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Déviance: Gefährliche Lust

Ewa Aukett

Déviance: Gefährliche Lust

Erotik-Thriller





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Prolog

„Bist du wirklich sicher, dass du das willst?“

Das Herz hämmerte in ihrer Kehle, während sie den Mann betrachtete, der in zwei Metern Entfernung vor ihr stand und sie abschätzend musterte.

Er war barfuß, die zerschlissene Jeans hing locker auf seinen Hüften und sein Oberkörper war nur spärlich von einem offenen, weißen Hemd verhüllt. Auf seiner Brust konnte sie die dunkle Tätowierung erkennen.

Sie schluckte an dem Kloß in ihrem Hals und nickte. Die Fasern der weißen Stricke, die zwischen ihren nackten Brüsten hindurchführten, fühlten sich unangenehm und doch seltsam sinnlich auf ihrer Haut an. Die zusammengebundenen Hände hinter ihrem Rücken hinderten sie daran, auf dem Stuhl weiter nach vorn zu rutschen.

„Ja, lass es mich versuchen“, bat sie.

Sein Blick war streng.

„Du musst dir darüber klar sein, dass es dir vielleicht nicht gefällt ... Schmerz ist nicht gleich Schmerz.“

„Es kann nicht schlimmer sein als der Schmerz, der schon in mir ist.“

Seine Nasenflügel blähten sich, sein Blick wurde durchdringend und strich über ihren nackten Körper. Sie fühlte sich entblößt und erregt, während sie mit gespreizten Beinen vor ihm auf dem harten Stuhl saß – ganz und gar seinen Augen preisgegeben.

„Den wird es dir nicht nehmen“, erwiderte er leise, aber bestimmt. „Aber es kann dich für einen Moment davon ablenken.“

Sie richtete sich so weit auf, wie es ihre Fesseln zuließen, und reckte das Kinn vor.

„Dann tu es.“

Er trat vor sie und begann, seine Hose aufzuknöpfen.

„Bist du bereit?“

Erregt starrte sie auf die langen, schlanken Finger, die den letzten Knopf lösten und gelassen auf seinem Schritt ruhten. Ihr Puls raste und sie spürte, wie die Hitze sich rasant auf ihrer weichen Haut ausbreitete.

Zwischen ihren Schenkeln begann es warm zu pulsieren und sie spürte, wie die Feuchtigkeit aus ihr heraussickerte, während ihre Knöchel mit Stricken an die Stuhlbeine gefesselt waren.

Unter halbgesenkten Lidern sah sie zu ihm auf. Seine Miene blieb distanziert und die kalten Augen waren ohne Zuneigung. Sie wusste, für ihn war das hier keine Liebe, es war nur der Akt an sich ... er tat ihr einen Gefallen.

Aber sie ahnte auch, dass es ihn ebenso erregte wie sie.

Die Fesseln, der Schmerz ... sie hatte gewusst, dass er andere Vorlieben hatte, was den Sex betraf – und sie hatte recht behalten. Seine Leidenschaft war dunkel und fordernd, nicht zärtlich und liebevoll. Es war ein Schritt in eine Richtung, die ihr fremd war ... fremd und neu.

„Ja, ich bin bereit.“

Er streifte sich langsam die Hose von den Hüften.

1. Kapitel

Ein Jahr zuvor

Nördliches Territorium, Australien

Die unnatürliche Stille hing wie eine geheimnisvolle Dunstglocke über dem weitläufigen Farmgelände. Selbst das Zirpen der Zikaden war verstummt und der Staub, den ein gutes Dutzend Wagen aufgewirbelt hatten, legte sich nur zögernd wieder über die aufgeheizte, rote Erde. Das Gras hier draußen war so trocken und hart wie nirgends sonst im Outback. Es gab kaum einen unwirtlicheren Ort als diesen.

Kein Tropfen Wasser hatte das Land in den letzten Wochen berührt. Die Sonne, die hoch am Himmel stand, brannte unbarmherzig und die Erde brach unter den Schritten der bewaffneten Männer auf, die sich unruhig zwischen den Autos bewegten, um die Umgebung zu sichern.

Die Farm war wie ausgestorben.

Die Gebäude verwahrlost und seit Jahren ohne Leben. Türen hingen lose in den Angeln. Fenster waren zerbrochen und blind vom Schmutz der Zeit, die hier draußen vergangen war. Zeit ohne ein Atmen oder ein Lachen, das einst die Luft erfüllt hatte.

Selbst der Tod hatte diesem Ort den Rücken gekehrt.

Lichter zuckten über altes, morsches Holz und brachen sich in den stumpfen Scherben, die am Boden lagen. Am Ende des Ranchhauses stand um die Ecke ein zerbeulter Jeep, in dem sich die dunklen Umrisse eines Menschen abzeichneten. Er rührte sich nicht.

Kleine Steine und trockene Erde knirschten leise unter Dutzenden von Ledersohlen, die sich auf das Farmgebäude zubewegten. Einer der Deputys zog seine Waffe aus dem Holster. Das Entsichern klang unnatürlich laut.

Die Männer sprachen kein Wort, verständigten sich nur mit Handzeichen. Vier Polizisten rechts am Farmgebäude vorbei, drei nach links, sechs bewachten den Wagen von vorn.

Der Befehl lautete: Sicherung unter allen Umständen, kein Risiko!

***

Virgil saß mit mahlendem Kiefer auf dem Fahrersitz und beobachtete die Gestalten, die sich ihm näherten. So hatte er sich das alles nicht vorgestellt.

Sein Blick wanderte nach links, wo June saß. Zusammengekauert auf dem Beifahrersitz presste sie den schmutzigen Teddy an ihre Brust und starrte Virgil aus großen, braunen Augen an. Angst lag darin und etwas, das er nie wieder hatte sehen wollen: Enttäuschung.

Er hatte versagt, weil er sie hierhergebracht hatte. Er hatte sein Versprechen gebrochen. Das Versprechen, auf sie Acht zu geben und dafür zu sorgen, dass ihr nichts geschah.

Wie sollte man einer Achtjährigen plausibel erklären, dass Liebe einen Menschen nicht immer vernünftig handeln ließ? Es war nicht genug, sich nur zu entschuldigen. Er hatte das alles nie gewollt. Nicht so. Aber sie musste es nicht erfahren.

Ein Megafon erklang und jemand befahl Virgil, den Wagen mit erhobenen Händen zu verlassen.

Er seufzte tonlos.

Heute würde alles enden.

„Es wird alles gut“, flüsterte er. Ihre Unterlippe zitterte und er widerstand nur mühsam dem Drang, ihr über die Wange zu streicheln. Sie sollte nicht weinen, nicht seinetwegen. Mühsam zwang er ein unechtes Lächeln auf seine Lippen. Seine Eingeweide krümmten sich wie unter Schmerzen und er fühlte sich elend. „Schon okay, June. Du und ich, wir steigen jetzt aus. Du weißt, was du zu tun hast.“

Sie nickte stumm und kroch zu ihm herüber, als er die Hand auf den Türgriff legte. Langsam stieg er aus und hob June auf den Arm. Während sie gehorsam die Augen schloss und sich an ihn drückte, zog er die Waffe aus dem Bund seiner Jeans. Nach einem tiefen Luftholen trat er neben den Jeep und sah dem halben Dutzend Männer entgegen, die in einiger Entfernung stehen blieben.

***

Kalte Angst tobte in ihr, als sie sah, wie Virgil mit June auf dem Arm in den Sonnenschein trat. Colleen schnürte es die Kehle zu, während er eine Waffe hob und sie dem Kind an den Kopf hielt. Sie konnte erkennen, wie seine Lippen sich bewegten, und kurbelte hastig das Fenster herunter, um etwas von dem zu hören, was er sagte.

„... sie da ist. Holt sie her“, rief Virgil, „ich will mit ihr reden!”

Als sie Anstalten machte, den Streifenwagen zu verlassen, legte der Mann zu ihrer Rechten ihr eine Hand auf den Arm.

„Tu das nicht, Colleen. Lass die Polizei das regeln. Die Männer wissen, was sie tun.“

Colleen schluckte und schüttelte den Kopf. Der Blick dieser Augen verfolgte sie seit dem ersten Tag ihres Kennenlernens und sie hatte seine Ratschläge bisher bereitwillig befolgt.

Aber das hier war etwas Anderes.

„Ich kann nicht“, flüsterte sie erstickt. „Ich muss zu ihr!“

Seine Lippen wurden für den Bruchteil einer Sekunde zu einem schmalen Strich, dann nickte er wortlos, löste seinen Sicherheitsgurt und stieg aus. Sie folgte seinem Beispiel und trat ins Freie.

„Colleen!“

Virgils Stimme drängte sich voller Sehnsucht in ihr Ohr und sie sah, wie er einen kleinen Schritt in ihre Richtung machte. Unvermittelt setzte ihr Herz einen Schlag aus. Vor zwei Monaten hatte sie noch geglaubt, mit ihm ihr neues Glück gefunden zu haben.

Nach der fürchterlichen Scheidung von ihrem Ex-Mann schien Virgil wieder die Sonne in ihr Leben zurückzubringen. Er war so anders. Zärtlich, rücksichtsvoll und zuvorkommend. Kein herrschsüchtiger Tyrann, der nur an sich selbst dachte. Mit Virgil war die Gegenwart wieder leicht und für eine Weile hatte sie geglaubt, nun endlich glücklich zu werden.

Doch dann begann er, sich zu verändern.

Aus Liebe wurde Obsession und aus einem sanften Menschen wurde ein eifersüchtiger Mann voller Misstrauen, der ihr die Luft zum Atmen nahm. Also war sie mit June gegangen.

Sie war so naiv gewesen, so gutgläubig.

Vor vier Tagen hatte Virgil sie besucht.

Er hatte sie gebeten, ihn mit June in den Zoo zu begleiten, er hatte mit ihnen reden wollen – ganz in Ruhe und an einem neutralen Ort. Colleen hatte abgelehnt, sie war immer noch verletzt und durcheinander. Sie brauchte Zeit. Doch ihre Tochter hatte sie angebettelt, dass sie allein mit Virgil gehen dürfe, und Colleen hatte schließlich widerstrebend eingewilligt.

