Logo weiterlesen.de
Dunkle Zukunft: Das Buch der Dystopien

Alfred Bekker

Dunkle Zukunft: Das Buch der Dystopien

Cassiopeiapress Science Fiction Roman Paket





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Alfred Bekker: Dunkle Zukunft – Das Buch der Dystopien

Ein CassiopeiaPress E-Book

© AlfredBekker/CassiopeiaPress

Alle Rechte vorbehalten.

Audgabejahr diser Edition: 2014

www.AlfredBekker.de

Postmaster@AlfredBekker.de

Dieses E-Book enthält die Romane

Herrschaft der Alten

Alienjäger z.b.V. - Sie sind unter uns

 

Die Herrschaft der Alten


Science Fiction Thriller


© 2011 by Alfred Bekker und Edition Zweihorn (Printausgabe)

© 2012 der Digitalausfabe Alfred Bekker, CassiopeiaPress

Ein CassiopeiaPress E-Book

www.AlfredBekker.de



Weihnachten bleibe ich noch, dachte Benn. Aber wenn das neue Jahr anbricht, werde ich fliehen!

Es waren nur noch wenige Wochen bis das Jahr 2100 anbrechen würde. Und dieses Jahr, so hatte sich Benn Genzler vorgenommen, sollte nicht nur das alte Jahrhundert abschließen, sondern auch sein altes Leben.

Die Glastür glitt zur Seite und Benn trat hinaus in den Dachgarten des dreistöckigen Hauses, in dem er mit seinen Eltern und Großeltern wohnte.

Er ließ den Blick schweifen. Die Stadtlandschaft wurde unterbrochen von grünen Arealen. Ganze Stadtviertel waren in den letzten Jahrzehnten zurückgebaut worden. Man brauchte sie einfach nicht mehr. Vierzig Millionen Deutsche gab es noch – davon nur ein Viertel unter siebzig.

Benn gehörte mit seinen siebzehn Jahren leider dieser Minderheit an. Einer Minderheit, deren Interessen bei Wahlen gnadenlos überstimmt wurden und die mit den sogenannten Residenz-Gesetzen daran gehindert werden musste, das Land zu verlassen. Das gesetzliche Reisealter lag derzeit bei fünfundsiebzig Jahren, aber man diskutierte, ob man es angesichts der steigenden Lebenserwartung nicht auf achtzig hochsetzen sollte. Allerdings würde das wohl so schnell nicht geschehen, denn dazu war die Altersgruppe der unter Fünfundsiebzigjährigen einfach zahlenmäßig zu stark und ihre Lobby zu gut organisiert.

Benn sah den Gleitern zu, die in langen Kolonnen, scheinbar gewichtslos, über den Himmel zogen. Sie flogen vollkommen automatisch, koppelten sich durch ihre Steuersysteme aneinander an und nutzten den Windschatten der anderen. Antigravitation hielt sie in der Luft. Ihre Triebwerke benötigten sie nur für Kolonnenwechsel-Manöver, ansonsten wurden sie durch Sonnen- und Windenergie vorangetrieben. Große Containergleiter waren darunter, aber auch Gleiter mit Passagierkabinen, die viel kleiner waren und gegenüber ersteren wie Insekten wirkten. Die ganze Stadt glich einem einzigen Bienenschwarm. Überall war der Himmel durchzogen von den Gleiterkolonnen, die sich auf virtuellen Straßen bewegten. Aber es gab einen bedeutenden Unterschied zwischen den Containergleitern und den Personenkabinen: Der Flug von ersteren war grenzenlos. Im Warenverkehr herrschte globale Freizügigkeit. Aber für Personengleiter galt das nur dann, wenn die Insassen über siebzig waren.

Wer jünger war, hatte die Pflicht, eine Ausbildung zu machen und zu arbeiten und dann von seinem Verdienst drei Viertel an Steuern und Sozialabgaben abzuführen.

Sich in einem dieser Frachtschweber zu verstecken, dessen Kurs auf ein Land programmiert war, in dem man frei über sein Leben und sein Geld bestimmen konnte, davon hatte Benn schon geträumt, als er zehn gewesen war. Damals allerdings aus einem ganz anderen Grund. Nämlich, weil er es schade fand, dass hierzulande seit einigen Jahrzehnten jegliche Individiualsteuerung von Fahrzeugen verboten war. Sie galt als zu gefährlich und außerdem ökologisch bedenklich. Der wahre Grund war allerdings ein anderer: Auf diese Weise konnte nämlich besser verhindert werden, dass die jungen Leute das Land verließen, um dorthin auszuwandern, wo etwas los war.

Eine Anzeige erschien in Benns linkem Auge: >Möchtest du jetzt deinen kostenlosen Bildungskurs fortsetzen?, stand dort. Die Anzeige wurde direkt in seine Netzhaut projiziert. Ein implantierter Chip verband jeden Bürger von klein auf mit dem Datennetz.

„Nein, jetzt nicht!“, sagte Benn laut.

>Abschalten der Aufforderung zur Teilnahme am virtuellen Bildungskurs nicht möglich. Du bist mit deiner Ausbildung zu weit im Rückstand. Es folgte eine Übersicht über die einzelnen Programme und darüber, wie weit eine Pflichtteilnahme abgeleistet worden war – sowie welcher Erfolgsfaktor dabei hatte erreicht werden können. Lediglich in Informatik und in den Fremdsprachen hatte Benn sein Soll mehr als erfüllt. Alle anderen Kursbereiche des Bildungsprogramms hatte er sträflich vernachlässigt und sich anscheinend auch kaum noch Mühe gegeben, einen einigermaßen akzeptablen Erfolgsfaktor zu erreichen.

Die Anzeige auf seiner Netzhaut blinkte aufdringlich und unangenehm.

So ein verfluchter Mist!, dachte Benn. Er kannte das schon. Diese Anzeige ließ sich jetzt nicht mehr abschalten. Und was noch viel schlimmer war: Er konnte über seinen Netzhautadapter keine Nachrichten mehr empfangen, keine Filme sehen oder Spiele spielen, so lange er nicht wenigstens eine der noch ausstehenden Lektionen absolviert hatte. Aber es gab ein paar Tricks, um diese Funktion außer Kraft zu setzen.

Benn hob die linke Hand etwas an. Am Handgelenk war der Chip implantiert. Ein millimetergroßer Punkt zeigte den kleinen Holoprojektor an. Durch einen leichten Druck darauf entstand eine holografische Tastatur samt einem Display, dessen Auflösung es erlaubte, die Anzeige bis zu einer Größe von zwei mal zwei Metern anzuzeigen.

Für eine Operation wie diese war die Eingabe per Tastatur immer noch der einfachste Weg, wie Benn fand, auch wenn er Freunde kannte, die selbst bei Programmierarbeiten die verbale Eingabe oder den Input mittels der Gehirnströme bevorzugten.

Seine Finger berührten die holografischen Tasten – wobei berühren eigentlich nicht das richtige Wort war. Denn in Wahrheit war da nichts, außer einer Projektion. Aber das System bekam durch die jeweilige Position der Fingerspitzen die richtige Information.

Benns Hand glitt über die holografische, gegen das Sonnenlicht leicht durchscheinende Tastatur und ging in den Programmcode des Chips, der ihn mit dem Datennetz verband. Es waren Rechneroperationen, in denen er inzwischen schon eine große Übung hatte. Mit Rechnern kannte er sich aus. Information war der Schlüssel zum Verständnis der Welt, wie er früh herausgefunden hatte. Man musste mit Rechnersystemen umgehen können, sie verstehen und wissen, wie man sie notfalls manipulieren konnte. Das war der einzige Weg, um sich wenigstens ein bisschen Freiheit vor ihrer allgegenwärtigen Kontrolle zu bewahren.

Und davon abgesehen, hatte er sich immer wieder mal was dazuverdienen können, wenn er anderen dabei half, ihre Systeme wieder auf Vordermann zu bringen.

Wenig später war das Problem behoben.

Die Anzeige, die zuvor auf seine Netzhaut projiziert worden war, konnte er nun auch auf dem Holodisplay als frei in der Luft schwebende Schrift sehen. >Willst du jetzt eine Lektion machen oder später daran erinnert werden?, stand da jetzt. Eigentlich war das auch keine wirklich gute Alternative. Aber immer noch besser, als die Blockade, die sein System vorher lahm gelegt hatte. Benn entschied sich natürlich für >später erinnern auch wenn er in Wirklichkeit natürlich alles andere als den Wunsch hatte, daran erinnert zu werden, dass er noch einige Lektionen im Rückstand war. Aber anders war das System seines Implantats einfach nicht wieder flott zu kriegen. Lebenslanges Lernen hieß die Devise. Aber mit den Unter-Achtzehnjährigen ging man in diesem Punkt besonders streng um. Es bestand eine allgemeine Ausbildungspflicht, der man durch das Absolvieren zertifizierter Online-Kurse genüge tun konnte, sofern man sich einen Platz auf einer der sündhaft teuren Privatschulen nicht leisten konnte.

>Hi, warum meldest du dich nicht?

Benn stellte fest, dass er insgesamt bereits drei Nachrichten von Sara bekommen hatte. Und sie waren alle mit >dringend

Als er die Nachrichten öffnete, bemerkte er, dass sie alle drei identisch waren. >Können wir uns nachher sehen? Es gibt Probleme.

Eine animierte 3D-Kopfansicht machte dazu ein besorgtes Gesicht. Darunter stand in Großbuchstaben SARA JÖRGENSEN und eine Kennnummer.

Benn sah auf die Uhr.

Dann formulierte er eine Antwort. >Konnte mich nicht melden. Komme nachher vorbei. Habe erst noch meinen Sozialdienst.

Den Grund dafür, dass er sich nicht hatte melden können, durfte Benn natürlich nicht in die Nachricht hineinschreiben. Noch war er nicht achtzehn und das bedeutete, dass das freie Datennetz für ihn ein paar Einschränkungen hatte. Die Jugendschutzbestimmungen waren noch nicht einmal das Schlimmste. Die ließen sich für jemanden, der sich damit auskannte, einigermaßen leicht aushebeln. Gefährlicher war, dass die von Kindern und Jugendlichen versandten Nachrichten automatisch auf Inhalte untersucht wurden, die auf eine sozial schädliche Entwicklung hinweisen konnten. Eine überwältigende Mehrheit der älteren Wähler war sogar dafür, diese Einschränkungen des elektronischen Postgeheimnisses auf bis zu Einundzwanzigjährige auszudehnen, denn angeblich konnten auf diese Weise potenzielle jugendliche Amokläufer herausgefiltert werden. Benn war jedoch überzeugt davon, dass es in Wahrheit um etwas ganz anderes ging. Man wollte junge Leute daran hindern, sich zur Flucht aus dem Geltungsbereich der Bundesgesetze zu verabreden. Schließlich brauchte man jeden von ihnen. Wer hätte sonst all den Alten und Uralten die teure High-Tech-Pflege, die geklonten Ersatzorgane, die Implantate und die kybernetisch aufgerüsteten Hüft- und Kniegelenke erwirtschaften können? Man konnte schließlich in seinem Leben noch so viel Sport getrieben, auf seine Ernährung geachtet und an Vorsorgeprogrammen teilgenommen haben – jenseits des hundertsten Geburtstags häuften sich nunmal die kostenintensiven körperlichen Verschleißerscheinungen. Von einer Alzheimer-Rückbildungstherapie oder einer Antigrav-Gehhilfe mal ganz zu schweigen. Das waren Dinge, von denen ohnehin nur diejenigen träumen konnten, die es geschafft hatten, trotz der rigiden Abgaben-Gesetze irgendwie ein kleines Vermögen zur Seite zu schaffen.



„Willst du noch was essen?“, fragte Benns Mutter. „Dann schiebe ich dir eine Portion in die Mikrowelle.“

Benn nannte seine Mutter meistens Felicitas. Sie wollte das so. Das hört sich nicht so alt an, hatte sie mal gemeint. Also tat Benn ihr den Gefallen und sprach sie so an, es sei denn, er wollte sie ärgern. Dann nannte er sie Mama – und wenn er sie ganz besonders ärgern wollte auch Mutter, was er dann mit ironischer Förmlichkeit betonte.

