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Durst nach echter Heimat 2

Für Silia, die Schwester von Felicia

»Eine wirklich wunderbare Geschichte, so herzerfüllend und berührend und dabei sehr schön geschrieben. Vielen Dank dafür!«

(Kommentar der Korrektorinnen der Mentorium GmbH)

Für Kinder ab 9 Jahren und ferner für alle kinderliebenden Leser.

INHALT

1. ES FLIESST UND GIESST IN STRÖMEN

Miriam hält sich über Wasser

Blitze aus heiterem Himmel

2. GEFAHR IN VERZUG

Abenteuer im Wiener Untergrund

Schafft es Miriam, zu entkommen?

Wer glaubt Miriams Schilderung?

Ereignisreiche Stadt-Tour

Gerät Miriam in die Fänge der Sekte?

Miri und der Löwe vom Zoo

Der Tag der Zeugnisverteilung

3. DIE LAGE SPITZT SICH ZU

Urlaub am Meer – eine bittere Pille

Pluto greift wieder an

Miriam tankt Mut

Unheimliche Gäste

Die Lage eskaliert

Stromab und stromauf

Miriam wappnet und wehrt sich

Kommt Miriam in ein Heim?

4. ES WIRD HEIMATLICH UND WEIHNACHTLICH

Das neue Zuhause

Der neunte Geburtstag

Abenteuer mit Jonas

Ein überraschender Besuch

Die kleine Dolmetscherin

Ein Küken will bei seiner Mutter sein

Der Kampf um die Brüder

Es wird heimatlich und weihnachtlich

1. ES FLIESST UND GIESST IN STRÖMEN

Miriam hält sich über Wasser

Miri spürte rundherum kühles Nass. Flink schwamm sie im bewegten blauen Meer vorwärts. Bunt schillernde Fische flitzten an ihr vorbei. Über ihr versteckte sich die Sonne hinter bauschigen grauen Wolken. Der Regen, der aufs Wasser herab klatschte, war Miriam gleichgültig, denn sie war ja ohnehin nass. Abgesehen von leichten Schwimmzügen brauchte sie sich nur von den Wellen tragen zu lassen. Regelmäßig tauchte sie ihren dunkelbraunen Lockenkopf unter das salzig schmeckende Wasser. Das kaputte Schiffswrack im Meer, das sie verlassen hatte, war ihren Augen schon entschwunden. Jetzt lag Europa vor ihr, ihre neue Heimat, wonach sie sich so gesehnt hatte. Unermüdlich schwamm sie die italienische Küste entlang und gelangte immer weiter nach Norden.

Plötzlich fühlte sich Miriam in die Mündung eines breiten Stromes hineingezogen, den graugrüne hohe Berge umsäumten. Süßes Wasser umspülte ihre Lippen. Sie dachte daran, bald wieder bei der Mutter zu sein, bei all ihren Lieben. Ein Hecht hüpfte vor ihr aus dem Fluss und wieder hinein. Von jetzt an war es anstrengend, gegen die Stromrichtung zu schwimmen; und das Süßwasser trug Miri nicht mehr so gut wie das Meer.

Kräftig schwamm sie weiter bis nach Österreich, bis in den Donaufluss hinein. Im Brustschwimmstil überwand sie schaukelnde Wellen. Schließlich gelangte sie zu einer Großstadt, über der weißer Rauch schwebte.

In der Stadt Linz, auf der grünen Uferböschung, wartete die Mutter mit den Drillingsbrüdern am Arm. Miriam watete aus der Donau heraus und erklomm das Ufer.

»Miri, mein Liebling, endlich bist du da«, rief ihr die Mutter namens Sara zu, die ihr blaues langes Kleid trug. Ihre mittellangen dunkelbraunen Locken waren vom Regen fast genauso feucht wie die ihres Töchterchens.

»Mama, wie froh bin ich, bei dir zu sein!«, sagte Miriam.

Patschnass wie sie war, umarmte sie die Mutter samt den Drillingen fest. Sie umarmte sie so stürmisch, dass die Babys von Saras Arm herab auf den Boden fielen. Gleich fingen die in bunte Overalls gehüllten Buben an, aus vollem Hals zu brüllen.

Miri kniete sich nieder, streichelte die Köpfchen von Daniel, Raphael und Samuel und küsste sie auf die Wange. So leicht ließen sich die Brüderchen aber nicht beruhigen. Sie schrien um die Wette.

Plötzlich brauste Frau Harter vom Amt der Jugendhilfe mit einem roten Auto herbei. Die schmächtige Dame stieg aus, trat heran und stemmte die Arme in die Hüften.

»Was ist denn hier los?!«, murrte sie laut. »Warum schreien die Kleinen so?« Zum Mädchen sagte sie: »Und du, was hattest du in der Donau zu suchen?«

»Geschwommen bin ich – vom Meer bis hierher«, erwiderte Miri. Sie wrang den Rocksaum ihres Kleides aus. Dann rieb sie sich die Arme warm. Im Regen stehend war ihr kalt.

Frau Harter warf Sara einen finsteren Blick zu: »Sehen Sie, wie Ihre Tochter durchnässt ist und wie Ihre Babys brüllend am Boden liegen!«, schrie sie. »Weil Sie nicht gut genug auf ihre Kinder aufpassen, werden sie Ihnen weggenommen. Sie kommen alle zu Pflegeeltern.«

Jetzt weinte Miriam so heftig, dass ein Tränenbach von ihren Augen auf die Uferwiese bis in die Donau floss.

Zum Trost legte ihr die Mutter eine Schnur um den Hals.

