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Dunkle Geheimnisse

1. KAPITEL

Felix betrachtete seine Freundin kopfschüttelnd: Rosalie war noch immer damit beschäftigt, ihre Sachen zu packen. Sie hatte ihm gerade mitgeteilt, dass sie die Nase voll hatte davon, mit Miriam verglichen zu werden – sie würde niemals so werden wie Felix’ Exfrau.

„Ich sage dir was“, giftete Rosalie nun. „Wenn Miriam ihren Robert nicht hätte, würdest du mit fliegenden Fahnen zu ihr überwechseln.“

„Das ist lächerlich!“, protestierte er, wenngleich ein wenig halbherzig. „Und so kommen wir doch nicht weiter. Es geht hier doch um dich und mich.“

„Richtig!“, schnaubte sie. „Und was ist das genau zwischen uns?“ Er überlegte, und das machte sie nur noch wütender. „Ich würde behaupten: Eine Menge Streit, und zur Versöhnung gibt es guten Sex.“

„Jetzt mach aber mal einen Punkt …“ Sie ließ ihn nicht weitersprechen.

„Ist doch wahr!“, rief sie. „Ich will nicht nur der Ersatz für Miriam sein. Das ist mir zu wenig. Ich will einen Mann, der mich wirklich liebt! Und das tust du nicht!“ Ratlos stand er vor ihr. Insgeheim musste er zugeben, dass ihre Vorwürfe nicht völlig aus der Luft gegriffen waren. Aber er brauchte sie. Sie durfte ihn doch jetzt nicht verlassen.

„Wie lange sind wir jetzt zusammen – einen Monat?“ Er versuchte, so ruhig wie möglich zu klingen. „Wir müssen uns doch erst richtig kennenlernen. Wir sind gerade erst am Anfang.“ Sie reagierte nicht. „Ich glaube, dass Liebe wachsen muss“, fuhr er fort. „Ich möchte, dass wir uns Zeit lassen. Ich will, dass wir eine Zukunft haben.“

„Wie sollen wir eine Zukunft haben, wenn unsere Gegenwart eine leere Wohnung ist?“, beschwerte sie sich. „Ich will uns ein schönes Zuhause schaffen. Und du erteilst mir eine Absage nach der anderen.“

„Du weißt, was hier los war“, verteidigte er sich etwas hilflos. Es stimmte ja – er hatte in den letzten Tagen nicht genug Zeit für seine Freundin gehabt. Also schlug er vor, bald zusammen nach München zu fahren und dort sämtliche Möbelläden abzuklappern. Und damit hatte sie ihn da, wo sie wollte.

Sylvia Wielander hatte sich dazu durchgerungen, Werner zu gestehen, dass sie sich in ihn verliebt hatte. Doch sosehr sich der Senior darüber auch freute – die Situation wurde dadurch nicht einfacher. Immerhin war sie eine verheiratete Frau. Von der gespenstischen Ähnlichkeit mit Barbara von Heidenberg einmal ganz zu schweigen.

„Es stürzt gerade so viel auf mich ein“, klagte sie. „In meinem Kopf ist ein absolutes Durcheinander.“

„Dafür flattert hier eine Armada Schmetterlinge“, entgegnete Werner tröstend und zeigte auf sein Herz. Ein unsicheres Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Was sollte sie nur tun? Gerade in letzter Zeit war ihr Mann so für sie da gewesen – sie konnte ihn doch jetzt nicht einfach so vor den Kopf stoßen. „Ich werde dich bestimmt nicht bedrängen“, versprach Werner. Und auch dass die Leute Sylvia noch immer anstarrten, weil sie Barbara so ähnlich war, würden sie gemeinsam überstehen. „Wenn sich die erste Aufregung erst mal gelegt hat …“

„Ich habe es satt, den Leuten Angst zu machen!“, platzte sie da heraus. „Wie mich Frau von Heidenbergs Tochter angeschaut hat – das tat mir in der Seele weh. Alle Leute beobachten mich. Sie suchen nach Hinweisen dafür, dass ich doch diese Frau bin.“ Liebevoll streichelte er ihre Hand.

„Wir werden den letzten Zweifler von seinem Irrtum überzeugen“, meinte er. „Du hast mit Barbara rein gar nichts gemein.“ Dann schlug er vor, einen gemeinsamen Ausflug nach Salzburg zu machen. Dort kannte sie wenigstens niemand, und sie würden ganz und gar ungestört sein. Sie hielt das für eine gute Idee. Ohnehin hatte sie noch nicht allzu viel von der Welt gesehen. Und er beschloss, sich morgen freizunehmen.

„Wir können nach Salzburg fahren. Oder ausreiten. Oder wir gehen zusammen golfen.“ Sie lachte und hob abwehrend die Hände.

