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Dunkles Begehren

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Kapitel 1
  7. Kapitel 2
  8. Kapitel 3
  9. Kapitel 4
  10. Kapitel 5
  11. Kapitel 6
  12. Kapitel 7
  13. Kapitel 8
  14. Kapitel 9
  15. Kapitel 10
  16. Kapitel 11
  17. Kapitel 12
  18. Kapitel 13
  19. Kapitel 14
  20. Kapitel 15
  21. Kapitel 16
  22. Kapitel 17
  23. Kapitel 18

Über die Autorin

Christine Feehan lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Kalifornien, USA. Für ihre Serie über die Karpatianer hat sie 2002 beim Romantic Times Award einen Preis bekommen (Bester Vampir-Liebesroman). Wer mehr über die Autorin erfahren möchte, kann ihre Homepage unter www.christinefeehan.com besuchen.

Kapitel 1

Verwirrt erwachte er tief in der Erde. Die erste Empfindung, die er spürte, war Hunger. Kein gewöhnlicher Hunger, sondern eine quälende, überwältigende Gier. Jede Zelle seines Körpers schrie nach Nahrung. Er lag still da, während der Hunger an ihm nagte. Nicht allein sein Körper wurde angegriffen, auch sein Geist war betroffen, sodass er um die Sicherheit aller anderen Lebewesen fürchten musste, Sterbliche und Karpatianer gleichermaßen. Auch seine Seele war in Gefahr. Diesmal breitete sich die Finsternis schnell aus und drohte, seine Seele zu erfassen.

Wer hatte es gewagt, seine Ruhe zu stören? Und wichtiger noch, war auch Lucian erwacht? Gabriel hatte Lucian vor hunderten von Jahren tief ins Erdreich verbannt. Wenn nun Lucian mit ihm erwacht war, geweckt von derselben Störung über der Erde, bestand die Möglichkeit, dass Lucian sich erhob, ehe Gabriel kräftig genug war, um ihn aufzuhalten.

Es fiel ihm schwer, einen klaren Gedanken zu fassen, während der schreckliche Hunger ihn quälte. Wie lange hatte er in der Erde geruht? Er spürte, dass über ihm die Sonne unterging. Selbst nach vielen Jahrhunderten ließen seine Instinkte ihn noch immer zuverlässig spüren, wann der Abend dämmerte und seine Zeit begann. Er war eine Kreatur der Nacht. Die Erde bebte. Gabriels Herz klopfte schneller. Er hatte zu lange gewartet, zu viel Zeit darauf verschwendet, sich zu orientieren und seine verwirrten Gedanken zu ordnen. Lucian erhob sich. Lucians Bedürfnis nach Nahrung würde so drängend sein wie das seine, sein Hunger quälend und unstillbar. Niemand würde Lucian aufhalten, während er, Gabriel, noch so geschwächt war.

Da ihm keine andere Wahl blieb, brach Gabriel durch die Erdschichten, in denen er so lange Zeit geruht hatte, freiwillig begraben, um Lucian an sich zu binden. Der Zweikampf auf dem Pariser Friedhof war eine lange, schreckliche Schlacht gewesen. Lucian und Gabriel hatten beide schwere Verletzungen davongetragen, die sie eigentlich hätten töten sollen. Lucian hatte sich außerhalb des Friedhofs in die Erde zurückgezogen, während Gabriel in der geweihten Erde Zuflucht gesucht hatte. Die vielen Jahrhunderte der trostlosen Finsternis, der endlosen Leere seiner Existenz hatten Gabriel ermüdet.

Doch es war ihm nicht vergönnt, der Morgendämmerung entgegenzutreten, wie es so viele Männer seines Volkes taten. Denn es gab Lucian. Seinen Zwillingsbruder. Lucian war stark und klug, ein geborener Anführer. Es gab niemanden, der geschickt und mächtig genug gewesen wäre, Lucian zu jagen und zu vernichten. Es gab nur ihn selbst, Gabriel. Er hatte einige Lebensspannen damit verbracht, Lucian zu folgen und mit ihm Vampire zu jagen. Dabei hatte er sich immer auf das Gespür seines Bruders verlassen. Es gab niemanden wie Lucian, niemanden, der sich so ausgezeichnet auf die Vampirjagd verstand. Lucian verfügte über eine besondere Gabe. Und doch war auch er schließlich der dunklen Verführung der Macht anheimgefallen, der heimtückischen Versuchung der Blutgier. Lucian hatte seine Seele verwirkt und sich für die Verdammnis entschieden. Er hatte sich in eines der Ungeheuer verwandelt, die er jahrhundertelang verfolgt hatte. Ein Vampir.

Zweihundert Jahre lang hatte Gabriel seinen geliebten Bruder verfolgt, sich jedoch nie ganz von dem Schock erholt, dass Lucian sich der Finsternis verschrieben hatte. Schließlich, nach unzähligen Schlachten, aus denen keiner der beiden siegreich hervorgegangen war, hatte er die Entscheidung getroffen, sich für immer mit seinem Zwillingsbruder im Erdreich einzuschließen. Gabriel hatte Lucian durch ganz Europa verfolgt, sodass ihr letzter Zweikampf schließlich in Paris stattgefunden hatte, einer Stadt der Ausschweifungen und Untoten. Nach dem schrecklichen Kampf auf dem Friedhof, bei dem beide Brüder schwer verletzt worden waren und viel Blut verloren hatten, hatte Gabriel gewartet, bis Lucian schließlich nichts ahnend in der Erde geruht hatte, und hatte dann seinen Bruder an sich gebunden, um ihn für immer unschädlich zu machen. Zwar hatte er den Kampf nicht gewonnen, doch es schien Gabriel die einzige Lösung zu sein. Er war erschöpft und allein, ohne die Unterstützung seines Volkes. Er sehnte sich danach, ewige Ruhe zu finden, konnte jedoch der Sonne nicht begegnen, bis Lucian endlich vernichtet war. Gabriel hatte sich ein schreckliches Schicksal auferlegt, lebendig begraben, gefangen bis in alle Ewigkeit, aber ihm fiel keine andere Lösung ein. Eigentlich hätte es keine Störung geben sollen, und doch war es so gekommen. Die Erde über ihren Köpfen hatte sich bewegt.

Gabriel wusste nicht, wie viel Zeit inzwischen vergangen war, während er in der Erde geruht hatte, doch sein Körper schrie nach Nahrung. Er wusste, dass sein Gesicht aschfahl und ausgezehrt aussah wie das eines alten Mannes. Während er an die Oberfläche stieß, bekleidete er sich und hüllte sich in einen langen Umhang mit Kapuze, um sich vor neugierigen Blicken zu schützen, während er in der Stadt auf die Jagd ging. Selbst diese winzige Geste raubte ihm schon alle Energie. Er brauchte dringend Blut. Inzwischen war er so geschwächt, dass er beinahe gestürzt wäre.

Als Gabriel schließlich sicher auf dem Boden stand, betrachtete er erstaunt die riesigen Apparate, die seinen ewigen Schlaf gestört hatten. Diese Gerätschaften, die ihm so fremd waren, hatten einen Dämon entfesselt, dessen tödliche Macht die Sterblichen niemals erfassen würden. Und dieser Dämon wandelte nun ungehindert in jener fortschrittlichen Welt. Gabriel atmete tief ein und sog die Nachtluft in sich auf. Sofort strömten ihm so viele verschiedene Gerüche entgegen, dass seine vom Hunger gequälten Sinne sie kaum verarbeiten konnten.

Der Hunger nagte gnadenlos und unerbittlich an ihm. Gabriel stellte mit wachsender Verzweiflung fest, dass er bereits so nahe daran war, seine Seele zu verlieren, dass er sich kaum noch beherrschen konnte. Wenn er jetzt Nahrung zu sich nahm, würde der Dämon in ihm erwachen. Dennoch blieb ihm keine andere Wahl. Er musste sich stärken, um auf die Jagd zu gehen. Wenn er Lucian nicht verfolgte und damit die Sterblichen und Karpatianer beschützte – wer sollte es dann tun?

Gabriel zog sich den schweren Umhang fester um die Schultern, während er über den Friedhof stolperte. Die Grabungen der Maschinen waren deutlich zu erkennen. Offenbar hob man die Gräber aus, um die Toten umzubetten. Dann fand er die Stelle außerhalb der geweihten Erde des Friedhofs, an der das Erdreich explosionsartig emporgeschossen war, als Lucian erwacht war. Gabriel ließ sich auf die Knie sinken und grub beide Hände in das Erdreich. Lucian. Sein Bruder. Sein Zwilling. Kummervoll senkte er den Kopf. Wie oft hatten sie ihr Wissen miteinander geteilt? Gemeinsame Schlachten geschlagen? Das Blut des anderen aufgenommen? Sie waren beinahe zweitausend Jahre zusammen gewesen, hatten für ihr Volk gekämpft und die Untoten zur Strecke gebracht. Nun war er allein. Lucian war ein legendärer Krieger gewesen, der größte Vampirjäger des karpatianischen Volkes, und doch war auch er gefallen wie so viele vor ihm. Dabei hätte Gabriel sein Leben darauf verwertet, dass sein Zwillingsbruder der Finsternis niemals anheimfallen würde.

Gabriel erhob sich langsam und machte sich auf den Weg zur Straße. In den vielen Jahren, die inzwischen vergangen waren, hatte sich die Welt verändert. Alles schien anders zu sein. Er verstand diese Welt nicht mehr. Tatsächlich fühlte er sich so orientierungslos, dass selbst sein Blick verschwamm. Nur mühsam stolperte er eine Straße entlang und bemühte sich, einen Bogen um andere Passanten zu schlagen. Die Sterblichen begegneten ihm überall, sie wichen ihm jedoch aus. Schnell las Gabriel ihre Gedanken. Sie hielten ihn für einen alten Obdachlosen, vielleicht für einen betrunkenen oder gar einen verrückten. Niemand blickte ihn an, niemand schien ihn sehen zu wollen. Er war in sich zusammengesunken, seine Haut aschfahl. Schnell zog Gabriel den langen Umhang noch enger um sich, um seinen ausgezehrten Körper zu verstecken.