»Weißt du noch, wie wir beide im Meer vom Schiffswrack weggeschwommen sind? Dieses Band hat dir dein Leben gerettet – weil es deinen Schwimmgürtel mit meinem fest verband. Ohne meine Führung wärst du ertrunken. Die Schnur sei ab jetzt dein Talisman. Sie wird uns wieder zusammenführen.«

In jenem Augenblick trat ein Herr mit schneeweißen Haaren heran. Er befestigte ein kleines, mit rosa Sternchen verziertes Kreuz an Miriams Halsband. »Nach jedem Kreuz folgt eine Erlösung«, sagte er. »Merk es dir, Mädel, und lerne fleißig, denn vieles kann man dir rauben, aber das Wissen nimmt einem keiner weg.«

Miriam wachte kurz aus dem Schlaf auf und legte sich auf den Rücken. Im Zimmer war es noch dunkel. Sie zog die Bettdecke übers halbe Gesicht und schloss die Augen wieder. Jetzt war alles verschwunden: die Donau, das Ufer, die Mutter, die Brüderchen, die Frau vom Fürsorgeamt und der alte Herr.

Nach einer Weile – träumte sie noch oder war sie schon wach? – tauchte das von Kurzhaar umrahmte, geschminkte Gesicht ihrer molligen, nicht leiblichen Cousine vor ihr auf.

»Ich mag keine Ausländerinnen!«, schrie ihr die Jugendliche ins Ohr. Dabei zeigte sie ihr das Foto eines glatzköpfigen Neonazis und dessen Kampfhunds.

Michel, der leibliche Onkel und Pflegevater, schob sich vor Ulla, ein Bierglas in der Hand haltend. »Ich bleibe nur fünf Tage lang«, sagte er. »Danach fahre wieder sechs Wochen lang auf eine Dienstreise.«

Knöchrige Finger mit rot lackierten Nägeln schoben den Kopf des Mannes weg. Grün geschminkte Augen in einem mit einer dünnen Maske bedeckten Gesicht starrten Miriam an.

»Steh auf und mach deine Haushaltspflichten«, schrie die Pflegemutter namens Ulrike. »Du sollst abwaschen, aufräumen, staubsaugen, Wäsche waschen …!«

»Außer Arbeit ist hier, in der Familie Maskarat, alles verboten!«, rief Ullas Großmutter Amalie aus der Ferne.

»Ja, alles ist verboten«, fügte der Opa hinzu. »Auch das Telefonieren. Geh ja nie nachmittags alleine fort!«

Plötzlich fuhr Miriam aus dem Schlaf hoch. »Ruhe!«, rief sie. »Seid alle still. Ich will Ruhe haben, und ich will heim, heim, nach Hause!«

Niemand antwortete. Im Zimmer war es mucksmäuschenstill. Miri rieb sich die Augen. Ach! Sie hatte ja nur geträumt! »Es war aber ein ziemlich wahrer Traum«, dachte sie. Der Sonnenschein, der durchs Fenster schien, entsprach nicht ihrer Stimmung. Sie fühlte sich noch so müde. »Gestern habe ich den halben Nachmittag lang für die Pflegefamilie geschuftet«, sagte sie sich, »und trotzdem hat mich Ulrike gestraft. Warum? Weil ich eine Ausländerin bin? Mein Gewissen ist jedenfalls rein. Ihres aber ist geheuchelt.« Die Vorfreude auf die Schule gab Miri schließlich den Antrieb, aus dem Bett zu hüpfen.

Der Vormittag verlief dann für die kleine Waise recht erfreulich. Die Lehrerin, Frau Knopf, lobte sie vor allen Schülern. Miriam Salib sei der Knopf aufgegangen, sagte sie. Sowohl in Rechnen als auch in Deutsch habe sie ihre Noten um einen Grad verbessert.

Am Nachhauseweg von der Schule, im lauten 15. Wiener Bezirk voller Straßen, Gassen und Gebäude, ließ sich Miriam Zeit. Ebenso langsam, wie sie unter der Sonne dahinschritt, lutschte sie das Pfefferminzbonbon, das ihr Felix, ihr Bankkamerad, geschenkt hatte. Ihr Herz verkrampfte sich immer mehr, je näher sie an das graue Wohnhaus herankam, wo ihre Pflegefamilie, die Familie Maskarat, wohnte.

Wie gewöhnlich öffnete man ihr die Haustür erst nach oftmaligem Anläuten. In der Wohnung angekommen, strömte Miriam der gewohnte Wurstgeruch entgegen. Wie üblich verrichtete sie nach dem Essen all die Hausarbeit, die man als Gegendienst für Kost und Quartier verlangte. Wie immer war der Couchtisch mit Plattfüßen und Pantoffelfüßen bedeckt und der Teppich darunter mit Bröseln befleckt. Wie gewohnt stritten oder alberten Ullas Opa und Oma miteinander. Wie fast jeden Tag ging die Cousine fort, um sich mit Kumpels zu treffen, die Juden und Fremde quälten.

Der Gedanke, nach getaner Arbeit heimlich das Museum im Heimat-Au-Turm zu besuchen, verlieh Miriam Flügel. Nachdem sie feuchte Wäsche auf der Trockenspinne des Balkons aufgehängt hatte, stahl sie sich fort.

 

Blitze aus heiterem Himmel

Während Miri mit der U-Bahn nach Wien-Heiligenstadt fuhr, spürte sie, wie ihr Herz sich weitete und vor Unschuld und Freude kribbelte. »Bald holt mich meine Mutter heim«, dachte sie. »Bald werde ich sie und die Brüder wiedersehen.« Da läutete ihr Handy.