Als er ihre Tochter zur vereinbarten Zeit nicht heimgebracht hatte, wusste sie, es war ein Fehler gewesen. Sie hatte die Polizei informiert und zeitgleich einen Privatdetektiv eingeschaltet.

Vier Tage Ungewissheit bedeuteten sechsundneunzig Stunden Angst und keine Minute Schlaf, weil die Panik sie nicht aus ihren Klauen ließ.

Und nun stand sie hier.

Irgendwo in der staubigen Hitze des Outback. Meilen entfernt von der Zivilisation und ihrem geliebten Sydney. Während June zwanzig Meter entfernt auf Virgils Arm saß, vertrauensvoll ihr Gesicht an seine Schulter drückte und er ihr eine Pistole an die Schläfe hielt.

Colleen war sicher, er würde dem Mädchen nichts tun. Sie wusste, er liebte June, als wäre sie seine eigene Tochter. Er war so vernarrt in die Kleine, und hätte er nicht plötzlich diese besitzergreifende Art Colleen gegenüber an den Tag gelegt, wäre alles anders gekommen. Sie wollte einfach nicht glauben, dass er nun auch noch bereit war, ihrer Tochter das Leben zu nehmen.

Tief durchatmend wandte sie den Kopf. Über das Dach des Streifenwagens hinweg traf ihr Blick auf den ihres Begleiters. Die letzte Nacht hatte Colleens Leben noch komplizierter gemacht. Aber sie war so einsam gewesen und er gab ihr dieses seltsame Gefühl von Unverwundbarkeit ... er hatte ihr einen Teil seiner bizarren Welt gezeigt.

Mit ihm war es anders.

Colleen schluckte.

Sie musste sich auf das Wesentliche konzentrieren. Der Mann neben dem Streifenwagen sah sie an und schüttelte stumm den Kopf. Bedauernd lächelte sie ihm zu.

Er irrte sich in Virgil. Er kannte ihn nicht. Niemand hier kannte ihn und das Einzige, was nun zählte, war June. Langsam setzte Colleen sich in Bewegung und ging auf den Mann mit ihrer Tochter zu.

***

Detective Dundee ließ das Megafon sinken, starrte fassungslos zu der Frau hinüber, die am Streifenwagen vorbei in die Sonne trat, und winkte hektisch einem seiner Deputys zu.

„Bring sie da weg, Steve!“

Der Hilfssheriff setzte sich in Bewegung und hastete hinter Colleen van Bruit her, die die Hälfte der Distanz zu dem Verdächtigen bereits hinter sich gebracht hatte. Zeitgleich warf Dundee dem Mann, der neben Colleen im Auto gewartet hatte, einen wütenden Blick zu.

Das Einzige, was dieser Schnüffler hatte machen sollen, war, auf Colleen aufzupassen. Nicht mal dazu war der Kerl in der Lage. Wenn er es nicht gewesen wäre, der die Polizei hierhergeführt hatte, hätte Dundee ihn schon längst packen und irgendwo einbuchten lassen, um anschließend den Schlüssel wegzuwerfen.

Virgil Addams gab ein zorniges Brüllen von sich, als der Deputy die Mutter des Mädchens erreichte und nach ihrem Arm griff. Zwischen dem jungen Mann und Colleen entstand ein Handgemenge.

„Lasst sie laufen!“, schrie Virgil mit sich überschlagender Stimme. „Lasst sie weiterlaufen, sonst erschieße ich das Mädchen!“ Colleen machte sich mit einem Ruck von dem jungen Polizisten frei, der den Kopf wandte und Dundee einen hilflosen Blick zuwarf.

Der Detective winkte ab.

Die Kontrolle begann ihnen zu entgleiten.

Verflucht, wenn dieser verdammte Schnüffler Colleen nicht hergebracht hätte, würde die Situation nun nicht aus dem Ruder laufen.

Wieso hatte dieser dämliche Ranger die beiden nicht in seinem Streifenwagen eingesperrt?

Ein Knall hallte durch die Luft und dann brach das Chaos los. Virgil ließ das Mädchen zu Boden sinken und schob sie mit einer Hand hinter sich, während er mit der Rechten die Waffe auf die Polizisten abfeuerte, die hektisch auseinanderstoben.

Geschrei vermischte sich mit dem hysterischen Gekreische von Colleen. Der junge Deputy ging gleichzeitig mit der Frau zu Boden. Als eine Kugel neben dem Detective in die Motorhaube einschlug, hechtete er hinter den Streifenwagen.

„Feuer einstellen!“, brüllte Dundee mit Panik in der Stimme. „Feuer einstellen!“

Ein paar letzte Schüsse fielen und Sekunden später herrschte eine solch bedrückende Stille, dass man die berühmte Stecknadel hätte fallen hören können. Mit wild klopfendem Herzen und entsicherter Waffe schob Dundee sich aus der Deckung neben dem Kotflügel hoch und blickte über den Rand der Motorhaube.

Er sah Virgil und das Mädchen neben dem Jeep liegen. Fünf Meter davor lag Colleen am Boden und unter ihr breitete sich ein dunkler Fleck aus. Sein Deputy hockte auf dem Boden hielt sich die Schulter und Blut sickerte zwischen seinen Fingern hervor. Dundee fluchte lauthals und hastete nach weiteren sichernden Blicken am Streifenwagen vorbei.

„Sanitäter! Bringt sofort einen Sanitäter her!“, brüllte er.

Zu seinem Verdruss registrierte er, dass der Privatdetektiv sich zeitgleich mit ihm in Bewegung setzte und zu Colleen hinüberrannte.

***

Ihr Gesicht war dem Mädchen zugewandt, das in wenigen Metern Entfernung auf der Erde lag. Auch ohne hinüberzulaufen, konnte er erkennen, dass für die Kleine jede Hilfe zu spät kam. Ebenso wie für Virgil. Die Kugeln der Deputys hatten ihm die Brust durchschlagen und seinen Blick brechen lassen.

Colleen gab ein leises Röcheln von sich.

Sacht griff er nach ihrer Hand und drückte sie leicht. Sie sah ihn an und die Qual in ihren Zügen brach ihm fast das Herz. So hätte das alles nicht enden dürfen.

Der junge Hilfssheriff, der sie aufhalten sollte, hatte plötzlich die Nerven verloren, seine Waffe gezogen und auf Virgil gefeuert. Danach war alles eskaliert.

Virgil feuerte zurück und im Kugelhagel waren sowohl er und June, als auch Colleen und der Deputy zu Boden gegangen. Das Blut, das unter der jungen Frau in die rote Erde Australiens sickerte, klebte warm an seinen Fingern, als er eine Hand unter ihren Rücken schob.

„June.“

Colleens Stimme war nur ein heiseres Flüstern und er zuckte zusammen, als er ihr Gesicht betrachtete. Ihre Haut war wächsern und unnatürlich blass. In ihren schönen, grünen Augen lag ein Ausdruck, der an Wahnsinn grenzte.

Er zwang sich, den Blick von ihr abzuwenden, und sah zu den Polizisten hinüber, die aufgeschreckt durcheinanderrannten und mit gezückten Waffen den am Boden liegenden Virgil sicherten. Detective Dundee schrie wiederholt nach einem Sanitäter und kam im Laufschritt auf Colleen und ihn zu.

Verwirrt nahm er plötzlich die Hitze der Sonne wahr, die auf seiner Haut brannte, während sich in seinem Inneren eisige Kälte breit machte. Er hatte geahnt, dass es schiefgehen würde, aber er hätte sich niemals diese Katastrophe ausgemalt.

„Was ist mit June?“

Als er Colleen ansah, schluckte er an dem Kloß in seinem Hals und warf einen weiteren Blick zu dem kleinen Mädchen hinüber, an dessen leblosem Körper einer der Polizisten den Puls fühlte. Kurz sah er den Detective an, der neben ihm auf die Knie sank. Dundee schüttelte unmerklich den Kopf, seine Lippen waren ein gerader, schmaler Strich, während sein vorwurfsvoller Blick den Privatdetektiv durchbohrte.

„Man kümmert sich um sie.“ Vorsichtig strich er Colleen eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht. „Beweg dich nicht, du bist schwer verletzt.“

Für einen Moment war erstaunlich viel Klarheit in ihren Augen.

„Sie ist tot.“

Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.

Sollte er sie anlügen? Was würde danach kommen, wenn sie wieder gesund würde?

Das würde sie ihm niemals verzeihen.

Er schluckte und ließ das Kinn auf die Brust sinken.

„Es tut mir leid, Colleen.“

Ein raues Lachen kroch in ihrer Kehle empor, das seltsam erstickt klang. Tränen liefen ihr über die Wangen.

„Oh, June ... das ist alles meine Schuld. Er wird mir das nie vergeben. Er wird die Hölle über uns schicken.“

„Wovon sprichst du?“

Ihr Blick wurde glasig. Ihr Begleiter konnte dabei zusehen, wie ihr Verstand einfach aufgab und nur noch ein leises Flüstern über ihre Lippen kam.

„Ich habe sie im Stich gelassen.“

ooo

Minnesota Correctional Facility - Oak Park Heights, Minnesota, USA

Hochsicherheitsgefängnis Kategorie 5, Abteilung 9 (Isolationstrakt)

Es war die typische Gefängnisatmosphäre.

Kalt und unpersönlich, mit einem Hauch Sterilität und dem muffigen Geruch nach alten Socken und Bohneneintopf. Agent Snyder trat von einem Fuß auf den anderen, während er darauf wartete, dass man den Gefangenen in den selten genutzten, kargen Besucherraum brachte.

Weiß gestrichene Wände, Gitter vor den Fenstern. Die Einrichtung bestand aus am Boden festgeschraubten Plastikmöbeln. Vier Beamte in den Ecken. Hie und da hatten vor wenigen Minuten noch einige weitere Gefangene mit ihren Besuchern gesessen, die zwischenzeitlich des Raumes verwiesen worden waren.

Eine Stunde am Tag, in der sie aus ihren Zellen durften ... und er hatte dafür gesorgt, dass ihnen an diesem Tag selbst diese Zeit gestrichen wurde. Wegen eines einzigen Mannes.

