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Dunkle Liebe (02) – Hoffnung

SOPHIE JACKSON

Dunkle Liebe

Hoffnung

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Anita Nirschl

Zu diesem Buch

Das erste Mal dachte Max O’Hare daran, sich umzubringen, als sein Vater beerdigt wurde, das zweite Mal, als er seinen ungeborenen Sohn verlor, und das dritte Mal, als seine Verlobte ihn daraufhin verließ. Um dem Schmerz zu entfliehen, stürzte sich Max in eine Welt der Drogen, des Alkohols und des bedeutungslosen Sex. Doch nun hat er dank eines erfolgreichen Entzugs die Chance, noch einmal ganz von vorne anzufangen. Um allen Versuchungen seines alten Lebens aus dem Weg zu gehen, zieht er von New York in ein kleines Städtchen in West Virginia. Dort arbeitet er bei seinem Onkel auf dem Bau, versucht die schmerzhafte Vergangenheit mithilfe seiner Malerei zu verarbeiten und kämpft jeden Tag einen verzweifelten Kampf gegen seine Dämonen. Die Hoffnung auf ein normales Leben oder gar Liebe hat er längst aufgegeben, weiß er doch, dass er innerlich wie tot ist. Daran scheint erst Grace Brooks etwas zu ändern. Mit ihrem Optimismus und ihrer positiven Sicht auf die Dinge wird sie schnell zu einer guten Freundin. Doch auch Grace hütet ein dunkles Geheimnis, niemand weiß, woher sie kommt oder warum sie nie von ihrer Vergangenheit erzählt. Und während Max und Grace sich langsam näher kommen und Vertrauen zueinander fassen, wird für jeden klar, dass sie einander lieben könnten – wenn Max sich nur überwinden würde, sein Herz in die Waagschale zu werfen und seine Vergangenheit endgültig hinter sich zu lassen …

Für die wunderbarste Fangemeinde,
meine Online-Familie. Jeder von euch ist fantastisch.
Bleibt, wie ihr seid.

Das Leben wird dich brechen. Davor kann dich niemand schützen und das Alleinleben ebenso wenig, denn auch die Einsamkeit wird dich brechen, mit ihrer Sehnsucht. Du musst lieben. Du musst fühlen. Deshalb bist du hier auf Erden. Du bist hier, um dein Herz aufs Spiel zu setzen. Du bist hier, um verschlungen zu werden. Und wenn du gebrochen wirst oder betrogen oder verlassen oder verletzt oder der Tod dich streift, dann setz dich unter einen Apfelbaum und hör, wie um dich herum zuhauf die Äpfel zu Boden fallen und ihre Süße verschwenden. Sag dir, dass du so viele von ihnen gekostet hast, wie du konntest.

– Louise Erdrich, Der Klang der Trommel

1

Zum ersten Mal dachte Max O’Hare darüber nach, sich das Leben zu nehmen, als man seinen Vater beerdigte. Es war einer dieser tristen Oktobermorgen gewesen, an denen einem der Wind ins Gesicht peitscht und es nicht regnet, sondern in Strömen gießt und selbst den sorglosesten Menschen dazu bringt, sich zu fragen, warum er überhaupt je fröhlich gewesen war.

Max hatte zugesehen, wie man den Sarg seines Vaters in die Erde hinabsenkte, gleich neben Hazel O’Hare, Max’ Mutter. Der schöne Grabstein über ihrer letzten Ruhestätte, der mit goldenen Lettern verriet, dass sie bei ihrem Tod durch einen Frontalzusammenstoß auf dem Weg zur zweiten Geburtstagsfeier ihres Sohns erst sechsundzwanzig gewesen war, hatte nun einen Nachbarn bekommen. Im Alter von fünfundvierzig und nach qualvollen achtzehn Monaten hatte Connor O’Hare seinen tapferen Kampf gegen den Bauchspeicheldrüsenkrebs verloren und ließ Max als Waise zurück.

Eine Waise, die sich fragte, was zum Teufel sie mit ihrem Leben anstellen sollte.

Sicher, da war der Familienbetrieb, eine spezialisierte Autowerkstatt, in der Max voller Begeisterung und Heldenverehrung das Mechanikerhandwerk von seinem Vater erlernt hatte … doch als Connor schließlich nicht mehr arbeiten konnte, wurde dieser ganze Scheiß überflüssig. All die heißen Schlitten und brüllenden Motoren – nichts davon war mehr wichtig. Das einzig Wichtige war, wann die nächste Runde Chemo anstand und zu welch absurden Beträgen sich die Arztrechnungen auftürmten.

Nicht dass sich Max’ Vater jemals darüber beschwert hätte. Als Max anfing, sich wegen Geld und Terminen zu stressen, hatte er nur gelächelt und gesagt, dass das Leben zu kurz sei, um sich über Kleinigkeiten den Kopf zu zerbrechen. Aber so war Connor O’Hare nun mal gewesen. Vielleicht war er deshalb nie ausgeflippt, wenn Max als Teenager von der Polizei nach Hause gebracht worden war oder als man ihn wegen Drogenbesitz und Autodiebstahl verhaftete. Du wirst deinen Weg schon finden, hatte sein Vater mit einem enttäuschten Schulterzucken gesagt, das Max vor Schuldgefühlen mit den Zähnen knirschen ließ, das sind nur Schlaglöcher in der Straße des Lebens, Sohn.

Max war sich da nicht so sicher. Er hatte keine Ahnung, warum er immer wieder solchen Mist baute. Aus Langeweile vielleicht? Verdammt, er konnte nicht mal beschissene Familienverhältnisse als Entschuldigung vorschützen. Sein Vater war ein guter Mann, der sein Bestes gab, um seinen Sohn allein großzuziehen. Nein, Max war sein eigener schlimmster Feind. Er wollte so stark sein wie sein Dad, so großmütig und engagiert, aber er versagte jedes verdammte Mal.

Erwartungsgemäß kämpfte Max’ Vater wacker gegen seine Krankheit und blieb tapfer bis zum Ende, doch sein Tod war nicht der eines Kriegers. Er war nicht romantisch. Es gab keine geflüsterten liebevollen Worte, keine Lebensweisheiten oder Worte des Bedauerns, da er nicht mehr in der Lage gewesen war zu sprechen – der Krebs hatte schon seine Lunge und seine Kehle angegriffen. Max konnte einfach nur zusehen, wie sein Vater immer mehr von der Krankheit zerstört und dieser robusten Lebendigkeit beraubt wurde, die Max immer gekannt und geschätzt hatte. Alles, was blieb, war die gealterte Hülle eines Mannes, der still im Schlaf hinüberglitt, während Max am Krankenhausbett wachend seine Hand hielt.

Der Kummer hatte Max so fest im Griff, dass er nicht einmal weinen konnte. Seine Augen blieben hartnäckig trocken, so als blockiere die Trauer jeden Teil von ihm, jede Tränendrüse, jede Vene und Arterie.

Natürlich hatte er Freunde. Freunde, die eher wie eine Familie für ihn waren und sich für ihn ein Bein ausreißen würden. Was immer wir tun können. Ich bin hier, wenn du reden willst. Herrgott, er schaffte es kaum, morgens aus dem Bett zu kommen, und die erwarteten, dass er redete. Er wusste es zu schätzen, sicher, aber ihre Worte waren nichts als ein bloßes Flüstern in einem Wind, der Max mit der Zeit in eine tiefe Depression trieb. Diese Dunkelheit gipfelte darin, dass er eine Flasche Wodka kippte, ein Dutzend Linien Koks schnupfte und stumpf auf eine Packung Tabletten starrte, die er in den Sachen seines Vaters gefunden hatte.

Es wäre so einfach, hatte er gedacht.

So verdammt einfach.

Und schmerzlos.

Das wollte er mehr als alles andere: eine Existenz ohne Schmerzen.

Doch er hatte es nicht durchgezogen. Feigheit war nichts, auf das Max stolz war, aber wie sein bester Freund Carter ihm erklärt hatte: Er war zwanzig Jahre alt und hatte noch sein ganzes Leben vor sich. Und gelebt hatte er es. Er hatte sich zugedröhnt, Frauen gevögelt, sich auf Dinge eingelassen, die ihn nichts angingen, er wurde zum Dealer, angeschossen, verhaftet, auf Kaution freigelassen … und dann das Ganze wieder von vorne.

Weniger ein Leben als vielmehr ein endloser Kater, unterbrochen von Delirien. Er hielt die Werkstatt mit dem Geld über Wasser, das er durchs Dealen verdiente, bezahlte damit seine Angestellten und feierte von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang. Und während die Monate verstrichen, verebbte der Schmerz, den Max seit dem Tag der Beerdigung gespürt hatte, ganz allmählich. Zurück blieb eine Taubheit, in der er sich ungehemmt suhlte. Er spürte keinen Schmerz. Herrgott, er spürte überhaupt nichts mehr. Und das war gut so.

Er bezweifelte, dass er je wieder etwas spüren würde. Er war sich nicht einmal sicher, ob er das überhaupt wollte.

Bis sie in sein Leben stolperte …

Max schaute von dem hochwertigen cremefarbenen Teppich unter seinen Füßen hoch zu dem Mann, der ihm gegenübersaß. Elliot wartete geduldig, dass Max noch etwas sagte, aber Max wusste, dass er fertig war. Er hatte schon mehr gesagt, als er wollte. Er hatte schon lange nicht mehr über seinen Vater gesprochen, und an dieser speziellen Narbe zu kratzen war immer noch so qualvoll wie am Tag der Beerdigung vor acht Jahren.

Er griff nach dem Wasserglas auf dem kleinen Holztisch neben seinem Sessel und trank einen großen Schluck. Die erwartungsvolle Stille war erdrückend und ließ Max unruhig auf seinem Sitz herumrutschen.

»Deinem Schweigen nach nehme ich an, wir sind fertig für heute.« Elliot lächelte und kritzelte rasch etwas auf den Block, der wie immer auf seinen Knien lag.

Max antwortete nicht, sondern atmete tief durch, weil er wusste, dass Elliot ihn vom Haken gelassen hatte. Er hatte schnell erkannt, dass Dr. Elliot Watts ein hartnäckiger alter Bastard war. Ja, er war Therapeut, und dieser Mist war sein Job, doch er war von Anfang an unerbittlich gewesen. Nichtsdestotrotz musste Max zugeben, dass er den Doc mochte, ganz egal, welche dunklen Pfade der Vergangenheit er ihn zu betreten bat.

»Du hast heute wirklich gute Fortschritte gemacht, Max«, fuhr Elliot mit einem kleinen Nicken fort. »Ich weiß, es ist nicht leicht, über deinen Vater zu reden.«

Oh ja, ohne Scheiß.