Der Hunger überwältigte seine Sinne, sodass seine Reißzähne in Erwartung eines wahren Festmahls hervorschossen. Er brauchte dringend Nahrung. Kraftlos wie geblendet, ging er weiter. Diese Stadt war so verändert, nicht länger das alte Paris, das er gekannt hatte, sondern ein riesiges, weit verzweigtes Labyrinth aus Gebäuden und gepflasterten Straßen. Blendendes Licht schimmerte aus dem Inneren der riesigen Gebäude und strahlte von den Straßenlaternen über seinem Kopf. Es war nicht mehr die Stadt, an die er sich erinnerte und mit der er vertraut gewesen war.

Gabriel hätte gut daran getan, sich das nächstbeste Opfer zu greifen und Nahrung zu sich zu nehmen, um wieder zu Kräften zu kommen, doch die Furcht, sich nicht mehr beherrschen zu können, hielt ihn davon ab. Er durfte es dem Ungeheuer in seiner Seele nicht gestatten, ihn zu kontrollieren. Er musste seine Pflicht erfüllen, für sein Volk, die Sterblichen, doch vor allem für seinen geliebten Bruder. Lucian war sein Held gewesen, den er über alle anderen gestellt hatte. Und Lucian hatte es verdient gehabt. Sie hatten einander ein Versprechen gegeben – Gabriel würde es halten, wie auch Lucian es an seiner Stelle gehalten hätte. Gabriel würde nicht zulassen, dass ein anderer Vampirjäger seinen Bruder zur Strecke brachte. Das war allein seine Aufgabe.

Der Blutgeruch war überwältigend. Er quälte Gabriel ebenso sehr wie der schreckliche Hunger. Er hörte, wie das Blut durch die Adern der Sterblichen rauschte, mit jedem Herzschlag pulsierte und ihn mit seiner Lebenskraft verlockte. In seinem geschwächten Zustand würde es ihm nicht gelingen, sein Opfer zu kontrollieren und zu beruhigen. Dieser Umstand würde das Ungeheuer in seiner Seele nur noch gefährlicher machen.

»Monsieur, kann ich Ihnen helfen? Geht es Ihnen nicht gut?« Es war die schönste Stimme, die Gabriel je gehört hatte. Sie sprach perfektes Französisch ohne jeden Akzent, doch er war sich nicht sicher, ob sie tatsächlich Französin war. Erstaunt stellte er fest, dass ihre Worte ihn trösteten, als könnte allein ihre Stimme ihn von seinen Sorgen befreien.

Gabriel schauderte. Keinesfalls wollte er sich an einer unschuldigen Frau vergreifen. Ohne sie anzusehen, schüttelte er den Kopf und ging weiter. Doch er war so geschwächt, dass er stolperte und gegen die Frau stieß. Sie war schlank, aber überraschend kräftig. Sofort legte sie den Arm um ihn, ohne sich um den erdigen Geruch zu kümmern, der von ihm ausging. Als sie ihn berührte, breitete sich ein Gefühl des Friedens in seiner gequälten Seele aus. Der gnadenlose Hunger schien ein wenig nachzulassen, und solange sie ihn berührte, würde es ihm gelingen, die Selbstbeherrschung zu wahren, das spürte er.

Absichtlich wandte er das Gesicht von ihr ab, denn das rote Glühen des Dämons spiegelte sich gewiss in seinen Augen. Die Nähe dieser Frau hätte seine gewalttätigen Instinkte hervorrufen sollen, doch stattdessen beruhigte sie ihn. Er war fest entschlossen, sie keinesfalls als Opfer zu missbrauchen. Er spürte ihre Güte, ihre feste Entschlossenheit, ihm zu helfen, ihre Selbstlosigkeit. Einzig ihr Mitgefühl und ihre Güte hielten ihn davon ab, seine Zähne tief in ihren Hals zu schlagen, obwohl jede Faser seines Körpers nach Nahrung verlangte, damit er seine Kräfte zurückerlangen konnte.

Die Frau drängte ihn auf eine glänzende Maschine am Straßenrand zu. »Sind Sie verletzt oder einfach nur hungrig?«, fragte sie. »Es gibt in der Nähe ein Obdachlosenasyl. Dort können Sie die Nacht verbringen und eine warme Mahlzeit zu sich nehmen. Ich werde Sie dorthin bringen. Dies ist mein Auto. Bitte steigen Sie ein, und lassen Sie mich Ihnen helfen.«

Ihre Stimme erschien ihm wie ein verführerisches, sinnliches Flüstern. Gabriel fürchtete um ihr Leben und um seine eigene Seele. Doch er war viel zu schwach, um ihr zu widerstehen. Er gestattete ihr, ihn in das Auto zu setzen, zog sich jedoch so weit wie möglich von ihr zurück. Da sie ihn nun nicht mehr berührte, hörte er deutlich das Blut, das in ihren Adern rauschte. Sein Hunger wurde so überwältigend, dass ihn das Verlangen danach, seine Zähne in ihren zarten Hals zu drücken, heftig erbeben ließ. Er hörte ihren kräftigen Herzschlag, der ihn um den Verstand zu bringen drohte.

»Mein Name ist Francesca Del Ponce«, erklärte sie sanft. »Bitte sagen Sie mir, ob Sie verletzt sind oder ärztliche Betreuung brauchen. Machen Sie sich um die Kosten keine Sorgen. Ich habe im Krankenhaus Freunde, die Ihnen helfen werden.« In ihren Gedanken las Gabriel eine weitere Tatsache, die sie ihm verschwieg: Sie brachte oft Obdachlose ins Krankenhaus und bezahlte die Rechnung selbst.

Gabriel schwieg. Mit letzter Kraft schirmte er seine Gedanken ab. Diese Schutzmaßnahme, die Lucian ihm bereits als Kind beigebracht hatte, war ihm zur zweiten Natur geworden. Die Verlockung des Blutes war überwältigend. Nur die Güte, die von dieser Frau ausstrahlte, hinderte Gabriel daran, über sie herzufallen und seinem ausgehungerten Körper die Nahrung zu geben, die er so dringend brauchte.

Besorgt betrachtete Francesca den alten Mann. Zwar hatte sie sein Gesicht nicht deutlich sehen können, doch er schien aschfahl vor Hunger zu sein und vor Erschöpfung zu beben. Er sah abgemagert aus. Wenn sie ihn berührte, spürte sie einen schrecklichen Kampf, der in seiner Seele tobte, und den Hunger, der seinen Körper quälte. Sie musste sich beherrschen, um nicht durch die Straßen zum Obdachlosenasyl zu rasen. Sie musste ihm dringend Hilfe beschaffen. Nervös nagte sie mit ihren ebenmäßigen weißen Zähnen an ihrer Unterlippe. Francesca verspürte Furcht, eine Empfindung, die sie schon sehr lange Zeit nicht mehr wahrgenommen hatte. Sie musste diesem Mann helfen. Das Bedürfnis danach war so stark, dass es beinahe zwanghaft zu sein schien.

»Machen Sie sich keine Sorgen, ich werde mich um alles kümmern. Ruhen Sie sich einfach aus.« Forsch wie üblich fuhr Francesca durch die Straßen. Die meisten Polizisten der Gegend kannten ihr Auto und lächelten nur, wenn sie eine Verkehrsregel nach der anderen missachtete. Sie war eine Heilerin. Eine außergewöhnliche Heilerin. Es war ihr Geschenk an die Menschheit. Außerdem hatte sie so überall Freunde gewonnen. Die Menschen, die sich nicht für ihre Fähigkeiten interessierten, waren beeindruckt von der Tatsache, dass sie sehr reich war und über viele einflussreiche Freunde verfügte.

Sie erreichte das Obdachlosenasyl und hielt direkt vor der Tür an. Francesca wollte nicht, dass der alte Mann zu weit laufen musste. Er schien einem Zusammenbruch nahe zu sein. Die Kapuze seines ungewöhnlichen Umhangs verbarg zwar sein Haar vor ihren Blicken, doch Francesca hatte den Eindruck, dass es lang, kräftig und zu einem altmodischen Nackenzopf gebunden war. Schnell ging sie um den Wagen herum, um dem alten Mann beim Aussteigen zu helfen.

Gabriel wollte nicht, dass sie ihn noch einmal berührte, konnte jedoch nicht widerstehen. Ihre Berührungen hatten etwas Beruhigendes, beinahe Heilsames an sich. Sie halfen ihm dabei, seine schrecklichen Gelüste noch eine Weile unter Kontrolle zu behalten. Die rasend schnelle Fahrt in diesem eigenartigen Gefährt hatte ihn schwindlig werden lassen. Er musste sich so schnell wie möglich in dieser neuen Welt orientieren und herausfinden, welches Jahr man schrieb, die neuen Technologien studieren. Doch vor allem musste er die Kraft finden, Nahrung zu sich zu nehmen, ohne den Dämon in seiner Seele die Oberhand gewinnen zu lassen. Er spürte die Gefahr in sich, den roten Nebel, die animalischen Instinkte, die alles andere zu überschatten drohten.

»Francesca! Noch einer? Wir sind heute Abend schon voll belegt.« Marvin Challot warf dem Mann, den Francesca zur Tür geleitete, einen nervösen Blick zu. Seine Nackenhaare sträubten sich. Der Mann sah alt und gebeugt aus, seine Fingernägel waren zu lang, doch er war ganz offensichtlich so geschwächt, dass Marvin ein schlechtes Gewissen bekam, weil er nichts mit diesem Fremden zu schaffen haben wollte. Er schämte sich für den Widerwillen, den er empfand, doch der alte Mann stieß ihn ab. Allerdings konnte er Francesca kaum etwas abschlagen. Sie widmete dem Asyl mehr von ihrer Zeit und ihrem Geld als alle anderen. Wenn sie nicht wäre, gäbe es kein Obdachlosenasyl mehr.

