernehmen, ohne dass die Security sie aufhalten konnte.

Er stieg in seinen Mercedes McLaren, eines seiner wertvollsten Besitztümer, aktivierte die Freisprechanlage und fuhr los. Als er im morgendlichen Berufsverkehr stand, wählte er eine Nummer, wurde aber nach dem sechsten Klingeln auf die Mailbox des Teilnehmers umgeleitet.

„Das ist die Mailbox von Lucie Evans. Ich kann Ihren Anruf im Augenblick nicht persönlich entgegennehmen. Wenn Sie mir Ihre Nummer hinterlassen, melde ich mich schnellstmöglich bei Ihnen.“

„Verdammt!“, stieß Sawyer hervor.

Natürlich. War ja klar, dass sie nicht ranging. Sie wollte, dass er litt.

Er versuchte es noch einmal. Wieder antwortete nur die Mailbox.

Als die Ansage endete, sagte er nur: „Fassen Sie irgendetwas in meinem Büro an, und ich informiere die Polizei!“

Lucie war gemeingefährlich. Er hätte sie schon vor sechs Jahren feuern sollen, als er die Geschäftsführung von Ellen Denby übernommen hatte. Eigentlich hatte er ja damit gerechnet, dass Lucie von sich aus kündigen würde. Aber – typisch Lucie: Sie hatte auf stur geschaltet und war bei Dundee geblieben. Sechs Jahre lang hatte sie alles nur Menschenmögliche getan, um von ihm gefeuert zu werden. Und er hatte im Gegenzug jede Gelegenheit genutzt, damit sie endlich die Kündigung einreichte.

Dabei war Lucie nicht einmal für diesen Job geeignet, weder jetzt noch damals. Warum sie angenommen hatte, sie würde eine gute FBI-Agentin abgeben, war ihm schleierhaft. Gut, sie war intelligent, mutig und entschlossen, aber es mangelte ihr am geeigneten Naturell. Sie war unberechenbar. Schon als Kind war sie nervös gewesen und gefühlsbetont.

Und doch gab es eine Zeit, als sie noch keine Feinde gewesen waren. Als Teenager hatte er genauso oft auf Lucie aufgepasst wie auf Brenden, seinen kleinen Bruder. Aber das war lange her. Eine Ewigkeit.

Sawyer rief kurz den Sicherheitsdienst des Gebäudes an, in dem die Agentur untergebracht war. Als einer der Diensthabenden abnahm, sagte Sawyer: „Sawyer McNamara am Apparat. Schicken Sie bitte jemanden hoch auf die sechste Etage zu Dundee. Er soll in mein Büro gehen und dort mit der Agentin Lucie Evans warten, bis ich da bin.“

„Wird gemacht, Sir. Gibt es Probleme?“

„Miss Evans hat damit gedroht, mein Büro kurz und klein zu schlagen, wenn ich nicht innerhalb der nächsten Viertelstunde eintreffe. Ich würde diese interne Angelegenheit ungern der Polizei übergeben, sondern mich lieber selbst darum kümmern.“

„Ist gut, Sir. Ich schicke sofort jemanden hoch.“

„Danke.“

Als Nächstes rief Sawyer den Kunden an, den Lucie ganz offensichtlich sitzen gelassen hatte: Taylor Lawson. Er hatte bei Dundee einen Bodyguard gebucht. Taylor Lawson war ein ehemaliger Fernsehstar, der seine Berühmtheit der Rolle des frechen jungen Weltraumkadetten in einem Science-Fiction-Drama verdankte, von dem vor zwanzig Jahren vier Staffeln gesendet worden waren. Nun hatte man ihn als Moderator für die diesjährige Science-Fiction-Convention der TV-Branche in Las Vegas engagiert.

„Ich will einen fähigen Bodyguard“, hatte Lawson gesagt. „Aber es muss eine Frau sein. Eine gut aussehende Frau, die ich als meine Freundin ausgeben kann.“

„Da habe ich genau die Richtige für Sie.“ Sawyer hatte sofort gewusst, dass Lucie diesen Auftrag verabscheuen würde. Und er übergab ihr, wenn möglich, immer nur Aufträge, die sie verabscheute.

„Wer ist denn da?“, bellte der Mann in diesem Moment ins Telefon. Sawyer war sofort klar, dass er Taylor Lawson geweckt hatte.

„Mr. Lawson, hier spricht Sawyer McNamara von Dundee Private Security and Investigation. Ich rufe Sie an bezüglich ...“

„Diese durchgeknallte Tante, die Sie mir geschickt haben, hat versucht, mich umzubringen“, knurrte Lawson. „Ich hätte guten Grund, Dundee und Sie und die Tussi zu verklagen!“

„Was genau ist denn passiert?“, erkundigte Sawyer sich.

„Wie gesagt: Sie hat versucht, mich umzubringen.“

„Und warum sollte Miss Evans das tun? Ihr Job war es, Sie zu beschützen.“

Lawson hustete mehrmals, dann murmelte er ein paar Unflätigkeiten. „Sie sollte sich als meine Freundin ausgeben. Unter dieser Voraussetzung habe ich sie engagiert, oder etwa nicht?“

„Ja, Sir, das ist korrekt.“

„Offensichtlich haben Sie ihr diesen Teil des Einsatzes nicht richtig vermittelt, denn sie weigerte sich strikt, diesen Part zu übernehmen.“

Sawyer überkam ein gewisser Verdacht. „Und was genau hat Miss Evans sich zu tun geweigert?“

„Sie hat sich geweigert, mit mir zu schlafen. Dabei lasse ich mir Ihre Dienste verdammt viel Geld kosten! Da will ich jeden Cent ja wohl ausnutzen! Aber als ich ihr sagte, sie solle sich ausziehen und sich ins Bett legen, hat sie sich einfach geweigert! Also hab ich die Sache selbst in die Hand genommen.“

Sawyer musste schlucken. „Und was heißt das genau?“

„Ich habe ihr eine geknallt, und da hat die blöde Schlampe mir einen Kinnhaken verpasst! Ich bin umgefallen und ...“

