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Mittsommerträume – Dunkle Wolken über den Schären

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder
auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich
der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Wie ein Gebirge türmten sich die mächtigen dunklen Wolken am Himmel über der schwedischen Ostsee auf. Sie hingen so tief, dass Jenny Mälarsson fast glaubte, sie berühren zu können, wenn sie die Arme nur weit genug ausstreckte.

Doch im Moment benötigte sie ihre Hände für etwas anderes. Nämlich dazu, sich an der Reling des kleinen einmastigen Segelbootes festzuklammern, um nicht über Bord zu gehen.

Wie ein Spielball wurde die Jennifer von den Wellen hin und her geworfen. Torben hatte das Boot nach ihr benannt, damals, in jenen kurzen zwei Jahren, die sie heute als die glücklichsten ihres Lebens betrachtete.

Der Wind brauste jetzt fast mit Orkanstärke über den kleinen Schärengürtel vor der Küste von Lillebom hinweg.

“Das sieht nach einem üblen Sturm aus”, hatte Björn Anderson, der Hafenmeister, sie vor dem Auslaufen gewarnt. “Seien Sie vernünftig und lassen Sie ihr Boot im Hafen. Sie werden es sonst bestimmt bereuen.”

Inzwischen bereute Jenny tatsächlich, seine Worte nicht ernst genommen zu haben, doch sie hatte sich nicht von ein paar grauen Wolken und ein bisschen Wind abschrecken lassen wollen. Und jetzt war es zu spät, um noch umzukehren. Die kleine Schäreninsel Vattenfå konnte nicht mehr weit entfernt sein. Wenn es ihr doch bloß gelänge, den Anleger rechtzeitig zu erreichen, ehe hier draußen die Hölle losbrach …

Wie aus dem Nichts begann es zu regnen. Von einer Sekunde auf die andere stürzten regelrechte Wassermassen vom Himmel herab. Und obwohl Jenny sofort das Ölzeug, das sie in einer Kiste am Bug des Schiffes aufbewahrte, überstreifte, war sie innerhalb von Augenblicken bis auf die Haut durchnässt. Die zunehmende Stärke des Windes zwang sie, das große Vorsegel gegen die Sturmfock auszutauschen und das Hauptsegel zu reffen, um ein Kentern oder Querschlagen der Jennifer zu vermeiden.

Der Sturm peitschte ihr den Regen ins Gesicht, das vor Kälte brannte. Das Atmen fiel ihr zunehmend schwerer, da ihr der Wind die Luft förmlich aus den Lungen riss. Für gewöhnlich gehörte Jenny nicht zu den Menschen, die sich leicht entmutigen ließen, aber jetzt keimte Furcht in ihr auf.

Sie war keine sehr erfahrene Seglerin, und es bestand ein meilenweiter Unterschied darin, ein Boot bei hellem Sonnenschein und ruhiger See zu steuern oder bei diesem Wetter. Was sollte sie jetzt bloß tun?

Angespannt wischte sie sich eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht, die unter der Kapuze ihrer Regenjacke hervorgerutscht war. Denk nach! Du bist doch sonst so gut darin, zu improvisieren!

Sie kniff die Augen gegen Wind und Regen zusammen und versuchte, die Küste von Vattenfå auszumachen. Doch nichts. Nur ein schmutziges Grau in Grau, wo die aufgewühlte See und der düstere Himmel miteinander zu verschmelzen schienen.

Eine mächtige Welle rollte über die Jennifer hinweg und ließ das kleine Boot unter Jennys Füßen erzittern. Im selben Moment erblickte sie etwas Dunkles, das ungefähr hundert Meter voraus aus dem Wasser ragte, und es überlief sie eiskalt. Hatte Björn sie nicht vor den gefährlichen Klippen an der Ostküste von Vattenfå gewarnt?

Und sie steuerte direkt darauf zu!

Jennys Gedanken rasten. Sie wusste, wenn nicht plötzlich ein Wunder geschah und der Wind sich drehte, würde sie es nicht mehr rechtzeitig schaffen, den Kurs der Jennifer zu korrigieren. Nicht bei diesem Sturm. Sie hatte nur noch eine einzige Chance: die Segel einzuholen und es mit dem Hilfsmotor zu versuchen.