»Hallo Mama! Gerade habe ich an dich gedacht«, sagte sie. »Wie geht es dir mit deiner neuen Arbeit? Ist Frau Harter endlich zufrieden? Erlaubt sie, dass ich zu dir ziehe?«

»Liebe Miri!« Saras Stimme klang leise und bedrückt. »Stell dir vor, ich liege im Spital.«

»Ist dir was passiert?« Die Nachricht, die sie ahnen ließ, nicht ehest heimzudürfen, traf Miriam wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

»Ich bin wegen Herzbeschwerden hier«, erklärte die Mutter. »Die neue Arbeit ist mir zu stark geworden. In einer Lagerhalle musste ich acht Stunden lang täglich Schweres heben und tragen. Auf einmal hat mein Herz zu rasen und zu stolpern angefangen. Der Arzt meint, die Strapazen während der Flucht aus Syrien hätten ihm zugesetzt.«

»Geht es dir sehr schlecht, Mama?« Miriam lehnte ihr Gesicht an die Scheibe des U-Bahn-Fensters, von wo aus man, zwischen Pfeilern, den Donaukanal-Fluss sah.

»Sorge dich nicht, Miri. Wegen der guten Behandlung hier bin ich schon fast ganz gesund. Das Problem ist nur: Der Arzt verbietet mir das Heben und Tragen schwerer Sachen. Darum muss ich den neuen Job mit den kinderfreundlichen Arbeitszeiten wieder aufgeben. Ich geh zur alten Firma zurück und hoffe auf eine neue Chance.«

Miriam erblasste und schwieg.

»Bist du noch da, Miri?«, fragte Sara.

»Ja, Mama. Du wirst bestimmt einen besseren Job finden, wo du nicht schwer heben musst.«

Die Mutter seufzte tief. »Ich brauche halt Arbeitszeiten an Vormittagen und Nachmittagen, während Schulen, Horte und Kinderkrippen offenhaben. In der übrigen Zeit muss ich mich um dich und deine Brüderchen kümmern können, sonst gibt mir das Jugendhilfeamt euch Kinder nicht zurück.«

»Bitte Mama, suche gleich wieder weiter.«

»Jetzt bin ich ja noch im Spital.« Sara hustete wegen ihrer Herzschwäche.

Während Miriam aus der U-Bahn ausstieg und hinter einer Menge von Leuten in die Richtung der Busstation schlenderte, sagte sie: »Ich möchte dich so gern besuchen, Mama! Aber Ulrike erlaubt es mir sicher nicht.«

»Kopf hoch, Liebling!« Saras Tonfall ging fast in ein Flüstern über. »Die Ärzte kommen gerade zur Visite. Ich muss Schluss machen. Tschau!«

»Gute Besserung, liebe Mama.« Miriam steckte ihr Handy in den Ranzen und stieg in einen Autobus ein. Während der Fahrt flocht sie ihr zerzaustes Haar zu zwei langen dicken Zöpfen.

In Kahlenbergdorf angekommen, das am Fuße der mit Weingärten und Wäldern bedeckten Wiener Stadtrandhügel lag, schaute Miriam zum leicht bewölkten Himmel auf. Sie spürte den über die Au stürmenden Wind, der eine fransige Wolke vor die Sonne schob. Gleich steuerte sie auf den neun Stockwerke hohen Heimat-Au-Turm zu.

Sie öffnete die schwere Tür und schritt zum Kassenschalter des Museums hin. Dort kaufte gerade ein älteres Ehepaar Eintrittskarten.

»Hallo Tante Stefanie«, rief das Mädchen.

»Liebe Miriam, wie freue ich mich, dich zu sehen.« Die Verwalterin lächelte ihr zu.

»Ist dieses nette Kind ihre Nichte?«, fragte die Dame, die eben das Geld für ein Ticket auf die Durchreiche legte.

»Ich hab sie so lieb, als wäre sie meine echte Nichte«, antwortete Stefanie, »auch wenn sie nicht leiblich mit mir verwandt ist.«

»Ich bin von Syrien nach Österreich geflüchtet«, erklärte Miri.

»Mit deinen feschen Zöpfen schaust du aber wie eine Österreicherin aus«, meinte der elegante Begleiter der Dame.

»Das finde ich auch, Herr Doktor«, sagte die Verwalterin und reichte ihm zwei Tickets.

»Nennen Sie mich bitte Herr Doktor phil., Magister Artium.« Stirnrunzelnd steckte der Gast die Karten in seine Jackett-Tasche.

»Viel Vergnügen in meinem Museum, Herr Doktor phil. Artium.« Stefanie zwinkerte Miriam schmunzelnd zu.

Schon stiegen der gelehrte Künstler und dessen Frau die Wendeltreppe hoch.

Miri lachte heimlich über die Eitelkeit des Gastes. Sie nahm ihren Ranzen vom Rücken und schwenkte ihn in der Hand. »Ich mache jetzt meine Aufgaben«, sagte sie zur Verwalterin.

Dann folgte sie dem Ehepaar bis zum zweiten Stock und in den Ausstellungsraum. Zu ihrer Überraschung traf sie Stefanies Neffen an, der wochentags sonst nur selten in den Turm kam. Die Volierentüren standen offen und der Papagei flog im Raum umher. Ihr Herz schlug höher.

»Hallo Jonas! Putzt du den Käfig?«, fragte Miri.

»Ja, wie du siehst.« Der zwölfjährige Bub winkte ihr mit einem weißen Putztuch. »Du willst bestimmt deine Aufgaben schreiben. Lass dich durch mich nicht stören.« Seine Stimme klang nur wenig tiefer als die des Mädchens.