„Mr. Lawson. Dundee vermittelt Bodyguards, nichts anderes, verstehen Sie? Ich dachte, das hätte ich Ihnen bereits im Vorfeld klargemacht. Wenn Miss Evans sich gegen Übergriffe von Ihnen verteidigen musste, können Sie froh sein, dass Sie noch am Leben sind. Glauben Sie mir, die Lady ist durchaus in der Lage dazu, jemanden umzubringen.“

„Ich hätte gedacht, sie steht vielleicht darauf, von Lieutenant Jack Starr durchgevögelt zu werden – wie die meisten Frauen!“

„Das ist Ihr Problem. Und Lucie Evans ist nicht wie die meisten Frauen.“

„Wahrscheinlich eine von diesen Lesben, obwohl sie gar nicht so aussieht. Jedenfalls hätten Sie mich warnen müssen! Sie werden von meinen Anwälten hören, darauf können Sie sich verlassen. Die Schlampe hat mir die Nase und mehrere Rippen gebrochen. Und ein blaues Auge hat sie mir auch verpasst!“

„Falls Sie nicht möchten, dass Miss Evans Sie wegen versuchter Vergewaltigung anzeigt, würde ich mir an Ihrer Stelle das mit den Anwälten noch mal überlegen. Ich wünsche einen guten Tag, Mr. Lawson.“

Was für ein Scheißkerl! Dieser Expromi hatte doch tatsächlich versucht, Lucie zu vergewaltigen! Kein Wunder, dass sie so sauer war. Er hatte zwar geahnt, dass dieser Lawson ein widerlicher Typ war, aber er hatte auch gewusst, dass Lucie mit ihm fertig werden würde. War sie ja auch. Aber er hätte nie gedacht, dass der Mann versuchen würde, sie zu vergewaltigen.

Lucie beobachtete den Sicherheitsbeamten misstrauisch. Der Mann kann nichts dafür. Er macht nur seinen Job, tut das, was Sawyer ihm aufgetragen hat. Er soll auf mich aufpassen und dafür sorgen, dass ich meine Drohung nicht wahr mache und sein Büro in Kleinholz verwandle.

Im Grunde hatte sie gar kein Interesse daran, Sawyers teure Skulpturen und Gemälde zu zerstören, dazu liebte und schätzte sie gute Kunst selbst viel zu sehr. Aber das brauchte Sawyer ja nicht zu wissen. Gut, sie hatte ja auch schon mal in einer ihrer vielen Auseinandersetzungen seinen kostbaren Briefbeschwerer kaputt gemacht, aber der war ja auch kein Unikat. Jetzt stand exakt an derselben Stelle der gleiche Briefbeschwerer. Auf keinen Fall würde sie eins seiner Salvatore-Fiume- oder Marino-Marini-Stücke beschädigen oder eins seiner Charles-Ginneroder Clare-Avery-Bilder zerstören. Das war schon etwas, das sie an Sawyer schätzte: seinen guten Geschmack, ganz egal, ob es um Kunst, Musik, Essen oder Sport ging. Er war ein Mann, der die schönen Dinge des Lebens zu schätzen wusste und so gut es ging auch genoss. Er besaß eine gewisse weltmännische Raffinesse und tarnte den urzeitlichen Krieger in ihm mit edlen Reuben-Alexander-Anzügen.

Lucie wusste, wie knallhart und rücksichtslos er sein konnte. Sie hatte ihn mehrfach in Aktion erlebt und in den vergangenen neun Jahren seine kalte, unbarmherzige Rachsucht am eigenen Leib erfahren. Zunächst hatte sie noch gehofft, die Zeit würde seine inneren Dämonen irgendwann zum Schweigen bringen – doch sie hatte sich geirrt. Wie Jane Austens Mr. Darcy gab auch Sawyer einem keine zweite Chance, wenn man sich seine Sympathien verspielt hatte. Doch trotz allem und obwohl sie ihn dafür hasste, wie er sie behandelt hatte – und wie sie sich von ihm hatte behandeln lassen –, trug sie noch ein kleines Funkchen Hoffnung in sich. Eines Tages würde Sawyer McNamara ihr verzeihen. Doch bevor er dazu bereit sein konnte, müsste er erst einmal sich selbst verzeihen.

Nein, sie würde seinen teuren Kunstwerken nichts antun. Wäre da nicht dieser Mann vom Sicherheitsdienst, wäre ihr jedoch sicher etwas eingefallen, um Schaden anzurichten. Vielleicht hätte sie einfach alle Sachen, die auf dem Schreibtisch lagen, auf den Fußboden gefegt? Sie hätte auch sein Laptop aus dem Fenster werfen können. So ein Sturz aus dem sechsten Stock auf Beton ...

„Er muss gleich hier sein“, unterbrach Daisy Holbrook ihre Gedanken und die angespannte Stille. „Möchte vielleicht jemand einen Kaffee? Oder einen Muffin?“

„Nein, danke, Ma’am“, antwortete der pflichtbewusste junge Mann vom Sicherheitsdienst.

„Für mich auch nicht, danke.“ Lucie warf Daisy ein „Keine Sorge“-Lächeln zu.

„Dann gehe ich mal wieder.“ Daisy sah Lucie an. „Falls du nachher jemanden zum Reden brauchst: Ich gehe heute früher in die Pause.“

„Okay. Ich komme bei dir vorbei, bevor ich gehe.“

Daisy versuchte zu lächeln, doch es misslang. Lucie mochte sie wirklich sehr, und zwischen den beiden hatte sich im Lauf der Jahre eine enge Freundschaft entwickelt, obwohl sie sieben Jahre älter war als Daisy. Aber das machte bei Frauen über einundzwanzig nicht wirklich etwas aus. Mit zehn und siebzehn wäre das etwas anderes. Aber mit neunundzwanzig und sechsunddreißig waren sie im Prinzip gleich alt.

Die Minuten verstrichen. Lucie saß an Sawyers massivem Schreibtisch und wippte ungeduldig mit dem Fuß oder trommelte mit den Fingern auf die Schreibtischplatte. Sie sah auf die Uhr. Mittlerweile war es einundzwanzig Minuten her, dass Daisy ihn angerufen hatte. Falls sie nicht völlig danebenlag mit ihrer Einschätzung, müsste er jetzt bald auftauchen.