Es kostete sie wertvolle Minuten, in denen das Boot immer weiter den bedrohlichen Felsen entgegentrieb. Am Ende ihrer Kräfte angelangt, ging sie neben dem Außenbordmotor in die Knie und betätigte den Anlasser.

Nichts geschah.

“Nein!”, stieß sie ungläubig hervor. “Nein, das darf nicht wahr sein!”

Sie versuchte es erneut, mit demselben Ergebnis. Beim dritten Mal sprang der Motor kurz an, nur um dann stotternd wieder zu verstummen.

Jenny stöhnte auf. Tränen der Verzweiflung strömten ihr über die Wangen. Sie wischte sie mit einer wütenden Handbewegung weg. Verflixt, sie war ja selbst schuld an der Misere, in der sie steckte! Überhaupt auszulaufen, war schon leichtsinnig gewesen. Aber zuvor nicht einmal die Ausrüstung auf ihre Funktion zu überprüfen, grenzte an Dummheit.

Unaufhörlich trieb das Boot auf die Felsen vor Vattenfå zu, und es gab nichts mehr, was Jenny dagegen unternehmen konnte. “Hilfe!”, rief sie aus reiner Verzweiflung, jedoch ohne große Hoffnung, da das Heulen des Sturms ihre Stimme mit sich riss. “Bitte, ich brauche Hilfe! Hört mich denn niemand?”

Und das alles hatte sie nur einem Menschen zu verdanken: Magnus Sund. Hätte er auch nur auf einen ihrer Anrufe reagiert, wäre sie überhaupt nicht gezwungen gewesen, persönlich nach Vattenfå hinauszufahren, um ihn aufzusuchen. Aber nach knapp einem Dutzend unbeantworteter Nachrichten und mindestens ebenso vielen E-Mails hatte sie keinen anderen Ausweg mehr gesehen. Sie musste einfach mit ihm sprechen, ihn davon überzeugen, ihr zu helfen. Wenn er nicht einwilligte, war alles verloren.

Ein Blitz zuckte ganz in der Nähe vom Himmel. Das Grollen des darauf folgenden Donners übertönte sogar das Heulen des Windes. Erneut traf eine mächtige Welle die Jennifer und trug das kleine Segelboot wie einen Spielball näher zu den Klippen hin.

Jenny schrie auf.

“Lass gut sein für heute, Magnus”, brüllte Fredrik gegen den Sturm an. Der alte Mann wischte sich mit dem Handrücken das Wasser aus dem von Wind und Wetter gegerbten Gesicht. Einzelne Tropfen verfingen sich in seinem grauen Bart und den buschigen Augenbrauen. “Bei einem solchen Unwetter jagt man nicht einmal einen Hund vor die Tür. Wir sind doch ganz gut vorangekommen.”

Magnus ließ den Hobel sinken und schaute seinen Mitarbeiter und väterlichen Freund an. “Du hast recht. Mach ruhig Schluss für heute, ich komme hier auch allein zurecht.”

“So war das aber nicht gemeint”, protestierte Fredrik sofort. “Du solltest ebenfalls Feierabend machen, hörst du? Wenn Magda erfährt, dass ich dich allein weiterarbeiten lasse, reißt sie mir den Kopf ab.”

“Sie muss es ja nicht erfahren”, erwiderte Magnus lachend. “Und jetzt verschwinde schon. Ich verspreche dir, ich arbeite auch nicht mehr lange weiter. Nur noch ein paar Minuten.”

Fredrik runzelte die Stirn, nickte aber. “Also gut, wir sehen uns dann morgen früh.”

Nachdem Fredrik gegangen war, verblasste das Lächeln auf Magnus’ Lippen schlagartig. Er war ganz froh, endlich allein zu sein. So brauchte er wenigstens niemandem vorzumachen, dass es ihm gut ging …

Magnus wusste natürlich, dass Fredrik recht hatte: Es war absolut unsinnig, bei diesem Wetter weiterzumachen. Obwohl das Baudock überdacht war, blies der Wind den Regen herein, und der nächste Arbeitsschritt – die Grundierung der Oberfläche der Santa Maria, eine Segeljacht, die ein reicher Industrieller in Auftrag gegeben hatte – durfte erst erfolgen, wenn das Material wieder vollständig getrocknet war. Er sollte auch Feierabend machen. Doch Magnus brauchte etwas, um seine Hände und seinen Kopf zu beschäftigen.