„Ich muss gleich noch los, um mein Sozialstundenkonto etwas aufzufüllen“, meinte er. „Aber irgendetwas Süßes kriege ich jetzt noch schnell runter.“

Felicitas aktivierte den Küchenrechner. Ein Display wurde an die Wand projiziert. „Komm, such dir schnell was aus!“, forderte sie ihn auf. „Ich muss nämlich auch gleich noch weg!“

Felicitas war wenig zu Hause. Aber das war kein Wunder. Sie war dreiundvierzig Jahre alt, sportlich, erzählte jedem, der es nicht hören wollte, dass ihre Fitnesswerte denen einer zehn Jahre jüngeren Frau entsprachen, und pendelte ständig zwischen Hauptjob, erstem Nebenjob, zweitem Nebenjob und dem Ehrenamt hin und her. Zu dessen Übernahme war jeder Bürger zwischen dreißig und siebzig verpflichtet, während die Sechzehn- bis Dreißigjährigen ein gewisses Pensum an Stunden im Sozialdienst ableisten mussten. Schließlich konnte man all die alten, kranken Hundertzwanzigjährigen nicht einfach vor sich hinvegetieren lassen, obwohl es oft genug trotzdem genau darauf hinauslief. Für die Trocken-,Satt- und Sauber-Pflege waren bei vielen Hochbetagten, die keine großen Rücklagen hatten bilden können, ohnehin vollautomatische Robotsysteme verantwortlich. Aber es gab eben Dinge, bei denen auch der beste japanische Pflegeroboter eine menschliche Hilfskraft nicht zu ersetzen vermochte.

„Ich nehme nur ein paar Donuts“, meinte Benn.

„Ups, dein Zuckeranteil war heute schon hoch genug – und an Kalorien kannst du dir auch nichts mehr erlauben“, stellte Felicitas mit einem ernsten Blick fest, als sie auf die an die Wand projizierte und mit verblüffenden 3D-Effekten ausgestattete Rechneranzeige sah. Eine holografische Grafik entstand und Benn verzog das Gesicht, als er die Botschaft mitgeteilt bekam.

Eine Kunststimme rechnete ihm vor, welche Nährstoffe Benn an diesem Tag bereits zu sich genommen hatte. Der ermittelte Kalorienüberschuss und der Überschuss an verzehrtem Zucker für den Fall, dass Benn die von ihm so heiß begehrten Donuts noch aß, wurden durch zwei bedrohlich aussehende, zylindrische und in karminrot leuchtende Säulen eindrucksvoll dargestellt. Eine schwarze Säule am rechten Rand der Darstellung zeigte, um welchen Betrag die Ausgaben für seine Kranken- und Pflegeversicherung ansteigen würden, wenn er die Donuts doch aß und damit die für seine Person errechneten Kennzahlen überschritt. Eine blinkende Anzeige darunter wies auf das erhöhte Risiko für Fettleibigkeit, Diabetes und Gefäßerkrankungen hin. Außerdem stand da noch ein Hinweis auf die erhöhte Wahrscheinlichkeit, schon vor dem neunzigsten Lebensjahr Leistungen der Pflegekasse in Anspruch nehmen zu müssen.

Benn deaktivierte die Anzeige durch die Berührung eines Kontaktpunktes in der linken unteren Ecke der Darstellung, woraufhin eine Warnung eingeblendet wurde. >Diesen Hinweis wirklich ignorieren?

Benn wählte die Option >ja

„Kommt nicht in Frage, Benn!“

Mama!“

„Noch höhere Abgaben für deine Versicherungen können wir uns nicht leisten, Benn.“

„Ein Donut wird mich nicht gleich zum Pflegefall machen.“

„Jetzt nicht – aber wenn du schon mit neunzig zum Pflegefall wirst, wird dein Kind – falls du so dumm sein solltest, eins in die Welt zu setzen – vielleicht fünfzig Jahre Zuzahlungen leisten müssen!“

Die durchschnittliche Lebenserwartung von Benns Generation war von den Versicherungsarithmetikern auf einhundertvierzig Jahre berechnet worden. Da war längeres Fitbleiben erste Bürgerpflicht, sonst wurde das für die Allgemeinheit unbezahlbar.

Benn überlegte sich, ob er trotzdem den Donut essen sollte. Felicitas erriet offenbar seine Gedanken.

„Den Mehrbeitrag zahlst du von deinem Taschengeld!“, warnte sie.

Benn zog die Hand aus dem Fach zurück. „Erhöht sich eigentlich auch irgendeine Abgabe, wenn ich in der Nase bohre?“, maulte er. „Es besteht doch das Risiko, dass ich mir den Zeigefinger abbreche und dann nur noch eingeschränkt arbeitsfähig bin!“

„Du wirst lachen, wer seine Arbeitsfähigkeit vorsätzlich oder grob fahrlässig herabsetzt, dem können später Leistungen gekürzt werden. Zur Zeit erwägt man sogar, ob in solchen Fällen nicht nachträglich noch die Gratis-Bildungsprogramme bezahlt werden müssen.“

„Das fehlte gerade noch!“

Felicitas kannte sich mit diesen Vorschriften gut aus. Das hatte mit ihrem ersten Job zu tun. Sie war Sachbearbeiterin in der Bundestransferagentur und wenn das Thema auf dieses Gebiet kam, dann konnte sie quasi auf Knopfdruck die entsprechenden Vorschriften herunterbeten – und zwar ohne sie sich auf ihrem Netzhautdisplay anzeigen zu lassen. Zumindest behauptete sie das. Ob das wirklich stimmte, wusste nur sie allein, denn selbstverständlich hätte sie die passenden Vorschriften auch jederzeit über das Datennetz abrufen können.

„Du kannst ja bei der elektronischen Volksabstimmung dagegen stimmen, Benn!“, meinte sie.

„Hat sowieso keinen Sinn!“

„Jede Stimme zählt. Und die Frist geht noch bis Dienstag.“

„Wenn du zu einer extremen Minderheit gehörst, dann zählt deine Stimme null!“

An Volksabstimmungen durfte man schon ab sechzehn Jahren teilnehmen, aber Benn hatte bisher noch nie bei einer solchen Abstimmung mitgemacht. Die Beteiligung lag meistens unter zwanzig Prozent. Und bei solch einem Thema war ohnehin klar, wie die Sache ausging. Die Alten und Uralten waren in ihrer überwältigenden Mehrheit der Ansicht, dass die Jungen Drückeberger seien und dass man die gesetzlichen Vorschriften gegen das Blaumachen verschärfen musste. Die Jungen hatten keine Chance.



Auf dem Weg zu dem Ort, wo Benn seine Sozialdienststunden abzuleisten hatte, aß er noch einen Apfel. Obst war noch im Ernährungsplan drin, ohne dass er eine Beitragserhöhung befürchten musste.

Irgendwann wird man uns vielleicht auch noch vorschreiben, mit welchem Bein wir zuerst aus dem Bett steigen sollen, weil sich erwiesen hat, dass das Unfallrisiko höher ist, wenn es das linke war!, ging es Benn ärgerlich durch den Kopf. Die Bevormundung war allgegenwärtig. Und alles nur zu unserem Besten!, dachte Benn. Aber nicht mit mir!

Anno 2100 wird mein Jahr! Das Jahr, in dem ich mich verabschiede ...

Benn verließ das Haus. Der Wind fühlte sich sehr warm an. Die Tornado-Saison in Norddeutschland hatte wieder begonnen und Benn kam es manchmal so vor, als könnte man das riechen. Die charakteristischen feuchtwarmen Winde bliesen oft schon Tage vorher aus Norden oder Westen über die fast bis Osnabrück reichende emsländische Bucht. Aber zum Glück war das Haus, in dem Benn lebte, als tornadosicher zertifiziert worden.

Benn aktivierte mit Hilfe seiner Gehirnströme über sein Netzhaut-Menue ein Signal, das einen Gleiter rufen sollte. Das Signal wurde wenig später bestätigt. Der nächste Personengleiter würde ihn orten und automatisch seinen Standort anfliegen, um ihn mitzunehmen. Die für die Benutzung fälligen Gebühren würden automatisch von seinem Konto abgebucht – beziehungsweise derzeit noch vom Konto seiner Eltern, er selbst war ja noch nicht erwerbstätig.

Benn blickte zum Himmel. Er sah, wie einer der Passagiergleiter sich aus seiner Kolonne löste und herabschwebte. Das elegante Fluggerät landete punktgenau neben ihm.

Die Schiebetür öffnete sich und Benn stieg ein. Außer ihm hatten noch zwei mittelalte Frauen in der Kabine Platz genommen. Benn schätzte sie auf achtzig, auch wenn sie sich alle Mühe gaben, noch wie flotte Sechziger auszusehen. Ein Iris-Scanner identifizierte Benn und griff dabei über seine implantierte Schnittstelle auf sein Bewegungsprofil zu.

Ein Display erschien auf der Oberfläche einer Konsole.

>BENN GENZLER, HÄUFIGF GEWÄHLTE ZIELE

1. WOHNADRESSE VON SARA JÖRGENSEN

2. RESIDENZ MIT INTEGRIERTER PFLEGE, APARTMENT 4087

3. HOLOPARK SÜD


Die Liste auf dem Display zählte noch ein paar Dutzend weiterer Ziele auf. Benn stoppte das durch die Berührung eines Kontaktfeldes. Er wählte Ziel Nummer zwei aus und setzte sich.



Die RESIDENZ MIT INTEGRIERTER PFLEGE war ein sogenannter Mehrgenerationen-Wohnblock. Der Begriff stimmte in so fern, als tatsächlich unter den Bewohnern vermutlich alle Generationen ab Mitte neunzig vertreten waren. In Apartment 4078 lebte Kevin Mölders. Mölders war weit über hundertzwanzig und litt unter diversen Krankheiten und Schwächen, darunter auch unter einer Form von Muskelschwund. Er war über viele Jahre hinweg in einem gut dotierten Beruf als Dozent für Literaturwissenschaft tätig gewesen. Allerdings war die Uni, an der er gelehrt hatte, inzwischen geschlossen worden. Nachdem schon die staatlichen allgemeinbildenden Schulen abgeschafft und durch Online-Angebote ersetzt worden waren, setzte man nun die Zahl der sogenannten „Präsenz“-Universitäten mit einem herkömmlichen Lehr- und Forschungsbetrieb herab.

Mölders hatte sich daraufhin noch einige Jahre mit Zeitverträgen durchgeschlagen und sich als Bearbeiter von Online-Klassiker-Ausgaben verdingt. Sein geplanter Wechsel an eine ausländische Uni war in letzter Sekunde gescheitert. Er hätte damals als über Neunzigjähriger jederzeit das Land verlassen können, aber der Gesundheitscheck hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Zwar rissen sich gut hundert Nationen, deren Bevölkerung mehr oder weniger stark schrumpfte und vergreiste um den Nachwuchs der anderen. Aber je höher das Alter, desto höher auch die gesetzlichen Hürden, die diese Länder errichteten. Viele, darunter die USA, verlangten einen Gesundheitscheck, der die Wahrscheinlichkeit für den Ausbruch pflegeintensiver Krankheiten berechnete. Und bei Mölders war die spezielle Art von Muskelschwund, die ihn heute an das Antigrav-Aggregat kettete und von den Diensten eines Pflegeroboters abhängig machte, damals in einem noch symptomfreien Frühstadium diagnostiziert worden.

Es gab kein Land auf der ganzen Welt, dass sich bei Einwanderern freiwillig ein so hohes Pflegerisiko aufgehalst hätte. Jedenfalls nicht für einen Literaturwissenschaftler - mochte er sich auch noch so viele Verdienste erworben haben. Bei einem Cyberwar-Abwehrspezialisten hätte der Fall vielleicht etwas anders ausgesehen.

Benn hatte sich Mölders' Geschichte schon Dutzendfach anhören müssen. Dem alten Mann schien es einfach ein Bedürfnis zu sein, immer wieder über seine verpassten Chancen nachzusinnen. „Ich hätte mit achtzig das Land verlassen sollen, da wäre es noch gegangen!“, sagte er immer wieder und seufzte. Jedenfalls hatte sich Benn vorgenommen, diesen Fehler in seinem eigenen Leben nicht zu begehen. Nein, dachte er, ich werde gehen, solange mich da draußen in der Welt noch jemand haben will!



Als Benn das Apartment betrat, schwebte ihm Mölders entgegen. Sein Körper war an einem Antigrav-Aggregat festgeschnallt.