Der Papagei setzte sich eine Zeitlang auf Miriams Schulter und schaute ihr beim Schreiben zu. Diese hatte es sich auf einem Sitzbänkchen bequem gemacht und ihre Stifte auf einem Tischchen ausgebreitet. Erst als sich Miri bewegte, flatterte Koko weg und flog im Raum umher.

Während der gelehrte Künstler und seine Frau die Tierköpfe und Geweihe an der Wand bestaunten, schaufelte Jonas viel Sand aus der Voliere und leerte die Futternäpfe aus. Die zweite, durch ein Gitter getrennte Käfighälfte, worin ein schwarzer Rabe auf einer Tanne krächzte, war schon sauber.

Im Moment, als der Herr Doktor phil., Magister Artium einen ausgestopften Fuchskopf bestaunte, flatterte Koko über seinen Kopf hinweg. Dabei fiel eine gelbe Feder herab und landete mitten am grauen Haar des Mannes. Weder er noch seine Frau bemerkten es. Sie gingen ein paar Schritte weiter.

Miriam sah die Vogelfeder am Kopf des gelehrten Künstlers, der nicht viel größer war als sie. Sie schlich sich zu ihm hin, griff auf sein Haar und schnappte die schöne Feder.

Der Mann hatte die Berührung gespürt. Er wendete sein errötendes Gesicht Miriam zu, die noch mit der Feder in der Hand dastand.

»Aber, aber, Mädchen. Einen Herrn Doktor phil., Magister Artium streichelt man nicht wie einen Opa!«

Schweigend senkte Miri den Kopf, weil ihre Grimassen ihr heimliches Lachen verraten hätten. Sie hockte sich wieder an das Tischchen, um die Aufgabe fertig zu schreiben.

Inzwischen fing Jonas den Papagei ein, um ihn in seine Voliere zurückzubringen, die schon fast ganz sauber glänzte. Er setzte ihn auf einem Palmenzweig ab und schloss alle Käfigtüren. Ihm blieb nur mehr übrig, die vergoldeten Gitterstäbe zu polieren.

Miriam schaute durchs halbrunde Turmfenster. Der Wind trieb ein paar Wolken über die Au. Obwohl der Himmel überwiegend heiter war, fing es zu blitzen an. Plötzlich ertönte ein Donnerschlag. Immer häufiger donnerte es.

»Die Sonne lässt sich heute nicht einmal vom Gewitter vertreiben«, meinte Jonas.

Er stellte den letzten Wassernapf in die saubere Voliere hinein. Da ertönte die Rufmelodie seines Handys. Gleich nahm er es zur Hand.

»Hallo Jakob!«, sagte er. »Was? Du bist draußen, auf der Donau? Es blitzt und donnert ja ununterbrochen. Was sagst du? Dein Ruder ist im Fluss versunken und du kannst dein Boot nicht mehr lenken? Auweia, das ist gefährlich! Pass ja auf die Blitze auf! Bück dich, so gut es geht, bleib in der Hocke und zieh den Kopf ein. Ich komme gleich und helfe dir.«

Miriam hätte noch einen Satz ins Aufgabenheft schreiben müssen. Jetzt steckte sie aber alle Schulsachen in den Ranzen. »Warte, Jonas, ich komme mit«, rief sie.

Der Junge hatte zwar ihre Worte gehört, war jedoch schon die Treppe hinab geeilt. Aus dem Keller holte er zwei Regenmäntel und zwei paar Gummistiefel. Einen der grünen Mäntel stülpte er Miriam um, die zur Turmtür gerannt war.

»Setz die Kapuze auf und schlüpf in Stiefel!«, forderte er. »Das Material schützt gegen die Blitze.«

Mitten im Gewitter eilten die beiden zum Ufer, bis zum Ruderboot hin. Über ihnen hatte sich die Sonne hinter einer fransigen, glühenden Wolke versteckt. Die Sträucher bogen sich im Wind. Ein Blitz nach dem anderen zog seine Zickzacklinien über den Himmel, während es fast unentwegt donnerte.

»Hock dich auf den Bootsboden, Miriam«, rief Jonas, nachdem er in den Holzkahn eingestiegen war. Er selbst ergriff die Paddel. Er bückte sich beim Rudern, so gut es ging.

Kaum hatte sich Miri hingekauert, knallte ein Donner wie eine Explosion. »Irgendwo hat der Blitz eingeschlagen«, rief sie. Zitternd rutschte sie an den Buben heran und hielt sich an seinen Stiefeln fest.

Von fern hörte man die Alarmsirene einer Feuerwehrstation heulen. Jetzt verfinsterte sich der Himmel.

Jonas paddelte mit voller Kraft. »Ich sehe Jakob schon!«, rief er Miriam zu.

Zum Glück im Unglück befand sich der Freund nicht am breiten Strom. Sein Boot trieb zwischen dem Kahlenbergdorfer Ufer und einer Halbinsel, die in jener Gegend die Donau in zwei Hälften teilte. Doch Jakobs Kahn trieb auf hohen Wellen und ohne richtige Steuerung. Das zweiteilige Ruder, das ihm vor zehn Minuten aus der Hand geglitten und in den Fluss gerutscht war, hatte er nicht mehr erhaschen können.

Jetzt kauerte Jakob in seinem Boot und paddelte mit den Händen im Wasser. Dabei schrie er ununterbrochen um Hilfe. Da er Jonas undeutlich erblickte, stand er auf, um auf sich aufmerksam zu machen. Gleich ging er wieder – zum Schutz vor Blitzschlag – in die Hocke. Beim starken Schaukeln des Kahns fiel er aber der Länge nach hin. Auf nassem Holz zu liegen, würde im Ernstfall freilich nur wenig nützen.