„Bitte nicht! Ich hatte noch nie einen Golfschläger in der Hand.“ Aber es gab noch etwas anderes. „Wir waren beide schon so erschrocken, dass ich reiten konnte“, erinnerte sie ihn. Dem konnte er nur zustimmen. Es war kaum zu glauben, dass Sylvia vorher noch nie auf einem Pferd gesessen hatte – so selbstverständlich hielt sie sich im Sattel. Aber darüber wollte Werner jetzt einfach nicht nachdenken.

Kurz darauf hatte er einen Termin mit Felix. Sein Neffe hatte das Konzept für das winterliche Freizeitangebot des Hotels noch einmal ordentlich überarbeitet, und Werner war mehr als zufrieden mit ihm. Doch zu seinem großen Erstaunen brachte Felix Emma Strobl mit ins Büro. Weil er ohne sie das Konzept niemals fertigbekommen hätte.

„Ich wusste nicht, dass sich die Arbeitsbereiche der Zimmermädchen derart mit denen der Geschäftsleitung überschneiden“, bemerkte Werner pikiert.

„Emma ist ziemlich fit bei Tabellenkalkulationen und hat mich auch darüber hinaus unterstützt“, erklärte Felix gelassen. Emma war die ganze Situation sichtlich unangenehm. Aber als Herr Saalfeld begann, die einzelnen Posten durchzugehen, fühlte sie sich nach und nach sicherer und konnte überzeugende Erläuterungen zu verschiedenen Details abgeben. Was auf den Senior durchaus Eindruck machte.

Sylvia hatte derweil einen kleinen Spaziergang im Park unternommen und kam nun am Gewächshaus vorbei. Miriam stand in der Tür und erstarrte, als sie Frau Wielander bemerkte. So schwer es Sylvia auch fiel – sie wollte die Gelegenheit für ein Gespräch nutzen.

„Werner hat mir von Ihnen erzählt …“, begann sie also zögerlich. „Als Sie mir gestern begegnet sind – das muss ein Schock für Sie gewesen sein.“

„Allerdings“, bestätigte Miriam knapp.

„Ich kenne diese Reaktion mittlerweile“, sagte Frau Wielander nun. „Aber daran gewöhnen werde ich mich wohl nicht.“ Miriam musterte sie kühl. „Mir wurde ein Foto von Ihrer Stiefmutter gezeigt“, fuhr Sylvia fort. „Deshalb weiß ich, wie ähnlich ich ihr sehe. Und trotzdem ist mir diese Frau so fremd. Ich kann ihr Verhalten nicht verstehen. Wie kann eine Mutter ihrer Tochter derart viel Leid zufügen …“ Es entstand eine beklommene Pause. Schließlich ergriff Sylvia wieder das Wort. „Das war Ihr Arbeitsplatz, oder?“, fragte sie und deutete auf das Gewächshaus. Miriam nickte. „Wie kamen Sie darauf, Parfüms zu kreieren?“

„Das war immer ein Traum von mir“, antwortete Miriam.

„Aber dann den Schritt zu wagen, das beruflich zu machen, finde ich sehr mutig. Ich hatte immer Angst davor, meine Träume zu verwirklichen.“ Miriam betrachtete Frau Wielander weiterhin argwöhnisch. Aber der Respekt, der in ihren letzten Worten lag, klang echt.

„Ich hatte Freunde, die mich ermutigt haben“, sagte Miriam nun.

„Mein Mann hätte mir bestimmt von einer so unsicheren Sache abgeraten“, erwiderte Sylvia nachdenklich. „Er ist der Meinung, dass Krankenschwester genau der richtige Beruf für mich ist.“

„Und?“, hakte Miriam nach. „Sind Sie gern Krankenschwester?“

„Ich bin zufrieden – sagen wir es so. Aber ich habe auch keine so außergewöhnliche Begabung wie Sie. Sie müssen sehr stolz sein, wenn Ihnen ein Duft gelingt.“ Ein kleines Lächeln erschien auf Miriams Gesicht.

„Es ist jedes Mal wie eine Erlösung“, gestand sie. „Am Anfang habe ich oft keine Ahnung, wohin die Reise gehen soll. Und dann kommt die mühsame Suche nach den richtigen Ingredienzien. Das ist richtig harte Arbeit.“

Auch wenn sie nach dieser Unterhaltung Sylvia Wielander nicht mehr ganz so misstrauisch gegenüberstand – irgendetwas stimmte nicht mit dieser Frau, da war sich Miriam ganz sicher. Und sie würde es herausfinden. Um jeden Preis.