„Na endlich! Ich habe schon gedacht, du kommst gar nicht mehr vorbei!“

„Tut mir leid, ging nicht früher“, meinte Benn.

Mölders schwebte plötzlich abrupt empor. Im nächsten Moment hing er an seinem Antigrav-Aggregat unter der Decke. „Das Ding reagiert nicht richtig!“, klagte er – vollkommen hilflos in den Gurten hängend. „Der Adapter für die Gehirnströme scheint nicht richtig eingestellt zu sein!“

„Das haben wir gleich“, versprach Benn.

„Immer, wenn man dich braucht, bist du nicht da! Ich habe versucht, dir eine Nachricht zu schicken!“

„Ja, ja ...“

Benn hatte sein System so eingerichtet, dass Nachrichten von Mölders unterdrückt wurden. Alles, was mit der Ableistung seiner Sozialdienststunden zu tun hatte, wurde in einen Extra-Speicher umgeleitet. Es gab zwar eine Pflicht, diese Stunden abzuleisten, aber nirgends gab es die Pflicht zur dauernden Erreichbarkeit. Seine Mutter, die sich mit diesen Dingen noch besser auskannte, hatte gemeint, dass man die dauernde Erreichbarkeit jeden Bürgers eigentlich voraussetzte und wohl auch deshalb dazu in den Bestimmungen nichts zu finden sei.

„Gehen Sie in Ihr Menue!“, verlangte Benn.

„Das geht nicht! Es ist alles blockiert! Die Netzhaut-Anzeige zeigt wirre Zeichen!“

Benn atmete tief durch. Wirre Zeichen kommen durch wirre Impulse – und die haben Sie gesetzt, mein Lieber!, hätte er jetzt am liebsten gesagt, aber er schluckte diese Bemerkung gerade noch rechtzeitig herunter.

Benn seufzte. Es war immer wieder dasselbe. Die Technik war immer nur so gut wie derjenige, der sie bediente – und dieses Antigrav-Aggregat war offenbar einfach zu kompliziert für Mölders. Vor allem berücksichtigte das System wohl zu wenig, dass der alte Mann zu panischen Reaktionen neigte und dann in seinem Bedienungsmenue irgendwelche Operationen ausführte, nur um überhaupt etwas zu unternehmen.

Benn aktivierte das holografische Terminal seines Handgelenkchips. Er richtete die Datenverbindung zum Rechner des Aggregats ein. Den Sicherheitscode brauchte er schon gar nicht mehr eingeben. Dafür hatte er eine Routine eingerichtet, obwohl das eigentlich aus Sicherheitsgründen streng untersagt war.

Einen Augenblick später sah Benn das wirre Menue vor sich, das auch Mölders zur Zeit auf die Netzhaut projiziert wurde. Zahlen, Buchstaben und irgendwelche exotischen Sonderzeichen aus Alphabeten, die Benn nicht einmal dem Namen nach kannte, bildeten scheinbar willkürliche Kolonnen.

Benns Finger schnellten über die holografischen, irgendwie immer etwas geisterhaft wirkenden Tasten, drangen manchmal sogar etwas durch sie hindurch.

Er startete das Hauptsystem neu. Die Anzeige ordnete sich. Mölders schwebte langsam herab und das Aggregat drehte sich so, dass der Mann jetzt aufrecht vor Benn schwebte.

„Danke“, sagte er.

„Gern geschehen.“

„Aber wenn ich das nächste Mal so lange auf dich warten muss, dann werde ich die Signatur verweigern, die du für die Anerkennung deiner Zeit bei mir als Sozialstundenableistung brauchst!“

„Machen Sie das besser nicht“, sagte Benn. „Jemanden, der das System Ihres Antigravs so gut kennt wie ich, finden Sie nicht so schnell. Und jemand, der sich mit Rechnern so gut auskennt wie ich – den finden Sie erst recht nicht.“

Mölders knurrte etwas Unverständliches vor sich hin. Er verschluckte sich. Seit Langem litt er unter starken, chronischen Verschleimungen der Atemwege. Ein Alarmsignal ertönte. Der Pflegeroboter – bis dahin nur eine regungslose, an eine Schaufensterpuppe des vorigen Jahrhunderts erinnernde Statue – erwachte zu seiner Art von mechanischem Scheinleben. Es war ein preiswertes Modell von einigermaßen humanoider Gestalt. Es fehlten die teuren Details, die Kleidung war nur aufgemalt. Der Mund konnte sich bei der Sprachausgabe nicht bewegen und es gab nicht einmal eine Grob-Mimik. Aber das Antigrav-Modul, auf das Mölders schlicht und ergreifend angewiesen war, war teuer genug gewesen. Da war eben wohl einfach kein Pflegeroboter mehr drin gewesen, der irgendwelchen ästhetischen Mindestanforderungen genügt hätte. Benn wusste – und hatte das bei seiner eigenen Ur-Urgroßmutter auch erlebt –, dass betagte Menschen sich oft mit ihren Pflegerobotern zu unterhalten anfingen, wie andere Leute das mit ihren Hunden taten. Und vielen blieb auch gar nichts anderes übrig, denn trotz der allgemein geltenden Pflicht zur Ableistung von Sozialstunden, waren viele Pflegebedürftige die meiste Zeit über mit ihren Robotern allein.

Mölders würgte und lief inzwischen so dunkelrot an, dass man sich Sorgen machen konnte. Aber Benn hatte das schon öfter miterlebt. Vielleicht lag es daran, dass er inzwischen ziemlich abgestumpft war, was den erbärmlichen Anblick betraft, den Mölders in einem solchen Fall bot. Eigentlich sollte er dir mehr leidtun!, ging es ihm durch den Kopf. Er hatte ein flaues Gefühl in der Magengegend. Es mochte ja sein, dass der alte Mann und die ganze Pflicht zum Sozialdienst ihn ziemlich nervte – aber tief in seinem Inneren hatte Benn dennoch das Empfinden, dass Mölders eigentlich etwas mehr Anteilnahme verdiente.

Vielleicht wollte Benn auch einfach nicht zu genau hinsehen müssen. Der Blick in Mölders gequältes Gesicht war schließlich fast so, als wenn Benn in einen Spiegel mit Zeitmaschinen-Effekt geschaut hätte, der ihm seine eigene mögliche Zukunft vor Augen führte.

Benn hatte allerdings volles Vertrauen in Mölders' Pflegeroboter. Er wusste, dass man sich auf die Grundfunktionen dieser Maschine verlassen konnte – dem alten Mann nichts Ernsthaftes geschehen würde. Jedenfalls nichts, was Benn hätte verhindern können. Das Modell war zwar einfach, aber dafür zuverlässig, wenn auch manchmal etwas rabiat.

Eine Klappe an der Schulter öffnete sich, ein mechanischer Arm, an dessen Ende sich eine Atemmaske befand, wurde ausgefahren. Die Atemmaske wurde Mölders auf das Gesicht gedrückt. Es zischte. Gleichzeitig bekam Mölders noch eine Injektion.

Das Ganze zog sich ein paar Minuten hin, dann war es vorbei. Mölders hatte wieder eine normale Gesichtsfarbe angenommen und räusperte und hustete nur noch ein bisschen vor sich hin, während der Pflegeroboter sich wieder zwei Meter entfernte und automatisch in den Stand-by-Modus ging. Eigentlich hätte er noch einen medizinischen Bericht anbieten müssen, aber diese Funktion hatte Mölders offenbar abgeschaltet.

„Ich hoffe, es geht wieder“, sagte Benn.

„Es muss ja!“, ächzte Mölders. Sein schweres Atmen ließ allerdings ahnen, dass sein Zustand zwar nicht akut lebensbedrohlich war, aber trotzdem in einigen Punkten zu wünschen übrig ließ. „Und wenn ich sicher gehen könnte, dass du meine Nachrichten nicht einfach ignorierst, wenn ich in höchster Gefahr bin, dann würde es mir noch besser gehen!“

„In höchster Gefahr...“, gab Benn zweifelnd zurück.

„Ja, ich weiß schon, was du meinst.“

„Wirklich?“ Benn runzelte die Stirn.

„Wer über hundertzwanzig und außerdem noch mit ein paar Krankheiten geschlagen ist, der ist sowieso ständig in höchster Gefahr ...“

„So kann man das natürlich auch sehen!“

„Aber ich meine es wirklich ernst, Benn! Dieser Antigrav bringt mich nochmal um!“

„Dann seien Sie nicht so geizig und leisten sich endlich einen professionellen Wartungsservice für Ihr Pflege-Equipment! Dann passiert auch nichts!“, erwiderte Benn in einem ziemlich ärgerlichen Tonfall.

„Kann ich mir nicht leisten“, meinte Mölders knapp. „Ich bin froh, dass du das machst.“

„Tut mir leid“, sagte Benn leise und war sich nicht sicher, was ihm jetzt eigentlich genau leid tat: Mölders Situation oder seine eigene Unfähigkeit, in diesem Fall angemessenes Mitleid zu zeigen.



Es war bereits spät, als Benn bei Sara eintraf. Er kannte Sara schon seit ihrer gemeinsamen Zeit in der Krabbelgruppe. Freundschaften wurden entweder früh oder im Datennetz geschlossen, seit die öffentlichen Schulen abgeschafft worden waren.

Saras Mutter arbeitet in dem großzügigen Wohnzimmer, das fast eine ganze Etage ausmachte und gleichzeitig als Büro und Koordinationszentrale für einen Bio-Pizza-Lieferservice diente. Saras Mutter hatte nur einen einzigen Job, hatte aber praktisch vierundzwanzig Stunden Bereitschaft. Wenn sie mal nicht zu Hause war, musste sie Kundenwünsche eben notfalls über den mobilen Netzzugang ihres Implantats entgegennehmen. Das ging auch.

„Hallo Benn. Schön, dass du mal wieder vorbeischaust“, sagte Emily Jörgensen. Sie hatte einen Kaffeebecher in der Hand. Von Sara wusste Benn, dass sie darin Stimmungsaufheller auflöste. Als Sara vor ein paar Jahren mal um ein Haar durch ihren Online-Kurs in Mathematik gefallen wäre, hatte sie die Pillen ihrer Mutter auch einmal probiert. Heimlich.

Allerdings hatte sie sich nicht nur erheblich mit der Dosis vertan, sondern war auch noch allergisch gegen einen der Wirkstoffe, wie sich bei der Gelegenheit herausstellte. Sie wäre um ein Haar daran gestorben. Man hatte ihr den Magen auspumpen müssen und natürlich wurden von da an deutlich erhöhte Krankenversicherungsbeiträge für sie fällig.

Auf die Dauer ließen sich die nur durch die Ableistung zusätzlicher Sozialstunden wieder senken. Für Sara war das eine Katastrophe, denn sie war ohnehin schon damit chronisch im Rückstand gewesen.

Saras Familiensituation war nicht ganz einfach. Ihr Vater war selten zu Hause.

Er war deutlich älter als Saras Mutter, ein Endsiebziger, der damit volle Reisefreiheit genoss. Dieser Umstand machte es möglich, dass er als selbstständiger Auslandsagent für deutsche Firmen sehr gut im Geschäft war. Da Jüngere nicht reisen durften, waren gerade exportorientierte Wirtschaftsunternehmen auf Leute wie ihn angewiesen. Auslandsagenten führten die Verhandlungen vor Ort oder wurden eingesetzt, um die Umstände vor Ort auszuloten und sich ein umfassenderes Bild von dem Land und der Situation des Geschäftspartners zu machen.

Herr Jörgensen konnte sich vor Aufträgen kaum retten, war aber auch fast nie zu Hause.

„Ist Sara in ihrem Zimmer?“, fragte Benn.

„Ja, ja ...“

Emily Jörgensen hörte schon gar nicht mehr richtig hin. Auf einer der Holoprojektionen und Bildschirmflächen an der Wand tat sich etwas. Mehrere Pizza-Bestellungen gingen gleichzeitig ein, die koordiniert werden mussten. Eine Anzeige blinkte auf. Irgendein Pizzabäcker konnte zurzeit nicht liefern. Es galt also für alle Fahrer, diesen Produktionsort gar nicht erst anzufahren und anderswo Ware aufzunehmen.

„Du kennst dich ja aus, Benn. Ich muss hier schnell mal ein paar Rückfragen beantworten“, sagte Saras Mutter.

