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Dunkel

BASTEI ENTERTAINMENT

Bei der Szene, in der Lesley Nielsen – in Gestalt einer Fledermaus, aber mit seinem eigenen zerknautschten Gesicht – gegen die geschlossene Fensterscheibe flog und quietschend daran hinabrutschte, hätte Jan sich um ein Haar in die Hose gepinkelt. Allerdings nicht vor Lachen.

Jan fand »Tot aber glücklich« nur mäßig komisch; wenn überhaupt. Er hatte zwei-, oder dreimal geschmunzelt und ein paarmal das Gesicht verzogen; hauptsächlich, um Katrin einen Gefallen zu tun, die neben ihm saß und ihm ab und zu einen prüfenden Blick zuwarf. Wahrscheinlich glaubte sie, daß er es in der Dunkelheit des Kinos nicht merkte. Jan wollte gewiß kein Spielverderber sein. Wäre er es, dann wären sie jetzt gar nicht hier, denn er war letztendlich nur in diesen blöden Film mitgegangen, um Katrin einen Gefallen zu tun. Er hielt sich eigentlich für einen ziemlich fröhlichen Menschen, der gerne lachte und einen manchmal schon rabenschwarzen Sinn für Humor an den Tag legte.

Das Problem war nicht er. Das Problem war der Film. Er war einfach nicht komisch. Die Gags waren entweder unbeholfen oder geklaut, und in den wenigen halbwegs gelungenen Szenen beschränkte sich der Humor entweder auf reinen Slapstick oder Nielsens Gesichtsakrobatik.

Außerdem, sagte Jan sich, hätte er dieses verdammte Bier nicht trinken sollen.

Er war an diesem Morgen ungewöhnlich früh aufgestanden – vor zehn, eine Zeit, zu der er Störungen normalerweise als vorsätzliche Körperverletzung betrachtete –, und er hatte es keineswegs freiwillig getan, sondern war von einer leisen Übelkeit geweckt worden, die grundlos kam und sich hartnäckig den ganzen Tag über gehalten hatte. Strenggenommen war es nicht einmal Übelkeit gewesen, sondern einfach eine Art … Unwohlsein. Fast eine Stunde lang hatte er sogar ernsthaft daran gedacht, Katrin anzurufen und den geplanten Kinoabend abzusagen. Er war einfach nicht gut drauf, und er konnte sich nicht vorstellen, daß ein Abend mit Katrins infantilen Freunden und eine Eintrittskarte für einen Film, der ihn nicht interessierte, in irgendeiner Form dazu angetan waren, seine Stimmung nennenswert zu heben.

Aber Katrin freute sich seit einer Woche auf den Film. Wenn er so kurzfristig absagte, dann würde sie nicht gut drauf sein, und das wiederum würde spätestens nach zwei oder drei Tagen dazu führen, daß er noch schlechter drauf war. Katrin hatte eine ziemlich direkte Art, ihren jeweiligen Launen Ausdruck zu verleihen. Und sie war der mit Abstand nachtragendste Mensch, den er kannte.

Trotzdem – es lag wohl an diesem verdammten Bier. Er hätte es verdammt noch mal nicht trinken sollen. Dabei mochte er Kölsch nicht einmal.

Jan lauschte noch einen Moment in sich hinein, kam zu dem Schluß, daß er es sowieso allerhöchstens noch zehn Minuten aushalten würde, und beugte sich nach rechts, um Dieter, der neben Katrin saß (und im Moment weit weniger mit dem Film als vielmehr mit irgend etwas beschäftigt war, was er unter Jennys Bluse verloren zu haben schien), auf die Schulter zu tippen.

»Was –?« Dieter wirkte für eine Sekunde regelrecht erschrocken, dann wütend.

»Ich brauche eine Karte«, sagte Jan. »Nur, damit ich wieder reinkomme.«

»Schon wieder?« Dieter zog die linke Hand unter Jennifers Bluse hervor (Hieß sie überhaupt Jennifer? Katrins Bruder wechselte seine Freundinnen in letzter Zeit so häufig, daß Jan sich kaum noch die Mühe machte, sich ihre Namen zu merken), begann dann in seiner eigenen Jacke zu wühlen und förderte eine zerknitterte Eintrittskarte zutage, die er ihm mit einem schadenfrohen Grinsen reichte.

»Ist das überhaupt nötig?« fragte Dieter. »Ich meine: Eigentlich müßten sie dich doch alle schon längst kennen, oder?«

»Sehr komisch«, antwortete Jan. »Wirklich.«

»He!« Katrin versetzte ihm einen Rippenstoß, der ein bißchen zu heftig ausfiel, als daß Jan ihn noch als freundschaftlich empfand. »Ich möchte etwas von dem Film verstehen.«

»Er kann nichts dafür«, sagte Dieter grinsend. »Du weißt doch – dein Freund hat eine schwache Blase.«

»Haben das nicht sonst immer nur kleine Mädchen?« fügte Jennifer (oder wie immer sie hieß) feixend hinzu.

Jan zog es vor, auf die alberne Diskussion nicht einzugehen. Er konnte dabei nur verlieren. Er schob die Karte achtlos in die linke Brusttasche, stemmte sich ungeschickt aus dem Kinosessel hoch und versuchte, sich irgendwie ans Ende der Sitzreihe vorzutasten, ohne dabei auf zu viele Füße zu treten. Er hatte ein paar Probleme mit dem Gleichgewichtssinn; mehr, als er hätte haben dürfen, nach nur einem Bier. Jan war alles andere als trinkfest, aber normalerweise vertrug er doch deutlich mehr als ein einziges, jämmerliches Kölsch.

Heute offenbar nicht. Als er ungeschickt, wie gegen einen imaginären Sturmwind ankämpfend, das Ende der Reihe erreichte, wurde ihm für einen Moment schwindelig; er taumelte, machte einen hastigen Schritt, um sein Wanken zu kaschieren, und hoffte, daß die Dunkelheit seine Ungeschicklichkeit hinlänglich genug verborgen hatte.