Wie lange saß MacKenzie hier schon ein?

Achtzehn Jahre ... fünfzehn oder sechzehn Monate davon in Einzelhaft.

Er war in den Isolationstrakt des Hochsicherheitsgefängnisses verlegt worden, weil er seinen Zellenmitbewohner kopfüber in der Toilettenschüssel ertränkt hatte. Snyder war mehr als überrascht gewesen von dieser Tat. Jahrelang war MacKenzie nicht durch Gewalttätigkeit gegenüber seinen Mitgefangenen aufgefallen.

Nun schien es, als hätte er endgültig mit seinem Schicksal abgeschlossen. Da aufgrund seiner Verurteilung keine Chance darauf bestand, dass er diesen Bau lebend verlassen würde, passte er sich offenbar dem Abschaum derer an, die hier einsaßen: Raubmörder, Sexualstraftäter, Serienkiller.

Nichtsdestotrotz musste Snyder mit ihm sprechen.

Sie hatten ein Problem.

Ein gewaltiges und ausgesprochen gefährliches Problem.

Als die Tür zum Besucherraum sich quietschend öffnete, wandte der Bundesagent sich um und strich unwillkürlich mit einer Hand über die rechte Seite seines Jacketts, unter dem sich das leere Holster seiner Pistole abzeichnete.

Er fühlte sich nackt ohne seine Glock, aber hier drin waren Waffen nicht erlaubt und das aus gutem Grund.

Einer der Wärter trat in den Raum und hinter ihm zwängte sich Clive MacKenzie durch die Tür. Augenblicklich schien das ohnehin schon kleine Zimmer noch weiter zu schrumpfen.

Nach achtzehn Jahren Haft war er immer noch ein eindrucksvoller Mann von über zwei Metern Größe und mit dem Kreuz eines Kleiderschranks. Unter den kurzen Ärmeln seiner Gefängniskleidung spannten sich gewaltige Muskeln auf seinen Oberarmen und seine Haut war über und über bedeckt mit Tätowierungen. Die Stahlfesseln um Handgelenke und Fußknöchel, die durch eine Kette miteinander verbunden waren, verstärkten noch den Eindruck des gemeingefährlichen Mörders.

Snyder war sich deutlich bewusst, wie gefährlich der Mittsechziger immer noch war, allerdings kannte er auch eine ganz andere Seite dieses Riesen.

MacKenzies Gesicht war von tiefen Falten zerfurcht, das dunkle Haar von grauen Strähnen durchzogen und unter buschigen Brauen, die sich bei Snyders Anblick drohend zusammenzogen, blickten dem Agent zwei kalte, blaue Augen entgegen.

„Bringen Sie mich zurück in meine Zelle“, verlangte der Häftling und wandte sich ab.

Einer der Beamten schlug die Tür vor ihm zu und verwehrte ihm auf diese Weise die Flucht vor Snyder. Mit grimmigem Gesicht drehte er sich erneut zu dem Bundesbeamten um und starrte ihn ärgerlich an. Eindeutig widerwillig kam er der stummen Aufforderung nach, an einem der kleinen Tische Platz zu nehmen.

„Ich dachte, ich wäre Sie endlich los!“, brummte MacKenzie missmutig vor sich hin.

„Darauf habe ich auch gehofft, als Sie damals eingefahren sind“, stellte der Agent unbeeindruckt fest. Langsam ließ er sich gegenüber dem Hünen auf einem Stuhl nieder. Tief durchatmend verschränkte er seine Finger auf dem Tisch und sah MacKenzie einen Moment lang stumm an. „Was ist mit Ihnen passiert, Clive?“

MacKenzies Stirn legte sich in tiefe Falten, ehe er sich ein Stück weit vorbeugte. Er ließ seine Fäuste auf den Tisch sinken und die Handschellen kratzten über das Plastik. Es klang seltsam falsch.

„Das Leben, Avery!“ Seine Kieferknochen zuckten. „Hier drin tickt die Welt anders als dort draußen, wo Sie jeden Tag zu Frau und Kindern zurückkehren.“

Snyder sah ihn nur an.

„Warum haben Sie Ihren Mithäftling getötet?“

MacKenzie schnaubte belustigt. Mit einem Kopfschütteln lehnte er sich zurück und der Stuhl unter ihm knarrte gefährlich.

„Sind Sie deshalb hergekommen, Avery?“ Den Mund angewidert verzogen, stand der Hüne auf. „Lassen Sie sich die Akte geben, da steht alles drin, was Sie lesen wollen.“

„Setzen Sie sich, Clive!“

„Ich will zurück in meine Zelle.“

Snyder wurde unmerklich lauter.

„Setzen Sie sich!“

***

Wütend starrte MacKenzie den Agent an und musterte ihn einen Moment lang aus schmalen Augen.

Was zur Hölle wollte dieser Scheißkerl von ihm?

Der Kontakt zu Avery Snyder hatte Clive alles gekostet, was ihm lieb und teuer gewesen war. Aber es war zu spät, um heute noch darüber zu jammern. Er war seinen Weg gegangen und er würde diesen Bunker nicht mehr auf seinen eigenen zwei Füßen verlassen. Sein Leben war bereits vorbei, als er damals diesen Polizeibeamten erschossen hatte.

Als Snyder ihn nur schweigend ansah, nahm Clive erneut Platz auf dem alten Stuhl.

„Sagen Sie, was Sie wollen, und verschwinden Sie wieder“, murrte er.

„Erinnern Sie sich an Colleen van Bruit?“, wollte Snyder wissen. Clives Augenbrauen zogen sich skeptisch zusammen. Natürlich erinnerte er sich. Er erinnerte sich an viel zu viele Dinge aus seiner Vergangenheit und das machte ihn immer noch angreifbar.

Unwillig nickte er.

„Sie hat eine kleine Tochter namens June“, fuhr der Agent fort. „Colleen hat Ramón vor einem halben Jahr verlassen und ist mit dem Kind nach Australien ausgewandert.“

„Ich weiß!“

Snyders Augenbrauen hoben sich verblüfft.

„Offenbar sind Sie hier drin doch nicht ganz von der Außenwelt abgeschnitten“, stellte er spöttisch fest.

Clive starrte ihn ohne jede Gefühlsregung an.

„Die Post funktioniert einwandfrei“, entgegnete er kühl. „Was ist mit ihnen? Ich habe weder mit Colleen noch mit ihrer Tochter etwas zu tun. Die Kleine wurde geboren, als ich schon lange hier drin saß.“

Er will sie zurückhaben.“

Schulterzuckend lehnte Clive sich nach hinten.

Die Zeiten waren durch, in denen er sich für IHN eingesetzt hatte.

Was wollte Snyder?

„Was geht mich das an?“, fragte er gereizt.

„Colleen liegt lebensgefährlich verletzt in einem Krankenhaus in Sydney und June ist tot. Die beiden sind in eine Schießerei verwickelt worden.“

Die Vergangenheit ruhte nie.

Clive atmete tief durch. Bilder des Lebens vor diesem Knast zogen in Bruchteilen von Sekunden vor seinem inneren Auge vorbei. Er hatte seine Frau und seinen Sohn verloren und es hatte ihm das Herz aus der Brust gerissen, aber er war sich selbst treu geblieben.

Gerade als er glaubte, es würde endlich wieder besser, war es erneut geschehen ... Tod und Gewalt hatten sein Leben bestimmt, und doch war darin dieses zarte, liebenswerte Wesen, das ihn zu einem besseren Menschen machte.

Für sie war er bereit zu vergeben und neu zu beginnen.

ER hatte alles zerstört.

Ramón Guillermo.

Clive verspürte dennoch keine Genugtuung darüber, dass ausgerechnet dem Mann, wegen dem er hier drin saß, nun alles genommen worden war. Weder Colleen noch ihr kleines Mädchen hatten ein solches Schicksal verdient. Auch sie waren nur die Schachfiguren in einem mörderischen Spiel.

In seinem Spiel!

„Tut mir leid für die beiden“, erwiderte Clive ohne Wärme in der Stimme. „Aber das erklärt mir immer noch nicht, was Sie von mir wollen, Avery.“

Snyder beugte sich auf seinem Stuhl nach vorn. Seine Hände lagen mit ineinander verschränkten Fingern auf dem Tisch und Clive fiel auf, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten.

Warum war der Agent so nervös?

„Um es kurz zu machen: June ist vom ehemaligen Liebhaber ihrer Mutter entführt worden. Als Colleen mit einem Dutzend Polizisten bei ihm auftauchte, ist die Situation eskaliert.“ Der Agent atmete tief durch, stand auf und begann, mit in den Hosentaschen vergrabenen Händen in dem kargen Raum auf und ab zu laufen. „Das alles ist erst vor wenigen Stunden passiert und vermutlich weiß Guillermo noch nichts davon, aber das ist nur eine Frage der Zeit. Der Mann, der das alles zu verantworten hat, ist Amerikaner. Er war zum Urlaub in Australien und ist Colleen dort zufällig über den Weg gelaufen.“

Angenervt hob Clive eine Hand und unterbrach Snyders nervöses Hin- und Hergerenne. Clive hatte genug gehört und er wollte zurück in seine Zelle. Schluss mit den Höflichkeiten.

„Nichts für ungut, Avery, das ist alles sehr ergreifend“, bemerkte er in ätzendem Tonfall, „aber das hat absolut nichts mit mir zu tun. Was willst du?

Der Agent blieb mit verschränkten Armen vor dem Tisch stehen und starrte auf den Häftling hinab.

Gut ... Schluss mit den Höflichkeiten!

„Er wird jeden töten, den er mitverantwortlich machen kann, und selbst vor den Familien nicht zurückschrecken.“

Clive gab ein humorloses Lachen von sich.