Zögernd streckte Marvin den Arm aus, um dem alten Mann zu helfen. Gabriel atmete heftig. Als Francesca seinen Arm losließ, drohte er, die Kontrolle über sich zu verlieren. Die Reißzähne traten noch weiter hervor, und das Rauschen des Blutes dröhnte so laut in seinem Kopf, dass er nichts anderes mehr zu hören vermochte. Die Umgebung verschwand in rotem Nebel. Hunger. Er musste Nahrung zu sich nehmen. Der Dämon in seinem Innern erwachte zu neuem Leben und drohte, ihn zu überwältigen.

Marvin spürte, dass er sich in Lebensgefahr befand. Unter seiner Hand schien sich der Arm des Mannes zu verformen. Bebten und knackten da nicht Knochen? Wuchs nicht sogar Fell auf der faltigen Haut? Erschrocken ließ er den Arm des Mannes los. Langsam drehte der Alte den Kopf zu ihm herum, und Marvin meinte, dem Tod ins Angesicht zu blicken. Nein, er wollte keinesfalls etwas mit dem alten Mann zu tun haben, wer auch immer er sein mochte! Der Blick des Mannes schien sich in ihn zu bohren wie die Fänge eines Raubtiers.

Marvin schrie auf und wich zurück. »Nein, Francesca, das kann ich nicht zulassen. Wir haben keinen Platz mehr. Ich will ihn nicht hier haben.« Seine Stimme bebte vor Angst.

Francesca begann zu protestieren, doch etwas in Marvins Gesichtsausdruck hielt sie zurück. Sie quittierte seine Entscheidung mit einem Nicken. »Es ist in Ordnung, Marvin. Ich werde mich um ihn kümmern.« Sehr sanft legte sie dem alten Mann den Arm um die Taille. »Kommen Sie mit mir.« Ihre Stimme war leise und beruhigend. Sie verstand es, ihren Ärger über Marvin geschickt zu verbergen, doch er war zweifellos da.

Sofort versuchte Gabriel, Abstand von ihr zu gewinnen. Er wollte sie nicht töten, wusste jedoch, dass er dem Abgrund gefährlich nahe war. Und doch schien sie ihn festzuhalten. Sie beruhigte ihn, sodass es ihm gelang, seinen animalischen Instinkten Einhalt zu gebieten. Schwer stützte sich Gabriel auf sie. Ihre Haut war warm, seine dagegen eiskalt. Tief atmete er ihren Duft ein. Er wollte nicht, dass sie ihn als ein Ungeheuer erkannte, das einen schrecklichen Kampf um seine Seele ausfocht.

»Francesca«, protestierte Marvin. »Ich werde jemanden anrufen, der ihn zum Krankenhaus fährt. Einen Polizisten vielleicht. Du solltest nicht mit ihm allein bleiben. Ich glaube, er ist geistesgestört.«

Als Gabriel in den Wagen stieg, wandte er sich um und betrachtete den Mann, der auf dem Bürgersteig stand und ihn furchtsam beobachtete. Er betrachtete die Kehle des Mannes und ballte die Fäuste. Einen schrecklichen Augenblick lang bekämpfte er die Versuchung, den Mann zu erwürgen, nur weil er sie gewarnt hatte. Doch er beherrschte sich und stieß einen leisen Fluch aus. Dann zog er die Schultern hoch und hüllte sich noch fester in seinen Umhang. Er wollte bei dieser wunderschönen Frau bleiben, damit ihre Wärme und ihr Mitgefühl seiner gequälten Seele Linderung verschafften. Doch gleichzeitig wollte er so schnell wie möglich vor ihr fliehen, um sie in Sicherheit zu wissen, falls er die Kontrolle über sich verlor.

Francesca schien sich nicht im Geringsten vor ihm zu fürchten. Tatsächlich versuchte sie, ihn zu beruhigen. Trotz Marvins Warnung lächelte sie Gabriel an. »Es würde nicht schaden, wenn Sie sich im Krankenhaus untersuchen ließen. Es würde auch nicht lange dauern.«

Langsam schüttelte Gabriel den Kopf. Sie roch so wunderbar. Frisch. Rein. Er dagegen war zu schwach, um sich zu reinigen. Er schämte sich dafür, dass sie ihn in diesem Zustand sehen musste. Sie war so schön, schien von innen heraus zu leuchten.

Sie parkte auf einem Platz, auf dem unzählige andere Gefährte wie das ihre standen. »Ich komme gleich zurück. Steigen Sie nicht erst aus dem Wagen, Sie verschwenden nur Ihre Kräfte. Es wird nicht lange dauern.« Aufmunternd berührte sie seine Schulter, und Gabriel spürte sofort Erleichterung.

Doch sobald sie gegangen war, wurde sein Hunger so quälend wie zuvor. Er musste sich nähren. Er konnte kaum noch atmen, und sein Herzschlag hatte sich stark verlangsamt: ein Schlag, ein Aussetzer, dann ein weiterer Schlag. Er brauchte Blut. Nahrung. Er konnte nicht länger warten. Das war alles. So einfach. Er brauchte es. Es war sein einziger Gedanke.

Er nahm die Witterung auf. Frisch. Hörte das Rauschen. Und doch roch er auch Francescas Duft, und ihre Nähe half ihm dabei, das Dröhnen in seinem Kopf zu unterdrücken. Ihm krampfte sich der Magen zusammen. Ein Mann ging neben ihr. Dieser war anders als der andere. Dieser Mann war jung und betrachtete Francesca, als wäre sie die Verkörperung von Sonne, Mond und Sternen. Alle paar Schritte ließ der Mann seinen Körper wie zufällig gegen Francescas streifen. Etwas regte sich tief in Gabriel, und er empfand erbitterte Abneigung gegen diesen Mann. Seine Beute. Niemand hatte das Recht, ihr so nahe zu sein. Sie gehörte ihm. Er hatte sie für sich auserkoren. Der Gedanke kam plötzlich und beschämte ihn zutiefst. Trotzdem gefiel es ihm nicht, dass dieser Mann so dicht neben Francesca stand. Es kostete Gabriel alle Selbstbeherrschung, den Mann nicht anzufallen.

»Brice, ich muss nach Hause fahren. Dieser ältere Herr hier braucht meine Hilfe. Ich habe jetzt keine Zeit, um mit dir zu reden. Ich brauchte nur einige Vorräte.«

Brice Renaldo legte ihr die Hand auf den Arm, um sie aufzuhalten. »Du musst dich um einen Patienten von mir kümmern, Francesca. Ein kleines Mädchen. Es wird nicht lange dauern.«

»Brice, nicht jetzt, ich komme später wieder.« Francescas Stimme klang sanft, aber fest.

Brice verstärkte seinen Griff, spürte jedoch sofort etwas auf seiner Haut. Er blickte hinunter und sah viele kleine Spinnen mit gefährlich aussehenden Fängen, die seinen Arm hinaufhuschten. Mit einem Fluch ließ er Francesca los und schüttelte seinen Arm. Die Spinnen verschwanden, als hätte es sie nie gegeben. Francesca ging schnell zu ihrem Auto. Sie warf ihm einen Blick zu, als wäre er verrückt geworden. Brice wollte ihr alles erklären, doch als er keine Spur von den Spinnen mehr entdecken konnte, beschloss er, dass es nicht der Mühe wert war.

Dann eilte er zum Wagen und griff wieder nach Francescas Arm, während er sich hinunterbeugte, um Gabriel zu betrachten. Sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse des Ekels. »Mein Gott, Francesca, wo findest du nur diese Landstreicher?«

»Brice!« Verärgert entzog Francesca ihm ihren Arm. »Du bist manchmal wirklich gefühllos.« Sie senkte die Stimme, doch Gabriels geschärfte Sinne ließen ihn jedes Wort deutlich verstehen. »Nur weil jemand alt ist oder nicht viel Geld hat, ist er nicht wertlos. Deshalb wird aus uns auch nie ein Paar werden, Brice. Du besitzt einfach kein Mitgefühl.«

»Was soll das heißen, kein Mitgefühl?«, protestierte Brice. »Dieses kleine Mädchen hat niemals jemandem etwas zu Leide getan, und ich versuche alles, um ihr zu helfen.«

Francesca schlug einen Bogen um ihn und setzte sich ans Steuer. »Später. Ich verspreche dir, dass ich mir das kleine Mädchen noch heute Abend ansehen werde.« Sie ließ den Motor an.

»Du nimmst diesen Mann doch nicht mit zu dir nach Hause?«, erkundigte sich Brice entsetzt. »Du solltest ihn besser zum Obdachlosenasyl bringen. Er ist schmutzig und hat wahrscheinlich Läuse. Du weißt doch überhaupt nichts über ihn. Ich meine es ernst, Francesca, du darfst ihn nicht mit zu dir nehmen.«

Francesca warf ihm nur einen herablassenden Blick zu und fuhr dann davon, ohne sich noch einmal umzudrehen. »Sie dürfen Brice nicht ernst nehmen. Er ist ein sehr guter Arzt, aber er glaubt, mir Vorschriften machen zu können.« Sie warf ihrem schweigenden Fahrgast einen Blick zu. Er hatte sich auf seinem Sitz zusammengekauert. Es war ihr noch immer nicht gelungen, ihn genauer zu betrachten. Nicht einmal sein Gesicht. Er versteckte sich im Schatten und hielt den Kopf von ihr abgewandt. Francesca war sich nicht einmal sicher, ob er überhaupt verstand, dass sie ihm helfen wollte. Er war bestimmt einmal ein bedeutender Mann gewesen, wohlhabend und daran gewöhnt, Befehle zu erteilen, vermutete Francesca. Seine derzeitigen Lebensumstände waren ihm sicher unendlich peinlich. Außerdem war Brice ausgesprochen unhöflich gewesen. »Nur noch wenige Minuten Geduld, dann bringe ich Sie an einen warmen, sicheren Ort. Dort gibt es auch eine warme Mahlzeit.«

Ihre Stimme war so wunderschön. Sie berührte Gabriel in tiefster Seele, beruhigte ihn und hielt seine animalischen Instinkte im Zaum. Wenn sie bei ihm war, während er sich nährte, würde es ihm vielleicht gelingen, den Dämon zurückzuhalten. Gabriel barg das Gesicht in den Händen. Himmel, er wollte sie nicht töten. Er zitterte vor Anstrengung, während er versuchte, dem Verlangen nach frischem Blut zu widerstehen. Es war gefährlich. So unendlich gefährlich.

