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Dunkle Gier

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Danksagungen
  7. 1. Kapitel
  8. 2. Kapitel
  9. 3. Kapitel
  10. 4. Kapitel
  11. 5. Kapitel
  12. 6. Kapitel
  13. 7. Kapitel
  14. 8. Kapitel
  15. 9. Kapitel
  16. 10. Kapitel
  17. 11. Kapitel
  18. 12. Kapitel
  19. 13. Kapitel
  20. 14. Kapitel
  21. 15. Kapitel
  22. 16. Kapitel
  23. 17. Kapitel
  24. 18. Kapitel
  25. 19. Kapitel
  26. 20. Kapitel

Über die Autorin

Christine Feehan lebt gemeinsam mit ihrem Mann und ihren elf Kindern in Kalifornien. Sie schreibt seit ihrer frühesten Kindheit. Ihre Romane stürmen regelmäßig die amerikanischen Bestsellerlisten, und sie wurde in den USA bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. Auch in Deutschland erfreut sich die Autorin einer stetig wachsenden Fangemeinde.

Auf Christine Feehans englischsprachiger Homepage
www.christinefeehan.com
erhalten Sie weitere Informationen über die Autorin.

Für Brandy Jones, als kleine Entschädigung
für die bittere Enttäuschung,
einen so überhaupt nicht netten Chef zu haben!
Ich kann noch immer nicht glauben,
dass er dir nicht erlaubte, zu Besuch zu kommen,
als ich bei dir zu Hause war.
Aber keine Sorge, ich habe mich revanchiert,
und er hat seinen gerechten Lohn bekommen.
Lies weiter!

(Aber denk daran,
dass alle Charaktere wirklich nur erfunden sind!)

Danksagungen

Mein herzlichster Dank geht an Renee Martinez und Denise Tucker dafür, dass sie die Amazonas-Tour unternahmen und die von mir benötigten Recherchen, das Filmmaterial und die Fotos der Region mitbrachten. Ich schätze ihren Rat sehr – danke, dass ihr alle meine Fragen beantwortet habt, auch dann noch, als ich dieses Buch schon schrieb. Ein großes Dankeschön auch an ihren Reiseführer Victor Ramirez, der alles erklärte, was wir zum Bau von Kanus und der Tier- und Pflanzenwelt wissen mussten. Ihr wart mir eine große Hilfe. Auch Dr. Chris Tong möchte ich ganz herzlich für seine unermüdliche Unterstützung danken; Sie sind wirklich wunderbar! Und natürlich auch vielen herzlichen Dank an Brian Feehan für deine erstaunliche Fantasie und unerschütterliche Entschlossenheit, es richtig hinzubekommen. Bei Cheryl Wilson und Kathie Firzlaff möchte ich mich für die Ermutigung bedanken, als ich zauderte, und natürlich auch bei Domini! Mein besonderer Dank gilt Lea Eldridge für ihren Beitrag zu der Jr.-Diabetes-Auktion. Sie gewann dafür eine Rolle in einem Buch. Vielen herzlichen Dank für deine Großzügigkeit, Lea.

1. Kapitel

Rauch, der von den zahlreichen Feuern im umliegenden Regenwald gespeist wurde, stieg in brüllenden Wellen um ihn auf und verbrannte ihm die Lunge. Es war ein langer, erbitterter Kampf gewesen, aber er war vorbei, und Zacarias war erschöpft. Der größte Teil des Haupthauses war verbrannt, aber sie hatten zumindest die Wohnstätten der Leute retten können, die ihnen dienten. Es hatte nur wenige Tote gegeben, doch jeder einzelne war betrauert worden – wenn auch nicht von ihm, Zacarias. Er starrte nur mit leeren Augen die Flammen an und spürte nichts; er blickte in die Gesichter der Toten, anständige Männer, die seiner Familie treu gedient hatten, sah ihre weinenden Witwen und Kinder und spürte … nichts.

Zacarias de la Cruz blieb nur einen Moment stehen, um das Schlachtfeld zu betrachten. Wo vorher üppig grüner Regenwald gewesen war mit Bäumen, die bis in die Wolken reichten, und das Zuhause vieler wilder Tiere, stiegen jetzt Flammen und schwarzer Rauch in den Himmel auf. Der Geruch des Blutes war überwältigend; die toten, zerfleischten Körper starrten mit blicklosen Augen zu dem dunklen Himmelszelt auf. Doch dieser Anblick rührte Zacarias nicht. Er betrachtete alles wie aus einiger Entfernung und mit mitleidlosem Blick.

Wo oder in welchem Jahrhundert, spielte keine Rolle, die Szene war immer die gleiche, und er hatte in all den langen, dunklen Jahren so viele Schlachtfelder gesehen, dass er den Überblick verloren hatte. So viel Tod! So viel Brutalität! So viel Morden! So viel Zerstörung! Und er war immer mittendrin, ein schneller, grimmiger Jäger, gnadenlos, brutal und unerbittlich.

Blut und Tod waren ein Teil von ihm geworden. Er hatte so viele Feinde seines Volkes hingerichtet, dass er ohne die Jagd oder das Töten nicht mehr existieren konnte. Es gab für ihn keine andere Lebensweise. Er war ein Raubtier, das hatte er schon vor langer Zeit erkannt – wie jeder, der es gewagt hatte, sich in seine Nähe zu begeben.

Zacarias de la Cruz war ein legendärer karpatianischer Jäger, der einer fast schon ausgestorbenen Spezies angehörte, die zwar in einer modernen Welt lebte, sich aber an die alten Sitten hielt, was Ehre und Pflichtbewusstsein anging. Seine Gattung beherrschte die Nacht, schlief während des Tages und brauchte Blut zum Überleben. Nahezu unsterblich, führten Karpatianer eine lange, einsame Existenz, in der Farbe und Emotion verblassten, bis nur noch Ehre sie auf ihrem selbst gewählten Weg hielt, nach der einen Frau zu suchen, die sie vervollständigen und ihnen Farbe und Gefühle zurückgeben würde. Viele karpatianische Jäger gaben auf und töteten während der Nahrungsaufnahme, um den Rausch zu spüren – irgendwas zu spüren –, und wurden zu der abscheulichsten, gefährlichsten Kreatur, die die Menschheit kannte: dem Vampir. Und Zacarias de la Cruz, der mindestens ebenso brutal und gewalttätig war wie die Untoten, war ein Meister darin, sie zu jagen.

Blut rann aus unzähligen Wunden an seinem Körper, und die giftige Säure brannte sich bis in seine Knochen, doch er spürte, wie ihn Ruhe überkam, als er sich abwandte und sich still entfernte. Einige Feuer tobten noch, aber die konnten seine Brüder löschen. Das säurehaltige Blut, das vom Angriff der Vampire herrührte, sickerte in die stöhnende, protestierende Erde, aber seine Brüder würden sich auch darum kümmern und sie von den Giftstoffen befreien.

Seine öde, schonungslose Reise war vorbei. Endlich. Nach über tausend Jahren des Lebens in einer leeren, grauen Welt hatte Zacarias alles erreicht, was er sich vorgenommen hatte. Seine Brüder waren abgesichert. Sie alle hatten eine Frau, die sie vervollständigte. Sie waren glücklich und gesund, und er hatte die schlimmste Gefahr für sie beseitigt. Bis die Zahl ihrer Feinde sich wieder erhöhte, würden seine Brüder sogar noch stärker sein und seine Führung oder seinen Schutz nicht mehr benötigen. Er war frei.

»Zacarias! Deine Wunden müssen versorgt werden. Und du brauchst Blut.«

Es war eine weibliche Stimme, die er da hörte. Solange, die Gefährtin Dominics, seines ältesten Freundes, würde ihrer aller Leben für immer verändern mit ihrem reinen, königlichen Blut. Und er war zu alt, zu festgefahren in seinen Gewohnheiten und viel zu müde, um die Art von Veränderungen an sich zuzulassen, die nötig waren, um in diesem Jahrhundert weiterzuleben. Er war rettungslos veraltet wie die mittelalterlichen Ritter. Der Geschmack der Freiheit war metallisch und kupferartig wie das Blut, die Essenz des Lebens, das aus ihm herausfloss.

»Zacarias, bitte!« Da war eine Bewegung in ihrer Stimme, die ihm nahegehen müsste, doch sie berührte ihn nicht. Da er nicht empfinden konnte wie die anderen, war er auch nicht durch Mitleid, Liebe oder Sanftheit umzustimmen. Er hatte keine sanftere, weichere Seite. Er war ein Killer. Und seine Zeit war abgelaufen.

Solanges Blut war ein unglaubliches Geschenk an seine Leute, das war Zacarias durchaus klar, auch wenn er es zurückwies. Wenn sie es zu sich nahmen, verlieh es Karpatianern die Fähigkeit, sich in der Sonne aufzuhalten. Karpatianer waren während der Tagesstunden verwundbar, besonders er. Je mehr sie Jäger waren – oder Killer -, desto mehr war auch das Sonnenlicht ihr Feind. Von den meisten seiner Leute wurde Zacarias für den karpatianischen Krieger gehalten, der sich am dichtesten am Rand der Finsternis befand, und er wusste, dass das stimmte. Solanges Blut hatte ihm diesen letzten und endgültigen Grund gegeben, sich von seinem düsteren Leben zu befreien.

Mit einem tiefen Atemzug, der seine Lunge erneut mit Rauch füllte, setzte Zacarias seinen Weg fort, ohne einen Blick zurückzuwerfen oder auch nur Notiz von Solanges Angebot zu nehmen. Er hörte die alarmierten Rufe seiner Brüder, aber er ging weiter und beschleunigte sogar seine Schritte. Die Freiheit war noch weit entfernt, und er musste sie erreichen. Als er einem der letzten angreifenden Vampire, die seine Familie hatten zerstören wollen, das Herz herausgerissen hatte, hatte er gewusst, dass es nur einen Ort gab, an den es ihn zog. Es machte keinen Sinn, doch wen kümmerte das schon? Er würde trotzdem gehen.

»Bleib stehen, Zacarias!«

Er blickte auf, als seine Brüder aus dem Himmel fielen und eine solide Mauer vor ihm bildeten. Alle vier. Riordan, der Jüngste, Manolito, Nicolas und Rafael. Sie waren gute Männer, und fast konnte er die Liebe zu ihnen, die er einst empfunden hatte, wieder spüren – schwer zu fassen und gerade eben außer Reichweite. Sie verstellten ihm den Weg und hielten ihn von seinem Vorhaben ab – aber nichts und niemand durfte sich zwischen ihn und seine Wünsche stellen. Zacarias gab ein warnendes Grollen von sich, das tief aus seiner Kehle kam, und ließ den Boden unter ihren Füßen erbeben. Sie wechselten beklommene Blicke, und Furcht flackerte in ihren Augen auf.

Diese Blicke seiner Brüder, die so große Angst vor ihm verrieten, hätte Zacarias zu denken geben müssen, doch er spürte nichts. Er hatte diesen vier Männern sämtliche kämpferischen Fähigkeiten, über die sie heute verfügten, und Überlebensstrategien beigebracht. Er hatte jahrhundertelang neben ihnen gekämpft, auf sie aufgepasst, sie angeführt, ja, einmal sogar sehr liebevolle Erinnerungen an sie gehabt. Aber nun, da er die Bürde der Verantwortung abgelegt hatte, war nichts mehr da. Nicht einmal diese schwachen Erinnerungen, um ihn aufrechtzuerhalten. Er konnte sich weder an Liebe noch an Lachen erinnern. Nur an Tod und Töten.

»Zurück!« Ein knappes Wort nur, ein Befehl – und Zacarias erwartete, dass sie gehorchten, so wie jeder ihm gehorchte. Er hatte in seinem langen Leben unermessliche Reichtümer angehäuft, sich in den letzten Jahrhunderten jedoch nie etwas mit Geld erkaufen müssen. Ein Wort von ihm genügte, damit die Welt erzitterte und beiseitetrat, um seinen Wünschen nicht im Weg zu stehen.

Widerstrebend und viel zu langsam für seinen Geschmack traten jetzt auch seine Brüder zur Seite, um ihn vorbeizulassen.

»Tu das nicht, Zacarias!«, sagte Nicolas. »Geh nicht weg!«

»Lass wenigstens deine Wunden versorgen!«, fügte Rafael hinzu.