Sie hatte nicht. Als er sich endlich wieder weit genug in der Gewalt hatte, um sich aufzurichten und herumzudrehen, begegnete er dem Blick einer jungen Frau, die ganz am Rand saß. Etwas jünger als er, hübsch, soweit er das bei dem schlechten Licht beurteilen konnte. Sie sah direkt zu ihm hoch und hatte die Stirn in vielsagende Falten gelegt. Sie sah nicht besorgt aus, sondern eher mißbilligend. Wahrscheinlich roch sie seine Bierfahne und dachte sich den entsprechenden Rest dazu. Das war das Problem mit Bier, dachte er. Ob man nun ein Glas trank oder zwölf – man stank sofort wie ein Trinker.

Jedenfalls behauptete Katrin das.

Jan senkte hastig den Blick, führte seine begonnene Drehung zu Ende und ging mit unsicheren Schritten die Stufen hinauf, welche er trotz der winzigen Lämpchen, die darin eingelassen waren, nur mit Mühe erkannte. Ein ganz leises, aber unangenehmes Schwindelgefühl machte sich hinter seiner Stirn bemerkbar. Er schloß die Augen, machte zwei Schritte in vollkommener Dunkelheit und wäre um ein Haar gestürzt, weil da, wo er eine weitere Stufe erwartete, keine mehr war; ein Gefühl, das nicht weniger unangenehm war als das, eine Stufe zu übersehen.

Als er den Kinosaal verließ und in das grell erleuchtete Foyer hinaustrat, wurde das Schwindelgefühl so stark, daß er sich an der Türklinke festhalten mußte und zwei oder drei Sekunden brauchte, um überhaupt weitergehen zu können. Was war nur mit ihm los? Jan war sich mittlerweile nicht mehr sicher, daß es an diesem einen Bier lag; auch wenn er seit gestern nachmittag nichts mehr gegessen hatte. Vermutlich saß ihm irgend etwas in den Knochen, eine Grippe oder einfach eine Erkältung, die auf diese Weise bei ihm anklopfte, ehe sie sich morgen oder spätestens übermorgen mit Fieber, Husten und Schüttelfrost bei ihm meldete. Eine höchst simple Erklärung. Eine realistische Erklärung. Er war zweiunddreißig und damit noch Lichtjahre davon entfernt, alt zu sein. Aber er war schon nicht mehr jung genug, seinem Körper alles zuzumuten und danach erwarten zu können, ungestraft davonzukommen. Er hatte in den vergangenen vier Wochen zu viel gearbeitet, zu wenig geschlafen und dieses Ungleichgewicht, so gut es ging, mit einem Übermaß an Zigaretten und Adrenalin kompensiert. Er wäre ja auch niemals auf die Idee gekommen, seinen Wagen fünfhundert Kilometer weit im roten Drehzahlbereich über die Autobahn zu jagen – was also brachte ihn dazu, dasselbe ungestraft mit seinem Körper tun zu wollen?

Trotz dieser Übelkeit empfand Jan für einen Moment Zorn auf die Unzulänglichkeit seines eigenen Körpers, der ihn auf diese Weise im Stich ließ.

Er atmete tief ein, verfolgte ganz bewußt das Heben und Senken seiner Brust. Der Sauerstoff, der seine Lungen füllte, vertrieb die Übelkeit wenigstens zum Teil. (Vielleicht auch nicht. Wahrscheinlich hatte er nur den Eindruck, weil er erwartete, es zu spüren, aber welche Rolle spielte das schon? Das Ergebnis zählte.)

Endlich ließ er den Türgriff los; als er den ersten Schritt machte, schwankte er nicht mehr. Er ging unsicher, torkelte aber wenigstens nicht mehr wie ein besoffener Penner, und irgendwie gelang es ihm sogar, einen großen Schritt über die rote Samtkordel zu machen, die den Eingangsbereich des Kinos absperrte.

Die frische Luft half wirklich. Während er – nicht ganz gerade, aber aufrecht genug, um nicht aufzufallen – die Metalltreppe zu den Toiletten ansteuerte, legte sich das Schwindelgefühl ein wenig. Jedenfalls soweit, um nur noch lästig zu sein, nicht mehr quälend. Er erreichte die Treppe, griff nach dem verchromten Geländer und schwang sich mit einer etwas übertriebenen Bewegung herum (wobei er insgeheim betete, nicht das Gleichgewicht zu verlieren und auf der Nase zu landen). Sein Blick schweifte über die große, jetzt sonderbar leer wirkende Halle. In dem tiefer liegenden Bereich vor den Kassen hielt sich eine Handvoll Menschen auf, die herumstanden und redeten. Drei, vier Paare saßen an den Tischen des Bistros und warteten auf die nächste Vorstellung, die erst in gut anderthalb Stunden begann. Ein paar Angestellte in schwarzen T-Shirts und Hosen lümmelten an der Popcorntheke herum, unterhielten sich oder dösten einfach dem nächsten Besucheransturm entgegen.

Das Kino kam ihm … fremd vor. Etwas Sonderbares, Unwirkliches schien in der Luft zu hängen, wie vor einem heraufziehenden Unwetter. Jan war irritiert.

Es war ja nicht so, daß er das erste Mal hier wäre; ganz im Gegenteil. Er war schon früher oft und gerne ins Kino gegangen, aber seit er Katrin und ihre Clique kennengelernt hatte, war das »Cinedom« fast so etwas wie seine zweite Heimat geworden. Dieter hatte nicht ganz so falsch gelegen, als er ihn damit aufgezogen hatte, daß die Platzanweiser ihn und seine Marotte, in jeder Vorstellung wenigstens einmal aufs Klo zu stürmen, eigentlich schon kennen mußten. Wahrscheinlich kannte man ihn wirklich. Es verging kaum eine Woche, in der sie nicht mindestens einmal hier waren.

Aber er hatte das riesige Kino noch nie so wie jetzt gesehen.

Er konnte nicht genau sagen, wo der Unterschied lag, aber dieser war so deutlich zu spüren, daß Jan oben auf dem Treppenabsatz noch einmal stehenblieb und ans Geländer herantrat, um in die Halle hinabzublicken.