Der Wagen entfernte sich vom geschäftigen Treiben der Stadt und fuhr eine schmale Straße entlang, die von Bäumen und dichten Sträuchern gesäumt war. Das Haus war groß und schien in keinem speziellen architektonischen Stil erbaut worden zu sein. Es war altmodisch mit einer großen Veranda und hohen, geraden Säulen. Gabriel zögerte, als er die Tür des Gefährts öffnete. Sollte er mit ihr gehen oder doch besser hier bleiben? Er war schwach. Er konnte nicht länger warten. Es gab keinen anderen Ausweg, er musste Nahrung zu sich nehmen.

Francesca nahm ihn am Arm und half ihm, als er die lange Treppe zum Haus hinaufstolperte. »Es tut mir leid, es sind viele Stufen. Sie können sich auf mich stützen.« Sie wusste nicht, warum es ihr so wichtig zu sein schien, dass sie diesem Fremden half, doch sie konnte nicht anders.

Resigniert ließ sich Gabriel von Francesca die vielen Stufen zu ihrem Haus hinaufhelfen. Vermutlich würde es unvermeidlich sein, sie zu töten. Er würde zu einem Untoten werden, und es würde niemanden mehr geben, der Lucian unschädlich machen konnte. Keiner von ihnen würde zur Strecke gebracht werden. Es gab niemanden, der dieser Aufgabe gewachsen war. Die Welt würde es mit zwei Ungeheuern zu tun haben, deren Verbrechen ihresgleichen suchten. Zu viele Stunden lagen zwischen ihm und dem Morgengrauen. Das Bedürfnis nach Blut würde seine guten Absichten zunichte machen. Und diese unschuldige Frau, die nur aus Mitgefühl zu bestehen schien, würde einen hohen Preis für ihre Freundlichkeit bezahlen müssen.

»Nein!« Es klang wie ein heiseres Knurren. Gabriel entzog ihr seinen Arm und wandte sich von der Tür ab. Er stolperte, verlor den Halt und fiel.

Sofort kniete Francesca neben ihm. »Wovor haben Sie Angst? Ich werde Ihnen nichts tun.« Er zitterte unter ihren Händen und schien sich schrecklich zu fürchten. Noch immer hielt er den Kopf in den tiefen Falten seiner Kapuze verborgen und zog die Schultern hoch, um Francesca abzuwehren.

Langsam stand Gabriel auf. Er verfügte nicht über die Kraft, vor dieser Frau zu fliehen, vor der Wärme und dem Mitgefühl in ihrer Stimme, vor dem Leben, das durch ihre Adern strömte. Er neigte den Kopf, als er ihr Haus betrat. Er flehte um Kraft und bat um Vergebung. Gabriel hoffte auf ein Wunder.

Francesca führte ihn durch einige große Räume in die Küche, wo sie ihm an einem Esstisch Platz anbot, der über und über mit Schnitzereien verziert war. »Dort rechts ist das Badezimmer. Die Handtücher sind sauber, falls Sie duschen möchten. Ich werde Ihnen in der Zwischenzeit etwas zu essen zubereiten.«

Seufzend schüttelte Gabriel den Kopf. Er stand auf und ging durch die Küche, bis er dicht vor ihr stand. So dicht, dass er ihren verführerischen Duft selbst durch den Nebel seines quälenden Hungers hindurch wahrnehmen konnte. »Es tut mir leid.« Er flüsterte, seine Stimme klang sanft und aufrichtig. »Ich muss Nahrung zu mir nehmen, doch dieses Essen ist nichts für mich.« Sanft nahm er ihr die Schlüssel aus der Hand und stellte sie auf der Anrichte ab.

Zum ersten Mal spürte Francesca, dass sie in Gefahr schwebte. Sie stand ganz still da und betrachtete mit ihren großen dunklen Augen die Gestalt in dem langen Umhang. Dann nickte sie. »Ich verstehe.« In ihrer Stimme lag keine Furcht, sondern nur ruhige Akzeptanz. »Kommen Sie. Ich will Ihnen etwas zeigen. Sie werden es später brauchen.« Sie nahm seine Hand, ohne sich um seine langen Fingernägel zu kümmern.

Gabriel zwang sie zu nichts. Er versuchte nicht einmal, ihre Gedanken zu lesen, um sie zu beruhigen. Sie wusste von der tödlichen Gefahr, in der sie schwebte, das konnte er deutlich in ihrem Blick lesen. Ihre Hand schloss sich um seine, und sie zog ihn sanft mit sich. »Kommen Sie. Ich kann Ihnen helfen.« Sie wirkte so ruhig und gelassen und strahlte ein Gefühl des inneren Friedens aus, das auch ihn einhüllte.

Er folgte ihr, während jede ihrer Berührungen seine Qualen linderte. Er konnte es nicht ertragen, an das zu denken, was er ihr antun würde. Ihm war zum Weinen zu Mute. Ein riesiger Felsbrocken schien auf seiner Brust zu lasten. Francesca öffnete eine Tür auf der linken Seite der Küche, die in einen engen Gang führte. Sie brachte Gabriel dazu, ihr die Treppe hinunterzufolgen.

»Dies ist der Keller«, erklärte sie ihm, »doch dort drüben, in dieser kleinen Nische, gibt es eine weitere Tür. Sie können sie nicht sehen, aber wenn Sie Ihre Fingerspitzen hierhin legen …« Sie zeigte es ihm, und die Wand wich zurück und öffnete den Eingang zu einer dunklen Höhle. Francesca deutete auf das Innere. »Dieser Weg führt unter die Erde. Dort finden Sie, was Sie brauchen.«

Gabriel atmete den süßen, willkommenen Duft der fruchtbaren Erde ein, die nach ihm zu rufen schien. Die kühle Dunkelheit brachte ihm das Versprechen von Ruhe und Frieden.

Francesca strich sich ihr dichtes Haar aus dem Nacken und blickte ihn mit ihren großen, sanften Augen an. »Ich spüre deine Furcht. Ich weiß, was du brauchst. Ich bin eine Heilerin und kann nichts anderes tun, als dir Linderung zu verschaffen. Aus freiem Willen und ohne Vorbehalte gebe ich mein Leben für deines, denn das ist mein Recht.« Ihre Stimme klang leise und sanft, so schön wie das Gefühl von Samt auf seiner Haut.

Gabriel nahm kaum wahr, was sie sagte. Nur die Melodie ihrer Worte. Die Verführung. Die Verlockung. Ihr Hals fühlte sich an wie warmer Satin unter seinen liebkosenden Händen. Gabriel schloss die Augen und genoss es, Francesca zu berühren. Obwohl er befürchtet hatte, sie vor lauter Gier in Stücke zu reißen, wünschte er sich plötzlich, sie zärtlich an sich zu ziehen. Er neigte den Kopf, um ihre Haut unter seinen Lippen zu spüren. Hitze und Feuer. Mit der Zungenspitze strich er über ihren Puls, und sein Körper zuckte vor Sehnsucht. Er streckte die Arme aus, zog Francesca an sich und presste sie an sein Herz. Dann flüsterte er ihr eine Bitte um Vergebung zu und nahm ihr Angebot an: Er senkte seine Zähne tief in ihren schlanken Hals.

Sogleich traf ihn das Rauschen ihres Bluts wie ein Feuerball, der Wärme in seinen ausgehungerten Zellen ausbreitete. Kraft und Stärke erwachten in ihm. Gabriel spürte es in diesem Augenblick. Weiß glühende Hitze. Zuckende Blitze. Sein Körper spannte sich an. Francesca war wie warme Seide in seinen Armen, als wäre sie allein für seinen Körper geschaffen. Er bemerkte, wie weich ihre Haut war. Er war süchtig nach ihrem Geschmack. Sie hatte sein Leben mit der Großzügigkeit ihres Herzens gerettet. Und gleichzeitig hatte sie den Dämon in seinem Innern in Schach gehalten. Sie hatte ihm aus freiem Willen ihr Blut angeboten. Aus freiem Willen. Selbst in diesem überwältigenden Rausch stieg eine neue Erkenntnis in Gabriel auf. Er konnte fühlen. Er empfand Schuldgefühle. Nur zu deutlich erinnerte er sich an das Gewicht, das auf seiner Brust gelastet hatte, als er ihr in den Keller gefolgt war. Er hatte Empfindungen wahrgenommen, seit er Francesca zum ersten Mal gesehen hatte. Während er sich nährte, erwachte gleichzeitig ein erotisches Verlangen in ihm. Nie zuvor hatte dieser Akt eine erotische Bedeutung gehabt. Eigentlich hätte Gabriel schon längst nicht mehr in der Lage sein dürfen, sexuelles Verlangen zu verspüren, doch in diesem Augenblick wurde sein Körper von einer Welle drängender Leidenschaft durchflutet.

Plötzlich spürte er, dass Francescas Herzschlag unregelmäßig wurde, und sofort schloss er die Wunde an ihrem Hals mit der Zungenspitze. Er hatte ihrem zierlichen Körper viel zu viel Blut geraubt. Nun musste er schnell handeln. Hastig öffnete Gabriel sein Handgelenk und presste es auf ihre Lippen. Er war jetzt stark genug, um ihre Gedanken zu beeinflussen. Sie entglitt ihm, alle Lebenskraft schien aus ihrem Körper zu entweichen. Francesca versuchte nicht einmal, dagegen anzukämpfen, sondern fügte sich ruhig in ihr Schicksal, beinahe so, als wünschte sie sich den Tod. Doch Gabriel zwang sie dazu, wieder Blut in ihren Körper aufzunehmen. Sie kannte die Worte des Rituals, mit dem der Dämon in seiner Seele im Zaum gehalten wurde. Sie hatte freiwillig ihr Leben für seines geopfert. Was hatte sie gesagt? Denn das ist mein Recht. Wie war das möglich?