Mach dich bereit, Luciel Es war klar, dass dieser Tag irgendwann kommen würde. Wenn du dieses Büro ohne den Verlust deiner Würde verlassen willst, halte deine Gefühle unter Kontrolle. Und egal, was du tust: Fang nicht an zu heulen! Fang um alles in der Welt nicht an zu heulen!

Dreiundzwanzig Minuten, nachdem Daisys Anruf ihn erreicht hatte, betrat Sawyer die Räumlichkeiten von Dundee. Daisy sprang auf und lief ihm entgegen, während er den Weg zu seinem Büro einschlug.

„Sie hat nichts angerührt“, versicherte Daisy ihm. „Der Wachmann lässt sie nicht aus den Augen.“

Sawyer blieb stehen, tätschelte Daisys Arm und sagte beruhigend zu ihr: „Alles in Ordnung. Ich habe gerade persönlich mit dem Kunden gesprochen und weiß, warum Lucie ihren Auftrag sofort abgebrochen hat. Ich werde jetzt in Ruhe mit ihr sprechen.“

„Sie war supersauer, als sie hier ankam. Aber jetzt ist sie ganz ruhig. Viel zu ruhig.“

„Ich denke, wir müssen uns keine Sorgen machen, solange Lucie nicht bewaffnet ist.“

Daisy schluckte. „Ich befürchte nur, das ist sie.“

Sawyer musste ein Grinsen unterdrücken. „Sie wird mich schon nicht erschießen! Wenn sie das vorhätte, hätte sie das schon längst getan.“

„Ja, Sir. Da haben Sie sicher recht.“

Die Tür zu seinem Büro war offen, der Sicherheitsmann stand ein paar Schritte im Raum. Sawyer räusperte sich. Der junge Mann drehte sich um, sah ihn und schien sich sofort zu entspannen. Sawyer betrat das Büro, schüttelte dem Mann die Hand und sagte ihm, er könne jetzt gehen.

„Vielen Dank“, fügte er hinzu, während er seinen Blick durch den Raum schweifen ließ und feststellte, dass alles noch an seinem Platz war. „Ab jetzt übernehme ich.“

Sobald sie allein waren, schloss Sawyer die Tür und wandte sich der Frau zu, die ihm seit neun Jahren das Leben zur Hölle machte.

Lucie erhob sich zu ihrer vollen Größe von einem Meter achtzig und sah ihn voller Verachtung an. Ihr langes lockiges Haar hing ihr unordentlich über die Schulter. Offensichtlich hatte sie darauf verzichtet, ihr Make-up zu erneuern und war sich nur mal kurz mit den Fingern durch die Haare gegangen. Von ihrem Eyeliner war fast nichts mehr zu sehen, und was man sah, war verschmiert. Ihre Lippen waren nicht geschminkt.

Jetzt ging sie um den Schreibtisch herum und funkelte Sawyer wütend an. Sie war beinahe genauso groß wie er. Er bemerkte die Ausbeulung ihrer Waffe unter ihrem grauen Baumwollblazer, den sie zu einem weißen T-Shirt und einer ausgebleichten Jeans trug.

„Ich weiß Ihre Warnung wirklich zu schätzen“, setzte Sawyer an. „Sie hätten auch einfach hier reinstürmen und ein Chaos veranstalten können, noch bevor Daisy Sie davon hätte abhalten können.“

„Glauben Sie mir, ich habe kurz daran gedacht. Auf dem Flug von Vegas hierher habe ich mir nicht nur vorgestellt, wie ich Ihr Büro auseinandernehme, sondern ich habe auch diverse Pläne entworfen, wie ich Sie ermorden und damit davonkommen kann.“

„Ich verstehe Ihre Wut voll und ganz.“

Sie sah ihn überrascht an. „Ach ja?“

„Ich habe gerade mit Taylor Lawson gesprochen. Er hat mir erzählt, was passiert ist. Es tut mir leid, Lucie. Ich konnte ja nicht ahnen ...“

„Papperlapapp! Jetzt sagen Sie bloß, Sie hätten nicht gewusst, welchen Ruf dieser Typ hat, als Sie mich ihm als Bodyguard zugeteilt haben! Nein, es war Ihnen einfach vollkommen egal, welchen Zumutungen mich das aussetzen würde! Das ist Ihnen ja immer vollkommen egal! Ihnen geht es darum, mir möglichst miese Aufträge zuzuteilen. Je mieser, desto besser. Aber diesmal haben Sie sich selbst übertroffen, Mr. McNamara!“

Er begutachtete sie vom Scheitel bis zur Sohle. „Sie sehen mir aber nicht besonders mitgenommen aus.“

„Ach nein?“ Sie lüftete ihr T-Shirt so weit, dass er ihren weißen Spitzen-BH und die blauen Flecken auf ihren Brüsten sehen konnte. „Hübsch, nicht wahr?“

„Lucie ...“

„Wollen Sie die anderen auch noch sehen? Die auf meinem Hintern und auf meinen Hüften?“

„Es tut mir leid, dass die Sache aus dem Ruder gelaufen ist. Aber ich habe keinen Augenblick daran gezweifelt, dass Sie dem Typen gewachsen sind. Schließlich sind Sie ein ausgebildeter Profi.“

Sie zischte wie eine Schlange kurz vor dem Angriff. „Scheißkerl! Sie herzloser, gleichgültiger, unversöhnlicher Scheißkerl!“

Dann holte sie aus und knallte ihm eine. Die Wucht ihrer flachen Hand ließ ihn kurz nach hinten taumeln. Die Lady hatte wirklich Feuer. Er starrte sie an, merkwürdig überrascht von ihrer körperlichen Attacke.