Kritzel, kritzel. »Also, du bist jetzt seit fünfzehn Tagen hier. Wie kommst du mit den Medikamenten zurecht?«

Max zuckte mit den Schultern. Er hatte eine Unmenge bunter Pillen bekommen, die er jeden Morgen schlucken musste: Antidepressiva, Ritalin, Amantadin. Jede erfüllte eine spezielle Aufgabe und sollte ihm gegen die quälende Verzweiflung, die schlaflosen Nächte und den Suchtdruck helfen. Und das taten sie auch. Größtenteils. Verdammt, Medikamente waren schließlich auch nichts anderes als Drogen.

Es waren nicht die Drogen, die er wollte, die Drogen, von denen er wusste, dass sie seiner Unruhe in den Arsch treten würden, die Drogen, die verhindern würden, dass sein Schwanz nichts als schlaffe Zeitverschwendung war, die Drogen, die den ungeheuren Appetit unterdrücken würden, der ihn an Hüftspeck zulegen ließ, die Drogen, die jedes Mal wie mit dem verdammten Lockruf einer Sirene nach ihm riefen, wenn er nachts versuchte, ein Auge zuzutun.

Aber Medikamente waren auch nichts anderes als Drogen.

Bei jedem halbherzigen Schlag seines Herzens floss das Blut nur träge durch seinen Körper. Es sehnte sich nach dem Feuer einer Line, dem Leben, dem euphorischen Losgelöstsein. Herrgott, er brauchte einen Hit. Nur einen einzigen verdammten Hit.

Elliot setzte sich ein wenig aufrechter, als spüre er den Hunger, der Max praktisch von innen lähmte. »Was machen die Albträume?«

Durchdringende Furcht erfasste Max. Er schluckte und rang nervös die Hände. Sein Unbehagen sprach Bände. Die Albträume waren genau das: albtraumartig und so lebhaft und beängstigend, dass es Max schon beim bloßen Gedanken an Schlaf eiskalt wurde. Sie hatten nur wenige Tage nach seiner Einweisung eingesetzt, wenige Tage nachdem er vom Stoff runter war, und trotz Elliots verordneter Medikation ließen sie nicht nach. Die Ringe unter seinen Augen waren der Beweis dafür.

»Wir können deine Dosis erhöhen, wenn es nötig ist, Max«, sagte Elliot leise. »Du brauchst deinen Schlaf.«

Max seufzte mit einem kaum wahrnehmbaren Nicken. Die Angst vor dem, was ihn erwartete, wenn er schlief, wog schwerer als sein Stolz.

»Okay. Dann werde ich das für dich veranlassen.«

»Danke.« Max’ Stimme war leise, doch seine Dankbarkeit unermesslich.

»Möchtest du über die Albträume reden?«

»Nein.« Max rieb sich die Schläfen, hinter denen die grotesken Bilder, die ihn nachts überfielen, hevorzubrechen drohten. Elliots Schweigen brachte ihn dazu, den Kopf zu heben. »So schlimm.«

Max zog die Kapuze seines Sweatshirts tiefer ins Gesicht. Er trug die Kapuze sowohl bei seinen Einzelsitzungen als auch bei den Gruppengesprächen, und merkwürdigerweise schien es Elliot nicht zu stören. Max war sich nicht ganz sicher, warum er es tat, aber es half ihm dabei, die Anspannung ein wenig zu lindern, die er bei dem Gedanken empfand, mit Fremden über Dinge zu reden, die vor Jahren passiert waren. Die Kapuze war ein Kokon, eine Schutzmauer, die ihm seinen Aufenthalt in der Entzugsklinik ein wenig leichter machte.

»Vielleicht könntest du etwas über deine Albträume in das Notizbuch schreiben, das ich dir letzte Woche gegeben habe. Ich weiß, dass es immer noch leer ist.« Elliot lächelte trocken über den spöttischen Blick, den Max ihm daraufhin zuwarf.

In ein Notizbuch schreiben? Nein, danke.

»Na schön.« Elliot beugte sich vor. »Hör mal, du weißt, wo du mich findest, wenn du weiterreden möchtest. Wir sind alle hier, um dir da durchzuhelfen. Du bist nicht allein, okay?«

Max schnaubte innerlich und verkniff es sich, die Augen zu verdrehen. Sicher, er war umgeben von Leuten, denen »nur sein Bestes am Herzen lag«. Sie wollten »ihm helfen, clean zu werden«, »das alles gemeinsam ausdiskutieren«, sichergehen, dass er »sich wohl fühlte«, »entspannt« war – und nicht völlig irre von dem Bedürfnis, aus diesem beschissenen Laden abzuhauen und den nächstbesten Dealer ausfindig zu machen.

Ja, er war von wohlmeinenden Leuten umgeben.

Und noch nie hatte er sich so allein gefühlt.

2

Sieben Jahre zuvor …

Die Party war wie üblich ausgeufert. Es war fast Mitternacht, und Riley Moore trank, flankiert von drei seiner Kumpels, Wodka-Shots von den nackten Brüsten zweier namenloser Mädchen – indem er die Schnapsgläser nur mit den Zähnen aufnahm. Die Jungs feuerten ihn johlend an, wann immer er ein Glas verschüttete und dem Rinnsal auf der herrlichen Haut der Mädchen mit eifriger Zunge folgte.

Max musste darüber lachen, wie begeistert er sie wieder sauber leckte. Er kannte Riley erst seit wenigen Jahren durch gemeinsame Freunde. Nichtsdestotrotz und obwohl er nicht viel über die Vergangenheit des Mannes wusste, hatte er ziemlich schnell gelernt, dass Riley immer strahlender Mittelpunkt jeder wilden Party und ein regelrechtes Tier war, wenn es ums Trinken ging. Er trank praktisch alles, solange es Alkohol war, trotzdem schien er immer bemerkenswert nüchtern zu bleiben, egal, wie viele leere Flaschen um ihn herumstanden. Riley war ein durchgeknallter Irrer, aber er rührte nie irgendwelche anderen Sachen an. Nicht einmal Gras. Jedes Mal lehnte er mit der Begründung ab, dass es ihn einfach nicht interessiere. Max hatte diese Selbstbeherrschung insgeheim immer bewundert.

Nein, Rileys Laster waren Autos und Frauen. Jede Menge Frauen.

Etwas rempelte Max hart gegen den Ellbogen. Als er sich umdrehte, sah er seinen besten Freund Carter, high und betrunken, den Arm um eine süße, sehr spärlich bekleidete Brünette gelegt.

»Mach dich locker, Mann«, sagte Carter mit einem breiten Grinsen. »Komm schon. Das ist eine Party!«

Max nickte und prostete seinem Freund mit der Bierflasche zu. »Keine Sorge.« Er kippte sein Bier hinunter. Die Line, die er vor knapp einer Stunde gezogen hatte, ließ allmählich nach. »Hast du was für mich?«

Carter nickte, kramte in seiner Jeanstasche und zog ein kleines Tütchen hervor. »Nur zu, Kumpel, und dann lass dich volllaufen, flachlegen, irgendwas. Hauptsache, es zaubert dir ein Lächeln in deine hässliche Visage!«

Lachend schaute Max ihm nach, wie er zu einem der Sofas hinübertorkelte, sich mit seiner neuen Freundin darauffallen ließ und anfing, wild mit ihr rumzuknutschen. Aber der Mistkerl hatte recht. Max war fast zweiundzwanzig Jahre alt. Er musste mal ein bisschen die Sau rauslassen, richtig Spaß haben und diese Trauer loswerden, die ihm nach dem Verlust seines Vaters vor eineinhalb Jahren immer noch wie ein Mühlstein um den Hals hing. Er wusste nur nicht, wie er das ohne ein paar Lines und ein Bier anstellen sollte. Ihm war klar, dass seine Art, Party zu machen, ins Gefährliche abzukippen drohte, aber ironischerweise sorgte schon allein dieser Kitzel dafür, dass Max die Nase im Koks und einen Drink in der Hand behielt.

»Hey, du bist ja doch noch gekommen!« Bei dem freudigen Aufschrei eines der halb nackten Wodka-Girls blickte Max von dem Tütchen in seiner Hand hoch. Die dünne Rothaarige krabbelte vom Tisch, zog sich – sehr zur Enttäuschung der Männer in unmittelbarer Umgebung – ihr T-Shirt wieder über und lief quer durchs Apartment zur Tür, die sich geöffnet hatte.

Max sah ihr mit einem kleinen Lächeln hinterher, das ihm sofort aus dem Gesicht fiel, als er das Mädchen sah, das sie begrüßte. Herrgott! Sie war … groß und blond. Sehr blond. Und eine natürliche Blondine obendrein. Diese Farbe kam nicht aus der Tube. Wie Honig und Asche. Der blonde Schopf und darunter diese zierlichen Schultern in einem roten, kurzärmeligen Top. Sie trug eine schwarze Jeans, die sich an ihre Beine schmiegte wie eine zweite Haut. Sie war … Himmel, sie war bezaubernd.

»Komm, ich stell dir Riley vor! Wir trinken Body Shots!« Rotschöpfchen wippte auf den Zehenspitzen und schleppte den faszinierenden Neuzugang zurück in Richtung Küche.

Blondies Gesichtsausdruck, mit dem sie sich in dem Chaos umsah, verriet Max, dass sie nicht der Typ Frau war, der sich ausziehen und von irgendwelchen Typen Drinks von den Brüsten lecken lassen würde. Skurrilerweise empfand Max diesen Gedanken als ungewohnt tröstlich. Sie bewegte sich geschmeidig und elegant, und als sie das Zimmer durchquerte, ertappte sich Max dabei, dass er sich den Hals verrenkte, um ihr an den anderen Leuten vorbei hinterherzusehen. Leute, die er vergessen hatte und die ihn einen Scheiß interessierten.

»Riley, das ist meine beste Freundin Lizzie. Lizzie, das ist Riley.« Rotschöpfchen schmiegte sich an Rileys Arm, während Lizzie ihn anlächelte.

Und was für ein Lächeln das war.

Nichts als weiße Zähne, strahlendes Funkeln und verfluchte Regenbögen.

»Hey, Liz«, grinste Riley. »Möchtest du was trinken?«

»Ich heiße Lizzie, und nein, ich trinke nichts, wenn ich fahre«, bemerkte sie.

Max musste über ihre freche Antwort und den überraschten Ausdruck in Rileys Gesicht kichern.

Riley lachte schallend los. »Na, Scheiße, Lizzie, dann lass mich dir wenigstens eine Cola holen.«

Bevor sie antworten konnte, hatte Riley ihr eine Cola eingeschenkt und reichte sie ihr mit einem Augenzwinkern. Das Schmunzeln, das Lizzies Gesicht zierte, war verteufelt sexy. Völlig abgelenkt schob Max das vergessene Tütchen Koks in die Hosentasche und bewegte sich unauffällig näher zu der Stelle, an der sie alle standen.

Wie gebannt beobachtete er Lizzie während der ganzen vierzig Minuten, die sie auf der Party blieb. Sie war charmant und witzig und konnte ebenso gut austeilen wie einstecken, als das Geplänkel richtig losging. Sie schaute sogar ein paarmal flüchtig in Max’ Richtung, worauf er ihr leicht lächelnd zunickte. Die rosige Farbe, die ihre Wangen daraufhin annahmen, war bezaubernd.

