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Dunkle Wasser in Florenz

INHALT

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Zitat
  7. Florenz, Oktober 1966
  8. »La Nazione«, Montag, den 20. Februar 1967
  9. Danksagung
  10. Hauptquellen

ÜBER DIESES BUCH

Ein äußerst brutaler Fall, unter äußerst schwierigen Umständen – Commissario Casinis schwerste Prüfung!

Florenz, 1966. Ein gewaltiges Unwetter braut sich über Florenz zusammen, als in einem nahegelegenen Wald die geschändete Leiche eines 13-jährigen Jungen aufgefunden wird. Kurz darauf versetzen die Wassermassen des Arno die Stadt in den Ausnahmezustand – und verwischen jede Spur. Der Fall versinkt mangels weiterer Indizien zunächst buchstäblich im Morast – bis zu jenem Tag, an dem Commissario Casini mit einem rätselhaften weiteren Fund konfrontiert wird …

ÜBER DEN AUTOR

Marco Vichi wurde 1957 in Florenz geboren, wo er auch heute lebt und als freier Schriftsteller arbeitet. Bei Bastei Lübbe sind von ihm ein Toskana-Krimi sowie vier Italien-Krimis um Commissario Casini erschienen. DUNKLE WASSER IN FLORENZ, der vierte Casini-Band, wurde 2009 mit dem Premio Scerbanenco ausgezeichnet, dem bedeutendsten italienischen Buchpreis für Kriminalliteratur.

Marco Vichi

Dunkle Wasser
in Florenz

Ein Fall für Commissario Casini

Aus dem Italienischen von
Katharina Schmidt und Barbara Neeb

»Und Christus?«, fragte meine Mutter. »Er hat uns aus dem Dreck errettet.«

»Er ist umsonst gestorben«, sagte ich, »sein Opfer hat gar nichts gebracht. Die Guten retten sich, aber die Schlechten, da ist nichts zu machen. Und die Menschen sind schlecht.«

MALAPARTE

FLORENZ, OKTOBER 1966

Im Halbschlaf streckte er einen Arm aus, um nach Elviras warmem Körper zu tasten, aber seine Finger fanden nur den rauen Leinenstoff des Lakens, und da erinnerte er sich, dass sie gegangen war. Er drehte sich auf den Rücken und starrte in die Dunkelheit. Wieder einmal war eine Frau in sein Leben getreten und so schnell wieder daraus verschwunden, wie eine Kugel einen Körper durchschlägt. Vielleicht würde die Frau, die für ihn geschaffen war, erst in hundert Jahren zur Welt kommen, oder vielleicht war sie schon geboren worden und bereits wieder gestorben. Auf jeden Fall würde er sie niemals kennenlernen.

Jedes Mal, wenn er wieder allein war, tat sich vor ihm eine unbekannte Welt auf, die er sich erst zu eigen machen musste. Das war ein wenig wie eine Wiedergeburt, und bei allem Unbehagen spürte er auch ein Gefühl von Freiheit.

Wie spät war es? Er sah zu den Fensterläden hinüber, zwischen den Holzlatten schimmerte noch kein Tageslicht hindurch. Er fühlte sich erschöpft. Mit jedem Tag wurde die Hoffnung geringer, dass der Junge doch noch lebend gefunden würde. Der kleine Giacomo war vor fünf Tagen spurlos verschwunden. Knapp dreizehn Jahre alt, kastanienbraune Haare, braune Augen, ein Meter siebenundvierzig groß. Ein ruhiges Kind, fleißig und gehorsam. Was, wenn er doch nur ein kleiner Ausreißer war? Mit dreizehn begeht man schon einmal so eine Dummheit.

Casini hätte alles dafür gegeben, dass es tatsächlich so wäre, aber er glaubte eigentlich nicht daran. Er sprach häufig mit Piras, seinem jungen Assistenten, über diese Möglichkeit, aber auch der Sarde war pessimistisch. Bislang waren sie keinen Schritt vorangekommen, hatten nicht den geringsten Anhaltspunkt.

Als es klingelte, schreckte er hoch, und da erinnerte er sich wieder an Botta. Es war Montag. Sein Freund, der ehemalige Sträfling, hatte ihm das Versprechen abgerungen, mit ihm in den Hügeln oberhalb von Poggio alla Croce Pilze sammeln zu gehen. Das wäre genau die richtige Zeit, hatte Botta gesagt.

Nach vielen Tagen Regen war die Sonne endlich ein wenig herausgekommen, und es war etwas wärmer geworden. Montag wäre der beste Tag, hatte Botta erklärt, keine Familien auf Sonntagsspaziergang und wenig Jäger. Casini interessierte sich nicht für Pilze, er verstand nichts davon und hatte noch nie welche gesammelt. Aber eine kleine Wanderung durch die Wälder würde ihm guttun. Wenn er immer nur über den Jungen nachdachte, zermürbte ihn das bloß.

Er rollte sich aus dem Bett und trat ans Fenster, spürte die kühle Luft auf der Haut. Der Himmel war noch tiefdunkel, und auf dem Bürgersteig konnte er nur gerade so eine Silhouette erkennen.

»Ennio, bist du das?«, fragte er leise.

»Nein, der Weihnachtsmann …«

»Komm rauf, dann trinken wir noch einen Kaffee.« Er versuchte, die Fensterflügel möglichst leise zu schließen, und ging dann barfuß in den Flur, um Ennio die Tür zu öffnen. Er zog sich noch schnell Hosen an und wusch sich mit kaltem Wasser das Gesicht, um wach zu werden. Als Botta ihn im Unterhemd vorfand, breitete er entsetzt die Arme aus.

»Commissario, sagen Sie mir jetzt nicht, dass Sie noch geschlafen haben … Es ist schon halb sechs.«

»Setz schon mal den Kaffee auf, ich bin gleich fertig.« Er zog sich vollständig an, holte ein Paar alter, fester Schuhe aus dem Schrank und ging dann zu Botta in die Küche. Sie tranken schnell ihren Kaffee, verließen das Haus und nahmen Casinis Wagen. In der Stille über San Frediano rasselte der Motor des Käfers unerträglich laut. An der Piazza Tasso bogen sie links ab. Unter dem schwarzen Nachthimmel lag der Viale Petrarca verlassen da. Als sie die Porta Romana erreichten, nahmen sie die Straße nach Poggio Imperiale. Bergauf dröhnte der Käfer wie ein Panzer.

»Versprich mir eines, Ennio.«

»Mal sehen …«

»Fang bitte nicht zu flennen an, wenn wir keine Pilze finden.«

»Was sagen Sie da, Commissario. Kann gar nicht passieren. Wir werden so viele finden, dass wir welche stehen lassen müssen.«

»Bist du dir da sicher?«

»Machen Sie Ihre Arbeit, darin sind Sie richtig gut … Aber lassen Sie die Finger von Dingen, von denen Sie nichts verstehen.«

»Ich wäre gern so optimistisch wie du.« Er dachte an den vermissten Jungen und spürte beinahe Gewissensbisse, weil er seine Zeit mit Pilzesammeln vergeudete. Aber was konnte er sonst tun? Etwa im Büro sitzen und sich verrückt machen, während er das Bild des kleinen Giacomo anstarrte? Was sollte das nützen?

»Wir müssen aus den Steinpilzen unbedingt ein leckeres Abendessen kochen«, sagte Botta. Der Kommissar antwortete nicht. Ihm war nicht nach einem Abendessen mit Freunden zumute, er wollte vor allem Giacomo Pellissari wiederfinden. Nun musste er aber aufhören, ständig an ihn zu denken. Sich immer nur im Kreis zu drehen war wesentlich ermüdender als die gezielte Jagd nach einem Täter.

Als sie Poggio alla Croce erreichten, parkten sie mit eingeschalteten Scheinwerfern auf dem feuchten Gras. Doch bald würde die Sonne aufgehen. Die Himmelskuppel schimmerte bereits gebrochen weiß wie eine riesige Eierschale. Casini wechselte die Schuhe, und dann begannen sie ihren Anstieg durch die kalte Morgenluft. Der Pfad führte steil nach oben und war voller Steine und rutschig vom Schlamm. Botta ging voran, der Korb für die Pilze baumelte an seiner Seite. Schon nach einer Minute keuchten beide, und aus ihren Mündern stiegen Dampfwölkchen auf.

Hinter den Hügeln färbte sich der Himmel grünlich, und die Vögel des Waldes zwitscherten wie wild. In der Luft stand noch ein leichter Nebel, der nach vermoderndem Laub roch. Casini sah im Zwielicht ein feines, mit winzigen Tautropfen besetztes Spinnennetz glitzern, das ihn an einen frühen Morgen im Jahr 1944 erinnerte, als er mit sechs Mann aus seiner Einheit von einem Patrouillengang zurückgekehrt war. In der Dunkelheit hatte er damals genau solche Tröpfchen an einem haarfeinen Faden funkeln sehen, der zwischen zwei Bäumen gespannt war. Aber das war kein Faden eines Spinnennetzes gewesen, sondern ein Draht. Wenn man an ihm zog, löste er eine Springmine aus, eine Antipersonenmine, die vor der Explosion nach oben auf Bauchhöhe schnellt. Er hatte mehrere Kameraden sterben sehen, denen die Splitter den Unterleib aufgerissen hatten.

»Hier entlang, Commissario«, flüsterte Botta, als könnte sie jemand belauschen. Sie verließen den Pfad und drangen in den Wald vor. Während sie den steilen Hügel hinaufkletterten, stützten sie sich an dünneren Bäumen ab. Casini betrachtete durch die Baumwipfel der hohen Kastanien den Himmel. Beim Anblick der Morgendämmerung überkam ihn ohne besonderen Grund stets tiefe Schwermut. Im Krieg hatte er fast jeden Tag den Morgen anbrechen sehen, und jedes Mal hatte er dabei gedacht, es könnte das letzte Mal sein.

Der Himmel färbte sich violett, danach orange, und kurz darauf war es Tag geworden. Botta hielt den Blick aufmerksam auf den Boden gesenkt und bog öfter abrupt ab, als folgte er einem unsichtbaren Pfad. Plötzlich blieb er stehen und zeigte auf etwas. Zwischen den Nebelschwaden flüchteten einige Wildschweine geräuschlos den Hügel hinauf, von ihrem dichten Pelz stieg Dunst auf. Für jemanden, der öfter in den Wäldern unterwegs war, war das bestimmt nichts Besonderes, doch der Kommissar spürte, wie ihn eine beinahe kindliche Begeisterung packte. Nur auf seinen Patrouillengängen durch die Hügel hatte er manchmal ein Wildtier zwischen den Bäumen davonrennen sehen, und jedes Mal hatte es ihm einen Stich ins Herz versetzt, wenn er mit dem Maschinengewehr darauf zielte. Jetzt konnte er das Schauspiel einfach nur genießen.