Vielleicht lag es einfach daran, daß er das Kino selten so leer wie jetzt sah. Vor einer halben Stunde hatte er dort unten in einer Menschentraube gestanden, deren Zahl fast vierstellig gewesen sein mußte; und es war nur eine von vier Schlangen gewesen, die an den vier Sälen hier unten anstanden. Jetzt wirkte der Raum, für zwei- oder dreitausend Menschen konzipiert, irgendwie … falsch. So gespenstisch wie der verwaiste Parkplatz eines großen Einkaufszentrums in einer eisigen Schneenacht im Winter. Wenn man einen Ort seines Zweckes beraubte, dann verlor er zugleich auch etwas von seiner Realität – und wurde manchmal zu etwas anderem.

Jan spürte plötzlich, wie eisig das verchromte Geländer war, und zog hastig die Hand zurück. Sie war kalt. Das polierte Metall schien alle Körperwärme aus seiner Handfläche gesogen zu haben. Er hob den Arm, massierte gedankenverloren das Handgelenk und spürte einen dünnen, stechenden Schmerz, der sich von der Handwurzel bis hinauf in die Schulter zog. Vielleicht hätte er sich doch nicht ganz so schwungvoll bewegen sollen. Nach einem letzten Blick auf den verwaisten Eingangsbereich des Kinos drehte er sich herum und betrat die Toilette.

Als er das Pissoir benutzte, meldete sich das Schwindelgefühl mit solcher Plötzlichkeit zurück, daß er nach vorne sank und im allerletzten Moment noch den Arm ausstrecken konnte, um sich an der gekachelten Wand festzuhalten. Es gelang ihm, ein größeres Unglück zu vermeiden – er konnte sich Dieters Kommentar lebhaft vorstellen, wenn er zurückkäme und einen nassen Fleck in seiner weißen Jeans hätte –, aber er stand fast eine Minute lang reglos da, starrte die Dunkelheit hinter seinen geschlossenen Lidern an und wartete, daß der Schwindel aufhörte. Das geschah auch, aber langsam, quälend. Und zum Ausgleich wurde ihm wieder ein wenig übel.

Jan zog den Reißverschluß hoch, lehnte sich ein paar Sekunden lang mit der Schulter gegen die Wand und zwang sich dann, sich mit einem Ruck herumzudrehen und aufrecht in den vorderen Teil der Toilette zurückzukehren. Diesmal war er wirklich erleichtert, allein zu sein.

Er taumelte zu den Waschbecken, stützte sich schwer mit beiden Händen auf und blieb ein paar Sekunden mit geschlossenen Augen stehen. In seinem Kopf drehte es sich noch immer; nicht mehr so schlimm wie gerade, aber schlimm genug. Bitterer Speichel sammelte sich unter seiner Zunge. Er wollte ihn hinunterschlucken, besann sich im letzten Moment darauf, daß er sich dann bestimmt in ein paar Sekunden übergeben müßte, und spuckte ins Waschbecken. Der Anblick war widerlich. Er drehte den Hahn auf, hielt beide Handgelenke unter den eisigen Strahl und schöpfte sich Wasser ins Gesicht.

Als er den Kopf wieder hob, erschrak er.

Was ihm aus dem Spiegel entgegenblickte, das war nicht sein Gesicht, sondern ein hohlwangiges, bleiches Gespenst mit dunklen Ringen unter den Augen und rissigen Lippen, die aussahen, als hätte er eine Woche Fieber hinter sich.

Jan starrte sein seitenverkehrtes Gegenüber einige Sekunden lang mit einer Mischung aus Überraschung und Schrecken an, dann schüttelte er den Kopf, schöpfte sich zwei weitere Hände voll Wasser ins Gesicht und trank abschließend einen Schluck davon.

Genauer gesagt: Er wollte es.

Das Wasser schmeckte so widerwärtig, als hätte jemand die Anschlüsse mit denen des Pissoirs vertauscht. Jan spuckte es angewidert aus, fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund und verzog angeekelt das Gesicht. Was, um alles in der Welt, war mit diesem verfluchten Wasser los?

Er sammelte Speichel unter seiner Zunge und spuckte solange aus, bis sich sein Mund so trocken und pelzig anfühlte, als hätte er seit einer Woche nichts mehr getrunken. Aber er wurde den gräßlichen Geschmack einfach nicht los.

Heute war wirklich nicht sein Tag.

Die Tür ging auf, und ein dunkelhaariger Mann in schäbiger Kleidung und ein flackernder, rauchiger Schatten betraten die Toilette.

Jan blinzelte. Der Schatten verschwand, aber der Kerl blieb so schäbig, wie er im ersten Moment ausgesehen hatte. Seine Kleider sahen aus, als hätte er sie vor zwei oder drei Jahren aus einem weißen Plastiksack mit einem aufgedruckten roten Kreuz gefischt, und sein Dreitagebart war keine modische Verirrung, sondern einfach nur ungepflegt. Jan widerstand der Versuchung, sich zu dem Mann herumzudrehen, verfolgte ihn aber verstohlen im Spiegel. Er schwankte deutlich hin und her, und seine Augen hatten einen ungesunden, trüben Glanz. Als er dicht hinter Jan vorbeiging und eine der Kabinen ansteuerte, wehte der Hauch einer Alkoholfahne herüber. Einen Moment lang fragte Jan sich, ob er vorhin beim Verlassen des Kinos den gleichen Anblick geboten hatte. Die Antwort war kein eindeutiges Ja, aber, um der Wahrheit die Ehre zu geben, auch kein überzeugendes Nein.

Er mußte noch einmal an den seltsamen Schatten denken, den er gesehen hatte, als der Betrunkene das Klo betrat. Nein, nicht gesehen hatte. Gesehen zu haben glaubte. Dieser Unterschied war wichtig. Er war nicht auf dem Damm, und anscheinend spielten ihm nicht nur sein Magen, sondern auch seine Augen den einen oder anderen geschmacklosen Streich. Aber er würde den Teufel tun und sich selbst einreden, daß er schon zu halluzinieren begann. Trotzdem – etwas an diesem Schatten war … unheimlich gewesen, oder – um bei Jans Lesart zu bleiben – interessant. Er hatte gar nicht richtig ausgesehen wie der Schatten eines Mannes, sondern eben anders. Jan speicherte den Eindruck – und auch die Worte – im Gedächtnis, so gut er konnte, und beschloß, sich später noch einmal in Ruhe damit zu befassen. Vielleicht konnte er es irgendwie gebrauchen. Möglicherweise in ein Bild einbauen; auch wenn er nicht die geringste Ahnung hatte, wie.