Normalerweise wäre Max längst an ihrer Seite und hätte sie mit den charmanten, blumigen Sprüchen angegraben, auf die die Weiber seiner Erfahrung nach standen.

Aber irgendetwas hielt ihn zurück. Etwas Unbekanntes und Beängstigendes. Etwas, das ihm sagte, dass diese Lizzie ihm die Eier abreißen würde, falls er versuchte, irgendetwas anderes als ehrlich und echt zu sein.

Also beobachtete er sie nur, und als sie ging, wusste er, dass er sie wiedersehen musste.

Das Gelände der Entzugsklinik war riesig. Sechs Hektar groß, um genau zu sein. Bevor der Schnee hier im mittleren Süden Pennsylvanias zu tief dafür geworden war, war Max auf dem Gelände umhergeschlendert, gelegentlich stehen geblieben, um eine zu rauchen, und wieder weitergeschlendert. Die Stille war ohrenbetäubend und machte ihn zappelig. Er war die Hektik und den Trubel von New York City gewohnt, und die ausgedehnten Felder und frische Luft waren eine drastische Umstellung.

Wenn er nicht gerade eine seiner fünfzehn Sitzungen pro Woche mit Elliot, seinem Suchttherapeuten, hatte oder ziellos umherwanderte, saß er in seinem Zimmer und las oder hörte Musik. Und das war während der Anfangsphase seines Kokainentzugs, die einfach bombig war und ihn auf Scheißschneckentempo runterbremste, völlig in Ordnung gewesen. Nach zwei Wochen allerdings fing er an, unruhig zu werden. Elliot hatte ihm versprochen, er könne anfangen, mit einem Personal Trainer Sport zu machen, sobald er gut auf seine Medikamente eingestellt war. Offen gesagt brannte Max darauf, in den Fitnessraum zu gehen, um die Anspannung und den Stress abzureagieren, die ihm die Schultern krümmten. Aber er musste warten. Als Alternative hatte Elliot ihm angeboten, einen Yogakurs mitzumachen.

Was Langsames. Was Leichtes.

Max hatte Elliot ins Gesicht gelacht. Nein, hatte er erklärt. Er war nicht der Yoga-Typ. Stattdessen hatte er sich wieder in sein Zimmer zurückgezogen.

Nicht, dass es ihn störte, in seinem Zimmer zu sein. Und ehrlich gesagt war »Zimmer« hier ein dehnbarer Begriff. Hotelsuite traf die Sache eher. Es war hübsch eingerichtet mit einem großen Bett, bequemen Sesseln, ansprechender Kunst an den Wänden und einem eigenen angrenzenden Badezimmer. Offensichtlich hatte Carter den Laden wegen seiner eher entspannten, heimeligen Atmosphäre ausgewählt, außerdem war die Klinik klein, mit nur maximal siebzehn »Klienten« gleichzeitig, was individuelle Betreuung und Unterstützung rund um die Uhr gewährleistete. Max wusste, dass Carter richtig tief in die Tasche gegriffen hatte, um ihn so kurzfristig hier unterzubringen.

Obwohl das Zwölf-Schritte-Programm der Narcotics Anonymous einen großen Teil von Max’ Heilungsprozess darstellte, bot die Einrichtung auch eine ganzheitlichere Therapie an, von der Max überzeugt war, dass sie sicher irgendjemandem nützte. Nur nicht ihm. Er stand nicht auf diesen ganzen Geist-Körper-Seele-Hokuspokus. Er wollte nur so schnell wie möglich clean werden, damit er wieder nach Hause konnte.

Trotzdem musste Max nach fünfzehn Tagen ein wenig widerwillig zugeben, dass der Entzug gar nicht so schlecht war. Natürlich vermisste er seine Freunde und die Bequemlichkeiten von zu Hause wie verrückt, aber es war ein bisschen, wie im Gefängnis zu sein. Nur gemütlicher. Mit besseren Gerüchen, besseren Gardinen und freundlicheren Gesichtern. Sicher, die Sitzungen mit Elliot waren eine scheußliche Pflicht, bei der Max nichts anderes wollte, als sich in Embryostellung zusammenzukrümmen, und die Gruppensitzungen waren sogar noch schlimmer, aber die Jungs, die er in der Gruppe kennengelernt hatte, machten seinen Aufenthalt definitiv interessanter. So viel zum Thema Spinner.

Zum Beispiel Stan. Stan war achtundzwanzig Jahre alt und kokainabhängig. Wie Max hatte er immer wieder die Nase in den Schnee gesteckt, um das Leben und den ganzen Scheiß, der dazugehörte, zu vergessen. Er war ein zäher, eins achtundsechzig kleiner Puertoricaner, der einem Esel ein Ohr abkauen konnte. Und das tat er auch. Regelmäßig. Aber das war Max nur recht. Wenn Stan redete, hieß das, dass Lyle, der Gruppenleiter, und Hud, ein Drogenberater, nicht in Max’ Richtung schauten und erwarteten, dass er etwas sagte.

Bisher hatten sie zehn Gruppensitzungen gehabt, und Max hatte noch kein einziges Wort gesagt. Wollte kein Wort sagen. Wusste nicht, wo zum Teufel er anfangen sollte, um den ganzen Mist in zusammenhängende, flüssige Sätze zu bringen. Herrgott, nüchtern und bei klarem Verstand zu sein führte nur dazu, dass seine zuvor ruhiggestellten Gedanken ihm erbarmungslos das Gehirn zermarterten, und zwar jeden Morgen, sobald er die Augen öffnete. Die dicke Decke aus Koks, mit der er schamlos mehrmals täglich das Chaos in seinem Kopf erstickt hatte, war nur noch eine ferne Erinnerung. Max zog sich einfach die Ersatzdecke – die Kapuze seines Sweatshirts – tiefer ins Gesicht, vergrub sich darunter und versuchte, sich zu entspannen.

Leichter gesagt als getan, wenn Stan endlos über seine Reue lamentierte. Oh, diese Reue!

»Ich schwör’s bei Gott, Mann, hält der eigentlich jemals die Klappe?«

Max’ Blick glitt hinüber zum Urheber der geflüsterten Beschwerde, Dom Hayes, einer weiteren Koksnase mit einer Vorgeschichte aus Drogendeals, kleinerer Vergehen, Knastaufenthalten wegen irgendwelchen Blödsinns und so weiter. Er war sechsundzwanzig und trotz seiner kriminellen Vergangenheit ein ziemlich patenter Kerl. An einem der ersten Tage hatte er seine Kippen mit Max geteilt, als der kurz davor gewesen war, die Kurve zu kratzen und quer durch den Staat Pennsylvania zurück nach Hause abzuhauen. Seitdem verstanden sie sich. Interessanterweise erinnerte Dom ihn sehr an Carter, was ebenso unerträglich wie tröstlich war.

Herrgott, Max vermisste seinen besten Freund.

Auch wenn Carter ein Arschloch war. Ein Arschloch, das fast zwanzig Jahre lang für Max da gewesen war. Ein Arschloch, das für Max in den Knast gegangen war, als alles den Bach runterging. Ein Arschloch, dem Max eine Knarre unter die Nase gehalten hatte, als er schließlich völlig am Ende gewesen war. Ein Arschloch, das am Ende seiner Geduld den bewusstlosen Max vom Badezimmerfußboden aufgehoben und angefleht und angeschrien hatte, sich endlich zusammenzureißen, auf Entzug zu gehen und clean zu werden. Ein Arschloch, das fast vier Stunden lang gefahren war, um ihn in die Klinik zu bringen, ohne Fragen alles bezahlt und ihn zum Abschied mit Tränen in den Augen heftig umarmt und ihm gesagt hatte, dass alles wieder in Ordnung kommen würde.

Seufzend schloss Max kurz die Augen, um Stan und die anderen siebzehn Männer im Raum auszublenden. Max wusste, ohne Carter wäre er tot. Er wusste, dass die Autowerkstatt seines Vaters ohne Carters Finanzen und Rileys Business-Knowhow verloren gewesen wäre, zusammen mit dem guten Ruf, den sich sein Dad so verdammt hart aufgebaut hatte. Ohne Carter hätte Max es nie überlebt, Lizzie zu verlieren.

Wie immer, wenn er an sie dachte, durchschnitt stechender Schmerz seinen Bauch, stieg hoch in seine Brust und krallte sich um Herz und Lunge, bis er sich auf seinem Stuhl nach vorne krümmte. Er versuchte, die unerbittliche Qual wegzuatmen, dankbar dafür, dass die Aufmerksamkeit aller immer noch auf Stan gerichtet war.

Aller außer Dom. »Alles okay, Mann?«, murmelte er neben ihm.

Max nickte. Er räusperte sich und versuchte, so zu atmen, wie Elliot es ihm gezeigt hatte. Langsam und ruhig. Tief und gleichmäßig. Ein. Aus. Ein. Aus.

Früher eine so einfache Handlung und nun, ohne sie und ohne weißes Pulver, ein ständiger Kampf.

»Dann erzähl mir mal von deinem Zwischenfall in der Gruppe.«

Max ging allmählich auf, dass Dr. Elliot allwissend war oder so etwas. Ihm entging nicht das Geringste. Der Mistkerl musste in jeder verfluchten Ecke des Centers Kameras installiert haben. Er wusste einfach alles! Entweder das, oder Max’ kleiner »Zwischenfall« in der Gruppe war nicht so unbemerkt geblieben, wie er gehofft hatte.

Er zuckte mit den Schultern. »Nicht der Rede wert.«

Gott allein wusste, warum er weiter log. Er fühlte sich dadurch jedenfalls ganz gewiss nicht besser, und ganz gewiss würde es auch nicht dafür sorgen, dass er schneller wieder nach Hause kam. Und war es nicht das, worauf es letztlich ankam? Wieder auf die Beine und dann nach Hause zu kommen?

Kritzel, kritzel. »Max, es wird helfen, darüber zu reden.« Elliot nahm einen Schluck aus seiner allgegenwärtigen Kaffeetasse mit dem Logo der Philadelphia Phillies. Max fragte sich, ob darin Kaffee war oder etwas Stärkeres, wie Cognac. Oder Whiskey. Ein Schluck Jack Daniels wäre jetzt etwas verdammt Feines.

Langsam stieß Max den Atem aus. »Es war dasselbe wie schon mal zuvor«, murmelte er.

Elliots Blick wurde weicher. »Lizzie.«

Beim Klang der beiden Silben wurde Max die Brust unangenehm eng.