„Ich habe mir diesen Mist neun Jahre lang gefallen lassen“, fuhr sie mit trügerisch ruhiger Stimme fort. „Ich habe alles für Sie getan. Ich habe jeden Auftrag angenommen, ganz egal, wie unangenehm, dumm oder erniedrigend er für mich war. Ich habe angenommen ... Ich hatte die Hoffnung, Sie würden mir eines Tages die Chance geben, alles zu erklären. Dass Sie sich eines Tages meine Seite der ...“

„Es gibt nichts zu erklären. Es gibt nicht Ihre Seite oder meine Seite. Wir wissen beide, was geschehen ist und warum. Und meinen Sie im Ernst, Sie wären die Einzige, die hier seit neun Jahren die Hölle durchmacht? Oh nein, meine Liebe. Das geht mir ganz genauso!“

„Das freut mich zu hören!“

Der Abstand zwischen ihnen betrug gerade mal einen halben Meter. Sie starrten einander wütend und misstrauisch an.

„Aber heute ist Ihr Glückstag!“, fuhr sie fort. „Ich werde Ihnen jetzt etwas sagen, worauf Sie schon lange warten.“

Er sah sie zweifelnd an. „Was soll das bedeuten?“

„Mr. McNamara, ich kündige. Ich reiche es schriftlich nach, aber bitte betrachten Sie das hier als meine offizielle Kündigung.“

2. KAPITEL

„Cara, Schatz, hörst du mir überhaupt zu?“, fragte Grayson Perkins.

„Wie bitte?“ Sie hatte gar nicht auf Gray geachtet. Zu sehr war sie damit beschäftigt, Bain Desmond zu beobachten, der drei Tische weiter saß. Sie hasste es, wie er seine Begleiterin anstrahlte. Am liebsten würde sie der hübschen Brünetten die Augen auskratzen.

„Ich sagte, wir müssen deine Reise nach Ameca jetzt endlich in trockene Tücher packen.“

„Ameca?“

„Geht es dir gut? Du scheinst heute Nachmittag irgendwie nicht ganz du selbst zu sein.“

Cara Bedell zwang sich dazu, den Blick von dem gut aussehenden Lieutenant vom Chattanooga Police Department und seinem Flittchen abzuwenden und ihrem Schwager zuzuhören. Exschwager, um genau zu sein. Grayson Perkins war mit ihrer Halbschwester Audrey verheiratet gewesen.

„Alles bestens. Ich habe nur gerade so viel um die Ohren.“ Und das bedeutete im Klartext: Lieutenant Desmond im Auge zu behalten. Sie ging nur deshalb jeden Freitag zum Lunch ins Hair of the Dog, weil sie wusste, dass Bain auch da sein würde. Und das war ihre einzige Chance, ihn zu sehen, wenn auch nur aus der Entfernung.

„Wenn du Probleme oder Sorgen hast und darüber sprechen willst: Du weißt, ich habe immer ein offenes Ohr für dich.“ Grayson nahm ihre Hand. „Du weißt doch, wie gern ich dich habe.“

Sie zog ihre Hand weg. „Ich habe nichts. Wirklich.“ Jetzt sah sie Gray direkt an. Der Mann sah zu gut aus, war zu sonnengebräunt, zu hübsch, zu elegant – fast wie ein Filmstar aus längst vergangenen Zeiten. Aus den Zeiten, als die Generation ihrer Großmutter bei Matineen von ihren Leinwandidolen schwärmte. „Aber du hast recht. Wir sollten über meine Reise nach Ameca sprechen.“

„Gut, gut. Dir ist ja klar: Wenn es dir gelingt, entweder mit Senor Delgado oder mit Senor Castillo ins Geschäft zu kommen, wirst du ein für alle Mal allen beweisen, dass du Edward Bedells Tochter bist.“

Cara bedachte ihn mit einem halbherzigen Lächeln. Sie wusste, dass er das als Kompliment gemeint hatte. Ihr Vater Edward Bedell war ein Genie gewesen, wenn es darum ging, Geld zu machen – genau wie die Generationen von Bedells vor ihm. Doch die männliche Linie der Bedells hatte mit ihrem Vater geendet. Sie war die letzte Bedell. Und seit sie vor ein paar Jahren die Leitung von Bedell, Inc. übernommen hatte, versuchte sie, nicht nur Geld zu machen, wie es ihre Familie seit über hundert Jahren getan hatte. Sondern auch, der Gesellschaft etwas zurückzugeben.

Der bevorstehende Geschäftsabschluss versprach den Vereinigten Staaten die Erschließung einer neuen Ölquelle und Bedell, Inc. sowie der noch zu wählenden Ölfirma aus Ameca ein Riesengeschäft in Höhe von mehreren hundert Millionen Dollar. Wenn es allein nach Cara ginge, würde sie ein Viertel des Gewinns wieder in Ameca investieren. Das Land war sozusagen zweigeteilt: in Gewinner, die alles hatten, und Verlierer, die nichts besaßen. Die, die alles hatten, machten gerade einmal drei Prozent der Bevölkerung aus, gaben aber in dem kleinen südamerikanischen Land den Ton an. In Ameca gab es zwei große Erdölproduzenten: Delgado Oil und Castillo, Inc. Beide waren darauf aus, mit Bedell, Inc. ins Geschäft zu kommen. Doch Cara tendierte zu Delgado, weil Felipe Delgado sein Land und die einheimische Bevölkerung nicht egal waren. Sämtliche Informationen, die sie über beide Firmen hatte, verdankte sie übrigens Lexie Murrough-Bronson, der Vorsitzenden der internationalen Wohltätigkeitsorganisation Helping Hands, einer Stiftung von Bedell, Inc. Lexie hatte ihre Hausaufgaben gemacht und Cara schon vor ein paar Monaten alle relevanten Fakten mitgeteilt.