Gabriel betrachtete ihr Gesicht. Sie war sehr bleich. Ihre langen Wimpern waren dicht und tiefschwarz, sie passten zu ihrem langen, seidigen Haar. Ihr zierlicher Körper war in hellblaue Männerhosen gehüllt. Farben. Er konnte Farben sehen. Zweitausend Jahre lang hatte Gabriel nichts anderes wahrnehmen können als Grautöne und Schwarz. Warum hatte er diese Frau nicht gleich als seine Gefährtin erkannt? Hatte er sich denn schon so nahe am Abgrund befunden?

Gabriel hielt Francesca davon ab, zu viel Blut von ihm zu nehmen. Er würde in dieser Nacht auf die Jagd gehen müssen, denn er musste genügend Nahrung für sie beide finden. Er trug Francesca in die Höhle und fand schließlich eine dunkle Kammer, in der sie vor Sterblichen und Untoten sicher sein würde. Sanft legte er sie auf die Erde und versetzte sie in einen tiefen Schlaf, wobei er sicherstellte, dass sie nicht aufwachen würde, bis er ihr mehr Blut geben konnte. Ihr Herz und ihre Lungen arbeiteten langsam und gleichmäßig, sodass ihr Körper in der Lage war, mit der geringen Menge an Blut zurechtzukommen, die jetzt in ihren Adern floss.

Langsam glitt Gabriel durchs Haus und bemühte sich, so wenig Energie wie möglich zu verschwenden. Es hätte ihm gefallen, Brice zu seiner Beute zu machen. Doch Gabriel hatte keine Zeit, seinen Rachegelüsten nachzugeben. Er musste schnell Nahrung finden und zu der Frau zurückkehren, die ihn gerettet hatte. Mit ihrem Mitgefühl, ihrer Großzügigkeit hatte sie mehr als nur sein Leben bewahrt. Sie rettete auch seine Seele.

Gleich darauf verließ Gabriel das Haus und tauchte in die Dunkelheit ein. Dies war seine Welt. Jahrhundertelang hatte er in ihr gelebt, doch inzwischen war alles neu. Alles hatte sich verändert. Es fiel ihm nicht schwer, schnell ein Opfer zu finden. In der Stadt wimmelte es nur so von Menschen. Er wählte drei große, kräftige Männer aus und vergewisserte sich, dass sie weder Alkohol noch Drogen zu sich genommen hatten und dass das Blut in ihren Adern nicht durch Krankheiten verdorben war. Schnell führte Gabriel sie in den schützenden Schatten eines Torwegs, neigte den Kopf und nährte sich. Er nahm genügend Blut zu sich, um wieder ganz zu Kräften zu kommen, ohne jedoch das Leben eines der Männer aufs Spiel zu setzen. Als der erste zu schwanken begann, schloss Gabriel sorgfältig die Wunde und half dem Mann dabei, sich auf den Boden zu setzen. Dann wandte er sich den anderen beiden Männern zu, denn noch immer verlangte sein Körper nach Nahrung, da er so lange gehungert hatte. Außerdem brauchte er genügend Blut für Francesca, damit sie überlebte.

Sobald er genug hatte, löschte Gabriel die Erinnerungen der drei Männer aus und ließ sie bequem in der Nische des Torwegs sitzen. Mit drei schnellen Schritten schwang sich Gabriel in die Lüfte, und sein Körper verwandelte sich, während ihm Flügel wuchsen, die ihn in den Himmel hinauftrugen. Er floh geradewegs zu ihrem Haus zurück.

Aus der Luft gelang es ihm, ihren Besitz ganz zu erfassen. Mochte das Haus auch alt sein, es war noch völlig in Ordnung, der große Garten sorgfältig gepflegt. Überall entdeckte er Gegenstände, die er nicht kannte. Während er in der Erde geruht hatte, war das Leben offensichtlich weitergegangen.

Er fand Francesca vor, wie er sie verlassen hatte. Ihre Haut war so bleich, dass sie beinahe durchscheinend wirkte. Francesca war groß und schlank, mit langem, rabenschwarzem Haar, das ihr Gesicht einrahmte und ihre sinnlichen Rundungen betonte. Unendlich sanft hob Gabriel sie in seine Arme und presste sie an sich.

Wie war es möglich, dass diese Frau seine Gefährtin war? Nach den vielen Schlachten vergangener Jahrhunderte waren karpatianische Frauen selten geworden. Es war denkbar, dass ein karpatianischer Mann viele Jahrhunderte lang die ganze Welt absuchte, ohne seine Gefährtin zu finden, die Frau, die die andere Hälfte seiner Seele und seines Herzens war. Das Licht in seiner Finsternis. Schon im zwölften und dreizehnten Jahrhundert waren die Frauen seines Volkes selten geworden. Wie konnte es da geschehen, dass er seiner Gefährtin einfach auf der Straße begegnete, gleich nachdem er aus jahrhundertelangem Schlaf erwacht war? Es ergab keinen Sinn. Doch keines der Geschehnisse dieser Nacht ergab einen Sinn. Allerdings blieb eine Tatsache unbestritten: Ein karpatianischer Mann konnte keine Farben sehen oder Gefühle empfinden, wenn er sich nicht in der Gegenwart seiner wahren Gefährtin befand. Und Gabriel konnte alle möglichen Farben sehen. Leuchtende, lebendige Farben. Farben, die er schon beinahe vergessen hatte. Empfindungen, die er nie zuvor gespürt hatte. Tief atmete er ein und sog Francescas Duft in sich auf. Nun würde er in der Lage sein, sie überall aufzuspüren. Und da nun sein Blut in ihren Adern rann, würde es ihm möglich sein, nach ihr zu rufen und sich mit ihr auf telepathischem Wege zu unterhalten, gleichgültig, wo er sich befand.

Mit dem Fingernagel öffnete er eine Stelle an seiner Brust, stützte ihren Kopf mit der Hand, sodass er ihre Lippen auf seine Haut pressen konnte. Alle seine Kräfte und Fähigkeiten waren zurückgekehrt, und Francesca war so geschwächt, dass sie sich ihm nicht widersetzen konnte. Gabriel betrachtete sie eingehend. Sie verwirrte und faszinierte ihn. Francesca sah wie eine karpatianische Frau aus. Schlank. Mit rabenschwarzem Haar und wunderschönen Augen, so schwarz wie die Nacht. Sie kannte die Worte des Rituals. Sie hatte gewusst, dass er Blut brauchte. Ja, sie verfügte sogar über eine unterirdische Kammer, die einem Karpatianer nützlich sein konnte. Wer war sie? Was war sie?

Gabriel las ihre Gedanken. Sie schien eine Sterbliche zu sein. Ihre Erinnerungen waren die einer Sterblichen und enthielten viele Dinge, von denen er nichts wusste. Die Welt hatte sich so sehr verändert, während er geschlafen hatte. Ja, Francesca schien eine Sterbliche zu sein, aber ihr Blut war anders als das der Sterblichen. Ihre Organe waren anders. Und doch verfügte sie über Erinnerungen daran, in der Mittagssonne spazieren zu gehen. Das war den Angehörigen seines Volkes unmöglich. Francescas Existenz war ein Geheimnis, das Gabriel unter allen Umständen lüften wollte. Diese Frau war viel zu wichtig für ihn. Er dürfte kein Risiko eingehen.

Francesca hatte inzwischen wieder genügend Blut in sich aufgenommen. Sanft schob Gabriel sie von sich und begleitete sie in die heilende Erde, ohne sie jedoch über ihr zu schließen. Er wollte, dass sie sich ausruhte, während er den Rest der Nacht dazu benutzte, diese neue Welt zu studieren, in der er nun lebte. In ihrer Bibliothek im ersten Stock fand er unzählige nützliche Bücher. Dort erfuhr er vom Fernsehen, von Computern und der Geschichte jener Maschinen – Autos –, in denen die Sterblichen von Ort zu Ort gelangten. Fasziniert nahm Gabriel die Fülle von Informationen in sich auf. Ohne darüber nachzudenken, suchte er die Verbindung zu Lucian. Es geschah einfach. Zweitausend Jahre lang hatten sie ihr Wissen miteinander geteilt. Gabriel war so fasziniert, dass er unwillkürlich nach seinem Zwillingsbruder suchte.

Lucian nahm die Informationen von ihm an und übermittelte Gabriel, was er beobachtet und studiert hatte, als hätte es die letzten Jahrhunderte nicht gegeben. Auch Lucian war voller Kraft zurückgekehrt, und wie gewöhnlich nahm er neue Informationen mit rasender Geschwindigkeit in sich auf. Schon immer hatte sein Geist nach neuen Gedanken verlangt. Als Gabriel bewusst wurde, was er tat, unterbrach er die Verbindung. Er war wütend auf sich selbst. Lucian wäre sonst in der Lage, genau zu »sehen«, wo Gabriel sich befand, ebenso wie Gabriel seinen Zwillingsbruder finden konnte. Es war immer Gabriel gewesen, der nach seinem Bruder gesucht hatte, um ihn unschädlich zu machen. Nie zuvor hatte er sich darüber Sorgen gemacht, wenn er aus Versehen die Verbindung zu Lucian gesucht hatte, um sein Wissen mit ihm zu teilen. Wenn Lucian dieses Wissen dazu benutzt hätte, Gabriel ausfindig zu machen, hätte es ihm die Aufgabe, seinen Bruder zu vernichten, nur erleichtert.

Doch nun hatte sich alles verändert. Gabriel konnte es sich nicht leisten, Lucian wissen zu lassen, wo er war oder mit wem er in Kontakt stand. Jetzt musste er Francesca beschützen. Lucian durfte nichts über sie erfahren. Vampire genossen es, anderen Schmerzen zuzufügen. Er würde dafür sorgen, dass Francesca einen schrecklichen Preis für ihre Einmischung bezahlte.