„Mir sind seine Methoden nur zu gut bekannt. Allerdings solltest du wissen, dass ich bei ihm nichts mehr zu melden habe, ... falls du es vergessen hast, ich bin in Ungnade gefallen.“

„Nein, ich habe nichts vergessen. Doch der Mann, der June entführt und ihren Tod zu verantworten hat, heißt Virgil Jenkins ... er ist Annies Stiefbruder!“

2. Kapitel

Heute

Chicago, Illinois, USA

Saint Lawrence Avenue

 

„Wer sind Sie?“

Er war nicht von hier, das machte sein weicher Dialekt bereits klar. Sie tippte auf Kalifornien. Ansonsten hätte die Frage, die der Unbekannte ihr stellte, kaum absurder sein können - insbesondere nachdem Nell ihre abgedunkelte Wohnung betreten hatte und unerwartet in die Mündung eines Revolvers blickte.

Während ihre Gedanken sich überschlugen, stieg ein hysterisches, überdrehtes Lachen in ihr hoch, das sie nur mühsam zurückhalten konnte. Ihre Glieder waren wie gelähmt und mit weit aufgerissenen Augen presste sie sich rücklings gegen die geschlossene Wohnungstür.

Sie spürte, wie ihr der kalte Schweiß ausbrach und den Nacken hinablief. Der Türknauf bohrte sich auf äußerst unangenehme Weise in ihre Nierengegend.

Die Flut aus alten Erinnerungen machte es ihr schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Nur eines wusste sie mit Bestimmtheit, er hatte keine Ahnung, wer sie war.

Was wollte er dann?

Sie ausrauben? Sie vergewaltigen und ermorden? Wozu machte er sich dann die Mühe, nach ihrem Namen zu fragen? Vielleicht war er ein Perverser.

Langsam glitt ihr Blick den Lauf der Waffe entlang, die von einer langfingrigen Männerhand gehalten wurde. Unter der gebräunten Haut seines Armes war das Spiel der Muskeln zu erkennen. Sie bemerkte eingetrocknete Blutreste auf dem schmutzig weißen Oberhemd und schluckte nervös.

Er war so verdammt groß.

Ihre Augen wanderten über einen kräftigen Oberarm, die Schulter entlang, über der ein Lederriemen lag, und an einem Männerhals empor. Sie glitten weiter über ein scharf geschnittenes Gesicht mit markantem Kinn, sinnlichen Lippen und gerader Nase. Ein misstrauischer Blick aus hellgrauen Augen traf sie und Nell spürte, wie ihr heiß wurde.

Was ging ihr da durch den Kopf?

Ein fremder Kerl bedrohte sie mit einer Waffe und ihr fielen seine schönen Lippen auf?!?

War sie noch ganz bei Trost?

Sein schwarzes Haar war eine Spur zu lang und ein dunkler Bartschatten lag auf dem kantigen Kiefer. Er sah aus, als hätte er tagelang nicht geschlafen, und auf seinem linken Wangenknochen war ein abheilender Bluterguss zu erkennen. Doch obwohl er so müde und erschöpft wirkte, ließ der wachsame Ausdruck in seinen Augen nicht einen Moment nach.

Wie war er hier reingekommen?

Ihre Wohnung lag im fünften Stock. Selbst wenn er über die Feuerleiter gekommen war, hätte er sich durch das winzige Badezimmerfenster zwängen müssen. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, was eigentlich passierte, wenn hier wirklich mal ein Brand ausbrach.

Sie würde jedenfalls nicht durch das Badezimmerfenster entkommen können. Ihr Hintern war dafür eindeutig zu breit.

„Wer sind Sie?“

Seine Stimme klang eine Spur schärfer. Sie revidierte Kalifornien und ordnete ihn eher in Richtung Texas oder Louisiana ein. Er klang ein wenig britisch mit dem Hauch eines Südstaatenakzents.

Nell, du verdammter Kontrollfreak!

Innerlich fluchend zwang sie sich ein klägliches Lächeln ab. Sie hatte immer schon gewusst, dass ihre ständigen Analysen von Situationen sie irgendwann in Teufels Küche bringen würden. Sie durfte ihn nicht nervös machen.

Was hatte Dad ständig gesagt?

Immer schön ruhig bleiben und sachlich argumentieren.

 

Als er mit dem Daumen die Sicherung der Waffe löste, bildete sich ein zäher Kloß in ihrem Hals. Ihr Mund öffnete und schloss sich wieder, ohne dass sie ein Wort herausbrachte. Hektisch grub sie die Zähne in die Unterlippe.

Was war denn nur los mit ihr? Sie war doch sonst nicht auf den Mund gefallen!

Wie hypnotisiert fixierten ihre Augen die Revolvermündung. Ihr schoss die irrsinnige Frage durch den Kopf, ob sie zuerst die Kugel auf sich zukommen sah oder den Schuss hörte. Dieser Gedanke beschäftigte sie schon seit einer kleinen Ewigkeit.

Wie fühlte es sich an zu sterben?

War sie schon bereit dazu?

Welchen Grund hatte er, sie hier aufzusuchen?

Hatte sie noch einen Nutzen für ihn, wenn er sie umbrachte? Aber vielleicht war ihm das auch egal.

„Verflucht!“

Sie spürte, wie alle Farbe aus ihrem Gesicht wich, als er sich den halben Meter auf sie zuschob, ihr den Revolver an die Stirn presste und sie mit seinem Körper gegen die Tür drückte. Die Panik schien sie einen Moment lang zu ersticken.

„Wer bist du und was tust du in dieser Wohnung? Mach endlich den Mund auf, Lady.“

Sein harter, verschwitzter Körper drückte sich an ihren und neben der Angst, die sie empfand, meldete sich plötzlich noch ein ganz anderer Urinstinkt in Nell.

Scheiße!

Wie konnte sie jetzt an Sex denken?

Entsetzt schloss sie die Augen, schnappte nach Luft und riss unüberlegt den Kopf nach hinten. Schmerzhaft knallte ihr Schädel gegen die Tür und sie sah plötzlich Sterne.

Verflucht, tat das weh!

„Ich wohne hier“, stammelte sie drauflos.

Als sie ihn wieder ansah, war ihr Blick verschleiert.

Unvermittelt fasste sie sich an den pochenden Hinterkopf und gewann neuen Mut, als der Fremde sie gewähren ließ. Sie hatte ja schon mit einigen zwielichtigen Typen zu tun gehabt, aber dieser hier war besonders seltsam. Während sie nach der sich bildenden Beule tastete, beäugte sie ihn vorsichtig.

„Hören Sie, ich hab’ nicht viel Geld, aber Sie können es haben. Es ist in meiner Handtasche.“

Er senkte den Blick und starrte auf den Stoffbeutel, den sie neben sich auf den Boden hatte fallen lassen, als sie zur Tür hereingekommen war. Dann sah er sie wieder an und schüttelte den Kopf. Er gab ihr keinen Raum, sondern drückte sie weiterhin gegen das Holz. Nell spürte, wie die Hitze in ihr emporstieg und ihr Höschen feucht wurde.

Verdammt! Verdammt!

„Wie heißt du?“

„Nell ... Nell Davies.“

„Okay, Nell Davies. Ich will dein Geld nicht.“ Sein Gesicht schien noch grimmiger zu werden, während er sie betrachtete und sein Blick plötzlich provokant über ihre Gestalt wanderte. Sie war ausgesprochen dankbar für die Lederjacke, die verbarg, wie hart sich gerade ihre Nippel unter dem Shirt abzeichneten, das sie darunter trug.

Okay, er war attraktiv und gut gebaut, aber sie kannte diesen Kerl nicht! Er konnte irgendein Serienmörder sein und sie möglicherweise in der nächsten halben Stunde in kleine Stücke hacken, nachdem er sie vergewaltigt hatte.

Nell unterdrückte ein Stöhnen. Sie war immer schon sehr forsch gewesen und alles Andere als zurückhaltend gegenüber Männern. Trotzdem erklärte das nicht, warum sie sich so hemmungslos von ihm angezogen fühlte!

 

***

 

„Wo ist Laura?“

Irritiert blinzelte sie ihn an.

„Laura?“

Langsam trat er einen Schritt zurück, sicherte die Waffe und ließ den Arm sinken. Es war nicht zu übersehen, dass er ihr ausreichend Angst eingejagt hatte. Nell war immer noch blass und sie zitterte deutlich.

„Ja. Wo ist sie?“

„Sie ... Laura wohnt hier nicht mehr“, erwiderte sie leise.

Die großen, dunklen Augen wirkten riesig in dem ebenmäßigen Oval, das ihr Gesicht im Halbdunkel des Flurs bildete. Sie hatte hohe Wangenknochen, sanft geschwungene, volle Lippen und ein energisches Kinn.

Ihr dunkles Haar war zu einem dicken Zopf in ihrem Nacken gebunden. Er schätzte sie auf einen Meter fünfundsiebzig, sehr hübsch, üppig gebaut und mit spürbar weichen Kurven. Tief durchatmend nahm er ihren zarten Geruch wahr. Er war schon zu lang ohne Frau, sonst hätte er vermutlich nicht so überreizt auf sie reagiert.

„Wo ist sie?“, wollte er wissen.

„Wer sind Sie?“, fragte Nell zurück.

Offenbar hatte sie sich gefangen und von ihrem ersten Schreck erholt. Er verspürte den winzigen Anflug eines Lächelns auf seinen Lippen, das ungesehen verschwand. Die letzten Tage waren hart gewesen und er war so verdammt müde. Aber er hatte keine Zeit zum Schlafen.

„Mein Name ist Cougan, Ross Cougan. Ich bin Lauras Bruder.“

Die Zweifel standen ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. Ross zwang sich zu einem schiefen und vermutlich ausgesprochen unechten Lächeln. Er konnte Nell ihr Misstrauen nicht verdenken, nachdem er sie so überfallen hatte.

Aufgewühlt steckte er die Glock zurück in das Schulterhalfter und machte eine einladende Geste zu dem kleinen Wohnzimmer hinüber. Ihr Blick huschte nervös über seine Gestalt. Zögernd setzte sie sich in Bewegung, betrat den Raum und nahm schließlich auf seine stumme Bitte hin auf dem Sofa Platz.

„Warum sollte ich Ihnen glauben?“

„Musst du nicht und wir können gern beim Du bleiben. Mir ist bewusst, dass ich dir keinen Anlass dazu biete, mir zu vertrauen“, erwiderte er und setzte sich auf die Kante des Couchtisches. Widerstrebend zog er seine Geldbörse aus der Hosentasche, öffnete sie und zog ein altes, zerknittertes Foto hervor.