Erst einmal aber würde sie den Scheidungstermin hinter sich bringen müssen, der für morgen angesetzt war. Sie bat Felix, danach noch mit ihr essen zu gehen – ihre Ehe sollte nicht mit einer schnöden Formalität vor Gericht enden. Damit brachte sie Felix ein wenig in die Klemme: Immerhin hatte er Rosalie versprochen, morgen mit ihr Möbel auszusuchen. Aber diesmal zeigte seine Freundin Größe. Es sei kein Problem für sie, wenn er mit Miriam essen gehen würde, behauptete sie. Dann würde sie sich eben allein um die Einrichtung kümmern.

Abends saß Miriam bei Viktoria auf dem Sofa. Dass sich ihre Freundin noch immer nicht besser fühlte, war nicht zu übersehen. Und Miriam verstand auch ohne dass Viktoria es ihr erklärte, warum sie solche Angst hatte, einen Arzt aufzusuchen.

„Panik, dass es was Schlimmes ist, was?“ Viktoria nickte zaghaft. „Wahrscheinlich brauchst du nur eine Vitaminspritze, und danach ist alles wieder im Lot“, redete Miriam beruhigend auf sie ein. „Auf jeden Fall lässt du dich durchchecken. Sonst werde ich sehr, sehr böse.“

„Na gut.“ Viktoria gab ihren Widerstand auf. „Bevor ich mich mit meiner besten Freundin verkrache … Ich gehe gleich morgen zu Simons Mutter.“ Damit gab Miriam sich zufrieden.

Sein Onkel hatte Ben eine schlechte Nachricht überbracht: Bens Mutter hatte in Berlin einen Autounfall gehabt und lag nun schwer verletzt im Krankenhaus. Und Herr Pachmayr erwartete, dass sein Neffe den nächsten Zug nahm. Doch der dachte gar nicht daran. Seine Mutter war nie für ihn da gewesen. Und bis heute gab sie ihm das Gefühl, dass er ihr nur lästig fiel.

Emma redete ihm ins Gewissen, aber er blieb weiterhin stur.

„Ich hasse diese Frau!“, brach es da aus ihm heraus. Schockiert sah Emma ihn an.

Als Werner von dem Unglücksfall hörte, sprach auch er mit dem Pagen und riet ihm, seine Mutter im Krankenhaus zu besuchen. Oder sie zumindest anzurufen.

„Ich weiß nicht, wie Sie zueinander stehen …“ Es war ja offensichtlich, dass Ben ein Problem mit seiner Mutter hatte. „Aber was auch immer zwischen Ihnen vorgefallen ist – vergessen Sie es. Ich will den Teufel bestimmt nicht an die Wand malen. Aber es könnte sein, dass es Ihrer Mutter unvermutet schlechter geht … Das kommt oft genug vor. Und dann würden Sie sich nie verzeihen, dass Sie hier und heute auf stur geschaltet haben.“ Herrn Saalfelds mahnende Worte ließen Ben nicht ungerührt.

Und so griff er zum Telefon, um seine Mutter anzurufen. Doch die schien nicht den geringsten Wert auf seinen Besuch zu legen. Wütend berichtete Ben seinem Mitbewohner, was sie gesagt hatte.

„Junge, hier geht es zu wie in einem Taubenschlag“, zitierte er. „Wenn du jetzt auch noch kommst, finde ich gar keine Ruhe.“ Verbittert schüttelte er den Kopf. „Ich war ihr schon immer zu anstrengend.“

„Sieht so aus, als hätten wir beide beim großen Elternlotto den Hauptgewinn gezogen“, meinte Simon und schlug dann vor, gemeinsam ein Bier zu trinken.

Am nächsten Morgen kam Herr Pachmayr wieder in den „Fürstenhof“, um zu sehen, wann sein Neffe endlich nach Berlin fahren wollte. Doch Ben dachte weiterhin nicht daran.

„Lass mich bloß in Ruhe!“, giftete er.

„Damit wir uns richtig verstehen!“, polterte Pachmayr los. „Du fährst auf alle Fälle zu deiner Mutter! Das ist ja wohl das Mindeste. Meine Schwester war schließlich auch immer für dich da.“

„Die hätte mich am liebsten in der Gosse abgesetzt – so wichtig war ich der“, platzte Ben heraus. Hildegard, die bei den beiden stand, schlug erschrocken die Hand vor den Mund.

„Ben, pass auf, was du sagst“, mahnte sie.

„Außerdem will sie mich gar nicht sehen“, fuhr er aufgebracht fort. „Das hat sie gestern Abend ausdrücklich betont.“

„Wenn du Magdalena derart angehst, wundert mich das gar nicht!“, gab sein Onkel zurück. „Ein bisschen mehr Dankbarkeit hat meine Schwester wirklich verdient.“

„Wofür?“, schnaubte Ben. „Dass sie sich immer für mich geschämt hat?“

„Schluss jetzt!“, schimpfte Pachmayr. „Deine Mutter hat es so gut gemacht, wie sie konnte.“

„Die Alte kann mich mal!“ Ben verlor nun endgültig die Kontrolle. „Von mir aus soll sie abkratzen. Dann bin ich sie wenigstens los.“ Damit rauschte er davon. Und Hildegard und der Bürgermeister blickten ihm schockiert hinterher.