„Okay.“

Benn ging zum Fitnessaufstieg. In alten Filmen und Online-Spielen mit historischem Background nannte man das eine Treppe. Aber in der realen Welt waren stufenförmige Aufstiege erst seit einigen Jahren wieder in Mode gekommen. Zur Zeit war es der letzte Schrei, Aufzüge zurückzubauen und gegen sogenannte „Treppen“ auszutauschen.

Benn ächzte die Stufen hinauf.

So was kommt dabei heraus, wenn alte Leute zeigen wollen, wie jugendlich und fit sie noch sind!, ging es ihm durch den Kopf. Wahrscheinlich war das eine Idee von Saras Vater gewesen. Typisch für seine Generation!, dachte Benn. Und typisch, dass er selbst zumeist gar nicht hier ist, um sich mit diesem Schwachsinn abzuquälen!

Jedenfalls war Benn froh, dass er bisher durch seinen Einspruch erfolgreich hatte verhindern können, dass bei ihm zu Hause so ein innenarchitektonischer Unsinn gemacht wurde.

Schließlich erreichte er Saras Wohnbereich.

Nachdem er die Tür passiert hatte, hörte er sie auch. Sie spielte auf ihrer Violine ein Stück mit vielen Läufen. Der Bogen tanzte über die Saiten, die Finger bewegten sich mit der Geschwindigkeit und Präzision von Spinnenbeinen. Eine Strähne ihrer langen Haare war ihr dabei auf die Stirn geraten und hing nun mitten in ihrem Gesicht. Sie bemerkte das nicht. Ihre Augen waren geschlossen und ihre ganze Konzentration galt nur den Noten, die in diesem Augenblick zweifellos auf ihrer Netzhautanzeige erschienen.

Benn sah ihr einige Augenblicke lang einfach nur zu. Er mochte es, wenn sie so sehr in ihr Geigenspiel vertieft war und sie alles andere um sich herum zu vergessen schien. Auf ihrem fein geschnittenen und an sich sehr glatten Gesicht erschien dann vor lauter Anstrengung manchmal eine Falte, die sich senkrecht über die Stirn zog. Eine Falte, die man auf den ersten Blick für ein Zeichen des Zorns halten konnte. Aber damit hatte das nichts zu tun. Vielmehr zeigte sich darin ein Höchstmaß an Anspannung und Konzentration.

Plötzlich brach sie ihr Spiel ab.

Wahrscheinlich hatte ihr die Netzhautanzeige irgendeinen schwerwiegenden Fehler angezeigt. Etwas, das nur jemand hörte, der sich mit dieser Art von Musik auskannte – oder eben ein unbestechliches Rechnerprogramm, das darauf getrimmt war, einem beim Üben auf Fehler und Ungenauigkeiten hinzuweisen.

Sie öffnete die Augen und schrak im ersten Moment zusammen, als sie Benn sah.

„Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken!“

„Wie lange bist du schon hier?“

„Noch nicht lange. Aber es ist schön, dir beim Spielen zuzuhören.“

„Danke.“

„Du hast eine Begabung für Musik, das steht fest.“

„Für jemanden, der nur Online-Unterricht hatte, spiele ich ganz passabel“, meinte sie. „Aber den Feinschliff müsste man woanders bekommen.“

Sie seufzte.

Benn wusste, was sie meinte. Ein Stipendium auf einem Music College in den USA oder Kanada – davon träumte sie. Unterricht bei einem richtigen Lehrer. Jemandem, der selbst ein Künstler war und ihr nicht nur die richtige Technik zeigen konnte, sondern auch, wie man den inneren Kern eines Musikstücks verstehen und durch sein Spiel hervorbringen konnte. Und später – Auftritte auf den großen Bühnen der Welt. Bühnen – nicht Online-Auftritte. Länder wie die USA, Kanada oder Australien ließen auch jungen Leuten volle Reisefreiheit, denn sie brauchten nicht zu fürchten, dass die Jungen nicht zurückkehrten. Im Gegenteil. Dort gab es zwar auch nicht mehr Geburten und nicht mehr Kinder, aber die Bevölkerung wuchs dennoch durch Einwanderung, und deshalb war sie im Durchschnitt sehr viel jünger. Ja, es lohnte sich einzuwandern: Denn dort musste man weder einen Großteil seiner Zeit mit Sozialdiensten zubringen, noch den Hauptteil seines Verdienstes als Abgabe abführen.

Alles, was neu und aufregend war, schien in diesen Ländern stattzufinden. In diesem Punkt waren sich Sara und Benn seit einiger Zeit vollkommen einig.

Eine Zukunft gab es für sie nicht in dieser kleinen, mitteleuropäischen Gefängniszelle namens Deutschland, die sich erst für über Fünfundsiebzigjährige öffnete. Eine Zukunft, die diesen Namen verdiente, die gab es nur irgendwo da draußen.

„Es ist etwas Schreckliches passiert“, sagte Sara. „Und ich hoffe sehr, dass du das wieder in Ordnung bringst!“



Sara legte die Geige zur Seite. Sie aktivierte ein holografisches Terminal für ihren Chip.

„Gib mir den Zugangs-Code“, sagte Benn eilfertig.

„Du kennst ihn.“

„Ich habe dir gesagt, du sollst ihn ändern!“

„Benn! Außer dir kennt ihn niemand und dir vertraue ich.“

Ein paar Anzeigen erschienen. Kolonnen von Zeichen und Zahlen. Und eine Warnmeldung.

„O, o!“, entfuhr es Benn. „Was hast du gemacht?“

„Ich habe mir nur das Lernprogramm für die Aufnahmeprüfung an der North American School of Music besorgt.“

„Doch nicht etwa über dein persönliches System?“

„Nein, ich bin ja nicht verrückt! Aber die Bundesnetzkontrolle hat trotzdem zugeschlagen! Mir droht eine Einstufung als Fluchtverdächtige! Ich wette, eine Nachricht an meine Eltern ist längst abgeschickt und meine Mutter hatte nur noch keine Zeit sie zu lesen!“

„Aber das ist doch unmöglich!“, entfuhr es Benn.

„Ich verstehe das ja auch nicht. Ich habe alles so gemacht, wie du es gesagt hast! Wirklich! Schließlich weiß ich doch, dass jemand, der solche Programme aufruft, in das Raster der Netzkontrolle gerät.“

„Du hast unseren Plan aufs Spiel gesetzt!“

„Nein, nicht mit Absicht!“

Benns Finger glitten über das holografische Menue. Er hatte Sara geraten, die Netzsignatur von jemandem zu benutzen, der über fünfundsiebzig und damit reiseberechtigt war. Das erregte keinen Verdacht. Die Netzsignatur von Saras Vater zu hacken war für Benn keine Schwierigkeit gewesen. Mochte er sich auch derzeit irgendwo in Asien aufhalten, so trat er doch regelmäßig mit seiner Tochter in Verbindung. Eigentlich hätte alles glatt gehen müssen.

Dann fand Benn die Wurzel des Übels: „Du hast die Daten auf deinem virtuellen Netzspeicher abgelegt!“, tadelte er sie.

„Wo denn sonst?“

„Zum Beispiel auf dem Speicher eines Implantats.“

„Aber der Netzspeicher ist doch privat! Wie kann ...“

„Die Netzspeicher von Unter-Fünfundzwanzigjährigen werden von der Netzkontrolle regelmäßig durchsucht“, widersprach Benn.

„Denken die, dass ich da eine Pornosammlung habe?“

„Darum geht es der Netzkontrolle nicht, Sara.“

„Worum dann?“

„Also ich weiß, dass darin unter anderem nach Hinweisen auf geplante Amokläufe gesucht wird. Aber offensichtlich steht 'Bevorstehende Jugendflucht aus dem Bundesgebiet' auch auf der Liste, die diese Kontrollmaschinen abarbeiten.“ Benn ließ die Finger über das Menue gleiten. Er wirkte sehr konzentriert.

„Gab's nicht früher so was wie die Idee eines freien Datennetzes?“

„Das ist Geschichte, Sara. Auch wenn alle das Gegenteil behaupten. Auf jeden Fall gilt das Grundrecht über informationelle Selbstbestimmung nicht für jeden. Wenn du alt bist, dann bist du frei. Dann kannst du reisen, wie dein Vater ...“

„Der ist nicht mal achtzig, da ist man doch nicht alt!“, warf sie ein, doch Benn sprach einfach weiter.

„... wer jung ist, der ist eine potenzielle Gefahr. Und wenn wir gefährlichen potenziellen Amokläufer und Alte-Leute-Belästiger dann einfach nur weg wollen, ist das auch wieder nicht in Ordnung!“

„Ich hoffe, dass wir es schaffen, Benn!“

„Was?“

„Na, abzuhauen!“

Benn hielt inne. Er sah sie an und schluckte. „Anfang des Jahres kommt vielleicht eine sehr gute Chance für uns ... Wenn wir die nicht nutzen, kann es sein, dass es für lange Zeit nicht mehr möglich sein wird.“

Sie runzelte die Stirn. „Wovon redest du eigentlich?“

„Verfolgst du zufällig den Weltraumwetterbericht?“

„Nein! Was hat das Wetter mit unserer Flucht zu tun?“

„Werde ich dir später erklären. Ich habe da eine Idee, wie wir unseren Plan in die Tat umsetzen könnten. Und was dein Problem hier angeht, habe ich vielleicht eine Lösung. Ich lasse es so erscheinen, als wären die Daten auf den Netzspeicher deines Vaters geladen worden.“

Sara runzelte die Stirn. „Und das kriegen die nicht raus?“

„Die Netzkontrolle ist eine Maschine, Sara. Ein Programm, das automatisch arbeitet. Sehr genau, aber auch sehr dumm. Solche Mechanismen lassen sich immer ganz gut täuschen, wenn man weiß, worauf sie reagieren.“

„Und was ist mit der automatischen Nachricht, die meine Eltern vielleicht schon bekommen haben?“

„Ich schicke eine Nachricht hinterher, die das ganze als Fehlfunktion erklärt. So was kommt vor. 'Bitte entschuldigen Sie, falls wir Sie unnötig in Sorge um Ihr minderjähriges Kind gestürzt haben oder ähnlich ...'“

Benns Finger betätigten das Menue mit traumwandlerischer Sicherheit. Im virtuellen Raum kannte er sich aus. Rechnersysteme reagierten letztlich meistens kalkulierbar – und das bedeutete auch, dass sich immer irgendwo ein Ansatzpunkt ergab, um sie zu manipulieren und sich vor allem ihrer Kontrolle zumindest ein Stück weit zu entziehen. Denn darum ging es Benn in erster Linie: um Freiheit.



„Wer macht denn jetzt eigentlich alles mit?“, fragte Sara später, nachdem sich Benn in einen der Sessel gefläzt hatte, die aussahen wie große Billardkugeln und sich exakt der Körperform anpassten, sodass sie als besonders rückenschonend galten. Alte-Leute-Sessel eben. Sara hatte sie von ihrem Urgroßvater geerbt, der sie nicht mehr brauchte, weil er auf die Reise ohne Wiederkehr gegangen war.

Aber man saß gut darin, wie Benn zugeben musste.

„Nur Nicolas und Bahar.“

„Wäre es nicht besser, wenn wir ein paar mehr wären?“, meinte Sara.

Aber Benn schüttelte den Kopf.

„Wir können nur Leute einweihen, denen wir voll und ganz vertrauen. So wie Nicolas und Bahar – die kennen wir seit Ewigkeiten.“

„Aus der Krabbelgruppe, um genau zu sein“, warf Sara ein. „Meine Mutter erzählt immer, dass ich Bahar mit der Schippe auf den Kopf gehauen hätte. Aber da kann ich mich nicht dran erinnern.“

Benn grinste.

„Wahrscheinlich war dir in dem Moment einfach noch nicht klar, wie wenige Freunde man in diesem Land in der eigenen Altersgruppe finden kann! Sonst wärst du mit Sicherheit vorsichtiger gewesen!“

Sara lächelte mild. „Eigentlich habe ich mich schon damals mit dir am besten verstanden“, meinte sie.

„Ja, ich weiß ...“

Der Blick ihrer dunklen Augen ruhte einen Moment auf ihm. Benn kannte Sara schon so lange, dass er manchmal den Eindruck hatte, ihre Gedanken lesen zu können. Und so wusste er, dass sie jetzt eigentlich noch etwas anderes hatte sagen wollen. Etwas ganz anderes, als sie dann schließlich tatsächlich von sich gab.

