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Durchgebrannt- ein Kapitel Leben

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© 2016 Gisela Lövenich

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN
Paperback: 978-3-7345-4292-3
e-Book: 978-3-7345-4293-0

Covergestaltung: D. Gundler

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

INHALTSVERZEICHNIS

Fotos von bunt bis sepia

Ortswechsel

Veränderungen

Analysen

Als der Blitz einschlug

Auf der Flucht

Die Bahnreise

Ankunft

Ein neuer Morgen

Aufnahmetest

Die Diagnose

Alltägliches

Stephan

Marktstraße

Frank

Daniela

Brüche

Dirk

Alltägliches und Belangloses

Endspurt

1975

Rückkehr und Ankunft

Fotos von bunt bis sepia

Es war einer der zwittrigen Tage, an denen ich weder etwas Halbes geschweige denn etwas Ganzes zustande brachte. Als ich die zwei Treppen hoch zum Dachbodenzimmer geschafft hatte, sollte ich bald vergessen haben, was ich dort oben wirklich wollte. Ich hatte irgendetwas gesucht, das ich im ganzen Hause nicht fand und das sich wohl nur noch hier oben befinden konnte. Stattdessen fand ich, eingekeilt zwischen dem Oster- und dem Weihnachtsschmuck, einen großen Karton voll mit Fotos, denen augenscheinlich der Platz im Fotoalbum verwehrt worden war, weil sie die Qualifikation für eine solche ehrenvolle Auszeichnung nie erreicht hatten.

Während ich nach und nach die Fotografien betrachtete, erkannte ich bald, welche Voraussetzungen ihnen fehlten. Dieser wilde Haufen in dem alten geknickten Pappkarton bestand aus Bildern, die leicht unscharf oder aus irgendeinem Grunde zerrissen und wieder zusammengesetzt worden waren. Auf manche passte die Bezeichnung Brustbilder allein wegen der darauf abgebildeten kopflosen Personen ohne Unterleib perfekt, was mich im ersten Moment vor etliche Rätsel stellte. Einige der Fotos schienen schlicht und einfach uninteressant und daher scheinbar nicht sehenswert zu sein, jedenfalls auf den ersten flüchtigen Blick. Und dennoch strömten gerade diese Bilder, nach längerem Betrachten, einen unwiderstehlichen Charme aus, dem ich mich weder entziehen konnte noch wollte. Sie wirkten außerordentlich lebendig, trotz oder gerade wegen ihrer Unvollkommenheit. Zumindest waren die Personen darauf natürlicher wiedergegeben als auf den „guten“ Bildern, die man gemeinhin als gelungen bezeichnet und die wegen ihrer oberflächlichen Qualität mit einem Platz im Fotoalbum belohnt worden waren. Ganz zu Unrecht, wie ich nun feststellte. Hier stand niemand auf den Gruppenfotos stramm. Manches kaum sichtbare, nur angedeutete und deshalb angeblich nicht kamerataugliche Lächeln ließ Zorn oder Trauer hervor schimmern oder auf nervöse Gereiztheit schließen. Wer wie ich diese Personen kannte, konnte sich anhand dieser angedeuteten Gefühlsäußerungen an mancherlei Begebenheiten erinnern, die damit zusammenhingen. Die zeitgleich aufgenommenen und nur auf den ersten Blick ähnlichen Fotos im Album dagegen verrieten wenig Die Personen wirkten kontrolliert und etwas steif, dabei betont freundlich, aber dabei äußerst verschwiegen. Bei diesen Fotos der Güteklasse B jedoch hatte mein Gedächtnis es leichter, sich zu erinnern.

Die Vergangenheit streckte ihre langen Arme aus und hielt mich fest und ich machte es mir nur zu gerne in ihnen bequem. Der eigentliche Grund meiner Suche hier oben war in weite Ferne gerückt. Ich befand mich augenblicklich auf einer Reise ins Gestern. Ich machte es mir so bequem wie möglich und stellte mir einen der hier oben gelagerten alten Stühle, die bei größeren Familienfeiern immer wieder als Notnagel dienten, unter das schräge Dachfenster. Auf diesen setzte ich mich, nachdem ich einen weiteren daneben gestellt hatte, als Ablage für den Karton. Die gesichteten Fotos plante ich in der Kuhle abzulegen, die meine knöchellange Halbschürze auf meinem Schoß bildete. Bei dieser Aktion fielen mir zwei Fotos auf den Boden. Ich hob sie auf und hielt die Abbilder zweier Generationen in der Hand, die einander nie begegnet waren. Das eine zeigte meine erste Enkelin, Anna, und das andere ihren Ur-Ur-Großvater, meinen Großvater. Wir waren uns sehr nahe gewesen, mein Großvater und ich, ähnlich wie Anna und ich. In den Wirren des Krieges war er mit meiner Mutter und mir, einem Kleinkind damals noch, aus Pommern vor dem Anrücken der russischen Armee geflüchtet. Irgendwann landeten wir in Marne, einem kleinen Städtchen in Schleswig-Holstein, das nicht weit entfernt von der Nordsee und der Elbemündung und in der Nähe des Nord-Ostsee-Kanals gelegen ist. Hier erlebten wir die Nachkriegsjahre mit all ihrer Bitternis und Kargheit, aber doch in einem so warmen Zusammenhalt, wie er sich nie wieder in solcher Intensität gestalten sollte. Wir wohnten in dem villenartigen Haus einer wohlhabenden Bauersfrau, die uns keineswegs aus Mitleid und somit aus freien Stücken aufgenommen hatte, sondern weil sie von Staats wegen dazu verpflichtet worden war. Aus diesem unfreiwilligen Zwang zur Nächstenliebe war wohl auch ihre kühle, fast unfreundliche Haltung ihren „Flüchtlingen“ gegenüber entstanden. Ich litt besonders darunter, denn ihre stets steinerne Miene empfand ich als feindlich. Wir hausten zu dritt in einem winzigen Zimmer, das sich noch dazu ziemlich mittig im unteren Trakt des Hauses befand, quasi im direkten Visier der Hausherrin. Meine kindliche Spontaneität endete jedes Mal abrupt nach dem Verlassen unserer Behausung. Ich atmete meist tief und hörbar durch, wenn ich der Frau mit dem unergründlichen strengen Gesicht nicht begegnet war. Die Haustür machte ich noch vorsichtig und möglichst lautlos hinter mir zu, um nicht unliebsam aufzufallen. Aber die wenigen Stufen vor dem Haus hüpfte ich meist schon fröhlich hinunter. Wenn ich bei meiner quirligen Art versehentlich das Muster des stets exakt geharkten Seitenweges mit den Füßen zerstörte, brachte ich mein Missgeschick sofort, dabei ängstlich um mich blickend, wieder in Ordnung, indem ich die zerstörten Linien mit meinen Fingern wieder sichtbar machte. Aber dann war ich nicht mehr zu halten. Wie befreit lief ich davon, zu meinen Freunden. Die meisten davon waren auch „Flüchtlingskinder“. Wir befanden uns alle in derselben bescheidenen, armseligen Lage. Manche hatten in ihren windschiefen Holzbaracken vielleicht etwas mehr Platz als wir, was deshalb trotzdem nicht in die Nähe von Luxus zu rücken war. Wir hatten nur das eine kleine Zimmer, in dem ein Bett stand, worin ich mit meiner Mutter schlief. Gegenüber auf einem alten verschlissenen Sofa schlief mein Großvater. Ein hoher schmaler Schrank, einem Spind ähnlich, stand neben meiner Schlafstätte und verwehrte mir im Liegen die Sicht zum Fenster, was ich mir bei Gewittern zunutze machte, indem ich mich