„So kenne ich Ben gar nicht“, stellte Frau Sonnbichler schließlich fest. „Was ist denn da vorgefallen? So viel Hass … Das muss doch irgendwo herkommen …“

„Das konnte nicht funktionieren.“ Der Bürgermeister hing einen Moment seinen Gedanken nach. „Ich habe es von Anfang an gesagt. Aber Magdalena wollte partout nichts davon wissen. Was nicht zusammengehört, wächst auch nicht mehr zusammen …“ Nach diesen kryptischen Andeutungen war Hildegards Neugier natürlich geweckt. Aber mehr war aus Pachmayr nicht herauszubekommen. Er habe ohnehin schon zu viel verraten, seufzte er und verabschiedete sich dann.

Ben klagte unterdessen Emma sein Leid. Alle erwarteten von ihm, dass er für seine Mutter Verständnis hatte. Aber sie war nie nett und fürsorglich zu ihm gewesen. Und es stimmte, dass es ihm gleichgültig war, ob sie am Leben war oder nicht.

„Sag so etwas nicht“, bat Emma. „Es stimmt nämlich nicht.“

„Woher willst du das wissen?“, fuhr er sie an. „Warst du dabei?“ Doch das ließ sie nicht gelten.

„Als meine Mutter gestorben ist, war ich sowieso total fertig“, erzählte sie. „Aber Rosalie ging es genauso. Obwohl es ständig Krieg gab zwischen ihr und meiner Mutter.“ Diese Worte machten Ben nun doch wieder nachdenklich.

Felix und Miriam fuhren gemeinsam nach München.

„Es wird also ernst“, sagte er angespannt. „Heute setzen wir den Schlussstrich unter unser gemeinsames Leben.“

„Jetzt hatte ich so lange Zeit, mich an den Gedanken zu gewöhnen“, erwiderte sie nachdenklich. „Trotzdem fühlt es sich merkwürdig an. Ich bin ziemlich nervös.“

„Ich auch.“ Er lächelte schief. „Fast wie vor unserer Hochzeit.“ Gemeinsam erinnerten sie sich an ihren überstürzten Aufbruch nach Kopenhagen. Damals hätte keiner von ihnen gedacht, dass das alles so enden würde. Und heute hatten sie beide ein neues Leben.

„Ich finde, wir waren trotz allem ein sehr gutes Team“, erklärte Miriam wehmütig. „Was wir alles zusammen durchgestanden haben …“

„Auch wenn es nicht immer schön war – ich will nichts davon missen.“

„Ich auch nicht.“ Die beiden sahen einander in die Augen. Um seine Rührung zu überspielen, fragte Felix dann, ob sie vorhatte, gleich nach dem Mittagessen zurück nach Paris zu fliegen. Sie verneinte. „Nicht, bevor ich nicht weiß, was bei Viktorias Untersuchung herausgekommen ist. Sie hat heute ihren Termin bei Frau Doktor Konopka.“

Als Felix wieder aus München zurückkehrte, traute er seinen Augen nicht. Rosalie hatte in diesen paar Stunden die Wohnung komplett eingerichtet!

„Ich habe nur Sachen genommen, die die Händler auf Lager hatten“, berichtete sie voller Stolz. „Und sie dann ein bisschen bezirzt, damit sie sofort liefern.“

„Und wie hast du bezahlt?“, wollte er wissen.

„Alles auf Rechnung“, antwortete sie. „Ich konnte dich ja nicht vorher um Geld bitten. Sollte schließlich eine Überraschung werden.“

„Die ist dir gelungen.“ Er lachte überfordert und sah sich in den Räumen um. Rosalie hatte die Möbel mit erlesenem Geschmack ausgesucht – es war wirklich wunderschön geworden. Und sie freute sich so. Das konnte er ihr nicht verderben, auch wenn ihm bei der Vorstellung, was das alles gekostet hatte, ein wenig schwindelig wurde. Also sprang er über seinen Schatten und beschloss, selbst die Designlampe, wegen der sie sich so gestritten hatten, zu behalten. Rosalie fiel ihm begeistert um den Hals.

2. KAPITEL

Miriam war gleich, nachdem sie aus München zurückgekommen war, wieder zu Viktoria gegangen. Sie war noch immer ein wenig sentimental – Felix und sie waren nun offiziell geschieden.

„Wie war es bei dir?“, fragte sie ihre Freundin.