„Du hast irgendwas vom Wetter gesagt, aber ich wüsste nicht, was das mit unserem Plan zu tun hat!“

„Nicht Wetter“, widersprach Benn. „Weltraumwetter. Kurz nach dem Jahreswechsel wird mit einem Sonnensturm gerechnet, der einen Shutdown notwendig macht, versteht du? Das könnte unsere Chance sein.“

„Sonnensturm?“ Sara sah aus wie ein Fragezeichen. „Ich weiß nur, dass in Kürze, vielleicht heute noch, ein Wirbelsturm erwartet wird. Aber muss ich unbedingt wissen, was ein Sonnensturm ist?“

„Mach mich nicht schwach – du müsstest dich an den letzten noch erinnern, da waren wir sieben oder acht. Und auch wenn es kein Mega-Exemplar war, wie er diesmal erwartet wird, hat man damals doch die meisten Rechnersysteme heruntergefahren. Ich musste meine Online-Monsterjagd für mehre Stunden unterbrechen und mein Punktestand ist nicht gespeichert gewesen!“

„Klingt nach einem einschneidenden Erlebnis!“, flachste Sara.

„Und du erinnerst dich wirklich nicht?“, fragte Benn.

Sara zuckte mit den Schultern. „Ich muss wohl gerade Geige geübt haben! Da vergesse ich alles um mich herum.“

„Nicht zu fassen!“

„Ich habe davon gehört, aber mich nie dafür interessiert, was für ein Wind da aus der Sonne kommt und jetzt tu nicht so oberschlau, sondern erkläre es mir lieber – und vor allem, was es mit unserem Plan zu tun hat!“

Und Benn erklärte ihr, dass der sogenannte Sonnenwind elektromagnetisch geladene Teilchen zur Erde transportierte. Als Nordlichter wurden sie sichtbar. Und wenn aus dem Sonnenwind ein Sonnensturm wurde, dann reagierte die moderne Hochtechnologie außerordentlich sensibel darauf. Satelliten fielen aus, Transformatoren schmorten durch, großflächige Stromausfälle und Störungen in den Kommunikationsnetzen drohten. Außerdem konnte es zu unersetzlichen Datenverlusten großer Server kommen. Um dem vorzubeugen, wurden gefährdete Systeme teilweise heruntergefahren – man nannte das einen Shutdown. Das Datennetz war in diesen Phasen nur eingeschränkt verfügbar. Dasselbe galt allerdings auch für die vielfältigen Kontroll- und Überwachungssysteme.

„Wenn wir eine Chance haben, dann ist es während eines Shutdowns“, war Benn überzeugt. „Das macht es zumindest leichter.“

„Wie schlimm soll es denn werden?“, fragte Sara.

„Mindestens so wie 1989, als fast in ganz Kanada der Strom ausfiel. Es ist aber auch möglich, dass dieser Sonnensturm sogar den bisherigen Rekordhalter von 1859 in den Schatten stellt. Damals konnte man Polarlichter auf Hawaii und über Rom sehen!“

„Aber damals hatte man wohl noch keine Probleme damit, weil es noch keine empfindlichen Datennetze gab, Benn!“

Benn zuckte mit den Schultern. „Aus den Telegrafenverbindungen sollen zum Teil Flammen geschlagen sein und einige Stationen gerieten in Brand. Aber wie gesagt, ein Shutdown ist ideal für uns. Sonst könnte es wirklich schwierig werden in einen der Frachtcontainer zu gelangen, der uns dann mitnimmt.“

Sie lächelte matt. „Ist sowieso ein ziemlich wahnwitziger Plan“, fand sie. Sie hob ihre Linke und deutete mit dem Zeigefinger der Rechten auf die Stelle, wo bei den meisten Bürgern normalerweise das Implantat eingesetzt war, das die Verbindung zum Datennetz herstellte. Das Implantat, das einen im Grunde erst zum vollwertigen Menschen machte, denn ohne es war man von jeglicher Netzkommunikation ausgeschlossen. Allerdings stellte dieses Gerät auch ein Überwachungsinstrument dar, denn es ließ sich wunderbar leicht orten. Und ein Bewegungsprofil fiel ausdrücklich nicht unter den gesetzlichen Datenschutz; die Sicherheitskräfte und die Bundesnetzkontrolle hatten jederzeit Zugriff darauf. Eine große Mehrheit zur Ängstlichkeit neigender älterer Bürger wollte das so. Sicherheit war dieser Mehrheit einfach sehr viel wichtiger als Privatsphäre oder Freiheit. Und die verschwindend geringe Kriminalitätsrate gab ihnen recht, so schien es.

„Was ist mit diesen Dingern, Benn?“, fragte Sara und betrachtete die Stelle, an der ihr Implantat saß, nachdenklich. „Wie willst du die austricksen? Angenommen wir schaffen es tatsächlich an Bord eines Frachtcontainers, dann schrillt doch spätestens, wenn wir die Grenze überfliegen, irgendwo in irgendeiner Leitstelle ein Alarmsignal: 'Achtung, junge zukünftige Beitragszahler versuchen zu flüchten, weil sie keine Lust haben, wie in einem Gefängnis zu leben!'“

„Dafür habe ich eine Lösung“, erklärte Benn.

„Und wie sieht die aus?“

„Interessieren dich die technischen Details wirklich? Warte es einfach ab. Ich habe es in der Simulation ausprobiert: Und es funktioniert!“

„Vertraust du mir nicht oder wieso willst du nicht mehr erzählen?“

„Ich werde es dir in Kürze einfach mal vorführen, Sara.“

„Wann?“

„Wenn du das nächste Mal bei uns bist.“

„Und hast du dir auch schon mal überlegt, wie man in einen dieser Container gelangen kann, ohne den Sicherheitskräften ins Netz zu gehen?“

„Auch dafür gibt es eine Lösung“, versprach Benn. „Was ist los, zweifelst du an deiner Entscheidung?“

Sara zögerte. „Nein, natürlich nicht ...“, versicherte sie.

„Falls das der Fall sein sollte, wäre es fair, wenn du mir das hier und jetzt sagst. Dann brauchen wir kein Wort mehr darüber verlieren.“

„Du würdest auch ohne mich gehen, oder?“

„Ich würde es zumindest versuchen“, antwortete Benn nach einem gewissen Zögern und wich ihrem Blick aus. „Hier sind wir Sklaven bis wir so alt sind, dass wir selbst auf die Hilfe anderer Sklaven angewiesen sind.“

„Das ist aber hart ausgedrückt!“

„Es ist doch die Wahrheit, Sara. Ich weiß nicht, ob du mal ein Kind willst. Aber falls du solche Pläne hast, solltest du auch mal darüber nachdenken, ob es fair ist, ein Kind in die Welt zu setzen, dem man die ganzen Lasten der vorangegangenen Generationen aufhalst.“

Ein Signal ertönte. Sara sah zur Wand. Ihre Gehirnströme erzeugten über ihr Netzhaut-Menue und über das Implantat einen Impuls, der ein großformatiges Display hervorbrachte. Zuerst war die Anzeige holografisch, dann verlor sie zusehends an Qualität. Bald war sie nur noch scheinbar dreidimensional, so wie die Filme des frühen 21.Jahrhunderts, die die Menschen damals mit Hilfe von Spezialbrillen ansehen mussten, um den 3D-Effekt zu erkennen. Zum Schluss war nur noch ein zweidimensionales Bild da, bei dem noch nicht einmal alle Farben im angemessenen Sättigungsgrad zu finden waren.

>Übertragung mit reduzierter Datenmenge stand darunter. Außerdem wurde gefragt, ob man die Übertragung zulassen wollte oder nicht. Sara wollte.

„Doppel-Ur!“, stieß Sara erfreut hervor, als sie einen hüpfenden Astronauten sah, der im roten Sand des Mars Sprünge von mehreren Metern vollführte. Doppel-Ur war eine Kurzform zur Bezeichnung von Ur-Urgroßeltern, die immer mehr Verbreitung gefunden hatte, seit es keine Seltenheit mehr war, dass die Lebensspannen von fünf, sechs oder manchmal sogar sieben Generationen einer Familie sich überschnitten. Dementsprechend gab es auch den Dreifach- oder Vierfach-Ur, oft auch einfach nur 3Ur beziehungsweise 4Ur genannt.

Saras Doppel-Ur vollführte einen letzten großen Sprung und kam dann – zunächst etwas schwankend – auf seinen Füßen zu stehen. Er balancierte sein Gleichgewicht mit den Armen aus. Die Art zu gehen erinnerte etwas an den Galopp eines Pferdes – nur, dass dieses Pferd eben nicht mehr als zwei Beine besaß und einen Druckanzug trug.

„Sara, hier spricht Martin Jörgensen, dein Ur-Ur-Großvater, der inzwischen zu einem richtigen Marsianer geworden ist. Halt doch die Kamera nicht so schief, wie komme ich denn dann auf der Erde auf dem Display an.“ Letzteres war offenbar eine Anweisung an denjenigen, der die Kamera führte und deswegen selbst nicht im Bild sein konnte.

Sara schaltete unterdessen die Darstellung etwas größer. Das für die Verhältnisse des Jahres 2100 doch etwas arg grobkörnige Bild dehnte sich aus und nahm nun fast die gesamte Wand ein.

Der hüpfende Astronaut blieb stehen. Die Einstellung der Kamera konzentrierte sich auf sein Gesicht. Allerdings war davon nicht allzu viel zu sehen. Dazu spiegelte der Glasersatz im Helm einfach zu sehr.

„Tja, wenn du mir antworten willst, dann wird es bei der gegenwärtigen Position des Mars etwa eine Viertelstunde dauern, bis das Signal von der Erde mich erreicht. Darum werde ich jetzt einfach mal weiterreden. Und du solltest immer bedenken, dass meine Nachricht eine Viertelstunde alt ist, wenn sie dich erreicht – und mich schon ein Sandsturm tausend Kilometer in die Höhe gerissen haben könnte!“

„Er macht ja einen ganz zufriedenen Eindruck“, meinte Benn. „Als alter Sack noch mal was Sinnvolles tun und einen fremden Planeten erobern! Klingt cool!“

„Ich glaube, für mich wäre das nichts“, murmelte Sara.

Reise ohne Wiederkehr – dieser Begriff hatte sich dafür eingeprägt. Alte und Uralte flogen in Einwegraumschiffen zum Mars, insofern sie das nötige Geld für die kostspielige Reise zur Verfügung hatten. Viele sparten ihr halben Leben dafür. Die Nachfrage war so groß, dass sie kaum befriedigt werden konnte, was leider den Nachteil hatte, dass die Preise, die für diese Passage genommen wurden, wohl auf lange Zeit stabil bleiben würden. Und das, obwohl man die Reise eigentlich inzwischen vermutlich für die Hälfte hätte anbieten können.

Der Raumverkehr zum Mars war – bis auf die Fahrten einiger Forschungsmissionen – eine Einbahnstraße. Der größte Kostenfaktor war nämlich die Rückkehr. Aber die Menschen, die sich auf die Reise ohne Wiederkehr begaben, waren keine Forscher. Sie waren Siedler. Menschen, die oft mehrere Familiengründungen und berufliche Karrieren hinter sich hatten. Und für die es eigentlich nur noch eine Perspektive zu geben schien: Den folgenden Generationen durch eine enorm teure Pflege und hohe Aufwendungen für High-Tech-Medizin zur Last zu fallen. Aber die Besiedlung einer neuen Welt war ein Projekt, das dem Leben Sinn gab. Davon abgesehen wogen die Risiken für Alte nicht so schwer wie für Junge. Strahlenschäden zum Beispiel hatten weniger Bedeutung, wenn die Lebenserwartung ohnehin begrenzt und die Familienplanung abgeschlossen war. Und davon abgesehen wurden diese Risiken für die Reisenden ohne Wiederkehr durch die positiven Aspekte aufgewogen. Dazu gehörte die geringere Schwerkraft auf dem Mars, die das Herz-Kreislaufsystem entlastete.