Er reichte es Nell.

 

***

 

Laura war nicht zu verkennen, auch wenn das Bild sicher schon zehn Jahre alt war. Ihre dunklen Locken und das fröhliche Blitzen ihrer blauen Augen waren bezeichnend. Sie und Ross hielten sich umarmt und lachten beide in die Kamera. Nell warf ihrem Gegenüber einen prüfenden Blick zu. Sein Lachen war offenbar schon vor langer Zeit verschwunden. Tiefe Linien hatten sich um seine Mundwinkel gegraben.

Sie reichte ihm vorsichtig das Foto zurück.

Von wegen Texas oder Kalifornien. Er war ein waschechter Australier, ... hätte er nicht so gut ausgesehen, wäre sie fast enttäuscht gewesen. Trotzdem hätte sie als Lauras Bruder doch eher einen braungebrannten Surfertyp mit zerzaustem, blondem Haar erwartet. Einen dieser typischen Sunnyboys, wie man sie auch in Florida ständig und überall sah.

Laura hatte Ross zwar mal erwähnt, aber sie war zurückhaltend mit Geschichten über ihre Familie. Darin waren sie sich sehr ähnlich, denn auch Nell erzählte nur selten von ihrer Vergangenheit.

Vermutlich hatte Laura ihr nicht grundlos verschwiegen, dass ihr großer Bruder so heiß aussah. Ansonsten hätte Nell sie vermutlich angebettelt, ihn einzuladen. Laura hatte oft genug gescherzt, Nells Männerverschleiß sei legendär, seit sie sich hatte scheiden lassen. Dabei wollte sie nur ein bisschen was nachholen, nachdem ihre Ehe mit Maurice eine solche Farce gewesen war.

Sie musste zugeben, dass sie sich im letzten Jahr die Hörner wirklich abgestoßen hatte. Allerdings war sie seit drei Monaten solo und hatte sich auch keinen fremden Kerl mehr für eine einzige Nacht mit heim genommen. Sie fühlte sich fast schon wie eine Nonne.

Aber wozu sollte sie? Die Meisten kannten eh nur die gleiche lahme Nummer und sie war es leid, ständig die treibende Kraft zu sein, die um ein wenig mehr Kreativität und Experimentierfreude im Bett bettelte. Es fiel ihr nicht schwer, auf jemanden zuzugehen, aber sie wollte auch mal erobert werden – sie wollte endlich wieder diejenige sein, die nur daliegen und genießen durfte ... so wie alle Anderen.

Nell, du hast gerade wirklich andere Probleme!

Unruhig musterte sie den Mann, der ihr gegenübersaß.

„Sie ... du könntest auch ein Ex-Freund sein“, gab sie zu bedenken.

Er verzog den Mund und steckte das Bild wieder an seinen Platz.

„Theoretisch könnte ich das sein.“ Er knöpfte sein schmutziges Hemd auf und präsentierte Nell zu ihrer Überraschung einen Teil seiner beeindruckenden Brust. Es fiel ihr schwer, ihn nicht mit heraushängender Zunge anzustarren, während sie versuchte, sich auf die kleine Tätowierung zu konzentrieren, auf die er deutete. „Tatsächlich haben meine Schwester und ich das gleiche Tattoo.“

Es war ein Unterschied, diese zarte Rose auf Lauras Dekolleté zu sehen oder auf seiner breiten, behaarten Männerbrust. Eine Tätowierung war dennoch kein Beweis. Trotzdem nickte sie stumm und rutschte unbehaglich auf dem Sofa herum.

Sein halbnackter Brustkorb machte sie nervös, und wenn er unter der Gürtellinie nur halb so gut gebaut war wie darüber ... oh Mann, sie musste an andere Dinge denken!

Steuererklärungen oder die dreckigen Toiletten im Club!

Er ließ sein Hemd los, wischte sich mit einer Hand über das Gesicht und musterte sie erneut.

„Also, wer bist du? Und wo ist Laura?“

„Ich bin ihre Mitbewohnerin ... seit einem Jahr. Laura ist letzte Woche nach Montana gezogen“, erwiderte sie unkonzentriert.

„Sie ist was?“ Er sah genauso fassungslos aus wie er klang. „Was will sie in Montana?“

„Heiraten.“

Wenn überhaupt noch möglich, entgleisten seine Gesichtszüge nun endgültig und einen Augenblick starrte er sie einfach nur dümmlich an. Nell strich gedanklich ein paar Bonuspunkte für mangelnde Aufnahmefähigkeit.

„Heiraten?“, wiederholte er tonlos. Langsames Kopfschütteln setzte ein. „Unmöglich.“

„Ja doch“, erwiderte sie. Ihr Selbstvertrauen begann endlich zurückzukehren. „Vor einem halben Jahr hat sie Ethan kennengelernt und ist ihm nun auf seine Ranch nach Montana gefolgt.“

„Eine Ranch ...“ Sein Kopfschütteln hörte gar nicht auf und er wirkte zunehmend ungläubiger. „Ich kann’s nicht fassen.“

 

Nell zuckte mit den Schultern und musterte ihn kurz von oben bis unten.

„Vielleicht solltest du dich als Bruder einfach öfter mal bei ihr melden, dann wärest du auch auf dem Laufenden.“

Seine buschigen, dunklen Brauen schoben sich zusammen und einen Moment sah er sie so finster an, dass Nell ein Schauer über den Rücken lief. Eine sehr verwirrende Mischung aus Furcht und Erregung rollte über sie hinweg, während sie ihm in die Augen sah.

Mann, der Typ war sogar dann heiß, wenn er wütend war.

„Das geht dich gar nichts an“, knurrte er.

Sie zuckte mit den Achseln und stand auf. Als er sich im gleichen Moment erhob, blieben sie in wenigen Zentimetern Entfernung voreinander stehen. Eigentlich hatte sie gedacht, nachdem er die Knarre weggesteckt hatte, wäre er nicht gefährlicher als die anderen Kerle, die sie kannte, ... aber sie irrte sich. Sie konnte sich nicht erinnern, dass ihr vorher schon einer solches Herzklopfen verursacht hatte.

Von dem anschwellenden Pochen zwischen ihren Schenkeln ganz zu schweigen.

Verflucht!

Sie kannte den Typ mal gerade ein paar Minuten und war spitz auf ihn wie Nachbars Lumpi auf eine Salami. Sich räuspernd, trat sie einen Schritt an ihm vorbei und konnte nicht verhindern, dass sie mit der Brust seinen muskulösen Oberarm streifte. Hitze pumpte durch ihre Adern.

„Meinetwegen. Aber nach deinem Auftritt hier musst du dich wohl kaum wundern“, gab sie zurück und ging in die angrenzende Küche hinüber. Sie brauchte dringend eine Ablenkung. In ihrem Rücken spürte sie seinen brennenden Blick. „Wie bist du überhaupt hier reingekommen?“

„Ersatzschlüssel.“

Als sie sich zu ihm umdrehte, griff er nach ihren Fingern, zog einen einzelnen Schlüssel aus seiner Hosentasche und drückte ihn in Nells Hand. Seine Berührung sorgte dafür, dass sich feine Schweißperlen auf ihrer Oberlippe sammelten.

Fuck! Sie wollte, dass er noch viel mehr von ihr anfasste.

Okay, sie wusste, Extremsituationen waren durchaus aphrodisierend – aber das hier war eindeutig übertrieben. Vor zehn Minuten hatte er ihr seine Waffe an den Kopf gehalten und jetzt wollte sie seine Hände auf ihrer nackten Haut.

Was war in ihrem Oberstübchen nicht in Ordnung?

„Den hat Laura mir vor einer kleinen Ewigkeit mal gegeben“, erklärte er. „Falls ich mal Unterschlupf bräuchte.“

Sie warf den Schlüssel auf den Küchentisch, streifte die Jacke von den Schultern und warf sie achtlos über die Stuhllehne. Ihr war so heiß, dass sie sich am liebsten in eine Badewanne voll Eis gesetzt hätte.

Warum zum Teufel hatte dieser Typ eine solche Wirkung auf sie?

 

***

 

„Willst du was trinken?“

Fahrig öffnete sie den Kühlschrank, langte nach einer Flasche Orangensaft und knallte sie auf die Anrichte. Ohne seine Antwort abzuwarten, holte sie zwei Gläser hervor und begann, sie zu befüllen. Ihre anfängliche Nervosität war offensichtlich einer unruhigen Betriebsamkeit gewichen und ihre Ängstlichkeit schien sich langsam in Ärger zu verwandeln.

Ross musterte sie nachdenklich.

„Alles okay mit dir?“, wollte er wissen. Über die Schulter warf sie ihm einen funkelnden Blick unter halb gesenkten Wimpern zu.

„Willst du was trinken?“, wiederholte sie ihre Frage.

Vielleicht war das ihre Art, ihren Stress zu bewältigen. Achselzuckend nickte er ihr zu.

„Dagegen ist wohl nichts einzuwenden“, stellte er fest. Sie reichte ihm ein Glas, nahm selbst das andere und gönnte sich einen großen Schluck, ehe sie sich ihm zuwandte und mit dem Hintern gegen den Küchenschrank lehnte. Sie wirkte plötzlich gar nicht mehr so furchtsam wie noch Minuten zuvor.

Ross genoss einen Schluck von dem kalten Getränk und spürte, wie es ihm die Kehle hinabrann. Mit Daumen und Zeigefinger fuhr er sich über den Nasenrücken, für eine Sekunde kniff er die Augenlider aufeinander und unterdrückte ein Gähnen. Er fühlte sich müde und zerschlagen. Wenn sie ihm Lauras Adresse gab, konnte er endlich von hier verschwinden.

Oh Mann, er hatte nicht damit gerechnet, dass Laura so kopflos irgendeinem Typ hinterherrennen würde. Er musste unbedingt herausbekommen, wer dieser Kerl war, und ihn überprüfen.