„Simons Mutter hat mich von oben bis unten durchgecheckt“, berichtete Viktoria. „EKG, EEG, großes Blutbild – das ganze Programm eben. Das Ergebnis erhalte ich in ein paar Tagen.“

„So lange bleibe ich hier“, erklärte Miriam. Überrascht blickte Viktoria sie an.

„Und was sagt Robert dazu?“, wollte sie wissen.

„Der wird ein paar Tage auf mich verzichten müssen.“ Viktoria musterte ihre Freundin prüfend. Da steckte doch mehr dahinter als ihre Untersuchungsergebnisse. Nach einem kurzen Zögern gab Miriam zu, dass sie sich auch Frau Wielander noch etwas genauer ansehen wollte. „An der Frau ist irgendwas faul“, glaubte sie. „Auch wenn sie sich noch so nett und freundlich gibt …“

„Du hast dich da festgebissen“, hielt Viktoria dagegen. „Sie kann nicht deine Stiefmutter sein. Schon allein wegen der Haare.“ Miriams Augen weiteten sich.

„Die Haare!“, rief sie. „Das ist es!“ Sie war plötzlich ganz aufgeregt. „Als Barbara bei uns als Kindermädchen anfing, hatte sie genau diese Haarfarbe. Die von Frau Wielander.“

„Und was soll das beweisen?“, erwiderte Viktoria verständnislos.

„Barbara hat ihre Haare danach immer dunkelbraun gefärbt! Das weiß ich ganz genau!“ Nun war sie vollkommen überzeugt davon, dass es sich bei Sylvia Wielander in Wirklichkeit um ihre Stiefmutter handelte. „Sie sind ein und dieselbe Person“, flüsterte sie. „Dafür lege ich meine Hand ins Feuer!“

Viktoria konnte sich nicht mehr richtig an Barbaras frühere Haarfarbe erinnern. Also bedrängte Miriam Felix, doch auch der wusste nichts mehr.

„Hast du denn keine Fotos von früher?“, wollte er wissen. Sie schüttelte den Kopf.

„Als Barbara abgestürzt ist … da habe ich alles vernichtet, was mich an sie erinnert hat“, erklärte sie. „Bitte, Felix, überleg noch mal genau.“

„Ob ihre Haare damals hellbraun waren oder sonst wie kann ich beim besten Willen nicht sagen“, seufzte er. Und außerdem war es doch längst bewiesen, dass Sylvia nicht Barbara von Heidenberg war. Ein Privatdetektiv hatte ermittelt, dass sie seit vierzehn Jahren mit einem Arzt verheiratet ist. Und dann war auch noch der Gebissabgleich gemacht worden. Doch Miriam blieb bei ihrem Misstrauen.

Sobald er einen Moment Zeit hatte, sprach sie auch mit Werner. Aber auch der fand nicht, dass die Geschichte mit der Haarfarbe irgendetwas bewies. Und er wollte auf keinen Fall, dass Miriam Sylvia damit konfrontierte.

„Sie hat schon genug darunter gelitten, andauernd mit Barbara verwechselt zu werden“, meinte er.

„Du kannst doch nicht so blind sein!“, ereiferte sich Miriam. „Es ist doch ganz offensichtlich, dass diese ganze Sylvia-Nummer ein groß angelegter Plan von Barbara ist! Du weißt selbst am besten, wie raffiniert sie ist!“ Werner atmete tief durch. Er hatte das alles ja selbst gedacht, als er Frau Wielander begegnet war. Aber nun war er davon überzeugt, dass sie nicht Barbara war. Er hatte seine Exfrau mit eigenen Augen in die Schlucht stürzen sehen. Das hatte sie nicht überleben können. „Aber der Bach unter dem Abgrund hatte Hochwasser!“, beharrte Miriam. „Und die Leiche wurde nie gefunden!“ Er erzählte ihr noch einmal von dem Gebissabgleich. „Barbara traue ich sogar zu, den zu fälschen“, hielt sie dagegen. „Dazu musste sie doch nur einen Zahnarzt bestechen.“

„Schluss damit!“ Werner reichte es nun endgültig. „Sylvia ist nicht Barbara! Basta!“

„Das sagst du doch nur, weil du in sie verliebt bist!“, hielt sie ihm vor.

„Nein!“, protestierte er. „Ich kenne sie einfach besser als du. Und ich garantiere dir: Sie ist ein völlig anderer Mensch als Barbara!“

Ben hatte einen Entschluss gefasst: Er würde nun doch zu seiner Mutter fahren. Und dafür hatte er sogar einen Blumenstrauß besorgt. Er wollte gerade die Lobby verlassen, da kam ihm sein Onkel entgegen. Pachmayr hatte geweint. Denn er hatte eben erfahren, dass seine Schwester gestorben war.