»Erzähl es mir«, sagte Elliot leise. »Was immer du kannst. Erzähl es mir.«

Ob es an dem sanft beschwörenden Tonfall von Elliots Stimme lag oder an dem Wunsch, allen zu zeigen, dass er wieder auf die Beine kommen konnte, oder ob es das dringende Bedürfnis war, Carter nicht zu enttäuschen – die Risse in Max’ emotionalem Damm begannen langsam, größer zu werden. Er erzählte Elliot von der Party, bei der er sie zum ersten Mal gesehen und nicht angesprochen hatte, weil er ein zu großer Schisser gewesen war. Davon, wie Riley und Carter ihn scherzhaft aufgezogen hatten, weil er wochenlang nicht zum Hörer griff und sie anrief, obwohl er sich verzweifelt danach sehnte, sie wiederzusehen. Gott, diese Sehnsucht! Die Sehnsucht, die ihn immer noch fertigmachte. Scheiße, und dann der sanfte Klang ihrer Stimme, als er endlich seinen Mut zusammengekratzt und die Nummer auf dem zerknitterten Stück Papier gewählt hatte, das er seit Rileys Fete in der Tasche mit sich herumtrug. Ihr erstes Date in einer Bowlinghalle, wo sie ihn mit beinahe fünfzig Punkten Vorsprung weggeputzt und ihm dann erlaubt hatte, sie zu küssen. Der Kuss, ihre Lippen …

… Max konnte kaum atmen. Seine Brust zog sich zusammen, als die Erinnerungen auf ihn einprasselten, heftig und unnachgiebig. Sein Herz hämmerte so stark, dass sich sein Blickfeld verengte und sein Gesicht brannte. Er musste aus diesem verdammten Büro raus, doch sein Gehirn konnte die Signale nicht schnell genug an seine Füße weitergeben. Und da war dieser Schmerz in seiner Brust. Er rieb über die Stelle und versuchte, Elliot zu sagen, dass er glaubte, gerade mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit einen Herzanfall zu haben. Aber aus seinem atemlosen Mund kamen keine Worte.

Max hatte nicht gesehen, dass sich Elliot bewegt hatte, doch er war da und kniete an seiner Seite. Ruhig umfasste er seinen Unterarm und beschwor ihn, tief durchzuatmen. Obwohl Max die drängenden Finger seines Psychologen spürte, konnte er nicht antworten. Die Panik schnürte ihm die Kehle zu. Es war beinahe zum Lachen. Da flehte sein Seelenklempner ihn an, zu reden, sich zu öffnen, und das eine Mal, wo Max es wollte, konnte er nicht. Wenn das keine Ironie war. Max sackte in seinem Sessel zusammen. Er nahm Stimmen wahr, war aber nicht fähig zu antworten. Es war beinahe, als befände er sich außerhalb seines Körpers, als schwebe er über dem Ganzen und sähe zu, wie der Tsunami aus Emotionen ihn ertränkte.

Und das war sein letzter Gedanke, bevor ihn der erstickende Schlund gänzlich verschlang: Ich sterbe.

3

»Ich hatte mich schon gefragt, wann du anrufst.«

Max blinzelte verblüfft. »Wirklich? Aber … woher wusstest du, dass ich deine Nummer habe?«

Sie lachte, ein voller, süßer Laut, der Max zum Lächeln brachte. »Riley hat es wohl Amber gesagt, und die hat es mir gesagt.«

»Amber?« Max runzelte die Stirn. »Ach, du meinst das Body-Shots-Mädchen.«

Sie lachte wieder. »Ja, genau die.«

Max lächelte. »Riley, dieser Mistkerl.«

Die Stille, die sich über die Leitung legte, war zurückhaltend, aber erwartungsvoll. Max’ Mund wurde mit einem Mal staubtrocken. Er kniff sich in den Nasenrücken und bat stumm um einen Testosteronschub oder so was, damit ihm ein Paar Eier wuchsen und er sich traute, das Mädchen um eine Verabredung zu bitten.

»Also, du hast angerufen, weil …?«, bohrte Lizzie nach.

»Ja!«, rief Max hastig aus. »Ja, weil … Na ja, ich hatte auf der Party letztens keine Gelegenheit, mit dir zu reden, und …«

»Ja, du hast mich nur den ganzen Abend lang von der anderen Zimmerseite aus angelächelt und keinerlei Anstalten gemacht, rüberzukommen. Hast du auf eine schriftliche Einladung gewartet?«

Max lachte laut auf. Ihre Einstellung war unglaublich sexy. »Scheiße, Mädel, du machst es mir echt nicht leicht, was?«

Ihr Lachen wurde lauter. »Keine Sorge! Bin ich wirklich so furchteinflößend?«

»Nein! Nein, du bist toll, ich meine, du weißt schon, nicht furchteinflößend und, Scheiße, ich meine, ich wollte nur, na ja, du warst bei deinen Freundinnen, und da wollte ich nicht stören.«

»Max?«

Bei der Art, wie sie seinen Namen sagte, zogen sich seine Bauchmuskeln zusammen. »Ja?«

»Ich würde liebend gern mit dir ausgehen.«

Langsam kam Max wieder zu Bewusstsein. Geräusche, Gerüche und Gefühle ließen ihn allmählich wach werden, und zwei herrliche Sekunden lang vergaß er, dass er zigtausend Meilen von zu Hause fort in einem fremden Bett war. Moment mal. Er war im Bett? Er sah sich um. Jepp, er war wieder in seinem Zimmer. Was zum Teufel? Das Letzte, woran er sich erinnerte, war, dass er in Elliots Büro …

»Du hattest eine Panikattacke.«

Elliots Stimme ließ Max erschrocken zusammenzucken. Er hob den Kopf von dem üppigen Kissen und suchte mit müden Augen das Zimmer nach ihm ab. Elliot saß in einem der schicken Sessel auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers, ein Bein übers andere geschlagen, und beobachtete ihn aufmerksam.

»Ich habe dir Midazolam gespritzt, das hat dich einschlafen lassen.« Mit einer Geste wies er auf das Bett. »Ich dachte, hier hast du es bequemer als auf dem Sofa in meinem Büro.«

Max rieb sich das Gesicht. Hinter seiner Stirn pochte ein dumpfer Schmerz. »Toll.« Langsam setzte er sich auf. Um ihn herum verschwamm alles. »Ich hatte ganz vergessen, wie lustig die sein können.«

Elliot schaltete sofort. »Du hattest schon öfter Panikattacken?«

Nicht so.

Elliot nickte in der darauffolgenden Stille. An seinem Kiefer zuckte es. »Sie können durch eine Reihe von Dingen ausgelöst werden. In deinem Fall denke ich, hat eine Kombination aus niedrigem Blutzuckerspiegel und dem Gesprächsthema zu einem Anfall von beträchtlicher Stärke geführt.« Er beugte sich vor. »Du musst dafür sorgen, deine Unterzuckerung in den Griff zu bekommen, Max.«

»Ich weiß.« Max’ Appetit war dank des Kokainentzugs und der Medikamente durch die Decke geschossen, und trotz der Bemutterung durch das Küchenpersonal aß er allen möglichen Mist und ließ seine Blutwerte nicht regelmäßig untersuchen. Er aß einfach. Und aß. Verdammt, wenn er wieder nach New York zurückkam, würde er aussehen wie das Michelinmännchen. Juhu!

»Blutwerte checken lassen. Besser essen«, murmelte er. »Kapiert. Noch was?«

»Ja«, antwortete Elliot scharf. Schnell stand er von seinem Sessel auf und trat ans Bett.

Er war es nicht gewohnt, Elliot so verärgert zu sehen, und da er sich alles andere als prächtig fühlte, blaffte Max: »Was ist dein Problem, Doc?« Elliot war normalerweise so ruhig, so passiv.

»Ich habe kein Problem«, antwortete der leise. »Sondern du.«

Max schnaubte verächtlich. »Nur eins? Du solltest echt auf dem Laufenden bleiben, Mann.«

Elliot ignorierte seinen Versuch, witzig zu sein. Er verschränkte die Arme vor der Brust und sah Max auf eine Art an, dass der sich am liebsten unter der Bettdecke versteckt hätte. »Ist dir bewusst, dass du heute zum ersten Mal seit deiner Einweisung etwas ausführlicher über deine Vergangenheit und über Lizzie gesprochen hast?«

Max schluckte das bittere Gefühl hinunter, das ihm in die Kehle stieg.

»Max, von kurzen Bemerkungen über deinen Vater einmal abgesehen hast du heute in fünfzehn Minuten ein ganzes Jahrzehnt an Kummer ausgeschüttet. Kummer, der in dir gegärt hat, begraben unter witzigen Bemerkungen, einer Tonne Koks und emotionslosem Herumvögeln.«

Trotz der Wahrheit in Elliots Worten wurde Max blass. »Herrje, Doc, nimm bloß kein Blatt vor den Mund.«

»Wie bei einem gebrochenen Damm sind deine Gefühle zu schnell aus dir herausgeströmt, als dass dein Verstand damit fertigwurde. Es hat dich überwältigt, und dein Körper geriet in Panik. Max, du hast kaum zusammenhängende Sätze herausgebracht.« Elliot wandte seinen ernsten Blick nicht ab. »Du kannst so nicht weitermachen. Du musst anfangen, dich zu öffnen, zu reden, dich auf irgendeine Weise auszudrücken.«

Schnaubend ließ Max den Kopf gegen die Wand sinken und wünschte sich, er könnte noch eine Dosis von diesem Wunderzeug haben, das Elliot ihm verabreicht hatte, nur damit er sich wieder im Vergessen verlieren konnte.

Das wäre ihm lieber, alles wäre ihm lieber, als über … na ja, das Ganze zu reden.

»Was, wenn ich nicht dafür geschaffen bin?« Max war überrascht, wie leise seine Stimme klang, als er die Frage stellte, die ihn schon seit seiner ersten Therapiesitzung quälte. Er schaute zu Elliot hoch. »Was, wenn ich es nicht kann?«

Bedächtig schüttelte Elliot den Kopf. »Du kannst es. Gemeinsam können wir es. Ich werde dir bei jedem Schritt zur Seite stehen, Max, wir alle. Aber du musst uns auf halbem Weg entgegenkommen. Lyle macht sich Sorgen, weil du dich hartnäckig weigerst, in der Gruppe zu sprechen …«

»Und was, wenn ich das einfach nicht will, Doc? Was, wenn ich verdammt noch mal einfach mit keinem von euch reden will?«

Elliot blieb eine gefühlte Ewigkeit lang stumm, was Max nervös zappeln ließ. »Aber du willst es, Max«, murmelte er schließlich. »Du bist hier. Du bist hier, weil du gesund werden willst. Du bist nicht gegangen, weil Carter am Boden zerstört wäre, und du willst niemanden enttäuschen, am allerwenigsten ihn. Du bist hier, weil du tief in deinem Innern weißt, dass das deine letzte Chance ist, deine letzte Hoffnung, clean und glücklich zu werden und dich von all dem zu befreien, was dich jeden verdammten Tag niederdrückt.«

Na bestens. Max ließ das Kinn auf die Brust sinken und stieß einen langen, zitternden Seufzer aus. Er rieb sich übers Gesicht, um seine Tränen zu verbergen, die ihm plötzlich in die Augen traten. »Tu nicht so, als würdest du mich kennen«, brummte er, worauf Elliot kicherte.