Sie stiegen weiter hinauf. Botta wurde nicht langsamer, manchmal schien er das Tempo sogar noch anzuziehen. Casini fühlte, wie sein Herz heftig pumpte, und seine Beine waren schon müde. Seine sechsundfünfzig Jahre und die vielen Zigaretten machten sich bemerkbar. Meine Güte, damals, zu den Zeiten der Legion San Marco, hatte er fünfundzwanzig Kilometer am Tag geschafft, und das mit vollem Rucksack auf dem Buckel und der gesamten Waffenausrüstung … Warum musste er nur immer an diesen dreckigen Krieg denken? Konnte er nicht einfach den Spaziergang genießen?

Manchmal kniete sich Botta hin, um seltsame Pilze zu betrachten – einige waren dünn und schimmerten weißlich, andere dunkel und knollig, und wieder andere wirkten so brüchig, als würden sie bei der geringsten Berührung zerfallen –, dabei runzelte er die Stirn und murmelte die lateinischen oder umgangssprachlichen Namen. Aber stets ließ er sie stehen und stieg weiter den Hügel hinauf.

»Warum nimmst du den nicht mit? Ist der giftig?«, fragte Casini, der ihm hinterherlief. Botta schüttelte den Kopf.

»Steinpilze oder gar nichts«, verkündete er feierlich und verstummte wieder. Plötzlich blieb er abrupt stehen und riss die Augen auf.

»Was ist los?«, fragte Casini beunruhigt. Botta sah ihn mit großen Augen an.

»Sie werden es nicht glauben, Commissario, aber ich kann Steinpilze riechen, da brauche ich gar nicht jeden Winkel des Waldes zu durchsuchen.«

»Mach dir keine Sorgen, ich kenne einen ausgezeichneten Psychiater«, sagte Casini trocken.

»Sie glauben mir nicht, was?«

»Ich gebe mir alle Mühe.«

»Da …«, meinte Botta verklärt.

»Was ist los?«

»Die Pilze sind dort drüben.« Er zeigte nach oben, und im selben Augenblick war er auch schon davongerannt. Der Kommissar konnte nicht mit ihm Schritt halten, seine Beine waren noch schwer von dem Essen am Vorabend in Cesares Trattoria: Pappardelle mit Hasenragout, danach Schweinerücken mit Kartoffeln und dazu Totòs Wein aus Apulien. Casini sah, wie Botta hinter dunklen Kastanienstämmen verschwand, und stieg mit schweißbedeckter Stirn weiter bergan. Nach einer Viertelstunde kam er an einem breiten Weg heraus und blieb stehen.

»Ennio … bist du da?«

»Ich bin hier drüben, Commissario«, hörte er Bottas Stimme. Casini entdeckte ihn fünfzig Meter weiter oben zwischen den Bäumen. Er setzte sich wieder in Bewegung und ging zu ihm.

»Passen Sie auf, dass Sie sie nicht zertrampeln«, sagte Botta besorgt. Er kniete auf dem Boden und säuberte mit einem ganz normalen Borstenpinsel behutsam dicke Steinpilze. In seiner Nähe gab es die dutzendweise.

»Dann kannst du sie also wirklich riechen.« Casini war ehrlich überrascht.

»Habe ich jemals dummes Zeug erzählt, Commissario?« Ennio war ernst und konzentriert. Er bürstete weiter die Pilze ab und wirkte dabei wie der Hohepriester eines archaischen Kultes. Casini blieb nichts übrig, als zu warten, bis er seine Arbeit beendet hatte, daher setzte er sich auf einen Stein. Er ließ seinen Blick zwischen den Baumstämmen umherschweifen und bemühte sich, noch ein Tier auszumachen. Doch das Einzige, was sich bewegte, waren die Blätter, die von oben herabfielen. Sie lösten sich unvermittelt und segelten zu Boden. In dieser friedlichen Stille kehrten die Gedanken des Kommissars wieder zu Giacomo Pellissari zurück, zu seinen verzweifelten Eltern, den langen Gesprächen mit Piras … Konnte ein Junge einfach spurlos verschwinden?

»Das werden mindestens zwei Kilo sein«, meinte Botta, während er prüfend den Korb hochhob. Er lächelte, als hätte er gerade eine ruhmreiche Schlacht gewonnen.

»Meine aufrichtige Bewunderung.« Casini seufzte und stand wieder auf.

»Gehen wir noch ein Stück.« Als sie weiter hinaufstiegen, versanken sie mit den Füßen in welken Blättern, während Amseln aufgeregt zwischen den Bäumen hin und her schwirrten. Sie gingen langsam einer hinter dem anderen. Botta schritt natürlich voran.

»Ennio, kann ich dich etwas fragen?«

»Kommt drauf an …«

»Was machst du denn jetzt so, wovon lebst du?«

»Rede ich jetzt mit dem Commissario oder mit dem Menschen Casini?«

»Mit dem Menschen.«

»Ich mache das, was ich schon immer gemacht habe.«

»Also Einbrüche und Trickbetrügereien?«

»Was für hässliche Worte …«

»Ich kenne keine anderen.«

»Sagen wir doch einfach, dass ich eine Art Umverteilung von Besitz betreibe, solange es keine gerechteren Gesetze gibt.«

»Mir kommen die Tränen.«

»Hier oben können Sie weinen, so viel Sie wollen, ich werde es niemandem erzählen«, sagte Botta und suchte weiter mit den Augen den Boden ab.

»Warum nimmst du keine normale Arbeit an, Ennio? Ich meine es doch nur gut. Als Gesetzesbrecher hast du nur Pech gehabt, am Ende geht es immer schief.«

»Ich gehe nie mehr in den Knast, Commissario.«

»Du könntest doch Koch werden.«

»Na ja, ich will nicht ausschließen, dass ich früher oder später eine Trattoria aufmache.«

»Von welchem Geld?«

»Wenn mir das nächste Ding gelingt …« Plötzlich verstummte Ennio, gab einen tiefen Seufzer von sich und breitete verklärt die Arme aus.

»Geht es dir nicht gut?«, fragte Casini.

»Schauen Sie doch mal dort, Commissario. Der erste Kaiserling der Saison.« Botta war sichtlich ergriffen. Eine Art orangefarbene Kugel schaute aus dem Laub hervor.

»Ich bemühe mich, vor Freude nicht laut aufzuschreien«, meinte Casini.

»Sie können das nicht verstehen, Commissario. Das ist, als würde man das allererste Mal eine Frau küssen.«

»Du weißt ja nicht, wovon du redest …«

»Was für ein Prachtstück«, flüsterte Ennio beeindruckt und drehte den Pilz vorsichtig ab.

»Wolltest du nicht bloß Steinpilze mitnehmen?«

»Hier muss es noch mehr davon geben.« Botta ignorierte ihn völlig. Er wickelte den Kaiserling in ein Taschentuch, das er einsteckte. Danach suchte er die Umgebung ab und fand noch sechs weitere Exemplare. Er wirkte hochzufrieden.

»Für heute reicht das, man darf nicht gierig werden«, sagte er. Casini sah auf die Uhr, es war noch nicht einmal neun.

»Hier oben lässt es sich aushalten, es ist wirklich wunderbar.« Er seufzte und schaute sich um. Unmittelbar danach stolperte er über einen großen Stein und saß plötzlich auf dem Hosenboden. Mit schmerzverzerrtem Gesicht stand er wieder auf und versuchte Bottas Gelächter zu überhören. Seine Hose war schlammverschmiert, und seine Ohren klingelten von der Erschütterung.

»Verdammt …«, sagte er und klopfte sich die nassen Blätter von der Hose.

»Sie dürfen nie laut sagen, dass Sie sich wohlfühlen, Commissario. Der Teufel kann zwar keine Gedanken lesen, aber Worte versteht er sehr gut.«

»Haben dir das die Nonnen beigebracht?«

»Sa va san dir, Commissario«, meinte Botta, der im Gefängnis von Marseille ein paar Brocken Französisch aufgeschnappt hatte.

Gemeinsam wanderten sie weiter zwischen Kastanien und Eichen hindurch, begleitet von seltsamen Vogellauten und dem Rauschen des Windes, der immer wieder in Böen durch die Äste fuhr. Sie sahen noch mehr Tiere, die vor ihnen ins Gebüsch flüchteten, hin und wieder kamen sie an einem alten Kohlenmeiler vorbei, um den die Erde schwarz und verbrannt war. Casini schwirrten in wildem Durcheinander alte Erinnerungen durch den Kopf. An seine Kindheit, an den Krieg, an ehemalige Freundinnen, deren Gesichter er inzwischen vergessen hatte. Aber hinter jedem dieser Gedanken kam immer wieder das Rätsel um den vermissten Jungen zum Vorschein. Casini begann langsam zu glauben, dass dieser von Marsmenschen entführt worden war …

Casini brachte Botta zu seiner Souterrainwohnung in der Via del Campuccio zurück und fuhr dann zu Hause vorbei, um die Kleidung zu wechseln. Inzwischen war es halb elf. Nach einer langen, heißen Dusche zog er sich in aller Ruhe an. Er hatte zwar noch die dunklen Baumstämme vor Augen, den leichten Nebelschleier, die Wildschweine … aber mit den Gedanken war er längst woanders. Zum wiederholten Mal ging er im Geist die Protokolle im Vermisstenfall Giacomo Pellissari durch in der absurden Hoffnung, endlich auf das Detail zu stoßen, das ihn auf irgendeine Spur führen würde.

Der Junge war am Mittwochmittag verschwunden, als er während eines wolkenbruchartigen Regens das Collegio alle Querce verlassen hatte. Um acht Uhr fünfundzwanzig hatte ihn sein Vater wie immer zur Schule gebracht. Nach dem Unterricht holte ihn regelmäßig ein Elternteil ab. Um Viertel nach zwölf war Giacomos Mutter in die Garage gegangen, doch ihr Fiat 600 sprang nicht an. Daraufhin hatte sie ihren Mann im Büro angerufen, und der hatte sich sofort ins Auto gesetzt, um zum Collegio zu fahren. Weil sich aufgrund des heftigen Regens ein Unfall auf den Alleen ereignet hatte, war er erst mit einer Stunde Verspätung eingetroffen. Unter dem Schutz seines Schirms war er zur Schule geeilt, in der festen Überzeugung, seinen Sohn anzutreffen, doch Giacomo war nicht mehr dort. Der Hausmeister hatte resigniert die Arme ausgebreitet: Der Junge hatte bis nach eins gewartet, sogar zu Hause angerufen, aber da war besetzt gewesen … Schließlich war er in den Regen hinausgerannt und hatte sich nicht aufhalten lassen.

Casini zündete sich eine Zigarette an und rekonstruierte die Ereignisse noch einmal bis in jede Einzelheit. Mittlerweile kam es ihm vor, als sehe er einen Film. Er kannte die Gegend rund um das Collegio alla Querce bis zum Haus der Pellissaris in der Via di Barbacane sehr genau. In diesem Viertel war er zur Welt gekommen und aufgewachsen.

Rechtsanwalt Pellissari hatte den Hausmeister gefragt, ob er seine Frau anrufen dürfe, aber noch immer war dort besetzt gewesen. Dann hatte er sich wieder ins Auto gesetzt und war den Weg nach Hause gefahren: Via della Piazzuola, Viale Volta, Via di Barbacane. Als er zu Hause ankam, war Giacomo immer noch nicht da. Seine Frau machte sich zwar Sorgen, aber sie war nicht allzu beunruhigt. Vielleicht hatte sich Giacomo ja irgendwo untergestellt, um sich vor dem Regen zu schützen …

Der Rechtsanwalt war zum Telefon im Flur gegangen und hatte festgestellt, dass der Hörer nicht richtig auflag. Er hatte mit seiner Frau geschimpft, die sich doch langsam Sorgen machte. Pellissari war wieder in seinen Alfa gestiegen und hatte im Regen das gesamte Viertel abgesucht. Mehrmals war er die Via Aldini entlanggefahren, eine kleine, wenig belebte Straße, die vom Viale Volta bis zum Anfang der Via di Barbacane führte. Giacomo kannte sie sehr gut. Sein Zuhause lag gleich um die Ecke, und er fuhr hier oft mit seinen Freunden Fahrrad.

Um drei beschloss der Rechtsanwalt, die Polizei anzurufen. Zwei Streifenbeamte waren zum Collegio alla Querce gegangen und hatten den Hausmeister der Schule befragt, Oreste, einen untersetzten kleinen Mann mit schütterem Haar und geröteten Wangen, der bei der Nachricht ganz blass geworden war. Die Beamten hatten ihn gebeten zu erzählen, wie sich alles abgespielt hatte, und Oreste war in seiner Beschreibung sehr genau gewesen: Nach dem üblichen Durcheinander bei Schulschluss war er vor die Tür gegangen, um nach dem Regen zu schauen. Unter dem Torbogen des Eingangsportals war er auf den Jungen gestoßen, der mit dem Ranzen zwischen den Füßen erwartungsvoll auf die abfallende Via della Piazzuola starrte. Er hatte ihn gefragt, ob er nicht seine Mutter anrufen wollte. Giacomo hatte zugestimmt und war dem Hausmeister bis zur Pförtnerloge gefolgt. Er hatte mehrmals die Nummer von zu Hause gewählt, aber dort war immer besetzt gewesen. Der Junge hatte verängstigt gewirkt, und Oreste hatte versucht, ihn zu beruhigen. Bald würde jemand kommen, um ihn abzuholen, er solle sich keine Sorgen machen, daran sei bestimmt dieser Wolkenbruch schuld. Der Junge war wieder nach draußen gegangen, um auf der Straße nachzusehen, und Oreste war ihm gefolgt. Kaum eine Minute später war Giacomo in den Regen hinausgerannt, er war aus dem Mantel geschlüpft und hatte ihn über den Kopf gezogen. Der Ranzen hüpfte auf seinem Rücken auf und ab. Oreste hatte ihm nachgerufen, dass er doch warten solle, er würde ihn nach Hause fahren, aber der Junge hatte nicht auf ihn gehört und war einfach weitergerannt. Der Hausmeister hatte noch einmal versucht, bei Giacomos Eltern anzurufen, aber da war immer noch besetzt gewesen. Schließlich hatte er sich gesagt, dass er sich keine Sorgen machen brauche, und nicht mehr daran gedacht.

Eine Einheit Polizeibeamte hatte die Einwohner befragt, die auf dem Weg von der Schule bis zum Haus der Pellissaris lebten, und auch die Via Aldini miteinbezogen. Nur eine alte Frau hatte von ihrem Fenster aus einen Jungen gesehen, der an der Ecke Viale Volta und Via della Piazzuola durch den Regen rannte, das war so gegen Viertel nach eins gewesen. Die Kleidung, die Farbe des Ranzens und die Uhrzeit ließen keine Zweifel: Bei dem Jungen handelte es sich um Giacomo Pellissari. Die alte Frau war die Letzte, die ihn gesehen hatte, und ihre Aussage hatte jeden Zweifel an der Aufrichtigkeit des Hausmeisters beseitigt. Mehr hatten sie nicht herausgefunden, aber das war zu erwarten gewesen. Als Giacomo die Schule verlassen hatte, war es Mittagszeit, es regnete in Strömen, und jeder kümmerte sich nur um seine eigenen Angelegenheiten.

Die Fotos des Jungen waren in den Zeitungen veröffentlicht und auch in den Fernsehnachrichten gezeigt worden, aber bisher hatte sich niemand darauf gemeldet. Konnte ein Junge einfach so verschwinden?

Als er im Hof des Präsidiums parkte, war es beinahe elf. Mugnai trat aus der Pförtnerloge heraus und lief ihm mit Leichenbittermiene entgegen.

»Guten Morgen, Commissario.«

»Hallo Mugnai, warum bist du denn so gut gelaunt?«

»Mit allem Verlaub, der Polizeipräsident ist stinksauer.«

»Das ist doch nichts Neues«, meinte Casini.

»Er hat mich wie einen Trottel behandelt. Aber was habe ich denn damit zu tun, dass der Junge nicht wieder auftaucht?« Der Beamte war tief gekränkt.

»Nimm es dir doch nicht so zu Herzen, Mugnai«, sagte Casini.

»Der Dottore hat gesagt, dass er Sie sofort sehen möchte.«

»Oje …« Der Kommissar seufzte.

»Machen Sie sich auf etwas gefasst, heute ist er wirklich geladen.«

»Das tut mir leid für ihn. Such doch bitte Piras und sag ihm, dass er zu mir ins Büro kommen soll.« Er winkte Mugnai zum Abschied und ging hinauf in den zweiten Stock, die Zigarette in seinem Mund hatte er dabei nicht angezündet und sich geschworen, dass er sie vor zwölf nicht rauchen würde. Er klopfte an Inzipones Tür und trat ein, ohne ein »Herein« abzuwarten. Als der Polizeipräsident ihn sah, sprang er auf. Seine dunklen Augen glühten wie zwei geröstete Kastanien.

»Sie müssen dieses Kind finden, Commissario!«, brüllte er und fuchtelte mit den Händen durch die Luft.

»Nichts würde ich lieber tun, Dottore«, sagte Casini ruhig.

»Und warum verschwenden Sie dann Ihre Zeit? Haben Sie die Zeitungen gelesen? Polizei unfähig! Das Präsidium schläft.« Er ging auf Casini zu und wedelte dabei mit einer Ausgabe von »La Nazione« durch die Luft.

»Wir tun unser Möglichstes.«

»Nichts als Worte! Jetzt kommen Sie endlich in die Gänge, Teufel noch mal!«

»Er ist spurlos verschwunden«, sagte Casini und hatte auf einmal große Lust, sich die Zigarette, die er zwischen seinen Fingern hielt, doch anzuzünden.

»Niemand verschwindet spurlos.« Inzipone warf die Zeitung fort und setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch. Casini kam näher, blieb aber stehen.

»Wir werden ihn finden«, sagte er mehr zu sich als zum Polizeipräsidenten.

»Das hoffe ich für Sie, Commissario. Heute Morgen hat mich in aller Herrgottsfrühe der stellvertretende Verkehrsminister angerufen. Avvocato Pellissari und er sind eng befreundet.«

»Ach, das wusste ich nicht. Das ändert natürlich alles, Sie werden sehen, dass wir den Jungen noch heute wiederfinden.«

»Werden Sie nicht unverschämt, Commissario«, sagte der Polizeipräsident und schob bedrohlich das Kinn vor. Casini steckte sich die Zigarette in den Mund und zündete sie an.

»Dann werde ich mich mal klarer ausdrücken. Es kümmert mich herzlich wenig, wessen Sohn das ist.«

»Und glauben Sie etwa, bei mir ist das anders?«, fragte Inzipone, erbost über diese Unterstellung.

»Ich spreche nie für andere, Dottore.« Casini grüßte mit einem leichten Kopfnicken und wandte sich zur Tür. Er hörte, wie der Polizeipräsident wieder aufstand und dabei seinen Sessel quietschend nach hinten schob.

»Ihre Art gefällt mir nicht, Commissario.«

»Ich bin untröstlich«, sagte Casini, ohne sich umzudrehen.

»Und Sie wissen sehr gut, dass ich mit dieser Meinung nicht allein dastehe.«

»Ich empfehle mich, Dottore.«

»Es wird schon seine Gründe haben, dass Sie in Ihrem Alter nur Commissario Capo sind …«, stieß der Polizeipräsident leise zwischen den Zähnen hervor, aber Casini hörte es trotzdem. Er verließ den Raum und schloss die Tür hinter sich. Am liebsten wäre er jetzt mit Botta in den nebelverhangenen Hügeln herumgelaufen, um zwischen verwelktem Laub nach Pilzen zu suchen. Als er sein Büro betrat, saß Piras bereits vor seinem Schreibtisch und wartete auf ihn.

»Bleib sitzen …«, sagte er, doch der Sarde war bereits aufgestanden. Der Mann humpelte noch, weil ihm ein Jahr zuvor mehrere Kugeln ein Bein zertrümmert hatten. Piras war gerade mal zweiundzwanzig, aber seine herausragenden Fähigkeiten hatten Casini so überzeugt, dass er ihn bei jeder Ermittlung an seiner Seite haben wollte. Außerdem war er der Sohn von Gavino Piras, seinem ehemaligen Waffengefährten, und ihm deshalb noch mehr ans Herz gewachsen. Gavino hatte im Krieg einen Arm verloren, aber er arbeitete immer noch als Bauer. Im Grunde hatte auch er unglaubliches Glück gehabt … Casini erinnerte sich noch daran, wie Gavino eine Handgranate an der Brust getroffen hatte, die aber nicht explodiert war. Sie war an seiner Uniform abgeprallt und dann wie ein Stein zu Boden gefallen. In der Eile hatte der Nazi vergessen, den Sicherungsstift zu ziehen, und Gavino hatte ihn mit seinem Maschinengewehr erledigen können.

»Selbst die Handgranaten haben Angst vor den Sarden, Comandante«, hatte Gavino danach mit einem begeisterten Funkeln in den Augen Casini zugeflüstert. Dass er überlebt hatte, war ein reines Wunder, das wusste er sehr genau.

»Commissario, Sie wollten mich sprechen?«, fragte der junge Piras.

»Ich wollte meinen Ärger mit dir teilen.«

»Denken Sie das, was ich denke?«

»Leider ja.« Sie mussten nicht aussprechen, dass sie mittlerweile beide davon überzeugt waren, der Junge sei tot. Keine Lösegeldforderung, keine Anrufe.

»Hoffen wir, dass wir uns irren, Dottore«, sagte Piras, der inzwischen wieder Platz genommen hatte. Casini trat ans Fenster und schaute hinaus. Zur Abwechslung regnete es wieder, nachdem es gerade mal für zwei Tage trocken geblieben war.

»Was machen wir jetzt, Piras? Sollen wir noch einmal die Protokolle lesen? Sollen wir sie aufessen? Oder Boccia spielen gehen? Was zum Teufel sollen wir tun?«

»Wenn ich ehrlich sein darf …«

»Sag schon.«

»Uns bleibt nur die Hoffnung, dass wir die Leiche finden.«

»Verfluchter Regen«, zischte Casini und starrte auf die großen Tropfen, die auf den Asphalt prasselten. Niedergeschlagen zündete er sich eine Zigarette an. Ein schlecht aufgelegter Telefonhörer, strömender Regen, Signora Pellisaris Wagen, der nicht ansprang … Eine Verkettung unglücklicher Umstände? War es eine geplante Entführung, oder hatte dabei nur das Schicksal seine Hand im Spiel gehabt?

Das Telefon klingelte. Es war der Funkraum. Wenige Hundert Meter hinter dem Kloster von Montesenario hatte man ein Auto mit zwei Leichen gefunden. Ein Mann und eine Frau. Auf den ersten Blick sah es nach einem Doppelselbstmord aus.

»Ja, ich komme. Sagen Sie Diotivede und dem Staatsanwalt Bescheid«, sagte Casini ruhig und legte auf.

»Was ist passiert?« Piras war schon auf den Beinen.

»Das erzähle ich dir auf der Treppe«, erwiderte der Kommissar leise und zog heftig an seiner Zigarette. Er versuchte sein Möglichstes, um weniger zu rauchen, aber bei all den Frauengeschichten und Leichen war das nicht so leicht.

»Warten Sie auf mich, Dottore.« Piras humpelte hinter ihm her.

»Entschuldige, das vergesse ich immer.« Casini passte sein Tempo dem des Sarden an, und gemeinsam gingen sie in den Hof hinunter. Es schüttete wie aus Eimern. Mugnai sah sie und eilte mit einem großen grünen Schirm herbei, der sie alle drei vor dem Regen schützen sollte. Während er sie zum Käfer begleitete, fragte er sie, was Der Hügel, der Leopardi immer am Herzen lag sein könnte, ein Wort mit vier Buchstaben.

»Ermo«, antworteten Piras und Casini im Chor. Sie stiegen in den Wagen, fuhren los und ließen Mugnai nachdenklich zurück.

Als sie über die Piazza delle Cure fuhren, hatte der Regen ein wenig nachgelassen, doch der Himmel war immer noch dunkel. Der Kommissar empfand es fast als Erleichterung, dass er sich um einen handfesten Fall kümmern konnte, obwohl es dabei um zwei Tote ging.

Nach einer halben Stunde waren sie in Montesenario. Vor Ort trafen sie auf ein paar Streifenwagen und einige Schaulustige. Es nieselte immer noch mit einer Monotonie, die an den Nerven zerrte. Casini näherte sich dem Fiat 600 und schaute hinein. Er sah einen Mann um die vierzig mit einem Loch in der linken Schläfe und eine etwa dreißigjährige Frau, deren Hände auf ihrem blutüberströmten Bauch lagen, beide mit geöffnetem Mund. Auf dem Rücksitz stapelten sich zahlreiche Stoffmusterkataloge.

»Sorgen Sie dafür, dass die Leute zurückbleiben«, sagte Casini zu einem Beamten. Er versuchte die Tür auf der Fahrerseite zu öffnen. Sie war nicht verriegelt. Er steckte den Kopf in den Wagen, um die Leichen und die Einschusswunden aufmerksam zu betrachten. Die Frau war in den Bauch getroffen worden. Im Unterschied zu ihren standen die Augen des Mannes weit offen. Der Kommissar durchsuchte die Taschen des Mannes und die Handtasche der Frau nach Dokumenten und trat dann beiseite, um Piras Platz zu machen. Er war sich beinahe sicher, dass er wusste, was sich hier ereignet hatte, und wollte sehen, ob der Sarde zu demselben Schluss kam. Deshalb wartete er geduldig ab, bis Piras fertig war.

»Was sagst du dazu?«, fragte er ihn.

»Das war nicht geplant«, sagte der Sarde.

»Weiter …«

»Ein heimliches Liebespaar. Sie streiten, er bedroht sie mit der Waffe, sie macht sich vielleicht über ihn lustig und sagt, dass die Pistole nicht geladen sei. Dann zieht er den Sicherungshebel nach hinten und lässt ihn los, ohne zu wissen, dass so schon ein Schuss ausgelöst wird. Nachdem er sie aus Versehen getötet hat, verliert er den Kopf und erschießt sich.«

»Das passt genau«, sagte Casini und reichte ihm die Papiere der beiden Unglücklichen. Sie waren verheiratet, aber nicht miteinander.

In diesem Augenblick kam der Alfa Romeo 1100 von Diotivede, schwarz glänzend wie der Schuh eines Ministers, um die Ecke gerollt. Der alte Gerichtsarzt stieg mit seiner selbstverständlich ebenfalls schwarzen Tasche in der Hand aus. Seine weißen Haare leuchteten im hellen Morgenlicht. Nachdem er mit einem fast unmerklichen Heben des Kinns gegrüßt hatte, kam er auf das Auto des Liebespaares zu. Diotivede hatte fast immer einen schmollenden Gesichtsausdruck, wie ein Kind, das man gerade geweckt hatte, weil es zur Schule muss. Er öffnete seine Tasche, langte mit beiden Händen hinein, und als er sie wieder hervorzog, steckten sie bereits in Latexhandschuhen. Darauf beugte er sich in den Innenraum, um die Leichen zu untersuchen. Es verging nicht einmal eine Minute, da richtete er sich wieder auf und zog sich die Handschuhe aus.

»Die Frau ist zwei Stunden nach dem Mann gestorben, vielleicht auch zweieinhalb«, sagte er und schrieb sich erste Stichpunkte in sein Notizbuch.

»Bist du dir sicher?«, fragte Casini.

»Nein, ich mache Witze«, blaffte Diotivede, während er weiterschrieb.

»Das war eigentlich keine Frage …«

»Ich muss gehen, ich habe ein Rendezvous mit einer alten Dame.« Der Arzt steckte sein Notizbuch weg.

»Tot oder lebendig?«

»Wo ist da der Unterschied?«, fragte Diotivede lächelnd und ging zu seinem Auto zurück; die Tasche baumelte an seiner Seite. Ein Kind mit weißen Haaren, dachte Casini und musste lächeln. Der Arzt wendete und fuhr davon.

Piras und Casini folgten ihm wenig später und fuhren schweigend die gewundene Straße von Montesenario hinab. Diesen tragischen Vorfall umgab kein Geheimnis, nichts, was man erst herausfinden musste. Es hatte also kaum Sinn, auf den stellvertretenden Staatsanwalt zu warten. Außerdem war Dottor Cangiani kein besonders angenehmer Zeitgenosse.

Der Kommissar beschäftigte sich schon wieder mit dem vermissten Jungen, und es war offensichtlich, dass auch Piras über ihn nachdachte. Für sie beide war der Fall zu einer Obsession geworden. Es war das erste Mal, dass Casini so im Dunklen tappte, und das gefiel ihm gar nicht. Als sie die Piazza delle Cure erreichten, schüttelte Piras den Kopf.

»Verflucht, Commissario …«

»Was ist, Piras?«

»Ich ertrage das nicht, so untätig herumsitzen zu müssen.«

»Wir können nichts anderes tun.« Casini zündete sich eine Zigarette an. Piras kurbelte das Seitenfenster hinunter und steckte den Kopf beinahe ganz hinaus, als hätte er Angst zu ersticken. Er hasste Zigarettenrauch und verstand nicht, wie ein intelligenter Mensch seine Zeit mit etwas so Sinnlosem wie dem Rauchen vergeuden konnte. Ein kalter Wind drang in den Wagen und fuhr unter ihre Kleidung.

»Wenn du möchtest, kann ich sie auch wegwerfen«, sagte der Kommissar.

»Wenn es Ihnen lieber ist, kann ich auch zu Fuß gehen«, sagte der Sarde gekränkt. Casini zog hastig zwei-, dreimal hintereinander und warf dann die Zigarette fort, woraufhin Piras das Fenster wieder schloss. Nach einer Minute sardischen Schweigens erzählte er die Geschichte, wie man in seinem Dorf ein Mädchen ermordet hatte, als er ungefähr zehn Jahre alt war. Man hatte sie vergewaltigt und erwürgt. In allen Dörfern der Gegend sprach man von nichts anderem. Es dauerte mehrere Monate, bis man den Täter gefunden hatte, und das durch puren Zufall. Während der Messe war dem Priester eines Nachbardorfes ein gelbes Baumwollband aus der Tasche gefallen. Eine Frau, die die Familie des Mädchens kannte, war sich beinahe sicher, das Bändchen wiedererkannt zu haben, und war daher nach der Messe zu den Carabinieri gegangen. Das Mädchen hatte immer einen Pferdeschwanz getragen, und seine Mutter band ihm stets mit einem solchen gelben Band eine Schleife. Der Priester wurde daraufhin verhört. Anfangs gab er sich völlig ahnungslos, aber man konnte sehen, dass er nervös war. Schließlich gestand er. Nach einer Stunde in Haft hatte er sich an den Gitterstäben seiner Zelle erhängt. Er hatte sein Hemd in Streifen gerissen und sich daraus eine Art Strick gedreht …

»Es ist doch immer wieder ein Vergnügen, solch heitere Geschichten aus deiner Kindheit zu hören.« Casini lächelte bitter.

»Na ja, zumindest hat man den Mörder gefasst …«

»Wir sollten nicht so voreilig sein. Es ist nicht gesagt, dass der Junge wirklich ermordet wurde«, sagte der Kommissar gegen seine Überzeugung.

»Mit dreizehn läuft man noch nicht mit einer Freundin davon«, knurrte Piras.

»Warten wir es ab. Man kann nie wissen.«

Sie waren am Präsidium angekommen. Casini ließ den Käfer im Hof stehen, verabschiedete sich von Piras und ging dann zu Fuß in die Trattoria Da Cesare auf dem Viale Lavagnini. Er begrüßte den Besitzer und die Kellner und schritt wie immer direkt in die Küche, wo der apulische Koch Totò seine täglichen Schlachten mit Töpfen und Dunstwolken schlug. Dort nahm der Kommissar seit mittlerweile vielen Jahren seine Mahlzeiten ein.

Totò war in Hochform, wie eigentlich immer. Ein Meter fünfzig überquellende Leibesfülle und schwarze Haare, die überall hervorsprossen. Er begrüßte den Kommissar und empfahl ihm Schweinerippchen mit Augenbohnen, eine toskanische Spezialität. Casini nickte ergeben. Er war schon viele Male mit dem Vorsatz in die Küche gekommen, weniger zu essen, doch nur selten hatte er sich daran gehalten. Vielleicht auch nie. Er setzte sich und wartete, dass Totò ihm seine Köstlichkeiten präsentierte.

»Riechen Sie nur, Commissario. Ich kann einem Florentiner beibringen, wie man so etwas macht …«

»Danke, Totò, das brauche ich jetzt.«

»Immer noch dieser Junge, oder?«

»Tust du mir einen Gefallen und sprichst nicht darüber?«

»Aber sicher, Commissario.« Totò war immer mit etwas beschäftigt, aber er hörte nie mit dem Reden auf. Auch er erzählte einige Geschichten von ermordeten Kindern, unten im Salento, und schilderte dabei die Einzelheiten so, als würde er beschreiben, wie man Spaghetti Carbonara zubereitet. Casini hörte schweigend zu und spülte das Fleisch mit einem unglaublich kräftigen Rotwein hinunter.

Nach seinen erbaulichen Geschichten vom Land kam Totò auf die langhaarigen Gammler zu sprechen. Mittlerweile sah man sie ziemlich oft. Es wurden immer mehr. Irgendwie fand er sie ja ganz nett, so wie manche kleine Hunde. Aber er verstand immer noch nicht, wie ein Mann lange Haare wie eine Frau tragen konnte, ohne sich dabei in Grund und Boden zu schämen.

»Zu anderen Zeiten war das völlig normal«, meinte Casini.

»Sie möchte ich mal sehen, so mit langen Weiberhaaren.« Lachend wendete Totò ein riesiges Steak. Er goss einen Topf Nudeln ab, und eine Minute später stellte er sechs tiefe Teller in die Durchreiche. Mit einem Lächeln auf den Lippen servierte er dem Kommissar ein Stück Apfelkuchen und dazu ein Gläschen Vin Santo.

Als Casini aus der Trattoria kam, hatte er ein schlechtes Gewissen, weil er der Versuchung nicht widerstanden hatte. Er zündete sich eine Zigarette an, dann schlenderte er in aller Ruhe zum Polizeipräsidium und dachte an den langen Nachmittag, der noch vor ihm lag.

Als ein schönes Mädchen mit einem sehr kurzen Rock an ihm vorüberging, drehte er sich um und schaute ihm nach. Beinahe wäre er in eine Lambretta gelaufen, die auf dem Bürgersteig parkte. Er errötete fast bei dem Gedanken, dass er der Vater der jungen Frau – wenn nicht gar ihr Großvater – sein könnte. Trotzdem drehte er sich noch einmal nach ihr um. War ihr denn nicht kalt, dachte er, mit diesen nackten Beinen? Er hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt, Frauen in so kurzen Röcken zu sehen, und war nach wie vor jedes Mal schwer beeindruckt …

Casini musste an Elvira denken, an ihre letzte gemeinsame Nacht. Eine Nacht wie jede andere, aber am nächsten Tag hatte sie durch einen kurzen Anruf mit ihm Schluss gemacht. Elvira war sehr hübsch. Sie hatte ein Muttermal über der Lippe und ein weiteres auf der linken Brust.

»Also bist du jetzt wieder ganz allein, mein armer, großer Bär«, sagte Rosa, während sie ihm mit Schere und Feile die Nägel kürzte. Casini lag ohne Schuhe auf der Couch und balancierte ein Glas Schnaps auf der Brust. Hin und wieder hob er den Kopf und trank einen Schluck. Leise erfüllten die romantischen Schlager von Tony Dallara den Raum.

Rosa hatte ihren Spaß daran, ihren Freund, den Kommissar, zu umsorgen, vor allem, wenn er so niedergeschlagen war. Dann reinigte sie sein Gesicht mit Creme, pflegte seine Hände, massierte ihm die Schultern … Seit sie ihren Beruf aufgegeben hatte, war sie ein wenig melancholisch, aber auch sanfter geworden. Eine zärtliche Hure im Ruhestand mit der Seele eines Kindes. Ihr riesiger weißer Kater Gedeone schlief auf einem Stuhl.

»Bei mir geht immer alles schief, genau wie bei diesem Küken Calimero«, sagte Casini.

»Du läufst ja auch nur jungen Frauen hinterher …«

»Das stimmt nicht.«

»Und ob das stimmt.« Ein trauriges kleines Lächeln umspielte ihre Lippen.

»In meinem Alter würde ich gern eine schöne, liebenswerte Frau finden, die mich bis ans Lebensende begleitet«, sagte Casini melodramatisch. Wie gut, dass wenigstens Rosa nicht auf den vermissten Jungen zu sprechen kam.

»Ich weiß genau, was für eine Frau zu dir passen würde.«

»Ich liebe es, wenn du mich bemutterst.«

»Ich meine das ganz ernst.«

»Und was für eine Frau wäre das?«

»Ich habe festgestellt, dass dir Frauen mit langen schwarzen und glatten Haare gefallen. Jung, schlank, mit dunklen Augen und einem geheimnisvollen Blick …«

»Wem würde so eine Frau nicht gefallen?«

»Aber diese Frauen passen eben nicht zu dir.«

»Ach wirklich?«

»Ich kann mir dich gut mit einer etwas molligeren Blondine um die vierzig vorstellen, die gern lacht. Sobald du nach Hause kommst, wirft sie dir die Arme um den Hals und zieht dich aufs Bett.«

»Allein bei der Vorstellung bekomme ich Bauchschmerzen.« Casini stöhnte.

»Das war jetzt aber gar nicht nett von dir, schließlich sehe ich doch mehr oder weniger so aus«, sagte Rosa und spielte die Beleidigte. Immerhin feilte sie weiter seine Nägel.

»Du bist doch überhaupt nicht mollig«, sagte Casini, um seinen Schnitzer wiedergutzumachen.

»Meinst du?«

»Darauf würde ich einen Eid schwören.«

»Na ja, ein Hungerhaken bin ich nicht gerade … Aber vielleicht hast du recht, mollig bin ich auch nicht.«

»Du bist nur ein wenig …«

»Ein wenig?«

»Ich komme jetzt nicht auf das Wort, aber ich bin mir sicher, du hast schon verstanden«, meinte Casini, um nichts Falsches zu sagen. Rosa war mit seiner einen Hand fertig und nahm sich nun die andere vor.

»Na ja, ein wenig Speck auf den Rippen kann wohl nicht schaden«, meinte sie schließlich lachend. Nach einem für sie langen Schweigen, das etwa eine Minute dauerte, begann sie von ihrer Freundin Tecla zu erzählen, die auf der Treppe gestürzt war. Sie war auf den Mund gefallen und hatte sich einen Zahn, genauer gesagt einen Schneidezahn abgebrochen … Ihre Lippe war geschwollen, und sie war am ganzen Leib grün und blau. Dabei hatte sie noch Glück gehabt, sie hätte sich auch das Genick brechen können.

»Dieser Freund von dir hat schon recht, wir sind alle wie Blätter an einem Baum, wenn der Wind geht …«

»Das hat nicht mein Freund gesagt, sondern ein großer Dichter.«

»Habe ich dir jemals von meinem Onkel Costante erzählt?«, wechselte Rosa das Thema. »Er schrieb auch Gedichte. Der Ärmste ist in Russland umgekommen … Ach, und habe ich dir schon gesagt, dass ich mit meinen Freundinnen wieder ein Theaterstück vorbereite?«

»Ich glaube nicht …«

»Wir wollen es am Dreikönigstag aufführen. Dieses Mal musst du unbedingt kommen.«

»Ich werde mein Möglichstes versuchen«, meinte Casini und wusste genau, dass er sich wie immer eine Ausrede ausdenken würde, um nicht kommen zu müssen.

»Ich habe es selbst geschrieben«, sagte Rosa ganz aufgeregt.

»Das war mir klar.«

»Soll ich dir etwas daraus vorlesen?«

»Ich möchte mich lieber überraschen lassen …«

»Es ist eine zu Herzen gehende Geschichte, aber auch ziemlich unterhaltsam. Es geht um die Freundschaft zwischen einer Nonne und einer Hure, die am Ende ihre Berufe tauschen.«

»Interessant.«

»Es beginnt mit Schwester Celestina, die mitten in der Nacht in der Kirche betet. Sie ist gerade aus dem Zimmer einer Novizin gekommen, besser gesagt aus ihrem Bett. Sie weiß, dass sie gesündigt hat, und betet nun bei der Madonna um Vergebung …« Da ertönte das leise Dingdong der Türklingel, und Rosa sprang wie von der Tarantel gestochen auf.

»Bleib sitzen, um diese Uhrzeit kann es doch bloß ein Spaßvogel sein«, sagte Casini und hielt ihre Hand fest.

»Ich weiß ganz genau, wer das ist.« Sie versuchte sich loszumachen.

»Erwartest du um elf Uhr abends noch Besuch?«

»Das ist eine kleine Überraschung für dich.«

»Eine junge Frau mit schwarzen Haaren und einem geheimnisvollen Blick?«

»Jetzt red nicht solchen Schwachsinn«, sagte Rosa. Sobald Casini ihre Hand losließ, hüpfte sie zur Tür, gefolgt von Gedeone.

»Also, wer ist es denn jetzt?«, rief ihr Casini hinterher. Sie antwortete nicht und verschwand auf dem Treppenabsatz. Casini setzte sich auf, schlüpfte schnell wieder in die Schuhe und ordnete sein Haar und seine Kleidung. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wer das sein könnte.

Kurz darauf kehrte Rosa mit einer Frau zurück, die auf den ersten Blick um die fünfzig zu sein schien. Sie war ganz in einen knöchellangen schwarzen Mantel gehüllt. Casini stand auf.

»Das ist Amelia«, stellte Rosa vor.

»Sehr angenehm.« Casini deutete eine Verbeugung an. Die Frau antwortete mit einem ernsten Lächeln. Sie hatte einen kleinen Kopf, ihre Augen lagen tief in den Höhlen und wirkten unendlich traurig. Rosa half ihr aus dem Mantel, und sofort sah Amelia zehn Jahre jünger aus.

»Amelia liest aus den Tarotkarten, sie ist sehr gut darin.«

»Ach so …«, sagte Casini.

»Sie ist deinetwegen hier«, flüsterte Rosa.

»Meinetwegen?«

»Freust du dich denn nicht?«

»Aber sicher …« Er wollte Amelia nicht beleidigen.

»Möchtest du etwas trinken, Amelia?«, fragte Rosa. Die Frau verneinte mit einem leichten Kopfschütteln. Rosa räumte den Tisch frei, rückte der Kartenlegerin einen Stuhl zurecht und dämpfte dann das Licht im Zimmer.

»Alles bereit«, sagte Rosa und kicherte wie ein kleines Mädchen. Amelia setzte sich und legte die Tarotkarten auf dem Tisch aus. Sie trug eine zweimal um den Hals geschlungene Jadekette, und im schummrigen Licht sahen die Steine schwarz aus.

Casini versuchte, ernst zu bleiben.

»Was möchten Sie wissen?«, fragte ihn die Wahrsagerin leise. Casini schaute sie ein wenig verlegen an, er hatte nie an so einen Humbug geglaubt.

»Ich weiß nicht …«

»Zuerst die Liebe«, antwortete Rosa für ihn, und Casini warf ihr einen besorgten Blick zu. Amelia begann die Karten umzudrehen und studierte sie dann aufmerksam. Im Dämmerlicht wirkte ihre lange, schmale Nase beinahe boshaft. Als alle Karten umgedreht waren, hob sie den Kopf und starrte Casini in die Augen. Sie hatte einen wachen Blick, aus dem nun alle Traurigkeit verschwunden war.

»Eine blonde Frau, schön, um die fünfunddreißig … Sie hat die Beziehung plötzlich beendet, vor kurzem erst.«

»Das stimmt«, flüsterte Casini und versuchte, nicht allzu sarkastisch zu klingen. Sicher hatte Rosa die Kartenlegerin vorab informiert.

»Das war nicht die richtige Frau für Sie«, sagte Amelia finster. Rosa musste lächeln.

»Siehst du, dass ich recht hatte?«, sagte sie hochbefriedigt. Die Wahrsagerin warf einen weiteren Blick in die Karten.

»Sie werden bald eine schöne dunkelhaarige Signorina kennenlernen … eine leidenschaftliche Liebe, die aber nicht lange halten wird … Ein schlimmes Ereignis wird Sie auseinanderbringen … Auch sie ist nicht die Frau Ihres Lebens …«

»Werde ich diese Frau denn irgendwann finden?«, fragte Casini interessiert, um die beiden Frauen nicht zu enttäuschen. Er konnte es nicht erwarten, sich endlich wieder auf der Couch ausstrecken zu dürfen. Amelia konsultierte lange ihre Karten und fand schließlich etwas.

»In ein paar Jahren … Eine wunderschöne Frau, eine Ausländerin … sehr reich … geschieden … mit zwei Kindern …«

»Das kann ich mir nicht vorstellen«, knurrte der Kommissar.

»Ich weiß nicht, ob es für immer halten wird, aber das ist bestimmt die größte Liebe Ihres Lebens«, meinte Amelia abschließend und schaute wieder auf.

»Sind Sie sich sicher?«, fragte Casini und heuchelte Interesse.

»Die Karten lügen nie.« Die Wahrsagerin sammelte in Ruhe ihre Tarotkarten ein und legte alle auf einen Stapel.

»Jetzt die Gesundheit«, sagte Rosa.

»Nein, bitte nicht … Ich möchte nichts darüber wissen«, sagte Casini schnell, denn darin war er abergläubisch. Die Kartenlegerin schaute ihn an und wartete darauf, dass er sie noch etwas fragte. Rosa mischte sich schon wieder ein.

»Sag ihm doch etwas zu seiner Arbeit, Amelia. Der Commissario versucht, diesen vermissten Jungen zu finden.«

»Rosa, lass das bitte«, sagte Casini. Doch die Kartenlegerin breitete schon die Karten auf dem Tisch aus – ein Teufel, ein Totenschädel, eine Sonne und andere Bilder, die der Kommissar gleichgültig betrachtete. Gedeone war in den hintersten Winkel des Wohnzimmers geflüchtet, und seine grünen Augen leuchteten im Dunkeln. Plötzlich zuckte Amelia zusammen und schlug die Hände vor den Mund.

»Was ist los?«, fragte Rosa ängstlich. Die Wahrsagerin bedeutete ihr zu schweigen, und konsultierte immer besorgter die Karten. Casini suchte nach einer Zigarette und zündete sie sich an. Unwillkürlich war ihm ein Schauder über den Rücken gelaufen, und das hatte ihn überrascht. Er starrte die Frau an und wartete darauf, dass sie etwas sagte.

»Morgen früh …«, stammelte Amelia, doch mehr brachte sie nicht heraus.

»Morgen früh passiert was?«, fragte Casini, der mittlerweile doch gefesselt war. Um den kleinen Giacomo zu finden, würde er jeder Spur nachgehen, und sei sie auch noch so absurd. Doch die Wahrsagerin antwortete nicht. Sie sammelte ihre Karten ein und stand dann hastig auf.

»Amelia, was ist denn los?«, fragte Rosa schuldbewusst. Schließlich hatte sie die Idee gehabt, die Karten zu dem vermissten Jungen zu befragen. Wortlos schlüpfte die Kartenlegerin in ihren Mantel. Sie bedeutete Rosa, dass sie aufbrechen wollte, und ging zur Tür. Casini verspürte den Wunsch, sie zurückzuhalten und zu fragen, was sie gesehen hatte, doch ihm fehlte der Mut. War er so stark zu beeinflussen, dass er an so ein dummes Zeug glaubte? Wie konnten Karten etwas über das Schicksal der Menschen wissen?

Rosa begleitete die Kartenlegerin vor die Tür und blieb dort einige Minuten stehen. Als sie zu Casini zurückkehrte, lag er schon wieder ausgestreckt und ohne Schuhe auf der Couch und hielt ein volles Glas Grappa in der Hand. Sie setzte sich neben ihn auf die Sofakante, ohne die große Deckenlampe wieder anzuschalten.

»Amelia wollte mir nichts sagen«, flüsterte sie dramatisch.

»Würdest du mir bitte mit deinen kleinen Goldhändchen den Rücken massieren?«, fragte Casini, der inzwischen wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgekehrt war.

»Sicher, mein Schatz. Zieh schon mal dein Hemd aus, ich hole inzwischen die Creme.« Rosa trabte hüftschwingend ins Bad. Um ihre Laune zu heben, brauchte es nicht viel. Casini drückte die Zigarette aus, zog das Hemd aus und legte sich auf den Bauch. Rosa kam mit einer großen Dose Niveacreme zurück und verteilte eine reichliche Menge davon auf ihre Hände. Dann setzte sie sich rittlings auf ihn und begann mit der Massage.

»Du hast zugenommen«, sagte sie.

»Das bildest du dir bloß ein.«

»Also hör mal, davon verstehe ich was …« Sie kicherte. Casini stöhnte vor Vergnügen. Draußen begann es wieder zu schütten. Wind kam auf, und man hörte, wie irgendwo ein Fensterladen klapperte. Ein Wetter, bei dem man keinen Hund vor die Tür jagte. Gedeone war das egal. Er war auf die Anrichte geklettert und dort eingeschlafen.

»Rosa, glaubst du wirklich an solche Sachen?«

»Was für Sachen?«

»Tarotkarten, Wahrsager …«

»Natürlich glaube ich daran. Meine Freundin Asmara hat mir gesagt, dass Amelia ihr schon oft die Karten gelegt hat, und sie hat jedes Mal ins Schwarze getroffen, was die Vergangenheit oder die Zukunft betraf.«

»Zum Beispiel?«

»Na ja, sie hat ihr gesagt, dass ihr Vater sie verlassen hat, als sie noch ein kleines Mädchen war, dass ihre Mutter gestorben ist, als sie sechs war …«

»Und für die Zukunft?«

»Im letzten Jahr hat sie ihr vorhergesagt, dass sie dieses Jahr im Januar einen kleinen Unfall haben würde, und das ist wirklich passiert. Sie hat sich den kleinen Zeh gebrochen.«

»Und sonst?« Er hörte Rosa gerne reden.

»Sie hat ihr vorhergesagt, dass sie am Blinddarm operiert werden würde, und so kam es. Sie hat ihr gesagt, dass sie eine kleine Erbschaft von einer weit entfernten Verwandten machen würde, die sie noch nicht einmal kannte, und auch das stimmte. Sie hat ihr gesagt, dass ein Freier sich in sie verlieben und ihr einen wunderschönen Ring schenken würde … Also, es hat sich wirklich alles erfüllt, von Anfang bis Ende.«

»Zufälle.«

»Dir hat sie gesagt, dass dich gerade erst eine blonde Frau verlassen hat … Was sagst du dazu?«

»Das wird ihr wohl ein Vögelchen gezwitschert haben.«

»Also, ich habe ihr gar nichts verraten«, sagte Rosa leicht gekränkt.

»Hat Amelia auch dir die Karten gelegt?«

»Oh nein, ich will gar nicht wissen, was mir noch bevorsteht.«

»Deshalb hast du es für eine gute Idee gehalten, dass sie sie für mich legt.«

»Was ist denn so Schlimmes daran?«, fragte Rosa und knetete kräftig um seine Wirbelsäule herum. Casini überließ sich diesem Vergnügen und lauschte dem Regen. Er versuchte, nicht daran zu denken, dass er irgendwann wieder nach Hause gehen müsste. Rosa seufzte tief.

»Also, was habe ich dir noch mal erzählt? Schwester Celestina betete gerade mitten in der Nacht, als es plötzlich an die Tür des Klosters klopfte …«

Casini wurde bei Tagesanbruch vom Klingeln des Telefons geweckt und sprang aus dem Bett. Noch ehe er den Hörer in der Hand hatte, wusste er, was passiert war.

»Ja?«

»Dottore, ich bin’s, Rinaldi. Ein Jäger hat im Wald eine verscharrte Leiche gefunden, und der Fuß, der aus dem Erdreich hervorschaut, scheint zu einem Jungen zu gehören.«

»Wo?«

»Nahe der Ortschaft La Panca. Ein Wagen ist bereits unterwegs dorthin«, sagte Rinaldi. Der Kommissar musste an die letzten Worte Amelias denken: Morgen früh …

»Wo genau liegt denn dieses La Panca?«

»Hinter Strada in Chianti muss man nach links auf die Straße nach Cintoia abbiegen und dann sechs oder sieben Kilometer geradeaus fahren. Um an den Fundort der Leiche zu gelangen, geht es dann einen Weg entlang, der nach oben in den Wald in Richtung Monte Scalari führt.«

»Ich hole Piras ab und fahre dann selbst hin. Rufen Sie Diotivede an.«

»Und was ist mit dem Staatsanwalt?«

»Dem sagen Sie erst in ein paar Stunden Bescheid. Ich habe keine Lust, ihm zu begegnen.«

»Ja, Dottore.«

»Funken Sie die Streife an, niemand darf etwas anrühren, bis ich dort bin.«

»Ja, Dottore.« Gleich nachdem Rinaldi aufgelegt hatte, rief Casini Piras an.

»Ich komme in zehn Minuten vorbei, man hat einen Jungen im Wald verscharrt gefunden.«

»Verdammt, das ist er …«

»Warte vor der Haustür auf mich.« Casini zog sich hastig an und trank nicht einmal einen Kaffee, bevor er aus dem Haus ging. Nach einer durchregneten Nacht war der Himmel jetzt klar und leuchtete in einem intensiven Azurblau. San Frediano erwachte allmählich zum Leben, und an dem einen oder anderen Geschäft war das Rollgitter schon halb hochgeschoben.

Casini trat aufs Gas und war in wenigen Minuten in der Via Gioberti. Piras stand bereits mit dunkel umränderten Augen auf dem Bürgersteig. Niedergeschlagen stieg er ins Auto, und nach einem kurzen Kopfnicken zur Begrüßung fuhr Casini weiter. Keinem von beiden war nach Reden zumute. Der dröhnende Motorenlärm des Käfers hallte in den menschenleeren Straßen wider. Ab und zu kam ihnen eine Vespa, eine Lambretta oder ein Wagen entgegen. Sie verließen die Stadt und durchquerten Grassina. Die Chiantigiana füllte sich allmählich mit Lastwagen und knatternden dreirädrigen Lieferwagen, die mit Gemüse beladen waren. Auf den Feldern konnte man Bauern bei der Arbeit sehen, hinter Ochsengespannen oder hoch oben auf einem modernen Traktor. Die Stadt lag gleich um die Ecke, aber hier schien sie weiter entfernt als der Mond. Die mehr oder weniger elegante, laute, vergnügungssüchtige Jugend, die sich jeden Abend in das Zentrum von Florenz ergoss, hatte nichts mit den zerfurchten Gesichtern und den düsteren Blicken dieser Menschen gemein, die sich auf ihrem Stück Land den Buckel krumm arbeiteten.

Sie fuhren durch Strada in Chianti und bogen dann nach Cintoia ab. Nach einigen Kilometern war die Straße nicht mehr geteert, und der Käfer begann hin und her zu schaukeln. Links von ihnen sah man waldbedeckte Hügel, die sich gegen einen grünlichen Himmel abzeichneten. Hinter Cintoia Bassa wurden die Kurven immer enger, und sie mussten langsamer fahren. Eine dreirädrige Ape tuckerte, dichte Qualmwolken ausstoßend, bergan, doch es war nicht leicht, sie zu überholen.

Schließlich kamen sie nach La Panca – vier Häuser an einer Wegbiegung. Sie fragten eine alte Bäuerin, wo es nach Monte Scalari ging, und fuhren daraufhin auf einen steil nach oben führenden Schotterweg voller Steine, auf dem das Auto auf und ab hüpfte. Zwischen den Baumstämmen am Straßenrand hing hin und wieder ein Nebelstreif. Nach zwei-, dreihundert Metern machte der Hauptweg eine scharfe Kurve nach rechts und führte dann weiter aufwärts bis nach Cintoia Alta, doch sie folgten den Anweisungen der Bäuerin und fuhren geradeaus auf einem kleineren Pfad mitten durch den Wald. Dort trafen sie auf ein paar Schaulustige, die Casini unerbittlich weggeschickt hatte. Sie fuhren über den Schlamm rutschend noch ein paar Kilometer weiter. Nach einer Wegbiegung entdeckten sie endlich den Streifenwagen des Polizeipräsidiums, der an einer breiteren Stelle parkte. Daneben stand der Beamte Tapinassi und wartete auf sie. Er ging dem Kommissar entgegen und nahm Haltung an.

»Wo ist der Junge?«, fragte Casini.

»Dort drüben entlang, Dottore.« Der Beamte grüßte Piras mit einem Kopfnicken und führte sie zum Fundort.

»Habt ihr einen Spaten?«, fragte der Kommissar.

»Der ist schon an Ort und Stelle«, antwortete Tapinassi. Sie folgten dem Waldweg noch etwa dreißig Meter, dann bogen sie ab und stiegen den Hügel hinauf, wobei sie zwischen den Bäumen nur mühsam vorwärtskamen. Ab und zu frischte der Wind auf. Wo der Blätterteppich etwas dünner wurde, heftete sich sofort Schlamm an ihre Schuhe. Die Stille war wunderbar und erinnerte Casini an seine gemeinsame Wanderung mit Botta.

»Tapinassi, kennst du dich in dieser Gegend gut aus?«

»Nein, Dottore. Ich bin nicht von hier, ich bin in Rufina geboren.« Nach einer Weile sahen sie in der Ferne den anderen Streifenbeamten, Calosi. Neben ihm stand ein etwa fünfzigjähriger Mann, der eine Doppelflinte umgehängt hatte und einen Irish Setter an der Leine führte.

»Lauf zurück und warte auf Diotivede«, sagte Casini zu Tapinassi.

»Ja, Dottore.« Der Polizist kehrte um und ging zum Wagen zurück. Als Piras und der Kommissar am Fundort eintrafen, nahm Calosi Haltung an und salutierte. Casini beachtete ihn nicht einmal. Mit dem Sarden trat er an das frisch ausgehobene Loch heran, aus dem ein halb verwester nackter Fuß hervorschaute. Man konnte sehen, dass ihn ein Tier angenagt hatte.

»Wildschweine«, murmelte Casini. Der ekelerregende Leichengestank überdeckte beinahe den durchdringenden Geruch des Unterholzes.

»Das muss er sein«, sagte Piras und hielt sich die Nase zu.

»Wir werden es gleich wissen … Calosi, habt ihr schon Fotos gemacht?«

»Ja, Dottore.«

»Dann gib mir mal den Spaten.« Casini begann möglichst vorsichtig zu graben. Der Jäger beobachtete alles mit halb geöffnetem Mund. Erst kam ein Unterschenkel, dann ein Oberschenkel zum Vorschein, der Po, der Rücken und schließlich der Kopf. Der Körper war vollständig nackt. Es stank unerträglich, und Calosi entfernte sich schnell, während er seinen Brechreiz unterdrückte. Der Junge lag mit dem Gesicht nach unten. Mit Hilfe des Spatens drehte Casini ihn auf den Rücken, und Piras verzog angewidert das Gesicht. Die Augenhöhlen waren voller Würmer. Das Gesicht des Jungen war erdverkrustet und seine Züge kaum noch zu erkennen. Auf einen dumpfen Schlag hin drehten sie sich um. Der Jäger war ohnmächtig geworden, sein Hund begann zu bellen.

»Kümmere du dich um ihn, Calosi.« Casini zog ein Taschentuch aus seiner Jackentasche und säuberte ganz sanft das bleiche Gesicht des Jungen, dabei gab er Acht, dass er ihn nicht mit den Fingern berührte. Er musste sich immer wieder abwenden, um Atem zu holen. Im Krieg hatte er viele Tote gesehen. Auch Kinder waren darunter gewesen, sogar Säuglinge.

»Das ist er«, sagte Piras mit versteinertem Gesicht.

»Ja, das ist er«, knurrte der Kommissar und warf das schmutzige Taschentuch fort. Er hatte nur ein paar Fotos gesehen, aber trotzdem war der Junge unschwer zu erkennen. Endlich hatten sie Giacomo Pellissari gefunden. Da lag er, nackt, dreckverschmiert, tot. Die Vorstellung, den Eltern diese Nachricht überbringen zu müssen, schnürte ihm die Kehle zu. Der Jäger hatte sich in der Zwischenzeit erholt, auch wenn er auf dem Boden sitzen geblieben war. Casini ging zu ihm.

»Kommen Sie hier häufiger vorbei?«, fragte er.

»Ja, ich wohne in Pescina, dort hinten Richtung Lucolena«, sagte der Jäger und vermied es, zur Leiche des Jungen hinüberzublicken. Er hatte ein eingefallenes Gesicht und sonnengegerbte Haut, die von vielen Falten durchzogen war. Wahrscheinlich war er Bauer und vermutlich nicht älter als vierzig.

»Kennen Sie die Gegend gut?«, fragte der Kommissar.

»Wie meine Westentasche.«

»Führen außer dem Weg bei La Panca noch andere hier hinauf?«

»Es gibt noch ein paar. Von Figline aus, von Poggio alla Croce und von Ponte agli Stolli, wenn man von Celle kommt, aber die sind alle drei ziemlich holprig.«

»Kommt man mit dem Auto durch?«

»Nein, da sind viel zu viele Steine und Schlaglöcher. Da reißt es einem ja die Ölwanne weg, und man verliert …«

»Und zu Fuß?«

»Zu Fuß ist es etwas anderes.«

»Ist es sehr weit nach Poggio alla Croce?«

»Nicht sehr. Weiter oben kommt man zur Gabelung an der Cappella de Boschi, und wenn man den linken Weg nimmt, braucht man etwa ein Stündchen.«

»Und nach rechts?«

»Da kommt man nach Pian d’Albero, wo man die Partisanen von Potente umgebracht hat. Auch von dort kommt man nach Poggio. Aber immer zu Fuß. Die Wege sind sehr schlecht.«

»Danke.« Casini zündete sich eine Zigarette an und dachte wieder an seine Wanderung mit Botta. Ohne es zu wissen, waren sie ganz nahe an der Leiche des Jungen vorbeigelaufen, aber sie hatten nur Pilze gefunden.

»Kann ich jetzt gehen?«, fragte der Jäger.

»Haben Sie noch etwas Geduld, Sie müssen noch aufs Präsidium, um das Protokoll zu unterschreiben«, sagte der Kommissar. Die Sonne drang nun durch die Baumkronen und verbreitete ihren goldenen Schein zwischen den dunklen Stämmen. Ein Pfiff des Sarden ließ Casini zu ihm hinüberblicken, und Piras machte ihn auf zwei Männer aufmerksam, die zwischen den Bäumen näher kamen. Tapinassi und Diotivede.

Der Gerichtsarzt grüßte sie mit einem leichten Heben des Kinns und eilte direkt zur Leiche des Kindes. Sobald Topinassi den toten Jungen sah, blieb er wie angewurzelt stehen, sein Gesicht war bleich wie ein Laken. Er verharrte ein paar Sekunden mit offenem Mund, dann wandte er sich ab.

Diotivede öffnete seine Tasche, holte ein Handtuch hervor und breitete es neben der Leiche aus. Er zog sehr sorgfältig Latexhandschuhe über, kniete sich auf das Handtuch und beugte sich dann über den Jungen, um ihn zu untersuchen; dabei berührte er ihn an mehreren Stellen. Nichts an seinem Gesichtsausdruck ließ erkennen, dass nur wenige Zentimeter unter seiner Nase ein schier unerträglicher Gestank aufstieg. Er drehte den Körper auf den Rücken und tastete ihn weiter ab, wobei er ihn aufmerksam musterte. Piras und der Kommissar standen ein paar Schritte neben ihm und warteten ungeduldig darauf, etwas zu erfahren.

Kurz darauf stand der Arzt wieder auf. Er legte die Handschuhe und das Handtuch in eine Plastiktüte und steckte sie in seine Tasche. Plötzlich hatte er sein schwarzes Notizbuch in der Hand. Er schrieb etwas hinein und ließ es dann wieder in seiner Tasche verschwinden. Casini ging zu ihm.

»Erwürgt?«

»Nicht nur das …«

»Wie meinst du das?«

»Zuerst wurde er missbraucht«, sagte der Arzt. Casini sah zu Piras hinüber.

»Seit wie vielen Tagen ist er tot?«, fragte er.

»Auf den ersten Blick drei oder vier.«

»Ich hoffe, du irrst dich. Ich will mir nicht vorstellen, dass er die ganze Zeit in den Händen eines Ungeheuers gewesen ist.«

»Wer weiß, was er alles durchgemacht hat«, sagte der Gerichtsmediziner finster. Er wäre auch gleichmütig geblieben, wenn er an sich selbst eine Autopsie durchgeführt hätte, aber tote Kinder schlugen ihm aufs Gemüt. Casini zündete sich eine Zigarette an.

»Kannst du mir noch etwas sagen?«

»Du musst die Autopsie abwarten.«

»Gehst du gleich wieder?«

»Ich bleibe noch einen Moment … Gib mir mal eine Zigarette«, sagte Diotivede. Der Kommissar hatte ihn nur bei ganz seltenen Gelegenheiten rauchen gesehen, und jedes Mal kam es ihm irgendwie merkwürdig vor. Er hielt ihm das Päckchen hin und gab ihm Feuer. Der Arzt nahm einen tiefen Zug und stieg nachdenklich weiter den Hügel hinauf, während die Tasche an seiner Seite baumelte. Casini ging zu Calosi und Tapinassi, die bleicher waren als der tote Junge.

»Ruft im Leichenschauhaus an, sie sollen einen Wagen schicken, und nehmt den armen Kerl hier gleich mit«, sagte er und deutete auf den Jäger.

»Und der Hund?«, fragte Tapinassi.

»Den nehmt ihr auch mit, das ist am einfachsten.«

»Ja, Dottore.« Calosi und Tapinassi gaben dem Jäger ein Zeichen und machten sich dann, gefolgt von dem Hund, an den Abstieg.

Piras hatte sich den Fotoapparat geben lassen. Nachdem er noch ein paar Aufnahmen gemacht hatte, blieb er stehen und starrte die Leiche des Jungen an, mit einem Blick, der einer sardischen Blutfehde würdig gewesen wäre. Die Stadt war weit weg. Die Stadt, aus der der Junge spurlos verschwunden war. Endlich waren sie einen Schritt weiter: Sie hatten die Leiche gefunden, aber wenn sich jetzt nicht Neues ergab, waren sie erneut an einem toten Punkt angelangt.

Der Kommissar schaute sich nach Diotivede um. Er sah ihn etwa fünfzig Meter weiter oben reglos zwischen den Bäumen stehen, wo er mit vor der Brust verschränkten Armen und der Tasche in der Hand ins Leere starrte. Er stand da, als würde er für einen Bildhauer posieren. Langsam ging der Kommissar zu ihm.

»Jetzt brauchen wir ein Quäntchen Glück«, sagte er.

»Hoffen wir, dass nicht dasselbe passiert wie vor zwei Jahren …«, meinte der Arzt leise. Im Frühling 1964 waren vier Mädchen umgebracht worden, ehe man den Täter dingfest machen konnte. Diese Monate waren die Hölle gewesen.

Hoch oben in den Bäumen hörte man einen Vogel krächzen, und alle sahen hinauf, um ihn zu entdecken.

»Gib mir noch eine Zigarette«, grummelte Diotivede. Der Kommissar zündete sich auch noch eine an und ließ das Streichholz auf den Boden fallen. Zwischen den Blättern schaute ein großer Pilz hervor. Vielleicht war es ja ein Steinpilz.

Nachdem er sich gemeinsam mit Inzipone den Journalisten gestellt hatte, zog sich Casini mit Piras in sein Büro zurück. Es war schon fast vier Uhr, und sie hatten noch nichts gegessen.

Casini fuhr sich langsam mit der Hand über das Gesicht, in dem schon wieder die Bartstoppeln sprossen, und dachte darüber nach, was für einen Vormittag er hinter sich hatte. Gegen elf war er in die Via Barbacane aufgebrochen, um mit den Eltern des Jungen zu sprechen. Er hatte allein dorthin gewollt. Er hatte gesehen, wie Giacomos Mutter wie ein leerer Sack in sich zusammenfiel, und war ihr mit ihrem Mann zu Hilfe gekommen. Die Vergewaltigung hatte er nicht erwähnt, das war nicht nötig. Er war eine gute halbe Stunde bei den Pellissaris geblieben. Bevor er aufgebrochen war, hatte er ihnen noch ganz banal geschworen, dass er den Mörder fassen würde, um den beiden unglücklichen Menschen etwas zu geben, woran sie sich klammern konnten. Aber als er die Via Barbacane wieder hinunterging, war er sich wie ein Lügner vorgekommen.

Der Polizeipräsident hatte Gift und Galle gespuckt und Casini unter vier Augen zusammengestaucht, er solle sich gefälligst anstrengen. Als ob er bislang nur Däumchen gedreht hätte, verdammt noch mal. Er wusste nicht, wo er anfangen sollte. Giacomo war hastig in einer nicht besonders tiefen Mulde verscharrt worden. Wer das getan hatte, hatte nicht darauf gehofft, die Leiche für immer verschwinden zu lassen, er wollte sie bloß loswerden. Vielleicht war es besser, dass der Junge tot war. Was wäre das denn für ein Leben gewesen, nach so einer traumatischen Erfahrung?

Am Fundort hatte der Kommissar lange mit Piras in einem Umkreis von etwa fünfzig Metern rund um die Leiche nach irgendwelchen Spuren gesucht, aber bis auf ein paar leere Patronenhülsen hatten sie nichts gefunden. Zu allem Unglück hatte es beinahe die ganze Woche geregnet, und die dicke Schicht welker Blätter erleichterte die Suche auch nicht gerade.

Schon vor einer Weile hatte Casini einige Streifenwagen nach La Panca geschickt, um die Einwohner zu befragen und um zu überprüfen, ob man die anderen Wege wirklich nicht befahren konnte. Vielleicht hatte der Jäger ja übertrieben.

Er hoffte, dass irgendein Zeuge etwas Wichtiges gesehen hatte oder dass Diotivede etwas finden würde, was eine Wende in dem Fall brächte. Er hoffte es, aber im Grunde glaubte er nicht daran.

»Lass mich eine rauchen, Piras.«

»Kann ich ein Fenster aufmachen?«

»Mach, was du willst, aber lass mich jetzt rauchen.« Er zündete sich eine Zigarette an, während der Sarde die Fensterflügel weit aufriss, als ob es Juli wäre. Es hatte wieder angefangen zu regnen.

»Wir werden das schon hinkriegen, Commissario.«

»Nicht einmal in deinem Alter war ich so optimistisch.«

»Ich habe das im Gefühl …«

»Wir bräuchten einen Wahrsager«, sagte der Kommissar, und bei diesen Worten kam ihm wieder Amelia in den Sinn. Morgen früh … hatte die Kartenlegerin gesagt, ehe sie in Schweigen versank. Um sich abzulenken, erzählte er seinem Assistenten das Erlebnis mit den Tarotkarten, und Piras gestattete sich ein Lächeln.

»Als ich ein kleiner Junge war, gab es in Bonarcado eine Art Hexe. Man erzählte sich, dass sie jemanden aus großer Entfernung töten konnte, und wenn ich sie auf der Straße sah, bekam ich weiche Knie.«

Durch das offene Fenster kamen immer wieder feuchte Windböen herein.

»Ich würde gern etwas versuchen, Piras.«

»Was denn?«

»Erzählst du es auch bestimmt nicht weiter?«

»Ich schwöre es, Dottore.«

»Ich möchte mich noch einmal mit dieser Wahrsagerin unterhalten«, sagte Casini.

»In unserer Lage ist es jeden Versuch wert …«

»Vielen Dank für dein Verständnis.«

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