Vor allem seinen Kopf.

An Tagen wie diesen konnte er nicht verhindern, dass seine Gedanken in die Vergangenheit zurückwanderten. Er hörte dann wieder den Regen, der auf das Autodach trommelte, und sah, wie die Scheibenwischer sich abmühten, mit den vom Himmel stürzenden Wassermassen fertig zu werden. So, als wäre es erst gestern passiert. Als seien seitdem nicht bereits mehr als zwei Jahre vergangen.

Noch heute schreckte er regelmäßig nachts aus dem Schlaf. Schweißgebadet. Schwer atmend. Und er glaubte noch immer, Sonjas Schrei in seinen Ohren nachklingen zu hören. So wie auch jetzt, in ebendiesem Moment.

Magnus runzelte die Stirn. Der Schrei mischte sich mit dem Tosen der Brandung, die sich mit wütender Kraft gegen die felsige Küste der kleinen Schäreninsel warf. Ganz leise, gerade noch an der Grenze des Hörbaren.

Litt er etwa an Wahnvorstellungen? Träumte er jetzt schon von Sonja, selbst wenn er hellwach war?

Nein, ganz sicher nicht! Und das bedeutete, dass dieser Schrei eine andere Ursache haben musste.

Alarmiert kletterte Magnus vom Deck der Santa Maria und lief zum Bootsanleger hinüber, der sich gleich neben der Dockanlage befand. Er war beinahe sicher, dass der Hilferuf vom Wasser her gekommen war. Am Ende des Stegs blieb Magnus stehen und suchte die Umgebung ab. Obwohl es gerade einmal kurz nach vier Uhr war, herrschten Lichtverhältnisse wie am späten Abend. Der Regen, der noch immer in dichten Schleiern vom Himmel fiel, verschlechterte die Sicht so sehr, dass zunächst nichts auszumachen war.

Magnus stutzte. Hatte er sich diesen Schrei am Ende vielleicht doch nur eingebildet?

Nein. Wie zum Beweis, dass er sich nicht getäuscht hatte, hörte er den verzweifelten Hilferuf erneut. Im selben Moment zuckte ein Blitz vom Himmel und tauchte die brodelnde See für den Bruchteil einer Sekunde in gleißendes Licht. Lang genug für Magnus, um eine Sloop – ein einmastiges Segelboot – auf dem Wasser auszumachen, die von den Wellen wie ein Kinderspielzeug hin und her geschleudert wurde, und zu erkennen, in welcher Gefahr sie sich befand.

Ohne zu zögern rannte er zurück zu Fredriks Motorboot, das am Anleger befestigt war, löste das Tau und sprang an Bord.

Als er den Anlasser betätigte, erwachte der Außenbordmotor mit lautem Knattern zum Leben.

Magnus atmete noch einmal tief durch, dann steuerte er das Boot in den Sturm.

Eine Welle spülte auf der dem Wind zugewandten Seite über das kleine Motorboot hinweg, das sich bedenklich neigte. Rasch lenkte Magnus dagegen, und es gelang ihm, das Boot zu stabilisieren. Dabei ließ er keine Sekunde lang den in Seenot geratenen Einmaster aus den Augen.

An Deck konnte er eine Person erkennen, die in dunkles Ölzeug gehüllt war. Offenbar hatte sie große Mühe, sich auf dem schlingernden Boot festzuhalten. Außerdem trieb der führerlose Einmaster geradewegs auf die Felsen zu, die vor der Küste lagen. Es war also Eile geboten.

Dennoch musste Magnus vorsichtig sein. Ein solcher Seegang konnte sogar dem erfahrensten Segler zum Verhängnis werden. Und wenn er sich selbst in Gefahr brachte, war damit niemandem geholfen.

Schon gar nicht der Person auf der Sloop.

Was für ein Irrsinn, bei diesem Wetter überhaupt den Hafen zu verlassen. Typisch Schönwettersegler!, dachte Magnus ärgerlich.