Er wartete, bis der Mann in der Kabine verschwunden war, dann drehte er sich rasch um und verließ die Toilette so schnell, als laufe er vor irgend etwas davon. Ohne innezuhalten, stürmte er die Treppe hinab.

Abrupt blieb er stehen, schloß für eine Sekunde die Augen und atmete zweimal hintereinander bewußt tief und langsam ein und aus. Er fühlte sich jetzt besser, aber ihm war immer noch ein wenig mulmig zumute. Den widerlichen Geschmack im Mund wurde er einfach nicht los.

Jan sah auf die Uhr. Er war jetzt seit gut fünf Minuten hier draußen. Wie er Katrin kannte, würde sie jetzt zum erstenmal in die Richtung blicken, in der er verschwunden war, und sich fragen, wo er nur blieb. Aber so konnte er nicht zurück. Sein Magen hatte sich ein wenig beruhigt, aber die Übelkeit war noch da. Sie sammelte nur Kraft für einen weiteren Angriff. Er mußte irgend etwas essen. Und vor allem etwas trinken, um den üblen Geschmack loszuwerden.

Statt in den Kinosaal zurückzugehen, wandte er sich nach rechts und steuerte mit übertriebenem Elan die Popcorntheke an. Unterwegs wühlte er in seiner Hosentasche, fand eine Handvoll Kleingeld und überschlug rasch im Kopf, daß es gerade für eine Cola und eine Packung Chips reichen würde – die Preise hier im »Cinedom« orientierten sich durchaus an dem großzügigen Ambiente, das der aus Beton, Stahl und Glas errichtete Vergnügungspalast bot. Egal. Er brauchte kein Festmahl, sondern nur etwas, um seinen Magen zu beruhigen.

Großer Gott, noch sechzig Minuten! Wenn er diesen bescheuerten Film noch eine geschlagene Stunde ertragen mußte, war er entweder vor Langeweile gestorben oder derartig verblödet, daß die körperliche Schwäche seine geringste Sorge darstellte …

Jan erstand eine Papprolle mit gesalzenen Kartoffelchips, eine kleine Cola, bezahlte beides und gab dem jungen Mädchen hinter der Theke großzügig die paar Groschen, die ihm von seiner Barschaft noch blieben, als Trinkgeld. Seine Finger zitterten leicht, als er die Rolle öffnete und drei oder vier der dünn gepreßten Chips auf einmal in den Mund schob. Sie schmeckten ungefähr so wie das Wasser, das er gerade getrunken hatte, aber Jan würgte sie tapfer herunter, spülte mit einem Schluck Cola nach, der noch übler schmeckte, und machte sich wieder auf den Weg zum Kino.

Er konnte die Blicke der vier jungen Männer, die hinter ihm an der Glastheke lehnten und ihre Gespräche jäh unterbrochen hatten, als er eintraf, fast körperlich zwischen den Schulterblättern spüren. Niemand sprach ihn an, als er über das Tau stieg und sich der geschlossenen Tür näherte. Sie hatten ihn zweifellos bemerkt, als er vor fünf Minuten herausgekommen war. Vielleicht, weil sie einfach Routine darin hatten. Aber vielleicht auch, weil er genauso auffällig gewesen war wie der besoffene Typ, der ihm gerade oben in der Toilette begegnet war.

Er angelte eine zweite Ladung Chips aus der Dose, schob sie in den Mund und wollte die Hand nach dem Türgriff ausstrecken, da explodierte die Übelkeit mit solcher Wucht in seinem Magen, daß er sich nicht mehr halten konnte. Er sank hilflos gegen die Wand neben der Tür, ließ sein Getränk und die Chips fallen und kämpfte sekundenlang mit zusammengepreßten Lippen und Augenlidern darum, sich nicht hier an Ort und Stelle übergeben zu müssen. Alles drehte sich um und auch in ihm, und er mußte sich den linken Arm wohl heftiger gezerrt haben, als ihm bisher bewußt gewesen war, denn auch der Schmerz in seiner Hand und im Bizeps meldete sich nun zurück.

»Ist Ihnen nicht gut?«

Das erste, was Jan zu diesen Worten einfiel, war, daß es sich wohl um die dämlichste Frage des Jahres handeln mußte: Einen Mann, der zitternd und bleich an der Wand lehnte und gerade sein zweites Abendessen fallengelassen hatte, zu fragen, ob ihm nicht gut sei, zeugte schon von größerer Hirnrissigkeit. Erst dann ging ihm ganz allmählich auf, daß er dieser Mann war und daß die Frage somit ihm galt. Mühsam öffnete er die Augen, blinzelte einen Moment verständnislos in ein schmales, von streichholzkurz geschnittenem hellblondem Haar eingerahmtes Gesicht und erkannte mit einer Zeitverzögerung von einer guten halben Sekunde das dazugehörige schwarze T-Shirt mit dem roten Aufdruck »Cinedom«. Die Kavallerie war da.

Er wollte den Kopf schütteln – ganz einfach, weil er zu den Menschen gehörte, die auf diese Frage immer mit einer Verneinung antworteten, selbst wenn sie gerade ihren Kopf unter dem linken Arm trugen –, aber dann wurde ihm bewußt, wie albern das angesichts seines momentanen Zustandes wäre. Also zuckte er unbeholfen mit den Schultern, versuchte seine Lippen zu einem Lächeln zu zwingen und nuschelte:

»Mir ist nicht … besonders gut. Aber jetzt geht es schon wieder.«

Mit der letzten Behauptung machte er sich vermutlich vollends lächerlich, jedenfalls wenn er den Gesichtsausdruck des Jungen vor sich richtig deutete. Der sagte zwar nichts, runzelte aber vielsagend die Stirn und senkte seinen Blick für einen Moment auf das Gemisch aus zerkrümelten Kartoffelchips und klebriger Cola, das sich vor und zwischen Jans Füßen ausgebreitet hatte. Jan vermutete allerdings, daß ihn im Moment weniger die Sorge um ihn beherrschte als vielmehr die Frage, wer die Sauerei wegwischen mußte. Er konnte sich nicht erinnern, jemals auch nur eine Putzfrau hier im Kino gesehen zu haben.