schutzsuchend dahinter verbarg. Der Schrank filterte die Helligkeit der Blitze und nahm mir etwas von meiner Angst. Das wirkte aber nicht immer, denn in sehr schweren Gewitternächten zog meine Mutter sich und mich komplett an, suchte alle ihre amtlichen Papiere zusammen und wartete, neben mir auf dem Bett sitzend, das Ende des Unwetters ab. So machte sie ihre Furcht zu der meinen. Nur mein Großvater zeigte sich jedes Mal unbeeindruckt. Auch ließ er sich nicht darauf ein, diese „Maskerade“, wie er es fast schon verächtlich murmelnd nannte, mitzumachen. Im Gegenteil zu uns nahm er auf seine furchtlose Art Anteil an den Blitzen, dem Donnerrollen und den teilweise stürmischen Regengüssen, indem er, am Fenster stehend, das Unwetter beobachtete. Hin und wieder berechnete er, gemessen an der Länge der Atempause zwischen Blitz und Donner, wie weit entfernt das Zentrum des nächtlichen Aufruhrs lag. Wenn meine Mutter ihn ängstlich bat, die Nähe des Fensters zu meiden, so als ob er dadurch dem Wirkungsbereich der Blitze entrinnen könnte, murmelte er meistens ein paar grummelige Worte vor sich hin, die wir auch ohne den Lärm des Donners sicher nicht verstanden hätten. Ich brauche mich nicht besonders zu bemühen, um dieses spärlich möblierte Zimmer vor Augen zu haben. Unter dem Bett waren stets Briketts gestapelt. Deren glänzende Seiten signalisierten für uns so etwas wie einen Hauch von Wohlstand, denn solange sie bis an die Bettkante stießen, war uns ein warmes Zimmer sicher. Unser Refugium war für drei Personen erdrückend klein. Darin wohnten, aßen und schliefen wir. Wir hatten nur uns und dieses Zimmer. Alles war minimiert, unser Umfeld, unser Leben und unsere Ansprüche, auch unsere Mahlzeiten, die wiederum dem kleinen Herd angepasst schienen. Das elektrische Licht wurde ganz spät eingeschaltet, erst wenn die Dämmerung der Dunkelheit wich. Die Zeit in diesem Zwielicht war für mich die schönste. Dann saß ich oft zu Füßen meines Großvaters auf einem alten kippeligen Holzhocker und lauschte seinen Erzählungen aus der damals fast noch greifbaren Vergangenheit, von der Flucht, und ab und zu von den friedlichen und glanzvollen Zeiten vor dem großen Krieg. Ich wurde nicht müde, diese Geschichten immer und immer wieder zu hören. Sobald ich meinem Großvater nur ein Stichwort gab, floss die Erinnerung nur so aus ihm heraus, gerade so, wie es mir jetzt beim Betrachten der alten Fotos erging. Auf dem schon etwas sepia-farbigen Bild steht er schlank und hoch gewachsen da, leicht gestützt auf einen Spazierstock. Ja, dieser Stock, an den erinnere ich mich auch noch sehr gut. Während meine Mutter mit der Arbeit in einer ortsnahen Konservenfabrik ein paar Mark verdiente, passte Opa auf mich auf. Das wird ihm sicher nicht immer leicht gefallen sein, denn ich war ein sehr lebhaftes Kind. Wenn wir durch den kleinen Ort schlenderten, kam oft sein Spazierstock zum Einsatz, gleich dem Stab eines Hirten. Mit diesem dirigierte er mich ständig von der Straße zurück auf den Bürgersteig, immer sanft aber sehr bestimmt. Wenn wir von unseren Spaziergängen zurückkamen, machte Großvater Feuer in dem kleinen Herd und kochte eine meist fleischlose und sehr einfache Mahlzeit für uns. Trotz des Mangels an Fleisch, Fett oder Zucker schmeckte alles immer ganz köstlich. Das lag vielleicht daran, dass mein Großvater Koch von Beruf war, ein guter Koch, wie es schien. Während er unser Essen zubereitete, erzählte er manchmal auch von den Zeiten, als er Chefkoch im Sanatorium eines Kurbades in Pommern gewesen war. Wenn ich die Qualität seines Essens mit kindlichem Behagen hervorhob, indem ich über meinen kleinen gefüllten Bauch streichelte und dabei fast wie ein Kätzchen schnurrte, strahlten seine Augen. Manchmal, wenn unsere bescheidenen Vorräte es zuließen, zauberte Großvater Bonbons aus der Pfanne für mich. Das geschah nicht allzu oft und war daher immer ein ganz besonderes Ereignis. Für diese schlichte Köstlichkeit schmolz Opa Margarine in der Pfanne, gab Zucker dazu, manchmal auch ein paar Haferflocken. Unter Rühren ließ er diese Masse karamellisieren und auf Butterpapier erkalten. Ich habe mir so manches Mal die kleine Schnute verbrannt, weil ich in meiner Gier nicht abwarten konnte, bis die heiße Süßigkeit abgekühlt war. Diese für mich kulinarischen Höhepunkte sorgten ein andermal dafür, dass z.B. auf einer Suppe noch ein paar Fettaugen weniger schwammen als sonst. Alle unsere Mahlzeiten waren nicht sehr abwechslungsreich. Denn da es uns an Geld mangelte, mangelte es uns auch an Lebensmitteln. Nur Steckrüben waren preiswert und darum gab es sie ganz oft, in allen möglichen Variationen, als Suppe, als Beilage oder süß zu einer dicken Pampe aus Haferflockenbrei. Auf den bis an das kleine Städtchen heranreichen den Feldern wurde in der Hauptsache Kohl angebaut. Dieser wurde von den Bauern mit ihren Traktoren und meist übervoll beladenen Anhängern direkt zu der Konservenfabrik des Ortes transportiert, in der meine Mutter arbeitete. Ich stand oft am Straßenrand, wenn die Wagen über das holprige Pflaster rumpelten. Ab und zu kam es vor, dass ein Kopf Weißkohl auf die Straße fiel. Dann rannte ich wie besessen und klaubte den leicht aufgeplatzten Kopf von der Straße auf und lief mit meiner Beute strahlend nach Hause. Obwohl ich als Kind nicht gerade begeistert von Kohl war, genoss ich doch dieses Hochgefühl, meinen Beitrag zu unserem kargen Haushalt geleistet zu haben. Den Geruch des Kohles mochte ich noch weniger. Dagegen kamen an manchen Tagen aus der Küche unserer Hauherrin die herrlichsten Düfte, die mir stets Schluckbeschwerden bereiteten wegen des Speichels in meinem Mund und der sich bei ihrer bloßen Wahrnehmung ansammelte. Einmal in der Woche nämlich hatte die „Wiemannsche“, wie meine Mutter unsere Vermieterin nannte, ihren Damentag. Dann erschienen an die fünf oder sechs vornehm gekleidete Damen und wurden von ihrer Gastgeberin verwöhnt. An solchen Tagen wurde ich fast unsichtbar, aber wenn ich der „Wiemannschen“ trotz aller Vorsicht im Hause über den Weg lief, stieß mich allein ihr frostiger Blick in unsere Behausung zurück. Im Laufe der Zeit hieß sie für mich „Oma Wiemann“, aber nicht aus vertrauter Anhänglichkeit. Das hatte wohl eher mit ihrem Alter zu tun. Ich sprach sie auch niemals an und traute mich kaum, sie zu grüßen. Ihre eisige Zurückhaltung und ihre kurz angebundene Art setzten für ein empfindsames Kind wie mich von Anfang an Grenzen. Der Duft der Speisen unserer Hausherrin machte auch vor unserer Tür nicht Halt und kroch durch alle Ritzen zu uns ins Zimmer, aufdringlich, wie ein ungebetener Gast. Einmal, als die „Wiemannsche“ tags zuvor ihre Damengesellschaft bewirtet hatte, stand ein Hocker neben unserer Tür. Und auf dem Hocker befand sich eine flache Schüssel, mit Goldrand, abgedeckt mit einem Teller, ebenfalls goldumrandet. In der Schüssel lag, immer noch duftend, eine halbe Taube, gelbbraun gebraten, den Bauch voller Hackfleisch. Großvater entschied sofort, dass ich, die Kleine, diese Köstlichkeit allein essen durfte. Als meine Mutter das Fleisch leicht erwärmte, füllte der leckere Geruch den ganzen Raum aus. Der Duft hing noch lange im Zimmer. Wie ein luxuriöser Belag waberte er um unsere schäbigen Möbel. Welche Qual, wenn auch nur vorübergehend, muss dieser Geruch bei meiner Mutter und meinem Großvater hervorgerufen haben. Mein Angebot zur Teilung der fürstlichen Mahlzeit lehnten sie jedoch kategorisch ab. Trotz großen Hungers und noch größerem Appetit habe ich diese Köstlichkeit nicht hastig verschlungen, sondern mit Bedacht und mit allen Sinnen genossen, selbstvergessend schmatzend und Augen rollend, das weiß ich noch. Die zarten Taubenknochen machten am Ende den Eindruck, als wären sie nie mit Fleisch in Berührung gekommen. Als ich mich pflichtgemäß bei Frau Wiemann bedankte, vergaß ich auch den Knicks nicht, den meine Mutter mir nahe gelegt hatte. Der Knicks machte nur mäßigen Eindruck auf sie und ihre mürrische Art scheuchte mich gleich wieder fort. Seitdem hatte sich der Hexenstatus verflüchtigt, der leicht in meiner Stimme nachklang, wenn ich von „Oma Wiemann“ sprach. Immerhin, und das rechnete ich ihr hoch an, immerhin hatte sie an uns gedacht und das Essen nicht einfach fortgeworfen. Dieser Vorfall hatte aber keine Verbesserung der losen Beziehung zur Folge und er wiederholte sich auch nicht. Dieses eigentlich unspektakuläre Ereignis ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben. Vor dem prägenden Hintergrund selten ganz gestillten Hungers und jahrelanger Mittellosigkeit hat es einen hohen Stellenwert in meinen Erinnerungen. Ich weiß bis heute nicht, ob es die „Wiemannsche“ oder vielleicht doch „Oma Wiemann“ war, die sich zu solch einer netten Geste hinreißen ließ. Das Wiemannsche Haus stand genau gegenüber dem kleinen Bahnhof des Ortes. Als sich die Zeiten besserten, erhielt ich ab und zu einen Groschen von meinem Großvater. Ich setzte ihn jedes Mal sofort um in dem Automaten, der in der kleinen Bahnhofshalle neben der Tür der Gastwirtschaft hing. Nach Einwurf des Groschens war ich dann stolze Besitzerin einer kurzen Stange Karamellbonbons. Manchmal war der Weg zu diesem himmlischen Vergnügen jedoch mit Hürden gepflastert, denn die betrunkenen Männer, die dort nach dem Verlassen der Wirtschaft herumstanden, flößten mir Angst ein, zumal einige von ihnen nur einen Arm, manche nur ein Bein hatten. Immerhin hatten sie den Krieg überlebt. Mein Vater jedoch kam nicht wieder. Lange Zeit gab meine Mutter die Hoffnung auf seine Rückkehr nicht auf. Wir hatten ein kleines Radio, vor dem wir jedes Mal wie gebannt saßen, wenn die Listen der Heimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft verlesen wurden. Irgendwann musste sie ihre Hoffnungen begraben. Erst dann ließ sie ihren Mann für tot erklären und erst dann hatte sie Anspruch auf eine Witwenrente. Das war ein Handel mit bitterem Nachgeschmack. Die Tatsache, dass sie nur eine von vielen war, die dasselbe Schicksal erleiden mussten, ergab nicht einmal den Ansatz eines Trostes. Festtage wie Weihnachten oder Geburtstage verliefen meist sehr ruhig, aber dennoch auf gewisse Weise feierlich. Für Geschenke reichte das Geld nicht. So half nur Improvisation, die ermöglichte, dass ich trotzdem meinen gewünschten und heiß ersehnten Puppenwagen bekam. Diesen hatte mein Großvater selbst gebastelt, aus einer windschiefen