Wenn er in den vergangenen zwei Jahren, die er nun schon als Bootsbauer auf Vattenfå lebte, eines gelernt hatte, dann das, wie leicht die Menschen doch ihre eigenen Fähigkeiten überschätzten. Schon einige Hobbysegler hatten ihre Boote in dem kleinen Schärengürtel rund um Vattenfå versenkt, weil sie einfach drauflosgefahren waren, ohne sich vorher nach den Gefahren und regionalen Besonderheiten zu erkundigen. So bemerkten sie die gefährlichen Klippen, die sich in Ufernähe der Inseln teilweise knapp unter der Wasseroberfläche befanden, erst, wenn es längst zu spät war.

Die Leichtsinnigkeit und Ignoranz, mit der diese Leute mit ihrem Leben und dem anderer umgingen, machte Magnus wütend. Das bedeutete jedoch nicht, dass er jemanden seinem Schicksal überlassen würde, wenn es in seiner Macht stand, zu helfen.

So wie jetzt.

Es war nicht mehr sehr weit bis zu dem Einmaster, er konnte inzwischen sogar den Namen erkennen, der in den Bug des Bootes eingeätzt worden war: Jennifer.

Mit einem Hauch von Bedauern machte Magnus sich klar, dass er die Jennifer wohl nicht würde retten können. Das kleine Segelboot war bereits zu nah bei den Felsen. Er durfte lediglich darauf hoffen, seinen Besitzer rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.

Offenbar hatte die Person an Deck sein Motorboot inzwischen entdeckt, denn sie ließ den Mast los, an dem sie sich bis eben festgeklammert hatte, stand jetzt aufrecht da und winkte ihm zu.

“Ja, ja, ich hab dich ja gesehen”, knurrte Magnus. “Warum sollte ich wohl sonst bei diesem Wetter hier draußen unterwegs sein?” Dann rief er aus Leibeskräften: “Ich bin gleich bei Ihnen, halten Sie sich gut fest!”

Entweder verstand die Person ihn tatsächlich nicht, oder sie wollte es einfach nicht. Ersteres vermochte Magnus sich kaum vorzustellen, schließlich hatte er ihre Schreie bis zur Werft gehört. Wie konnte man nur so gedankenlos sein? Jeden Moment drohte wieder eine Welle über die Jennifer hinwegzurollen. Man musste schon sehr mutig oder aber sehr dumm sein, um diese Gefahr zu ignorieren.

“Hey!”, rief er erneut. “Sie müssen sich festhalten! Hören Sie schlecht?”

Schon sah er, wie sich hinter dem kleinen Einmaster eine neue, mächtige Welle auftürmte. Verdammt! Magnus trieb den Außenbordmotor seines Bootes zu Höchstleistung an, dennoch kam er nur minimal schneller voran. Die Gefahr, dass der Motor aufgrund von Überhitzung ausfiel, schnellte dafür allerdings in die Höhe. Doch darauf durfte er jetzt keine Rücksicht nehmen, wenn er die Jennifer noch rechtzeitig erreichen wollte.

“Hilfe!”, hörte er die Person – der Stimme nach handelte es sich eindeutig um eine Frau – rufen. “Helfen Sie mir, ich habe die Kontrolle über mein Boot verloren und …”

In diesem Moment erreichte die gewaltige Wasserwalze die Sloop. Kurz darauf wurde auch das Motorboot von ihr erfasst und herumgeschleudert. Magnus klammerte sich am Steuerrad fest. Er spürte die Kraft der Welle, die an ihm zog und zerrte und ihn mit sich ins Meer reißen wollte.

Dann war es plötzlich vorbei.

Das Wasser stand wadenhoch im Innenraum des Bootes, doch davon abgesehen stellte Magnus auf den ersten Blick keine Schäden fest. Und der Motor lief auch nach wie vor, was im Moment das Wichtigste war.

Magnus wischte sich das tropfnasse Haar aus dem Gesicht und schaute zur Jennifer hinüber.

Er atmete scharf ein. Die Welle hatte den Einmaster fast bis zu den Felsen hinübergetrieben. Es handelte sich nur noch um eine Frage von Sekunden, allerhöchstens Minuten, bis das Boot auf die Klippen prallen und sinken würde.

Doch das war jetzt nicht mehr Magnus’ Hauptproblem, denn das Deck der Jennifer lag verlassen da.

Die Frau, die sich ein paar Augenblicke zuvor noch an Bord befunden hatte, war verschwunden.