»Morgen hast du einen Termin bei Tate Moore«, seufzte er.

Max schaute hoch, da es bei dem Namen irgendwo in seinem Hinterkopf klingelte. »Tate Moore?«

Elliot nickte. »Einer unserer Teilzeit-Assistenzärzte; er ist ausgezeichnet. Außerdem leitet er an drei Tagen in der Woche den Kunstkurs.«

Max verdrehte die Augen. »Kunstkurs.«

Toll. Also schob Elliot ihn an irgendeine Renoir-liebende Arschgeige ab, die zweifellos schon bei der bloßen Erwähnung des Wortes »abstrakt« auf stur schaltete. Nicht dass er was gegen Renoir hätte, aber trotzdem.

»Wenn es dir nicht gefällt, kannst du etwas anderes ausprobieren«, erklärte Elliot, als habe er Max’ Gedanken gelesen. »Aber ich möchte, dass du dich einbringst, dich ausdrückst und kommunizierst. Außerdem erinnere ich mich, in deinem Aufnahmeformular gelesen zu haben, dass du gern malst.«

Max zuckte mit den Schultern. »Das hat Carter geschrieben. Ich hab das schon lange nicht mehr gemacht. Als ich noch jünger war, habe ich die Airbrush-Arbeiten an den Autos gemacht, die in die Werkstatt kamen. Dann hab ich mich auf die Gebäude New Yorks verlagert. Dad hat immer damit angegeben, dass sein Junge im Alleingang ganz Manhattan sprayen könnte …« Die Worte blieben ihm im Hals stecken.

Elliot legte ihm die Hand auf die Schulter und drückte sie sanft. »Mal, was du nicht sagen kannst, Max.«

Max tat die freundliche Geste mit einer hochgezogenen Augenbraue ab. »Und wenn ich es nicht tue?«

Elliot richtete sich auf. »Dann halte ich deine Erlaubnis für den Fitnessraum zurück.« Er drehte sich auf dem Absatz um und ließ einen Max zurück, der ihm mit offenem Mund hinterhersah.

»Aber … du hast gesagt, dass … Moment mal, Doc!«

»Zwei Wochen«, sagte Elliot ruhig von der Tür her. »Zwei Wochen mit Tate, Fortschritte in der Gruppe, dann genehmige ich, dass du unter Anleitung anfängst zu trainieren. Abgemacht?«

Max sackte zurück in die Kissen. Er mochte zwar schmollen wie ein Kind, aber er wusste, dass er kaum eine Wahl hatte. »Abgemacht.«

Das Atelier war völlig anders, als Max erwartet hatte. Es war groß, hell, luftig und roch nach Farbe und Seife, durchzogen von dem unterschwelligen, aber sofort wiederzuerkennenden Geruch nach Lösungsmittel. Es war ein zu Kopf steigender Geruch, der Max geradewegs in eine nostalgische Erinnerung katapultierte, wie er in der Werkstatt seines Vaters arbeitete und die Mustangs und Buicks airbrushte, während Rockmusik das gesamte Gebäude zum Beben brachte. Sein Vater liebte es, zu Pink Floyd und The Who abzurocken. Je lauter, desto besser, hatte er immer gesagt …

»Und du musst Max sein.«

Max drehte sich um. Der Mann in der Tür war zwar älter als er, aber jünger, als er erwartet hatte. Er war groß und breitschultrig, hatte dunkelblondes, kurz geschnittenes Haar, große haselnussbraune Augen und ein noch größeres Lächeln. Er streckte ihm die linke Hand hin, während er sich mit der rechten auf einen Gehstock aus dunklem Holz stützte.

»Ich bin Tate Moore.« Sie schüttelten sich die Hände. »Elliot hat unser Treffen für heute angesetzt.« Er bemerkte, dass Max den Stock musterte. »Ach, was soll ich sagen, die Weiber stehen eben auf Kerle, die am Stock humpeln.«

Mit argwöhnischem Blick schob Max die Hände in die Hosentaschen. »Bist du der Kunstfuzzi?«

Tate grinste. »Nicht ganz das, was du erwartet hattest, hm?«

Der Typ trug schwarze Jeans, Converse-Sneakers und ein T-Shirt, auf dem unter einem Bild der TARDIS »Trust me I’m the Doctor« stand.

Max schüttelte den Kopf. »Nicht ganz.«

Tate machte eine wegwerfende Geste. »Das höre ich oft.« Er ging an Max vorbei ins Zimmer. Fairerweise musste man sagen, dass der Mann gar nicht so schlimm humpelte. »Wir haben den Raum noch eine Weile für uns, bevor meine nächste Sitzung anfängt. Erzähl mir was über Kunst.«

Max runzelte die Stirn. »Hä?«

Tate lächelte. Er ließ sich auf einem Hocker mit Rollen nieder und lehnte den Stock an seinen Oberschenkel. »Wie sieht deine Erfahrung aus? Bist du Anfänger? Was ziehst du vor, Farben, Bleistift, Kreide?«

Max schaute aus den großen Fenstern, die auf das schneebedeckte Gelände des Centers hinausblickten. »Ich mag Farben. Als Junge habe ich gemalt. Autos mit Airbrush getunt. Ein paarmal wurde ich beim Graffitisprayen erwischt.«

Tate nickte lächelnd. »Ah, also hast du eine ruhige Hand und magst Farben.«

»Schätze schon.«

Tate bedeutete Max, sich zu setzen. »Dann muss ich dich fragen: Was erwartest du dir von der Sache hier, Max?«

Max lachte humorlos. »Dass der Doc mir nicht mehr auf den Sack geht.«

Tate prustete los. »Kann ich verstehen. Aber du musst es selbst wollen, damit es dir irgendeinen Nutzen bringt. Ich weiß, dass Dr. Watts die Sache arrangiert hat, und auch warum, aber ich möchte sicher sein, dass du dem Ganzen eine Chance gibst.«

Max musterte den weitläufigen Raum mit den hölzernen Staffeleien, Pinseln, farbbeklecksten Bögen und Leinwänden und verspürte einen kleinen Stich freudiger Erregung in der Brust. Er stieß den Atem aus. »Ich möchte in der Lage sein … mich besser auszudrücken. Es ist notwendig, mich besser auszudrücken, damit es mir besser geht

Als er wieder zu Tate sah, strahlte ihm ein breites Grinsen entgegen. »Das gefällt mir«, sagte Tate sanft.

Max lächelte. »Wann fangen wir an?«

Sie fingen am nächsten Tag an.

Max stellte fest, dass es ihm an diesem Morgen etwas leichter fiel, aus dem Bett zu kommen, obwohl er in der Nacht zweimal aus Albträumen hochgeschreckt war, und er fand sich fast fünf Minuten vor der verabredeten Zeit im Kunstsaal ein. Er würde nicht direkt sagen, dass er aufgeregt war, aber er freute sich zweifellos darauf, wieder einmal einen Pinsel in die Hand zu nehmen. Tate begrüßte ihn mit einem Lächeln, einem Händeschütteln und einem T-Shirt mit einem Bild von Leonard Nimoy und der Aufschrift »Spock on«. Flüchtig dachte Max, dass Tate womöglich eine Sitzung mit Elliot noch dringender nötig hatte als er.

»Ich habe mir die Freiheit erlaubt, eine Staffelei für dich aufzustellen«, sagte Tate und führte Max zu einem großen dreibeinigen Stativ. »Meine Frage an dich ist: Willst du eine Leinwand oder möchtest du erst mal kleiner anfangen?«

Max dachte darüber nach. Er hatte noch nie wirklich auf etwas anderem als Ziegel, Beton oder Metall gemalt. »Leinwand«, antwortete er. »Wenn schon, dann richtig, oder?«

Tate schlug Max anerkennend auf die Schulter. »Hervorragend.«

Mit seiner Leinwand und einer Auswahl an Acrylfarben ausgerüstet setzte sich Max auf einen Rollhocker und dachte darüber nach, was er sagen, was er zeigen wollte. Elliot hatte ihm gesagt, er solle sich ausdrücken, aber wo zum Teufel sollte er anfangen? Die letzten paar Jahre hatten ihm alles ausgesaugt, was er an Inspiration besessen hatte. Die anderen beiden Typen im Raum waren damit beschäftigt, wie die Verrückten zu malen und zu skizzieren. Max saß zwanzig Minuten lang da und tat gar nichts, bis Tate zu ihm kam.

»Alles okay?«, fragte er, auf seinen Stock gestützt.

Max zuckte die Schultern und nahm einen Schluck aus seiner Wasserflasche.

»Sag mal, als du früher gemalt hast, wo warst du da, und mit wem?«

Max fuhr sich mit der Hand durchs Haar. »In der Stadt oder der Werkstatt mit meinem besten Freund oder meinem Dad.«

»Hattest du eine bestimmte Routine?«

Max’ Augenbrauen trafen sich über seiner Nase. »Eine was?«

Tate hob die Schultern. »Ich weiß nicht, so was wie: Hattest du ein bestimmtes Hemd an, wenn du gemalt hast, Stiefel, Handschuhe, hattest du spezielle Pinsel oder Materialien, irgendwelche Musik?«

Über Max’ Erinnerungen ging ein Licht auf. »Mein Dad hat in der Werkstatt immer Rock gehört.«

Tate lächelte. »Warte mal kurz.« Er humpelte rasch davon und ließ Max verwirrt zurück. Gleich darauf kam er wieder, einen iPod in der Hand, von dem ein Paar weiße Ohrhörer baumelten. »Mein Musikgeschmack ist wahrscheinlich nicht das, was du Rock nennen würdest«, gestand Tate. »Das ist eher der Stil meines Bruders, aber wenn du mir ein paar Bands nennst, kann ich eine Playlist für dich zusammenstellen.« Er hielt ihm den Player hin. »Nimm. Hör mal rein, vielleicht bringt das ja was ins Rollen.«

Max starrte Tate an, als er den iPod nahm, und allmählich fügten sich die Teile des Puzzles in seinem Hinterkopf zusammen. »Moore«, flüsterte er, während er noch einmal Tates Größe, Breite und vertrautes Lächeln musterte. Schnell stand er auf. »Hol mich der Teufel! Du bist Rileys Bruder, der Arzt, der Kriegsheld!«

Tates Wangen färbten sich rosa. »Ich glaube, Held ist ein bisschen übertrieben. Ich ziehe schwarzes Schaf vor, aber ja, Riley ist mein Bruder. Es sei denn, er schuldet dir Geld, dann leugne ich jegliche Kenntnis und Verbindung.«

Max lachte. »Scheiße, Mann!« Er streckte den Arm aus und schüttelte Tate erneut die Hand. »Wir sind uns zwar nie begegnet, weil du immer unterwegs warst, aber Riley hat mir jede Menge über dich erzählt. Du hast erst Medizin studiert und warst dann im Irak, stimmt’s?« Er warf einen Blick auf den Stock.