Gemüsekiste. Die Räder sahen recht unterschiedlich aus. Wahrscheinlich hatte er sie irgendwo gefunden. Meine Puppe hatte die Flucht mitgemacht und somit auch schon bessere Tage gesehen. Ihre Gesichtszüge verblassten immer mehr. So zog ich ihre Augenbrauen und die Lippen ständig mit einem Bleistift nach. Erst dann fuhr ich sie stolz spazieren. Dabei fing der Wagen nach kurzer Zeit an zu eiern. Das passierte, weil sich immer wieder eines der Räder zu lösen begann. Um die Fahrt fortsetzen zu können, schlug ich ab und zu mit dem Fuß gegen das aufmüpfige Rad. Als meine Mutter ihre Witwenrente erhielt, ging es uns finanziell etwas besser. Meine Mutter aber musste inzwischen lernen, mit den misstrauischen Blicken der Frauen umzugehen, deren Männer heil und gesund aus dem Krieg zurückgekehrt waren. Diese glücklichen Frauen hüteten ihre Männer wie ihren Augapfel. Denn Männer waren knapp. Der Krieg war unersättlich gewesen und hatte eine unsäglich große Anzahl von ihnen verschluckt. Als ich zur Schule kam, zogen wir um in eine etwas größere Wohnung. Hier verfügten wir neben dem Zimmer, in dem wir uns tagsüber aufhielten und in dem meine Mutter und ich schliefen, über eine separate Küche und ein kleines Extrazimmer für meinen Großvater. Das war im Vergleich zu unserer ersten Unterkunft der pure Luxus. Es ging nun alles ein bisschen bergauf, wenn auch langsam. Hier in dieser neuen Wohnung fühlten wir uns bedeutend wohler. Finanziell ging es uns zwar immer noch eher Bronze als Gold, aber an Sonntagen gab es meist einen kleinen Braten mit einer köstlichen Sauce. Das leckere Essen rundete die Woche stets perfekt ab. Manchmal, wenn mein Großvater bei der Zuteilung von Fleisch und Sauce besonders sparsam vorging, hatten wir auch am Wochenanfang noch ein kleines kulinarisches Vergnügen. Ich genoss solche kleinen Freuden sehr, denn ich war sehr bescheiden. Auch wochentags, wenn ich zur Schule ging, war ich die meiste Zeit zufrieden und ausgeglichen. Ich war nämlich eine begeisterte Schülerin und ging gern zur Schule. Fleißig und ehrgeizig war ich, ehrgeizig hauptsächlich, um zu beweisen, dass Flüchtlingskinder ihren Verstand nicht in der verbrannten Heimat verloren hatten. Denn eine gewisse untertemperierte Höflichkeit schlug uns auch von anderen Bewohnern des Ortes entgegen. Unter meinen Mitschülern waren es anfangs die Jungen, die mich gern an den Haaren zogen und dabei „Pommernland ist abgebrannt“...grölten. Ich verschaffte mir jedoch bald Respekt, denn ich war flink und zäh und wusste mich zu wehren. Außerdem spielte ich inzwischen lieber Fußball mit den Jungen als mit meiner Puppe. Ich verstand mich zwar auch ganz gut mit den Mädchen meines Alters, aber es zog mich doch eher zu den Jungen hin. Die Mädchen waren mir in der Regel zu zickig. Dagegen schien mir die Freundschaft zu den Jungen mehr Tiefgang zu haben und schien ehrlicher zu sein. Ihre Spiele und vor allem die Streiche gefielen mir und bald hatte ich mich soweit bewährt, dass ich in ihrer Gemeinschaft zugelassen wurde. Aus meiner Erfahrung tun Jungen sich mit Fremdsprachen meist sehr schwer. Sogar mit der eigenen Muttersprache hatten die meisten zu kämpfen. Die Jungen in meiner Klasse waren zwar die besseren Mathematiker, dafür aber in Deutsch die reinsten Nieten. Darum hatten wir einen besonderen Code ausgemacht. Bei Diktaten z.B. achteten sie sehr genau auf meinen linken Zeigefinger. Wenn in dem vom Lehrer vorgelesenen Satz ein Komma vorkam, spreizte ich den Zeigefinger nach oben. Außerdem kam meine linke Handfläche bei schwierigen Wörtern als Spickzettel zum Einsatz. Für diese Hilfe waren sie immer sehr dankbar. Ich wundere mich noch heute, dass unserem Lehrer dieser Betrug nie aufgefallen ist. Mit der Zeit blieben die Jungen jedoch immer weiter hinter dem Verstand der Mädchen zurück, so jedenfalls schien es mir. Von da an wurden sie für mich weniger interessant. Für meine Begriffe benahmen sie sich trotz zunehmenden Alters noch sehr kindisch. So wechselte ich ins weibliche Lager über und verbrachte meine Zeit lieber mit meinen Freundinnen. Ich besuchte inzwischen die Realschule, die sich in Marne Aufbauzug nannte. Irgendwann erkannte ich am Musterbeispiel unseres Klassenlehrers, dass „ältere“ Männer sehr viel Charme haben können. Natürlich war er mit seinen knapp über vierzig Jahren nicht wirklich alt. Ich kam immerhin zu der Erkenntnis, dass er trotz seines „hohen“ Alters wahnsinnig gut aussah. Ich war naturgemäß nicht die einzige, die für unseren Klassenlehrer schwärmte. Auch die Mädchen von der Oberschule nebenan umschwirrten ihn. Ich beneidete sie, weil sie mindestens zwei Jahre älter waren als ich. Sie waren schon ziemlich selbstbewusst und dazu schon hübscher und reifer. Mir schien, dass die Plänkeleien, die ich eifersüchtig zwischen ihnen und meinem Lehrer beobachtete, auf einer höheren Ebene stattfanden, auch seinerseits. Herr Zwemke unterrichtete in Deutsch, Englisch und Französisch. Das waren meine Lieblingsfächer. So fiel es mir leicht, darin besonders zu glänzen und seine Aufmerksamkeit zu genießen. Dabei gab ich mir mehr Mühe als von mir verlangt wurde. Zum Beispiel machte ich aus einem Wort, das wir in einem kurzen Satz einbauen sollten eine lebendige Kurzgeschichte, egal in welcher der drei Sprachen. Ich liebte es besonders, Aufsätze zu schreiben. Dann ging meist die Phantasie mit mir durch, jedoch auf eine Art, die mir jedes Mal Lob einbrachte. Ich entwickelte meinen eigenen Schreibstil, der mir durch seinen Wiedererkennungswert fast zum Verhängnis geworden wäre. Eines Tages nämlich hatte ich an unseren Klassenlehrer einen Drohbrief geschrieben. Und das kam so. Jedes Jahr vor den Sommerferien fand an der Schule ein großes Fest statt, das sich „Vogelschießen“ nannte. Der Name rührte wohl daher, weil in einem abschließenden Programmteil des Festes auf einen Adler aus Holz geschossen wurde. Am Ende gab es so eine Art Schützenkönig. Alle Klassen zeigten ihr spezielles Können, in der Hauptsache bei sportlichen Vorführungen. Ich weiß nicht mehr, was unsere Klasse geplant hatte. Die Klassensprecher mussten für die Organisation der geplanten Darbietung sorgen. In jenem Jahr war Erika, meine beste Freundin, Klassensprecherin. Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt war sie für längere Zeit krank und nahm auch nicht am Unterricht teil. Unser Klassenlehrer verfügte ohne Rücksprache mit Erika, dass ein anderer Schüler ihre Aufgabe übernehmen sollte. Meinen Einwand, dass man das doch mit Erika besprechen sollte, fegte er kurzerhand vom Tisch. Für mich war das glatter Verrat. Das machte mich so wütend, dass ich mich zu Hause hinsetzte und einen Drohbrief verfasste. Der Inhalt ist mir nicht mehr geläufig. Ich weiß aber genau, dass ich nicht etwa mit körperlichen Angriffen gedroht hatte. Ich beschränkte mich auf die Ankündigung eines Boykotts einiger Schüler, mit mir an der Spitze. Ich schrieb den Brief ganz professionell, anonym natürlich und in Druckbuchstaben. In einem günstigen Moment schmuggelte ich ihn ins Lehrerzimmer. Am folgenden Tag fing mich mein Lehrer während der großen Pause auf dem Flur ab. Er funkelte mich ziemlich böse an. Trotzdem weiß ich noch heute, dass ich ihn selbst mit diesem zornigen Ausdruck im Gesicht außerordentlich unwiderstehlich fand. Ich hatte nicht so schnell mit meiner Überführung gerechnet und stritt zunächst einmal alles ab. „Mach es nicht noch schlimmer“ fauchte er mich darauf an. „Dein Schreibstil ist unverkennbar. Deine Aktion wäre Grund genug, Dich von der Schule zu werfen.“ Er bestellte Erika und mich zu sich nach Hause, um die Sache in Ruhe ausdiskutieren zu können. Seine Frau setzte uns Saft und Plätzchen vor. Dann wurde es weniger gemütlich. Trotzdem fand Herr Zwemke nach seiner Kopfwäsche schnell zu seiner gewohnten Freundlichkeit und somit auch zu seinem dezenten Charme zurück. Dafür verehrte ich ihn noch ein kleines bisschen mehr. Ich gelobte Besserung. Im Gegensatz zu meinen kleinen platonischen Schwärmereien fanden die Beziehungen meiner Mutter natürlich auf einer ganz anderen Ebene statt. Nachdem sie jahrelang auf meinen Vater gewartet hatte, hatte sie wohl irgendwann die Hoffnung auf seine Rückkehr verloren. Als sie sich nach einem Mann umsah, fand sie nur Ehemänner. Alleinstehende Männer waren Mangelware. Der Krieg hatte ihre Anzahl auf ein Minimum reduziert. Ich weiß, dass sie bei der geringen Auswahl ab und zu vergaß, dass hinter diesem oder jenem Mann eine Ehefrau stand. Wer außer den betroffenen Ehefrauen konnte ihr das verdenken. Sie war noch so jung, hatte den Krieg irgendwie überstanden und forderte nun ihren Anteil am Leben ein. Außerdem gehören zu einer Affäre immer zwei. Einmal hatte sie trotz des allgemeinen Männermangels ein unverheiratetes Exemplar erwischt, der trotz seines Status als Lediger eine Menge an Verpflichtungen angehäuft hatte, die man eher bei einem verheirateten Mann vermutet hätte. Ich war zwar noch zu naiv, um aus der Bedeutung solcher Beziehungen meine Schlüsse ziehen zu können. Trotzdem war ich jedes Mal stark beunruhigt, wenn ein fremder Mann Zugang zu unseren Kreisen, sprich zu meiner Mutter, suchte. Meine unverhohlene Abneigung war jedoch weniger auf den moralischen Aspekt zurückzuführen als auf eine Art kindlicher Eifersucht. Als sie nun diesen scheinbar total Unbefleckten mit nach Hause brachte, stufte ich ihn sofort als ernst zu nehmenden Störfaktor ein. Im Gegensatz zu den verheirateten Männern bestand hier eher die Gefahr von Veränderungen, die ich nicht wollte. Er schien sich des Wohlwollens meiner Mutter wohl so sicher zu sein, dass er scheinbar meinte auf meines verzichten zu können, denn er gab sich sehr wenig bis gar keine Mühe, auf mich einzugehen. Ich wiederum machte diesen Versuch erst gar nicht. Ich war schlecht gelaunt, stichelte und lästerte, wann immer es passte. Den ganzen Aufwand hätte ich mir sparen können, denn es dauerte nicht lange, da war dieses für meine Mutter zunächst viel versprechende Verhältnis beendet. Bekannte meiner Mutter hatten nämlich durch Zufall erfahren, dass es sich bei diesem gut aussehenden und vor allem ledigen Mann um einen waschechten Heiratsschwindler handelte. Bei dieser Tätigkeit hatte er in einigen Städten Norddeutschlands seine genetischen Spuren hinterlassen, nie aber einen Ehering. Nach diesem Schock legte meine Mutter eine längere Männerpause ein.