Nachdem die Welle Jenny erfasst hatte, ging alles so schnell, dass sie keine Chance hatte, zu reagieren. Sie wollte schreien, brachte aber keinen Laut hervor. Stattdessen drang Salzwasser in ihren Mund, und sie hustete und würgte.

Eisige Kälte umfing Jenny, als sie untertauchte. Ihre Lungen schrien nach Luft, doch sie musste den Reflex, einfach einzuatmen, gewaltsam unterdrücken. Sie strampelte mit Armen und Beinen, in der verzweifelten Hoffnung, die Wasseroberfläche zu erreichen. Aber vielleicht bewegte sie sich ja auch in die entgegengesetzte Richtung. Sie hatte vollkommen die Orientierung verloren.

Als sie bereits glaubte, es nicht eine Sekunde länger aushalten zu können, tauchte ihr Kopf aus dem Wasser, und sie atmete gierig ein. “Hilfe!”, stieß sie heiser krächzend hervor. Ihre Zähne schlugen vor Kälte heftig aufeinander. “Bitte, helfen Sie mir!”

Sie zwang sich, die Augen zu öffnen, obwohl sie vom Kontakt mit dem Salzwasser heftig brannten und tränten. So sah sie, dass sich das kleine Motorboot, das vorhin zu ihrer grenzenlosen Erleichterung aufgetaucht war, ihrer Position näherte. Kurz bevor es sie erreichte, drehte es bei, und ein Rettungsring wurde in ihre Richtung geworfen.

“Halten Sie sich daran fest!”, rief ihr eine männliche Stimme zu. “Ich ziehe Sie an Bord!”

Mit letzter Kraft schwamm Jenny auf den im Wasser treibenden Ring zu und umklammerte ihn mit beiden Armen. Danach war sie so erschöpft, dass sie kaum mithelfen konnte, als ihr Retter sie über die Reling an Deck seines Bootes zog. Ihre Gliedmaßen fühlten sich schwer wie Blei an, sie schaffte es gerade noch, sich aufzusetzen.

“Danke”, flüsterte sie. Ihr klapperten noch immer die Zähne vor Kälte. “Ohne Sie wäre ich verloren gewesen.”

“Danken Sie mir nicht zu früh”, erwiderte ihr Retter mit finsterer Miene. “Wir sind noch nicht außer Gefahr.” Mit diesen Worten ging er ans Steuer zurück und wendete das Motorboot. Als Jenny ihr Boot erblickte, das im selben Moment nicht weit entfernt auf die Klippen lief, wurde ihr schwer ums Herz. Der Einmaster hatte Torben gehört. Es war eines der wenigen Dinge, abgesehen von der Fiskfabrik, die ihr geblieben waren.

Und jetzt war es fort. Unwiederbringlich, so wie Torben selbst.

Tränen liefen ihr über die Wangen und vermischten sich mit dem Regen. Der Sturm wütete noch immer mit aller Heftigkeit, doch sie spürte es kaum noch. Ihre Gedanken waren ganz woanders. Sie dachte an Torben und an den Tag, an dem er sie gebeten hatte, ihre Frau zu werden.

Dass es dazu niemals gekommen war, daran trug nur sie allein die Schuld. Ob sie jemals lernen würde, mit dieser Schuld zu leben?

“Jetzt haben wir es gleich geschafft”, sagte der Mann hinter dem Steuer – Jenny wusste noch nicht einmal seinen Namen – und riss sie damit aus ihren Gedanken. “Geht es Ihnen gut? Sie zittern ja wie Espenlaub.”

Seine Worte mochten freundliche Besorgnis zum Ausdruck bringen, sie standen jedoch im Widerspruch zu seinem Tonfall, der schroff und fast ein wenig unfreundlich klang. Jenny hob eine Braue. “Nun, das Wasser war nicht gerade warm.”

Er sagte nichts, schüttelte nur den Kopf und konzentrierte sich darauf, das Motorboot sicher bis ans Ufer zu bringen und es dort an einem einfachen Steg aus Holz zu vertäuen, was bei dem heftigen Wellengang ein ziemliches Kunststück darstellte.

Als er es schließlich geschafft hatte, sprang er wieder ins Boot und streckte Jenny die Hand entgegen, um ihr aufzuhelfen, doch sie zögerte.