»Und nimm Blut zu dir!«, drängte Manolito. »Du brauchst Nahrung.«

Zacarias fuhr herum, worauf sie zurückfielen und die Furcht in ihren Augen zu schierer Panik wurde – und er wusste, dass sie allen Grund hatten, sich zu fürchten. Die Jahrhunderte hatten ihn geformt, ihn zu einem brutalen, gnadenlosen Jäger – zu einer Tötungsmaschine – gemacht. Es gab nur wenige wie ihn auf dieser Welt. Und er befand sich am Rande des Wahnsinns. Seine Brüder waren großartige Jäger, aber ihn zu töten würde all ihre beträchtlichen Fähigkeiten erfordern, und sie konnten sich kein Zögern leisten. Sie alle hatten ihre Seelengefährtin gefunden. Sie alle hatten Gefühle. Sie alle liebten ihn. Er dagegen spürte nichts und war ihnen gegenüber damit sehr im Vorteil.

Er hatte sie schon abgeschrieben und ihre Welt verlassen, als er ihnen den Rücken zugekehrt und sich die Freiheit genommen hatte, seine Verpflichtungen aufzugeben. Aber ihre von Kummer und Verzweiflung geprägten Gesichter ließen ihn für einen Moment in der Bewegung innehalten.

Wie mochte es sein, solch tiefen Kummer zu empfinden? Liebe zu verspüren? Überhaupt etwas zu fühlen? Früher hätte er einfach an ihr Bewusstsein gerührt und mit ihnen geteilt, was sie bewegte, doch seit sie Seelengefährtinnen hatten, wollte er nicht riskieren, einen von ihnen mit der Finsternis, die er in sich trug, zu beflecken. Seine Seele war nicht nur in Stücke zerbrochen. Er hatte zu oft getötet, sich zu sehr von allen, die er schätzte, distanziert, um die, die er liebte, besser beschützen zu können. Wann war er an den Punkt gelangt, nicht mehr gefahrlos an ihr Bewusstsein rühren und ihre Erinnerungen teilen zu können? Es war so lange her, dass er sich nicht einmal mehr erinnern konnte.

»Zacarias, tu das nicht!«, bat Riordan, dessen Gesicht vom gleichen tiefen Kummer geprägt war, der sich auf denen seiner Brüder zeigte.

Er hatte viel zu lange die Verantwortung für sie getragen, um jetzt einfach wegzugehen, ohne ihnen etwas zu hinterlassen. Einen Moment lang stand Zacarias hoch erhobenen Hauptes und mit blitzenden Augen und wallendem Haar da und sah sie an. Dabei strömte unaufhörlich Blut über seine Brust und Schenkel. »Ich gebe euch mein Wort, dass ihr mich nicht werdet jagen müssen.«

Das war alles, was er für sie hatte. Sein Wort, dass er nicht zum Vampir werden würde. Nun konnte er ruhen, und diese endgültige Ruhe würde er auf seine eigene Weise suchen. Er wandte sich von ihnen und von dem Verständnis und der Erleichterung in ihren Gesichtern ab, um seine Reise anzutreten. Er hatte einen weiten Weg vor sich, wenn er vor Tagesanbruch noch sein Ziel erreichen wollte.

»Zacarias«, rief Nicolas ihm nach. »Wo gehst du hin?«

Die Frage ließ Zacarias innehalten. Wo ging er hin? Der innere Zwang war stark – unmöglich zu ignorieren. Zacarias verlangsamte dennoch seine Schritte. Wohin ging er? Warum war der Drang so stark in ihm, obwohl er doch nichts fühlte? Aber etwas war da, eine dunkle Kraft, die ihn antrieb.

»Susu – heim.« Er flüsterte das Wort, doch der Wind griff seine Stimme auf, und der leise Ton hallte in der Erde unter seinen Füßen nach. »Ich gehe heim.«

»Das hier ist dein Zuhause«, erklärte Nicolas entschieden. »Wenn du Ruhe willst, werden wir deine Entscheidung respektieren, aber bleib bei uns! Hier bei deiner Familie. Dies ist dein Daheim«, wiederholte er.

Zacarias schüttelte den Kopf. Er war getrieben von dem Drang, Brasilien zu verlassen. Er musste woanders sein, und er musste sich auf der Stelle auf den Weg machen, solange ihm noch Zeit blieb. Mit Augen, die so rot waren wie die Flammen, und einer Seele, die schwarz war wie der Rauch, verwandelte er sich und nahm die Gestalt einer großen Harpyie, eines Haubenadlers, an.

Willst du zu den Karpaten?, fragte Nicolas ihn über ihre telepathische Verbindung. Dann werde ich dich begleiten.

Nein. Ich gehe heim, wohin ich gehöre – allein. Ich muss allein gehen.

Nicolas sandte ihm seine Wärme und hüllte ihn darin ein. Kolasz arwa-arvoval! Mögest du mit Ehre sterben! Kummer schwang in seiner Stimme mit, und auch Nicolas’ Herz war voll davon, aber Zacarias konnte das Gefühl nicht erwidern, nicht mal ansatzweise.

Nun war es Rafaels sanfte Stimme, die in sein Bewusstsein drang. Arwa-arvo olen isäntä, ekäm! Möge die Ehre dich aufrechterhalten, mein Bruder!

Kulkesz arwa-arvoval, ekäm! Gehe mit Ehre, mein Bruder!, fügte Manolito hinzu.

Arwa-arvo olen gaidnod susu, ekäm! Möge die Ehre dich heimführen, mein Bruder!, sagte Riordan.

Es war lange her, seit Zacarias seine Muttersprache gehört hatte. Gewöhnlich benutzten Karpatianer die Sprache und Dialekte der Orte, an denen sie sich befanden. Sie hatten andere Namen angenommen, als sie von Land zu Land gezogen waren, sogar einen Familiennamen, obwohl Karpatianer solche Namen gar nicht hatten. Zacarias’ Welt hatte sich mit der Zeit unglaublich stark verändert. Jahrhunderte der Verwandlung, in denen er sich immer angepasst hatte, um dazuzugehören. Und dennoch hatte er sich nie wirklich verändert, da sein ganzes Leben sich um den Tod drehte. Und nun würde er endlich heimkehren.

Diese schlichte Feststellung bedeutete nichts – und alles. Zacarias hatte seit über tausend Jahren kein Zuhause mehr gehabt. Er war einer der Ältesten, auf jeden Fall einer der Tödlichsten. Männer wie er besaßen kein Zuhause. Nur wenige wollten ihn an ihrem Lagerfeuer haben, geschweige denn in ihrem Haus und an ihrem Herd. Was war also Daheim? Warum hatte er dieses Wort benutzt?

Seine Familie hatte in den Ländern am Amazonas und den anderen Flüssen, von denen er gespeist wurde, große Haziendas aufgebaut. Das zu kontrollierende Gebiet war sehr ausgedehnt und erstreckte sich über Tausende von Meilen, was die Überwachung schwierig machte. Doch da sie zu mehreren menschlichen Familien eine freundschaftliche Beziehung aufgebaut hatten, waren die verschiedenen Häuser auch stets auf ihre Ankunft vorbereitet. Zu einem dieser Häuser würde er sich begeben, und er musste die große Entfernung dorthin noch vor der Morgendämmerung zurücklegen.

Die peruanische Hazienda lag am Rand des Regenwaldes, nur ein paar Meilen entfernt von der Stelle, wo die Flüsse sich vereinten und in den Amazonas übergingen. Selbst dieses Gebiet hatte sich mit den Jahren allmählich verändert. Seine Familie hatte sich den Anschein gegeben, mit den Spaniern in dieses Gebiet gekommen zu sein, und sich Namen ausgedacht, ohne sich darum zu scheren, wie sie klangen. Für Karpatianer spielte es keine große Rolle, wie sie von anderen genannt wurden. Natürlich hatten sie damals nicht einmal geahnt, dass sie Jahrhunderte in Südamerika verbringen würden – und diese Gebiete ihnen einmal vertrauter sein würden als ihr Heimatland.

Zacarias blickte auf das dichte Blätterdach des Regenwaldes herab, als er darüber hinwegflog. Auch der Dschungel verschwand allmählich durch ein langsames, aber stetiges Eindringen von Menschen und Maschinen, das er nicht verstand. Es gab so viele Dinge in den modernen Zeiten, die er nicht begreifen konnte – doch was machte das schon? Es war nicht mehr seine Welt oder sein Problem. Der Drang, der ihn trieb, verwirrte ihn mehr als die Erklärungen für die sich immer mehr verändernde Umwelt. Wenig erregte noch Zacarias’ Neugier, doch dieser überwältigende Drang, zu einem Ort zurückzukehren, an dem er erst ein paarmal gewesen war, war irgendwie beunruhigend. Weil der Drang ein Bedürfnis war und er keine Bedürfnisse hatte. Und dass er so überwältigend war, dieser Drang, war ebenfalls sehr merkwürdig, weil nichts Zacarias zu überwältigen vermochte.

Kleine Blutströpfchen fielen in die dunstigen Wolken um die jungen Triebe der wenigen Bäume, die hier und da aus dem Blätterdach hervorragten. Unter sich konnte Zacarias die Angst der Tiere spüren, die ihn vorbeifliegen sahen. Eine Gruppe von Douroucoulis, sehr kleinen nachtaktiven Affen, hüpfte durch die Bäume und vollführte erstaunliche akrobatische Übungen auf den nicht ganz so hoch gelegenen Ästen. Einige futterten Früchte und Insekten, während andere nach Raubtieren Ausschau hielten. Normalerweise würden sie beim Anblick einer Harpyie sofort warnend loskreischen, aber als Zacarias in Adlergestalt über die Affenfamilie hinwegflog, blieben sie geradezu gespenstisch still.

Zacarias wusste, dass es nicht die Gefahr des vorüberfliegenden Raubvogels war, was diese vollkommene Stille im Wald erzeugte. Der Haubenadler saß oft stundenlang reglos in den Ästen und wartete auf die richtige Beute. Hatte er sie ausgemacht, stieß er mit verblüffender Geschwindigkeit hinab und pflückte sich ein Faultier oder einen Affen von den Bäumen, aber er jagte in der Regel nicht im Flug. Die Säugetiere versteckten sich, doch Schlangen hoben den Kopf, wenn er vorbeiflog, Insekten stiegen zu Tausenden in die Luft, und Hunderte von tellergroßen Spinnen krabbelten über die Äste und zogen in die Richtung, in die er flog.

Zacarias war an die Anzeichen gewöhnt, die auf die Düsternis in ihm hinwiesen. Selbst als junger Karpatianer war er schon anders gewesen. Seine kämpferischen Fähigkeiten waren so natürlich, als wären sie angeboren, ja ihm fast schon vor der Geburt eingeprägt worden, seine Reflexe schnell und sein Verstand sogar noch schneller. Er besaß die Fähigkeit, eine Situation im Bruchteil einer Sekunde einzuschätzen und sofort mit einer Strategie aufzuwarten. Er tötete ohne Zögern, und seine Täuschungen waren fast unmöglich zu durchschauen.

Die Düsternis in ihm ging tief und war bereits ein Schatten auf seiner Seele gewesen, lange bevor er seine Emotionen und Farben verloren hatte – und ihm war beides viel früher abhandengekommen als anderen seines Alters. Zacarias stellte alles und jeden infrage. Nur seine Loyalität seinem Prinzen und seinem Volk gegenüber war unerschütterlich, und das hatte ihm den unversöhnlichen Hass seines besten Freundes eingebracht.

Mit seinen starken Schwingen flog er in schnellem Tempo durch die Nacht, ohne einen Gedanken an seine Wunden oder das Bedürfnis nach Blut zu verschwenden. Als er die Grenze überquerte und tiefer in das Blätterdach hinunterging, spürte er, wie der innere Zwang, der ihn antrieb, stärker wurde. Es zog ihn auf seine peruanische Ranch. Er musste dort sein. Weil es … sein musste. Der Wald erstreckte sich unter ihm mit seinem dichten Gewirr von Bäumen und Blumen, und die Luft war schwer von Feuchtigkeit. Moose und Kletterpflanzen hingen wie struppige lange Bärte von den Bäumen und reichten fast bis in die Wassertümpel, Ströme oder Bäche. Ein Gewirr von Farnen, die um Platz kämpften, kroch über lange, freiliegende Wurzeln auf dem dunklen Boden unter Zacarias.

Der Haubenadler fiel durch von Blumen und Lianen überwucherte Äste, deren üppige Fülle allen möglichen Insekten als Versteck diente. Tief unter sich hörte er das leise Quaken eines Baumfroschs, der seinen Partner rief, und dann ein viel harscheres, schnarrendes Geräusch, das den Chor verstärkte. Ein fast schon elektronisches Geträller schloss sich der Sinfonie an, als Tausende unterschiedlicher Stimmen sich zu einem Crescendo erhoben und dann beim Nahen des Raubvogels abrupt zu einer unnatürlichen, schaurigen Stille verstummten.