Das Boot, worin Jonas und Miriam ihm zu Hilfe eilten, schaukelte auf den Wellen hoch und nieder. Wasser spritzte hinein. Jetzt erschienen die Blitze nicht mehr im Norden und Westen, sondern direkt über den Kindern. Fast gleichzeitig grollten die Donnerschläge.

»Jakob, wir helfen dir«, schrie Miri durch den pfeifenden Wind. Da in ihr wieder Mut erwachte, richtete sie sich auf. Ein Blitz brachte ihren grünen Mantel zum Leuchten.

»Duck dich, Miriam!«, rief Jonas, dem eine Windböe die Kapuze vom Blondkopf blies. »Das Gewitter ist jetzt gefährlich nahe.«

Miri drückte ihm die Regenmantelkapuze fest auf den Kopf. Dann kniete sie sich nieder, die Hände auf den nassen Boden stützend, der nach Fichtenholz roch.

Jonas konnte sich nicht bücken, denn er war voll beschäftigt. Mit kräftigen Schlägen ruderte er geradewegs zu Jakob hin, die Wellen rauf und runter. Dicht fuhr er an das Boot seines Freundes heran, das zu kippen drohte. Gleich hielt er es fest und verband es mit einem Seil mit dem eigenen Kahn.

»Gott sei Dank, ihr seid gekommen!«, rief Jakob. Mitten unter Blitz und Donner hatte er sich aufgesetzt.

»Gerade noch rechtzeitig.« Jonas prüfte den Seilknoten, ob er genug fest war.

Dann hüpfte er auf die Vorderbank seines Bootes, wo Miriam kauerte. Er schickte sich an, zum Ufer hin zu rudern, den Kahn des Freundes im Schlepptau.

»Ich setze dich nahe beim Haus ab, wo du wohnst«, rief er Jakob zu, dessen Holzboot hin und her schwankte.

Während der Fahrt zum Donauufer ließ das Gewitter nach. Nur mehr vereinzelt leuchteten Blitze auf. Kaum hatte Jonas das Ufer erreicht und das Beiboot losgebunden, fing es aber zu regnen an. Man hörte das Gekreische von Krähen.

Nachdem sich Jakob verabschiedet hatte, prasselte ein sintflutartiger Regen auf die Au herab. Er klatschte auch auf die Köpfe von Miriam und Jonas, die noch im Boot auf der Donau fuhren. Jonas ruderte entlang des Ufers weiter. Er kämpfte sich durch die durchsichtige Wand des vom Himmel fallenden Starkregens bis zur Gegend des Heimat-Au-Turms.

Während der Junge ausstieg und den Kahn an einem Pflock befestige, ließ der Regen nach. Jetzt erst dachte Miriam wieder daran, dass sie noch für längere Zeit an ihre Pflegefamilie gefesselt sein würde. Mit gesenktem Kopf stieg sie die Böschung hinauf.

Jonas folgte ihr. Am Uferweg angelangt, lächelte er ihr aufmunternd zu, sodass man die Grübchen seiner feuchten Wangen sah. »Du machst ja eine Miene wie drei Tage Regenwetter«, meinte er.

»Ich muss muss schnellstens zur Pflegefamilie zurückfahren, in diese lieblose Welt.« Miriam nahm ihre Kapuze ab. »Aber meine Schultasche ist noch im Turm.«

Während die Kinder, Seite an Seite, zum Museumsturm hingingen, erhob Jonas einen Arm.

»Schau, der Himmel heitert sich schon auf. Sei auch du nicht mehr traurig. Du hast ja mich und Tante Stefanie.«

»Ja, ihr beide seid so gut zu mir. Nächste Woche komme ich wieder.« Miriam wischte ihr Gesicht voller Regentropfen mit den Händen trocken.

2. GEFAHR IN VERZUG

Abenteuer im Wiener Untergrund

Miriam träumte, sie befände sich auf der Terrasse des Heimat-Au-Turms und puste Federchen vom Terrassengrund weg. Da erwachte sie. Ihr Kopf schmerzte ein bisschen. Sie rieb sich die Augen und sah die sonnenbeschienenen Gardinen ihres Zimmers. »Ach, heute ist ja Sonntag«, dachte sie. »Oje! Da passt Ulrike wie ein Luchs auf mich auf und ich kann nicht zum Heimat-Au-Turm fahren.«

Jäh rasselte die Türglocke. Kurz darauf riss die Pflegemutter die Zimmertür auf und sagte:

»Mira, zieh dich an und komm dann! Norbert holt dich ab!«

Schläfrig hüpfte Miri aus dem Bett. Dann beeilte sie sich aber. In Windeseile schlüpfte sie in ihr blaues Kleid. Nach einer Katzenwäsche trank sie in der Küche in einem Zug einen Becher Milch leer.

Nachdem sie in die Sandalen und in ihre Weste geschlüpft war, folgte sie dem Freund der Familie, der schon die Treppe des Hausflurs hinabstieg.

Wie froh war Miriam, die ungeliebte Wohnung der Maskarats zu verlassen. Gern fuhr sie mit Norbert nach Floridsdorf. Ihre Westentasche fühlte sich bauschig an. Ach ja, drin steckte noch das Futtersäckchen, des Jonas ihr geschenkt hatte, um bei Bedarf seine Brieftäubchen heranzulocken.

Bald kamen die beiden dort an. Das mit Reliefs verzierte Haus, zu dem sie hingingen, sah äußerlich nicht wie eine Kirche aus. Hinter anderen Besuchern schlüpften Miri und ihr Begleiter durch die mit Schnitzereien verzierte Tür hinein.