„Das Treffen mit Senor Delgado ist für Mitte September geplant“, rief Gray ihr in Erinnerung. „Das heißt, du hast nur drei Wochen Zeit, um dich mit sämtlichen Zahlen und Fakten vertraut zu machen und mich einzuarbeiten für die Zeit, in der du nicht da sein wirst. Außerdem musst du noch entscheiden, ob du dich vor Ort vielleicht nicht doch noch mit Senor Castillo treffen möchtest.“

„Du findest also immer noch, ich soll auch Tomas Castillo treffen.“

Gray nickte. „Du könntest dir wenigstens anhören, was er anzubieten hat. Du bist es unseren Gesellschaftern schuldig, den bestmöglichen Deal für Bedell, Inc. herauszuholen.“

Cara seufzte resigniert. „Ich weiß ja, dass du recht hast. Nur ... wenn stimmt, was man so über Castillo sagt, kann ich das nicht einfach ignorieren. Aber falls es zu einem Treffen kommt, kann ich unserem Vorstand wenigstens mitteilen, dass ich mit den Chefs beider Ölfirmen Gespräche geführt habe. Das sollte sie hinreichend zufriedenstellen.“

Gray nahm wieder ihre Hand, führte sie an die Lippen und küsste sie. „Ich werde dich schrecklich vermissen, wenn du weg bist. Aber einer muss ja hierbleiben und dafür sorgen, dass Bedell nicht untergeht!“

Sie zappelte mit ihrer Hand, um sie Grays festem Griff zu entziehen. Er drückte sie sanft und sah ihr dabei sehnsüchtig in die Augen.

„Du weißt, dass ich dich anbete, Cara. Wann wirst du mich von meinem Elend erlösen und mich heiraten?“

Oh Gott! Nicht schon wieder! Seit Monaten verfolgte Gray sie und flehte sie an, ihn zu heiraten. Ein Jahr nach Audreys Tod hatte er damit angefangen und sie mindestens ein Mal im Monat gebeten, seine Frau zu werden. Im zweiten Jahr hatte er sich zurückgezogen und die Situation neu überdacht – und ihr nur drei Anträge gemacht. Im Laufe der Zeit war seine Strategie feiner geworden, und er fragte sie nur noch drei Mal pro Jahr. Eigentlich hatte Cara gehofft, er würde irgendwann ganz aufgeben und ihr Verhältnis endlich als das akzeptieren, was es war: eine auf Familienbanden basierende Freundschaft und Geschäftsbeziehung. Doch vor ein paar Monaten hatte er ihr erneut seine unsterbliche Liebe geschworen und sie seitdem keinen Moment in Ruhe gelassen.

Endlich gelang es Cara, ihre Hand loszumachen. Sie mochte Gray, und merkwürdigerweise tat er ihr leid. Sie wusste, dass er sie nicht liebte. Er hatte ihre Halbschwester zu Anfang ihrer Ehe sicher geliebt, aber tatsächlich existierte für Grayson Perkins nur eine Person, die er wirklich liebte: er selbst. Seine Liebe zu den Bedell-Schwestern gründete sich auf seine Liebe zu ihrem Vermögen. Trotzdem: Er war Teil der Familie. Für ihren Vater war er wie ein Sohn gewesen, und vor langer Zeit, als sie noch jung und dumm gewesen war, hatte Cara einmal geglaubt, in Gray verliebt zu sein. Und deshalb hatte sie trotz allem, was sie an ihm störte, etwas übrig für ihn, und daran würde sich auch nichts ändern. Außerdem war er ein hervorragender Geschäftsmann und daher ein absoluter Gewinn für ihr Unternehmen. Aber er hatte ja auch bei ihrem Vater gelernt.

Warum konnte das Bedellsche Vermögen nur Bain Desmond nicht locken? Warum würde sie vermutlich jeden Mann haben können – oder eher: kaufen können –, nur nicht den, den sie liebte?

Sie sah sich um. Bain und seine Verabredung waren im Begriff zu gehen. Ihr entging kein Detail von seiner Begleiterin. Sie war etwa eins sechzig groß, schlank, zart und absolut weiblich.

„Cara, Schatz.“ Gray wartete auf eine Antwort.

Wie oft musste sie noch Nein sagen? Oder sollte sie ihm direkt ins Gesicht sagen, dass sie ihn niemals heiraten würde, auch wenn er der letzte Mann auf der Welt wäre? Sie wollte ihm ja nicht wehtun.

Ihr lag der Satz Nein, Gray. Ich mag dich, aber ich werde dich nicht heiraten schon auf der Zunge. Doch bevor sie etwas sagen konnte, näherte sich jemand ihrem Tisch. Als sie den Blick von Gray abwandte, stellte sie fest, dass es Bain und seine Begleiterin waren. Ihr Herz tat einen Sprung, weil er plötzlich so nah war. Würde sie jetzt die Hand ausstrecken, könnte sie ihn berühren.

„Guten Tag“, sagte Bain. Mit völlig emotionsloser Miene sah er von Cara zu Gray und wieder zurück zu Cara. „Wie geht es Ihnen, Miss Bedell?“

„Sehr gut, Lieutenant. Und Ihnen?“

„Kann mich nicht beschweren.“ Er fasste seine Begleitung am Ellbogen. „Miss Bedell, Mr. Perkins. Wenn ich Ihnen meine Schwester vorstellen darf, Mary Ann Nelson.“

Seine Schwester! Cara konnte ihre Freude kaum verbergen. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und Mary Ann um den Hals gefallen!

Gray erhob sich und nickte Bains Schwester höflich zu. „Sehr erfreut, Miss Nelson.“

„Ganz meinerseits“, erwiderte Mary Ann.

Cara lächelte die Frau warmherzig an. „Schön, Sie kennenzulernen.“

Mary Ann erwiderte das Lächeln. „Bain spricht in den höchsten Tönen von Ihnen, Miss Bedell. Deshalb freue ich mich, dass ich Sie endlich mal persönlich kennenlerne.“

Offensichtlich hatte Bain seiner Schwester etwas erzählt. Aber was genau? Da ist diese Milliardärserbin, auf die ich scharf bin. Aber weil ich so ein altmodischer Machotyp bin, könnte ich mich niemals ernsthaft auf sie einlassen. Gott bewahre, am Ende würde ich sie heiraten und ihren luxuriösen Lebensstil ertragen müssen! Oh nein, ich finde, in einer Beziehung sollte der Mann die Brötchen verdienen und die Hosen anhaben.

„Bleiben Sie lange in Chattanooga?“, erkundigte sich Cara.