Die Morgendämmerung zog herauf und verdrängte die Herrschaft der Nacht. Der Nachthimmel veränderte sich zu einem weichen Taubengrau. Die Harpyie ließ sich in immer kleineren Kreisen von dem Blätterdach zu der Lichtung hinuntersinken, auf der das Wohnhaus der Hazienda lag. Mit seinen scharfen Augen konnte der Adler den Fluss sehen, der wie ein breites Band das Land teilte. Sanfte Hügel wichen steilen Graten und tiefen Schluchten, die sich durch den Urwald zogen. Bäume und Pflanzen schlängelten sich über den felsigen Grund, ein dunkles Gewirr von Vegetation, die entschlossen war, sich zurückzuholen, was ihr genommen worden war.

Ordentliche Zäune zogen sich die Hänge entlang, Hunderte von Rindern standen auf den Weiden. Als der Schatten des Adlers über sie hinwegzog, hoben sie zitternd vor Aufregung den Kopf. In dem Versuch, die Gefahr auszumachen, die sie witterten, liefen sie wild durcheinander und stießen miteinander zusammen.

Der Adler flog über mehrere Felder und mindestens einen Morgen Gemüseäcker, die alle sehr gut gepflegt waren. Alles war sauber und ordentlich und nach besten Kräften und bestem Können bearbeitet. Weiden und Äcker machten den großen Koppeln Platz. Die Pferde, die darauf standen, wurden auch unruhig und warfen nervös den Kopf zurück, als der Adler über sie hinwegflog. Unter ihm lag die Hazienda wie ein vollkommenes Bild, an dessen Schönheit er jedoch nicht einmal Gefallen finden konnte.

Als er sich den Ställen näherte, schien eine Hitzewelle durch seine Adern zu laufen, und tief im Körper des Vogels, wo er überhaupt nichts hätte spüren dürfen, machte sein Herz einen ungewohnten Satz. Die seltsame Regung ließ ihn fast vom Himmel fallen. Von Natur aus skeptisch, misstraute Zacarias allem, was er nicht verstand. Was konnte eine solche Hitze in ihm entfachen? Er war erschöpft von dem anstrengenden Kampf, dem langen Flug und dem Blutverlust. Hunger durchpulste ihn mit jedem Herzschlag, bemächtigte sich seiner und kämpfte um die Vorherrschaft. Der Schmerz der Wunden, die Zacarias nicht geheilt hatte, zerriss ihn.

Wochen zuvor war er so nahe daran gewesen, zum Vampir zu werden, das Verlangen nach Erlösung von der Leere war so stark und die Düsternis in seiner Seele so erdrückend gewesen, dass seine Reaktion jetzt keinen Sinn ergab. Und heute war er in noch schlimmerem Zustand. Er war ausgehungert nach Blut, und noch mehr Tötungen befleckten seine Seele. Und trotzdem war da diese merkwürdige Reaktion in der Nähe seines Herzens, diese geradezu erwartungsvolle Hitze, die durch seine Adern rauschte. Was war das? Ein Trick? Stellte ein Vampir ihm eine Falle?

Der Haubenadler legte die Flügel an, die eine Spannweite von etwa sieben Fuß hatten, und seine Krallen, die lang wie die eines Grizzlybären waren, bohrten sich tief in das strohgedeckte Stalldach. Die Federn auf seinem Kopf erhoben sich zu einem langen Kamm. Der mächtige Raubvogel hockte völlig reglos da und ließ die scharfen Augen über das unter ihm liegende Gelände gleiten. In der Gestalt des Adlers hatte Zacarias eine unglaublich gute Sicht und ein noch besseres Gehör, denn die viel kleineren Federn, die seinen Gesichtsschleier bildeten, bündelten die Schallwellen.

Die Pferde auf der nicht weit entfernten Koppel spürten seine Gegenwart und drängten sich nun wiehernd aneinander. Eine Frau kam aus dem Stall unter ihm, ein großes Pferd folgte ihr. Sofort richtete sich Zacarias’ Blick auf sie. Ihr langes Haar, das ihr bis zur Taille reichte, war zu einem dicken Zopf geflochten. Dieses lange Haar zog Zacarias’ Blick auf sich, denn wenn sie sich bewegte, schimmerte es wie gesponnene Seide.

Zacarias, der seit Jahrhunderten nur dunkle Grau- und langweilige Weißtöne sah, fand diesen Zopf so faszinierend, weil er tiefschwarz war und schimmerte, ohne von der Sonne berührt zu werden. Zacarias war fasziniert von diesem Haar. Sein Magen schlug einen langsamen Purzelbaum. In einer Welt, wo alles immer gleich war und ihn nichts bewegte, kam dieses kleine Gefühl der Explosion einer Bombe nahe. Von dem merkwürdigen Vorkommnis erschüttert, stockte ihm für einen Moment sogar der Atem.

Das Pferd, das der Frau folgte, trug weder einen Sattel noch Zaumzeug. Der Hengst begann nun, unruhig zu tänzeln und die Frau zu umkreisen; dabei warf er den Kopf zurück und verdrehte die Augen. Die Pferde waren reinrassige peruanische Pasos, eine Züchtung, die nicht nur für ihre angeborenen verschiedenartigen Gangarten, sondern auch für ihr Temperament bekannt war. Die Frau blickte zu den im Kreis laufenden Pferden auf der Koppel hinüber – offenbar war es ungewöhnlich, dass sie so nervös waren – und hob dann eine Hand, um den Hengst zu beruhigen, der sich dicht neben ihr auf die Hinterbeine stellte. Sie legte die Hand auf seinen Nacken und blickte zu der Harpyie auf, die so ruhig auf dem Dach der Scheune saß.

Der Blick dieser Augen, die wie dunkle Schokolade waren, ging Zacarias durch und durch. Er empfand die Wirkung dieses Blickes wie einen Pfeil, der sein Herz durchbohrte. Marguarita. Selbst aus der Ferne konnte er die Narben an ihrer Kehle sehen, wo der Vampir ihr die Stimmbänder herausgerissen hatte, als sie sich geweigert hatte, den Untoten Zacarias’ Ruhestätte zu verraten. Sie war einmal eine sorglose junge Frau gewesen, doch jetzt benutzte jemand sie, um ihn, Zacarias, in eine Falle zu locken.

Nun ergab auch alles einen Sinn. Der innere Zwang, zu diesem Ort zu kommen und ihn sich als sein Zuhause vorzustellen. War diese Frau von einem Vampir besessen? Nur ein Meister könnte einen solchen Zauber weben und aufrechterhalten – nur Meister wie seine alten Feinde, die Brüder Malinov. Die fünf Brüder waren mit ihm aufgewachsen. Fast fünfhundert Jahre hatten sie Seite an Seite gekämpft, bis seine Freunde sich in ihrer Gier nach Macht für das Vampirdasein entschieden und ihre Seelen dafür aufgegeben hatten. Sie waren es gewesen, die beschlossen hatten, die Untoten in einem Komplott gegen den Prinzen und das karpatianische Volk zusammenzubringen.

Dominic hatte diese jüngste Verschwörung aufgedeckt und war geblieben, um bei der Verteidigung der brasilianischen Besitzungen der Familie de la Cruz mitzuhelfen. In der sicheren Überzeugung, dass die Vampire ihren Angriffsplan auf der Hazienda ausprobieren würden, bevor sie gegen Prinz Mikhail vorgingen, hatte Zacarias sie erwartet. Kein Vampir war lebend davongekommen. Es gab keinen, der zurückkehren und den Malinov-Brüdern erzählen konnte, dass ihr Plan gescheitert war.

Zacarias wusste von dem Zorn der Malinovs und ihrem erbitterten, unversöhnlichen Hass auf ihn und seine Brüder. Ja, das hier könnte sehr wohl die Rache für den Sieg über die Malinov’sche Armee sein, doch wie konnten sie vor ihm hierhergekommen sein? Auch das war Zacarias unerklärlich.

Der Haubenadler schüttelte den Kopf, um sich von diesen beunruhigenden Gedanken zu befreien. Nein, es war unmöglich, sich so bald wieder für einen weiteren Angriff zu versammeln. Auf jeden Fall war es so, dass Pferde, die schon seine Gegenwart kaum tolerierten, sich niemals von etwas Bösem berühren lassen würden, und Marguarita streichelte dem großen Hengst den Nacken. Sie konnte also nicht besessen sein.

Zacarias wunderte sich über das seltsame Gefühl, das ihn erfüllte. Es war fast so etwas wie Erleichterung. Er wollte sie nicht töten müssen, nicht, nachdem sie einmal fast ihr Leben für ihn geopfert hatte. Aber er war doch gar nicht in der Lage, etwas zu empfinden. Warum verspürte er dann diese ungewöhnlichen Regungen in Körper und Geist, seit er an diesen Ort zurückgekehrt war? Er verdoppelte seine Wachsamkeit.

Wärme drang in das Gehirn des Vogels ein, die die beruhigende Wirkung einer freundlichen Begrüßung hatte. Der Adler reagierte, indem er den Kopf zur Seite legte und den Blick der Frau erwiderte. Zacarias spürte, dass der Vogel eine Verbindung zu ihr suchte. Sie war sehr unaufdringlich, ihre Berührung so leicht, dass sie kaum zu spüren war, aber sie verfügte über magische Kräfte und bediente sich ihrer völlig mühelos. Selbst der mächtige Raubvogel des Regenwaldes erlag ihrem Zauber. Zacarias spürte, dass auch sein Geist und Körper reagierten, dass er sich entkrampfte und seine Anspannung sich lockerte. Marguarita war an dem Vogel vorbei zu ihm vorgedrungen und hatte seine wilde, tierische Natur gefunden.

Bestürzt zog er sich noch tiefer in den Körper des Adlers zurück, ließ sie jedoch die ganze Zeit nicht aus den Augen. Marguarita wandte ihre Aufmerksamkeit jetzt den Pferden zu, um die aufgeregten Tiere zu beruhigen. Sie brauchte nicht lange, um sie dazu zu bringen stillzustehen. Dennoch hörten sie nicht auf, den Adler zu beobachten. Ihnen schien bewusst zu sein, dass sich ein noch gefährlicheres Raubtier in dem Vogel verbarg.

Marguarita griff in die Mähne des Hengstes und sprang. In einer mühelosen, geübten Bewegung schien sie förmlich durch die Luft zu schweben, bevor sie mit vollendeter Anmut auf dem Pferderücken landete. Sofort bäumte das Tier sich auf, aber bestimmt mehr seiner Nähe wegen, dachte Zacarias, als des Mädchens wegen, das auf seinem Rücken saß. Auf jeden Fall stockte Zacarias der Atem, und sein Herzschlag beschleunigte sich zu einem wilden Trommeln – noch so ein merkwürdiges Phänomen! Der riesige Adler spreizte die Schwingen schon fast, bevor Zacarias den Befehl gab. Die Bewegung war mehr instinktiv als durchdacht und dem Impuls entsprungen, die Frau in Sicherheit zu bringen. Marguarita beugte sich jedoch in einem stummen Kommando über den Nacken des Tieres, und in vollkommenem Einklang miteinander trabten Pferd und Reiterin los.

Nachdem er sich überzeugt hatte, dass sie nicht in Gefahr war, legte Zacarias die Flügel wieder an und bohrte die Krallen noch tiefer in das Dach. Das Pferd schwang sich über einen Zaun und verlängerte den Schritt. Marguarita hielt sich sehr gerade, und die elegante Gangart des Tiers war ein so harmonisches und rhythmisches Getänzel, dass sein Schwerpunkt, wo Marguarita saß, fast völlig unbewegt blieb.

Neugierig rührte Zacarias an den Geist des Hengstes. Sie beherrschte das Tier – und auch wieder nicht. Das Pferd akzeptierte sie und wollte sie erfreuen; es genoss das Verschmelzen seines Bewusstseins mit dem ihren. Mühelos wob Marguarita ihren Zauber um das Tier und hielt es durch ihre Gabe – eine tiefe Verbindung zu Tieren, wie es schien – in ihrem Bann. Sie schien nicht einmal zu merken, dass sie ihre besondere Fähigkeit einsetzte, sondern erfreute sich einfach nur an ihrem frühmorgendlichen Ausritt, genauso wie das Pferd.

Dann war das also der Grund für die seltsamen Regungen in seinem Geist und Körper. Marguarita berührte alles Wilde, und er war so ungebändigt, wie es nur ging. Es gab hier keine Bedrohung durch die Untoten, nur diese junge Frau mit ihrer Unschuld und Helligkeit. Sie musste dem Paso einen weiteren Befehl gegeben haben, denn das Tier wechselte die Gangart zu einer anmutigen, fließenden Bewegung, bei der es seine Vorderbeine von der Schulter her abrollte und sie bei jedem Schritt nach außen drehte. Das Pferd hielt stolz den Kopf erhoben, die Mähne wehte, die Augen des Tieres strahlten, und jede seiner Bewegungen war voller Überschwang.