»Ich … mach’ das gleich weg«, murmelte er. »Tut mir leid.«

»Das ist wirklich nicht nötig.« Der junge Mann schüttelte den Kopf und trat einen halben Schritt zurück, um Jan noch einmal von Kopf bis Fuß zu mustern. Als er ihn wieder direkt ansah, glaubte Jan tatsächlich so etwas wie echte Sorge in seinem Blick zu erkennen.

»Ist mit Ihnen auch wirklich alles in Ordnung?« fragte er.

Platz zwei in der Hitliste der dämlichsten Fragen der Woche, dachte Jan müde. Na gut – auf Platz eins hatte er immerhin mit der bescheuertsten Antwort des Jahres gekontert. Vielleicht war es besser, er blieb bei der Wahrheit, ehe der Bursche anfing, die Top 100 herunterzuspulen.

»Ich schätze, ich habe mir den Magen verdorben«, sagte er achselzuckend. »Vielleicht ist mir auch dieser blöde Film auf die Innereien geschlagen … ich sollte besser nicht wieder hineingehen.« Er atmete tief ein, schluckte ein paarmal, um die bittere Galle loszuwerden, die sich schon wieder unter seiner Zunge zu sammeln begann, und angelte mit zitternden Fingern die Eintrittskarte aus seiner Hemdtasche.

»Vielleicht tun Sie mir einen Gefallen und sagen meiner Freundin Bescheid«, sagte er. »Sie sitzt auf Platz …« Er sah auf das Billett und hatte im ersten Moment Schwierigkeiten, die winzigen Buchstaben und Zahlen zu entziffern. Seit dem letzten Mal, als er hiergewesen war, mußten sie die Schriftgröße geändert haben.

Der Platzanweiser nahm ihm die Karte aus der Hand und warf einen flüchtigen Blick darauf, während seine Linke bereits in die Hosentasche glitt und eine Taschenlampe zutage förderte. »16 G«, sagte er.

»So ungefähr«, murmelte Jan. »Rechts neben dem freien Platz. Sagen Sie ihr einfach, daß ich … hier im Bistro warte und nicht wieder hereinkomme. Sie soll sich keine Sorgen machen und den Film genießen.« Diesen Film? Lachhaft!

Natürlich würde sie das nicht tun, sondern sofort herausgestürmt kommen, Panik verbreiten und verlangen, daß neben den Johannitern und dem Roten Kreuz auch noch die Feuerwehr, der Katastrophenschutz und eine Sondereinheit der GSG 9 gerufen wurde. Katrin gehörte zu den Menschen, die nur dann wirklich glücklich waren, wenn sie Katastrophenstimmung und eine Vorahnung des Weltuntergangs verbreiten konnten.

Der Junge klemmte sich nun die Karte zwischen kleinen und Ringfinger der linken Hand – eine Haltung, die ziemlich komisch aussah, aber wohl irgendeinen Sinn haben mußte –, schaltete seine Taschenlampe ein und war vermutlich froh, daß der so sichtbar angeschlagene Gast vor ihm nicht darauf bestand, in die Vorstellung zurückzukehren und womöglich die Sitze vollzukotzen.

»Ich sage Ihrer Verlobten Bescheid«, sagte er.

Lebensabschnittsgefährtin, dachte Jan belustigt. Das war der Ausdruck, den Katrin benutzte. Normalerweise ärgerte er sich maßlos darüber. Das Wort hatte etwas Verächtliches, das er gar nicht richtig greifen konnte, das ihn aber rasend machte. Jetzt fand er es komisch. Er fand überhaupt plötzlich vieles komisch. Je miserabler er sich fühlte, desto mehr Distanz schien er zu allem zu bekommen.

»Das … wäre nett«, murmelte er. Verdammt, er hatte schon Mühe, deutlich zu sprechen!

»Setzen Sie sich irgendwo hin. Falls Sie ärztliche Hilfe brauchen, wenden Sie sich an einen meiner Kollegen …« Er setzte zum zweitenmal dazu an, die Hand nach der Türklinke auszustrecken, und zögerte erneut. »Sie schaffen es auch wirklich allein?«

»Überhaupt kein Problem«, versicherte Jan. »Aber ich denke ich … gehe erst noch einmal dort hinauf.«

Er drehte sich mühsam zur Treppe herum und ging los. Die Absperrung war ein Problem. Irgendwie meisterte er es, war aber heilfroh, daß sie nicht zwei Zentimeter höher war. Er drehte sich nicht herum, konnte aber hören, daß der Junge die Tür erst öffnete, nachdem er sich davon überzeugt hatte, daß er auch wirklich aus eigener Kraft aufstehen konnte, und er sah aus den Augenwinkeln, daß auch die anderen Gestalten in Schwarz höchst konzentriert in seine Richtung blickten. Die Stille Post funktionierte hier offensichtlich ganz ausgezeichnet.

Er schleppte sich zum zweitenmal innerhalb von fünf Minuten die Treppe hinauf, und diesmal spürte er selbst, wie deutlich er schwankte. Trotzdem verzichtete er darauf, sich am Geländer festzuhalten. Seine Hand prickelte noch immer. Sie mußten dieses Chromgeländer an ein Kühlaggregat angeschlossen haben.

Er sollte nicht in diesen Raum gehen.

Der Gedanke entstand so deutlich und klar hinter seiner Stirn, als hätte ihn jemand in seiner unmittelbaren Nähe ausgesprochen. Jan blieb instinktiv stehen und unterdrückte im letzten Moment den Impuls, sich nach rechts und links umzublicken. Er war allein. Niemand hatte irgend etwas in seiner Nähe gesagt, nicht einmal weiter entfernt. Und es gab nicht den geringsten Grund für diese Überzeugung.