„Mama ist tot?“, flüsterte Ben starr vor Entsetzen. Es war eine Embolie. Die Ärzte hatten nichts mehr für sie tun können. Die Schuldgefühle überwältigten Ben – hatte er seiner Mutter nicht erst vorhin den Tod gewünscht? Und nun war sie gestorben!

„Du kannst nichts dafür“, wollte sein Onkel ihn beruhigen, doch Ben war untröstlich. Immerhin erklärte er sich bereit dazu, morgen zum Begräbnis nach Berlin zu fahren.

Ben saß auf einer Parkbank und starrte vor sich hin. Da setze sich plötzlich Sylvia zu ihm. Sie mochte den Pagen. Und er hatte in der kurzen Zeit ein echtes Vertrauensverhältnis zu Frau Wielander aufgebaut. Mühsam erzählte er ihr, was geschehen war. Und dann ließ er seinen Tränen freien Lauf.

„Meine Mutter und ich hatten ständig Streit“, schluchzte er. „Ich war richtig erleichtert, als ich nach Bayern zu meinem Onkel kam. Und das will was heißen.“ Sylvia hörte aufmerksam zu. „Wissen Sie, ich dachte immer, ich würde sie hassen. Aber jetzt …“ Verzweifelt schüttelte er den Kopf. „Wenn wir uns wenigstens vorher versöhnt hätten. Ich wollte sie ja im Krankenhaus besuchen! Aber sie hat abgelehnt.“

„Ich bin sicher, sie hat in ihrer letzten Stunde trotzdem an Sie gedacht“, erwiderte Frau Wielander.

„Glauben Sie?“ Er war sich nicht sicher. Und er wusste auch nicht, wie er es schaffen sollte, am Grab seiner Mutter zu stehen.

„Wenn Sie nicht zur Beerdigung fahren, werden Sie sich Ihr Leben lang vorwerfen, nicht richtig Abschied genommen zu haben“, glaubte Sylvia. „Rituale wie eine Beerdigung haben einen Sinn. Mit Ihrer Anwesenheit erweisen Sie Ihrer Mutter nicht nur die letzte Ehre. Sie können ihr noch einmal wirklich nahe sein. Und Sie können ihr zum Beispiel alles, was sie ihr noch sagen wollten, auf einen Zettel schreiben und mit ins Grab legen.“ Er nickte langsam. Ein Brief – das war eine gute Idee. Er würde seiner Mutter einen Brief schreiben.

„Danke.“ Er lächelte Frau Wielander an. „Sie sind so … So wie Sie habe ich mir meine Mutter immer gewünscht.“

Emma war schlecht auf ihre Schwester zu sprechen. Sie hatte Rosalie Vorhänge genäht, für die neue Wohnung, aber zuerst hatten sie Rosalie nicht gefallen. Und jetzt wollte ihre Schwester sie doch auf der Stelle haben und behandelte Emma wie eine Dienstbotin. Rosalie war wirklich unmöglich. Es verging kein Tag, an dem sie ihre Launen nicht an Emma ausließ. Das war schon früher so gewesen … Und eigentlich hatte Emma nicht die geringste Lust, ihrer Schwester die Vorhänge zu bringen. Warum sollte sie immer alles für Rosalie tun und sich dann noch von ihr herumschubsen lassen? Nein. Dieses Mal würde sie nicht nach ihrer Pfeife tanzen. Rosalie sollte gefälligst selbst zusehen, wie sie an Vorhänge kam!

Und so spendete sie die nagelneuen Vorhänge kurzerhand dem Dorfkindergarten, der dringend welche brauchte.

Rosalie fiel aus allen Wolken, als sie am nächsten Morgen davon erfuhr.

„Wie kommst du dazu, meine Vorhänge zu verschenken?“, fragte sie ärgerlich.

„Erstens waren es nicht deine, sondern meine“, erwiderte Emma. „Und zweitens hast du gesagt, du findest sie scheußlich.“

„Das war doch nicht ernst gemeint.“ Emma zuckte die Achseln.

„Jedenfalls hat die Vorhänge jetzt jemand, der sie wirklich zu schätzen weiß.“ Genervt verdrehte Rosalie die Augen.