Es war ein vollkommener Moment – der perfekte Moment, dachte Zacarias, sein Leben zu beenden. Sie war schön, diese Frau. Frei und erfrischend wie kühles Wasser an einem heißen Sommertag. Alles, wofür er gekämpft hatte – alles, was er nie gewesen war. Die Harpyie spreizte die Flügel und erhob sich in die Luft, aus der sie Pferd und Reiterin beobachtete. Sie galoppierten schnell, aber unglaublich sicher und geschmeidig unter dem Adler dahin.

Zacarias’ ganzes Leben lang, sogar schon in seiner Jugend und zu einer Zeit, als Soldaten noch zu Pferde gekämpft hatten, war viel zu viel von einem Raubtier in ihm gewesen, als dass ein Pferd ihn auf sich hätte reiten lassen. Damals hatte er alles versucht – mit Ausnahme von psychischem Zwang -, um das zu erreichen, aber kein Pferd hatte ihn ertragen können. Die Tiere scheuten und erzitterten unter ihm, selbst wenn er sich die größte Mühe gab, sie zu beruhigen.

Marguarita hingegen segelte mühelos über Zäune, ohne Zaumzeug oder Sattel, und Pferd und Reiterin strahlten jugendlichen Überschwang und Freude aus. Zacarias folgte ihnen, als sie über den unebenen Boden preschten. Die anmutige Gangart des Pferdes ließ es so aussehen, als schwebten sie. Marguarita warf die Hände in die Luft, als sie einen weiteren Zaun übersprangen. Sie hielt sich nur mit den Knien an dem Pferd fest und lenkte es mit ihren Gedanken.

Der Paso wechselte wieder geschmeidig seine Gangart, als sie über das Feld jagten und er in einem weiten Bogen umkehrte. Marguarita winkte dem Adler fröhlich zu, und wieder durchfluteten Freude und Wärme Zacarias. Er hatte dieser Frau sein Blut gegeben, aber nie welches von ihr genommen. Doch nun lief ihm das Wasser im Mund zusammen, seine Zähne wollten sich verlängern, und rasender Hunger überfiel ihn und griff auf jede seiner Zellen über. Abrupt legte der Adler sich in die Kurve und flog zum Stall zurück. Zacarias wollte auf gar keinen Fall riskieren, die Kontrolle zu verlieren.

Schon einmal war er viel zu nahe dran gewesen, den letzten Rest seiner Seele aufzugeben, der ihm geblieben war. Er hatte seinen Brüdern sein Wort gegeben und würde es halten. Kein Karpatianer würde sein Leben riskieren müssen, um Jagd auf Zacarias de la Cruz zu machen. Er entschied selbst über sein Schicksal, und er hatte sich dafür entschieden, seine Ehre zu retten. Er würde in die Morgendämmerung treten und hoch erhobenen Hauptes den Tod begrüßen. Sein letztes Bild in diesem Leben würde das der zurückkehrenden Frau sein – der jungen Marguarita, die auf einem wunderschönen Pferd über den Boden schwebte und dabei Licht und Wärme ausstrahlte. Dieses Bild würde er mit in den Tod nehmen.

Der Haubenadler landete anmutig auf dem Boden neben dem Stall. Ohne die verängstigten Pferde auf der angrenzenden Koppel zu beachten, nahm Zacarias wieder seine menschliche Gestalt an. Er war ein großer, muskulöser Mann mit langem Haar. Tiefe Linien prägten sein Gesicht. Einige bezeichneten ihn als auf eine fast schon animalische Weise gut aussehend. Manche sagten, sein Mund sei sowohl sinnlich als auch grausam. Die meisten jedoch fanden Zacarias de la Cruz beängstigend. Im Moment war er müde – so müde, dass er sich am liebsten gleich hier in das kühle Gras hätte fallen lassen.

Er zwang sich jedoch, sich zu bewegen und nach einem geeigneten Platz umzusehen, wo er sitzen und die Sonne über dem Dschungel aufgehen sehen konnte. Sehr langsam ließ er sich auf die weiche Erde sinken, ohne sich darum zu scheren, dass die Feuchtigkeit des morgendlichen Taus ihm in die Kleider drang. Er hielt sich ebenso wenig damit auf, seine Körpertemperatur zu regulieren, wie er sich zuvor um seine Wunden gekümmert hatte. Es erfüllte ihn mit Zufriedenheit, eine Entscheidung zu treffen. Zum ersten Mal in seinem Leben war er ohne die Beschwerlichkeiten der Verantwortung. Er zog die Knie an, faltete die Hände und legte das Kinn auf die kleine Plattform, die er so geschaffen hatte. In dieser Haltung sah er Pferd und Reiterin zu. Völlig mühelos ging der Paso von einer der natürlichen Gangarten, für die diese Pferderasse so berühmt war, zu einer anderen über.

Zacarias spürte das Prickeln der Sonne auf der Haut, aber es war nicht die schreckliche Empfindung, die er sein ganzes Leben lang verspürt hatte. Solange hatte ihm zweimal etwas von ihrem Blut gegeben, um ihn davor zu bewahren, zum Vampir zu werden. Er hatte jedoch sorgfältig darauf geachtet, kein Blut mehr von ihr anzurühren, seit er gemerkt hatte, dass er die Morgenstunden im Freien verbringen konnte, ohne die Auswirkungen der Helligkeit zu spüren. Andere seiner Spezies konnten die Morgendämmerung sehen, und es gab auch einige, die sich sogar ohne Solanges Hilfe auf den morgendlichen Straßen aufhalten konnten, doch da seine Seele so dunkel war, hatte Zacarias schon vor langer Zeit die Angewohnheit der Vampire übernommen, das frühmorgendliche Sonnenlicht zu meiden.

Begierig nahm er Marguaritas Anblick in sich auf und fühlte sich dem Glück so nahe wie ein Mann, der keine Emotionen hatte, es sein konnte. Bei dem Versuch, sein Leben zu retten, hatte sie ihre Stimme verloren, und er hatte Marguaritas Loyalität belohnt, indem er sie dem Tode entrissen und den Verwaltern der Ranch dann Anweisung gegeben hatte, ihr alles zu geben, was ihr Herz begehrte. Er sah jedoch keinen Schmuck an ihren Fingern oder ihrem Hals, und die Kleidung, die sie trug, war schlicht und praktisch. Aber sie lebte für die Pferde, selbst er konnte das sehen. Er hatte ihr … Leben geschenkt. Und auf irgendeine seltsame Weise hatte sie ihm Freiheit zuteilwerden lassen.

Zacarias merkte nicht einmal, wie die Zeit verging. Die Insekten blieben still. Die Pferde hörten auf, im Kreis zu laufen, und drängten sich in einer Ecke der Koppel zusammen, wo sie, so weit von ihm entfernt wie möglich, nervös herumtänzelten und mit den Hufen stampften. Nur langsam reagierte Zacarias’ Körper auf die aufgehende Sonne mit der seltsam bleiernen Schwere, die so typisch war für die karpatianische Spezies.

Zacarias streckte sich auf dem Boden aus und hielt das Gesicht Marguarita zugewandt, die auf ihn zugeritten kam. Jetzt durchdrang das Sonnenlicht schon seine Kleider und fühlte sich an wie eine Million kleiner Nadeln. Er konnte sich nicht bewegen, aber er hätte es auch nicht gewollt. Marguarita war schön. Frisch und unschuldig. Ein Gefühl der Zufriedenheit durchströmte Zacarias trotz der zunehmenden Schmerzen. Er hielt die Augen offen, weil er das Bild Marguaritas auf dem Pferd in seinem Herzen haben wollte, wenn er in das nächste Leben überging.

Vielleicht beobachtete er sie zu scharf, oder vielleicht war sie auch durch das ungewohnte Verhalten der Pferde und Insekten aufmerksam geworden – jedenfalls wandte sie den Kopf, und ihr Blick begegnete dem Zacarias’. Er sah, wie sie scharf den Atem einsog und dem Hengst die Knie in die Flanken drückte, um ihn zu einer schnelleren Gangart anzutreiben.

Nein! Bleib zurück! Komm nicht in meine Nähe! Versorg dein Pferd und geh!

Falls ein winziges Zögern darauf hinwies, dass die Worte in ihr Bewusstsein eingedrungen waren, bemerkte Zacarias es nicht. Er sah nur, dass ihr Pferd über den Zaun sprang und sie das Tier, das nun vor Furcht zu tänzeln begann, anhielt und von seinem Rücken glitt. Der Paso scharrte aufgeregt mit den Hufen, und nach einem strengen Blick auf ihn zeigte sie mit einer Handbewegung auf die Koppel. Sofort preschte der peruanische Paso auf den Zaun zu, setzte darüber und gesellte sich zu den anderen Pferden in der fernen Ecke.

Marguarita näherte sich Zacarias so vorsichtig, als wäre er ein in die Enge getriebenes wildes Tier. Sie bewegte dabei die Lippen und schien sich noch nicht ganz daran gewöhnt zu haben, dass sie nicht mehr sprechen konnte. Eine beruhigende, tröstliche Wärme durchflutete Zacarias’ Geist.

Er bemühte sich aufzustehen, aber der Fluch der Sonne hatte ihn schon erfasst. Marguarita trat näher, sodass ihr Schatten auf ihn fiel und ihr Körper ihn vor dem Sonnenlicht schützte. Ihre schönen dunklen Augen blickten furchtsam und besorgt zugleich auf ihn herab.

Lass mich in Ruhe! Verschwinde! Er setzte ihr den Befehl in den Kopf und schickte den Eindruck eines drohenden Knurrens und unanfechtbaren Machtworts hinterher.

Doch Marguarita hockte sich neben ihn, berührte seinen brennenden Arm und runzelte besorgt die Stirn, bevor sie die Hand zurückzog und auf ihre Fingerspitzen blies.

Es ist meine Entscheidung. Lass mich hier in Ruhe sterben! Er hatte keine Ahnung, ob die Befehle bei ihr ankamen, denn sie sah ihn nicht so an, als hätte sie ihn verstanden.

Marguarita war praktisch von Geburt an dazu erzogen worden, den Mitgliedern seiner Familie zu gehorchen. Da würde sie sich ihm doch jetzt bestimmt nicht widersetzen, oder? Sie wusste, wie leicht ein karpatianischer Jäger am Rande des Wahnsinns zum Vampir werden konnte. Der Untote hatte ihr die Kehle aufgerissen. Zacarias konnte das Zittern ihrer Hand an seinem heißen Arm spüren. Sie musste sich die Finger an seiner Haut verbrannt haben. Er konzentrierte sich auf Marguarita und belegte ihren Geist mit dem psychischen Zwang, zu gehen und ihn allein zu lassen. Sie war zu mitfühlend und zu verständnisvoll, um einem so mächtigen Karpatianer wie ihm nicht zu gehorchen.

Sein psychischer Zwang stieß gegen einen Geist, den er kaum verstehen konnte. Nicht, weil er Barrieren fand – es war vielmehr so, als lösten sich seine so oft erprobten Techniken in Rauch auf.

Marguarita zog die kurze Jacke aus und warf sie Zacarias über den Kopf, sodass sie sein Gesicht und seine Augen bedeckte. Er spürte, wie sie sein Handgelenk ergriff und ihn über das nasse Gras zu ziehen begann. Zacarias hörte, wie sie zischend den Atem ausstieß, und wusste, dass sie sich die Hand verbrannte, aber sie zerrte ihn unbeirrt weiter.

Zum ersten Mal in all den Jahrhunderten wagte es jemand, sich seiner direkten Anweisung zu widersetzen. Jäher Zorn erwachte in Zacarias, den er kaum beherrschen konnte. Sie hatte kein Recht dazu. Sie müsste es besser wissen. Niemand widersetzte sich ihm – auf jeden Fall kein Mensch und schon gar nicht eine Frau. Und erst recht nicht eine seiner eigenen Bediensteten, aus einer Familie, die jeden Schutz genoss und zu unvorstellbaren Reichtümern gekommen war.

Er hatte den Tod gewählt, hatte sich darauf vorbereitet und war zufrieden mit seiner Entscheidung – er begrüßte sie sogar. Nein, wozu sich diese Frau hier hinreißen ließ, war die schlimmste Sorte von Verrat.

Du wirst deinen Ungehorsam bereuen, schwor er.