Gabriel gönnte sich eine Dusche. Zwar war es ihm möglich, allein mit einem einzigen Gedanken sauber und frisch zu sein, doch jetzt konnte er Gefühle empfinden. Er genoss die Reinlichkeit. Es war erstaunlich. Wieder musste er sich anstrengen, um seinen Zwillingsbruder nichts von diesen neuen Empfindungen wissen zu lassen. Selbst nach all den Jahrhunderten war er noch immer daran gewöhnt, immer wieder die Verbindung zu suchen. Natürlich hatte er diese Fähigkeit dazu benutzt, seinen Bruder zu finden und dessen Opfer aufzuspüren, ehe Lucian ihnen etwas antun konnte. Bislang hatte er es nie geschafft, Lucian zuvorzukommen – er würde jedoch trotzdem nicht aufgeben.

Nachdem er geduscht hatte, wandte sich Gabriel wieder den Büchern zu. Er las mehrere Nachschlagewerke und Enzyklopädien sowie alle anderen Bücher, die er finden konnte. Sein fotografisches Gedächtnis speicherte die Informationen sehr schnell. Er las mit halsbrecherischer Geschwindigkeit, damit er die Geschichte hinter sich lassen und endlich etwas über die neuen Technologien erfahren konnte. Er wollte Handbücher lesen, um herauszufinden, wie die neue Welt funktionierte. Außerdem wollte er alles über die Besitzerin dieses Hauses herausfinden.

Schließlich ging er durch die vielen großen Räume. Francesca mochte offene, weiträumige Zimmer. Sie hatte einen Sinn für Kunst und sanfte Farben. Außerdem schien sie eine Vorliebe für das Meer und dessen Bewohner zu besitzen. Es gab Bücher über Meerestiere und Gemälde von peitschenden Wellen. Sie schien ausgesprochenen Wert auf Ordnung und Sauberkeit zu legen oder jemanden zu haben, der ihr bei der Hausarbeit half. Sie lebte wie eine Sterbliche. Ihre Schränke waren gefüllt. In der Küche gab es kostbares Porzellan, und wertvolle Antiquitäten waren in den anderen Räumen verteilt. In einem Zimmer fand Gabriel einen angefangenen Quilt und betrachtete ihn. Das Muster war ungewöhnlich. Beruhigend. Wunderschön. Er fühlte sich davon angezogen, vermochte jedoch keinen Grund dafür zu nennen. In einem anderen Raum hatte Francesca mit buntem Glas gearbeitet. Die Muster dieser Werke ähnelten denen des Quilts. Beruhigend und friedlich. Jede der Arbeiten war unglaublich schön. Gabriel hätte sie stundenlang ansehen können. Francesca war eine äußerst begabte Frau.

Überall im Haus hingen sehr schwere maßgeschneiderte Vorhänge vor den Fenstern, sodass es möglich war, alle Räume vollständig abzudunkeln. Das ergab einen Sinn, wenn Francesca eine Karpatianerin war, die versuchte, sich in das Leben der Sterblichen zu integrieren. Doch nichts in diesem Haus schien zusammenzupassen. Es war eine Mischung aus Reichtum und Fantasie, aus karpatianischen und sterblichen Lebensumständen, beinahe als lebte Francesca nicht allein in diesem Haus. Gabriel sah sich um, um Hinweise auf einen anderen Bewohner zu finden.

In ihrem Arbeitszimmer fand er Francescas Unterlagen, Quittungen, Überweisungen und kleine Notizen, die sie an sich selbst schrieb. Er fand etliche dieser Notizen. Einige waren dazu gedacht, Francesca daran zu erinnern, bestimmte Suppen zu essen. Eine Karpatianerin würde niemals menschliche Speisen anrühren, es sei denn, sie wollte die Sterblichen davon abhalten, die Wahrheit herauszufinden. Karpatianer verfügten über die Möglichkeit, die Nahrung der Sterblichen zu sich zu nehmen und später wieder aus ihrem Körper zu entfernen, doch das war nicht besonders angenehm.

Wer war Francesca? Wichtiger noch, was war sie? Warum floss in ihren Adern nicht das Blut aller Sterblichen? Woher kannte sie die Worte des Rituals, das ihn daran gehindert hatte, sich in einen Vampir zu verwandeln? Und warum vermochte er Farben zu sehen und Gefühle zu empfinden? Warum hatte Francesca behauptet, ihm zu helfen, sei ihr Recht?

Seufzend legte Gabriel ihre Unterlagen zurück, strich jedoch einen Augenblick lang zärtlich über ihre ordentliche, elegante Handschrift. Sie würde ihm diese Fragen beantworten. Und wenn sie sich weigerte, verfügte er über Mittel, ihr diese Informationen zu entlocken. Er war einer der ältesten Karpatianer und hatte große Macht. Nur wenige Angehörige seines Volkes hatten sich im Laufe der Jahrhunderte so viel Wissen und so viele Fähigkeiten angeeignet wie er. Es würde Francesca nicht gelingen, sich vor ihm oder seinen Fragen zu verstecken.

Kapitel 2

Gabriel betrachtete die Frau, die so still in der dunklen, reichhaltigen Erde lag. Sein Körper reagierte, sobald er in ihrer Nähe war. In all den langen Jahrhunderten seiner Existenz hatte er nie zuvor so empfunden. Er musste Francesca nur ansehen, damit heißes, drängendes Verlagen in ihm aufstieg. Sein Herz und seine Seele riefen nach ihr. Die Empfindungen waren so übermächtig, dass sie ihn erbeben ließen. Es war beunruhigend, plötzlich festzustellen, dass überhaupt jemand so viel Macht über ihn besaß. Gabriel fühlte sich ein wenig überfordert, als er Francesca mit einem telepathischen Befehl weckte.

Francesca regte sich und runzelte leicht die Stirn. Ihre dichten Wimpern flatterten, dann öffnete sie die Augen. Sie waren groß und dunkel. Francesca blickte Gabriel sofort an, als spürte sie, dass er bei ihr war. Nervös presste sie die Lippen zusammen und setzte sich auf. Sie fühlte sich schwindlig, schwankte leicht und legte sich die Hand auf die Stirn.

Sofort schlang Gabriel den Arm um sie, um sie zu stützen. Sein starker Beschützerinstinkt verlangte, dass er sich um sie kümmerte.

Francesca versuchte, ihn von sich zu stoßen. »Lass mich los. Du hast alles ruiniert. All die Jahre, alles, wofür ich gearbeitet habe. Verschwinde.«

Gabriel wich zurück, um ihr etwas Freiraum zu geben, überrascht von dem scharfen Tadel in ihrer Stimme. Sie war offensichtlich verärgert. »Was habe ich ruiniert?«, fragte er leise. Ihr Mangel an Furcht schockierte ihn. Er hatte seine wahre Natur nicht vor ihr verborgen. Er hatte ihr Blut getrunken. Sie wusste es. Er hatte sie weder hypnotisiert noch ihr befohlen, die Geschehnisse zu vergessen.

Francesca studierte sein Gesicht. Er wirkte sicher nicht wie der ältere Mann, den sie zuvor gesehen hatte. Seine Haut war jetzt glatt, und er sah jung und stark aus. Eine Aura von Macht umgab ihn. Groß und hoch aufgerichtet stand er da, jeder Zoll der unbesiegbare Krieger, der er war. Er hatte markante Züge und dunkel schimmernde Augen. Sein langes schwarzes Haar wurde im Nacken von einem Lederriemen gehalten.

»Ich habe mein Leben für deines geopfert. Du hattest kein Recht, mir dein Blut zu geben. Das hast du doch getan, nicht wahr? Dazu hattest du kein Recht.« In ihren großen Augen glomm ein verborgenes Feuer. Sie ballte die Fäuste, sodass sich die Nägel in ihre Handflächen gruben. Ihr zierlicher Körper zitterte vor unterdrückter Wut. Es war Gabriel. Sie hätte ihn jederzeit ungeachtet seiner Erscheinung erkennen sollen, doch sie hatte ihn nicht erkannt, bis er sie in die Arme genommen hatte. Sie war so besorgt gewesen, dass er ihre Tarnung durchschauen könnte, dass sie diese wichtige Information übersehen hatte.

»Du wärst gestorben«, stellte Gabriel schonungslos fest.

»Das weiß ich. Ich habe mein Leben bereitwillig angeboten, damit du deinen Kampf fortsetzen und unser Volk retten kannst.«

»Du bist also Karpatianerin.« Sehr sanft nahm er ihre Hand, öffnete die Finger, einen nach dem anderen, und betrachtete die Spuren, die die Nägel auf Francescas Handflächen hinterlassen hatten. Ehe sie seine Absicht durchschauen konnte, neigte er den Kopf und fuhr mit den Lippen zärtlich über die Stellen.

Die Berührung seiner Lippen, sein warmer Atem schienen Francescas Herz stillstehen zu lassen. Schnell zog sie ihre Hand zurück und warf Gabriel einen aufgebrachten Blick zu. »Natürlich bin ich Karpatianerin. Wer würde dich sonst erkennen? Gabriel. Der Verteidiger unseres Volkes. Du bist der größte Vampirjäger, den unser Volk je gekannt hat. Du bist eine zum Leben erwachte Legende. Es kostete mich einige Zeit, dich zu erkennen, als es dir so schlecht ging. Man hält dich schon seit einigen hundert Jahren für tot.«

»Warum hast du dich nicht gleich zu erkennen gegeben? Ich hätte dir nie erlaubt, dein Leben in Gefahr zu bringen.« Seine sanfte Stimme enthielt eine deutliche Zurechtweisung.

Francescas blasses Gesicht rötete sich. »Maße dir nicht an, über mich verfügen zu können, Gabriel. Deine Rechte sind vor langer Zeit widerrufen worden.«

Er regte sich. Es war nur ein leichtes Muskelspiel, doch ein deutlicher Beweis seiner enormen Kraft. Francescas dunkle Augen blitzten. Sie war nicht im Geringsten eingeschüchtert. »Ich meine es ernst. Du hattest kein Recht, das zu tun.«

»Als karpatianischer Mann kann ich nicht anders, als dich vor allem Unheil zu bewahren. Warum lebst du überhaupt allein hier, ohne jeglichen Schutz? Hat sich unsere Welt so sehr verändert, dass sich unsere Männer nicht mehr um die Frauen kümmern?« Sein Ton war sanft, klang dadurch jedoch umso bedrohlicher.