Ortswechsel

Ich war fünfzehn, als wir von Marne nach Bremen zogen. Meine Mutter meinte, dass ich in Bremen bessere Chancen bei der Berufswahl hätte. Ich denke, dass wohl die Tatsache, dass ihre Schwester Magdalena dort wohnte, schwerer wog als diese Überlegung. Der Abschied von Marne fiel mir sehr schwer. Ich hatte hier inzwischen einen großen Freundeskreis und fühlte mich in diesem unspektakulär flachen Land zu Hause. Ich liebte die Nähe zur Nordsee mit den grünen sanft gewölbten Deichen und dem ewigen Wind, der besonders im Herbst mit langem, starkem Atem an den Dachziegeln rüttelte. Inzwischen hatte ich auch die zurückhaltende Art der Bewohner lieb gewonnen, die mit wenige schmucklosen und kurzen Sätzen auf den Punkt brachten, was sie sagen wollten. Dabei waren nur wenige dabei, die so unfreundlich wie „Oma Wiemann“ gewesen waren. In Bremen musste ich mich für die kurze verbleibende Schuldauer von anderthalb Jahren völlig neu orientieren und mich an fremde Mitschüler und neue Lehrer gewöhnen. Meinem Klassenlehrer, Herrn Zwemke, musste ich versprechen, ihm zu schreiben und das tat ich auch. Seinen Antwortbrief habe ich lange wie einen wertvollen Schatz gehütet. Darin machte er mir Mut und ermunterte mich, möglichst noch auf das Gymnasium zu wechseln, damit ich studieren könnte. „Dein Schreibstil ist so unverwechselbar. Daraus solltest Du unbedingt etwas machen“, so schrieb er. Ich hatte ihm einmal anvertraut, dass ich gerne Journalistin werden würde. Abschließend forderte er mich ganz eindringlich auf, dieses Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Aber es kam alles ganz anders. Aus meiner gewohnten Umgebung und dem vertrauten Milieu herausgerissen, hatte ich lange Zeit schwer zu kämpfen, mich gegenüber diesen Großstadtkindern in der neuen Klasse zu behaupten. So wirklich gelang es mir nicht in der kurzen Zeit. Von Anfang an wurde ich als Landei eingestuft. Natürlich hatten sie mir gegenüber in mancher Beziehung einiges voraus. So verlangte das Leistungssystem in Bremen mehr von den Schülern als in der Kleinstadt Marne. Zwar gewöhnte ich mich nach einiger Zeit daran, aber ein Stück Leichtigkeit ging mir dennoch dabei verloren. Bisher war ich immer gerne zur Schule gegangen, hier wurde sie mir ein wenig zur Last. So waren Gymnasium und Studium kein Thema mehr für mich. Was den Umgang zwischen den Mädchen und Jungen betraf, hatte ich mich bisher auf eine Schwärmerei für meinen Lehrer beschränkt, in aller Unschuld, versteht sich. Hier aber gingen die Jungen und Mädchen schon richtig zur Sache. Dieser nahtlose Übergang zu einem ganz andern Moralverständnis war schwer zu verkraften für mich. Bei nur angedeuteten Annäherungsversuchen machte ich dicht und ignorierte sie möglichst. Ich umging die Spötteleien und anfänglichen Scherze auf meine Kosten, indem ich mir nach und nach das Image der Geheimnisvollen zulegte. Das ging ganz leicht, denn unter Mangel an Fantasie habe ich noch nie gelitten. Gelegenheit hinter meine wohl gehütete Fassade zu blicken, gab ich ihnen nicht, denn das Verhältnis zu meinen Mitschülern wurde in der kurzen Zeit niemals so eng, dass daraus Freundschaften entstehen konnten. Außerdem hatte ich auch kaum Interesse daran. So rätselten sie wohl bis zum Schluss, ob ich wohl nur schüchtern oder etwa verschwiegen war, weil ich Geheimnisse zu hüten hatte, gewissermaßen. Ich mimte von Zeit zu Zeit das verträumte Mädchen, das schmachtenden Blickes an ihren Freund dachte. Mein letzter Schultag war für mich wie eine Befreiung. Ich hätte nie gedacht, dass ich das Ende der Schulzeit so herbeisehnen würde. Seit unserem Umzug nach Bremen hatte eine Zeit der ständigen Veränderungen begonnen.