Sein Blick glitt erneut über Nell, die ihm nun im hellen Licht der Küchenlampe gegenüberstand. Wirklich sehr hübsch, mit dunkelrotem Haar und blauen Augen. Ganz davon zu schweigen, wie ihre Brüste sich gegen das Shirt drückten und die harten Nippel sich darunter abzeichneten.

Fast hätte er sich verschluckt.

 

Er träumte doch, oder?

Blinzelnd starrte er ihr auf den Busen.

Nein.

Er war immer noch wach. So wach wie es nur ging, und ihre harten Brustwarzen zeichneten sich nach wie vor unter dem dünnen Stoff ab. Okay, sie war vermutlich extrem aufgeregt. Da zu viel hineinzuinterpretieren, brachte nur unnötige Komplikationen mit sich und davon gab es ohnehin schon genug in seinem Leben.

Als Ross den Kopf hob und ihr in die Augen sah, lag ein seltsamer Ausdruck auf ihrem Gesicht. Sie nippte an ihrem Saft und starrte ihn unverwandt an.

Irritiert leerte er sein Glas und stellte es neben sich auf den Küchentisch. Er war müde und seine Nerven deutlich überreizt, es war besser, er ging jetzt endlich und suchte sich irgendwo ein Motel.

„Hör mal, Nell. Es tut mir leid, dass ich dich erschreckt habe. Wenn du mir Lauras Adresse gibst, verschwinde ich gleich wieder aus deinem Leben.“

„Wo schläfst du heute Nacht?“

Ihre Frage überraschte ihn.

„Weiß ich noch nicht, ich suche mir ein Motel“, gab er zurück. „Was ist nun mit der Adresse?“

„Liegt in meinem Auto“, erwiderte sie leise, nahm einen weiteren Schluck und holte tief Luft. Es fiel ihm schwer, ihr weiterhin in die Augen zu blicken und nicht schon wieder auf ihren Busen zu starren. Mit dem Kinn deutete sie auf das Wohnzimmer. „Du kannst hier schlafen, das Sofa ist ausklappbar. Ich gebe dir Lauras Adresse morgen. Du wirst heute Nacht in Chicago ohnehin kein Zimmer mehr bekommen - es ist Messezeit und alle Hotels sind ausgebucht.“

Zögernd schob er die Hände in die Hosentaschen und musterte sie einen Moment lang.

Warum tat sie das?

Vor gut zehn Minuten hatte er sie in ihrer eigenen Wohnung überfallen und mit der Waffe bedroht. Doch statt ihn so rasch wie möglich vor die Tür zu setzen, bot sie ihm nun auch noch Obdach für die Nacht an.

Das war merkwürdig.

Neugierig und misstrauisch beäugte er sein Gegenüber.

Lauras Mitbewohnerin, ja?

Er musste herausfinden, wer sie wirklich war.

„Okay“, gab er zurück.

 

***

 

Während sie die Bettdecke bezog, versuchte sie, die Bilder aus ihrem Kopf zu verdrängen, die sie quälten, seit Ross im Bad verschwunden war, um zu duschen.

Was zur Hölle war heute los mit ihr?

Ein wildfremder Kerl lauerte ihr auf, hielt ihr eine Knarre an den Kopf und sie überlegte ernsthaft, ob sie sich ausziehen und ihm unter die Dusche folgen sollte.

Das war krank.

Vielleicht hätte sie die drei Drinks im Club nicht trinken sollen. Okay, okay, seit ihrer Scheidung von Maurice vor zwei Jahren war sie gewiss kein Kind von Traurigkeit gewesen, aber so forsch war selbst sie normalerweise nicht.

Abgesehen davon, dass Ross nicht gerade wirkte, als würde er das Interesse erwidern ... nicht mal, als er ihr auf den Busen gestarrt hatte.

Einen Seufzer unterdrückend, faltete Nell die Bettdecke zusammen und legte sie auf das Sofa. Sie hätte das Angebot ihres Kollegen Norman annehmen und die Nacht bei ihm verbringen sollen. Dann wäre sie weder Lauras Bruder in die Arme gelaufen noch müsste sie sich heute Nacht frustriert von einer Seite auf die andere werfen, während ein Zimmer weiter ein heißer Typ auf dem Sofa übernachtete.

Sie machte sich normalerweise nichts daraus, einen Mann anzusprechen, der ihr gefiel, und es war gar nicht so selten vorgekommen, dass sie jemanden noch in der ersten Nacht abschleppte, ... aber er war Lauras Bruder.

Verflucht!

Sie kannten einander kaum und Ross machte bislang nicht den Eindruck, als wäre er wild auf eine Nummer mit ihr. Dass er ihr auf die Brüste geglotzt hatte, war nichts weiter als die alltägliche Reaktion eines Mannes auf eine Frau gewesen. Er hätte kaum weniger interessiert wirken können ... vielleicht stand er auf Männer!?

Dennoch fühlte sie sich geradezu magisch von ihm angezogen und zu ihrem Verdruss konnte sie sich nicht einmal selbst weismachen, es sei so etwas wie Liebe auf den ersten Blick. Sie war nicht verliebt ... sie war einfach nur scharf auf ihn.

Das würde eine verdammt lange Nacht.

 

„Das Bad ist frei.“

Sie zuckte erschrocken zusammen, als seine Stimme hinter ihr erklang. Mit einer Mischung aus Scham und aufgesetzter Fröhlichkeit wandte sie sich ihm zu und verkniff sich im nächsten Augenblick einen lauten Fluch.

Scheiße!

Musste er nun auch noch mit einem Handtuch um die Hüften geschlungen vor ihr stehen, während sie sich nur allzu bewusst darüber war, was da zwischen seinen Beinen baumelte?

Das war nicht fair!

„Danke“, krächzte sie und starrte ungeniert seine breite Brust an.

Oh Gott, bitte lass ihn hetero sein!

„Kann ich noch was für dich tun?“

Seine Frage drang nur mühsam in ihr überfordertes Hirn und es fiel Nell schwer, ihren Blick nach oben zu richten und ihm in die Augen zu sehen.

Ihr fielen eine Menge Dinge ein, die er für sie hätte tun können ... mit seiner Zunge, seinen Fingern und diesem einen Detail an seinem Körper, nach dem sie lechzte. Allerdings sah er sie immer noch an, als wäre sie mindestens achtzig und ihre Brüste hätten die Form von altem Hefegebäck.

Was war los mit diesem Typ?

Die Kerle reagierten sonst anders auf sie.

„Darf ich dir eine Frage stellen?“

Sie schob einen Daumen in den Bund ihrer Jeans und musterte ihn aufmerksam. Wenn er irritiert schien, ließ er sich das zumindest nicht anmerken. Ruhelos versuchte sie, sich vom Spiel seiner Muskeln nicht aus dem Takt bringen zu lassen, als er mit den Achseln zuckte.

„Sicher, schieß los“, entgegnete er.

„Stehst du auf Männer?“

 

Nun wirkte er doch überrascht. Die dunklen Brauen rutschten ein ganzes Stück nach oben, während er sie nicht aus den Augen ließ. Er sah noch abweisender aus als zuvor.

„Seh’ ich so aus?“, fragte er zurück.

Dankbar dafür, ihn erneut mustern zu dürfen, tat sie genau das ausgiebig und ihr Blick verweilte einen Moment länger auf seinem Schritt, als es sich vermutlich gehörte.

„Kann ich nicht sagen“, erwiderte sie nachdenklich. „Ich habe einige homosexuelle Kollegen, denen man es nicht sofort anmerkt.“

„Was veranlasst dich zu deiner Frage?“

„Findest du mich hübsch?“

Er öffnete den Mund, klappte ihn wieder zu und blinzelte ein paarmal. Es irritierte ihn sichtlich, dass sie seine Frage mit einer Gegenfrage beantwortete.

„Klar bist du hübsch“, erwiderte er deutlich verwirrt.

„Aber du hast nicht zufällig Lust auf mich?“

Seine Augenbrauen zuckten nach oben und sein Blick huschte kurz über ihren Körper.

„Du bist ziemlich direkt“, stellte er fest.

„Ich weiß. Du hast meine Frage nicht beantwortet.“

„Eigentlich waren es schon zwei.“

„Du bist ziemlich kleinlich“, bemerkte sie. Ein Lächeln zuckte über seine Lippen und ihr Pulsschlag dröhnte so laut in ihren Schläfen, dass Nell einen Moment fürchtete, sie bekäme gleich einen Hirnschlag.

„Nun, um deine erste Frage zu beantworten: Nein, ich stehe nicht auf Männer - ich bin hetero.“

„Und?“

Sein Gesichtsausdruck bekam etwas Beunruhigendes, das ihre ohnehin schon aufgeheizte Libido zusätzlich in Wallung brachte. Schweigend musterte er sie von oben bis unten. Nell war sich nur allzu bewusst, wie fest ihre Brustwarzen gegen den Stoff ihres Shirts drückten und dass ihr Höschen vermutlich einen größer werdenden, dunklen Fleck aufwies.

 

„Du bist geil.“

Er klang fast ein bisschen erstaunt.

„Danke“, erwiderte sie geschmeichelt.

Ross schüttelte erneut den Kopf.

„Du hast mich falsch verstanden. Das war kein Kompliment“, bemerkte er. „Ich stelle lediglich fest, dass du sexuell erregt bist.“ Sein Blickt tastete erneut über ihre Gestalt und verweilte auf ihren Brüsten. „Sehr erregt sogar, wenn mich nicht alles täuscht.“

Er wandte ihr den Rücken zu und fischte Kleidung aus der Tasche, die neben dem Sessel stand. Ohne sie weiter zu beachten, streifte er zwanglos das Handtuch von den Hüften. Sie starrte eine Sekunde lang seinen nackten, gut geformten Hintern an, ehe er eine Boxershorts darüberstreifte. Keine Minute später lag er auf dem Sofa, drehte ihr den Rücken zu und zog die Bettdecke über sich.

„Mach doch bitte das Licht aus, wenn du rausgehst“, meinte er. Nell überkam eine ganz ungewohnte Reue, die sich mit Ärger und Frustration vermischte.

Was zur Hölle tat sie hier?