“Was ist?”, fragte er ungeduldig. “Warum schauen Sie mich so an?”

“Ich frage mich nur gerade, warum Sie so unfreundlich zu mir sind. Was habe ich Ihnen getan?”

Er zuckte die Schultern. “Wenn Sie es unbedingt wissen wollen: Ich mag Leute nicht, die sich leichtfertig in bedrohliche Situationen begeben und damit sich selbst und andere in Gefahr bringen.”

“Ich weiß, ich habe einen Fehler gemacht, und es tut mir leid, dass ich Ihnen solche Umstände bereitet habe. Es lag nicht in meiner Absicht, Sie …”

“Hören Sie, ich habe keine Lust, mir Ihretwegen nun auch noch eine Lungenentzündung zu holen”, fiel er ihr ins Wort. “Nehmen Sie jetzt endlich meine Hilfe an, oder schaffen Sie es allein vom Boot?”

Magnus fuhr sich mit der Hand durch sein nasses dunkelbraunes Haar. Er war genervt. Wie sollte er mit dieser Frau umgehen?

Vielleicht war es unsinnig, aber es gefiel ihm nicht, dass sich eine Fremde auf Vattenfå befand. Die Insel war sein Zufluchtsort, sein Refugium, und sie war ungefragt hier eingedrungen. Ob unfreiwillig oder nicht, spielte für ihn keine Rolle. Sie gehörte hier nicht her. Sie …

In diesem Moment kam Fredrik um die Ecke gebogen. Als er Magnus und die Fremde erblickte, entfuhr ihm ein unterdrückter Aufschrei. “Um Gottes willen, wo kommen Sie denn her?”

“Die junge Dame ist vor Vattenfå in Seenot geraten”, erklärte Magnus, der froh darüber war, dass sein alter Freund und Mitarbeiter aufgetaucht war. “Ihr Boot ist auf die Felsen aufgelaufen und gesunken. Warum bist du nicht schon längst zu Hause?”

“Mein Werkzeug. Ich hatte es vergessen.” Er wandte sich wieder an die Unbekannte und schüttelte den Kopf. “Du lieber Himmel, Sie müssen ja völlig durchgefroren sein!”

“Genau wie ich”, antwortete Magnus, ehe sie etwas sagen konnte. “Sei so gut und kümmere dich um unseren Gast, Fredrik. Ich gehe mir jetzt erst einmal trockene Sachen anziehen.” Mit diesen Worten wandte er sich ab und ließ seinen Freund und die Fremde einfach stehen.

Wenn er ehrlich war, kam ihm die Gelegenheit, sie an Fredrik abzuschieben, ganz recht, auch wenn er natürlich wusste, dass dies nicht besonders höflich von ihm war.

Aber warum sollte es ihn interessieren, was sie von ihm dachte? Er schuldete ihr keinerlei Rechenschaft. Sie hielt sich gegen seinen Willen auf Vattenfå auf, aber unter den gegebenen Umständen konnte er sie kaum fortschicken. Und wie er Fredriks Frau Magda kannte, würde sie sich über einen unerwarteten Besucher sogar freuen.

Er jedenfalls legte keinen Wert auf einen Hausgast, noch dazu einen weiblichen. Nein, mit Frauen wollte er nichts mehr zu tun haben. Schon gar nicht mit solchen, die sich stets darauf verließen, dass ein Mann ihnen zu Hilfe eilte, wenn sie sich in Schwierigkeiten brachten.

Und irgendwie schien er gerade diese Sorte ganz besonders anzuziehen.

Nur zu gut konnte er sich daran erinnern, was beim letzten Mal vorgefallen war, als eine Frau ihn um Hilfe gebeten hatte.

Sonja, die Ehefrau seines jüngeren Bruders Gunnar …

Unwillig schüttelte er den Gedanken an sie ab. Er hatte aus der alten Geschichte gelernt und ein völlig neues Leben begonnen. Hier auf Vattenfå lag ihm niemand mit seinen Schwierigkeiten in den Ohren. Niemand benötigte seinen Rat oder verlangte etwas von ihm. Und niemand machte ihm am Ende Vorwürfe, wenn nicht alles so lief wie gewünscht.

Genau so hatte er es gewollt.