„Seit wann bist du denn so empfindlich?“, wollte sie wissen. Ihre Schwester gab keine Antwort. „Okay. Wie schaut es denn in den nächsten Tagen mit deiner Zeit aus? Es wäre nämlich schön, wenn du mir noch diese Woche neue Vorhänge nähen könntest.“

„Du kapierst es einfach nicht, oder?“ Wütend funkelte Emma Rosalie an. „Ich bin hier im Hotel zwar das Dienstmädchen. Aber von dir lasse ich mich nicht mehr länger herumkommandieren und ausnutzen!“

„Was bildet sich Emma eigentlich ein?“, beschwerte sich Rosalie sogleich bei ihrem Freund. „Sie kann doch nicht einfach unsere Vorhänge verschenken.“

„Das ist doch nicht weiter tragisch“, fand Felix. „Warum fährst du nicht nach München und kaufst neue?“

„Das ist nicht der Punkt“, hielt sie ihm entgegen. „Wie kommt Emma dazu, sich so zu verhalten?!“

„Du hast ihr doch selber gesagt, dass dir die Vorhänge nicht gefallen.“ Genervt verdrehte sie die Augen.

„Ja, ich verstehe ja, wenn sie dann was anderes mit denen macht. Aber der eigentliche Hammer ist: Sie weigert sich, uns neue zu nähen. Sie hat mir noch nie einen Wunsch abgeschlagen. Ich konnte mich immer hundertprozentig auf sie verlassen …“ Er begriff, dass Rosalies Weltbild gerade einen Knacks erhalten hatte.

„Dafür kannst du dich jetzt auf mich verlassen“, tröstete er sie. „Ab jetzt bin ich nämlich für die Erfüllung deiner Wünsche zuständig.“ Er gab ihr einen Kuss. Und sie beschloss, wirklich nach München zu fahren und dort Vorhänge zu besorgen.

Miriam machte bereits schon vor dem Frühstück einen langen Ausritt.

„Ich habe Othello so vermisst“, sagte sie danach zu Viktoria. „Wenn ich mit ihm durch den Wald reite, bin ich einfach nur glücklich.“

„Schön, dass du deinen Aufenthalt jetzt doch noch genießen kannst“, fand Viktoria und wollte dann wissen, ob Miriams Zweifel über Frau Wielander denn nun endlich ausgeräumt wären.

„Nein“, antwortete ihre Freundin. „Und es macht mich noch ganz verrückt, dass mir niemand glaubt.“

„Warum quälst du dich so?“, seufzte Viktoria.

„Ich werde nicht zulassen, dass ihr alle blindlings in euer Unglück lauft“, erwiderte Miriam entschlossen. „Diese Frau ist gefährlich! Und deshalb muss ich ihre Identität beweisen. Wenn euch die Sache mit der Haarfarbe nicht reicht, dann finde ich etwas anderes.“ Sie stockte. Auf einmal hatte sie eine Idee. „Das ist es!“, rief sie. „Othello! Er mochte Barbara nie. Er hat sie nicht mal aufsitzen lassen.“

„Du glaubst, Othello würde Barbara wiedererkennen?“, fragte Viktoria skeptisch.

„Tiere sind unbestechlich.“ Miriam würde die angebliche Frau Wielander nur mit ihrem Pferd konfrontieren müssen.

Also machte sie sich auf die Suche nach Sylvia und lud sie zu einem gemeinsamen Ausritt ein. Frau Wielander wirkte überrascht und erleichtert. Dass Miriam Zeit mit ihr verbringen wollte, konnte ja nur bedeuten, dass sie ihr nicht mehr misstraute. Also sagte sie nur allzu gern zu.

„Haben Sie Othello schon kennengelernt?“ Die beiden Frauen waren schon im Stall, und Miriam trat an die Box ihres Pferdes.

„Ein wunderschönes Tier“, lächelte Sylvia. „Werner hat ihn mir gezeigt und erzählt, wie viel er Ihnen bedeutet.“

„Mein lieber alter Weggefährte.“ Miriam streichelte Othellos Hals. „Er hat mich noch nie im Stich gelassen.“

„Vermissen Sie ihn in Paris?“, wollte Frau Wielander wissen.

„Und wie! Aber hier hat er es viel besser.“ Nun trat auch Sylvia näher an die Box. Und zu Miriams großer Überraschung ließ Othello sich anstandslos von ihr streicheln.

„Möchten Sie ihn reiten?“, schlug Miriam vor. „Er ist das liebenswürdigste Pferd, das es gibt.“ Frau Wielander nahm das Angebot an. Und Othello ließ sich nicht nur bereitwillig von ihr satteln und zäumen – er hatte auch nichts dagegen, dass sie sich auf seinen Rücken setzte.

Miriam war nun völlig durcheinander. Niemals hätte Othello Barbara aufsitzen lassen. Sie musste sich also wirklich geirrt haben. Sylvia Wielander war nicht ihre Stiefmutter!

Ben wartete bereits in der Lobby auf seinen Onkel. Er hatte seiner Mutter wirklich einen Brief geschrieben – so, wie es Frau Wielander geraten hatte. Pachmayr reagierte gerührt, als sein Neffe ihm davon erzählte.