Veränderungen

Inzwischen war mein Großvater mit achtundachtzig Jahren verstorben. Er war bis zum Schluss sehr rüstig gewesen und machte täglich seine Spaziergänge. Sein Spazierstock, mit dem er mich als kleines Mädchen oft im Zaum gehalten hatte, war stets dabei. Die letzten Jahre diente er ihm als leichte Stütze. Oft stand er mit Nachbarn oder wildfremden Leuten zusammen und diskutierte lebhaft und lange mit ihnen, am liebsten über Politik. Er kannte sich gut aus, denn er saugte alle Nachrichten und Kommentare förmlich in sich auf, seien es die im Radio oder aus der Zeitung. Besonders am Herzen lag ihm, vor der „gelben Gefahr“ zu warnen, so nannte er das chinesische Volk. Nach seinem Tode klingelten fremde Leute an der Haustür und fragten nach meinem Großvater. Auch sie hatten ihn vermisst, aber sicher fehlte er ihnen nicht so wie mir. Er hatte eine große Lücke hinterlassen. Irgendwie hatte mich die Liebe meines Großvaters gewärmt und beschützt. Dazu hatte es keine großen Worte gebraucht, da hatten Gesten manchmal mehr gesagt. Als er noch da war, hatten wir zu dritt noch eine kleine Familie gebildet. Nach seinem Tode wurde das Verhältnis zwischen mir und meiner Mutter komplizierter. Erst jetzt merkte ich, dass er wohl manchmal wie eine Art Puffer gewirkt hatte. Mit meinem Großvater hatte ich lange, intensive Gespräche über alle möglichen Themen geführt. Er war sehr klug und ich meine, dass diese Klugheit nicht allein auf Altersweisheit zurückzuführen war. Meine Mutter dagegen legte in erster Linie Wert darauf, mich gut zu versorgen. Das gelang ihr auch in bester Manier. Sie hatte, als Großvater achtzig geworden war, die alleinige Regie in der Küche übernommen. Das machte der Qualität der Speisen keinen Abbruch. Sie hatte ja ebenfalls den Beruf des Kochs erlernt und kochte genauso gekonnt und lecker wie ihr Vater. So musste ich auch jetzt nicht auf den Genuss köstlicher Saucen verzichten. Da sie inzwischen eine ganz anständige Rente als Kriegerwitwe bezog, war sie nicht mehr gezwungen, nebenher zu arbeiten. So richtete sie ihren Focus voll auf mich. Sie hatte ja nun nur noch mich, wie sie oft betonte. Als sie zwischendurch wieder die Bekanntschaft eines gut aussehenden Mannes machte, war sie etwas entspannter und zum Glück nicht mehr so total auf mich fixiert. Doch wie gehabt, war auch dieser Mann verheiratet und nur begrenzt verfügbar. Sein täglicher Weg von der Arbeit führte ihn an unserem Haus vorbei, wo er ab und zu Halt machte. Von seiner Existenz erfuhr ich rein zufällig, als einmal mein Sportunterricht nachmittags ausfiel. Meine Mutter kicherte schamhaft, als ihr Geheimnis aufflog. Auch nach meiner Kenntnis über ihr Verhältnis mied sie das Thema und genierte sich sichtlich, wenn ich es doch einmal erwähnte. Diese Scham stufte ich später, als ich sie genauer einzuordnen wusste, als Prüderie und Verklemmtheit ein. Ich denke aber, sie konnte aus ihrer Haut nicht heraus. Sie war so erzogen worden und Erziehung hatte früher in erster Linie mit Gehorsam zu tun. Dieser wiederum führte automatisch dazu, dass Kinder wenige Fragen stellten und noch weniger etwas offen anzweifelten, eben weil Kinder nicht zu fragen noch zu zweifeln hatten, zumindest nicht akustisch. Das führte automatisch zu einer verklemmten Einstellung gegenüber Themen, die auch nur einen Hauch sexuellen Inhalts hatten. Anfangs war auch ich so gestrickt, nur nicht ganz so bedingungslos wie sie. Dazu war ich viel zu neugierig. Was die sexuelle Aufklärung betraf, war ich selbst bei der Geburt meines ersten Kindes noch so gut wie ahnungslos. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen, aber ich habe es selbst so erlebt. Jene letzte Beziehung meiner Mutter, die ich in Bremen miterlebte, endete mit dem plötzlichen Tod ihres Liebhabers. Von seinem Tod erfuhr sie aus der Tageszeitung. Zur Beerdigung ging sie nicht, konnte sie nicht gehen. Mit Sicherheit wäre sie dort seiner Witwe begegnet. So musste sie ihre Trauer ganz still und ohne nach außen sichtbare Teilnahme erleiden. Danach konzentrierte sie sich wieder mehr auf mich. Nach meinem Realschulabschluss hatte ich eine Lehre bei einem Rechtsanwalt begonnen, dessen Praxis im Stadtzentrum lag. Mein Traumberuf war das ganz und gar nicht. Schauwerbegestalterin, heute Dekorateurin genannt, ja, das hätte mir noch zugesagt, weil ich dann wenigstens kreativ hätte sein können. Da bekam ich bei der Lehrstellenvermittlung eine prompte Abfuhr mit der Begründung, dazu sei ich zu zierlich und zu klein. Ich hätte die Schaufensterpuppen, die tatsächlich um einiges größer und wahrscheinlich auch schwerer waren als ich, nicht ohne Hilfe von A nach B hätten tragen können. In kurzer Zeit musste ich mich für einen anderen Beruf entscheiden. Ein wenig bedauerte ich jetzt, dass ich den Gedanken an Abitur und Studium so schnell aufgegeben hatte, als der tägliche Weg zur Schule für mich zur Folter geworden war. Letztlich versuchte man, mich für eine Lehre zur Rechtsanwaltsgehilfin zu erwärmen. Mangels besserer Vorschläge mit Erfolg. Meine Mutter hatte das ihre dazu beigetragen. Ihre Tochter als Rechtsanwaltsgehilfin, das schien ihr doch angemessen. Ich konnte mich auch des Verdachts nicht erwehren, dass sie noch andere Vorteile darin sah. Frei nach dem Motto: „Meine Tochter soll es einmal besser haben“, bot sich bei diesem Umfeld immerhin die Gelegenheit, dass ihre Tochter sich einen Rechtsanwalt angeln könnte. Welche Aufstiegsmöglichkeiten! Die waren bei einer unbedeutenden Dekorateurin, die ganz allein in irgendwelchen Schaufenstern rumwuselte, eher nicht gegeben. Ich könnte fast meine Hand dafür ins Feuer legen, dass sie solche Träume gesponnen hat. Doch wie das Leben so spielt. Erstens kam es anders und zweitens als sie dachte. Als Großvater auch räumlich eine Lücke hinterlassen hatte, vermietete meine Mutter ein Zimmer, das bisher wenig genutzt wurde. Es lag über der Garage und war auch separat durch die Garage erreichbar. Damit besserte sie ihre Rente nochmals etwas auf. Anfangs handelte es sich bei den Untermietern um Monteure, die in dem nahen Automobilwerk arbeiteten. Sie waren meist nur kurze Zeit vor Ort. Eines Tages, als das Zimmer wochenlang leer gestanden hatte, bekamen wir wieder einen Neuzugang. Diesmal war es ein jüngerer Mann, der im nahegelegenen Standort Achim seine Bundeswehrzeit verbracht hatte. Am Anfang wechselte er mehrmals seine Arbeitsstellen, was ihm bei meiner Mutter die ersten Minuspunkte eintrug. Schließlich landete auch er bei Goliath, dem Automobilwerk, das er von unserem Haus aus bequem zu Fuß erreichen konnte. Meine erste Begegnung mit ihm habe ich auch nach über fünf Jahrzehnten noch deutlich in Erinnerung. Ich kam gerade dazu, als er in der Küche bei meiner Mutter seine erste Miete bezahlte. Im Voraus, was ihm einen Pluspunkt einbrachte. Es war Sommer und der Tag war sehr heiß. Er trug ein helles kurzärmliges Hemd, das weit geöffnet war. Mein Blick fiel als erstes auf den Hemdausschnitt und die silberne Kette, die er um den Hals trug. Auch die Schweißperlen auf seiner Haut registrierte ich. Als er sich mir zuwandte, fielen mir gleich seine Augen angenehm auf, große, warme Augen, ein bisschen grau und ein wenig blau. Diese Augen faszinierten mich sofort. Erst später nahm ich wahr, dass er schlank war und nicht besonders groß. Diese Begegnung versetzte mich sogleich in einen Aufruhr, den ich nicht sofort definieren konnte, der mich in eine euphorische Stimmung versetzte. Als ich ihn dann mehrmals in ständig wechselnder Begleitung von ausgesprochen hübschen Mädchen sah, kippte meine heitere Laune ins Gegenteil. Ich war betrübt und antriebslos. Eine vage Trauer nagte an mir. Das war mein erster ernst zu nehmender Liebeskummer. Ich war wütend auf mich, weil mich meine bis dahin einseitigen Gefühle so strikt gefangen hielten. Vor allem schien mir, dass er meine Gefühle keineswegs verdiente, weil er sie bis dahin ja nicht erwiderte und vor allem, weil er sich als nicht sehr beständig in seinen Beziehungen entpuppte. Diese meine Betrachtungsweise erscheint nach längerem Betrachten unlogisch, denn der ständige Wechsel wies ja eigentlich auf die Bedeutungslosigkeit dieser Plänkeleien hin. Es waren immer andere Mädchen, die er in seiner Behausung unter dem Dach empfing. Ich beneidete diese Mädchen wegen ihrer offensichtlichen Selbstsicherheit. Sie gaben sich kess und verstanden perfekt, ihre optischen Vorzüge durch einen besonders kurzen Rock oder eine betont enge Hose hervorzuheben. Ich dagegen war schüchtern und kein bisschen selbstbewusst. Außerdem verursachte der Blick in den Spiegel nicht gerade Höhenflüge bei mir. Die anderen Mädchen setzten ihr buntes Federkleid in Szene, um den Gockel zu reizen. Ich dagegen befand mich in anhaltender Mauser. Jedenfalls sah ich mich selbst so. Eines frühen Morgens erwischte meine Mutter eine dieser Hennen, als sie gerade aus dem Haus schlich, was den Schluss zuließ, dass sie im Käfig des Hahnes genächtigt hatte. Meine Mutter nahm sich ihren Untermieter zur Brust und erinnerte ihn daran, dass sie Damenbesuch nur bis 22 Uhr gestattet habe. Eigentlich empfand ich diese Regelung als ziemlich antiquiert. Aber in diesem speziellen Fall war ich doch zufrieden, dass er diesen Rüffel einstecken musste. Eine Zeitlang wurde er diesbezüglich nicht mehr auffällig. Das musste jedoch nicht bedeuten, dass die Katze das Mausen ließ, beziehungsweise der Hahn nicht mehr krähte. Durch seine scheinbare Zurückhaltung machte er wieder einiges an Punkten gut, denn meine Mutter legte sein Verhalten als Erfolg ihrer erzieherischen Ermahnung aus. So kam sie ihm versöhnlich entgegen und machte ihm irgendwann das Angebot einer warmen Mahlzeit an den Wochenenden, gegen einen entsprechenden Obolus selbstredend. An den Werktagen aß er in der Werkskantine. Eine Zeit lang besuchte er an den Wochenenden die in Bremen bekannten Ottilie-Hoffmann-Häuser, die Alleinstehenden warme Mahlzeiten zu einem günstigen Preis anboten. Hätte meine Mutter damals gewusst, dass sie durch diese Einladung einen Stein ins Rollen brachte, der ihr ganzes beschauliches Leben verändern sollte, sie hätte diesen Stein quasi im tiefsten Wasser versenkt, sprich ihren Untermieter schon damals fristlos auf die Straße gesetzt. Als sie ihn dann später wirklich rauswarf, zeigte ihr rigoroses Verhalten zu dem Zeitpunkt keine Wirkung mehr auf mich. Da war es längst zu spät. Ich war inzwischen rettungslos verliebt. Meine Gefühle wurden erwidert. Ich hatte über all das bunte Federvieh gesiegt. Dann begann eine Zeit der Heimlichkeiten und abstrusen Notlügen. Dieser Abschnitt meines Lebens entschied über die Richtung und die Beschaffenheit des Weges, den ich dann einschlagen würde. In der Übergangszeit war ich gezwungen, ein Gerüst von Ausreden und möglichst glaubwürdig erscheinenden Ausflüchten um mich herum zu errichten. Ich durfte ja nicht einmal alleine ins Kino geschweige denn zum Tanzen gehen. Dieses enge Korsett an Verboten musste ja zwangsläufig eines Tages gesprengt werden. Ich war erst sechzehn, als ich den Mann meines Lebens kennen lernte und war noch so naiv und vertrauensvoll wie ein Kleinkind. Trotzdem wusste ich genau: Dieser hier ist der Richtige, den will ich für mich alleine. Dabei stelle ich heute fest, dass ich bei meiner Entscheidung sehr blauäugig war. Ich hatte mich quasi allein auf meine Gefühle verlassen. Das hätte auch in die Hose gehen können. Ich hatte ja keinerlei Erfahrung und war dementsprechend völlig ahnungslos. Mein Leben hätte ganz anders verlaufen können. Wenn ich auch nur im Ansatz beginne, dem Verlauf meines Lebens eine andere Richtung zu geben, dann läuft es mir kalt den Rücken herunter.