Während im Freien die Sonne schien, war es in der von Kerzenlicht erhellten Kapelle kühl. Miriam nahm auf einer Bank neben Kindern Platz. Müde stützte sie ihren Kopf auf die Hände. Am Vorabend war sie mit Arbeit überhäuft worden, und wie üblich war es bei den Maskarats turbulent zugegangen. Ullas Großeltern hatten um die Wette gestritten und gelacht. Wie erholsam empfand Miri jetzt die Stille der Kapelle! Dennoch hatte sie ein seltsames Vorgefühl.

Sie schloss die Augen. So merkte sie nicht, wie der Priester den Altarraum betrat. Erst als die Gläubigen ein Lied sangen, sah sie auf. Sie kannte den Seelsorger in der lila Robe schon.

Nun hielt er eine Ansprache. »Guten Morgen, vereinte Gemeinde! Zu Beginn unserer Feier hört ihr einen Bibeltext.« Ruhig und deutlich las er aus einem weißen Buch vor:

»Der Himmelvater sagt: ›Ich bin euer einziger Gott. Ehrt mich allein und heiligt meinen Namen! Nützt den geweihten Ruhetag für Erholung! Achtet die Eltern! Liebt eure Nächsten, hilfsbereit und ohne Streit! …‹«

Schläfrig beugte sich Miriam vornüber, sodass ihr Kopf auf ihren über den Knien verschränkten Armen ruhte. Sie hörte kaum, was der Geistliche sagte.

Dieser fuhr fort: »Die göttliche Liebe zieht in reine Kinderherzen ein. Ihr sollt ehrlich und genügsam sein …«

Der Prediger schloss das Buch und legte es auf den Altar. »Heute gibt es einen eigenen Kindergottesdienst«, kündigte er an. »Buben und Mädchen, begebt euch, leise und ohne Krawall, in den rechten Gemeindesaal! Geht nicht durch die linke Tür, denn dort versammelt sich eine fanatische Sekte! Also Vorsicht!«

Das Wort »Vorsicht« riss Miriam aus ihrem Halbschlaf.

Norbert, der in der Bank vor ihr saß, drehte sich um. »Hast du gehört?«, raunte er. »Du sollst in den Nebensaal, zur Kindermesse gehen!« Er zeigte auf den rückwärtigen Teil des Andachtsraums.

Benommen erhob sich Miri. Sie sah die anderen Kinder nicht mehr. In der Eile rannte sie, ohne sich umzusehen, zur Tür der linken Kapellenseite hin und drückte auf die Klinke.

Zaghaft trat sie in einen Saal ein, an dessen Plafond Lampen wie rote Planeten leuchteten. Da der Raum rundum von Spiegelwänden umgeben war, wirkte er riesengroß und sonderbar. Zwanzig Personen – oder doppelt so viele? – hockten auf kreisförmig angeordneten Stühlen. Die Sitzreihen schienen die ganze Halle auszufüllen. Sie spiegelten sich in den Wänden. Die Spiegel verwirrten Miri. Wo sie auch hinsah, überall erblickte sie, unter den Leuten, ihr Abbild – als gäbe es hier viele »Miriams« mit dunkelbraunen langen Locken und blauen Kleidern. Außer ihr waren aber keine Kinder da!

Da schritt ein mit einem roten Nylonumhang bekleideter Mann auf die Tür zu. Er rasselte mit einem Schlüsselbund. Mit tiefer Bass-Stimme verkündete er:

»Wir sind vollzählig. Ich schließe jetzt die Pforte.«

Als er den Schlüssel im Schloss umdrehte, erschrak Miriam. Zweifellos befand sie sich im falschen Raum.

Sie flehte, zitternd vor Angst: »Mein Herr, ich habe mich in der Tür geirrt. Bitte lassen Sie mich hinausgehen!«

»Du bleibst da!«, befahl der Sektenguru. »Setz dich zu den anderen!

Unsere Feier beginnt gleich.«

»Wo bin ich denn hier?«, fragte Miri.

»Du bist im Glaubensclub der Supermodernen«, sagte der Anführer. »Wir verehren die Marsgeister.«

Nun eilte er zur Saalmitte hin und stieg auf ein Podium.

Fassungslos rief das Mädchen ihm nach: »Sperren Sie mir die Tür auf! Bitte öffnen Sie! Ich will hier raus!«

Doch der Sektenguru stellte sich taub. Miriam blieb nichts anderes übrig, als sich zu fügen. Der Umstand, in jenem unheimlichen Raum eingesperrt zu sein, verursachte ihr rasendes Herzklopfen.

Miri trat zu den Stühlen hin und setzte sich in die letzte Reihe. Vor Angst nahm sie die im Kreis versammelten, schwätzenden Sektendiener nur verschwommen wahr. Die Spiegel betrachtend, ahnte sie, dass sie in eine gefährliche Lage geraten war.

»Ich bitte um allgemeine Ruhe!«, rief der am Podest stehende Guru.

Da es still wurde, hielt er seine Rede: »Meine mir ganz ergebenen Diener! Kommt sonntags in unsre Versammlung, rastet aber nicht! Schuftet und verdient viel Geld, um mir hohe Mitgliedsbeiträge zu zahlen! Schwört den Feinden Rache! Wir, die Supermodernen, kämpfen für unsere Sache, mit jedem Mittel, auch der Lüge …«

In solcher Art redete der Mann im roten Umhang weiter. Seine Stimme glich jener eines Computers. Zuletzt schrie er enthusiastisch: »Verehrt mich und die Marsgeister mit der supersupersupermodernen Lehre!«

Nun klatschten die Zuhörer wild. Miriam hingegen umklammerte das Kreuz ihres Halsbands wie ein Schutzschild.