Sie biederte sich bei einem Kerl an, der sie nicht wollte und eiskalt blieb. Die Augen geschlossen, atmete sie langsam ein und wieder aus. Der Versuch, den halbnackten Typ zu ignorieren, war aussichtslos. Es war besser, sie ging jetzt kalt duschen und anschließend ins Bett.

Dämlicher Arsch!

Zum Teufel mit diesem Kerl. Morgen wäre sie ihn los und abends würde sie Norman mit nach Hause nehmen. Sie brauchte dringend Ablenkung. Heute Nacht musste wohl notgedrungen ihr Spielzeug dran glauben und ihr war scheißegal, wenn er sie dabei hörte.

Einen Seufzer unterdrückend, durchquerte sie das Wohnzimmer, löschte das Licht und ging ins Bad hinüber.

Das würde nicht nur eine lange Nacht, sie würde vor allem ziemlich schlaflos!

 

***

 

Angespannt lauschte er ihren Schritten, die sich entfernten. Erst als er die Tür zum Bad hörte, wagte er es wieder zu atmen. Sich auf den Rücken drehend, fuhr er mit den Fingern über sein stoppeliges Kinn und starrte in der Dunkelheit an die Zimmerdecke.

Wenn er ehrlich war, wäre er ihrer mehr als deutlichen Aufforderung nur zu gern nachgekommen. Aber er musste einen klaren Kopf behalten. Verdammt, obwohl er gedanklich mit anderen Dingen beschäftigt war, war er in erster Linie ein Mann und gegen ihre Reize nicht immun.

Es war ziemlich ungewohnt, so eindeutig zweideutige Angebote zu bekommen. Normalerweise wollten Frauen erobert werden.

Wer war dieses Weib?

Er wurde einfach nicht schlau aus ihr.

Erst hatte sie vor Angst gezittert und dann lud sie ihn nicht nur ein, hier zu übernachten, sondern machte ihm ziemlich unmissverständlich klar, was sie wirklich wollte.

Ross stutzte.

Vielleicht war es gar keine Angst gewesen, die dafür sorgte, dass ihre Schultern bebten, ... vielleicht hatte sie diese Situation erregt. Ihre Nippel hatten sich schließlich auch vorhin in der Küche schon sichtbar unter ihrem Shirt abgezeichnet.

Leise stöhnend versuchte er, die Erregung zu ignorieren, die sich in seinem Körper breit machte und ihm das Blut in die Lenden schießen ließ.

Das fehlte ihm gerade noch! Sein Leben war bereits kompliziert genug. Er konnte keine Frau gebrauchen, die es noch mehr durcheinanderbrachte.

Morgen war er schon wieder fort und würde sie vermutlich nie wiedersehen, ... wenn er genauer darüber nachdachte, war das eigentlich die perfekte Gelegenheit. Die Hände vor das Gesicht gelegt, unterdrückte er ein Stöhnen und schüttelte den Kopf.

Nein! Auf keinen Fall.

Nell bedeutete bloß noch mehr Schwierigkeiten.

Als er das Wasser im Bad rauschen hörte, strampelte er die Bettdecke ans Fußende und ließ eine Hand über den Bauch nach unten gleiten, um sich Erleichterung zu verschaffen. Er würde kein Auge zubekommen, wenn er hier lag und drauf wartete, dass es von allein vorbeiging.

Allerdings half es nicht, die Bilder in seinem Kopf auszulöschen. In einem Punkt musste er Nell recht geben, er hätte sich mehr bei seiner Schwester melden sollen ... dann wüsste er vielleicht, was er von Lauras Mitbewohnerin zu halten hatte.

War sie einfach nur eine sehr selbstbewusste Frau oder spielte sie ein falsches Spiel? Im Augenblick konnte er niemandem wirklich trauen und eigentlich hatte er ihr schon viel zu viel von sich preisgegeben, dafür dass er sie nicht kannte.

Aber ... sie war einfach ... verflucht, er konnte ständig nur daran denken, wie ihre Brüste wohl ohne Shirt aussahen. Ob sie jetzt unter der Dusche stand und es sich selbst machte? Zwischen seinen Fingern zuckte es. Ross sah zu der Tür hinüber, die in den Flur hinausführte und dem Bad direkt gegenüber lag.

Vielleicht riskierte er einen Blick.

Halbherzig zog er seine Shorts zurecht, erhob sich angespannt und schlich durch das Wohnzimmer. Unter der Tür zum Bad war ein heller Streifen Licht.

„Was tust du hier?“, flüsterte er vor sich hin.

Vor gar nicht allzu langer Zeit hatte er Typen, die heimlich Frauen nachstellten, Handschellen angelegt und sie vierundzwanzig Stunden in die nächste Zelle gesperrt. Heute benahm er sich nicht besser als irgendein dämlicher Spanner. Dabei hatte er im Augenblick weiß Gott andere Probleme. Verärgert wandte er sich ab und wollte zurück zum Sofa gehen, als ein seltsames Geräusch ihn im Schritt verharren ließ.

Hatte sie gerade im Bad geschluchzt?

Erneut drehte er sich zu der Tür um und starrte sie unschlüssig an. Wieder dieser Laut. Okay, einen Blick – nur einen, um klarzustellen, dass sie in Ordnung war.

Das Herz hämmerte ihm in der Kehle, als er sich vorbeugte und sein Gesicht unter die Türklinke schob. Das Schlüsselloch war verdeckt. Dafür hörte er einen deutlich erstickten Laut.

Was ging da drin vor sich?

 

ooo

 

Oak Park Heights, Minnesota, USA

Hochsicherheitsgefängnis, Isolationstrakt, Haftraum 18 B

 

Zerstreut betrachtete Agent Snyder das Innere der Zelle.

Einen mal zwei Meter ... ein Bett, eine winzige Toilette mit Waschbecken und zweieinhalb Meter hohe Wände. Fünfzehn Kubikmeter Stahl, in denen Clive MacKenzie täglich dreiundzwanzig Stunden verbracht hatte.

Eine Stunde am Tag, in der er seine Zelle verlassen und vom Innenhof einen winzigen Blick auf den Himmel hatte erhaschen können.

Er hatte hier gelebt, gegessen, geschlafen ... mehr als zwei Jahre lang. Isolationshaft, ständige Bewachung, dauerhafte Beobachtung, kein Kontakt nach außen - und trotzdem war es ihm gelungen, dieser metallischen, beklemmenden Hölle zu entkommen.

Vor fünf Stunden war ihm die Flucht geglückt, mitten im Gefangenentransport zum Gericht - und obwohl die Fahndung bereits auf Hochtouren lief, war Snyder sich ziemlich sicher, dass sie ihn erst finden würden, wenn MacKenzie es wollte.

Er war ihnen nicht grundlos jahrelang immer wieder durch die Finger geglitten. Sie hatten ihn nur dingfest machen können, weil er eine falsche Entscheidung getroffen hatte, ... und die war leider nicht das Ergebnis ihrer erfolgreichen Ermittlungsarbeiten gewesen.

Erschöpft fuhr der Bundesagent sich mit einer Hand über das Gesicht und schloss einen Moment die Augen. Er hatte geahnt, dass das irgendwann passieren würde. Schon als er vor einem Jahr hergekommen war, um MacKenzie um Hilfe zu bitten, waren ihm Bedenken gekommen, dass diese Entscheidung Konsequenzen nach sich ziehen würde. Aber ihm war keine Wahl geblieben. Er hatte seine Familie schützen wollen.

Die Möglichkeit, dass der gebürtige Schotte in den darauffolgenden Monaten seinen Ausbruch planen und tatsächlich in die Tat umsetzen würde, hatte er rigoros ignoriert. Allerdings hatte er es geahnt – und wenn er ehrlich war, vielleicht sogar ein wenig erhofft, ... aber das würde er niemals offiziell zugeben.

 

„Jemand muss ihm geholfen haben!“

Snyder wandte sich dem Mann zu, der seine eigenen Gedanken laut ausgesprochen hatte. Es war einer der Wärter, der mit verschränkten Armen auf dem Korridor vor der Zelle stand. Sein Gesichtsausdruck war finster. Dem Agenten war klar, dass das hiesige Sicherheitspersonal sich persönlich von diesem Vorfall angegriffen fühlte. Dieser Knast galt nicht ohne Grund als das ausbruchssicherste Gefängnis der USA.

Ohne Hilfe eines Komplizen wäre das nie möglich gewesen. Snyder fragte sich nur, wie es dazu hatte kommen können.

Die Isolationshaft, in der MacKenzie sich so lang befunden hatte, untersagte ihm den Kontakt nach außen. Allerdings gab es eine Ausnahme: seinen Anwalt und den holten Snyders Kollegen gerade aus seiner Kanzlei ab.

Fast neunzehn Jahre hatte MacKenzie eingesessen. Abgesehen von dem Zwischenfall mit dem Mithäftling, den er vor mehr als zwei Jahren getötet hatte und für den er die letzten Monate in Isolationshaft verbracht hatte, war er nie wirklich auffällig geworden. Selbst Gefangene, die dafür berüchtigt waren, ständig Streit zu suchen, gingen ihm in der Regel aus dem Weg.

Die Wenigen, die es doch wagten, fanden sich kurz darauf in der Krankenstation wieder. MacKenzie war nicht wie die Anderen. Er kämpfte nicht, um sich die Zeit zu vertreiben, er bastelte keine Stichinstrumente ... allerdings war es ihm ein Leichtes, mit einem Fingerdruck am Hals einen Gegner zu Boden zu schicken.

Also begegneten ihm die meisten Gefangenen mit respektvollem Abstand – und er war schließlich in der Isolationshaft geblieben.

Der Transport zum Gerichtshof, an dem man seinen Bewährungsantrag verhandeln wollte, den sein Anwalt vor sechs Monaten eingereicht hatte, war schwer bewacht gewesen. Dennoch hatte dieser Konvoi aus zwei gepanzerten Wagen sein Ziel nicht erreicht.

Stattdessen fand man neun gut ausgebildete Beamte betäubt mitten im Nirgendwo und MacKenzie war fort. Wie es ihm gelungen war, sie alle außer Gefecht zu setzen, war nach wie vor umstritten.