Marguarita ignorierte ihn oder hörte ihn nicht. Er wusste wirklich nicht, was es war, und es war ihm im Grunde auch egal. Sie würde dafür büßen. Steine bohrten sich in seinen Rücken, und dann verspürte er einen Stoß im Kreuz, als sie es schaffte, ihn über eine Schwelle zu ziehen, offenbar in einen Stall. Die Sonne verbrannte Zacarias nicht länger lebendigen Leibes, obwohl das stechende Gefühl von Nadeln noch immer seine Haut durchdrang.

Geschickt wickelte Marguarita ihn in eine Plane, ohne die Jacke von seinem Gesicht zu nehmen. Sie kreuzte sogar seine Arme über der Brust, bevor sie ihn in die Plane rollte. Zacarias fühlte sich hilflos wie ein Baby. Marguaritas entwürdigende Handlungsweise erweckte etwas Monströses in ihm. Er hielt sich jedoch zurück und wartete auf den richtigen Moment – der schon noch kommen würde. Marguarita hatte die panische Angst vor einem Vampir erlebt, der ihr die Kehle zerfetzt hatte, aber das war nichts gegen den Schrecken, den Zacarias de la Cruz sie lehren würde, wenn er Rache nahm für ihren Ungehorsam.

Sie versuchte, die Plane an einem der Pferde zu befestigen, das merkte Zacarias an dem Geruch und wilden Getrommel der Hufe, mit dem das Tier sich gegen seine Gegenwart auflehnte. Er hätte ihr sagen können, dass kein Pferd ihn in seiner Nähe duldete, doch er verhielt sich still und wartete jetzt nur noch ab. Dass das Pferd sich weigerte zu kooperieren, hielt Marguarita jedoch nicht auf. Er hörte ihre Schritte. Offenbar zog sie nun die Plane selbst. Er wusste, dass sie allein war, weil er ihren keuchenden Atem hörte. Hin und wieder hielt sie inne, um Luft zu schnappen.

Zacarias fand es sehr bezeichnend, dass sie niemanden zu Hilfe rief. Okay, schreien konnte sie wahrscheinlich nicht, aber sie musste andere Möglichkeiten haben, auf sich aufmerksam zu machen. Die Rancharbeiter würden ihr zu Hilfe kommen, wenn sie ihnen ein Zeichen gab, doch vermutlich wusste sie, dass er ihnen befehlen würde, ihn sterben zu lassen, und sie gehorchen würden. Das Brennen in seinem Magen wurde noch heißer, heiß genug, um Zacarias vorübergehend auf die Idee zu bringen, die Verbrennungen könnten schon auf seine inneren Organe übergegangen sein.

Er konnte rein gar nichts sehen, spürte jedoch jeden Stoß der Steine an seinem Rücken und die glühende Hitze der Sonne, als Marguarita ihn weiterschleifte. Offenbar hatte sie vor, ihn ins Ranchhaus zu schaffen. Die versengende Hitze war erstaunlich wirkungsvoll, denn sie vertrieb jeden vernünftigen Gedanken, bis Zacarias nur noch schreien wollte vor Qual. Das Feuer schien schon bis in seine Knochen zu reichen.

Er versuchte, den Schmerz abzustellen, wie es ihm jahrhundertelang gelungen war, aber das unerbittliche Brennen der Sonne ließ sich nicht abstellen. Die vielen anderen Wunden, die er sich beim Kampf mit den Vampiren zugezogen hatte, machten es ihm unmöglich, sich gegen das Sonnenlicht abzuschotten. Selbst unter der Plane empfand er die Gluthitze wie brennende Pfeile, die von überall her in seinen Körper eindrangen. Die Hitze brachte sein Blut zum Kochen, und Flammen züngelten an seinen Eingeweiden hoch. Er konnte weder schreien noch protestieren und ließ sich einfach ziehen.

Marguarita schnaufte heftig, als sie seinen schweren Körper die beiden Stufen zur Eingangstür hinaufzerrte. Kaum war er innerhalb der dicken, kühlen Mauern der Hazienda – zumindest nahm er an, dort zu sein –, ließ Marguarita das Gurtwerk fallen. Zacarias hörte sie durch den Raum laufen und schwere Vorhänge vor den Fenstern zuziehen.

Du wirst für deinen Ungehorsam leiden, wie noch nie jemand gelitten hat, versprach Zacarias ihr auf telepathischem Weg.

Wieder hatte er das Gefühl, als fielen seine Worte durch Ritzen und Spalten, als könnte Marguarita nicht erfassen, was er zu ihr sagte, aber das kümmerte ihn nicht. Er wartete, bis sie vorsichtig die Plane ausrollte, und als die Ränder auseinanderklafften, riss er die dunklen Augen auf und suchte ihren Blick. Ein lang gezogenes Zischen, das brutale Vergeltung verhieß und dessen Bedeutung niemand missverstehen konnte, entrang sich seinen Lippen.

2. Kapitel

Marguarita Fernandez stockte der Atem, und sie hockte sich auf die Fersen. Was tat sie nur? Tief im Innersten, wo niemand sie hören konnte, befahl sie sich aufzuhören. Lass ihn sterben, wie er es verlangt!, sagte sie sich. Doch auch wenn sie es noch so oft wiederholte – sie konnte es einfach nicht. Es gab kein Zurück mehr, und jetzt würde er sie sicher töten. Sie hatte es gewagt, sich einem de la Cruz zu widersetzen. Und nicht nur irgendeinem de la Cruz. Sie hatte ausgerechnet den missachtet, über den die Männer nur im Flüsterton sprachen: Zacarias, dessen Namen niemand erwähnte, oder wenn doch, dann nur mit dem größten Respekt – und sogar Furcht.

Er hatte sie bereits gewarnt. Seine Worte waren für immer in ihr Herz geritzt: Du wirst für deinen Ungehorsam leiden, wie noch nie jemand gelitten hat. Er hatte ihr wiederholt befohlen, ihn in Ruhe zu lassen. Aber sie konnte es einfach nicht. Und sie hätte es ihm auch nicht erklären können. Sie kannte den Grund dafür ja selbst nicht. Und da sie keine Stimme hatte, blieb ihr auch keine andere Möglichkeit, als ihn so zu behandeln, als wäre er ein wildes Tier.

Es erforderte großen Mut, ja sogar körperliche Mühe, den Blick von seinem loszureißen. Mit zusammengepressten Lippen und ohne ihr wild pochendes Herz zu beachten, zog sie an seinen Kleidern, um die schwelenden Überreste von Stoff von der Haut zu lösen. Aber Marguarita schnappte nach Luft, und sie fuhr ein wenig zurück, als sie seine Wunden sah. Geronnenes Blut lag dick und hässlich über den geröteten Verbrennungen. Zacarias musste in einem furchtbaren Kampf gewesen und wiederholt verwundet worden sein, und er hatte sich nicht die Mühe gemacht, die Verletzungen zu heilen oder Blut zu sich zu nehmen. Zumindest ließ seine starke Blässe dies vermuten.

Es blieb keine Zeit für Feinheiten. Wahrscheinlich wurde er verfolgt. Die Untoten würden bei Sonnenaufgang unter der Erde sein, aber sie hatten alle möglichen abscheulichen Diener. Marguarita war seit ihrer Kindheit eingetrichtert worden, jederzeit auf Angriffe der Untoten auf die Hazienda und ihr Zuhause vorbereitet zu sein. Und so ließ sie Zacarias liegen und rannte durch das Haus, um jedes Fenster und jede Tür zu sichern und Waffen zurechtzulegen, bevor sie in die Küche eilte, um eine kühlende Lotion für die brennende Haut ihres Herrn zu mischen.

Sie trug den Krug zu dem Mann, der noch immer auf dem Boden lag. Sein Blick folgte ihr, aber er unternahm keinen Versuch mehr, ihr Angst einzujagen. Vielleicht, weil sie ohnehin so entsetzt war. Trotzdem waren seine Augen Furcht erregend; rote Flammen loderten in ihnen und die Verheißung bitterer Vergeltung. Marguarita vermied es, ihm ins Gesicht zu sehen. Sie hatte Angst davor, er könnte sie irgendwie kontrollieren, weil sie nicht die Absicht hatte, beiseitezutreten und ihn sterben zu lassen. Jede Faser ihres Körpers verlangte, dass sie ihm das Leben rettete – selbst auf Kosten ihres eigenen.

Ihre Hand zitterte, trotzdem trug sie die kühlende Lotion auf seinen Körper auf. Marguarita wusste, dass sie in den offenen Wunden brennen würde, aber sie musste zuerst das andere, durch die Sonne hervorgerufene Brennen stoppen, bevor sie Zacarias’ Verletzungen versorgen konnte. Sie gab sich alle Mühe, nicht auf seine wohlgeformten Muskeln und seine beeindruckende Männlichkeit zu achten, als sie mit dem weichen Waschlappen über Zacarias’ ausgesprochen maskulinen Körper fuhr.

Marguarita war es gewöhnt, in Gesellschaft von Männern zu sein. Sie hatte auf der Hazienda gearbeitet, solange sie sich zurückerinnern konnte, doch keiner der Männer hier hatte einen solchen Körper. Zacarias schien nur aus harten Muskeln, breiten Schultern und schmalen Hüften zu bestehen. Außerdem besaß er einen Furcht einflößenden Ruf. Nur wenige hatten Zacarias de la Cruz je persönlich gesehen, aber es gingen schreckliche Gerüchte um. Cesaro Santos, der Vorarbeiter der Ranch, hatte ihr nach dem Vampirangriff gesagt, dass Zacarias ihr das Leben gerettet hatte, doch sie war ihm nie begegnet, hatte niemals mit ihm gesprochen oder ihn auch vorher nur gesehen. Trotzdem wusste sie mit absoluter Sicherheit, dass dieser Mann der Älteste der Brüder de la Cruz und der Herr all der Haziendas war, die sich in ihrem Besitz befanden.

Sorgfältig reinigte sie seine Wunden und beruhigte ihn, als wäre er eines ihrer wilden Tiere, ohne zu wissen, ob es etwas nützte oder nicht. Sein Körper war wie tot, obwohl seine Augen weit offen standen und er den Blick auf ihr Gesicht gerichtet hielt. Er brauchte dringend Blut; er war viel zu blass, und seinen Verletzungen nach war offensichtlich, dass er viel zu viel verloren hatte. Sie konnte hören, wie ihr Herzschlag sich beschleunigte, aber sie war schon so weit gekommen, was spielte es da noch für eine Rolle, noch einen Schritt weiterzugehen? Er hatte sie ja ohnehin schon für ihre Handlungen verurteilt.

Mit einem tiefen Atemzug zog sie das Messer aus der Scheide an ihrer Taille, und bevor sie lange darüber nachdenken konnte, schlitzte sie sich das Handgelenk auf. Hätte sie schreien können, hätte sie in diesem Moment einen Schrei ausgestoßen, doch selbst wenn sie ganz weit den Mund öffnete, kam kein Ton heraus. Sie legte ihr Handgelenk über die Lippen ihres Herrn und ließ ihr Blut auf seine Zunge rinnen. Stumm forderte sie ihn auf zu schlucken. Das konnte er noch, dessen war sie sich ganz sicher. Als er sich jedoch nicht bewegte, schaute sie genauer hin und merkte, dass sein Mund das Blut zu absorbieren schien, als wäre Zacarias so ausgehungert, dass sein Körper jede Nahrung aufnahm, die er bekommen konnte. Das machte Sinn. Er war nahezu unsterblich. Sein Körper war dazu geschaffen, trotz der vielen Wunden weiterzuleben.

Marguarita gab ihm so viel Blut, wie sie wagte, vielleicht zu viel, denn ihr war ein bisschen schwindlig, als sie das Handgelenk schließlich zurückzog und ins Badezimmer taumelte, um die Wunde zu verbinden. Sie war inzwischen über Furcht und Schrecken hinaus und funktionierte, als wäre sie ferngesteuert. Niemand würde in dieses Haus hereinkommen, jetzt, da ihr Vater tot war. Er war bei dem Versuch gestorben, den Vampir daran zu hindern, sie, Marguarita, umzubringen. Kurz darauf war Zacarias eingetroffen. Die Arbeiter würden an der Tatsache, dass sämtliche Türen und Fenster verschlossen und mit dicken Vorhängen verhängt waren, erkennen, dass einer der Brüder de la Cruz im Hause war und beschützt werden musste, aber nicht gestört werden durfte. Cesaro würde das Vieh bewachen lassen und die Ranch für einen Kampf vorbereiten.