Ein anderes Leben? Ohne Joseph?

Analysen

Ich kam ganz plötzlich in die Gegenwart zurück und blickte nachdenklich auf die Fotos in meiner Hand. Auf dem einen Bild lachte mir Anna entgegen, da war sie wohl, so wie ich damals um die sechzehn Jahre jung. Als ich mir vorstellte, Anna hätte in ihrer Verliebtheit mit derselben Sturheit wie ich reagiert erkannte ich sofort, dass der Vergleich zwischen Anna und mir stark hinkte. Sie wurde ja nie von solchen Zwängen bedrängt. Diese Art von Hürden stellen sich jungen Menschen heute kaum noch in den Weg. So durfte Anna sich mit ihrem Freund so oft treffen wie sie wollte. Er übernachtete sogar im Haus ihrer Eltern und umgekehrt schlief sie des Öfteren bei ihrem Freund. Man kann gestern nicht mit heute vergleichen. Diese neue Zeit hat neue Regeln mitgebracht. Auf der einen Seite finde ich das gut so. Andererseits ertappe ich mich manchmal bei dem Gedanken, ob dieses Maß an Großzügigkeit nicht übertrieben wird? Diesen Gedanken sprach ich selten laut aus, um nicht Gefahr zu laufen, eventuell als schon ein wenig altmodisch eingestuft zu werden. Außerdem war ich ehrlich genug mir einzugestehen, dass ich meine leisen Zweifel und Bedenken darauf zurückführte, dass meine kleine süße Enkelin zwar immer noch süß, aber keineswegs mehr klein war. Das pflegt man als Großmutter leicht zu verdrängen. Sie war inzwischen in der Welt der Erwachsenen angekommen, ob mir das vorrangig als Oma nun passte oder nicht. Mir wurde bei diesen Überlegungen ganz klar, dass auch ich wieder bei einem neuen Lebensabschnitt angekommen war. Ich war immerhin auf dem Weg zur Urgroßmutter, nicht heute und nicht morgen, aber doch in vorstellbarer nicht allzu ferner Zukunft, wenn ich alte Frau mich lange genug aufrecht halten würde. Der Großmutterstatus führt einem zwar den obligatorischen Alterungsprozess sehr deutlich vor Augen. Andererseits können die damit verbundenen Animositäten, wie ach was bin ich doch schon alt, gerade durch das Vorhandensein von Enkeln in angenehmster Weise gemildert werden. Man muss es nur zulassen. Es bedeutet ja nichts anderes, als dass man sich nicht zurücklehnt und auf seinen Altenteil zurückzieht. Nein, man bleibt nicht stehen. Das will man auf keinen Fall. Im Gegenteil möchte man mithalten. Und man möchte mitreden, aber auf eine Art, welche die Enkel zuhören und reagieren lässt und das nicht nur aus Respekt sondern vor allem aus Interesse. Diese ständige Übung kann wie ein Jungbrunnen sein. Die unbeschwerte Heiterkeit der Enkelkinder weht stets einen tröstlichen Hauch zu uns Großeltern herüber, den wir begierig einatmen. Das ist ein Wundermittel, das uns vitaler erscheinen lässt als wir wohlmöglich sind. Ähnlich ist es sicher meinem Großvater ergangen, so offen und erfrischend lebhaft er mir gegenüber immer war. Bei diesem Gedanken holt mich die Vergangenheit wieder ein. Dabei überfällt mich die vage Andeutung eines schlechten Gewissens, nicht der Reue, das ganz gewiss nicht, auch wenn ich heute meine damaligen Handlungen und Entscheidungen mit ganz anderen Augen betrachte, nämlich mit denen der Mutter und Großmutter. Mein heutiger familiärer Status lässt mich immerhin staunen über mein damals so selbstbewusstes Handeln, ohne Punkt und Komma. Wie musste sich meine Mutter gefühlt haben, als sich ihr einziges Kind und damit „alles, was ihr geblieben war“, auf eine sehr drastische Art ihren starren Regeln und Verboten widersetzte. Aber ich greife voraus. Diese für mich entscheidenden und besonders aufregenden Zeiten will ich nicht unterschlagen. Nur dass ich dieses lange vergangene Leben schon abgelebt habe, versetzt mich in Erstaunen.