„Nur übers Wochenende. Keith und ich sind mit den Kindem da, und wir wollen uns die Sehenswürdigkeiten ansehen. Im Moment ist Keith mit ihnen im Aquarium, sodass ich mich mit meinem Bruder mal in Ruhe austauschen kann. Und morgen wollen wir nach Rock City und mit der Bergbahn fahren.“

Wäre sie mit Bain zusammen, würde Cara seine Schwester samt Familie zum Abendessen bei ihr zu Hause einladen. Ach was, sie würde sie einladen, bei ihr zu wohnen! Auf dem Anwesen der Bedells war wirklich Platz genug.

„Ich muss in einer Viertelstunde wieder im Präsidium sein“, erinnerte Bain seine Schwester.

Mary Ann lächelte Cara noch einmal mit einem Blick an, der ihr sagte: Ich weiß, wie viel Sie Bain bedeuten.

Bain und Cara sahen sich nur für eine Millisekunde in die Augen, und doch war das lang genug, um ein angenehmes Prickeln entstehen zu lassen. Dann war der Moment vorbei, und Bain und seine Schwester verließen das Lokal. Als Gray wieder Platz nahm, sah er, wie Cara Bain hinterherblickte.

„Er ist der Grund dafür, warum wir jeden Freitag hier zu Mittag essen, hab ich recht?“ Gray klang leicht gereizt. „Seit er aufgetaucht ist, um das Verschwinden und den Mord an Audrey zu untersuchen, haben sich deine Gefühle für mich verändert.“

„Ich werde nicht mit dir über Bain Desmond sprechen.“

„Und wieso nicht? Es ist ja wohl mehr als sonnenklar, dass er der Grund dafür ist, warum du mich nicht heiraten willst!“ Gray schüttelte angewidert den Kopf. „Ich werde nie verstehen, was du an diesem ungehobelten Klotz findest! Noch dazu scheint er ganz offensichtlich deine Gefühle nicht zu erwidern. Ich finde es reichlich albern, wie du ihn anschmachtest. Ich hätte eigentlich erwartet, dass du ein bisschen mehr Stolz und Selbstachtung besitzt und ...“

„Es reicht, Gray.“

„Tut mir leid, wenn ich ...“

„Meine Gefühle für Lieutenant Desmond sind allein meine Sache, verstanden? Und ich will dich nicht heiraten, weil ich dich nicht liebe.“

„Ja, das weiß ich.“ Gray ließ ein tiefes, dramatisches Seufzen hören. „Aber wir könnten eine Ehe führen, die auf einer anderen Grundlage basiert. Liebe wird doch total überschätzt. Ich habe Audrey geliebt – und wie hat das geendet?“

Sie sah ihn direkt an. „Man muss sich mit dem zufriedengeben, was man hat. Du bist stellvertretender Geschäftsführer bei Bedell, Inc., verdienst ein sechsstelliges Jahresgehalt und kannst über ein beinahe unbegrenztes Spesenkonto verfügen. Nichts davon wird sich ändern, wenn du eine nette Frau findest, die du heiratest und die dich glücklich macht. Also bitte finde diese Frau! Finde die Frau, die gerne Mrs. Grayson Perkins sein möchte.“

„Vielleicht mache ich das.“ Gray schob seinen Stuhl zurück und stand auf. „Und wenn du dann eines Tages erkennst, dass du nicht die geringste Chance bei deinem geliebten Lieutenant Desmond hast, wirst du es vielleicht bereuen, dass ich jemand anderen gefunden habe.“

Sie seufzte. „Alles ist möglich.“ Alles bis auf die Tatsache, dass ich es niemals bedauern würde, dich nicht geheiratet zu haben.

„Lucie hat ihre Kündigung eingereicht?“ Geoff Monday schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich hätte nie gedacht, dass es jemals so weit kommen würde.“

„Du kannst es mir glauben“, sagte Daisy. „Sie hat ihre Sachen gepackt. Dreimal musste sie zum Auto laufen, bis sie alles verstaut hatte. Dann händigte sie mir ihr Kündigungsschreiben aus, damit ich es Sawyer gebe.“

„Hat sie dir etwas über die genauen Gründe gesagt?“ „Nicht wirklich. Nur, dass dieser letzte Auftrag das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Als sie heute Morgen hier auftauchte, hätte man meinen können, sie will Sawyer umbringen. Doch als sie ging, war sie vollkommen ruhig. So ruhig habe ich Lucie noch nie gesehen.“

„Meinst du, der Boss braucht jemanden zum Reden? Er hat mich nämlich höchstpersönlich angerufen und mich gebeten zu kommen.“

Geoff blinzelte Daisy zu, die daraufhin entzückend errötete. Er sollte nicht mit ihr flirten, gerade weil er wusste, dass sie auf ihn stand. Andererseits wusste sie, dass er das alles nicht ernst meinte. Er war freundlich zu ihr, zeigte jedoch kein romantisches Interesse an ihr. Es lag nicht daran, dass er sie nicht attraktiv fand. Das tat er. Er fand sie sogar sehr attraktiv. Aber er war alt genug, um ihr Vater zu sein. Und eine hübsche junge Frau wie Daisy brauchte einen jungen, verlässlichen Burschen an ihrer Seite, keinen kampferprobten alten Krieger wie ihn.

„Ich würde die Höhle des Löwen aber erst betreten, wenn er dich hereinbittet. Er weiß ja, dass du da bist.“ Daisy schüttelte traurig den Kopf. „Er ist in keiner guten Verfassung. Als ich ihm Lucies Schreiben gebracht habe, hätte er mir fast den Kopf abgerissen. Vor ihm auf dem Schreibtisch stand eine Flasche Whiskey. Ich habe noch nie erlebt, dass er sich so früh am Tag einen Drink genehmigt. Es ist nicht einmal drei Uhr!“

„Nun, der Allmächtige hat nach mir geschickt“, stellte Geoff fest. „Er sagte, er hätte einen eintägigen Auftrag für mich. Etwas, das genau meine Fähigkeiten erfordert.“

Daisy sah ihn fragend an. „Das höre ich gar nicht gern.“

„Vielleicht soll ich ja jemanden umlegen?“

Geoff kicherte, als er Daisys schockierten Gesichtsausdruck sah.