Aber genau das war es. Er wußte plötzlich, daß er nicht dort hineingehen durfte. Etwas Furchtbares würde geschehen, wenn er es tat.

Leider hatte er keine Wahl. Ihm war mittlerweile entsetzlich übel. Kalter Schweiß bedeckte seine Stirn und seine Wangen, seine Knie fühlten sich zusehends wie Wackelpudding an. Er konnte spüren, wie es in seinen Gedärmen rumorte, und seine linke Hand war jetzt so kalt, daß sie weh tat.

Er sollte nicht in diesen Raum gehen. Er durfte es nicht. Etwas Schlimmes wartete auf der anderen Seite der Tür. Aber Jan gestand sich auch endlich ein, daß er sich innerhalb der nächsten Sekunden übergeben würde, und allein die Vorstellung der damit verbundenen Peinlichkeit reichte aus, ihn alle anderen Bedenken vergessen zu lassen. Selbst wenn er gewußt hätte, daß Darth Vader mit gezücktem Lichtschwert auf der anderen Seite der Tür auf ihn wartete, hätte er die Toilette betreten müssen.

Er öffnete die Tür, machte einen großen Schritt in den Raum und fiel der Länge nach hin.

Seine Reflexe waren jedenfalls noch in Ordnung. Er schaffte es nicht ganz, den Sturz abzufangen, drehte aber immerhin den Kopf zur Seite und schob die linke Hand zwischen sein Gesicht und die Fliesen, die ihm plötzlich entgegensprangen. So tat er sich einfach nur weh, statt sich ein paar Zähne auszuschlagen. Immerhin war der Aufprall hart genug, um ihn einen Moment lang benommen zu machen und für einen noch kürzeren Augenblick sogar die Übelkeit vergessen zu lassen.

Nicht, daß ihm diese Veränderung gefiel. Im Gegenteil. Jan war noch nie zuvor bewußtlos gewesen, aber wenn das, was er nun spürte, eine beginnende Ohnmacht war, dann konnte er getrost darauf verzichten. Er hörte ein dumpfes, an- und abschwellendes Pochen und Dröhnen, das zweifellos nichts anderes als das Geräusch seines eigenen Herzschlags war, aber etwas nie Gekanntes, Angstmachendes mit sich brachte, und er sah aus den Augenwinkeln eine Wand formloser, wogender Schatten hinter sich, ungefähr dort, wo die Tür gewesen sein mußte. Dann klärten sich seine Sinne wieder. Die Übelkeit kam zurück, seine linke Hand tat noch weher als bisher, und die Schatten hinter ihm blieben.

Jan stemmte sich mühsam auf die Ellbogen hoch, kämpfte mit aller Macht den Brechreiz nieder, der seinen Magen jetzt wie Stiefeltritte traktierte, und drehte gleichzeitig weiter den Kopf.

Im nächsten Augenblick hatte er Übelkeit und Schmerzen vergessen.

Er war nicht gefallen, weil ihm sein Körper den Dienst verweigert hatte. Er war über etwas gestolpert – genauer gesagt über jemanden, der unmittelbar hinter der Tür lag; deutlich gesagt: über den Betrunkenen, der vorhin hereingekommen war. Der Mann mußte noch versucht haben, den Raum zu verlassen, um Hilfe zu rufen, hatte es aber nicht mehr geschafft. Er lag auf der Seite, gekrümmt, in einer Haltung, als hätte sich jeder einzelne Muskel in seinem Körper verkrampft, mit zu Fäusten geballten Händen und weit aufgerissenen Augen, in denen noch eine Spur von Leben war und ein unendlich großer, körperloser Schmerz.

Und er war nicht allein.

Der Schatten war wieder da, und diesmal konnte Jan ihn sehen.

Es war tatsächlich nur ein Umriß; etwas wie ein blinder Fleck auf der Netzhaut, der immer mitwanderte, wenn man versuchte, ihn zu fixieren, so daß er nie wirklich da, aber auch nie wirklich verschwunden war. Etwas, das man nur aus dem Augenwinkel heraus wahrnehmen konnte und das einen wahnsinnig machte, weil es sich jedem Versuch der Scharfeinstellung entzog. Ein Schatten, dem der Körper abhanden gekommen war.

Und das Ding starrte ihn an.

Jans Herzschlag schien für eine Sekunde auszusetzen. Die Kälte, die bisher nur in seiner linken Hand gewesen war, brach aus ihrem Gefängnis aus und ließ seinen gesamten Körper erstarren, und er spürte zum erstenmal wirklich, was damit gemeint war, wenn man sagt, daß einem die Angst die Kehle zuschnürt. Er bekam keine Luft mehr. Er konnte nicht mehr denken. Alles, was noch existierte, waren der Schatten und die Furcht vor dem Ding, das über den reglosen Körper gebeugt dastand wie ein Raubtier, das sein Opfer geschlagen hatte, sich aber noch nicht daran weidete, sondern plötzlich in eine andere Richtung starrte, als hätte es eine weitere, lohnende Beute gewittert. In Jans Richtung. Unsichtbare Augen taxierten ihn, schätzten ihn ein, wogen Aufwand gegen Belohnung ab und kamen zu einem Ergebnis. Dann streckte das Ding langsam eine schattenhafte, rauchige Hand nach ihm aus und …

… berührte ihn.

Die Hand des Dunklen berührte ihn nicht wirklich, sondern drang in ihn ein, müheloser, als seine Hand in Wasser oder flüchtiges Gas eingedrungen wäre, als hätte sein Körper umgekehrt für sie nicht mehr Substanz als der des Schatten-Dings für ihn. Die Hand suchte, tastete, sondierte und fand. Jan wollte schreien, aber er konnte es nicht. Seine Kehle war wie zugeschnürt. Er bekam keine Luft mehr. Sein Herz schlug nicht. Das Wühlen in seiner Seele nahm zu, wurde ungeduldiger, fordernder. Etwas wurde aus ihm herausgerissen, schnell, schmerzlos, aber mit einem Gefühl von Endgültigkeit, das schlimmer war als jede vorstellbare körperliche Pein.