»Und Afghanistan.«

»Wow! Ich kenne Riley schon fast zehn Jahre. Er passt auf meine Werkstatt auf, solange ich hier bin. Ich weiß wirklich nicht, was ich ohne seine Hilfe getan hätte, und …« Als Tate allwissend lächelte, zog Max seine Hand zurück. »Aber das wusstest du schon.«

»Natürlich. Ich ziehe immer Erkundigungen über meine Patienten ein.«

»Wirklich?«, fragte Max zweifelnd.

»Ja.« Tate schaute zur Decke. »Außerdem habe ich Riley angerufen und ihn ausgefragt. Übrigens sagte er, dass dein Laden super läuft.«

Max kicherte und setzte sich. »Ich bin sicher, irgendwo gibt es eine Regel über ärztliche Schweigepflicht, deren Missachtung du gerade zugegeben hast.«

Tate machte eine wegwerfende Handbewegung. »Pfff, so was wie ärztliche Schweigepflicht gibt es doch heutzutage gar nicht mehr.«

Max lachte wieder. Ja, er war eindeutig Rileys Bruder. Er hielt den iPod fest in der Hand. »Danke dafür.«

Tate nickte. »Gern geschehen.«

4

Grace Brooks verfluchte ihren Bruder aufs Herzhafteste dafür, dass er so abartig groß war. Im Ernst, der Mann war ein Riese. Nicht dass sie verbittert über ihre durchschnittlichen einsachtundsechzig wäre, aber sie hatte wirklich Mühe, ihm die Augen zuzuhalten, während sie ihn die schneebedeckte ungepflasterte Auffahrt entlang zu der Überraschung führte, die sie fast eineinhalb Monate vor ihm geheim gehalten hatte.

»Hör mal, du hast mich den ganzen Weg hier rausfahren lassen, damit ich mir ansehe, was immer du mir da zeigen willst, und …« Kai stolperte. »Sind wir bald da?« Seine Haltung machte ihm eindeutig schwer zu schaffen. Und das war kein Wunder. Er musste sich beinahe hintenüberbiegen, um die mangelnde Körpergröße seiner Schwester auszugleichen.

»Ja«, antwortete Grace und blieb stehen. »Okay. Eins. Zwei. Drei.« Sie nahm ihre in Handschuhen steckenden Hände von Kais Augen und breitete die Arme aus. »Ta-da!«

Kai richtete sich zu voller Größe auf und rückte den grauen Schal um seinen Hals zurecht. Langsam kniff er die dunklen schokoladenbraunen Augen zusammen, während er das zweistöckige Haus musterte, das umgeben von dichtem Wald am Ende der Auffahrt stand. Sein Schweigen und der angespannte Zug um den Mund ließen Grace unruhig von einem Fuß auf den anderen treten.

»Na«, sagte Grace ermutigend. »Ist es nicht großartig?«

Bei der Wahl ihres Adjektivs zog er die Brauen hoch. Er verlagerte sein Gewicht auf das rechte Bein und verschränkte die Arme vor der breiten Brust. »Es ist definitiv etwas Besonderes«, kommentierte er vorsichtig.

Enttäuschung keimte in Grace’ Bauch auf.

»Ich hab es gekauft«, fuhr sie trotzdem fort. »Du sagst mir doch ständig, ich solle mein Leben weiterleben, etwas Verrücktes machen, nun … Da hast du etwas Verrücktes!«

Kai rieb sich den Nacken. »Ich weiß, ich dachte nur nicht, dass es so verrückt sein würde.« Er deutete auf das Haus. »Grace, es hat nicht mal eine Vordertür. Oder Fenster. Das Dach ist praktisch nicht vorhanden und – Moment mal, ist das da eine Kloschüssel auf der Veranda?«

Grace packte ihren Bruder am Unterarm und zerrte ihn zum Haus, dem ersten Ding, das sie in ihren sechsundzwanzig Jahren je besessen hatte. »Du musst deine Fantasie benutzen. Schau nicht auf das, was es jetzt ist. Stell dir vor, was es sein könnte

»Ich glaube, nicht mal die Gebrüder Grimm hätten so viel Fantasie.«

Mit einem verärgerten Schnauben blieb Grace vor der von Termiten verseuchten Veranda stehen. »Du sollst jetzt kein sarkastischer Arsch sein, sondern lustig und unerwachsen und …«

»Fantasievoll?«, schmunzelte Kai.

Grace schnippte mit den Fingern. »Genau! Fantasievoll.«

Schmunzelnd schaute ihr Bruder zum Haus hoch. Gewiss würde gerade er das Potenzial des Anwesens erkennen können, dachte Grace. Sicher, es war heruntergekommen, und wahrscheinlich würden eine Million Jahre und jede Menge Muskelschmalz nötig sein, um es in etwas Bewohnbares zu verwandeln, aber es gehörte ihr, und nach allem, was sie durchgemacht hatte, war das etwas, worüber Grace einfach begeistert sein musste.

Sie straffte die Schultern und setzte zu ihrer Argumentationskette an. »In seinem gegenwärtigen Zustand war es eindeutig ein Schnäppchen. Ich weiß, es wird einiges kosten, es herauszuputzen, aber das ist ja der Spaß daran. Ich möchte es weiß streichen, damit es sich von den Bäumen abhebt, mit einer blauen Tür, genauso wie Mamas Haus eine hatte. Was hältst du davon?«

Kai öffnete den Mund, doch sie redete weiter, bevor er Luft holen konnte. »Die Baufirma der Stadt hat schon meine Vorstellungen und die Maße, und, oh Mann, ihre Pläne sind fantastisch! Im neuen Jahr fangen sie an, je nach Wetter.« Sie zeigte auf das Obergeschoss. »Es hat drei Schlafzimmer, also ist genug Platz, um mich besuchen zu kommen, wann immer du dich vor deinem Harem an Frauen verstecken willst, und außerdem ist noch Platz für eine fantastische Dunkelkammer und, Gott, Kai, stellt dir nur vor, was für Fotos ich hier machen könnte!«

Sie schaute vom Haus zu ihrem Bruder und blinzelte verdutzt, als sie seine hochgezogene Augenbraue bemerkte. »Was denn?«

»Ich habe keinen Harem an Frauen.«

Sie schnaubte belustigt. »Kai, ich wohne jetzt seit achtzehn Monaten bei dir in Washington. Deine Wohnung ist das reinste Karussell aus Brüsten namens Charissa oder Sashina.« Sie zog die Vokale gedehnt in die Länge.

»Sasha.«

»Wie auch immer.«

Lachend schüttelte er den Kopf, obwohl er wusste, dass sie recht hatte. Grace war nicht so blind, nicht zu wissen, warum ihm die Frauen die Tür einrannten. Ihr kleiner Bruder war charismatisch, intelligent, witzig und eine Augenweide. Er war außerdem der allerbeste Mensch, den sie kannte.

Kai musterte sie einen Augenblick lang, bevor er sich näher zu ihr beugte. »Du musst nicht ausziehen, Grace. Es gefällt mir, dass du bei mir wohnst. Du sorgst in meinem Karussell aus Brüsten für Ordnung.« Sie versetzte ihm einen Klaps auf den Arm, und beide lachten. Doch schnell wurde sein Gesicht wieder ernst. »Bist du sicher, dass die Entfernung von Washington okay für dich ist, mit deinen Sitzungen in der Stadt und allem?« Er sah sich um. »Es ist ziemlich abgelegen hier draußen, und ich bin mir nicht sicher, ob es mir gefällt, dass du in einer Pension wohnst. Ich habe dir doch gesagt, du kannst so lange bei mir bleiben, wie du willst.«

Grace lächelte dankbar. »Ich weiß, und danke.«

»Aber?«

Grace zuckte mit den Schultern. »Aber ich habe das Gefühl, es ist an der Zeit. Es gefällt mir, wie ruhig es hier ist, und ich komme schon zurecht. Ich habe jetzt nur noch alle zwei Wochen eine Sitzung. Ich fühle mich hier nicht unsicher. Außerdem kommst du mich ja besuchen.« Sie schaute zurück zu ihrem Haus und stellte sich vor, wie schön es aussehen würde, sobald es fertig war. »Mama hat uns das Geld hinterlassen, damit wir etwas Großartiges damit tun. Und genau das will ich.«

Kai stieß ihre Schulter leicht mit seiner an. Sein Gesicht zeigte einen Ausdruck, den sie schon sehr lange nicht mehr gesehen hatte, sanft, zufrieden und, sie wagte zu sagen, beeindruckt. Sie zog ihren Pferdeschwanz, der unter der Wollmütze hervorlugte, über die Schulter nach vorne und spielte mit den dichten schwarzen Locken.

Kai erkannte die nervöse Geste und hielt ihre Hand fest. »Ich bin stolz auf dich, Schwesterherz«, murmelte er. Dann wurde sein Blick hart und abwesend. »Nachdem …«

Grace’ Herz setzte kurz aus.

»Nachdem all das passiert war, dachte ich, ich würde dich nie mehr so begeistert oder leidenschaftlich bei irgendetwas erleben. Nie wieder.« Er lächelte, dabei hob sich das schimmernde Weiß seiner Zähne von der karamellfarbenen Haut ab, die der ihren glich. »Dich so zu sehen ist … fantastisch.« Er schaute zum Haus hoch. »Und ganz ehrlich, ich finde es wirklich großartig.«

»Also, fast zwei Wochen seit deinem Zwischenfall. Wie fühlst du dich?«

Max wusste, dass er sich viel besser fühlen würde, wenn alle aufhören würden, seine Panikattacke als verdammten Zwischenfall zu bezeichnen. »Ganz okay«, antwortete er mit einem Achselzucken. »Ich habe meinen Blutzuckerspiegel häufiger gecheckt und versuche, gesund zu essen. Ich male fast jeden Tag.«

Elliot strahlte. »Ja, Dr. Moore hat mir gesagt, dass du wirklich Gefallen an den Kunststunden gefunden hast.« Beim Lob seines Therapeuten spielte ein Lächeln um Max’ Mundwinkel. »Möchtest du mir erzählen, was du gemalt hast?«

Die Wahrscheinlichkeit, dass Elliot und Tate bereits über Max’ Werke die Köpfe zusammengesteckt hatten, war hoch, aber er war bereit, ihm den Gefallen zu tun, trotz des dumpfen Schmerzes in seiner Brust. Er holte tief Luft und hielt den Atem an. »Ich dachte dabei an … Chris- … Christopher. Meinen Sohn.« Hastig griff er nach dem Wasserglas neben seinem Sessel und trank einen großen Schluck, wobei er darum betete, dass es die brennende Säure ein wenig neutralisierte, die ihm aus dem Magen emporstieg.

Elliot blieb stumm und reglos, obwohl sein Blick weich und nachdenklich wurde.