Marguarita öffnete alle Türen zwischen Zacarias und dem Schlafzimmer des Hausherrn, unter dem sich, wie sie wusste, der unterirdische Raum befand. Sie kämpfte mit dem riesigen Bett, um es aus dem Weg zu schieben, da es die schwere Falltür bedeckte, die zu dem verdunkelten Zimmer unter dem Haus führte. Marguarita schwitzte, als sie endlich wieder zu Zacarias zurückeilte. Ihr Handgelenk pochte und brannte, und ihre Beine fühlten sich schwach an.

Es war ungeheuer strapaziös, Zacarias wieder auf der Plane durch das Haus zu ziehen. Zum Glück hatte er endlich die Augen geschlossen. Er atmete nicht mehr und sah aus, als wäre er tot. Obwohl Marguarita die Grundlagen der karpatianischen Existenz kannte, war es dennoch irritierend für sie, ihn wie einen Toten daliegen zu sehen, obwohl sie so viel riskiert hatte, um ihn zu retten. Für einen Moment lief sie Gefahr zu hyperventilieren, ein Zustand, der sie oft aus den Albträumen erweckte, die sie seit dem Angriff des Untoten sehr häufig heimsuchten. Sie erkannte die Panik und zwang sich, ruhig und langsam zu atmen. Entschlossen zerrte sie an der Plane und brachte Zentimeter für Zentimeter hinter sich, bis sie zu der Falltür kam.

Dort biss Marguarita sich so fest auf die Unterlippe, dass sie zu bluten anfing. Wie in aller Welt sollte sie den schweren Mann nun die Treppe hinunterbringen? Sie hatte nicht weiter gedacht, als ihn in der heilkräftigen schwarzen Erde einzugraben, die die Brüder de la Cruz aus ihrem Heimatland mitgebracht hatten, um ihre vielen Ruheplätze damit auszustatten. Wenn sie Cesaro um Hilfe bat, würde er Fragen stellen, die sie nicht zu beantworten wagte.

Schließlich trat sie schulterzuckend vor Zacarias und zog ihn auf der Plane die Treppe hinunter. Natürlich hielt sie seinen Kopf, damit er nicht auf jeder Stufe aufschlug, aber sein Körper musste auf dem Weg nach unten viele Stöße ertragen. Obwohl seine Augen geschlossen waren und er zu atmen aufgehört haben schien, war sie sicher, dass er alles wahrnahm, was mit ihm geschah, denn als sie mit Wärme an seinen Geist rührte, hatte sie das Gefühl, mit diesem wilden Teil von ihm verbunden zu sein, wie es ihr bei Tieren auch gelang. Sie konnte zwar nicht sprechen, weil sie keine Stimme mehr hatte, doch sie übermittelte Zacarias den Eindruck von Kummer und Bedauern und gab ihm zu verstehen, dass es ihr leidtat. Und dass sie Angst hatte. Sicher würde das nicht genügen, um seinen Zorn zu dämpfen, aber eine andere Möglichkeit hatte sie nicht.

Als er endlich unten auf dem Boden lag, begann sie zu graben. Die Grube musste tief genug sein, um ihn von allen Seiten mit der Erde zu bedecken, die ihn hoffentlich heilen würde. Marguarita hätte in den Werkzeugschuppen laufen können, um eine Schaufel zu holen, aber sie wollte nicht riskieren, jemandem zu begegnen. Sie log nie, nicht einmal in ihrer Zeichensprache. Bis jetzt war sie auch noch nicht sehr geschickt darin, und da nur wenige sie verstanden, schrieb sie das meiste auf. Aber dann würden ihre Hände zittern, und Cesaro würde wissen, dass irgendetwas nicht in Ordnung war.

Also grub sie mit den Händen. Die Erde war gut und fruchtbar, ein schwarzer Lehm, der, wie sie wusste, reich an Nährstoffen und Mineralien war. Marguarita brauchte fast den ganzen Morgen und war verschwitzt und schmutzig, als sie endlich mit der Tiefe der Grube zufrieden war. Zacarias’ Körper musste vollkommen von der Erde umgeben und bedeckt sein, wenn er richtig heilen sollte.

Marguarita zog die Plane an den Rand der Grube, wobei ihr fast ein bisschen übel wurde, weil es sich so anfühlte, als versuchte sie, einen Mord zu vertuschen. Auch diesen Tag konnte sie ihren Albträumen hinzufügen. Sie kauerte sich vor den Rand der Grube, legte fest die Hände auf Zacarias’ Schulter und Hüfte und drückte mit aller Kraft. Zum Glück war sie stark, da sie schon als Kind mit Pferden umgegangen war, aber es war trotzdem keine leichte Aufgabe, ihn in die Grube zu befördern.

Zacarias landete auf der Seite und lag da wie eine Stoffpuppe – oder eine Leiche. Marguarita presste eine zitternde, schmutzige Hand an ihren Mund und fühlte sich sehr schwach. Ein paar Minuten ruhte sie sich aus, bevor sie Zacarias mit der schwarzen Erde zu bedecken begann. Als er völlig unter ihr begraben war, ließ sie sich neben ihm auf die Knie fallen und erlaubte sich einen kleinen Panikanfall.

Wozu hatte sie sich hinreißen lassen? Die Familie de la Cruz stellte sehr wenig Ansprüche an ihre Leute. Jeder, der für sie arbeitete, war reich geworden, egal, welche Maßstäbe man anlegte. Alle besaßen eigene Ländereien, die an die der de la Cruz’ angrenzten, weil eines der Familienmitglieder das Land für sie erworben hatte. Cousinen, Tanten, Onkel – für jeden Verwandten wurde gesorgt. Väter gaben das Erbe an ihre Söhne weiter, Mütter an ihre Töchter. Und alle hatten stets gehorcht – bis auf sie, Marguarita. Durch ihren Ungehorsam hatte sie Schande über den Namen ihrer Familie gebracht, und sie zweifelte nicht daran, dass sie teuer dafür bezahlen würde.

Marguarita schob das Kinn vor und zwang sich aufzustehen. Sie war eine Fernandez, die Tochter ihres Vaters. Sie würde nicht davonlaufen, sondern bleiben und auf sich nehmen, was immer Zacarias de la Cruz als Strafe für sie vorgesehen hatte. Ein Erschauern durchlief sie, und ihr war, als strichen eisige Finger über ihre Wirbelsäule. Er wirkte fast nicht menschlich. Nicht einmal wie ein Karpatianer. Er war wirklich Furcht erregend, dieser Mann.

Aber sie konnte ihr Handeln nicht mehr rückgängig machen. Sie verstand es nicht und schob es auf ihr Mitgefühl für alles, was litt, doch das erklärte nicht, warum sie sich ihrem Herrn widersetzt hatte, nachdem er ihr befohlen hatte, ihn sterben zu lassen. Warum aber sollte er sich dafür entscheiden, in der Sonne zu verbrennen? Es war ein fürchterlicher Tod, und wie konnte er denken, dass sie dabeistehen und mitansehen würde, wie er sich umbrachte?

Er hatte ihr das Leben gerettet. Sie berührte ihre zerfetzte Kehle und strich mit erdverschmierten Fingern über die Narben dort. Manchmal, wenn sie nachts schweißgebadet erwachte und zu schreien versuchte, aber keinen Ton herausbrachte, dachte sie, sie hätte Zacarias gerufen, damit er sie rettete. Ganz schwach konnte sie das Echo seines Namens in ihrem Kopf vernehmen, als hätte sie gerade mal seinen Namen über die Lippen gebracht. Nun war er hier und war ganz und gar nicht die Fantasiegestalt, die sie in ihrem Geist heraufbeschworen hatte.

Zacarias ängstigte sie auf eine elementare Weise, tief in ihrem Innern. In ihrer Seele. Sie drückte sich eine Faust aufs Herz, das so wild pochte, dass es außer Kontrolle zu geraten drohte. Er war ein gut aussehender Mann, hatte einen wunderbar gestählten Körper und schien alles zu sein, was eine Frau sich erträumen mochte, aber seine Augen … und sein Gesicht … Er war beängstigend, und alle mädchenhaften Fantasien, die sie im Stillen gehegt hatte, hatten sich aufgelöst, als sie ihm begegnet war.

Marguarita klopfte sich die Erde von den Kleidern und aus den Haaren und stieg langsam aus der unterirdischen Kammer. Sie durfte keine Spuren hinterlassen. Falls die Marionette eines Vampirs die Schutzzauber der Hazienda überwinden sollte, durfte keine Spur zu Zacarias’ Ruhestätte führen. Sorgsam schloss Marguarita die Falltür und fegte und wischte den Fußboden, aus Angst, dass Zacarias’ Blut entdeckt werden könnte. Es war äußerst schwierig, das Bett wieder an seinen Platz zurückzuschieben, aber sie schaffte es und zog die Decken sorgfältig zurecht.

Sie weigerte sich, über ihr Verhalten oder die Furcht nachzudenken, die sich auf heimtückische Weise in ihren Kopf einschlich. Sie hatte noch viel Arbeit und würde jedes noch so kleine Anzeichen dafür entfernen, dass Zacarias draußen im Freien oder im Haus gewesen war. Marguarita goss sich eine Tasse mate de coca auf, einen Tee aus Coca-Blättern, und nahm sich Zeit, das kleine Stärkungsmittel zu genießen, das sie benötigte, um weitermachen zu können.

Sie reinigte das ganze Haus, jedes Zimmer, ging mit dem Mopp über die Fußböden, wischte Staub und versprühte überall einen starken Zimtgeruch. Dann bewaffnete sie sich und ging hinaus, folgte der Schleifspur der Plane zurück zu den Ställen und entfernte alle Anzeichen, dass etwas Schweres durch das feuchte Gras gezogen worden war. In der Nähe des Stalls, wo Zacarias gesessen und dann gelegen hatte, um auf den Tod zu warten, war etwas von dem Gras versengt. Sorgfältig zupfte Marguarita jeden trockenen Halm aus.

Erschöpft trank sie eine weitere Tasse Tee und duschte dann und wechselte erneut die Kleider, die sie gründlich mit parfümierter Seife wusch, um jeden noch verbliebenen Geruch zu überdecken. Als sie endlich zufrieden und überzeugt war, ihr Möglichstes getan zu haben, ging sie hinaus, um mit dem Vieh zu helfen.

Cesaro entdeckte sie, als sie auf ihrer Lieblingsstute Sparkle aus dem Stall geritten kam. Er hatte das Gesicht zu einer grimmigen Miene verzogen und winkte ihr zu.

»Der älteste Bruder ist gekommen, nicht?«, begrüßte er sie, während er sein Pferd neben ihre Stute lenkte.

Marguarita sah keinen Grund, es abzustreiten. Außerdem hatte sie durch das Schließen der schweren Vorhänge schon signalisiert, dass sich ein de la Cruz im Haus aufhielt. Nur wenn einer der Hausherren da war, wurden die Vorhänge geschlossen. Und deshalb nickte sie Cesaro zu.

»Ich wusste es. Die Rinder und Pferde fühlen sich unwohl in seiner Gegenwart. Und du solltest vielleicht deine Tante in Brasilien besuchen.«

Marguarita zog fragend die Brauen hoch.

Cesaro zögerte, weil er offenbar nicht illoyal erscheinen wollte. »Er ist schwierig, Marguarita. Ganz anders als die anderen.«

Sie schrieb ein Fragezeichen in die Luft.

Cesaro seufzte. »Ich bin mir nicht sicher, wie ich es dir erklären soll. Ich lernte ihn vor vielen Jahren kennen, als ich noch ein Junge war. Er war der einzige Mann, der meinem Vater Angst einflößte – ihm und all den anderen Männern auf der Ranch. Und vor Kurzem, als wir deinen Vater verloren, als dieser …« Er unterbrach sich und zeigte auf ihren Hals. »Da war er sogar noch schlimmer geworden.«

Sie wiederholte das Fragezeichen.

Cesaro zuckte die Schultern, da ihm das Thema anscheinend unangenehm war. Er blickte sogar zum Haupthaus der Hazienda hinüber, als könnte Zacarias sie hören – und soweit Marguarita wusste, konnte er das vermutlich auch.

»Wenn als Gebrauchspferde gezüchtete Tiere verängstigt sind, nur weil er in der Nähe ist, sollte dir das etwas sagen, Marguarita. Als er das letzte Mal hier war, hat er dir das Leben gerettet, war aber nahe daran, mir das meine zu nehmen.« Einen Moment lang blieb er schweigend sitzen und zuckte dann wieder die Schultern. »Ich hätte mein Leben gegeben, um seines zu retten, trotzdem stimmt was nicht mit ihm. Sogar sein Freund macht sich Sorgen. Es ist besser, wenn du nach Brasilien fährst.«

Marguarita ließ sich die Warnung durch den Kopf gehen. Hatte Zacarias versucht, sich das Leben zu nehmen, weil er nahe daran war, etwas zu werden, was er nicht sein wollte? Sie senkte den Kopf, weil sie Cesaro nicht in die Augen schauen konnte. Die Idee, sich zu ihrer Tante nach Brasilien zu flüchten, war verlockend, doch sie wusste, dass sie das nicht konnte. Deshalb straffte sie die Schultern und zeigte auf die Tiere.