Mitten im Tumult rief der Sektenführer: »Jetzt marschieren wir durch den unterirdischen Bunker und den Gang! Was rede ich lang? Auf geht’s, zur Kultfeier im Geheimsaal!«

Miriam flehte die Sitznachbarn an, die eben aufstanden:

»Bitte sperrt mir die Tür zur Kapelle auf, damit ich hinausgehen kann!« Da niemand antwortete, hüpfte sie auf und rief laut in die Menge: »Öffnet mir die Eingangstür! Man wartet draußen auf mich!«

Doch keiner reagierte. Die Sektendiener eilten schon zum niedrigen Durchgang hin, der zum Bunker führte.

Miriams Herz klopfte rasend. Sie rannte zur anderen Tür, wohinter die Kapelle war, pochte kräftig dagegen und schrie:

»Hilfe, ich bin eingesperrt! Hilfe, befreit mich!«

Da kam der Sektenguru herbei und hielt dem Kind den Mund zu. »Du kommst mit uns mit!«, brummte er.

Ehe Miri sich’s versah, hob sie der Mann auf und schleppte sie zur Bunkeröffnung hin. Grob schob er sie hindurch, in einen finsteren unterirdischen Gang.

Unsanft landete Miriam auf einem Boden aus Lehm und Steinen. Vor Angst und Verzweiflung bedeckte sie ihr Gesicht mit den Händen. Sie hörte, wie der Anführer das Türchen mit einem Schlüssel versperrte.

Als sie aufsah, waren er und seine Diener verschwunden. Sie griff in ihre Westentasche. Oje, oje! Am Morgen hatte sie in der Eile ihr Handy vergessen! Miri dachte: »Es hat keinen Sinn, beim verriegelten Eingang auf Hilfe zu warten. Falls die Gruppe einen anderen Rückweg einschlägt, findet mich niemand und ich komme hier um.« Zum Glück vernahm sie noch die Stimmen der Leute.

Miriam befand sich knapp vor einer steilen Holztreppe. Sie überlegte nicht länger, sondern stand auf. Vorsichtig stieg sie Stufe um Stufe hinab. Erst als sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnten, vermochte sie, das Tempo zu beschleunigen. Sie musste den Trupp unbedingt einholen, um sich nicht im Untergrund zu verirren!

Am unteren Treppenende angekommen, erhoben sich vor Miriam alte Wände aus Beton. Sie betrat einen engen Gang. Hastig rannte sie den steinigen Weg des Tunnels entlang. Bald sah sie die schattenhaften Gestalten der Sektendiener und holte sie ein. Sie war zwar froh, nicht mehr allein im Dunkeln zu sein, wagte sich aber nicht dicht an sie heran.

In einem sicheren Abstand marschierte sie hinter der Gruppe her. Da Miriam Wasser plätschern hörte, sah sie sich um. Knapp neben ihr entdeckte sie einen Abhang. In der Tiefe floss ein Kanal. Tapfer und zugleich bang wanderte sie am Rand des Abgrunds weiter. Der Tunnel erschien ihr unendlich lang.

Am Ende des Stollens hielt der Trupp an. Jetzt zwängten sich die Leute nacheinander durch ein Mauerloch. Miriam folgte hinterher. Ihr Kleid wurde staubig, als sie hindurchkroch. Sie hatte aber keine Zeit, es abzuputzen.

Kaum war sie aus dem Loch geschlüpft, kam ein großer, beleibter, mit einem Umhang bekleideter Herr auf sie zu.

Er packte sie an der Hand und befahl: »Komm mit in den Kultsaal!«

Miri wehrte sich, um Hilfe rufend, mit Händen und Füßen. Doch es nützte nichts. Der bullige Mann zerrte sie in einen staubigen Kellersaal zu einem langen, rötlich gefleckten Steintisch hin.

Ehe Miriam sich’s versah, setzte sie der Mann auf den Tisch hinauf. Im nächsten Moment nahm er neben ihr Platz, ohne ihre Hand loszulassen.

»Schweig, du Fratz!«, schrie er sie an.

Miri verstummte zwar, sie wand sich aber, rückte an den Tischrand und rutschte hinab. Da zog sie der Bewacher wieder hoch. Um sie zum Stillsitzen zu zwingen, umklammerte er ihren rechten Arm und ihre Taille.

Zitternd sah sich Miriam im Keller um, in dem sie sich befand. Wie dämmrig war es hier! Ein schmales Fenster in Plafondhöhe ließ kaum Licht herein. Der staubige Saal war von uraltem Gemäuer umgeben. Darin standen drei lange Steinbänke. An den Wänden hingen Fotos des Sektengurus und anderer Menschen mit dunklen Capes und blutverschmierten Gesichtern.

Unversehens trat eine junge strohblonde Dame an Miri heran. Sie zog ihr die weiße Weste und die Sandalen aus und hüllte sie in einen weiten schwarzen Umhang. So sah niemand den Arm des Bewachers, der ihre Taille weiterhin umschlang.

Plötzlich näherte sich der Sektenführer dem Tisch, eine Schale in der Hand tragend. Er übergab der strohblonden Frau ein rundes kleines Metallstück und redete leise mit ihr.

Miri lauschte aufmerksam, verstand aber nur einen Satz.

»Nähe den Abhör- und Ortungschip in die Sohle der Sandale ein«, sagte der Mann, »damit wir laufend wissen, was die Neue tut und wo sie sich aufhält!«

Das Wort »Ortungschip« war Miri unbekannt. Doch sie begriff, dass man sie überwachen wolle, und ahnte die Gefahr.