Alle Kraft wich aus seinen Armen. Eine unsichtbare, aber unmenschlich starke Hand schloß sich um sein Herz und drückte es zu einem eisigen Klumpen zusammen. Er sank wieder nach vorne, ohne irgend etwas gegen die Bewegung tun zu können. Die Zeit dehnte sich wie halb trockener, fädenziehender Klebstoff. Die halbe Sekunde, die er brauchte, um zu stürzen, wurde zu einer ganzen Ewigkeit.

Sehr viel schwerer als das erste Mal schlug er erneut mit dem Gesicht auf dem Boden auf. Seine Unterlippe begann zu bluten. Er schmeckte salzige Wärme, die sich mit dem unangenehmen Geschmack in seinem Mund zu etwas Düster-Modrigem verband, etwas, das nach Grab schmeckte und die Gewißheit des Todes mit sich brachte. In seinem Inneren wühlte und grub die körperlose Hand des Dunklen, riß das Leben Stück für Stück aus ihm heraus und zerrte ihn zugleich weiter auf einen unsichtbaren, saugenden Abgrund zu. Er war plötzlich Teil eines Gemäldes von Hieronymus Bosch, hilflos, verloren in der rätselhaften Symbolik.

War das der Tod?

Er wollte sich aufbäumen, kämpfen, aber er wußte nicht wie. Gegen wen. Der Dunkle war nicht real, natürlich nicht. Er war nicht wirklich da. Trotzdem schien er mit jeder Sekunde, jedem Herzschlag, der nicht kam, mehr an Substanz zu gewinnen: ein höllischer Magier, der aus dem Spiegel der Ewigkeit hervortrat. Er schien jedes Interesse an seinem ersten Opfer verloren zu haben und stand nun breitbeinig, mit weit nach vorne gebeugten Schultern und hängenden Armen, über ihm. Seine Hände wühlten, gruben …

Und dann spürte Jan plötzlich, daß da noch etwas war; vielleicht ein zweites schattenhaftes Ding aus dem Jenseits, vielleicht auch etwas vollkommen anderes. Die körperlose Kälte, die sich in seinem Leib ausgebreitet hatte, zog sich zurück, und die Schatten begannen einen irrsinnigen, rasend schnellen Tanz im Raum aufzuführen, wie der Kampf zweier riesiger rauchiger Vögel, lautlos, schnell und mit kompromißloser Kraft und Entschlossenheit geführt.

Schritte näherten sich. Jemand rief seinen Namen, zuerst halblaut, in jenem nicht überzeugend leichten Ton, hinter dem sich Sorge verbarg, dann etwas lauter. Die Schritte wurden schneller.

»Jan? Bist du ins Klo gefallen, oder was ist los?«

Es war Dieters Stimme. Jan wollte antworten, aber er konnte es nicht. Er konnte immer noch nicht atmen. Es war ihm unmöglich zu sagen, wie lange er hier schon lag, aber es konnten erst wenige Sekunden sein. Er hatte tatsächlich nicht geatmet, seit ihn die Hand des Dunklen berührt hatte. Wie konnte Dieter so schnell hier heraufgekommen sein?

»He, Alter, das ist nicht mehr lustig. Jetzt antworte endlich – Großer Gott!«

Zu den beiden kämpfenden Schatten gesellte sich ein dritter, der zu einem realen, stofflichen Körper gerann. Dieter rief ein zweites Mal und noch inbrünstiger »Großer Gott!«, setzte mit einem ungeschickten Sprung über den reglosen Körper vor der Tür hinweg und fiel mehr neben ihm hin, als er sich auf die Knie fallen ließ.

»Was ist passiert? Mensch, Alter, mach kein’ Quatsch!«

Er begann rüde an Jans Schultern zu rütteln, hörte ebenso plötzlich wieder damit auf und schrie, offensichtlich an jemanden außerhalb des Raumes gewandt: »Hilfe! Einen Arzt! Schnell!«

Die Schatten waren immer noch da. Sie kämpften am Rande seines Gesichtsfeldes, vielleicht auch am Rande der Wirklichkeit, schienen jetzt aber nicht mehr ganz so deutlich zu sein wie zuvor, als hätte Dieters Auftauchen wieder ein bißchen mehr Realität in den Raum gebracht. Sie waren nun wie etwas, das Substanz gewinnen wollte, ohne daß es ihnen wirklich gelang.

Jan kam die Situation zunehmend unwirklich vor; wie ein Traum – wenn auch einer von der wirklich unangenehmen Sorte – oder einer jener surrealistischen Kurzfilme, in die ihn Dieter ständig schleifte und die alles haben durften, nur keine stringente Handlung und, um Gottes willen, keinen Sinn. Es mußte ein Traum sein.

Wenn es einer war, dann war er nicht nur außergewöhnlich bizarr, sondern auch außergewöhnlich realistisch, trotz allem: Dieter drehte ihn rücksichtslos herum, als hätte er alles vergessen, was er jemals über Erste Hilfe gehört hatte, rüttelte dabei weiter wild an seinen Schultern und schlug ihm schließlich mit vollkommen übertriebener Wucht zwei-, dreimal die flache Hand ins Gesicht. Jans Kopf rollte haltlos hin und her, und die Schatten in seinen Augenwinkeln tauchten im gleichen Rhythmus auf und verschwanden, was ihren Tanz noch bedrohlicher wirken ließ. Jan war sich nicht mehr ganz sicher, ob es wirklich zwei Schatten waren oder nur ein einziger, der sich zu teilen versuchte. Vielleicht war das Ringen, das er zu beobachten glaubte, kein Kampf, sondern ein vergebliches Ziehen und Stoßen, mit dem aus einem zwei werden wollten, ohne daß es ihnen gelang.