„Also, mir geht es hier recht gut!“, berichtete Saras Doppel-Ur. „Unser Gewächshaus funktioniert wunderbar und man hilft sich hier bei allem. Das einzige, was uns im Moment etwas Sorgen macht, sind die bevorstehenden Sonnenstürme, die uns wahrscheinlich im Januar treffen werden. Es gibt hier ja weder ein Magnetfeld, noch eine Ozonschicht. Also trifft uns das Plasma mit voller Wucht. Für uns selbst haben wir inzwischen unterirdische Strahlenschutzräume eingerichtet. Ist zwar ein bisschen eng darin, aber für die Dauer des Sonnensturms geht das. Mehr Sorgen macht mir der Schutz der Computersysteme, die durch den EMP-Schock in Mitleidenschaft gezogen werden können. Ja, so leicht wie bei euch auf der Erde ist das hier leider nicht! Ihr könnt einen Shutdown durchführen, wobei sich dann wieder einmal zeigen wird, dass der meiste Techno-Schnickschnack in Wahrheit überflüssig ist. Aber hier oben trifft das nicht zu. Von den meisten der Systeme hängt schlicht und ergreifend unser Überleben ab.“ Martin Jörgensen machte eine Pause. Sein unsichtbarer Begleiter nahm ihn jetzt aus einer geringfügigeren Perspektive auf, sodass das Licht in einem anderen Winkel einfiel und der Helm nicht mehr so stark spiegelte. Man konnte jetzt seine Züge gut erkennen. Ein grauer Bart wucherte um sein Kinn herum.

„Wir werden das schon schaffen. Ich werde mich dann wieder melden, sobald es möglich ist, Sara! Grüß die anderen von mir! Denen habe ich zwar eine Kopie dieser Nachricht geschickt, aber ich weiß sehr wohl, dass sie alle ziemlich sauer sind, weil ich alles, was sie hätten erben können, in meine Marsreise gesteckt habe. Sorry, aber nachdem ich vier Generationen von Jörgensens durchgefüttert habe, dachte ich, ich dürfte auch mal etwas egoistisch sein!“ Er lachte und das Helmmikro übersteuerte dabei. „Kann sein, dass ich den ein oder anderen von euch noch überlebe! Einer neuesten Studie zufolge verlängert sich die durchschnittliche Lebenserwartung, wenn man mindestens zehn Jahre auf dem Mars gelebt hat! Natürlich gilt das nur dann, wenn man sich niemals wieder unter die erdrückende Schwerkraft der guten alten Mutter Erde begibt! Aber das habe ich ja nicht vor ... Ach ja, falls einer von euch weiß, wie ich meine Ex-Frau über das Netz erreichen kann, dann lasst es mich wissen. Bis dann!“

Die Übertragung war beendet. Ein Menue wurde geöffnet. >Jetzt oder später antworten

„Echt cooler Typ“, meinte Benn.

„Was seine Ex-Frau angeht, kann ich ihm leider nicht helfen“, meinte Sara.

„Wieso?“

„Sie ist einer Sekte beigetreten, die das Datennetz aus religiösen Gründen ablehnt. Das letzte, was wir von ihr gehört haben, ist, dass sie in einem Kloster im Himalaja lebt und Körbe flechtet.“

„Downshifting des Lebensstils nennt man das wohl“, meinte Benn.

„Downshifting des Verstandes würde ich das eher nennen. So nett mein Doppel-Ur Martin auch wirken mag, aber er scheint ein Talent dafür zu haben, die Frauen an seiner Seite im wahrsten Sinn des Wortes in den Wahnsinn zu treiben!“

„Hast du nicht mal erzählt, dass seine erste Ex-Frau an Frühdemenz erkrankt ist?“

„Ja. Aber er hat sich frühzeitig scheiden lassen, sodass er nicht in pflegerischen Regress genommen werden konnte! Das blieb stattdessen an ihren direkten Nachkommen hängen, beziehungsweise wird es noch, denn ich zähle ja auch dazu! Schließlich war Martins erste Frau meine Ur-Urgroßmutter.“

„Verwandtschaften sind was Kompliziertes“, stellte Benn fest.

„Wem sagst du das?“

Eine Pause entstand. Schließlich sagte Benn: „Unsere Reise wird auch ohne Wiederkehr sein, auch wenn sie nicht ganz so weit weg führt wie die von deinem Doppel-Ur. Ich hoffe, das hast du dir wirklich klargemacht!“

Sie blickte auf, strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und nickte. „Habe ich!“, behauptete sie.

Aber Benn entging nicht das leichte Vibrieren in ihrer Stimme. Man musste kein Experte für Körpersprache und Stimmenmodulation sein, um zu erkennen, dass da immer noch ein Rest von Unsicherheit an ihr nagte. Aber, wenn er ganz ehrlich war, dann galt das für ihn selbst genauso.

„Darf ich dich mal was fragen, Benn?“

„Sicher.“

„Was wirst du vermissen – ich meine, wenn wir mal weg sind?“

Benn hatte befürchtet, dass sie diese Frage irgendwann stellen würde. Er schluckte. So vieles ging ihm jetzt durch den Kopf. Er dachte an seine Eltern, von denen er sich nicht mal verabschieden konnte. Aus irgendeinem Grund fiel ihm jetzt ein, wie seine Mutter zu seinem zwölften Geburtstag einen Kuchen ohne Hilfe des häuslichen Computersystems gebacken hatte. Aber das System war unbestechlich gewesen. Die Daten in der Kalorienrechnung, die biometrischen Daten, das alles passte später nicht mehr zusammen und es schien zunächst unmöglich, die auf einen Sozialbetrug zur Erschleichung von günstigeren Krankenversicherungsbeiträgen abzielende, immer bohrendere Fragefunktion auszuschalten. Aber Benn – schon damals ein kleines Computergenie - hatte schließlich einen Weg gefunden und sie hatten schließlich darüber gelacht. Ein befreites Lachen von zwei Verbündeten gegenüber einem allgegenwärtigen Kontrollsystem, deren kleine Verschwörung schließlich Erfolg gehabt hatte. Benn musste bei dem Gedanken unwillkürlich lächeln und gleichzeitig spürte er den Schmerz des drohenden Verlustes wie einen Stich.

„Nichts?“, fragte Sara verwundert, weil er noch nicht geantwortet hatte. „Du vermisst wirklich gar nichts?“

Doch, so vieles!, ging es ihm durch den Kopf. Aber er sagte es nicht, denn er hatte das Gefühl, dass er diese übermächtigen Gefühle nicht mehr unter Kontrolle halten konnte, wenn er aussprach, was er verlieren würde.

„Nicht viel“, sagte er schließlich.




Es war ziemlich spät, als Benn sich auf den Weg nach Hause machte. Der Personengleiter, in dem er saß, war voll besetzt. Das Durchschnittsalter der etwa zwei Dutzend Insassen schätzte Benn auf etwa neunzig bis hundert. Daran änderte nicht einmal der Junge von etwa fünf Jahren etwas, der wohl in irgendeiner verwandtschaftlichen Beziehung zu der Achtzigjährigen auf seiner Linken stand. Da der Kleine sie mit Mama anredete, sie aber trotz aller Fortschritte der Reproduktionsmedizin nicht dafür in Frage kam, das Kind selbst auf die Welt gebracht zu haben, vermutete Benn, dass der Junge von einer Leihmutter ausgetragen worden war.

Deutschland hatte zu den letzten Ländern gehört, in denen Leihmutterschaft legalisiert worden war. Aber der Druck der demografischen Entwicklung war schließlich übermächtig geworden.

Der Junge saß vollkommen ruhig da und blickte mit weit aufgerissenen Augen scheinbar ins Nichts. Manchmal konnte man innerhalb seines linken Auges ein paar Lichtblitze sehen.

Vermutlich spielte er gerade ein Online-Spiel oder sah sich einfach nur einen Film an. Jedenfalls war er beschäftigt.

Zwischenzeitlich bohrte er selbstvergessen in der Nase und aß das Gefundene auf.

Benn blickte aus dem Seitenfenster, als ihn eine Nachricht von Nicolas erreichte. Benn ließ sie sich auf seiner Netzhaut anzeigen.

>Ich hoffe, du hast alles festgebunden. Der Wirbelsturm ist gleich da!

Zur Nachricht gehörte auch ein animiertes Gesicht von Nicolas. Er hatte wirres Haar und wirkte auf Außenstehende immer sehr locker. Erst wenn man ihn besser kannte, wusste man, dass er keineswegs so oberflächlich war, wie er gerne tat. Und vor allem, dass er mehr drauf hatte, als die meisten jemandem zutrauten, der weit davon entfernt war, irgendeinen Bildungsabschluss erreichen zu können. Benn hatte ihm wiederholt geholfen, seine Online-Kurse zu deaktivieren, ohne dass seine Netzverbindung verloren ging.

Nicolas' animiertes Gesicht zwinkerte ihm zu und grinste dabei.

Die Animation hatte Benn erstellt. Allerdings war das schon ein paar Jahre her und inzwischen konnte Benn so etwas mit sehr viel mehr Perfektion programmieren. Aber Nicolas benutzte die Animation immer noch in seinen Nachrichten an ihn. Es war so etwas wie ein Echtheitszertifikat dafür, dass die Nachricht tatsächlich von ihm stammte.

Benn fiel ein, dass er in den letzten Stunden den Wetterbericht in seiner Netzhautanzeige deaktiviert hatte. Während seines Treffens mit Sara hatte er davon nicht andauernd abgelenkt werden wollen. Und ein Sturm kam eben, wenn er kam. Daran ließ sich nichts ändern und er kam auch nicht schneller oder langsamer, wenn Benn dauernd den Wetterbericht checkte.

Ein Impuls seiner Gehirnströme schaltete diese Anzeige jedoch nun wieder ein. Nicolas hatte recht: Draußen war es sehr dunkel. Zu dunkel, wie Benn in diesem Moment schlagartig klar wurde. Normalerweise war der Nachthimmel von den Abertausenden von Positionslichtern der Schweber erfüllt, die zu jeder Tages- und Nachtzeit in ihren endlosen Kolonnen vorüberzogen. Neue Sterne nannte man sie manchmal, denn die eigentlichen Sterne konnte man am Nachthimmel größerer Städte schon seit hundert Jahren kaum noch erkennen. Die Lichtverschmutzung war einfach zu stark. Wenn man die Sterne sehen wollte, konnte man sich über das Netz ja auch jederzeit mit dem Datenstrom eines der Observatorien verbinden, die es auf dem Mond und im Erdorbit gab. Dann hatte man einen wirklich freien Blick ins Universum, der weder durch Lichtverschmutzung, Wolken oder Smog getrübt wurde.

Ein Nachthimmel ohne Lichter war jedenfalls ein Alarmzeichen. Nur hier und da sah man noch vereinzelte Positionslichter aufleuchten. Die Gleiter, deren Position sie anzeigen sollten, waren anscheinend alle in einem Sinkflug begriffen. Auch der Gleiter, in dem Benn Platz genommen hatte, setzte nun zur Landung an. Es war einfach zu gefährlich, bei einem sich nähernden Wirbelsturm in der Luft zu bleiben.

Inzwischen wurden auch sämtliche Passanten, die um diese Zeit noch im Freien unterwegs waren, über eine nicht unterdrückbare Netzbotschaft aufgefordert, sich in Sicherheit zu bringen.

Diese sogenannte Bürgerbotschaft drängte sich in Benns Netzhautanzeige und schob sich ziemlich aufdringlich über Nicolas’ Nachricht. So lange, bis Benn die Option >zur Kenntnis genommen anwählte.

Der Gleiter setzte unterdessen auf dem Boden auf. Das System hatte einfach den nächsten geeigneten Landeplatz angeflogen. In diesem Fall war das eine der ehemaligen Autobahnen, die die Stadtlandschaft durchschnitten. Früher waren sie einmal lebenswichtige Verkehrsadern, heute wirkten sie eher wie Narben, die sich durch das Stadtgebiet zogen. Selbst die Grünflächen, die sich rechts und links dieser Betonbahnen erstreckten, konnten diesen Eindruck nicht abmildern.

Auch wenn das Zeitalter des Automobils längst und lange vorbei war, so hatten diese breiten Straßen immer noch eine wichtige Funktion – nicht nur wenn ein Sturm aufzog. Sie dienten vornehmlich zum Fahrradfahren und als Notlandeplätze für Gleiter.

Der Gleiter, in dem Benn seinen Heimweg angetreten hatte, stand inmitten von anderen Gleitern jeder nur erdenklichen Größe und Funktion. Fliegende Container waren ebenso dabei wie solche Gleiter, die für ganz spezielle Aufgaben konstruiert worden waren.