Wo sind sie hin, diese vielen Jahre?!

Ich schließe die Augen und tauche wieder ein in die Vergangenheit. Wie leicht mich doch das Gestern zu ködern versteht. Es hält mich fest und lässt mich nicht los. Damals – war das nicht gerade erst gestern?

Als der Blitz einschlug

An einem beliebigen Sonntag teilte mir meine Mutter mit: „Unser Untermieter kommt heute zum Mittagessen.“ Ihre Mitteilung ging fast im Klappern der Topfdeckel verloren. „So?“ Mehr wusste ich nicht zu erwidern. Vorsichtshalber sparte ich mir auch jede weitere Äußerung. Meine stets misstrauische Mutter hätte sicherlich mein plötzlich verstärktes Herzklopfen aus dem Ton meiner Stimme herausgehört und sicher wäre ihr dann auch mein leichtes Erröten nicht entgangen. So versuchte ich mit gespielter Gleichgültigkeit Desinteresse vorzutäuschen. Zu diesem Zeitpunkt kaufte sie mir diese scheinbare Teilnahmslosigkeit noch ab. Lange ließ sie sich jedoch nicht in die Irre führen. Spätestens nach diesem Sonntag hatte sie alle ihre Antennen durchgehend auf Empfang geschaltet. Ich weiß nicht mehr, was es zu essen gab an diesem Sonntag. Sicherlich irgendeinen Braten, wahrscheinlich Schweinebraten.

Dazu eine ihrer leckeren Saucen. Saucen konnte sie perfekt, das muss man ihr neidlos zugestehen. Meistens konnte sie bei solch einem Gericht noch genügend Reste für den Montag hinüber retten. Durch den Obolus ihres Untermieters fuhr sie außerdem einen kleinen Gewinn ein. Als wir noch zu zweit am Tisch saßen, aßen wir häufig in der Küche. Nun hatten wir einen Gast, noch dazu einen zahlenden. Also deckte sie den Tisch in der Wohnstube und stellte alles in Schüsseln bereit. Den Braten schnitt sie stets in der Küche auf, wobei sie den Anteil für den Montag im Topf beließ. Da ging sie auf Nummer sicher. Als Joseph zum Essen erschien, reichte er seiner Hauswirtin höflich die Hand und so war es nicht ungewöhnlich, dass ich ebenfalls in den Genuss eines Händedrucks kam, den ich heimlich mehr genoss als meine Mutter, selbstverständlich. Ich saß ihm gegenüber, ziemlich dicht sogar, weil der Tisch nicht sehr groß war. Aber auch meine Mutter saß somit in unserer Nähe. Ich meine mich zu erinnern, dass es an diesem Tag zwischen Joseph und mir begann, zumindest endlich beidseitig. Es kann sein, dass er mich davor gar nicht so richtig wahrgenommen hatte. Aber hier, so nahe gegenüber, blickten wir uns oft sehr lange in die Augen. Als meine Mutter die Sauciere in der Küche nachfüllte, wünschte ich mir, sie würde durch irgendwelche Widrigkeiten gezwungen sein, ihren Aufenthalt in der Küche zu verlängern. Das Herunterfallen der Sauciere zum Beispiel hätte sich ganz gut dazu geeignet. Leider geschah nichts dergleichen und sie war sehr schnell wieder zurück. Widerwillig löste ich mich aus Josephs Augen. Ich hatte förmlich darin gebadet und war ziemlich verwirrt. Weil es mir nicht gelang, mich wieder zu fangen, suchte ich die Toilette auf. Diese Zwangslösung machte mich wütend auf meine Mutter, weil mir dadurch kostbare Zeit mit Joseph verloren ging. Zu meinem Leidwesen musste ich später feststellen, dass ich mir diese Mühe hätte sparen können. Sie hatte mich nämlich sofort durchschaut. Das hatte natürlich zur Folge, dass sie ab dann ihre Argusaugen überall hatte. So entwickelte sich unsere Liebe auf kleiner Flamme, weil meine Mutter beim geringsten Verdacht dazwischenfuhr. Zuerst hatte sie meine Gefühle noch als zwar lästige aber harmlose Schwärmerei eingestuft. Aber wehret den Anfängen! Sie machte mir von Anfang an klar, dass ich mir jede Form von Gefühlsduseleien, wie sie es nannte, schenken konnte. Ich ging durch die Hölle! Joseph war es gewohnt, dass er mit Mädchen, die ihm gefielen, ausgehen konnte, ins Kino oder zum Tanzen. Hindernisse, wie meine Mutter, die ihr Küken sogar vor den eventuellen Tücken eines Kinobesuchs bewahren zu müssen glaubte, gab es bisher nicht für ihn. Ich weiß noch, ganz am Anfang, als sie mich noch auf der niedrigsten Alarmstufe wähnte, gingen wir ein einziges Mal ins Kino. Zu dritt allerdings, meine Mutter saß zwischen uns. Das wiederholte sich jedoch nicht. Irgendwann begann sie ihre Abneigung gegen Joseph regelrecht zu pflegen. Als sie erkannte, dass die Schwärmerei keine Schwärmerei mehr war, war ich ständig ihren Sticheleien ausgesetzt. „Der taugt doch nichts“, gab sie mir jeden Tag zu verstehen. Ihre abschätzige Meinung rührte von seinem mehrmaligen Arbeitswechsel zu Beginn seines Einzugs bei uns. Sie sah wohl ihre Karriere als Schwiegermutter eines betuchten Anwalts in Gefahr. Wenn ich ihr entgegenhielt, dass er seit Monaten stets durch dasselbe Werkstor ging, fand sie natürlich sofort Ersatz für ihre Hetzereien. „Der hat sicher nichts gelernt. Das ist ein ganz einfacher Arbeiter.“ Wenn ich sie dann verständnislos ansah, fügte sie auf ihre unnachahmlich giftige Art hinzu: „Meine Tochter soll es einmal besser haben.“ Wortwörtlich. Das war ja von jeher ihre Parole gewesen, die sie sich auf die Fahnen geschrieben hatte. Ja, sie meinte das auch ganz ernsthaft. „Dein Vater war Drogist und bei der Armee immerhin Oberst“, bekam ich mehr als einmal zu hören. In dem Zusammenhang legte sie gesteigerten Wert auf die Tatsache, dass sie als Kriegerwitwe keine Rente bezog sondern Pension. Zwischen Rente und Pension lagen Welten für sie, es war fast, als wäre sie dadurch geadelt und ich natürlich gleich mit. Dabei war sie auch nur eine der vielen armen Frauen, die ihren Mann im Krieg verloren hatten, einen, der Oberst war und, ja, Drogist gewesen war. Aber was war das schon! Es konnte doch unmöglich über den Tod eines geliebten Menschen hinweg trösten, der durch diesen Wahnsinnskrieg getötet worden war, selbst wenn er etwa ein Adliger gewesen wäre. Ich habe meinen Vater nie kennen gelernt. Aus den Erzählungen meiner Mutter weiß ich, dass er ein begeisterter Soldat gewesen war. Er gehörte zu jenen, die bis zum Schluss an das Gute der Machthaber des Dritten Reiches geglaubt hatten und an den Endsieg. Meine Mutter selber gab ganz offen zu, dass sie mit Begeisterung die Hand zum Hitlergruß erhoben hatte. Ich war entsetzt darüber, aber immerhin gehörte sie doch zu den Wenigen, die ihre positive Haltung zu dem faschistischen Regime nicht verleugneten. Diesbezüglich war sie ja zumindest ehrlich. Aus ihren Erzählungen aus jener Zeit hörte ich ein gewisses Bedauern heraus, dass die Säulen des Dritten Reiches zusammen gebrochen waren. Manchmal spann sie halb den Gedanken weiter, wie es gewesen wäre, wenn alles anders gekommen wäre. Dass sie und die vielen anderen sich betrogen fühlten, als sie nach Ende des Krieges neu beginnen mussten, konnte ich zwar ganz gut nachvollziehen. Manchmal allerdings hegte ich den stillen Verdacht, dass die ach so glücklichen Vorkriegsjahre mit Hilfe der Erinnerungen immer goldener wurden. Man neigt ja allgemein leicht dazu, Vergangenes in der Erinnerung noch um einen Hauch kostbarer wieder aufstehen zu lassen. Mit meinem heutigen Verständnis sehe ich ihre Bemühungen, für ihre Tochter „das Beste“ zu wollen, nicht mehr ganz so widersprüchlich. Das Beste, wer will das nicht für seine Kinder! Dieser pauschale Wunsch entspringt nicht selten dem Bedürfnis nach Sicherheit und Glück. Nur darf man bei all dem Streben danach nicht vergessen, dass man nichts erzwingen kann. Außerdem liegt jedwede Form von Harmonie und Glück im Auge des jeweiligen Betrachters. Meine Mutter hatte ihre eigene Vorstellung von der Zukunft ihrer Tochter. Für ihre Pläne hatte sie sich eigene Regeln erstellt und beschlossen, dass ich diese zu befolgen hatte. Natürlich alles nur zu meinem Besten. Ich steckte in dieser Zwickmühle wie im Mahlwerk eines Folterinstruments. Je mehr ich mich gegen die Ansichten meiner Mutter stemmte, umso stärker wurde mein Wille, von Joseph nicht mehr los zu lassen. Schicht gesagt, mein Trotz gegen meine Mutter wuchs beständig. So zogen Monate ins Land. Joseph und ich nutzten jeden unbeobachteten Moment, um zusammen zu sein. Ganz selten nahm ich einen Kuss als süße Beute mit. Diese spärlichen und daher umso kostbareren Augenblicke hütete ich wie einen Schatz und vertraute sie nur meinem Tagebuch an. Unsere Liebe wuchs an den Hürden, die uns im Weg standen. Als ich meine Lehre begann, hatte ich gehofft, ein bisschen mehr Freiheit zu haben. Zwar trafen Joseph und ich uns nun etwas öfter, aber immer nur sehr kurz auf ein paar Worte oder eine heimliche Umarmung auf der Straße. So häuften sich die Heimlichkeiten. Meine Mutter beobachtete uns nach wie vor mit Argusaugen und ihre Sehschärfe schien sich verstärkt haben. Jeden Tag brachte sie ihr Misstrauen mit hämischen Worten zum Ausdruck. Unsere Liebesgeschichte schien kein Erfolgsmodell zu werden. Ich war erst siebzehn und bis zur Volljährigkeit waren es noch vier endlos lange Jahre. Ich hatte inzwischen ganz offen über meine Gefühle zu Joseph gesprochen. Dies geschah einesteils aus Trotz, andererseits konnte ich sie auch nicht mehr länger verheimlichen. Da wurde meine Mutter richtig bissig und ließ von da an keine Gelegenheit mehr aus, Joseph schlecht zu machen. Dazu gehörte, dass sie mir eine ärmliche Zukunft voraussagte, sollte ich an diesem „einfachen Arbeiter“ festhalten. Ihre Feindseligkeit wuchs immer mehr. Da fällt mir wieder jener Satz ein, den meine Mutter damals in ihrer beinahe hilflosen Wut gleichsam ausspie und den ich mein Lebtag nicht vergessen habe. Es ist schon seltsam. In einem langen Leben fallen so viele Bemerkungen. Worte und Sätze werden ausgespuckt, die, obwohl sie einen bis ins Mark treffen, trotzdem sehr schnell in Vergessenheit geraten. Dieser eine Satz jedoch brannte sich bei mir ein. Als sie sich eingestehen musste, dass ich an meiner Liebe festhielt, schleuderte sie mir wütend entgegen; „Lieber sehe ich dich in der Gosse, als mit dem!“ Das war ein absoluter Höhepunkt unserer ständigen Auseinandersetzungen. Dieser Satz trug entscheidend dazu bei, dass Joseph und ich einen Plan fassten, der nicht nur unser gemeinsames Leben, sondern auch das meiner Mutter total umkrempeln sollte.