Als er die Veranda seines Hauses erreichte, das nur ein Stück den Hügel hinauf lag – auf einer kleinen Insel wie Vattenfå, mit gerade einmal einem Dutzend Bewohnern, lag kein Punkt weit vom anderen entfernt –, blickte er noch einmal zurück. Und dieses Mal gelang es ihm aus unerfindlichen Gründen nicht, die Fremde als das zu betrachten, was sie war: einen Eindringling. Stattdessen sah er eine tropfnasse, durchgefrorene und ungemein attraktive junge Frau. Schulterlange blonde Locken umrahmten ein herzförmiges Gesicht, dessen besonderes Merkmal die strahlend aquamarinblauen Augen waren.

Sie war nicht sehr groß, vielleicht etwas über einen Meter sechzig, und damit viel kleiner als die Frauen, mit denen er früher ausgegangen war.

Damals, vor der schrecklichen Katastrophe, die sein ganzes Leben verändert hatte.

Hör auf, sie anzustarren!, ermahnte er sich selbst. Du machst dich ja lächerlich.

Er straffte die Schultern und trat ins Haus. Sicher war es bloß Einbildung, dass er ihren Blick in seinem Rücken zu spüren glaubte.

2. KAPITEL

Strahlender Sonnenschein empfing Jenny, als sie am nächsten Morgen hinaus auf die Veranda trat. Fredrik Björling und seine Frau Magda saßen im Garten am Frühstückstisch inmitten üppig blühender Blumenrabatten aus zartrosafarbenem Gipskraut, blauen Vergissmeinnicht und Sträuchern von blauviolettem und weißem Flieder, deren charakteristischer Duft die Luft erfüllte.

“Kommen Sie, Herzchen”, rief Magda mit einem einladenden Lächeln. “Es gibt frische Brötchen und selbst gemachte Erdbeermarmelade.”

Magda war eine rundliche Frau mit rosigem Gesicht und roten Wangen, die mit ihren über sechzig Jahren mehr Energie ausstrahlte als so manche Zwanzigjährige. Das weiße Haar trug sie zu einem Knoten geschlungen, aus dem sich immer wieder einzelne Strähnen lösten und ihr in die Stirn fielen.

Keinen Augenblick hatte sie gezögert, sich dem unerwarteten Gast anzunehmen, mit dem ihr Mann am Vorabend heimgekehrt war. Und nach einem heißen Bad und einer erholsamen Nacht im Gästezimmer des kleinen Hauses fühlte Jenny sich trotz der Strapazen des vergangenen Tages wie neugeboren.

Ihr Magen knurrte verräterisch, als sie sich an den opulent gedeckten Tisch setzte.

“Vielen Dank”, sagte sie, während sie ein Brötchen aufschnitt und mit Butter und Marmelade bestrich. “Sie sind wirklich sehr freundlich zu mir. Ich hoffe, ich mache Ihnen nicht allzu große Umstände.”

Magda schüttelte den Kopf. “Aber nicht doch. Um ehrlich zu sein, genieße ich es sogar, Sie hier zu haben. Seit unsere Tochter Anja im vergangenen Jahr nach Uppsala gegangen ist, um zu studieren, bekommen wir leider nur sehr selten Besuch.” Sie seufzte. “Wissen Sie, zuweilen ist es hier draußen doch etwas einsam. Trotzdem könnte ich mir nicht vorstellen, jemals woanders zu leben. Und wenn mir mal der Sinn nach Trubel steht, fahre ich einfach rüber zum Festland, nach Lillebom.”

Jenny lachte. “Nun, unter Trubel stelle ich mir zwar etwas anderes vor, aber ich verstehe, was Sie meinen.”

“Kommen Sie aus Lillebom?”

“Ja”, antwortete sie. “Zumindest lebe ich schon seit vielen Jahren dort. Aber da fällt mir ein, ich habe mich ja noch gar nicht richtig vorgestellt. Mein Name ist Jenny Mälarsson, und ich leite den dortigen Jugendtreff.”

“Ach, Sie meinen die Fiskfabrik, nicht wahr?”

Jenny war überrascht. “Ich hätte ehrlich gesagt nicht gedacht, dass Ihnen der Name ein Begriff ist.”

“Unsere Tochter war früher sehr gern dort.” Magda lachte.

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