Vor ihnen ragte ein Transportgleiter auf, dessen Container mindestens so hoch wie ein dreistöckiges Haus war. Gut so, dachte Benn. Im Windschatten dieses riesigen Klotzes ließ sich so ein Sturm wahrscheinlich am besten überstehen.

Ein Ruck ging durch die Gleiterkabine, als teleskopartige Metallarme ausgefahren wurden, an deren Enden sich tellerförmige Saugnäpfe befanden, die das Gefährt am Boden befestigten.

Benn lehnte sich entspannt zurück. Das konnte jetzt eine Weile dauern!, wusste er. Vielleicht sollte ich mir einen Film reinziehen oder etwas spielen, überlegte er sich.



Eine weitere Nachricht von Nicolas erreichte ihn: >Sieh dir das mal an!

Benn aktivierte den Link. Eine Live-Übertragung begann. Nicolas war zu sehen. Der Kamerawinkel war etwas schräg, weil er sich offenbar selbst filmte. Aber nach einem Schwenk konnte man erkennen, dass er sich erstens draußen im Freien und zweitens auf dem Dach eines hohen Gebäudes befand.

„Mach keinen Quatsch!“, sagte Benn laut, sodass alle anderen in der Gleiterkabine ihn stirnrunzelnd ansahen.

Da die Spracherkennung aktiviert war, konnte Nicolas seine Worte hören.

>Hey, wozu sind Antigrav-Geräte denn da?, erreichte ihn eine Antwort von Nicolas. >Du kennst mich! Bei so einem Sturm kann ich nicht widerstehen!

Benn antwortete Nicolas, aber diesmal ohne laut zu sprechen. Schließlich wollte er nicht als rücksichtslos auffallen. Kevin Mölders hatte ihm mal erzählt, dass es im frühen 21. Jahrhundert üblich gewesen sei, mit dem Mobiltelefon am Ohr laut redend durch die Straßen zu gehen. Die meisten Leute hätten gar nicht darauf geachtet, dass sie alle möglichen unfreiwilligen Zuhörer an dem Inhalt ihres Gesprächs beteiligten. Benn konnte sich das gar nicht vorstellen – das muss komisch gewesen sein.

Eine Verbindung über die Netzhautanzeige machte dagegen natürlich eine sehr viel diskretere Kommunikation möglich.

>Lass das besser bleiben, Nicolas!

>Danke für deine Sorge, aber weder du noch ich brauchen uns ins Hemd zu machen! lautete Nicolas' Antwort. Das war typisch für ihn. Coolsein trotz brenzliger Lage. >Es ist genau das richtige Wetter für einen guten Sprung in die Tiefe!

>Hör auf mit dem Quatsch!

>Du solltest so was mal mitmachen! Dann wärst du vielleicht etwas lockerer drauf, Benn!

Inzwischen brauste der Wind so heftig über die Stadt, dass es für einen Fußgänger im Freien schon kaum noch möglich gewesen wäre, sich auf den Beinen zu halten. Und wenn man auf dem Dach eines hohen Gebäudes stand, war es lebensgefährlich!

Nicolas sprang in die Tiefe.

Es war immer dasselbe Spiel und vor allem natürlich vollkommen illegal. Man sprang von einem hohen Gebäude und schnallte sich dabei ein Antigrav-Aggregat um, mit dem man den Fall dann in letzter Sekunde abbremste, um dann wie ein Gummiball wieder in die Höhe gerissen zu werden. Bei Sturm machte das besonders Spaß, war aber auch besonders riskant. Schon deswegen, weil die meist jugendlichen Springer nicht die auf Personen abgestimmten Aggregate benutzten, die in der Pflege benutzt wurden, sondern die weniger komplizierten Modelle, die beim Transport schwerer Güter Verwendung fanden. Die waren etwas einfacher in der Bedienung.

Aber ein gewisses Risiko war Teil dieses leichtsinnigen Spiels. Der Sinn war es, Adrenalin freizusetzen, die stärkste Droge, die der menschliche Körper selbst produzieren konnte, wenn man ihn nur der richtigen Situation aussetzte.

Die Bilder, die Benn nun von Nicolas' Sprung erreichten, waren ziemlich chaotisch. Nachdem Nicolas in der Luft war, wurde er zum Spielball der Schwerkraft und des Windes. Bis er endlich – Benn kam es wie eine Ewigkeit vor - das Antigrav-Aggregat einsetzte und damit den Fall abbremste. Benns Herz klopfte bis zum Hals, als Nicolas schließlich wie ein Fallschirmjäger zu Boden schwebte. Benn hasste diese Leidenschaft von Nicolas. Es hatte in der Vergangenheit immer wieder schwere Unfälle mit Springern gegeben.

Und am liebsten hätte Benn Nicolas übermittelt, dass durch diesen Sprung eventuell sogar ihr gemeinsamer Fluchtplan vereitelt werden konnte!

Zumindest für Nicolas!

Nicht nur dass er sich in Lebensgefahr brachte, nein, er brachte sich auch in Gefahr, bei dieser illegalen Aktion erwischt zu werden. Und das würde heißen, dass er für die nächste Zeit unter besonderer Beobachtung stehen und es sehr viel schwerer haben würde, sich noch frei zu bewegen. Und das wiederum hatte die Konsequenz, dass er vielleicht sogar das ganze Unternehmen in Gefahr brachte!

Aber das schien Nicolas nicht weiter zu belasten.

>Den Mist sehe ich mir nicht weiter an!, sandte Benn an Nicolas und deaktivierte die Übertragung.

Seine Netzhautanzeige zeigte ihm im nächsten Moment nur einfach die Anzeige des Menues.

Dieser Irre!, dachte Benn nicht zum ersten Mal und es war ebenfalls nicht das erste Mal, dass er es bereute, Nicolas überhaupt in die Fluchtpläne eingeweiht zu haben.

Benn sandte ihm eine Nachricht, die seine Meinung kurz und bündig auf den Punkt brachte.

>Du bist bekloppt!

>Hast du es gesehen? War geil!, kam es zurück.

>Nein, ich habe es mir nicht angesehen! Wenn du auf dem Beton aufschlägst, will ich das nicht live mitkriegen, Nicolas!

>Ach, ich schlage nirgendwo auf. Ich bin nur ein Springer, aber kein Platscher!

Der Unterschied zwischen einem Springer und einem Platscher bestand darin, dass letztere ohne Antigrav-Aggregat von hohen Gebäuden sprangen und dabei die Absicht hatten, sich zu töten. Manchmal benutzen sie auch ein Antigrav-Aggregat und klinkten sich erst später aus, um gezielter auf dem Boden aufschlagen zu können. Ziel war es dabei, den eigenen Selbstmord möglichst effektvoll zu inszenieren, nur dass dabei (im Gegensatz zu den Amokläufern) niemand anderes in Mitleidenschaft gezogen werden sollte. Zumindest nicht körperlich. Der Schock, den es für Passanten nach sich zog, wenn plötzlich jemand vor ihnen aus großer Höhe auf dem Asphalt aufschlug, war natürlich einkalkuliert. Auf diese Weise konnte der Betreffende sicher sein, im Gedächtnis vieler Zeugen für immer gegenwärtig zu sein – ein Maß an Aufmerksamkeit, dass die meisten Platscher im Leben wohl nie bekommen hatten.

Springer wollten ihre Adrenalinprduktion ankurbeln, Platscher wollten genau dasselbe bei ihren unfreiwilligen Zuschauern erreichen. Benn hatte für beides nicht viel übrig. Dieser Idiot!, dachte er. Muss der in seinen Nachrichten an mich auch noch das Wort Platscher benutzen!

Je nachdem, wie scharf die Bundesnetzkontrolle im Moment in diesem Punkt eingestellt war, konnte dies dazu führen, dass Nicolas unter besondere Beobachtung gestellt und seine Netzkommunikation genauer unter die Lupe genommen wurde.

Alles zu seinem eigenen Besten natürlich.

Schließlich musste um fast jeden Preis verhindert werden, dass die wenigen Jungen, die es gab, ihre eigene Generation noch dadurch dezimierten, dass sie zu Platschern oder Amokläufern oder Staatsflüchtern wurden.

Benn betrachtete Nicolas als einen wirklich engen Freund. Er kannte ihn genauso lang wie Sara. Schon als er klein war, fiel Nicolas durch einen gewissen Hang zum Risiko auf. Die dadurch bedingten häufigen Verletzungen hatten damals dazu geführt, dass zwischenzeitlich sogar gegen seine Mutter ermittelt worden war, weil man sie verdächtigte, ihn zu misshandeln. Weil sein Vater bei den Sicherheitskräften arbeitete, war diesem das natürlich besonders peinlich.

Die Neigung zum Chaos und zum Risiko hatte sich bei Nicolas erhalten und manchmal befürchtete Benn, dass diese Neigung ihnen allen einen Strich durch die Rechnung machen konnte, was ihren Fluchtplan anging.

Andererseits – so einen Plan konnte man nicht allein und auf sich gestellt durchführen. Benn hatte sich eingehend mit dem Thema beschäftigt, seit er zwölf war. Er hatte sich schon damals in allen möglichen Netzforen herumgetrieben, in denen Fluchtwillige die verschiedenen Möglichkeiten diskutierten, wie man so etwas erfolgreich durchführen konnte.

Und vor allem hatte er sich immer wieder die gescheiterten Fälle angesehen und zu analysieren versucht, was da jeweils im Einzelnen schief gelaufen war. Allerdings war es gar nicht so einfach, an solche Informationen heranzukommen. Von den Behörden wurden diese Dinge mehr oder weniger als geheim eingestuft. Man versuchte die Fälle unter der Decke zu halten und die Berichterstattung darüber so weit es irgend möglich war, zu unterdrücken.

Und jeder, der im Datennetz nach solchen Informationen suchte, geriet natürlich früher oder später in den Verdacht, selbst ein potenzieller Staatsflüchter zu sein. Also musste man entsprechende Vorsichtsmaßnahmen anwenden.

Aber darin kannte Benn sich aus.



Der Sturm hatte mehrere Stunden lang in einer Stärke getobt, die jeglichen Gleiterverkehr unmöglich machte.

Benn lud sich ein E-Book auf die Netzhautanzeige. Außerdem ließ er sich einblenden, wie weit das Unwetter bei seinem Zug nach Süden vorankam.

Das waren eben die Folgen des Klimawandels. Wirbelstürme waren auch in Nord- und Mitteleuropa etwas so Normales geworden, wie sie es früher nur in den Tropen gewesen waren.

Benn erhielt noch drei weitere Nachrichten von Nicolas, in der jeweils ein Link zu einer Videodatei enthalten war. Aber Benn ignorierte diese Nachrichten. Immerhin wusste er dadurch, dass Nicolas seine Sprünge überlebt hatte.

Eine Nachricht von Bahar Müller wurde angezeigt. Die sah Benn sich an und unterbrach dafür seine E-Book-Lektüre. Bahar war die Vierte in ihrer Verschwörergemeinschaft von potenziellen Staatsflüchtern. Ihren Eltern gehörte ein großes Pharma-Unternehmen. Ein Medikament, das die Folgen von Alzheimer zum Teil zurückbilden konnte, hatte ihren Vater reich gemacht. Ihre Mutter war Anwältin und würde wohl bis zum Ausbruch ihrer eigenen, genetisch disponierten Alzheimer-Veranlagung damit beschäftigt sein, all die Produktfälscher und Markenpiraten zur Rechenschaft zu ziehen, die sich an diesen Erfolg anzuhängen versuchten. Jedenfalls hatten Bahars Eltern für ihre Tochter wenig Zeit. Bahar lebte bei ihrer 3Ur, nachdem sie sich mit ihren Eltern nach einer Drogenentwöhnung und einigen anderen Eskapaden, zu denen auch ein kurzes, aber heftiges Verhältnis mit Nicolas zählte, vollkommen zerstritten hatte.

Bahar stand Benn bei weitem nicht so nahe wie Nicolas und Sara. Aber erstens war es schwer genug, Freunde im gleichen Alter zu finden, sodass man nicht allzu wählerisch sein durfte, und zweitens brauchten sie Bahar bei ihrem Plan. Sie hatte nämlich Kontakte zu Netzverweigerern, bei denen sie ein halbes Jahr gelebt hatte, nachdem sie das erste Mal zu Hause durchgebrannt war. Die Netzverweigerer lebten außerhalb der Gesellschaft, ohne Implantat und ständige Verbindung zum Datennetz. Sie hatten allerdings dadurch keinerlei Chance auf Arbeit, waren in keiner Versicherung und bekamen keinerlei staatliche Leistungen. Sie lebten in illegalen Siedlungen in den grün überwucherten Ruinen renaturierter Städte.