Mit bedeutungsvoller Miene stellte der Sektenführer die kupferne Schale am Steintisch ab. Miriam wurde ganz bang, als er sich hinaufschwang und sich neben sie setzte. Triumphierend sah er sie an. Man schaltete eine vorm Kulttisch stehende Leuchte ein. Ihr roter Schein fiel auf den Leiter, seinen Helfer und das Kind.

Kurz darauf eröffnete der Anführer die Kultfeier. Er verkündete den auf den Bänken sitzenden Zuhörern: »In unserm Geheimritus empfangen wir heute ein neues Mitglied. Singt zuerst das Festlied!« In extremer Basslage stimmte er einen Sprechgesang an.

Seine Leute hatten Mühe, so tief zu singen. Sie brummten ständig rhythmisch: »Wir sind die Supersupersupermodernen; wir glauben an Marsgeister; wir sind supermodern!«

Nach beendetem Gesang sah der Sektenguru Miriam durchdringend an. Er zupfte an seinem Spitzbart. »Du wünschst also, ein Mitglied unsres Geisterkults zu werden.«

»Nein! Ich will nicht in einer Sekte sein!«, rief Miri aus.

Der Anführer zischte: »Sei still!« Er kündigte an: »Jetzt genießen wir unsern berauschenden Umtrunk.«

Man überreichte ihm eine große rote und eine kleinere grüne Flasche. Gleich öffnete er die knallrote, nahm einen kräftigen Schluck daraus und reichte sie an die Kultdiener weiter, die nacheinander genussvoll tranken.

Inzwischen drückte der Sektenguru die giftgrüne Flasche in die Hand des Mädchens. »Nach dem langen Marsch bist du gewiss durstig«, sagte er mit gespielter Freundlichkeit. »Trink, so viel du kannst!«

Miri wunderte sich, ein eigenes Getränk zu bekommen. Ihr Spürsinn warnte sie. Vielleicht war ein Schlafmittel oder ein Gift darin? Obwohl sie tatsächlich Durst hatte, gab sie die volle Flasche zurück.

Da fixierte der Sektenführer Miriams freie, am Tisch liegende Hand, indem er sich daraufsetzte. Er packte sie beim Pferdeschwanz und zog ihren Kopf nach hinten, um ihr die Flüssigkeit einzuflößen. Miri presste aber die Lippen zusammen. Da drückte ihr der Bewacher die Nase zu bis sie, wegen der Atemnot den Mund aufmachte. Sofort schob der Sektenguru den Flaschenhals hinein.

Weil Miriam gerade eingeatmet hatte, gelangte bitterer Wein in die Luftröhre. Kräftig hustend rang sie verzweifelt um Luft. Wie böse fand sie den Schuft, der sie zum Trinken zwang! Da es ihr schlecht ging, richtete er sie auf.

Kaum hatte Miri ausgehustet, beugte er ihren Kopf wieder nach hinten. »Mach’s Mündchen auf!«, befahl er.

Da sie vor Angst gehorchte, flößte er ihr jetzt den Wein ein. Er glaubte es zumindest. Denn Miri sträubte sich, auch wenn der Dicke sie festhielt. So gut es ging, verschloss sie mit der Zungenspitze den Flaschenhals. Dennoch rannen ständig bittere Tropfen in ihre Kehle, die sie reflexartig schluckte.

»Trink mehr, trink alles leer!«, beschwor sie der Sektenguru.

Mit nach hinten geneigtem Kopf schauten Miriams Augen zur oberen Kellerwand und zum niedrigen gekippten Fenster hin. Dort, am Sims, lagen ihre Sandalen und die Weste, in deren Tasche das Taubenfuttersäckchen steckte. Sie erinnerte sich an Jonas’ Worte: »Wenn du den Sack geöffnet in deiner Nähe aufstellst und eine von ihnen beim Namen rufst, wird sie der Geruch der Flocken herbeilocken.«

Endlich ließ der Sektenguru ihr Haar los und entfernte die Flasche.

Miriam richtete den Kopf auf. Plötzlich fühlte sie sich schwindelig und benommen! Sie sah die Menschen, Bänke und Bilder verschwommen. Obwohl sie wenig Hoffnung hatte, ein Täubchen könne ihr helfen, rief sie eines beim Namen:

»Purely! Purely komm! Purely!«

Da lachten die Sektendiener unbändig, die vor ihr im Halbkreis hockten.

»Schweigt alle still!«, befahl der Sektenguru. »Macht euch bereit! Wir feiern den magischen Aufnahmeritus. Schreitet um den Kultaltar herum, in einem gleichen Schrittrhythmus! Wir vollziehen das Blutopfer!«

Sofort formierten sich die Menschen für den Umzug. Monoton sprechend und singend marschierten sie im Kreis.

Inzwischen fragte der Sektenguru Miriam nach ihrem Namen und ihrer Adresse. Diese hütete sich, ihre Daten bekanntzugeben. Sie gab vor, sie hieße »Amala Mala«. Ferner nannte sie eine nicht existierende Straße und Hausnummer. Der Mann schrieb alles in ein Adressbuch.

Miri zitterte beim Gedanken an das Blutopfer. Wie sehr wünschte sie, fortzulaufen! Doch sie hatte keine Wahl. Der Bewacher umklammerte sie fest, als hätte er Hände aus Stahl. Sie überlegte, sie würde der Taube Purely, falls sie käme, keinen Brief zustecken können. Sie hatte ja kein Schreibzeug.

Nun ergriff der Sektenguru eine schmale Schale. Er kniete sich auf den Steintisch und auf Miriams freie Hand. Die Sektendiener hielten mit dem Rundgang inne.

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