Christopher war Max’ und Lizzies Baby gewesen und hatte ihn zu den Blitzen in leuchtend blauer Farbe inspiriert, die aus seiner Leinwand hervorbarsten. Ein Baby, das nicht geplant, aber trotzdem geliebt worden war, wofür die roten und zartrosa Kreise aus zärtlichen Pinselstrichen standen. Ein Baby, das ihn und Lizzie einander näher gebracht hatte als je zuvor, ein weiterer Grund, clean und auf dem Pfad der Tugend zu bleiben, wie er es Lizzie versprochen hatte, damit sie einwilligte, sein Mädchen zu werden. Ein Baby, das Max dazu bewogen hatte, Lizzie einen Antrag zu machen und ihr und ihrem ungeborenen Sohn mit einem Diamanten so groß wie sein Herz ewige Liebe zu schwören, da er wusste, dass er durch die Geburt seines Sohnes endlich zu dem Mann werden würde, der er immer hatte sein wollen. Ein Mann, der seinen Vater stolz gemacht hätte.

Christopher starb, als Lizzie kurz vor dem siebten Monat war.

Nachdem sie Christopher drei Tage lang nicht mehr gespürt hatte, kein Treten, kein Drehen, wurden ihre Wehen eingeleitet, und Max saß an ihrer Seite, während sie ihren leblosen Sohn zur Welt brachte. Lizzie hatte buchstäblich wie ein Tier geheult, so unerträglich waren die Schmerzen gewesen. Gott, solange er lebte, würde er diese Laute nicht mehr vergessen. Die Trauer über den Verlust von Christopher hatte sie beinahe zerbrochen. Max hatte versucht, stark zu sein, sie zu halten und ihr zu sagen, dass alles gut werden würde, aber er wusste, dass es das nicht würde, nicht werden konnte. An jenem Tag war ebenfalls etwas zwischen ihnen gestorben, etwas Gewaltiges und für ihre Beziehung Lebenswichtiges.

Das war das zweite Mal gewesen, dass Max daran gedacht hatte, sich das Leben zu nehmen. In dem Augenblick, in dem er seinen winzigen Sohn in den Armen gehalten hatte – das Vollkommenste, was er je erblickt hatte, die Augen geschlossen, als würde er einfach nur schlafen –, hatte er gewusst, dass der Himmel der wunderbarste Ort sein musste, erfüllt von Geschöpfen so schön wie Christopher. Ein Ort, an dem er viel lieber sein wollte.

Lizzie war nicht in der Lage gewesen, das Baby anzusehen. Sie hatte geschluchzt und geschrien, bis der Arzt ihr ein Beruhigungsmittel gab, damit sie einschlief. Obwohl sie die Augen einen Tag später wieder öffnete, wusste Max tief in seinem gebrochenen Herzen, dass sie nicht wirklich wieder aufgewacht war. Sie war für ihn ebenfalls verloren. Von diesem Moment an lebte sie nicht mehr, sondern existierte nur noch, und Max’ Kummer begann, ihn zu erdrücken.

Die Beerdigung war unerträglich, ein weiterer Grabstein, der den Namen O’Hare trug, und die folgenden Wochen waren noch schlimmer. Zum ersten Mal seit der Nacht, in der er Lizzie zum ersten Mal gesehen hatte, stürzte sich Max wieder in die warmen, liebevollen Arme des weißen Pulvers. Da Carter im Arthur-Kill-Gefängnis saß und Max’ Freunde wegen seiner unberechenbaren, hitzigen oder betrunkenen Launen Abstand hielten, fühlte er sich noch verlorener und einsamer denn je. Bis zu einem ganz bestimmten Morgen.

Es war das dritte Mal, dass Max mit allem Schluss machen wollte: der Morgen, an dem er aufwachte und feststellte, dass Lizzie fort war.

»Wie hast du dich gefühlt, als dir bewusst wurde, dass sie nicht zurückkommen würde?«, fragte Elliot.

Max verkniff sich die offensichtlichste, von Flüchen gespickte Bemerkung und zog seine Kapuze tiefer ins Gesicht. »Verwirrt. Wütend. Allein … Erleichtert.«

Elliots Miene veränderte sich nicht. »Erklär mir erleichtert.«

Max schloss die Augen und dachte an das leere, trauernde, todesähnliche Gesicht der Frau, die er so leidenschaftlich geliebt hatte. »Ich war erleichtert, weil ich wusste, dass ich ihr keine Hilfe war«, gab er zu, innerlich erstaunt über das Geständnis. »Ich war erleichtert, weil sie die Initiative ergriffen und die Ruine unserer Beziehung verlassen hatte.«

»Aber sie hat dich verlassen.«

Max schnaubte verächtlich. »Bei der ganzen Sauferei und dem Koks, das ich wieder gezogen habe? Da hätte ich mich auch verlassen.«

Elliot notierte sich etwas. »Und wenn du zurückblickst, im Hinblick auf dein Gemälde … denkst du, sie hat die richtige Entscheidung getroffen?«

»Ich werde ihr nie verzeihen, dass sie ohne ein Wort gegangen ist«, spuckte Max aus. »Das ist es, was mich fertigmacht. Ich hatte mehr verdient als ihr Schweigen. Ich war mehr wert. Okay, sollte sie doch gehen, aber wir hatten zu viel gemeinsam durchgemacht, um einfach ohne ein Lebwohl oder ein Scheiß-auf-Dich abzuhauen. Wir hatten zusammen ein Kind, verdammt noch mal; wir waren verlobt!« Zorn wallte in Max auf und erhitzte sein Blut voller Enttäuschung und Kummer. »Sie hat sich davongeschlichen wie ein Feigling, als wäre sie die Einzige, die verletzt war, die weinte, die unseren Sohn vermisste. Das war verdammt egoistisch.« Er beugte sich vor und stützte die Ellbogen auf die Knie. Tränen kratzten in seinem Hals. »Aber wenn es ihr dadurch besser ging, wenn sie so darüber hinweggekommen ist, dass wir Christopher verloren haben … dann hat sie für sich die richtige Wahl getroffen.«

Elliot schwieg so lange, dass Max den Kopf hob, um zu sehen, ob sein Therapeut überhaupt noch atmete. Was er tat. »Montag«, murmelte er. »Da trage ich dich für deine erste Trainingsstunde ein.«

Überrascht sah Max ihn an. »Okay.«

Tate stand hinter Max und kaute an der Lakritzschnecke, die er von Max bekommen hatte. »Mann«, rief er mit einem zufriedenen Stöhnen aus. »Diese Dinger machen süchtig, verdammt.« Er schlug Max auf die Schulter. »Nicht böse gemeint.«

Lachend kaute Max seine eigene Lakritze.

»Ich meine, die hatte ich nicht mehr, seit ich ein kleines Kind war. Und selbst da hat Riley sie mir weggeschnappt und vor mir versteckt.« Er seufzte schwer. »Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, warum ich überhaupt noch mit ihm rede.«

Max schaute zu seinem Kunsttherapeuten hoch und grinste über die Wahl seines T-Shirts, auf dem »No pants are the best pants« stand. Er fragte sich, wie es wohl wäre, die beiden Moore-Brüder tatsächlich zusammen zu erleben. Wenn er sich richtig erinnerte, waren es vier Brüder. Den Jüngsten, Seb, hatte er schon ein paarmal getroffen. Max war überzeugt, dass es ein einziges Chaos geben würde.

»Ich hab auch noch Dr. Pepper.« Er wedelte mit seiner Lakritzstange. »Carter ist der Größte.«

»Nicht gerade schäbig«, pflichtete Tate ihm bei. »Er hat dir ein Care-Paket geschickt?«

»Und er kommt mich im neuen Jahr besuchen.« Natürlich war Max begeistert über Carters Besuch, zugegebenermaßen aber auch verflucht nervös.

Der unerwartete, aber fantastische Karton voll süßer Leckereien war am Tag zuvor angekommen, eingewickelt in Weihnachtspapier und mit einer Karte von Carter und Kat. Auch alle Jungs aus der Werkstatt einschließlich Riley hatten unterschrieben und wünschten ihm alles Gute und Frohe Weihnachten. Ein paar Sekunden lang hatte Max sich herrlich gefühlt, gemocht und umsorgt, doch dann war ihm wieder eingefallen, dass er meilenweit von ihnen allen fort war und wie sehr er es vermisste, zu Hause bei seinen Freunden zu sein. Die Stimmungsschwankungen und nagende Unruhe waren nie fern, ganz egal, wie viel besser er sich fühlte. Nichtsdestotrotz hatte er sich mit der Lakritze auf jeden Fall ein paar neue Freunde gemacht. Und mit den M&Ms.

»Also«, säuselte Tate ungezwungen. »Im Flurfunk heißt es, dass du am Montag zum Fitness gehst. Cool.«

Max war ganz seiner Meinung. Er konnte es gar nicht erwarten, etwas von seiner unterschwelligen Wut an irgendeinem ahnungslosen Fitnessgerät abzureagieren.

»Mir gefällt es, was du da gemacht hast«, fügte Tate mit einer Geste auf den Wirbel aus hellbrauner Farbe vor dem schwarzen Hintergrund von Max’ zweitem Gemälde hinzu. Sein erstes war fertig und stand in all seiner schrecklichen, wütenden Pracht in seinem Zimmer. Es fertigzustellen hatte den unterschwelligen Ärger in ihm nicht gezügelt, sondern stattdessen ein schlafendes Verlangen geweckt, noch mehr zu malen. Er war noch im Anfangsstadium, aber er fing an, sich auszudrücken, wie Elliot ihn gebeten hatte. Und es war ein gutes Gefühl. Befriedigend. Beinahe, als stille jeder Pinselstrich einen stummen Hunger in ihm. Er machte sich keine Illusionen; er wusste, dass er alles aus sich herausließ, seinen giftigen Zorn, seine Sucht und Trauer praktisch auf die Leinwand kotzte – die rohen Emotionen seines ersten Bildes waren der Beweis dafür. Aber das war okay. Wenn es ihm die Ärzte und Pfleger vom Hals und die Panikattacken in Schach hielt, dann war er mehr als bereit, weiterzumalen.

Tate kaute geräuschvoll auf seiner Lakritze. »Der Kontrast zwischen den Farben ist schön. Was bedeutet das?«

Mit schiefem Kopf betrachtete Max sein Werk. Nachdem er mit Elliot darüber gesprochen hatte, wie Lizzie ihn verlassen hatte, musste er einfach in den Kunstraum gehen und … irgendetwas malen. Mehr wusste er selbst nicht darüber. »Keine Ahnung, Mann«, antwortete er, während sein Blick den diagonalen Streifen aus Orange und Rot folgte. Er schmunzelte. »Du weißt, dass du keine so blöden Fragen stellen solltest.«

Tate grinste. »Ich weiß. Ich wollte dich nur ärgern.« Mit aus dem Mund baumelnder Lakritzschnecke drehte er sich um und schlenderte zum nächsten Maler. Lächelnd schaute Max ihm nach. Wenigstens sorgte Tate dafür, dass er sich hier nicht langweilte.