„Magdalena hätte sich gefreut“, glaubte er. „Es hätte ihr viel bedeutet, zu wissen, dass sie dir nicht egal war.“

„Nur ändert das nicht, dass ich ihr immer egal gewesen bin“, erwiderte Ben traurig. „Ich habe mir immer gewünscht, dass wir uns besser verstehen. Vor allem, als ich klein war. Aber … irgendwie war ich ihr bis zuletzt fremd. Ich hatte immer das Gefühl, es steht etwas zwischen uns.“

„Die Magdalena hat es nun mal nicht verkraftet, dass …“ Pachmayr brach ab und räusperte sich verlegen.

„Dass was?“, hakte sein Neffe sofort nach.

„Ich meine, du darfst ihr das nicht übel nehmen. Sie hat eben ihre Gründe gehabt.“ Aber mit einer so dürftigen Erklärung wollte Ben sich nicht abspeisen lassen. Was für Gründe sollte seine Mutter gehabt haben? Sein Onkel wirkte sichtlich hin- und hergerissen, aber Ben ließ nicht locker.

„Also, das war so …“, begann Pachmayr schließlich zögernd. „Magdalena … Wie soll ich das ausdrücken … Du warst ein schweres Los für sie.“

„Warum?“, wunderte sich Ben. „Wollte sie keine Kinder?“

„Eigene schon.“ Ben verstand nur noch Bahnhof. Was sollte das denn heißen? „Du bist halt ein Bankert“, platzte sein Onkel da heraus. „Deswegen konnte sie dich nicht lieb haben.“

„Ein Bankert?“, wiederholte Ben fassungslos. „Willst du damit sagen …“ Pachmayr nickte.

„Magdalena war nicht deine leibliche Mutter“, sagte er dann. „Sie hat dich nur deinem Vater zuliebe großgezogen.“

„Das ist nicht wahr!“ Ben glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen. Gequält senkte sein Onkel den Blick. Hätte er nur den Mund gehalten …

Ben griff sofort zum Telefon und rief seinen Vater an. Er würde nicht zur Beerdigung kommen. Er wollte nur noch wissen, warum ihn seine Familie die ganze Zeit angelogen hatte. Immer hatte er gespürt, dass seine Mutter ihn nicht liebte. Immer hatte er sich gefragt, warum das so war. Was hatten sie ihm nur angetan? Doch sein Vater wollte jetzt nicht darüber reden.

„Ich kann mir schon denken, warum du mich sehen willst.“ Emma hatte wegen der ganzen Vorhang-Geschichte längst ein schlechtes Gewissen. Und sie war sich sicher, dass Felix sie deshalb zu sich ins Büro bestellt hatte. Aber sie irrte sich: Er wollte mit ihr über das Konzept sprechen, das sie gemeinsam ausgearbeitet hatten. Und was die Vorhänge anging, hatte er eine ganz klare Position.

„Du hast völlig richtig gehandelt“, fand er. „Du musst nicht nach Rosalies Pfeife tanzen.“

„Du bist mir nicht böse?“, fragte Emma mit großen Augen.

„Im Gegenteil: Ich finde das richtig gut.“ Er zwinkerte ihr zu. „Aber verrat’s bitte nicht Rosalie. Das ist vielleicht sehr egoistisch von mir, aber mir ist es nun mal lieber, wenn du deine Zeit mit mir verbringst, anstatt Vorhänge zu nähen.“ Wie glücklich er sie mit diesen Worten machte, ahnte er gar nicht.

Dass Felix auf ihrer Seite war und nicht auf Rosalies …Verträumt starrte Emma vor sich hin. Er verstand sie einfach. Ohne dass sie viel erzählen musste. Und sie verstand ihn auch – ohne große Worte. Felix war ihr so nah. Fast, als wären sie zusammen. Sofort verbot sie sich diesen Gedanken. Sie waren nicht zusammen. Felix und Rosalie waren ein Paar. Und daran würde Emma kaum etwas ändern können …

Nachdem die Angelegenheit mit Frau Wielander für sie geklärt war, konnte Miriam ruhigen Herzens abreisen. Sie wurde in Paris auch schon vermisst. Nicht nur Robert sehnte sich nach ihr – auch ihr Chef bestand darauf, dass sie heute Abend an einem wichtigen Meeting teilnahm.

„Hast du Robert eigentlich von Sylvia Wielander erzählt?“, fragte Viktoria, die mit nach draußen gekommen war, um ihre Freundin zu verabschieden. Miriam verneinte.

„Du kennst ihn doch. Was meinst du, wie er sich aufgeregt hätte.“ Die beiden Frauen nahmen einander in die Arme. „Du rufst mich sofort an, wenn das Ergebnis deiner Blutuntersuchung da ist“, verlangte Miriam, und Viktoria versprach es ihr. Und dann stieg Miriam ins Taxi und fuhr davon.

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