Cesaro seufzte. »Du bist eine sehr eigensinnige junge Frau, Marguarita, aber ich bin nicht dein Vater und kann dir nicht befehlen fortzugehen.«

Sie schwenkte die Hand in Richtung Pferde und ignorierte seinen Versuch, ihr ein schlechtes Gewissen zu machen. Es gab auch so schon genug, weswegen sie sich schuldig fühlte. Auf jeden Fall hatte sie bemerkt, dass einige der Männer sie fast schon so zu behandeln begannen, als wäre sie auch taub. Und obwohl das einerseits sehr ärgerlich war, konnte es in einer so männlich geprägten Welt andererseits auch durchaus von Vorteil für sie sein.

»Ja, wir könnten deine Hilfe gebrauchen, um die Pferde zu beruhigen. Wir haben drei Stuten, die jeden Moment fohlen werden, und ich will nicht, dass etwas schiefgeht. Also lauf zu ihnen in den Stall und sieh zu, ob du sie zur Ruhe bringen kannst!«

Es war höchst ungewöhnlich für peruanische Pasos, nervös zu sein. Sie wurden gerade wegen ihres ausgeglichenen Temperaments gezüchtet. Ein Tier, das Anzeichen von Schreckhaftigkeit erkennen ließ, wurde nicht zur Zucht benutzt. Die Pferde der Hazienda der Brüder de la Cruz galten als einige der besten auf der Welt, und trotzdem hatte Zacarias alle sehr verschreckt, sogar die Arbeitspferde.

Marguarita nickte, aber sie befürchtete, einen sehr schlimmen Fehler begangen zu haben. Dennoch sandte sie den ruhelosen Tieren, die sich in einer fernen Ecke der Koppel zusammendrängten, wohltuende, beruhigende Schwingungen. Dann schwenkte sie die Hand in Richtung Himmel, zeigte auf ihre Zähne und machte ein Zeichen, das auf einen möglichen Angriff von Vampiren hinwies.

Cesaro nickte. Von allen auf der Ranch verstand er ihre seltsamen Zeichen am besten zu deuten. »Wir sind uns der Gefahr eines Angriffs auf die Ranch bewusst, wenn einer der Besitzer sich hier aufhält. Alle sind bewaffnet, die Frauen und Kinder haben sich in Sicherheit gebracht – mit Ausnahme von dir. Sowie die Pferde sich beruhigen, gehst du ins Haus und schließt alles gut ab.«

Sie gab ihm zu verstehen, dass sie sich darum bereits gekümmert hatte, und berührte das Gewehr, die Handfeuerwaffe und das Messer, die sie bei sich hatte. Sie war so gut auf einen Angriff vorbereitet, wie sie konnte, obwohl der Gedanke daran fast so beängstigend war wie das Wissen, dass sie Zacarias nicht gehorcht hatte.

Cesaro nickte anerkennend. Wie alle anderen auf der Ranch hatte auch Marguarita schon in sehr jungen Jahren lernen müssen, mit Waffen umzugehen. Cesaro versteifte sich ganz plötzlich und zeigte mit besorgter Miene auf irgendetwas hinter ihr. »Dein Zukünftiger ist schon wieder hier, um dir den Hof zu machen.«

Sie zog einen Stift und einen Notizblock aus der Tasche und schrieb:

Er ist nicht mein Zukünftiger. Warum magst du ihn nicht?

»Dein Vater hat ihn ausgewählt, nicht ich. Ein Stadtmensch«, sagte er mit spöttischem Beiklang in der Stimme. »Er ist aalglatt, aber er hat keine Ahnung von dem Leben auf einer Ranch. Du wärst mit Ricco oder Julio, meinem Sohn, viel besser dran.« Cesaro erhob sich ein wenig in den Steigbügeln und beugte sich über den Nacken seines Pferdes zu ihr vor. »Auf mich wirkt er nicht überzeugend. Er sieht auf uns herab, sogar auf dich. Ricco oder Julio würden besser zu dir passen.«

Marguarita mochte Ricco, einen der Männer, die mit den Rindern arbeiteten, und kannte ihn schon seit Jahren. Mit Julio war sie praktisch aufgewachsen. Es war unmöglich, ihn als etwas anderes als ihren Bruder zu betrachten. Und Cesaro war für sie wie ein zweiter Vater, dem sie genauso alles recht machen wollte wie früher ihrem eigenen.

Er drängt nicht auf eine ernsthafte Beziehung, schrieb sie. Seit dem Tod meines Vaters ist er nur nett zu mir gewesen.

Cesaro zuckte die Schultern, doch die steile Falte zwischen seinen Brauen glättete sich nicht. »Du kannst ihn nicht ins Haus lassen, Mädchen. Schick ihn weg!«

Marguarita warf Cesaro einen ärgerlichen Blick zu und steckte Papier und Stift wieder ein. Sie wusste selbst, welche Vorsichtsmaßnahmen auf der Hazienda nötig waren. Mit einem knappen Nicken wendete sie die Stute wieder, um sie in den Stall zu bringen, und winkte Esteban Eldridge zu, als er in seinem Pick-up auf die Koppel zufuhr. Sie hatte keine Ahnung, wie der Wagen so sauber bleiben konnte, wie er immer war. Esteban trug seinen Reichtum nicht zur Schau, aber er war eine beeindruckende Erscheinung, sehr attraktiv -zumindest war er es für sie gewesen, bevor sie Zacarias zu Gesicht bekommen hatte. Sogar verletzt und versengt strahlte Zacarias de la Cruz eine robuste, animalische Schönheit aus, obwohl selbst das schon eine zu fantasielose Beschreibung war. Zacarias beherrschte jeden Raum, in dem er sich befand. Aber Esteban ängstigte sie nicht und er bedrohte sie auch nicht in dieser elementaren Weise wie der Älteste der Brüder de la Cruz. Und Marguarita wusste, wann ein Mann sich ernsthaft für sie interessierte – was bei Esteban nicht der Fall war. Doch sie fand wirklich großes Vergnügen an der Gesellschaft seiner Schwester Lea.

Cesaro saß auf seinem Pferd und beobachtete sie. Sie konnte seinen durchdringenden Blick spüren, und es ärgerte sie, dass er möglicherweise dachte, sie könnte ihren Ehrenkodex eines Außenseiters wegen verraten. Bei dem Gedanken senkte sie den Kopf. Sie hatte ihren Kodex schon verraten, aber nicht so, wie Cesaro vielleicht dachte, und er würde noch früh genug von ihrem Vergehen hören.

Sie schwang sich von der Stute und beobachtete Esteban, der ein beeindruckendes Bild abgab, als er mit großen, zielstrebigen Schritten auf sie zukam. Ihr Vater hatte sie miteinander bekannt gemacht, und Esteban war sehr von sich überzeugt. Er tat so, als hätte er ihr schon vor dem Vampirangriff den Hof gemacht, doch es war ihm nie wirklich ernst damit gewesen. Esteban hatte offenbar gern seinen Spaß, und er war tatsächlich ein Stadtmensch. Cesaro hatte recht gehabt, als er gesagt hatte, Esteban blicke auf die Rancharbeiter herab und nehme sie fast nicht zur Kenntnis. Wie könnte sie sich in einen solchen Mann verlieben?

Er war sehr freundlich gewesen nach dem Tod ihres Vaters und oft mit seiner Schwester Lea zu Besuch gekommen, doch seit ihrem »Unfall«, der ihr die Fähigkeit zu sprechen genommen hatte, behandelte er sie wie viele der anderen: als könnte sie auch nicht mehr hören oder vielleicht sogar nicht einmal mehr sehen. Lea dagegen verhielt sich ganz natürlich ihr gegenüber.

Marguarita lächelte und winkte noch einmal zur Begrüßung.

»Marguarita.« Ihr Name kam Esteban überraschend leicht über die Lippen, und er nahm ihre Hand und zog sie kurz an den Mund. »Du siehst bezaubernd aus wie immer.«

Sie nahm Papier und Stift aus der Tasche und schrieb:

Ich hatte dich heute nicht erwartet.

»Ich habe mich endlich dazu entschlossen, ein paar Pferde zu kaufen, und ich dachte, du würdest vielleicht vorbeikommen, um sie dir anzusehen und mir zu sagen, was du von ihnen hältst.«

Sie runzelte die Stirn. Esteban lebte in einem eleganten Haus am Rand der größten Stadt in der Nähe. Er ritt, aber er war kein großer Anhänger davon. Im Grunde hatte er nicht einmal Platz, um die Tiere zu halten. Bevor sie ihre Frage aufschreiben konnte, um zu erfahren, was er mit den Pferden vorhatte, blickte er sich um und bemerkte die große Anzahl bewaffneter Männer, die sich um das Haus herum aufhielten.

»Ist irgendetwas nicht in Ordnung?«, fragte er.

Marguarita zuckte die Schultern und ging in den Stall zu den Boxen der drei trächtigen Stuten, die unruhig mit den Hufen scharrten. Ihr war sehr stark bewusst, wie dicht Esteban hinter ihr blieb. Sie konnte ihn hören und fühlen, und ihre gesteigerte Wahrnehmung von Zacarias, der so verwundbar in der Erde lag, machte sie nervös und angespannt. Für gewöhnlich freute sie sich über Besuche der Eldridges, besonders über die Leas. Esteban war weltmännisch und kultiviert, doch manchmal gingen ihr seine übertriebenen Flirtversuche auf die Nerven, weil sie spürte, dass sie nicht ernst gemeint waren. Die Männer, mit denen sie aufgewachsen war, wussten, dass sie ebenso gut reiten und schießen konnte wie sie, wenn nicht sogar besser. Esteban dagegen gab ihr das Gefühl, sehr feminin zu sein, und behandelte sie wie eine zerbrechliche Frau, ohne den Umstand in Betracht zu ziehen, dass sie ausgesprochen tüchtig war. Im Moment konnte sie an nichts anderes als an einen unmittelbar bevorstehenden Angriff auf die Ranch denken, einen Angriff durch den schlimmsten und bösartigsten Feind, den man sich vorstellen konnte. Sie wollte Esteban nicht in der Nähe der Hazienda haben.

»So haben sich eure Pferde noch nie verhalten«, bemerkte er. »War heute Morgen ein Jaguar in der Nähe?«

Bei der Besorgnis, die sie in seiner Stimme hörte, wurde ihr trotz der Situation ganz warm ums Herz. Er glaubte, sie habe ihre Stimmbänder verloren, weil ein Jaguar ihr die Kehle aufgerissen hatte, und ihr Vater sei gestorben, als er ihr das Leben gerettet hatte. In Wahrheit war es der Angriff eines Vampirs gewesen, der Zacarias’ Ruhestätte gesucht hatte. Wieder zuckte sie die Schultern, weil sie Esteban nicht belügen wollte. Eine Lüge aufzuschreiben kam ihr irgendwie noch schlimmer vor, als sie auszusprechen.

»Lea lässt dich grüßen. Sie hofft, dich bald zu sehen.«

Marguarita schenkte ihm ein Lächeln, bevor sie die Boxentür öffnete und zu der hochträchtigen Stute ging. Sie legte ihr eine Hand auf den verkrampften Nacken und sandte dem Tier beruhigende Schwingungen zu, bis es sich entspannte. Esteban sagte nichts; er beobachtete nur, wie sie von Box zu Box ging und die Pferde beruhigte. Seine Gegenwart machte sie langsam nervös, und sie verspürte ein äußerst ungutes Gefühl im Magen. Es kostete sie große Mühe, die Nervosität nicht auf die Tiere zu übertragen.

Esteban stand still vor den Boxen, die sie betrat, und folgte jeder ihrer Bewegungen mit wachsamen Blicken, und Marguaritas Unbehagen nahm zu, bis ihre Haut kribbelte, als bohrten sich tausend Nadeln in sie. Sie rieb sich die Arme und trat aus der letzten Box hinaus. Die Pferde fraßen jetzt friedlich, sodass ihre Arbeit für den Moment erledigt war. Nach einem tiefen Atemzug drehte sie sich zu Esteban um und rang sich ein Lächeln für ihn ab.