„Das war ein Witz, meine Liebe. Meine Glücksritter-Zeiten sind lange vorbei.“

Offensichtlich fiel ihr in diesem Moment selbst auf, dass sie ihn mit ihren großen braunen Augen sehnsüchtig anstarrte, denn sie schaute abrupt in eine andere Richtung. „Du kommst aber noch mal bei mir vorbei, bevor du gehst, und sagst mir, worum es geht, oder? Außerdem muss ich ja wissen, wohin er dich schickt, damit ich die Flug- und Hotelreservierungen vornehmen kann und ...“

„Monday, was hält Sie noch auf?“, hörte man Sawyer aus der geöffneten Tür seines Büros schreien.

„Siehst du, was ich meine?“, sagte Daisy leise. „Er ist wie ein Bär, dem ein Dorn in der Tatze steckt.“

„Offensichtlich vermisst er unsere liebe Lucie schon.“ Geoff kitzelte Daisy unter dem Kinn. „Bis gleich.“

Fröhlich pfeifend ging er den Gang hinunter. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass es um etwas Privates ging, wenn ein Mann und eine Frau sich so spinnefeind waren wie Sawyer und Lucie. Sicher steckte was Sexuelles dahinter. Man musste kein hypersensibler Mensch sein, um zu sehen, wie es zwischen der hübschen rothaarigen Amazone und dem Dundee-Geschäftsführer knisterte. Und das nicht nur, weil die beiden sich zu hassen schienen.

Als er bei Sawyers Büro ankam, stand sein Chef nicht mehr in der Tür. Geoff blieb kurz stehen, spähte in das Zimmer und gab einen erstaunten Laut von sich. Er sah zu, wie Sawyer sein Glas Whiskey austrank und sich gleich darauf aus der knapp zweihundert Dollar teuren Flasche Johnnie Walker Blue noch einmal einschenkte.

„Monday meldet sich zum Dienst, Sir.“ Geoff schlug die Hacken aneinander und salutierte.

Sawyer sah ihn an, verärgert, seine haselnussbraunen Augen nicht viel größer als Schlitze. „Nehmen Sie sich einen Mann namens Taylor Lawson vor. Er hält sich momentan in Las Vegas auf. Wo er abgestiegen ist, wird Daisy Ihnen sagen.“ Er trank einen großen Schluck Whiskey und verzog das Gesicht, als der Alkohol brennend seine Kehle hinunterrann.

„Jawohl, Sir. Können Sie spezifizieren, was genau Sie mit ,Nehmen Sie sich ihn vor’ meinen?“

„Jagen Sie ihm eine Riesenangst ein. Verschaffen Sie ihm ein paar blaue Flecken. Aber alles ganz diskret. Ohne Folgen. Haben Sie verstanden?“

„Ja, Sir.“

„Und wenn Sie fertig mit ihm sind, hinterlassen Sie dem Mann eine letzte Botschaft.“

„Und die soll wie lauten?“, wollte Geoff wissen.

„Sagen Sie ihm, er soll sich gut daran erinnern, falls er mal wieder eine Frau vergewaltigen will.“

Geoff hielt die Luft an. War etwa das mit Lucie geschehen? Hatte ein Kunde versucht, sie zu vergewaltigen? „Darf ich fragen, ob das etwas mit der Tatsache zu tun hat, dass Lucie ihren Job bei Dundee an den Nagel gehängt hat?“

Sawyer warf Geoff einen scharfen Blick zu. „Das ist nicht Ihre Sache.“ Er führte das Glas an die Lippen und kippte den nächsten großen Schluck Whiskey.

„Sie trinken vielleicht ein bisschen viel, Sir, meinen Sie nicht? Sie möchten doch nicht, dass das Personal Sie betrunken erlebt?“

„Wenn ich Ihren Rat hören möchte, Mr. Monday, frage ich Sie danach.“

„Jawohl, Sir. Ich werde mir jetzt von Daisy alle nötigen Informationen holen und dann mit dem ersten Flieger ...“

„Nehmen Sie den Dundee-Jet. Daisy soll den Flug autorisieren. Ich möchte, dass die Angelegenheit noch heute Abend erledigt wird.“

„Soll ich Ihnen sofort danach Bericht erstatten?“

„Ja. Sie haben ja meine Privatnummer. Sie können mich jederzeit anrufen.“

„Alles klar, Sir.“

Mit dem halbvollen Glas Whiskey in der Hand wandte sich Sawyer von Geoff ab und stellte sich vor die breite Fensterfront. Damit war das Gespräch für ihn beendet.

Lucie Evans war der einzige Mensch auf der Welt, der ihn zum Trinken brachte. Auch sein letztes großes Besäufnis hatte er Lucie zu verdanken. Sawyer starrte die Flasche Johnnie Walker auf seinem Schreibtisch an und dann das leere Glas in seiner Hand. Das reichte jetzt. Er hatte schon mehr als genug gehabt. Wahrscheinlich konnte er schon nicht mehr geradeaus gehen und fahren schon gar nicht mehr. Aber immerhin war er nüchtern genug, um Schuldgefühle zu haben. Verdammt sollte sie sein!

Wie immer in all den Jahren hatte er ihr den letzten Auftrag erteilt in dem Wissen, dass sie den Job hassen würde. Doch hätte er nur im Geringsten geahnt, dass dieser Lawson versuchen würde, Lucie zu vergewaltigen ... Am liebsten würde er sich den Typen persönlich vorknöpfen. Nur fünf Minuten. Aber er traute sich nicht, die Sache selbst in die Hand zu nehmen – am Ende würde er Lawson umlegen. Nein, es war besser, einen Experten wie Monday auf ihn anzusetzen. Der würde dem Widerling einen nachhaltigen Schreck einjagen als Revanche für das, was er Lucie angetan hatte.

Jetzt ist sie für immer weg. Endlich hast du erreicht, was du wolltest, seit sie dir nach Atlanta gefolgt ist und von Ellen Denby als Agentin eingestellt wurde.