5

Max hätte wissen sollen, dass das lockere, leichtere Gefühl, das sich irgendwo zwischen den Gruppentreffen, den Gesprächen mit Elliot und dem Malen eingeschlichen hatte, nicht von Dauer sein würde. Die Weihnachtsdekoration, das üppige Essen, die fröhliche Musik und die von der Anstalt bereitgestellten Geschenke, Socken und Schokolade, sorgten dafür, dass Max zum ersten Mal seit Jahren die Feiertage genoss, auch wenn er fern von zu Hause und vertrauten Gesichtern war.

Zu schade, dass das warme oh-du-selige Wohlgefühl nicht anhielt.

Oh, Max O’Hare war und blieb ein in beinahe ungesundem Maße pessimistischer Bastard. Und doch, nachdem sich die Tage seines Klinikaufenthalts in Wochen verwandelt hatten, hatte er sich erlaubt, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass es ihm allmählich besser ging, dass seine Gedanken nicht mehr von Wut oder Angst diktiert wurden und dass das regelmäßige Pochen der Sucht in seinem Kopf mit jeder Stunde jeden Tages allmählich zu einem leichten Streicheln geworden war.

Ja, er war ein verdammter Idiot gewesen.

Und die Art, wie Elliot ihn ansah, so gönnerhaft und besorgt, war nicht das, was er in seiner gegenwärtigen Stimmung brauchte. Er konnte selbst nicht verstehen, was ihn so aus der Fassung gebracht, so nervös gemacht hatte. Und das nervte ihn. Er hatte sich an den Geräten im Fitnessraum abgerackert wie ein Irrer – was ihm anerkennende Blicke seines Trainers einbrachte – und war auf dem Laufband gerannt, bis er beinahe zusammengebrochen war, aber die Unruhe kribbelte immer noch auf seiner Haut wie Nesseln.

»Du hattest heute Nachmittag ein Telefonat«, setzte Elliot an und schaute ihn über den Rand seiner Phillies-Tasse hinweg an, während er einen Schluck daraus nahm. »Mit wem hast du gesprochen?«

Max lümmelte sich in seinen Sessel und holte tief Luft. »Carter.«

Elliot lächelte. »Großartig. Wie geht es ihm?«

Max knirschte mit den Zähnen. »Verlobt.« Das Wort schnellte aus ihm heraus wie eine Kugel aus dem Lauf einer Waffe, eingehüllt in eine Wolke aus Schmerz, Neid und Wut. »Er … Der Mistkerl hat sich verlobt.« Er rieb sich mit den Händen übers Gesicht, voller Hass auf das Wort und sich selbst, weil er so ein egoistisches Arschloch war.

Der Klang von Elliots Tasse, die wieder auf den Beistelltisch gestellt wurde, hallte laut durch Max’ Schädel. Seinen müden, gequälten Schädel. Scheiße. Zum ersten Mal seit vier Wochen sehnte er sich nach einer Line.

Oder nach drei.

Und nach einer Flasche Tequila in der Hand einer Frau mit langen Beinen, tollen Titten und ohne Moral.

Ja, so ein heißer, verschwitzter, zugekokster Fick wäre jetzt echt nicht schlecht, um den Kopf freizubekommen.

»Du bist wütend.« Elliot formulierte es nicht als Frage, sondern unterstellte es ihm mit einer kleinen Handbewegung.

»Ja«, blaffte Max, ohne nachzudenken. »Nein. Gottverdammt, ich weiß nicht, wie ich mich fühlen soll.«

Ehrlich, seine Gedanken waren ein völliges Durcheinander.

Er stand von seinem Sessel auf und marschierte zum Fenster, das zu den ausgedehnten Gärten des Centers hinausging. Die Schneedecke war dick und glitzerte in der Nachmittagssonne. Er schloss die Augen und lehnte die Stirn an das kalte Glas. Die Unterhaltung mit Carter war gut gewesen. Er hatte es geschafft, seinen Schock und den inakzeptablen Ärger über Carters Neuigkeiten zu verbergen. Er hatte ihm für den Karton mit Süßigkeiten gedankt, und sie hatten über Gott und die Welt gequatscht und darüber gescherzt, dass Riley bereits die Junggesellenparty plante, aber es war dennoch ziemlich gezwungen gewesen. Zumindest von Max’ Seite aus.

»Ich weiß nicht, warum ich mich so fühle – ich kann es nicht einmal beschreiben.« Es war wie eine Sprungfeder in seinem Innern, die immer fester angezogen wurde.

»Das verstehe ich.«

Max drehte sich zu seinem Therapeuten um. »Wirklich?«

»Natürlich. Er ist dein bester Freund. Ihr habt eine gemeinsame Geschichte. Ihr habt einander während der schwersten Zeiten eures Lebens erlebt, und jetzt bist du hier. Sein Leben geht weiter, und du fühlst dich, als würdest du auf der Stelle treten.«

Verdutzt starrte Max ihn an. Scheiße.

»Aber du trittst nicht auf der Stelle, Max«, fuhr Elliot mit Nachdruck fort. »Die Veränderungen, die ich bei dir in den letzten Wochen beobachtet habe, sind bemerkenswert. Du öffnest dich.«

Max schob die Hände in die Hosentaschen. »Es kommt mir aber nicht so vor.« Seufzend schlurfte er zurück zu seinem Sessel und setzte sich wieder, schwer und müde. Unter Elliots unnachgiebigem Schweigen rutschte er unruhig herum und versuchte, sich unter seiner Kapuze zu verstecken. »Ich will, dass Carter glücklich ist«, sagte er schließlich. Er zupfte an der Nagelhaut seines Daumens. »Mir fällt niemand ein, der es mehr verdient hätte.«

»Wen heiratet er?«

»Kat. Sie haben sich kennengelernt, als er in Kill einsaß. Das Ganze ist eine lange Geschichte, denn eigentlich kennen sie sich schon ewig. Er hat ihr das Leben gerettet, als er so ungefähr elf war.« Max lachte humorlos. »Er ist verrückt nach ihr, total gaga.«

»Wie du es nach Lizzie warst.«

Max zuckte zusammen, obwohl der Schmerz, an den er sich so gewöhnt hatte, deutlich abgestumpft war. »Ja, genau so.«

Elliot verlagerte seine Haltung ein wenig. »Und das ist das Problem.«

»Vielleicht«, gestand Max leise.

Vielleicht war er neidisch, dass sein bester Freund gefunden hatte, was Max so verzweifelt hatte haben wollen. Vielleicht war er wütend, dass Carter sein Leben lebte, während er hier irgendwo am Arsch der Welt festsaß. Vielleicht war er ein Drecksack, weil er irgendetwas anderes als Glückwünsche für den Mann empfand, der ihn immer unterstützt hatte.

»Ich will meine Missgunst nicht durch meine Vergangenheit entschuldigen. Das ist schändlich«, murmelte er.

»Aber du musst dich damit auseinandersetzen, statt es zu verdrängen«, erwiderte Elliot. »Verarbeite den Neid und lass ihn hinter dir. Wenn du nach Hause kommst, kannst du mit ihm feiern und sein Glück genießen. Alles wird sich anders anfühlen, besser.«

Max war sich da nicht so sicher, aber er konnte es wenigstens hoffen.

»Außerdem«, fügte Elliot heiter hinzu, »bist du noch jung; du könntest jemanden kennenlernen und dich wieder verlieben.«

Max’ Augen weiteten sich, während sein Herz hinter den Rippen hämmerte. »Auf keinen Fall«, zischte er.

Perplex zuckte Elliot mit den Schultern. »Warum denn nicht? Das Leben geht weiter, Max, wie Carter beweist. Auch du kannst wieder Liebe und Freude finden.«

Entschieden schüttelte Max den Kopf. »Vergiss den Scheiß! Ich werde mich nicht noch mal so an jemanden dranhängen. Nie wieder.«

Es würde ihn ganz sicher umbringen.

Außerdem wurde allen Süchtigen davon abgeraten, in den ersten zwölf Monaten ihrer Genesungsphase eine Beziehung einzugehen. Beziehungen waren zu unvorhersehbar, und die Höhen und Tiefen könnten potenzielle Auslöser dafür sein, sich wieder in ein Tütchen weißes Pulver oder eine Flasche Jack Daniels zu stürzen. Nicht dass Max überhaupt daran denken konnte, jemals wieder eine ernsthafte Beziehung zu führen. Seine Kontakte mit Frauen vor seiner Einweisung waren flüchtig und emotionslos gewesen. Schließlich war er ein Mann mit Bedürfnissen, und sein Reigen williger Körper war genau das gewesen, was er brauchte: distanziert und unkompliziert.

Elliot betrachtete ihn nachdenklich, bevor er nickte. »Vielleicht ist das eine Unterhaltung für ein anderes Mal.«

Er legte seinen Block auf die Armlehne des Sessels, stand auf und durchquerte das Büro zu seinem eleganten, maßgefertigten Schreibtisch. »Ich habe etwas für dich.« Er öffnete eine Schublade und nahm etwas heraus. Dann hielt er Max die Hand entgegen. »Hier.«

Mit wackligen Beinen ging er zu seinem Therapeuten hinüber. »Was denn?«

Elliot nahm Max’ Hand und legte ein kleines rundes Stück Metall in seine Handfläche. Max brauchte einen Augenblick, um zu erkennen, was es war. »Das ist deine erste Medaille, Max. Gratuliere. Schon dreißig Tage clean.«

Max starrte das unscheinbare Abzeichen an. In der Mitte stand »1 Monat«, umgeben von den Worten, die er von den Gruppensitzungen her auswendig kannte: »Offenheit, Ehrlichkeit, Bereitschaft, Einigkeit, Dienst, Genesung«.

Herrgott, waren es wirklich schon dreißig Tage, seit er aufgenommen worden war?

»Dreiunddreißig, um genau zu sein«, sagte Elliot, als habe er seine Gedanken gelesen. Langsam schloss er Max’ Finger um die Medaille und legte seine Hand darüber. Sein Ausdruck war nicht der eines Arztes, sondern der eines Freundes, liebenswürdig und bestätigend. »Mit dem neuen Jahr vor der Tür lass dir das hier, deine Entschlossenheit und Stärke, als Beweis dienen, dass ein Happy End möglich ist, Max. Das hier in deiner Hand ist ein Symbol der Hoffnung. Es kann geschehen. Selbst dir.«

Max wusste, dass ihm das eigentlich ein warmes, wohliges Gefühl verleihen sollte. Es sollte die Angst und den Pessimismus aus seinem Kopf und seinem geschundenen, vernarbten Herzen vertreiben. Doch obwohl er insgeheim stolz war, das Ergebnis seines Erfolges in der Hand zu halten, schüttelte er stur den Kopf.

»Danke, Doc, aber für mich gibt es kein Happy End«, bemerkte er leise, während er den Kopf hob, um ...

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