Stolz hob Francesca das Kinn. »Unsere Männer haben keine Ahnung von meiner Existenz. Und sie geht auch dich nichts an, also bilde dir nicht ein, dich einmischen zu können.«

Gabriel blickte sie lediglich schweigend an. Er war über zweitausend Jahre alt. Das Bedürfnis, eine Frau zu beschützen, war tief in seiner Seele verwurzelt. Es war ein Teil seiner Persönlichkeit. Und da diese Frau seine Gefährtin war, betrachtete er es nicht nur als seine Pflicht, sondern als sein Recht. »Ich fürchte, Francesca, dass ich dennoch über dich wachen muss. Ich habe meine Verantwortung noch nie vernachlässigt.«

Während sie neben ihm saß, fühlte sich Francesca durch Gabriels Kraft und Größe im Nachteil. Also stand sie auf und ging mit anmutigen Schritten durch den Raum, um ein wenig Abstand von ihm zu gewinnen. Ihr Herz klopfte heftig. Francesca hatte längst vergessen, wie es sich anfühlte, nervös zu sein. Sie war kein argloses Mädchen mehr. Sie hatte getan, was keine andere karpatianische Frau jemals erreicht hatte: Unentdeckt war sie den karpatianischen Männern und gefährlichen Vampiren entkommen und lebte ihr eigenes Leben. Und sie hatte nicht die Absicht, es diesem Mann zu gestatten, über ihr Geschick zu bestimmen. »Wir sollten etwas klarstellen, Gabriel: Du bist nicht für mich verantwortlich. Ich bin bereit, dir zu erlauben, diesen Unterschlupf zu nutzen, bis du einen sicheren Ort gefunden hast, doch danach wird es keine weiteren Begegnungen zwischen uns geben. Ich führe mein eigenes Leben, in dem für dich kein Platz ist.«

Gabriel hob erstaunt die Brauen und nannte Francesca damit auf elegante Weise eine Lügnerin. »Du bist meine Gefährtin.« Er spürte die Wahrheit dieser Worte tief in seiner Seele. Sie war seine andere Hälfte, das Licht in seiner Finsternis, die einzige Frau, die für ihn geschaffen war.

Zum ersten Mal zeigte Francesca eine Spur von Furcht. Ihre Augen weiteten sich. »Du hast doch nicht das Ritual vollzogen, um uns aneinander zu binden?« Ihre Hände zitterten so sehr, dass Francesca sie hinter ihrem Rücken verstecken musste. Sie hatte sich vor diesem Augenblick gefürchtet, seit sie Gabriels wahre Identität kannte.

»Warum fürchtest du dich davor? Es wäre doch ganz natürlich. Du weißt, dass ich dein Gefährte bin.« Gabriel beobachtete sie genau, er registrierte jede Regung in ihrem Gesicht. Sie empfand Angst. Und sie hatte bereits gewusst, dass sie zu ihm gehörte, ehe es ihm klar geworden war.

Francesca blickte ihn herausfordernd an. »Ich war vor vielen Jahrhunderten deine Gefährtin, Gabriel. Aber als du den Entschluss fasstest, lieber mit deinem Bruder Vampire zu jagen, verurteiltest du mich zu einem Leben in Einsamkeit. Das habe ich akzeptiert. Es ist schon lange her. Und nun gibt es in meinem Leben keinen Platz mehr für dich.«

Gabriel schwieg, suchte jedoch eine telepathische Verbindung zu Francesca. Er entdeckte lebhafte Erinnerungen an jenen Tag. Er sah sich und Lucian durch ein Dorf von Sterblichen schreiten. Die beiden legendären Vampirjäger. Ehrfürchtig wichen die Leute vor ihnen zurück. Gabriel sah sich selbst, seine schnellen, sicheren Schritte, das lange Haar, in dem eine nächtliche Brise spielte. Ein junges Mädchen erregte seine Aufmerksamkeit, und er wandte den Kopf, ohne seine Schritte zu verlangsamen. Sein dunkler Blick glitt über eine Gruppe von Frauen, doch dann sagte Lucian etwas, das ihn ablenkte. Gabriel wandte sich seinem Bruder zu, setzte seinen Weg fort und blickte nicht zurück. Das junge Mädchen starrte ihm nach, schweigend und verletzt.

»Ich wusste es nicht.«

Ihre Augen funkelten. »Du wolltest es nicht wissen. Das ist ein Unterschied, Gabriel. Doch es ist nicht wichtig. Ich überlebte die Demütigung und den Schmerz. Es ist so lange her. Ich habe viele Jahrhunderte lang ein erfülltes Leben geführt. Jetzt bin ich müde und möchte in die Morgendämmerung gehen.«

Gabriel betrachtete sie mit festem Blick. »Das kommt nicht infrage, Francesca.« Seine Stimme klang ruhig.

»Du hast keinerlei Recht, darüber zu bestimmen, was in meinem Leben infrage kommt. Was mich angeht, hast du alle Rechte verwirkt, als du dich von mir abwandtest. Du weißt nichts über mich. Du weißt nichts über das Leben, das ich geführt habe, über die Dinge, die mich beschäftigen. Ich habe mein eigenes Leben geführt. Ich bin recht glücklich gewesen und habe viel Gutes tun können. Nun ist es genug. Und die Tatsache, dass du plötzlich beschlossen hast, wieder zum Leben zu erwachen, ändert nichts daran. Du bist nicht meinetwegen zurückgekehrt, sondern für ihn, Lucian. Er hat sich erhoben, nicht wahr? Du verfolgst ihn.«

Gabriel nickte langsam. »So ist es, doch du musst einsehen, dass unsere Begegnung alles verändert hat.«

»Nein, das stimmt nicht«, protestierte Francesca. Hastig öffnete sie die Tür zur Schlafkammer und eilte durch den Gang, der zum Keller führte. Es gefiel ihr nicht, dass Gabriel so leicht mit ihr Schritt halten konnte. Wie konnte er es wagen, so selbstverständlich über ihr Leben zu bestimmen? »Es hat sich nichts verändert. Du hast noch immer deine Aufgabe, und ich habe mein Leben. Es gehört allein mir, Gabriel, und nur ich treffe Entscheidungen.«

»Der Prinz unseres Volkes wird sich vor mir verantworten müssen«, sagte Gabriel mit seiner leisen, sanften Stimme. »Er hat seine Pflicht vernachlässigt und dich nicht beschützt. Ist Mikhail überhaupt noch an der Macht?«

»Scher dich zum Teufel, Gabriel«, herrschte Francesca ihn ärgerlich an. Sie durchquerte die Küche und ging geradewegs auf den großen Spiegel im Flur zu. Dann strich sie sich das Haar zur Seite und untersuchte ihren Hals nach verräterischen Spuren.

»Willst du noch fortgehen?«

Seine tiefe, leise Stimme ließ Francescas Herz schneller klopfen. Sie wich seinem Blick aus. »Ja, ich habe Brice versprochen, mir einen seiner Patienten anzusehen. Er soll sich keine Sorgen machen und womöglich nach mir suchen.«

»Brice kann warten«, erklärte Gabriel ruhig.

»Es gibt keinen Grund, Brice warten zu lassen«, erwiderte Francesca. »Ich möchte, dass du mein Haus verlässt, ehe ich zurückkomme, Gabriel.«

Ein leises Lächeln umspielte seine Mundwinkel. »Damit solltest du nicht rechnen.« Das Lächeln erreichte jedoch seine dunklen Augen nicht, während er Francesca nachblickte, die das Haus verließ. Als sich die schwere Eingangstür mit einem Knall hinter ihr geschlossen hatte, glitt Gabriel schnell zum Fenster. Francesca ging zu Fuß mit hastigen Schritten die Straße entlang. Weder benutzte sie wie eine Sterbliche ihr Auto, noch hatte sie sich in Nebel verwandelt, um durch die Luft zu strömen, wie es eine Karpatianerin getan hätte. Während Gabriel sie noch beobachtete, begann sie zu rennen. Sie bewegte sich mit graziler Anmut und war von einer geradezu poetischen Schönheit.

Gabriel suchte die telepathische Verbindung zu ihr und legte sich wie ein stiller Schatten über ihre Gedanken. Francesca hatte große Angst vor ihm. Sie meinte jedes Wort, das sie gesagt hatte, bitter ernst. Offenbar hatte sie eine Art Selbstversuch unternommen, um sich in der Sonne aufhalten zu können wie die Sterblichen. Sie hatte viel Zeit und Energie darauf verwendet, die Möglichkeiten für eine solche Verwandlung zu erforschen. Es hatte etliche Jahrhunderte gedauert, um ihren Körper dazu zu bringen. Inzwischen war sie so geschickt darin, sich als Sterbliche zu tarnen, dass sie selbst ihn hinters Licht geführt hatte. Doch nun hatte er ihre Bemühungen zunichte gemacht, indem er ihr sein Blut gegeben hatte. Darüber war Francesca sehr zornig. Und sie war fest entschlossen, dass ihr Leben nur noch wenige Jahre dauern sollte. Sie hatte in Erwägung gezogen, diese letzten Jahre mit Brice zu verbringen und nach der Art der Sterblichen zu altern. Dann wollte sie in der Morgendämmerung die ewige Ruhe finden. Dieser Plan war bereits seit einiger Zeit in ihr gereift.

»Das glaube ich nicht, Francesca«, flüsterte Gabriel. Sein Körper begann zu schimmern und durchsichtig zu werden. Er löste sich in feinen Nebel auf und strömte durch das geöffnete Fenster hinaus. Gleich darauf nahm der Nebel die Form einer großen weißen Eule an. Gabriel breitete seine mächtigen Schwingen aus und erhob sich hoch über die Stadt.