Er nahm ihre Hand und zog Marguarita an sich. Komischerweise wurde das Kribbeln auf ihrer Haut zu einem Brennen unter seinen Fingern. Sie entzog ihm die Finger und rieb mit beiden Händen über ihre Hose, um die seltsame Empfindung loszuwerden.

»Es erstaunt mich immer wieder, wie gut du mit Pferden umgehen kannst. Sie vertrauen dir.« Normalerweise freute sie sich über Komplimente, aber im Moment, mit dem Herrn des Hauses in der Nähe, wollte sie nur, dass Esteban ging. Noch nie hatte sie ein solch quälendes Unbehagen verspürt. Ihr brach der Schweiß aus, und sie konnte die zunehmende Feuchte zwischen ihren Brüsten spüren. Das Brennen an ihrer Hand ließ nach, hörte aber nicht ganz auf. Nervös befeuchtete sie die Lippen und nahm wieder Stift und Block zur Hand.

Ich hatte schon immer eine Affinität zu Tieren. Und, ja, ich werde in ein paar Tagen kommen, um mir die Pferde anzusehen. Aber warum willst du sie kaufen? Bisher warst du doch nie an Pferden interessiert.

Sie würde jedenfalls keinen ihrer geliebten peruanischen Pasos Esteban zum Kauf anbieten wollen. Er hatte sie bisher noch nicht einmal gestreichelt.

Sein Lächeln war sehr breit und offenbarte perfekte Zähne. »Ich habe meine Leidenschaft für das Polospiel entdeckt. Bisher hatte ich mir von einem Freund ein Pferd geliehen, doch jetzt will ich mein eigenes haben.«

Er klang aufgeregt wie ein kleiner Junge. Sie wollte sich für ihn freuen und seine Aufregung teilen, aber sie wusste, dass ihm im Grunde nichts an Pferden lag. Jedenfalls nicht wie ihr. Und das war der Hauptgrund für ihr Zögern, seine Werbung so ernst zu nehmen, wie ihr Vater es gern gesehen hätte. Ricco und Julio dagegen saßen jeden Tag auf einem Pferd. Sie liebten und verstanden die Tiere und konnten Marguaritas Zuneigung und ihr Bedürfnis, mit ihnen zusammen zu sein, nachempfinden. Das würde bei Esteban nie der Fall sein. Esteban Eldridge schien ein liebenswerter Mann zu sein, doch er wirkte nicht ganz aufrichtig. Sie war überrascht, dass ihr Vater das nicht bemerkt hatte.

Wo willst du die Pferde denn unterbringen?

»Mein Freund, Simon Vargas, sagte, ich könnte sie auf seiner Hazienda halten.«

Marguarita bemühte sich, ihr Erschrecken zu verbergen. Simon Vargas reiste oft in andere Länder, um Polo zu spielen, verbrachte sehr viel Zeit damit, sich auf Videoaufnahmen zu bewundern, in Bars herumzusitzen, um zu trinken und Frauen aufzureißen, aber er hatte keine Zeit für seine Tiere. Er beschäftigte zwar Pferdepfleger, kümmerte sich jedoch kaum darum, ob sie ihre Arbeit erledigten oder nicht.

»Lass uns ins Haus gehen und etwas trinken und einen Termin ausmachen!«, schlug Esteban vor. »Ich weiß nicht, was diese Leute sich dabei denken, dich draußen herumlaufen zu lassen, wenn ein Jaguar hier herumstreift.« Ohne ihre Antwort abzuwarten, legte er ihr eine Hand auf den Rücken.

Marguarita stockte der Atem, als ein scharfer Schmerz sie jäh durchzuckte. Unter dem Vorwand, der Stute noch einmal den Hals zu klopfen, trat sie von Esteban zurück und nahm dann wieder Papier und Stift heraus.

Tut mir leid. Keine Zeit. Cesaro braucht mich. Wir treffen uns ein andermal.

Esteban setzte die gleiche finstere Miene auf, wie wenn seine jüngere Schwester Lea ihn ärgerte. Marguarita hatte es immer ziemlich drollig gefunden, doch jetzt fühlte sie sich bedrängt. Nichts lief heute, wie es sollte. Ihre Haut war zu empfindlich, und Esteban war ein leicht reizbarer Mann.

»Dein Vater würde dir nie erlauben, dich im Freien aufzuhalten, wenn Gefahr droht. Ich muss mit Cesaro Santos reden.«

Sein herrischer Ton verärgerte sie. Sie wusste, dass Esteban seine Schwester herumkommandierte und die Tendenz hatte, ihr gegenüber genauso autoritär aufzutreten. Normalerweise verdrehte sie nur die Augen und beachtete ihn nicht, aber heute war sie zu besorgt, dass jemand von Zacarias’ Anwesenheit erfahren könnte – und von ihrem Ungehorsam. Esteban hatte keine Ahnung, dass er sie ermunterte, ausgerechnet den Ort zu betreten, an dem das gefährlichste Raubtier schlief.

Wir alle arbeiten für unseren Lebensunterhalt, schrieb sie. Es ist sehr lieb von dir, dich um mich zu sorgen, doch ich wurde großgezogen, um diese Arbeit hier zu verrichten.

»Du wurdest großgezogen, um den Arm eines Mannes zu schmücken, Marguarita, und nicht, um zu schuften, bis du umfällst.« Ohne darauf zu achten, wie eifrig sie schrieb, fuhr er fort: »Erzähl mir von dem Trick, den du bei den Pferden anwendest! Beeinflusst du sie auf telepathischem Weg? Mit deinen Gedanken? Lea sagt, du könntest ohne Sattel oder Zaumzeug reiten und das Pferd ginge auf jeden deiner Wünsche ein.«

Marguarita war auf die Frage nicht gefasst und musste alles durchstreichen, was sie geschrieben hatte. Sie hasste das. Eine Unterhaltung war ein Dialog, bei dem mal der eine, mal der andere sprach, aber nur wenige Leute besaßen die Höflichkeit zu warten, bis sie ihre Antwort aufgeschrieben hatte. Was sehr frustrierend war. Sie versuchte, die Zeichensprache zu erlernen, doch sie arbeitete mit einem Buch, und nur Cesaro, Julio und Ricco versuchten, sie zu verstehen.

Meine Gegenwart beruhigt die Pferde irgendwie.

Es war mehr als das, doch sie wusste nicht, wie sie ihre Fähigkeit, sich mit einem Pferd zu verständigen, beschreiben sollte. Es war ihr immer gelungen, Tiere zu beruhigen und ihre Gefühle mit ihnen zu teilen, und sie reagierten schlicht und einfach nur in gleicher Weise.

»Kannst du auch einen Menschen beeinflussen?«

Ihr Blick flog zu seinem. Esteban betrachtete sie mit einem durchdringenden Blick. Unwillkürlich runzelte sie die Stirn, als sie die Antwort schrieb:

Wie könnte ich einen menschlichen Verstand manipulieren?

Ihr gefiel der Themenwechsel nicht. Es bereitete ihr immer Unbehagen, über ihre Gabe zu sprechen. Ihre Angehörigen vermieden es einfach, über ihre ungewöhnliche Fähigkeit zu sprechen. Sie freuten sich für Marguarita, dass sie mit den Tieren auf der Ranch arbeiten konnte, aber mit Pferden »zu sprechen« war unvertretbar in einer Welt, in der viele unerklärte Dinge einen üblen Ursprung haben konnten. Ihr Vater hatte sich kurz vor seinem Tod dafür zu interessieren begonnen, ob man es als »übersinnliche Fähigkeit« bezeichnen konnte oder nicht, doch seit er nicht mehr lebte, war es Marguarita ziemlich egal, in welche Schublade man ihre Gabe steckte.

»Nun geh nicht gleich in die Defensive!«, sagte Esteban beschwichtigend. »Lea und ich hatten einen kleinen Streit darüber. Sie meinte, du verständigst dich mit Pferden. Ich dachte, es sei vielleicht mehr eine Begegnung auf geistiger Ebene … dass du sie irgendwie dazu bringst, dir zu gehorchen, und das Gleiche möglicherweise auch bei Menschen bewirken könntest.«

Marguarita biss sich auf die Lippe, weil er der Wahrheit schon zu nahe kam.

»Ist es ein Familiengeheimnis, über das ich zufällig gestolpert bin?«, fragte er mit unverhohlener Belustigung in der Stimme.

Familiengeheimnisse hatte sie viele, und im Vergleich zu anderen war dieses hier nur winzig klein. Sie merkte, dass ihre Laune immer schlechter wurde, weil sie sich nicht mit Esteban und seinem irritierenden Charme befassen wollte, wenn sie mit einem Angriff von Vampiren oder deren Marionetten rechnen mussten.

Es tut mir leid, Esteban, schrieb sie. Ich habe jetzt wirklich keine Zeit für diese Unterhaltung. Ich muss wieder an die Arbeit. Ich hoffe, du verstehst. Wir können einen anderen Tag ausmachen, um uns deine Pferde anzusehen.

Um sicherzugehen, dass er verstand, dass das »Gespräch« damit für sie beendet war, steckte sie Block und Stift mit Nachdruck in die Tasche zurück, nachdem er ihre Worte gelesen hatte.

Er bedachte sie mit einem ärgerlichen Blick. »Ich finde, dass dein Benenehmen sehr zu wünschen übrig lässt, Marguarita. Dein Unfall gibt dir nicht das Recht, unhöflich zu sein.«

Er war ihr plötzlich viel zu nahe. Sie konnte die eisige Wut spüren, die von ihm ausging. Der Stall war auf einmal viel zu klein und viel zu weit entfernt von allen anderen Arbeitern auf der Ranch. Esteban bedrängte sie, bis sie es nicht mehr aushielt und zurücktrat.

»Marguarita.« Die harte Männerstimme ließ beide zum Eingang herumfahren.

Marguarita atmete erleichtert auf.

Julio Santos saß auf seinem Pferd und hielt die scharf blickenden dunklen Augen auf Esteban gerichtet. Er streckte Marguarita eine Hand hin. »Du wirst gebraucht. Komm mit!«

Sie zögerte nicht, um Esteban herumzugehen und Julios Hand zu ergreifen. Er zog sie hinter sich aufs Pferd. Marguarita erwartete, dass er gleich wieder losreiten würde, aber er blieb ruhig im Sattel sitzen und musterte Esteban. Für einen langen, angespannten Moment beäugten sich die beiden Männer schweigend.

»Alles in Ordnung, Marguarita?«, fragte Julio dann.

Sie schlang ihm die Arme um die Taille, legte den Kopf an seinen Rücken und nickte, damit er die Bewegung spüren konnte. Wieder reagierte ihre Haut mit diesem eigenartigen Brennen, als sie mit Julio in Berührung kam. Sie zog den Kopf zurück und winkte Esteban zu, als wäre alles in Ordnung, und ohne nachzudenken, drängte sie das Pferd im Geiste, den Stall so schnell wie möglich zu verlassen. Julio war nicht vorbereitet auf die plötzliche Bewegung, aber er war ein exzellenter Reiter und bewegte sich mit dem Tier.

»Das nächste Mal warnst du mich.«

Sie umfasste Julios Taille noch fester, um sich zu entschuldigen.

»Vater schickt mich. Er will Esteban nicht auf der Hazienda haben. Vater bedrängt mich immer noch mit der Idee, dass aus uns beiden was werden soll. Ich musste mir mal wieder einen seiner verdammten Vorträge darüber anhören, wie ich mir einen solchen Schatz wie dich entgehen lassen kann.« Er tätschelte ihr mit seinen behandschuhten Fingern die Hand. »Hat er das auch bei dir gemacht?«, fragte er mit unüberhörbarem Mitgefühl in der Stimme.

Marguarita nickte an seinem Rücken. Das fürchterliche Brennen war diesmal noch schlimmer und erstreckte sich bereits auf ihre Arme, obwohl ihre Haut dort von dem Stoff der Bluse bedeckt war. Voller Unbehagen lockerte Marguarita den Griff und benutzte ihre Knie, um sich festzuhalten. Julios Pferd war so ruhig, dass wahrscheinlich nicht mal diese Vorsichtsmaßnahme nötig war.

Julio brachte sie immer zum Lachen. Sie liebte ihn wie einen Bruder und hegte keinen Zweifel, dass er sie genauso fürsorglich und innig liebte – vielleicht sogar noch mehr. Julio war einer der besten Männer, die sie kannte. Aber sie waren von Geburt an zusammen aufgewachsen, und wann immer jemand meinte, sie würden auch ein großartiges Paar abgeben, schütteten sie sich darüber aus vor Lachen. In letzter Zeit jedoch, seit Esteban in Erscheinung getreten war, versuchte Cesaro, sie so aufdringlich zusammenzubringen, dass es richtig unangenehm wurde.

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