 

Snyder strich sich über das Kinn.

Dieser Kerl war auch nach dreißig Jahren immer noch ein Phänomen und er konnte sich an den Tag erinnern, da der Schotte in sein Leben getreten war, als wäre es gestern gewesen.

Damals war Snyder noch als Chief bei der Australian Federal Police in Sydney tätig gewesen. Er hatte hervorragende Polizisten unter sich gehabt, die Leib und Leben für ihr Land riskierten. Männer, für die ihr Job Berufung war und nicht nur Prestige. Drogenhandel, Zwangsprostitution und das organisierte Verbrechen waren ihr tägliches Brot gewesen.

MacKenzies Name war das erste Mal im Zusammenhang mit dem ungeklärten Mord an einem Bordellbetreiber gefallen, dem nachgesagt wurde, dass er sich auf besonders junge Mädchen spezialisiert hatte.

Es gab Gerüchte und eine wilde Geschichte über das, was geschehen war. Bei Verhandlungen über eine mögliche Zusammenarbeit hatte der Kerl offensichtlich mit seinen Liebeskünsten geprahlt und sich gerühmt, dass er den Willen jeder Frau – gleich welchen Alters – brechen könne.

Am besten hätte es ihm jedoch stets gefallen, der Erste zu sein, der den besonders jugendlichen Opfern die Jungfräulichkeit nahm, nachdem er sie entführt hatte.

Die Tatsache, dass MacKenzie zu diesem Zeitpunkt selbst eine viereinhalbjährige Tochter und einen wenige Wochen alten Sohn hatte, schien letztlich ausschlaggebend dafür zu sein, dass er geradezu durchgedreht war. Er hatte dem Zuhälter die Finger und Zehen gebrochen, ihm einen Kugelschreiber in den Hals gerammt und ihn kopfüber an den Deckenlüster gehängt, um ihn ausbluten zu lassen.

Trotzdem war ihm nichts nachzuweisen gewesen.

Als die Polizei eintraf, stand das Bordell in Flammen und sämtliche Beweise waren vernichtet. Bei den Vernehmungen, die Snyder damals ein erstes Zusammentreffen mit MacKenzie bescherten, lieferte ihr Hauptverdächtiger ein unumstößliches Alibi und die wenigen Zeugen schlugen sich alle auf seine Seite. Ob aus Angst oder Dankbarkeit war unmöglich zu klären.

Wenn Snyder ehrlich war, hatte er trotz seines Eides selbst mit diesem Kerl sympathisiert. Als Polizisten sahen und erlebten sie jeden Tag Dinge in ihrem Job, die sie an den Rand des Erträglichen brachten.

Sie jagten und überführten Verbrecher und taten alles, damit diesen Menschen der Prozess gemacht wurde. Dessen ungeachtet geschah es nur allzu oft, dass die schlimmsten Schwergewichte mit Hilfe ihrer Anwälte immer wieder ein Schlupfloch im Rechtssystem fanden, und war es nur, indem sie auf Unzurechnungsfähigkeit plädierten.

 

Snyder und seine Männer hatten die Ermittlungsakte damals als ungeklärt beiseitegelegt und keiner von ihnen hatte deshalb ein schlechtes Gewissen gehabt. Dieser Zuhälter war im Grunde nur ein kleines Licht gewesen, aber er würde nie wieder ein junges Mädchen zur Prostitution zwingen und ihr Leben in eine Hölle verwandeln.

MacKenzie war allerdings Teil von Snyders Leben geblieben.

Obwohl der Schotte zurück in die USA gereist war, behielt der australische Agent ihn im Auge. Ein ganzes Jahrzehnt hatte er ihn aus der Ferne beobachtet und kaum etwas herausbekommen können.

Nachdem dann einer von Snyders jungen Beamten bei einer Schießerei ums Leben gekommen war, hatte er den Dienst quittiert, seine Koffer gepackt und war mit seiner Familie in die USA ausgewandert.

Den Job beim FBI hatte er gut gebrauchen können und es brachte ihn umgehend zurück auf MacKenzies Fährte und dessen Doppelleben in Chicago.

Auf der einen Seite war er der liebevolle Ehemann und Familienvater. Ein Mann, der in einer schicken Vorstadtvilla lebte, seine Frau vergötterte und seinen Kindern jeden Wunsch erfüllte, ... der nette Nachbar von nebenan.

Auf der anderen Seite war er Ramón Guillermos rechte Hand - der Schatten des schlimmsten Gangsterbosses, den die Ostküste seit Capone gesehen hatte.

Mehr als ein Jahrzehnt hatten sie schon gemeinsame Sache gemacht. Drogenschiebereien, Menschenhandel, Prostitution – jeder wusste es, aber es war unmöglich, sie zu überführen. Ihr System war ausgeklügelt und ihre PR-Abteilung arbeitete präzise und perfekt.

Getarnt mit diversen Unternehmen wie Immobilienagenturen und Arbeitsvermittlungen war es ihnen gelungen, allem ein Kleid der Aufrichtigkeit zu geben. Dieses Gerüst, das sie aufgebaut hatten, schien absolut sicher und unverfänglich.

Das Schlimme war, dass es nicht den Hauch einer Chance gab, ihnen vielleicht doch etwas nachzuweisen.

 

Nach außen lebte MacKenzie ein völlig normales Leben und seine Familie hatte vermutlich nicht einmal sehen wollen, wer er wirklich war. Bis zu dem Zeitpunkt, als seine Frau Ebony und sein kleiner Sohn Danny bei einem Autounfall starben. Ein Unfall, der bis heute Rätsel aufgab und den Verdacht nahelegte, dass jemand nachgeholfen hatte.

Beweise hatte es nie gegeben.

Aber der Unfall hatte MacKenzie verändert.

Er hatte sich aus den Geschäften zurückgezogen, um sich auf das Leben mit seiner Tochter zu konzentrieren, ... so hieß es offiziell. Snyder und seine Kollegen waren sich allerdings einig, dass er weiterhin für Guillermo gearbeitet hatte.

Doch so undurchdringlich wie ihr gemeinsames Imperium, so undurchdringlich war auch MacKenzies Leben.

Guillermo und er galten nicht grundlos als unschlagbares Team. Niemandem konnte der Drogenbaron so blind und bedingungslos vertrauen wie dem Schotten. Bis zum heutigen Tag war MacKenzie seinem einstigen Boss loyal ergeben und Snyder war sicher, dass sie immer noch in Kontakt standen.

Ein Kontakt, der Snyders Meinung nach dafür gesorgt hatte, dass der Mann aus einem der bestgesicherten Gefängnisse der Kategorie fünf entkommen und nun auf der Flucht war.

Als das FBI kurz nach dem Unfall auf MacKenzie zugekommen war und den Verdacht geäußert hatte, dass Ramón eventuell in den Tod seiner Frau und seines Sohnes verwickelt gewesen sei, hatte der Schotte weiter geschwiegen.

Sie hätten nie eine wirkliche Gelegenheit dazu bekommen, MacKenzie anzuklagen, wenn er den Polizisten damals nicht erschossen hätte. Seltsamerweise wurde Snyder nach all der Zeit immer noch das Gefühl nicht los, dass der Schotte auch in Bezug auf diesen Vorfall gelogen hatte.

Der junge Deputy, der ihn und seine Tochter Annie in dem Motelzimmer aufgesucht hatte, war ohne Rücksprache mit seinem Chief zu ihnen gegangen ... und anschließend mit seiner eigenen Waffe erschossen worden.

MacKenzie hatte die Tat gestanden und war zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden. Dennoch hatte er einen Deal ausgehandelt - er war bereit gewesen, ihnen Namen zu liefern – viele Namen, bis auf Guillermos. Im Gegenzug hatte Snyder schwören müssen, sich um Annie zu kümmern.

 

Fast siebzehn Jahre war der Schotte ein geradezu vorbildlicher Gefangener gewesen und MacKenzie hatte relativ friedlich in Oak Park Heights gelebt. Bis zu dem Tag, als er seinen Zellengenossen umbrachte.

Für Snyder war immer noch nicht nachvollziehbar, warum er den Mithäftling damals getötet hatte. Drei Jahre lang hatten sich die beiden ohne Vorfälle eine Zelle geteilt.

Im offiziellen Bericht hieß es nur, dass MacKenzie seinen Anblick nicht mehr ertragen hätte. Eine Aussage, die weitere Fragen aufwarf, denn eigentlich hätte er nur warten müssen ... sein Mithäftling war schwer krank gewesen und hätte vermutlich nur noch wenige Monate bis zu seinem Tod gehabt.

Stattdessen war der Schotte in den Isolationstrakt verlegt worden und fortan unter dauerhafter Beobachtung gewesen. Aber es schien ihm nichts auszumachen ... selbst dann nicht, als Snyder aufgetaucht und ihm von der Schießerei in Queensland berichtet hatte. Der Agent hatte gehofft, MacKenzie würde endlich mit Details zu Guillermo herausrücken.

Sie wussten beide, dass Ramón ein widerlicher Sadist war, der nichts lieber tat, als ganze Familien auszulöschen, um seine Rachgelüste zu befriedigen. Und Rache gab es genug für ihn, nachdem seine kleine Tochter getötet worden war.

Aber MacKenzie hatte geschwiegen.

Snyder, der emotional immer noch angeschlagen war, hatte zum ersten Mal die Kontrolle verloren und ihn angebrüllt.

MacKenzie schuldete ihm einen Gefallen, immerhin hatte er dessen kleine Tochter damals in Sicherheit gebracht und ihr ein neues Leben ohne ihren Vater ermöglicht. Eine Chance auf eine unbeschwerte Zukunft.

Dass MacKenzies Loyalität gegenüber Guillermo so weit ging, dass er dafür sogar das Leben seines eigenen Kindes gefährdete, machte den Agenten rasend vor Wut.

Er war gegen eine Wand des Schweigens angerannt.

Der Schotte hatte keinen Ton mehr mit ihm gewechselt, sondern nur noch vor sich hingestarrt. Erst als das Wachpersonal ihn abgeführt hatte, traf Snyder ein letzter eisiger Blick aus diesen blauen ...

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