Nachdem Sawyer seine Stelle beim FBI aufgegeben und Sam Dundee ihm einen Job angeboten hatte, hatte er eigentlich ein neues Leben beginnen wollen. Ein Leben ohne Lucie Evans. Er war für einen Auftrag in Kalifornien, als Ellen Lucie einstellte, sonst hätte er sie vielleicht dazu überreden können, es nicht zu tun. Oder er hätte gleich Sam davon überzeugen können, dass sie als Dundee-Ermittlerin genauso wenig taugte wie als FBI-Agentin.

„Warum tust du das?“, hatte er sie gefragt. „Warum kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen und dich aus meinem Leben heraushalten?“

„Weil ich dich liebe“, hatte sie ihm geantwortet. Ganz ohne jede Umschweife. „Und weil ich glaube, dass du mich, ganz tief unter all dem Schmerz und den Schuldgefühlen vergraben, auch noch liebst.“

Sie hatte sich geirrt. Er liebte sie nicht. Er hatte sie nie geliebt.

Sawyer stellte das Glas auf dem Schreibtisch ab, ließ sich in seinen Ledersessel fallen und seufzte laut und verzweifelt. Er lockerte seine seidene Krawatte und öffnete den obersten Knopf.

Wenn er Lucie richtig einschätzte, hatte sie keine eiserne Reserve für harte Zeiten angelegt. Sie war ein Mensch, der für den Augenblick lebte. Das war immer so gewesen. Ihren Freunden gegenüber war sie großzügig und ließ sich von jeder halbwegs rührenden Geschichte beeindrucken. Seines Erachtens spendete sie viel zu viel von ihrem sauer verdienten Geld an Wohltätigkeitsorganisationen, deren Ziele sie für sinnvoll erachtete. Meist hatte es mit Frauen, Kindern oder Tieren zu tun.

Er musste sich darum kümmern, dass sie von Dundee eine großzügige Abfindung erhielt. Er könnte ihr Kündigungsschreiben auch einfach durch den Reißwolf jagen und Daisy anweisen, es als Entlassung darzustellen – so könnte sie wenigstens Arbeitslosenunterstützung beantragen.

Du kannst noch mehr für sie tun. Schreib ihr ein hervorragendes Zeugnis. Oder telefonier herum und besorg ihr einen neuen Job.

„Genau, das mach ich!“ Sawyer versuchte, mit den Fingern zu schnippen und musste feststellen, dass er betrunkener war als gedacht. Seine Finger wollten ihm jedenfalls nicht mehr gehorchen.

Er nahm den Telefonhörer ab und drückte die Kurzwahl zu seiner Büroleiterin. Sie reagierte nach dem zweiten Klingeln, und er wies sie an: „Daisy, suchen Sie doch bitte Cara Bedells Telefonnummer für mich heraus. Die Geschäftsnummer müssten wir noch in der Kartei haben.“

Er wartete, während Daisy die gewünschte Information heraussuchte. Sie nannte ihm die Nummer, die er rasch aufschrieb. Dann holte er tief Luft und wählte Caras Nummer. Ihre Sekretärin nahm den Anruf entgegen.

„Hier spricht Sawyer McNamara von Dundee Private Security and Investigation. Ist Miss Bedell zu sprechen?“

„Einen Moment, Sir.“

Wenige Augenblicke später hatte er Cara an der Strippe. „Mr. McNamara. Was kann ich für Sie tun?“

„Sie können Ihren Sicherheitschef bitten, eine ehemalige Mitarbeiterin von mir einzustellen.“

„Dem entnehme ich, dass Sie sie nicht gefeuert haben – sonst würden Sie sie mir wohl kaum empfehlen.“

„Richtig. Es geht um Lucie Evans. Erinnern Sie sich an sie?“

„Ja, das tue ich.“

„Lucie braucht einen Job. Sie würden Dundee einen großen Gefallen tun, wenn sie bei Ihnen einsteigen könnte.“

„Faxen Sie mir morgen früh Ihren Lebenslauf rüber, bitte direkt an mich. Ich leite dann alles persönlich an Deke weiter.“

„Vielen Dank.“ Sawyer räusperte sich. „Noch eine Sache.“

Ja?“

„Mir wäre es sehr recht, wenn Miss Evans nicht erfahren würde, dass ich hinter diesem Jobangebot stecke.“

„In Ordnung. Ich sage Deke, er soll sich was einfallen lassen.“

„Das wäre nett.“

Sawyer legte auf. So, das wäre erledigt. Lucie hatte einen Job. Zwei Stunden von Atlanta entfernt, in Chattanooga. Zwei Stunden, zwanzig Kilometer, einhundert Kilometer oder eintausend – es spielte keine Rolle. Wenn er Glück hatte, bedeutete das, er würde Lucie Evans in seinem ganzen Leben nie mehr sehen müssen.

Tomas Castillo traf sich mit seinem Freund Präsident Emilio Ortega privat, um über Cara Bedells bevorstehenden Besuch in Ameca zu sprechen. Er und Emilio kannten sich schon länger, und Tomas hatte bei den letzten Wahlen großzügig die Kampagne seines Freundes gegen den Oppositionsführer Naldo Salazar unterstützt. Salazar war ein Mann des Volkes, der alle möglichen lächerlichen Regierungsreformen durchsetzen wollte. Tomas’ Konkurrent im Ölgeschäft, Felipe Delgado, hatte Salazar unterstützt.

„Miss Bedell wird in drei Wochen in San Luis eintreffen“, sagte Emilio. „Ich werde für unsere amerikanische Freundin und hoffentlich auch neue Geschäftspartnerin hier im Präsidentenpalast ein Dinner ausrichten lassen.“

„Ich habe gehört, sie soll bei Delgado und seiner Familie wohnen. Vielleicht solltest du ebenfalls eine entsprechende Einladung aussprechen. Und wenn sie den Vorschlag des Präsidenten ausschlägt, im Palast abzusteigen ...“ Tomas lächelte. „Miss Bedell ist unverheiratet, glaube ich. Ich werde ihr gern ergeben zu Diensten stehen, solange sie hier ist.“

Emilio lachte. „Tomas, du bist ein Teufel! Hast du etwa vor, die amerikanische Señorita zu verführen?

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