Francesca rannte, so schnell sie konnte, die Straße entlang. Sie hörte ihren pochenden Herzschlag, ihre Schritte, die auf dem Pflaster widerhallten, die Luft, die mit jedem Atemzug durch ihre Lungen strömte. Niemals hätte sie sich träumen lassen, dass dies geschehen würde. Gabriel. In ihrem Volk sprach man nur im Flüsterton von ihm. Zwillinge. Legenden. Doch die beiden waren tot. Wie war das möglich? Er hatte sie um ihr Leben gebracht und zu einer endlosen, einsamen Existenz verurteilt. Nun, da sie endlich einen Weg gefunden hatte, wie eine Sterbliche zu leben und vielleicht sogar eine Beziehung einzugehen, war Gabriel von den Toten auferstanden. Hatte er nun etwa die Absicht, sie für sich zu beanspruchen?

Es gab keine Möglichkeit, vor einem Mann wie Gabriel davonzulaufen. Er war ein erfahrener Jäger. Gabriel vermochte selbst die geringste Spur eines Feindes zu verfolgen. Bei seiner eigenen Gefährtin würde es ihm noch leichter fallen.

Francesca ging nicht langsamer. Vielleicht würde er einfach wieder verschwinden. Schließlich hatte er so gut wie zugegeben, dass auch Lucian sich erhoben hatte. Er befand sich noch immer auf der Jagd und würde kein Interesse an ihr haben. Außerdem würde sie seinen Anspruch niemals akzeptieren. Gabriel hatte sie dazu gezwungen, ihr Volk und ihre Heimat zu verlassen. Es war die einzige Möglichkeit gewesen. Eine allein stehende Frau, die unter Männern lebte, die sich so verzweifelt nach einer Gefährtin sehnten, hätte diesen Männern unendliche Qualen bereitet. Außerdem hätte sich Francesca niemals mit der Einschränkung ihrer Freiheit abgefunden. Der Prinz des karpatianischen Volkes hätte sie nicht aus den Augen gelassen, in der Hoffnung, einer der Männer sei ihr wahrer Gefährte. Ihr Volk brauchte unbedingt Nachwuchs. Francesca wusste, dass sie nur mit einem einzigen karpatianischen Mann eine Verbindung eingehen konnte, doch dieser Mann hatte sie zurückgewiesen, um sich der Verteidigung ihres Volkes zu widmen. In all den Jahrhunderten hatte sie gelebt, wie es ihr gefiel, in dem Wissen, dass sich kein Sterblicher mit ihren Fähigkeiten messen konnte und dass kein Vampir sie je aufspüren würde. Es war nicht besonders schwer gewesen, sich vor ihrem Volk zu verstecken, da ein solches Verhalten von keiner Frau erwartet wurde.

Im Laufe der Jahrhunderte hatten sie so viele Frauen und Kinder verloren, dass jede Frau wie ein kostbarer Schatz gehütet wurde. Man brauchte die Frauen, damit sie Kinder – insbesondere Mädchen – zur Welt brachten. Die meisten karpatianischen Kinder, die geboren wurden, waren Jungen, und viele von ihnen starben noch im ersten Lebensjahr. Das karpatianische Volk war vom Aussterben bedroht. Francesca hatte sich mit der Einsamkeit abgefunden. Und nun würde sie gewiss nicht ihr ganzes Leben ändern, weil Gabriel beschlossen hatte, aus dem Nichts aufzutauchen.

Plötzlich spürte Francesca Feuchtigkeit auf ihren Wangen und warf einen Blick zum Himmel. Die Nacht war klar und wolkenlos, die Sterne blitzten am Himmel. Erstaunt hob sie die Hand und berührte die Tränen, die über ihr Gesicht liefen. Nun war sie noch fester entschlossen, Gabriel keinen Platz in ihrem Leben einzuräumen. Bereits jetzt hatte er sie zum Weinen gebracht. Er hatte alles ruiniert. Gedankenlos und selbstsüchtig hatte er ihr die Sonne genommen. So war Gabriel. Er traf Entscheidungen und erwartete, dass sich der Rest der Welt danach richtete. Er machte seine eigenen Gesetze und würde von Francesca erwarten, ihnen zu gehorchen.

Sie blieb stehen, holte tief Atem und ging dann über den Parkplatz des Krankenhauses. Sie bemühte sich, ganz normal und unbekümmert zu wirken. Als sie das Gebäude betrat, traf sie beinahe augenblicklich auf Brice. Offensichtlich hatte er die Anweisung gegeben, ihn sofort zu benachrichtigen, wenn sie eintraf. Er führte sie durch die Krankenhausflure zu einem Privatzimmer. Überall waren Teddybären, Ballons und Blumen verteilt. Das kleine Mädchen, das im Bett lag, war sehr blass und hatte tiefe Schatten unter den Augen. Wie immer klärte Brice Francesca nicht darüber auf, was dem Mädchen fehlte, sondern wartete darauf, dass sie ihre eigene ›seltsame‹ Untersuchung durchführte.

»Wissen ihre Eltern, dass du mich gebeten hast, mir die Kleine anzusehen?«, fragte Francesca leise.

Trotz ihres Flüstertons regte sich das Mädchen und öffnete die Augen. Es lächelte seine Besucherin an. »Du bist die Lady, von der Doktor Renaldo sagt, dass sie Leuten hilft. Mom meinte, dass du mich besuchen würdest.«

Francesca warf Brice einen verärgerten Blick zu. Sie hatte ihn schon hundert Mal gebeten, ihre Besuche nicht zu erwähnen. Sie konnte es sich nicht leisten, Aufmerksamkeit zu erregen. Mehr als ein Mal hatten sie sich über diesen Punkt gestritten. Mit der Fingerspitze strich sie zart über die Hand des kleinen Mädchens. »Du hast Schmerzen, nicht wahr?«

Die Kleine zuckte die Schultern. »Das ist okay. Ich habe mich daran gewöhnt.«

Ein kalter Luftzug bauschte plötzlich die Vorhänge auf, und Brice warf einen Blick aufs Fenster, um sich zu vergewissern, dass es geschlossen war. Francesca konzentrierte sich ganz auf das Kind. In diesen Augenblicken gab es nichts anderes in ihren Gedanken. Es war, als existierten nur sie und das Kind auf der Welt. »Mein Name ist Francesca. Wie heißt du?«

»Chelsea.«

»Erlaubst du, Chelsea, dass ich eine Weile deine Hand halte? Es würde mir dabei helfen herauszufinden, was in deinem Körper vorgeht.«

Das kleine Mädchen lächelte. »Und du wirst nicht an mir herumdrücken und mich mit Nadeln stechen?«

Francesca erwiderte das Lächeln. »Nein, das überlassen wir besser Brice.« Sie nahm die kleine Hand in ihre. Die Haut war sehr dünn, beinahe durchscheinend. Das Kind war bereits sehr schwach. »Ich werde einfach hier neben dir sitzen und mich konzentrieren. Vielleicht wird es Stellen geben, die sich ein bisschen warm anfühlen, doch es tut nicht weh.«

Chelsea musterte Francesca eine ganze Weile, ehe sie offenbar beschloss, ihr zu vertrauen. Sie nickte ernst. »Gut, ich bin fertig.«

Francesca schloss die Augen und konzentrierte sich mit aller Kraft auf das Kind, sie verdrängte jeden anderen Gedanken aus ihrem Kopf. Dann verließ sie ihren Körper als pure Energie, Wärme und Licht. Sie versenkte sich in den Körper des Kindes und begann mit einer sorgfältigen Untersuchung.

Das Blut des kleinen Mädchens war in einem schrecklichen Zustand. Die Krankheit attackierte Chelsea, und ihr geschwächtes Immunsystem hatte keine Chance, mit dem Angriff fertig zu werden. Sorgfältig untersuchte Francesca jedes einzelne Organ, Gewebe und Muskeln und das Gehirn des Mädchens. Einen Augenblick lang drohte großer Kummer sie zu überwältigen und gefährdete ihre Bemühungen. Sie empfand großes Mitgefühl mit diesem kleinen Mädchen, das in seinem jungen Leben schon so sehr leiden musste.

Francesca schwankte, blinzelte und kehrte in ihren eigenen Körper zurück. Wie immer fühlte sie sich danach orientierungslos und geschwächt. Schweigend ruhte sie sich einige Augenblicke lang aus, ehe sie Brice ansah.

»Francesca.« Er flüsterte ihren Namen hoffnungsvoll. Es war keine Frage. Brice war Arzt. Er wusste, dass die Medizin Chelsea nicht mehr helfen konnte. Ihr Körper wurde von der schrecklichen Krankheit überwältigt. Er sah erschöpft aus, und die Sorge um seine kleine Patientin war deutlich in seinen Zügen zu lesen. Er hatte alles getan, was in seiner Macht stand, doch es hatte nicht genügt.

»Vielleicht.« Wie lange würde es dauern, dieses Kind zu heilen und seinen geschwächten Körper von jeder Spur der Krankheit zu befreien? Würde es ihr gelingen, die Behandlung zu beenden und vor Sonnenaufgang zu Hause zu sein? War das wichtig? Das Leben dieses Kindes war jedes Risiko wert. Außerdem fürchtete sie sich nicht davor, der aufgehenden Sonne zu begegnen.

»Lass mich mit ihr allein, Brice, ich werde sehen, was ich tun kann.« Francesca strich Chelsea das Haar aus der Stirn. »Du kannst ruhig schlafen, Kleines, und wir sorgen dafür, dass es dir ein klein wenig besser geht.« Sie wartete, bis Brice die Tür hinter sich geschlossen hatte, ehe sie einmal mehr ihren Körper verließ.

Wenn Francesca einen Sterblichen heilte, spielte die Zeit keine Rolle. Sie befand sich in Chelseas Körper, hielt die Kleine sicher und warm mit ihrem Geist umfangen, während sie mit aller Kraft um das Leben des Mädchens kämpfte. Francesca arbeitete sorgfältig und unermüdlich, sorgte dafür, dass auch nicht die geringste Spur der schrecklichen ...

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