Auf der Flucht

Wir beschlossen auszureißen!

Schlicht und ergreifend!

In jener Zeit war eine Heirat vor Erreichung der Volljährigkeit ohne den sogenannten elterlichen Segen so gut wie ausgeschlossen. Einen einzigen Weg gab es zu diesem Ziel. Der aber führte zu einem kleinen Ort namens Greatnagreen in Schottland. Der dort ansässige Schmied hatte von Gesetz wegen die Erlaubnis, junge, noch minderjährige Paare zu trauen. Dafür waren einige wenige Formalitäten notwendig, die wir jedoch nicht erfüllen konnten. Unter anderem hätten wir eine Woche in dem Dorf verbringen müssen. Das setzte eine gewisse Menge an Bargeld voraus, über das wir nicht verfügten. Wir fanden eine ganz andere Möglichkeit. Es war nämlich so, dass Josephs Mutter vor ein paar Jahren mit ihrem Mann, Josephs Stiefvater, in die DDR übergesiedelt war. Den Grund für ihren Wechsel von West nach Ost habe ich nie ganz hinterfragen können. Es ging hauptsächlich um einen Neuanfang, aus welchem Grund auch immer. Außerdem war Josephs Stiefvater ein gebürtiger Dresdener. Es hatte nach außen hin den Anschein, dass seine Abstammung der ausschlaggebende Grund für ihre Übersiedlung gewesen war. Ihre Entscheidung blieb trotzdem ziemlich ungewöhnlich, weil man doch eher den Wunsch haben könnte, vom Osten in den Westen zu wechseln statt umgekehrt. Wie auch immer! Wie fassten denselben ungewöhnlichen Entschluss. Das war unsere einzige Chance! Zu diesem Zeitpunkt sahen wir in unserem Schritt nur Vorteile. Dort würden wir zusammen sein können. In der DDR würde ich schon mit achtzehn volljährig sein. Eventuelle negative Einflüsse klammerten wir kategorisch aus. Sobald diese Idee in unseren Köpfen entstanden war, trieben wir die Umsetzung des gefassten Planes schnellstens voran. Joseph setzte zunächst seine Mutter durch einen Brief in Kenntnis. Sie reagierte zunächst verhalten. Um sie ganz auf unsere Seite zu ziehen, fuhr Joseph für eine Woche in den kleinen Kurort in Thüringen, in dem sich seine Mutter mit ihrem Mann niedergelassen hatte. Danach ging alles verhältnismäßig schnell. Josephs Mutter beantragte für uns eine Einreiseerlaubnis, die von den staatlichen Behörden der DDR genehmigt werden musste. Erfahrungsgemäß dauerte es bis zur Antwort etwa vier Wochen. Bis dahin versuchten wir, so gut es ging, unser heimliches Verschwinden zu organisieren. Dazu gehörte auch, dass ich wenigstens einige notwendige Kleidungsstücke mitnehmen musste. Diese konnte ich ja nicht meinem Kleiderschrank entnehmen, die mussten wir extra neu erwerben. Zu diesem Zweck nahm ich, heimlich natürlich, einen Tag Urlaub. Ich ging an dem Tag um die gewohnte Zeit aus dem Haus, wie immer, wenn mein Ziel meine Lehrstelle war. Wir trafen uns in der Stadtmitte und kauften das Notwendigste, als Basis einen einfachen Koffer, in dem wir alles verstauten. Den so gefüllten, reisebereiten Koffer deponierten wir in einem Gepäckschließfach am Bremer Hauptbahnhof. Als kleines Extra kam am Schluss noch ein Petticoat in den Koffer. Diese weit abstehenden, mit vielen Rüschen und verspielten Verzierungen versehenen Unterröcke waren in jenen Jahren sehr modern und ich war über diesen Kauf ganz selig. Nun mussten wir nur noch warten und hoffen. Wir wussten ja nicht einmal mit Sicherheit, ob ich wirklich eine Einreisegenehmigung bekommen würde. Ich war ja immerhin noch minderjährig. Außerdem war ich mit der Gastgeberin weder verwandt noch kannte ich sie. Später erfuhr ich, dass Josephs Mutter bei der Antragstellung vorsichtshalber durchblicken ließ, dass ihr Sohn plante, mit seiner Freundin für immer in der DDR zu bleiben. Möglicherweise lief deshalb alles ganz reibungslos. Oder fast alles.

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