Netzverweigerer zu werden war neben der Staatsflucht die zweite Möglichkeit, um sich der Erwerbspflicht und der Leistung von Abgaben zu entziehen. Immer wieder hörte man zwar davon, dass die Polizei gegen Netzverweigerer vorging, aber letztlich gab es einfach nicht genug Sicherheitskräfte, um dieses Problem wirklich in den Griff zu kriegen.

Und im Gegensatz zur Flucht in eines der Einwanderer-Länder verhieß ein Leben als Netzverweigerer auch alles andere, als eine bequeme, annehmliche Existenz.

Nach allem, was Benn darüber erfahren hatte, glich es eher einem alltäglichen Überlebenskampf ohne fast alle technischen Hilfsmittel, die das Leben an der Schwelle zum 22. Jahrhundert ansonsten erleichterten.

Auf jeden Fall hatten die Netzverweigerer die größte Erfahrung darin, wie man die Ortungsfunktionen der Implantate stören oder sie sogar notfalls entfernen konnte.

>Wir müssen unser Treffen leider um einen Tag verschieben! sandte ihm Bahar. >Sag das bitte auch den anderen.

>Was ist denn los?, hakte Benn sofort nach.

>Es gibt Ärger. Ist nicht weiter wichtig. Es hat mit meinen Eltern zu tun.

Benn verstand. Es war etwas, was man besser nicht über das Netz kommunizierte. Mit Bahars Eltern hatte das ganz gewiss nichts zu tun.

Benn gähnte und rieb sich die Augen, was seine Netzhaut-Anzeige für einen Moment etwas verschwimmen ließ. Na großartig, im Moment scheint ja nichts zu klappen!, ging es ihm durch den Kopf.



Zu Hause traf Benn seinen Vater in der Küche an. Maik Genzler war Ökologe und arbeitete meistens von zu Hause aus. Im Gegensatz zu seiner Frau hatte er nur einen Job, aber so viel zu tun, dass er vierundzwanzig Stunden am Tag hätte arbeiten können. In online-gestützter Zusammenarbeit mit einem Team, dessen Mitglieder auf der ganzen Welt ansässig waren, entwarf er Konzepte zur Renaturierung ehemaliger Stadt- und Industrielandschaften. Überall auf der Welt gab es dafür Bedarf – denn abgesehen von den wenigen Einwanderer-Ländern schrumpfte überall die Bevölkerung dramatisch. Ganze Siedlungen wurden zurückgebaut, wie das im besten Beamtendeutsch hieß. Anschließend mussten diese Areale dann einer sinnvollen Nutzung zugeführt werden.

Maik Genzlers größtes Projekt, an dem er mitgearbeitet hatte, war der Naturpark Ruhr. Maiks Büro nahm eine ganze Etage im Haus ein und Benn war zwar nicht oft dort, aber immerhin oft genug, um noch das gewaltige holografische Modell in Erinnerung zu haben, welches dieses Großprojekt darstellte.

Gegenwärtig arbeitete Maik Genzler zusammen mit einigen Dutzend weltweit mit ihm vernetzten Kollegen an einem ähnlichen Projekt für eine chinesische Industrieregion. China war das Land, das inzwischen zu den Nationen mit der am schnellsten schrumpfenden Bevölkerung zählte.

Dass Maik noch nicht das nötige Alter hatte, um ins Ausland zu reisen, war bei seiner Arbeit nicht weiter wichtig. Das Ruhrgebiet hatte er schließlich auch nie betreten. Hauptsache, man hatte genaue Daten von dem, was man verändern wollte.

„Hi“, sagte Benn.

„Hallo, Benn!“ Maik Genzler nippte an seinem Hallo-Wach-Drink. Das China-Projekt hielt ihn schon seit Wochen ziemlich in Atem. Deswegen hatte Benn ihn auch kaum noch gesehen. Außerdem brachten solche internationalen Projekte es mit sich, dass man teilweise zu sehr ungewöhnlichen Zeiten arbeiten musste. Schließlich spielte es für die Partner in Shanghai, Sydney oder Los Angeles keine Rolle, welche Tages- oder Nachtzeit gerade in Mitteleuropa herrschte.

„Der Sturm hat mich aufgehalten“, sagte Benn.

„Ich habe die News verfolgt. Muss schlimm gewesen sein, aber ich war mitten in einer Simulation und habe davon nur am Rande etwas mitbekommen.“

„Ich verstehe schon ...“

„Gott sei Dank ist dir nichts passiert.“

„Ich war im Gleiter.“

„Da ist man sicher, aber wenn gerade irgendwo im Freien herumläuft, kann das übel enden. Und als ich auf der Anzeige des Haustürrechners gesehen habe, dass du nicht da bist, habe ich mir schon ein bisschen Sogen gemacht.“

Wieso hat er sich das Menue des Haustürsystems anzeigen lassen?, ging es Benn durch den Kopf. Wahrscheinlich wollte er etwas von mir und hat mich gesucht ...

Meistens ging es dann um etwas Unangenehmes.

„Alles in Ordnung bei dir, Benn?“

„Ja, sicher. Ich bin nur ziemlich müde.“

„Wir müssen trotzdem etwas besprechen, Benn.“

„Vielleicht morgen.“

Vielleicht morgen hieß vielleicht nie, denn in der Regel konnte Benn davon ausgehen, dass Maik die Sache dann vergessen hatte. Er hatte einfach zu viel um die Ohren, um sich so etwas merken zu können. Manchmal kam er auch auf ein Problem zurück, wenn es schon lange nicht mehr aktuell war.

Aber diesmal war das anders. Benn hatte dafür im Laufe der Zeit einen sechsten Sinn entwickelt. Diesmal war das Interesse seines Vaters sehr viel zielgerichteter als seins. Und als er das begriff, schrillten bei Benn sofort alle Alarmglocken.

„Ich habe da eine sehr seltsame Mitteilung über mein Netzkonto bekommen, Benn.“

„So?“

„Es gibt da ein paar Netzverbindungen mit dem Vermerk 'bedenkliche Inhalte' oder 'Verbindung nicht zurückverfolgbar'. Hast du eine Ahnung, was es damit auf sich haben könnte?“

„Nein, wieso meinst du, dass ich darüber Bescheid wüsste?“

„Ach Benn, das weißt du ganz genau! Niemand kennt sich so gut mit diesen Sachen aus wie du! Jedenfalls niemand, den ich kenne. Du hast immer wieder Reparaturen an meinem Rechnersystem durchgeführt und die Simulationen ans Laufen gebracht, nachdem neulich das Hauptprogramm abgestürzt ist ... Und abgesehen davon, habe ich jetzt vor einer Stunde auch noch das hier bekommen!“ Mit diesen Worten stellte Benns Vater den Hallo-Wach-Drink auf den Tisch und betätigte den Druckpunkt seines Handgelenk-Implantats. Eine kleine handgroße Projektion erschien. Sie zeigte eine Nachricht der Bundeskontrolle. Der Inhalt bestand aus ein paar umständlichen Sätzen. Eine Mischung aus Beamten- und Netzdeutsch.

„Die teilen mir mit, dass ich vorübergehend unter eine verstärkte Netzüberwachung gestellt werde und von mir erstellte Nachrichten auf Hinweise zur Vorbereitung einer Staatsflucht durchsucht werden!“, fasste es Maik zusammen. „Hast du zufällig irgendwelche Verbindungen über mein Netzkonto hergestellt? Dann wäre vielleicht jetzt der Augenblick, mir davon etwas zu sagen.“

Benn hatte das tatsächlich getan. Sein Vater unterlag zwar immer noch den Reisebeschränkungen für alle arbeitsfähigen Bürger bis zum fünfundsiebzigsten Lebensjahr, aber Benn wusste, dass die Netzkontrollen immer dann sehr sporadisch durchgeführt wurden, wenn jemand sehr große Datenvolumen transferierte – und bei den Projekten seines Vaters war das der Fall. Schließlich sollte die deutsche Wirtschaft, die ja ohnehin schon durch die Reisebeschränkungen einen Nachteil hatte, nicht noch mehr behindert werden. Die Kontrolle verlangsamte nämlich den Datentransfer. Bei kleineren Datenmengen war das kaum messbar, bei größeren schon.

„Mir macht die Kontrolle an sich nichts aus, Benn. Aber ich werde dadurch in den nächsten Wochen eine schlechtere Transferverbindung haben! Und das ist für mich nicht nur lästig, es kann die Zusammenarbeit an dem Projekt behindern, an dem ich gerade arbeite!“

Benn seufzte. Es hatte wohl keinen Sinn mehr, um die Sache herumzureden. „Es tut mir leid“, sagte er. „Ich habe nicht gedacht, dass das jemand merkt.“

„Nicht gedacht! Davon abgesehen ist es von dir auch nicht gerade die feine Art, mein Netzkonto zu benutzen. So was wie Privatsphäre gibt’s auch für Eltern!“

„Wie gesagt, es tut mir leid!“

„Es tut dir wahrscheinlich nur leid, dass es aufgefallen ist!“

Benn hätte das natürlich niemals zugegeben. Von dem Plan durfte niemand etwas erfahren. Niemand, außer den vier Personen, die daran beteiligt waren. Seine Eltern würden alles in ihrer Macht Stehende tun, um ihn von der Flucht abzuhalten. Denn auch, wenn sie eigentlich viel zu selten für ihren Sohn Zeit hatten, so war er doch ihr Kind. Und eine Flucht war gefährlich, in jeder Hinsicht.

Wer erwischt wurde, galt als Sozialbetrüger, der sich seiner Pflicht zur Anwesenheit im Staatsgebiet zu entziehen gedachte. Der Betreffende musste mit Gefängnis rechnen, meistens wurden die Strafen allerdings zur Bewährung ausgesetzt. Zu den Bewährungsauflagen gehörte eine persönlichkeitsverändernde hypnotische Umerziehung mit anschließender lebenslang verschärfter Arbeitspflicht. Eine vollständige elektronische Überwachung und eine völlige Aufhebung des persönlichen Datenschutzes waren obligatorisch. Der Netzzugang wurde auf Anwendungen mit beruflichem Bezug beschränkt und es musste ein doppelt so hoher Steuersatz gezahlt werden. Außerdem wurden gefasste Flüchtlinge zur Strafe im Bereich Krankheit und Pflege auf eine verminderte Versorgungsstufe gesetzt und lebenslang von einem Großteil der teuren High-Tech-Medizin ausgeschlossen. Die Lebenserwartung des Betreffenden sank dadurch erheblich. Es war sehr schwer, auf diese Weise irgendwann einmal die neunzig zu überschreiten. An Alzheimer-Rückbildung und ähnlichen Luxus war überhaupt nicht zu denken.



Benns Eltern Felicitas und Maik hatten sich damit arrangiert, dass sie die nächsten Jahrzehnte darauf warten mussten, um endlich Reisefreiheit zu haben. Sie hatten sich offenbar auch damit abgefunden, dass ihnen fast alles, wofür sie sich krumm legten, weggenommen wurde, um die Alten und Uralten zu versorgen. Dafür bekamen sie nichts weiter als die vage Hoffnung, dass man auch sie nicht vergessen würde, wenn sie sich mal nicht mehr selbst helfen konnten. Aber diese Hoffnung war trügerisch. Sie erfüllte sich schon seit hundert Jahren für jede folgende Generation nicht mehr in der gleichen Weise wie es bei den vorangegangenen der Fall gewesen war.

Vielleicht sahen sie einfach die Chance nicht mehr, dem System zu entkommen und hatten auch nicht mehr die Kraft, noch einmal ganz von vorn zu beginnen. Sie fügten sich jedenfalls ihrem Schicksal – und das erwarteten sie auch von ihrem Sohn.

„Das mit dieser komischen Nachricht von der Netzkontrolle bringe ich in Ordnung“, versprach Benn. „Ich kann das so hinbekommen, dass es wie eine unbegründete Fehlermeldung verarbeitet wird und du keinen Ärger me ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Dunkle Zukunft: Das Buch der Dystopien" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen