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Dunkle Tage der Seele

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Zitat
  8. Danksagungen
  9. Einleitung
  10. 1
  11. 2
  12. 3
  13. 4
  14. 5
  15. 6
  16. 7
  17. Epilog

Über das Buch

Susan Kushner Resnick freut sich so auf ihr zweites Kind. Doch nach der Geburt beginnt ein Albtraum. Sie kann nicht mehr schlafen. Sie zittert ständig vor Nervosität. Sie hat Angst, die Kontrolle über ihren Verstand zu verlieren. Und sie hat keine Ahnung, dass Tausende anderer junger Mütter die gleichen Qualen durchleiden. Dunkle Tage der Seele ist ein glänzend geschriebener, eindringlicher Bericht über die persönlichen Erfahrungen einer jungen Mutter, die an postnataler Depression litt. Es ist eine Geschichte für alle Frauen, die alljährlich an einer solchen »Wochenbettdepression« erkranken und verzweifelt nach einer Bestätigung suchen, dass auch andere diese Hoffnungslosigkeit durchgemacht und ihr Glück wiedergefunden haben.

Über die Autorin

Susan Kushner Resnick lehrte an der Brown University Kreatives Schreiben. Sie ist Sachbuchautorin und hat bereits zahlreiche Artikel und Essays veröffentlicht.

SUSAN
KUSHNER RESNICK

DUNKLE

TAGE

DER SEELE

Eine Mutter kämpft gegen
Wochenbettdepression

Aus dem Englischen von
Inga-Brita Thiele

Für Max, der auf mich gewartet hat, für Carrie, die nie zugelassen hat, dass ich aufhörte, ihre Mama zu sein, und für David, der mir in schlaflosen Nächten die Hand hielt und das Vertrauen bewahrte, dass ich mich die schlaflosen Tage über aufrecht halten würde.

Die einzigen körperlichen Schmerzen, die ich je
erlebt habe – von Zahnbehandlungen und einem
entzündeten Finger einmal abgesehen – waren die,
als ich das Baby bekam, und ich hätte lieber jede
Woche ein Baby bekommen, als so zu leiden,
wie ich seelisch litt.

Charlotte Perkins Gilman, Verfasserin der Erzählung »Die gelbe Tapete«
in ihrer 1926 niedergeschriebenen und 1935 veröffentlichten Autobiografie

The Living of Charlotte Perkins Gilman

Danksagungen

Ohne meine Teilnahme am Magisterprogramm für Kreatives Schreiben – Sparte Sachliteratur – des Goucher Colleges wäre diese Geschichte nie aufgeschrieben worden. Besonderer Dank gebührt meinen Mentorinnen: Lauren Slater, die mir vom ersten Tag an versicherte, dass ich über meine Erlebnisse ein Buch schreiben könne, und deren Scharfblick mir geholfen hat herauszukristallisieren, was ich zu sagen versuchte, Julie Checkoway dafür, dass sie mich auf Unstimmigkeiten hingewiesen und mir beigebracht hat, die Hintergründe zu beleuchten, und Jane Bernstein dafür, dass sie mich dazu gebracht hat, immer eng an der Wahrheit zu bleiben. Dank auch an Larry Bielawski für die Einrichtung des Goucher-Programms.

Bei Laura Yorke, meiner Lektorin, werde ich für immer in der Schuld stehen ob ihrer Begeisterung für das Projekt, ihrer Fähigkeit, auf den Kern der einzelnen Kapitel zu kommen, und ihrer Qualitäten nicht nur als Wortdrechslerin, sondern auch als Psychologin und Freundin. Meine Agentin Kim Witherspoon war mir eine enorme Hilfe dabei, dieses Buch trotz allen Durcheinanders im Verlagswesen auf den Weg zu bringen und dabeizubleiben. Meiner Therapeutin Kate Heineman werde ich ewig dankbar dafür sein, dass ich mich bei ihr ausweinen durfte und sie mir symbolisch eine Schulter zur Verfügung gestellt hat, an die ich mich während meiner Genesung lehnen konnte.

Außerdem danke ich allen Mitgliedern der Organisationen Postpartum Support International, Depression After Delivery und Marcé Society, die mir bei den Recherchen geholfen und mich in meinen Bemühungen unterstützt haben, die postpartale Depression mehr ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken.

Und zu guter Letzt: Dieses Buch würde sich nicht in Ihren Händen befinden, wenn meine Eltern nicht gewesen wären. Als ich acht Jahre alt war, sagte meine Mutter Doris mir bereits voraus, dass ich eines Tages eine Schriftstellerin sein würde, und sie hat mich seitdem Jahr für Jahr ermutigt. Mein Vater Russ hat mich durch Wort und Tat gelehrt, in meinem Streben nie nachzulassen. Danke, Leute! Schaut, was ich zustande gebracht habe!

Einleitung

Es geht vorbei. Das las ich in allen Büchern und hörte ich immer wieder von meiner Therapeutin. Das versicherten mir die freundlichen Frauen, die Selbsthilfegruppen für junge Mütter leiteten und meine verzweifelten Anrufe liebenswürdig entgegennahmen. Es geht vorbei. Sie werden es überstehen. Machen Sie sich keine Sorgen. Und Sie sind auch nicht im Begriff, verrückt zu werden.

Natürlich hatten sie recht. Die Krankheit ging vorbei, und jetzt geht es mir gut. Ich bin nicht verrückt geworden, aber eine Weile war ich davon überzeugt, auf dem besten Wege dahin zu sein. Ich tat so, als würde ich ein normales Leben führen: zog mich morgens an, chauffierte meine Kinder herum und fütterte sie dreimal täglich, ließ die verdreckte Airedale-Terrierhündin rein und raus, wenn sie bellte. Aber in meinem Inneren war etwas nicht in Ordnung.

Wie bei einer durchgeknallten elektrischen Anlage, deren Lämpchen flackern oder gar nicht angehen oder viel zu grell leuchten, schien in meinem Gehirn nichts zuverlässig zu funktionieren. All meine Gefühle und Stimmungen, Gedanken und Reaktionen waren unangemessen und übersteigert. Ich weinte, wo ein Stirnrunzeln ausgereicht hätte, zitterte, wenn ich hätte schlafen sollen, und fühlte mich betäubt, während die Liebe zu meinem Baby mich hätte berauschen sollen. Vor hundert Jahren hätte man das als Nervenschwäche oder Puerperalkrankheit bezeichnet, um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts als Nervenzusammenbruch. Heute lautet die offizielle Bezeichnung für dieses schreckliche erste Jahr nach der Geburt meines Babys: Wochenbettdepression oder postpartale Depression, kurz PPD.

Die postpartale Depression überwältigte mich, als Max, mein zweites Kind, bereits vier Monate alt war, obwohl sie sich schon seit dem Tag seiner Geburt angebahnt hatte. Sie begann mit so schlimmen Schlafstörungen, dass ich zwischen den Stillzeiten stundenlang wach im Bett lag, während mir die kostbaren Häppchen Schlaf, die stillenden Müttern zuteilwerden, unwiederbringlich entgingen. Als Nächstes kamen Panikattacken, Angst, mit mir oder meinen Kindern allein zu sein, Gleichgültigkeit dem süßen kleinen Max gegenüber und schließlich panische Furcht, dass ich mich umbringen würde, falls mir die Kontrolle über mein Leben noch weiter entglitte. Da war ein dauerndes Gefühl der Anspannung, das durch kein Bad, keinen langen Spaziergang, kein Glas Wein zu lindern war. Ich nahm ab, meine Stimmungsschwankungen zu.

An manchen Tagen fühlte ich mich ganz normal und war überzeugt, dass ich es hinter mir hätte, doch meist litt ich rund um die Uhr Qualen. Ich zählte die Stunden und Minuten, bis mein Mann nach Hause kommen würde, um mir die Kinder abzunehmen und den langen Tag zu beenden, an dem ich die fähige Mutter gespielt hatte, obwohl ich wusste, dass ich eine potenzielle Gefahr war. Dann zählte ich die Stunden, bis ich ins Bett gehen konnte, voll verzweifelter Sorge, dass ich wieder nicht würde schlafen können. Schließlich zählte ich die Minuten, die auf der Anzeige meines alten Radioweckers aus den Siebzigerjahren umklappten, bis das Tageslicht mir anzeigte, dass ich meine Versuche, den Schlaf herbeizuzwingen, aufgeben könne.

Solange ich im Treibsand der postpartalen Depression feststeckte, glaubte ich nicht an die eindringlichen Genesungsversprechen, die ich zu lesen und zu hören bekam. Ich glaubte sie nicht, weil ich keinen Beweis dafür besaß, dass eine andere, die es genauso schlimm erwischt hatte wie mich, die Depression tatsächlich überwunden hatte. Ich versuchte, Beweismaterial dafür zu finden, dass andere, deren Tage ebenso überschattet waren wie meine, sie überlebt hatten. Ich nahm diese Suche mit den Überresten von Energie in Angriff, die mir blieben, nachdem ich mich in den Tagen, die monatelang auf schlaflose Nächte folgten, um zwei Kinder, zwei Haustiere und ein Haus gekümmert hatte. Schlaflose Tage nannte ich sie; Tage, die mir wie Nächte vorkamen – dieselbe Nebelhaftigkeit und Überempfindlichkeit, dasselbe Gefühl von Desorientierung und Einsamkeit, als ob man in tiefster Nacht aus dem Fenster auf Straßenlaternen und Mondschein blickt. Ich suchte nach Überlebenden, die mir sagen könnten, wie die Geschichte ausgehen würde.

Als mir schließlich klar wurde, dass ich professionelle Hilfe brauchte, setzte ich meiner Therapeutin zu, mir die Bekanntschaft einer Frau zu vermitteln, die das andere Ende des PPD-Tunnels schon erreicht hatte. Sie hat mir nie einen Namen genannt, wahrscheinlich weil die meisten Frauen, die eine PPD hinter sich haben, diese auch weit hinter sich lassen wollen. Sie wollen nicht an ihre düstersten Tage erinnert werden, indem sie mit jemandem sprechen, der sich mitten in der Depression befindet, und sie wollen ihre schwer errungene seelische Gesundheit nicht dadurch gefährden, sich die Panik einer seelisch kranken Fremden anzuhören, die wieder und wieder fragt, wann die Wirkung der Medikamente einsetzt und was es bedeutet, dass ihre Finger immerzu zittern.

Ich fand keine Unterstützung bei Selbsthilfegruppen, weil ich der PPD zur falschen Jahreszeit zum Opfer gefallen war. Am kränksten war ich im Juli und August des ersten Lebensjahrs meines Sohns, als die Selbsthilfegruppen gerade Sommerpause machten. Als sie ihre Arbeit im September wieder aufnahmen, traf ich dort keine Veteraninnen, von denen ich hätte lernen können, sondern nur Neulinge, die genauso schlimm oder noch schlimmer dran waren als ich.

Ich suchte nach Büchern, die mir hätten helfen könnten. Irgendeine Frau, so dachte ich, muss doch über ihre Erfahrungen mit PPD geschrieben haben. Irgendwo zwischen zwei Hochglanzbuchdeckeln mussten die tröstenden Worte zu finden sein, die ich ersehnte; irgendeine Frau musste mir doch zeigen können, dass sie ebensolche Qualen erlitten hatte wie ich und es ihr doch gelungen war, sich selbst zu befreien. Aber ich konnte kein solches Buch finden, weil es in den Regalen keines gab. Alle Bücher über PPD, die ich entdeckte, waren von »Fachleuten« geschrieben, Sozialarbeiterinnen, Psychiaterinnen oder Journalistinnen, die sämtliche Fakten über Ursachen und Behandlung der PPD auflisteten und dazu noch Tipps gaben, wie man die Wäsche und die Kinderbetreuung bewältigen könne, bis es einem wieder besser ging. Kaum eine davon hatte selbst eine PPD durchgemacht, und sogar die, bei denen das der Fall gewesen war, schrieben nicht im Detail über ihre Leiden.

Stattdessen gaben diese Autoren und Autorinnen Anekdoten von namenlosen Frauen zum Besten: Lisa B., 34, hatte Angst, dass sie ihr Baby aus dem Fenster werfen würde, oder Paula R., 27, war noch nie im Leben depressiv gewesen. Zwar verrieten mir diese Informationsschnipsel, dass offenbar viele meiner Symptome auch bei anderen auftraten, aber sie waren keine ausreichende Hilfe. Ich wollte die ganze Geschichte einer Frau wie mir, die nichts ahnend ihrem Job als Mutter nachging, bis sie plötzlich in die Hölle stürzte. Einer wirklichen Frau mit einem Gesicht und einem Nachnamen und einer Spüle voll klebriger Frühstücksschüsselchen. Einer Frau, die mir einen Beweis – keine zusammenmontierte Geschichte und keine Statistiken, sondern den Beweis – liefern konnte, dass ich damit nicht allein war und dass meine Qual ein Ende haben würde.

Am nächsten kam ich diesem Beweis in einem großen Buchladen mit einem Café in einer Ecke und Hunderten von Büchern über Mutterschaft und psychische Erkrankungen. Ich hatte mich entschlossen, ein Buch mit babyrosa Einband zu kaufen, das einen klinischen Überblick über die PPD bot. Ich klemmte es zwischen Ellbogen und Achselhöhle, während ich Max in seinem Sportwagen nach vorn zur Kasse schob. Ich ließ das Buch auf die Theke plumpsen, wo eine grau gelockte Kassiererin in Jeans es aufhob und betrachtete, anstatt es in eine Tüte zu packen.

»Ich wünschte, so etwas hätte es schon gegeben, als ich meinen Sohn bekam«, sagte sie.

»Waren Sie nach der Geburt Ihres Kindes depressiv?«, fragte ich, schockiert, dass jemand in ihrem Alter diese Qualen durchgemacht haben sollte. Eine Depression, so scheint es, ist gleichbedeutend mit völliger Ich-Bezogenheit.

»Oh ja«, sagte sie, während sie immer noch den Buchdeckel studierte. »Es war wirklich schlimm. Aber damals hatten sie noch keinen Namen dafür. Niemand wusste, was los war. Ich musste einfach warten, bis es vorbei war.«

»Aber es ging vorbei?«

Sie lächelte. »Es wird besser«, sagte sie, und ihr Ton, ihre Lachfalten, ihre offensichtliche Fähigkeit, in der Welt zurechtzukommen, trösteten mich. Ich sah meinen Sohn an, der neben mir in seinem Sportwagen schlief. Ich hatte ihn einmal geliebt, leidenschaftlich, bevor all meine Gefühle ausgelöscht wurden. Jetzt versorgte ich ihn bloß noch, freundlich, aber unpersönlich, wie eine bezahlte Angestellte in einem Waisenhaus früherer Zeiten. Ich fragte mich, ob ich je wieder eine Bindung zu ihm spüren würde.

»Und was haben Sie heute für eine Beziehung zu Ihrem Sohn?«, fragte ich die Frau.

»Oh, wir sind die besten Freunde. Er ist im College. Wir telefonieren andauernd miteinander.«

Diese Frau im Buchladen war mir eine größere Hilfe als das Buch, das ich dort kaufte. Durch das Gespräch mit ihr kam ich der Solidarität mit einer ebenfalls Betroffenen noch am nächsten. Ich dachte noch oft an sie während der nächsten Monate, in denen ich immer kränker und schließlich wieder gesund wurde. Ich stellte sie mir vor, wie sie mit ihrem Sohn telefonierte, sich nach den Semesterprüfungen erkundigte oder ob er zum Erntedankfest nach Hause käme. Oder ich stellte mir vor, wie sie zusammen am Frühstückstisch saßen und über einen alten Witz lachten, wie es Mütter und Söhne, die sich gut verstehen, gelegentlich tun. In jenen Tagen schien es mir unmöglich, dass ich den Punkt, an dem sie war, jemals erreichen könnte.

Ich dachte, ich würde sterben. Ich hatte das Gefühl, dass Max, dieses seidige Bündel aus Lächeln und Glucksen, das alle anderen so süß fanden, mir meine geistige Gesundheit, meine Kraft und jedes bisschen Freude, das ich erwartet hatte, geraubt hätte. Ich hasste ihn, wenn er lächelte, hasste ihn, weil ich selbst meine Gesichtsmuskeln nicht unter Kontrolle zu haben schien. Wie kann er es wagen, so glücklich zu sein, dachte mein geschädigtes Hirn, wo es mir so schlecht geht. Wie kann er es wagen, mich mit seinen strahlenden Augen und seinem Grinsen zu verhöhnen. Seine Wangen rundeten sich, und seine Fäustchen entwickelten genug Kraft, um seine Rassel triumphierend zu schütteln, während ich dank meiner Appetit- und Schlaflosigkeit dahinsiechte.

Es gibt drei Schweregrade psychischer Störungen nach einer Entbindung. Der »Babyblues«, auch Heultage genannt, von dem bis zu achtzig Prozent aller Gebärenden betroffen sind, äußert sich in Weinerlichkeit, Reizbarkeit und Niedergeschlagenheit. Er setzt in den Tagen nach der Entbindung ein, klingt aber normalerweise innerhalb von zwei bis drei Wochen wieder ab. Er ist zwar nicht angenehm – ich litt nach meinem ersten Kind etwa eine Woche lang daran –, aber letztlich nicht schlimmer als ein übler Anfall des prämenstruellen Syndroms.

Am anderen Ende des Spektrums befindet sich die Wochenbett- oder Post-Partum-Psychose, die zum Glück nur eine von tausend Frauen trifft. Sie tritt plötzlich innerhalb der ersten Wochen nach der Entbindung auf und äußert sich in erschreckenden Symptomen wie Wahnvorstellungen, Halluzinationen und Plänen, sich selbst und das Baby umzubringen. Ich brauche wohl kaum darauf hinzuweisen, dass dies eine äußerst ernst zu nehmende Erkrankung ist. Wenn Sie irgendwelche Symptome der Wochenbettpsychose an sich beobachten, lassen Sie dieses Buch bitte sofort fallen und begeben Sie sich in ein Krankenhaus. Nichts von dem, was Sie fühlen, ist Ihre Schuld. Sobald Sie sich Hilfe holen, sind Sie und Ihr Baby in Sicherheit und es wird Ihnen bald wieder besser gehen.

Zwischen dem geringfügigeren Ärgernis des Babyblues und der ernsten Bedrohung einer Wochenbettpsychose ist die postpartale Depression angesiedelt. Schätzungsweise dreizehn Prozent aller jungen Mütter rutschen irgendwann im Jahr nach der Entbindung in diese klinische Depression ab. Das sind allein in den USA über 400.000 Frauen im Jahr. Die Depression kann wenige Stunden nach der Entbindung einsetzen, aber auch noch wenn das Baby schon elf Monate alt ist. Sie äußert sich in Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Nervosität und Ängsten, Furcht, die Kontrolle zu verlieren, bizarren Gedanken, dem Baby etwas anzutun, die man niemals ausführen würde, die einen aber dennoch zu Tode erschrecken, Selbstmordgedanken und einem allgemeinen Gefühl der Überforderung, des Abgeschnittenseins von allen, die man liebt, und dem verzweifelten Wunsch nach Bemutterung. Die zärtlichen und fürsorglichen Gefühle, die man erwartet oder vor Einsetzen der Depression auch empfunden hat, sind die meiste Zeit wie weggeblasen. Man hat das Gefühl, sein altes Ich nicht mehr finden zu können, obwohl man merkt, dass es weg ist, und sich daran erinnern kann, wie es einmal war.

Von den depressiven Symptomen abgesehen, kann die PPD auch in Form einer Angst- oder Zwangsneurose auftreten. Oder als Kombination aus allem – wie in meinem Fall. Bei einer postpartalen Angstneurose tritt ein Gefühl von drohendem Verhängnis an die Stelle der Depression. Man verspürt den größten Teil des Tages die körperlichen Symptome einer Panikattacke – das Gefühl, man bekäme gleich einen Herzanfall, fiele in Ohnmacht oder müsse ersticken. Zu einer postpartalen Zwangsneurose gehören immer wiederkehrende, beunruhigende Gedanken, die man sich nicht ausreden kann. Alle drei Spielarten der PPD können mit einer Kombination von Psychopharmaka (Antidepressiva, Schlafmitteln und angstlösenden Medikamenten) und Psychotherapie behandelt werden.

Nicht jede der betroffenen Frauen braucht Medikamente, um wieder gesund zu werden, doch bei jeder vierten geht die Depression ohne Medikamente nicht weg, was erklären könnte, warum so viele Frauen, vor allem aus der Generation unserer Mütter, zu einer dauerhaften Selbstmedikation aus Valium und Martinis griffen.

Obwohl man die PPD bis vor dreißig Jahren nicht als solche diagnostizierte, ist sie oft die erste von vielen Depressionen, die eine Frau im Laufe ihres Lebens durchmacht. Eine Frau, die schon einmal an PPD erkrankt ist, hat ein wesentlich höheres Risiko, im späteren Leben wieder depressiv zu werden. Die Dichterin Anne Sexton, die lange immer wieder in psychiatrischen Kliniken behandelt wurde, bevor sie mit sechsundvierzig Jahren Selbstmord beging, wurde zuerst mit PPD in eine Nervenklinik eingeliefert. Wahrscheinlich haben nicht erkannte und unbehandelte Wochenbettdepressionen auch bei vielen anderen Frauen ihrer Generation Jahre chronischer Depressionen und Angstneurosen nach sich gezogen.

Etwa fünfundsiebzig Prozent der von PPD Betroffenen überwinden die Depression innerhalb eines Jahres auch ohne Unterstützung durch Psychopharmaka, wenn sie die Kraft und Geduld aufbringen abzuwarten, bis sich ihre Hormone wieder auf einem normalen Level einpegeln. Aber wie eine ebenfalls an PPD erkrankte Freundin von mir sagte, als sie von dieser Statistik hörte: »Das ist ein ganz gottverdammt langes Wartejahr.«

Die PPD ist weder neu noch selten. Wenn ich jemandem erzählte, dass ich an diesem Buch schrieb, löste das bei Frauen stets starke Reaktionen aus. Jeder meiner Bekannten kannte eine Frau, die an dieser Krankheit gelitten hatte. »Wenn du dafür noch Interviews brauchst, sprich mit meiner Schwester«, sagten sie. Oder: »Eine Freundin von mir hat das gehabt und es war schrecklich mitanzusehen, was sie durchgemacht hat.« Frauen, die älter sind als ich, sprachen meist über sich selbst – immer mit einem nervösen Lachen. »Oh«, kicher, kicher, »die Geschichte meines Lebens!« Oder: »Kann man das fünfzehn Jahre später immer noch haben?« Prust, schnaub.

Ich bekam regelrechte Horrorgeschichten über postpartale Depressionen und Psychosen zu hören. Ein Pärchen, das bei uns zum Essen war, erzählte mir von der Frau eines berühmten Künstlers, die tagelang im dunklen Haus mit ihrem Baby im Arm schaukelte, während ihr Mann beruflich außer Landes war. Bis er schließlich in Panik geriet, weil sie nicht ans Telefon ging, nach Hause flog und sie in eine psychiatrische Klinik einweisen ließ. Eine Frau, deren Kinder inzwischen erwachsen sind, erzählte mir, dass ihr Mann sie im offenen Kamin zusammengerollt fand, bevor sie mit PPD ins Krankenhaus eingeliefert wurde.

Schon Hippokrates berichtete 460 v. Chr. von psychischen Erkrankungen im Wochenbett und stellte die Theorie auf, sie würden durch Blut verursacht, das sich »in den Brüsten der Frau« staut oder durch nachgeburtliche Absonderungen, die zu Kopfe stiegen, anstatt ausgeschieden zu werden. Seine Hypothese blieb rund zweitausend Jahre lang unangefochten. 1436 diktierte Margery Kempe, Analphabetin und Mutter von vierzehn Kindern, die Geschichte ihres Lebens. Im Eröffnungskapitel erzählt sie, wie sie nach der Geburt ihres ersten Kindes »wahnsinnig wurde«, »am Leben verzweifelte und dachte, dass ich nicht überleben würde«. 1838 führte ein Franzose namens Jean Etienne Dominique Esquirol die ersten wissenschaftlichen Untersuchungen psychischer Wochenbetterkrankungen durch und bewies, dass das seelische Leiden tatsächlich real war. Ein Jahr darauf schlug der Wissenschaftler M. J. MacCormack Opium zur Behandlung des damals als »puerperale Geisteskrankheit« bezeichneten Leidens vor. 1847 befürwortete J. MacDonald den Einsatz von Opium und indischem Hanf anstelle von Aderlass und Ruhigstellung für PPD-Patientinnen. 1858 schließlich stellte Louis Victor Marcé als Erster die Verbindung zwischen PPD und den Fortpflanzungsorganen her. Die Krankheit wurde ernst genommen und so gut behandelt, wie es der damalige Stand der Wissenschaft erlaubte, bis 1926 zwei Forscher erklärten, psychische Erkrankungen im Wochenbett unterschieden sich in nichts von anderen Geisteskrankheiten. Es gelang ihnen, das Wort postpartal aus den psychiatrischen Fachbüchern zu eliminieren.

Der verstorbene James A. Hamilton, der in den späten Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts begann, das Phänomen postpartaler psychischer Erkrankungen zu untersuchen, und zu einem der weltweit angesehensten Forscher auf diesem Gebiet wurde, nannte dies die »Große Postpartum-Suppression«. Er beklagte, die Jahre, die darauf folgten, seien »durch das sinnlose Leiden Tausender Betroffener, durch Blut und Tränen vieler Tausend Mütter und ihrer Babys befleckt«. Wissenschaftliche Fortschritte auf dem Gebiet der PPD verschwanden wie Eiskästen und Stummfilme in der Versenkung, bis 1980 eine internationale Forschergruppe die Marcé-Gesellschaft gründete, deren Ziel es ist, Wissen über diese Krankheit zu verbreiten beziehungsweise auszutauschen sowie an Vorbeugungsmaßnahmen und Behandlungsmethoden zu arbeiten. Doch selbst angesichts dieses wieder erwachten Interesses an der PPD nahm der amerikanische Psychiaterverband die Erkrankung erst 1994 in seine Bibel, das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (diagnostisches und statistisches Handbuch psychischer Störungen), auf.

PPD wird bis heute fehldiagnostiziert. Als ich mit meiner Liste offensichtlicher PPD-Symptome zu meinem Hausarzt kam, erklärte er mir, wenn auch mit etwas anderen Worten, ich litte an Hausfrauenängsten und bräuchte nur ein bisschen Urlaub. Wahrscheinlich hätte er noch hinzugefügt, ich müsste mal wieder richtig durchgebumst werden, wenn er nicht so bemüht gewesen wäre, einen einfühlsamen Eindruck zu machen.

Nach meiner Genesung suchte ich mir einen anderen Internisten. Als ich ihm erzählte, mein früherer Arzt habe meine PPD nicht diagnostiziert, obwohl sie mir praktisch in Großbuchstaben auf die Stirn geschrieben stand, antwortete er: »Ein Glück, dass ich das nicht war. Uns entgeht allen mal was.« Bei einer anderen Gelegenheit offenbarte dieser zweite Arzt, ein namhafter Internist an einem Bostoner Lehrkrankenhaus, seine völlige Unkenntnis der PPD, indem er mutmaßte, ein chronischer Schnupfen, Fieber und Mattigkeit zwei Jahre nach Geburt meines Babys hingen mit dieser Krankheit zusammen. »Vielleicht ist es diese postpartale Sache«, sagte er, als er keine Ursache für meine körperlichen Symptome finden konnte. »Vielleicht sollten Sie zu einem Therapeuten gehen.«

Die Fehldiagnosen lassen sich nicht eindeutig beziffern. Aber eine kürzlich von der Organisation Postpartum Support International bei PPD-Patientinnen durchgeführte Umfrage ergab, dass die Symptome der Frauen von Medizinern häufig nicht erkannt oder nicht korrekt als PPD diagnostiziert werden. Selbst sogenannte Autoritäten für gesundheitliche Fragen junger Mütter irren sich hier oft. Eine große amerikanische Elternzeitschrift führte ihre Leser neulich in die Irre, indem sie in einer Ratgeberkolumne PPD als Ursache der Ängste einer Mutter ausschloss. In einem angeblich vom Ehemann eingesandten Brief schrieb dieser, seine Frau fürchte ständig, dass sie ihrem drei Monate alten Baby etwas antun könne, und wolle nicht mit ihm allein sein. Der ärztliche Berater der Zeitschrift antwortete, die Frau leide vermutlich an einer Zwangsneurose, die »nicht mit einer Wochenbettdepression verwechselt werden sollte«. Dabei sind solche Zwangsvorstellungen und Ängste, seinem Baby etwas anzutun, typische Symptome der PPD und sollten als solche behandelt werden.

Es gibt keine Entschuldigung dafür, dass Ärzte die Symptome einer PPD fälschlich als »normale« Depression oder Zeichen einer Persönlichkeitsstörung diagnostizieren. Natürlich sind bei Menschen mit jeder Art von Depression ähnliche Symptome wie Schlafstörungen, Ängste und Selbstmordgedanken zu beobachten. Aber das Krankheitsbild der PPD – die genaue Kombination, das zeitliche Auftreten und die Entwicklung dieser Symptome – ist unverwechselbar.

Die Fachleute, die sich mit der PPD beschäftigen, sehen die Ursache der Krankheit derzeit in einer Kombination biologischer und psychologischer Faktoren. Früher suchte man die Schuld mal mehr auf der einen, mal auf der anderen Seite, doch heute »lautet die definitive Entscheidung, dass es an allem liegt«, sagt Jane Honikman, Vorsitzende von Postpartum Support International. Eine andere führende Forscherin auf dem Gebiet, die Psychotherapeutin Jeanne Driscoll, fasst die Unsicherheit hinsichtlich der Ursachen mit folgenden Worten zusammen: »Der Stand des Wissens ist der Zustand der Verwirrung.«

Auf der biologischen Seite hält man Hormonstörungen für eine Ursache der PPD. Nach Ausstoßung der Nachgeburt fällt der während der Schwangerschaft enorm angestiegene Hormonpegel drastisch ab. Man geht davon aus, dass die Hormone die Neurotransmitter im Gehirn beeinflussen, die dafür zuständig sind, unsere Stimmungen zu regulieren und unser seelisches Gleichgewicht zu bewahren. Daher, so lautet die Theorie, kann ein durcheinandergeratener Hormonhaushalt zu seelischer Unausgeglichenheit führen.

Es gibt jedoch keinen eindeutigen Beweis, dass die Hormone die einzigen Schuldigen sind. Andere Untersuchungsergebnisse deuten darauf hin, dass es psychologische Auslöser gibt, so etwa eine sehr auf Kontrolle bedachte Persönlichkeit, frühere Fehlgeburten, Totgeburten oder Abtreibungen, ein traumatisches oder enttäuschendes Geburtserlebnis, Todesfälle in der Familie, Armut oder überhaupt finanzielle Probleme, Umzug, Eheprobleme, ein krankes oder von Koliken geplagtes Baby. Manche Fachleute sehen die Ursache der PPD darin, dass unsere Gesellschaft von Müttern erwartet, einfach da weiterzumachen, wo sie in dem Augenblick, als die Wehen einsetzten, aufgehört haben. Man findet diese Erkrankung selten in Kulturen, die einen allgemein üblichen Zeitraum – meist vierzig Tage – der Erholung und Unterstützung für frisch Entbundene festgesetzt haben. Wieder andere sagen, frühere Depressionen – ob bei der Frau selbst oder in ihrer Familie – seien der größte Risikofaktor für eine PPD. Aber warum eine solche Vorgeschichte eine Frau anfälliger für PPD macht, ist wiederum ungeklärt. Ist eine solche Neigung in den Botenstoffen des Gehirns oder den Hormonen codiert? Oder wird sie durch Misshandlung, Vernachlässigung oder einfach schlechte Rollenvorbilder seitens psychisch kranker Eltern verursacht?

Driscoll und ihre Kollegin, die Psychiaterin Deborah Sichel, glauben, dass in der PPD eine lebenslange Depressivität zum Ausbruch kommt. Sie sind der Ansicht, dass die meisten Frauen, die an postpartalen psychischen Störungen erkranken, schon vorher an Depressionen, Zwängen oder Ängsten gelitten haben, auch wenn sich viele von ihnen darüber gar nicht im Klaren waren. Wenn dann die hormonellen Umstellungen nach einer Geburt den Organismus überlasten, bricht die Depression hervor wie Wasser aus geborstenen Rohrleitungen.

Ich habe keine Ahnung, ob meine PPD meiner Vorgeschichte, meinen Hormonen oder meiner Stressbelastung zuzuschreiben war. Auf einem Fragebogen würde ich alle drei Punkte ankreuzen. Obwohl ich es bis kurz vor meiner Genesung nicht zugeben konnte, habe ich den größten Teil meines Lebens an einer leichten Depression gelitten.

Außerdem liegt bei mir, wie bei vielen PPD-Betroffenen, die Neigung zu Depressionen in der Familie. Meine Eltern litten beide daran, ganz zu schweigen von einem Großvater und, wie ich vermute, einer Tante. Die Entwicklungsgeschichte meiner Krankheit und die Symptome, an denen ich litt, waren ziemlich typisch. Wie viele Betroffene war ich eine Zweitgebärende ohne vorherige PPD. Ich war während meiner Schwangerschaft nicht depressiv, ein Umstand, der ganz oben auf der Liste der Faktoren steht, die zu PPD führen. Doch dafür kamen bei mir viele andere auslösende Faktoren zusammen.

Ich hatte zwischen meinen beiden erfolgreich ausgetragenen Schwangerschaften zwei Fehlgeburten und meine Trauer darüber nicht völlig bewältigt. Meine Schwiegermutter litt an einer tödlichen Krebserkrankung an den Eierstöcken, was für die ganze Familie eine große seelische Belastung bedeutete. Ich hatte nach Max’ Geburt keine bezahlte Hilfe bei der Kinderbetreuung oder im Haushalt. Und obwohl mir mein Mann eine enorme Hilfe war (Studien zeigen, dass verständnislose Ehemänner und Eheprobleme bei PPD-Patientinnen sehr häufig sind), konnte ich nicht hundertprozentig damit rechnen, von meiner übrigen Familie unterstützt zu werden. Außerdem sah ich eine neue Belastung auf mich zukommen: meine Arbeit wiederaufzunehmen und Max in Tagesbetreuung zu geben, einen Schritt, den ich bei meinem ersten Kind nicht unternommen hatte. Jeder dieser Umstände oder alle zusammen können dazu geführt haben, dass ich PPD bekam.

Nach der Diagnose wollte ich sie nicht wahrhaben, redete mir ein, ich könnte mich selbst heilen, wenn ich mir nur mehr Mühe gäbe oder körperlich trainierte oder meine innere Einstellung änderte oder mich meinen Gefühlen stellte oder das Arbeiten aufschöbe oder etwas Schlaf bekäme. Ich war verzweifelt bemüht, das Problem loszuwerden, ohne zu Medikamenten greifen zu müssen. Wie viele Menschen dachte ich, Antidepressiva seien nur etwas für jene, die zu schwach oder zu faul sind, um ihre Probleme selbst zu lösen. Mein Irrtum bestand darin zu glauben, dass ich Kontrolle über mein Gehirn hätte. Ich dachte, bloß weil Denken und Logik dort ihren Ursprung haben, läge es auch in meiner Macht, die blockierten Leitungen im Gefühls- und Stimmungssektor wieder freizubekommen. Ich versuchte, mein Gehirn mithilfe meines Gehirns zu reparieren, was, wie sich herausstellte, genauso aussichtslos ist, wie eine kollabierte Lunge durch tiefes Einatmen kurieren zu wollen.

Als irgendein Teil meines Hirns schließlich einsah, dass ich mir das, was mit mir passierte, weder selbst eingebrockt hatte, noch es allein wieder auslöffeln konnte, und als ein anderer Teil erkannte, dass meine PPD kein Charakterfehler war, sondern eine körperliche Erkrankung, die nun einmal zufällig das Körpergewebe zwischen meinen Ohren befallen hatte, griff ich doch nach den Medikamenten. Ich begann, lila- und pfirsichfarbene Antidepressiva zu nehmen, die wie glänzender Kupferdraht die Schwachstellen in meinem Kopf verbanden. Ich fühlte mich wieder geistig gesund. Ich fühle mich heute geistig gesünder als je zuvor in meinem Leben. Es war das Beste, was ich je für mich selbst getan habe.

Es ging mir immer besser, zuerst ruckweise Schrittchen für Schrittchen, dann in einer gleichmäßigen Aufwärtsbewegung. Ich kehrte auf meinen Posten als gute, liebevolle Mutter zurück. Mein Sohn kehrte auf meinen Schoß zurück. Mein Mann kehrte an seine Arbeit zurück, wenn auch nicht ohne Narben vom Miterleben meines Verfalls. Selbst jetzt, da ich dies schreibe, zwei Jahre nach meiner Genesung, kann er fremde Babys nicht auf den Arm nehmen. Er sagt, es erinnert ihn zu sehr an die Monate, als ich krank war und er sich plötzlich allein um alles kümmern musste. Meine Tochter, die überhaupt keine Reaktion auf meine Depression zeigte, bis sie vorüber war, bekam ihre normale Familie zurück. Und ich bekam mich zurück.

Wie sich herausgestellt hat, trifft das alte Klischee tatsächlich zu: »Was dich nicht umbringt, macht dich stark.« Ich bin glücklicher und stabiler, als ich es je in meinem Leben gewesen bin. Ich akzeptiere heute, dass es so etwas wie Kontrolle nicht gibt. Nachdem ich – bildlich gesprochen – ein Leben lang in Vorbereitung auf etwaige Schwierigkeiten die Fäuste geballt hatte, ließ mich mein Körper trotzdem im Stich. Mein Gehirn, das eine Organ, das ich glaubte unter Kontrolle zu haben, streikte genauso, wie es Herz oder Leber tun können. Und auch meine Genesung hatte nichts mit überlegener Selbstbeherrschung zu tun. Das Verdienst gebührt den Psychopharmaka und intelligenten Fachleuten. Jetzt, da ich weiß, dass Probleme einen hinterrücks erwischen können, ganz gleich, wie abwehrbereit man seine Fäuste hält, mache ich mir selten die Mühe, sie überhaupt noch zu ballen. Ich weiß nicht, ob ich diese buddhistisch angehauchte Weltsicht dem Durchleben einer höllischen Erfahrung verdanke oder der niedrigen Antidepressivadosis, die nach wie vor die Ängste überdeckt, die mein Leben früher beherrschten. Ich vermute, es ist eine Kombination beider Faktoren, und ich bin tatsächlich froh, den beiden begegnet zu sein.

Ich habe akzeptiert, was mir passiert ist: Ich habe den Verstand verloren – eine kurze Zeit lang. Vorübergehend.

Auch Ihre postpartale Depression oder die Ihrer Frau oder Schwester oder Tochter oder besten Freundin wird vorbeigehen. Vielleicht gelingt es Ihnen sogar durch das, was Sie von mir über ihre Auslöser und ihre Behandlung erfahren werden, sie ganz abzuwenden. Aber eins sollen Sie wissen: Sie sind nicht allein. Solange Sie dieses Buch in Händen halten, ist es, als ob mein Arm um Ihre Schulter läge. Ich bin dort gewesen, wo Sie jetzt sind, und bald werden Sie dort sein, wo ich jetzt bin: zurück in der Welt, in Ihr Baby verliebt, geistig und körperlich gesund und glücklich. Ich verspreche es. Es geht wirklich vorbei. Ich bin der Beweis.

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Ich weine nie. Deshalb ist es ungewöhnlich, dass ich eine Träne im Mundwinkel schmecke, als ich in der Nacht vor der Geburt meines Sohns neben meiner schlafenden dreijährigen Tochter liege. Ich sehe sie an, erinnere mich an die Abenteuer, die wir, erstes Kind und Erstgebärende, zusammen bestanden haben, den Lernprozess, den wir zusammen durchgemacht haben. Wir sind sehr gut in unseren Jobs. Sie hat Koliken und Trotzanfälle vermieden. Ich schreie und klapse, verziehe und vernachlässige nicht. Trotzdem habe ich, wie jede Frau, die ehrlich genug ist, es zuzugeben, das Mutterdasein zuweilen frustrierend und einengend gefunden. Aber ich habe nie an meiner Fähigkeit gezweifelt, meine Sache gut zu machen. Mutter zu sein ist das Erste, was ich je mit solchem Selbstvertrauen getan habe, das Erste, was mir je so selbstverständlich zugeflogen ist.

In anderen Bereichen meines Lebens – was meine Arbeit als Journalistin, meine Rolle als Ehefrau, Freundin, Tochter betrifft, selbst meine Fähigkeit, das Haus sauber genug zu halten – bin ich unsicher. Ich verwende den größten Teil meiner Energie darauf, an mir zu zweifeln und mich selbst zu tadeln, sodass kaum Reserven bleiben, um im Leben etwas zustande zu bringen. In meinem Kopf tobt eine dauernde Schlacht, mein ureigener Bürgerkrieg. Ständig attackiert eine Seite die andere wegen meines, wie ich es sehe, dauernden Versagens.

Später wird mir klar werden, dass meine ununterbrochenen Selbstanklagen Symptom einer unterschwelligen Depression sind – einer sogenannten Dysthymie –, an der ich mein ganzes Leben lang gelitten habe. Aber ich werde noch eine Menge dazulernen, bis ich die postpartale Depression hinter mir habe, und noch einiges andere an mir ändern. Auch mein Selbstvertrauen als Mutter wird ins Wanken geraten. Letztlich werde ich mich in den meisten Bereichen meines Lebens viel selbstsicherer fühlen, dafür aber sehr viel unsicherer, was meine mütterlichen Fähigkeiten angeht.

Aber jetzt in diesem Augenblick, wenige Stunden bevor sich mein Sohn aus meinem Körper kämpfen wird, zweifle ich nicht daran, dass ich zwei Kindern eine ebenso gute Mutter sein werde, wie ich es dem einen war. Trotzdem werde ich unsere Zweisamkeit vermissen. An dunklen Winternachmittagen spielte Carrie auf dem Teppich, baute Zoos aus Plastiktieren und Holzklötzen, während ich im Sessel saß und die Zeitung las. An Sonntagvormittagen zeichnete ich ihr große, schwarze Kreise und zog Schlangenlinien hindurch, damit sie die Zwischenräume bunt ausmalen konnte. Wir schütteten ganze Hände voll gezuckerter Frühstücksflocken aus dem Karton, wenn ihr Vater nicht da war, um es zu sehen, und teilen eine Begeisterung für Bücher, die ihm fremd ist. Doch morgen stößt ein neuer Mitspieler dazu. Bestenfalls wird er uns um die Freuden unserer Zweisamkeit bringen. Schlimmstenfalls wird er solche Konflikte auslösen, dass keine von uns je wieder so zufrieden sein wird.

Ich fahre mit dem Fingerrücken über Carries rundliche Wange und schmiege mein Kinn in ihr Haar. Die Tränen überraschen mich. Aber es gibt eine Erklärung für das Ausmaß meines Kummers. Manchmal weiß der Körper früher als irgendwer sonst, was auf uns zukommt.

Am nächsten Morgen – meine Mutter schläft auf der Ausziehcouch, Carrie liegt ruhig und friedlich in ihrem Bett – fahren Dave und ich durch die Dunkelheit zum Krankenhaus. Zu Beginn dieser Schwangerschaft war ich noch grundsätzlich gegen jede künstliche Geburtseinleitung aus anderen als medizinischen Gründen. Solche Termingeburten, auf die Zeitplanung des Babysitters oder eine Geschäftsreise des Ehemanns abgestimmt oder eigens angesetzt, um sich der Hilfe des begehrtesten Arztes einer gynäkologischen Gemeinschaftspraxis zu versichern, erschienen mir wie Betrug. Außerdem vertrugen sie sich nicht mit meiner Einstellung zur Geburt als einem natürlichen, spirituellen Ereignis. Es gab nur eine richtige Methode, fand ich, und zwar die, darauf zu warten, dass Gott den Muttermund aufkurbelt und das Baby herauspurzelt. Geburtstage waren vorherbestimmte Ereignisse, nichts, was man in Abhängigkeit von einem freien Platz im Terminkalender des Arztes festsetzen sollte.

Ich kann es jetzt zwar noch nicht erkennen, aber ich bin eine überaus engstirnige Frau. Außerdem bin ich selbstgerecht, maße mir im Stillen Urteile über andere und mich selbst an, was persönliche Entscheidungen wie das Stillen oder die Einnahme von Antidepressiva angeht. Die postpartale Depression wird mich von dieser starren Denkweise kurieren. Die Krankheit wird eine verhärtete Frau packen, zerbrechen und aus flexibleren Materialien wieder zusammensetzen. Aber in diesem Augenblick bin ich noch in meiner unbeweglichen kleinen Welt verschanzt, in der jedes Ereignis durch eine schwarze oder weiße Linse betrachtet, jeder Mensch gehasst oder geliebt wird, jede Entscheidung entweder richtig oder falsch ist.

Diese hier ist falsch, denke ich, als ich mich anschicke, die Geburt meines Babys künstlich einleiten zu lassen. Aber es muss heraus. Ich fühle mich immer noch schuldig und schwach, weil ich nicht in der Lage bin durchzuhalten, bis Mutter Natur den Startknopf drückt. Aber ich kann die Unsicherheit, ob dieses Baby gesund zur Welt kommt, nicht länger ertragen.

Vor dieser Schwangerschaft habe ich zwei andere Babys verloren. Es waren frühe Fehlgeburten – eine in der achten und eine in der fünften Woche –, aber doch der Verlust von Kindern, die ich mir bereits glücklich und erwachsen vorgestellt hatte. Das Erste, das im August hätte zur Welt kommen sollen, betrauerte ich wochenlang mit Tränen. Beim zweiten, das den gleichen Geburtstag wie Carrie hätte haben können, sparte ich mir das Trauern. Es tat zu weh, mich noch einmal von einem Baby zu verabschieden, das ich nie im Arm halten würde. Und ich hatte keine Energie mehr übrig, um mich dem Verlust zu stellen. Der mögliche Tod meiner Schwiegermutter, der uns bedrohte, bis sie schließlich starb, als Max zwei war, zehrte an meinen emotionalen Reserven.

Kurz nachdem der zweite Fötus aus mir herausgeblutet war, stellte ein Fertilitätsspezialist fest, dass ich nicht genügend Progesteron produzierte, um ein Kind auszutragen. Während der ersten zwölf Wochen von Max’ Dasein führte ich also zweimal täglich Progesteronkapseln in meine Vagina ein, um nicht auch ihn zu verlieren. Nachdem die Gefahr einer Fehlgeburt gebannt war, begann ich mir Sorgen um das Wiederauftreten einer anderen Schwangerschaftskomplikation zu machen: vorzeitige Wehen, wie ich sie während Carries Aufenthalt in meinem Bauch erlebt hatte – Kontraktionen der Gebärmutter, bevor das Baby geburtsreif ist. Nachdem ich sie mithilfe von Medikamenten und Bettruhe noch einige Wochen zurückgehalten hatte, kam meine Tochter drei Wochen zu früh zur Welt – dürr, aber gesund.

Als ich vor zehn Wochen die ersten Vorwehen spürte, hatten mich die Mediziner an die kurze Leine gelegt, um eine problematische Frühgeburt zu vermeiden. Ich sollte meine Aktivitäten darauf beschränken, nur gerade lange genug zu stehen, um ein schnelles Abendessen zuzubereiten und Carrie zum Kindergarten zu fahren. Eigentlich sollte ich nicht herumlaufen, wenn ich irgendwelche Krämpfe spürte, aber einmal die Woche mogelte ich und durchstreifte jeden einzelnen Gang eines kleinen Gemischtwarenladens.

Doch bis auf die bedrohlichen Wehen verhielt sich meine Gebärmutter während und nach diesen Einschränkungen ruhig. In der achtunddreißigsten Woche bekam ich Senkwehen: echte Kontraktionen im Abstand von fünf Minuten, die in dem Augenblick, als ich über die Schwelle des Krankenhauses trat, aufhörten. Ich lief von morgens fünf bis acht durch die Gänge und flehte meinen Körper an, die Wehen wieder einsetzen zu lassen und mir die Peinlichkeit und Enttäuschung zu ersparen, ohne Baby nach Hause zu gehen, während meine ganze Familie am Telefon auf Nachricht von der Geburt wartete.

Diese ganze Wartezeit hindurch verfolgte mich der Gedanke, ich könne mein Baby mit B-Streptokokken anstecken, durch eine Infektion im Geburtskanal, die für die Mutter harmlos ist, beim Baby aber Meningitis oder andere lebensbedrohliche Erkrankungen auslösen kann. Selbst vor Einsetzen der eigentlichen Wehen können die Bakterien durch einen eventuellen Riss der Fruchtblase zum Baby aufsteigen. Dieses Problem war bei mir festgestellt worden, als ich mit meiner Tochter schwanger war. Wenn diese Infektion einmal bei einer Frau diagnostiziert wurde, gilt sie danach lebenslang als Trägerin und bei jeder Entbindung als Risikopatientin. Wann immer ich in diesen letzten Wochen, die Max in meinem Bauch verbrachte, Feuchtigkeit in meinem Slip spürte, redete ich mir ein, die Fruchtblase hätte ein Leck und die aufsteigenden Bakterien wären dabei, ihn langsam umzubringen.

Als Dr. Laly Haines anbot, mich von meinen Qualen zu erlösen und die Geburt eine Woche vor dem errechneten Termin einzuleiten, warf ich meine selbstgerechte Haltung über Bord. Dr. Haines, eine quirlige Frau Anfang dreißig, die mir mit ihrer Weisheit und ihrer Fähigkeit, mich zu behandeln, als wäre ich ihre lang vermisste beste Freundin, immer ein Gefühl von Sicherheit gab, kam eines Nachmittags im Februar mit einem schwarzen, ...

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