»Jan, verdammt noch mal – so sag doch was!« wimmerte Dieter. Wenigstens hatte er seine Versuche eingestellt, das bißchen Bewußtsein, das noch ihn ihm war, aus ihm herauszuprügeln. Dafür stützte er sich jetzt mit beiden Händen auf seiner Brust ab. Seltsam – Jan war nie aufgefallen, daß er ungefähr eine Tonne wog. Dabei kannten sie sich doch schon so lange …

»Junge, hör jetzt auf mit dem Quatsch!« sagte Dieter. In seiner Stimme war jetzt echte Panik, nicht nur Schrecken, und Jan fragte sich mit einer Mischung aus hysterischer Heiterkeit und Verwirrung, ob er vielleicht Grund hatte, sich wirklich Sorgen zu machen. Er verstand noch immer nicht genau, was mit ihm geschah, hatte aber mehr und mehr das Gefühl, daß er es nicht verstehen wollte.

Weil er nämlich starb.

Unsinn.

Das war nicht der Tod.

Er konnte nicht sterben. Das hieß: Natürlich konnte er sterben. Bei einem Autounfall. Bei irgendeinem idiotischen, durch und durch überflüssigen Unglück, bei einem Überfall oder einfach, weil er das Pech hatte, im falschen Augenblick am falschen Ort zu sein. So etwas passierte jeden Tag. Aber er konnte nicht so sterben. Er war zweiunddreißig, hatte sein Idealgewicht, rauchte maximal fünf Zigaretten am Tag, wenn überhaupt, und trank nur sehr wenig Alkohol. Außerdem hatte er sich erst vor zwei Monaten gründlich beim Arzt durchchecken lassen und war mit dem zu erwartenden Ergebnis belohnt worden: Er hatte es schriftlich, daß er in allerbester gesundheitlicher Verfassung war.

Und trotzdem lag er auf dem Rücken, bekam keine Luft und war nicht fähig, auch nur den kleinen Finger zu rühren.

Und sein Herz schlug nicht.

Es war diese Erkenntnis, die ihm endgültig klar machte, daß jetzt vielleicht der passende Moment war, damit anzufangen, sich Sorgen zu machen. Sein Herz hatte aufgehört zu schlagen. In seiner Brust war nur hartes Schweigen, wo das beruhigende »Ba-Dumm Ba-Dumm« der letzten zweiunddreißig Jahre sein sollte.

Dann kamen die Schatten wieder. Diesmal war es nicht das Ringen unheimlicher Geister, sondern ein trüber Kranz aus Finsternis, der sich ganz langsam aus allen Richtungen zugleich heranschob. Als sähe er die Welt plötzlich durch eine schlampig geputzte Fensterscheibe, an deren Rändern sich der Schmutz zu einer Kruste angesammelt hatte. Irgendwo in dieser trüber werdenden Schwärze war Bewegung, aber er konnte sie nicht mehr mit Blicken fixieren. Sein Gesichtsfeld wurde kleiner, ganz langsam nur, aber es schrumpfte.

Wie von weit her hörte er Schritte, dann ein erschrockenes Keuchen und dann wieder Schritte, die diesmal in aller Hast näher kamen. Eine Stimme schrie irgend etwas, das sich nach seinem Namen anhörte, ohne daß er ganz sicher sein konnte. Ebensowenig erkannte er die Stimme, obgleich sie ihm irgendwie vertraut vorkam.

»Der Arzt!« schrie Dieter. »Wo, zum Teufel, bleibt der verdammte Arzt?!«

Ein zweites Gesicht tauchte über ihm auf; es verschwamm, bevor er es richtig erkennen konnte. Stimmen – drei oder vier verschiedene, allesamt unbekannt-vertraut – riefen seinen Namen, dann wurde Dieters Tonnengewicht von ihm heruntergestoßen, und der körperliche Doppelgänger des unheimlichen Schattens wuchs über ihm empor. Vielleicht bewegte sich hinter ihm noch etwas. Vielleicht klaffte die Wirklichkeit hinter ihm auseinander, um sich zu einem leuchtenden, unendlich langen Tunnel zu erweitern (hieß es nicht, daß man so etwas sah, wenn es zu Ende ging?) – Jan konnte es nicht sehen, denn seine Welt hatte jetzt einen Schmutzrand, der breiter war als der sichtbare Teil. Alles wurde leicht. Sein Herz schlug immer noch nicht, und er konnte immer noch nicht atmen, aber wenigstens hatte der lästige Schmerz in seinem linken Arm aufgehört.

Und noch etwas: Er hatte überhaupt keine Angst. Er sollte Angst haben, denn es gab nichts mehr an der Erkenntnis zu rütteln, daß er entweder starb oder bereits tot war, aber er empfand nicht einmal Beunruhigung. Wenn das wirklich der Tod war, dann war er sehr angenehm. Selbst die alberne Hysterie, die er bisher empfunden hatte, war nicht mehr da.

Etwas berührte seine Brust, seinen Hals. Finger tasteten über sein Gesicht, machten sich einen Moment daran zu schaffen und verschwanden dann wieder, und plötzlich spürte er etwas: Einen harten, unangenehm festen Druck, der binnen Sekundenbruchteile zu einem rhythmischen, stechenden Schmerz in seiner Brust wurde, als schlüge jemand gleichmäßig mit einem Hammer auf seine Rippen ein.

Er keuchte, konnte plötzlich wieder atmen und hätte vor Schmerz geschrien, als sein Herz einen einzelnen, unvorstellbar qualvollen Schlag tat. Er wollte sich wehren, den Folterer von sich herunterstoßen, aber seine Arme schienen Tonnen zu wiegen, und er hatte nicht einmal genug Kraft, um die Hände zu bewegen. Der Druck und der Schmerz, den er brachte, hielten an, quälten ihn mit rhythmischen, schnellen Stößen und zwangen sein Herz zum Schlagen, ob er wollte oder nicht.

Er war nicht einmal sicher, daß er es wollte. Er hatte den Tod gespürt, und es war nichts Erschreckendes daran gewesen, sondern im Gegenteil ein Versprechen auf Ruhe und einen nie gekannten, allumfassenden Frieden. Das Leben hingegen bedeutete Schmerzen, Furcht und Enttäuschung, ein Feuerwerk an Gefühlen, von denen nur die allerwenigsten nicht unangenehm waren und noch weniger angenehm.

Jan versuchte erneut, die Hände zur Seite zu stoßen, die noch immer mit großer Kraft, aber auch ebenso großer Geschicklichkeit, seine Rippen zusammenpreßten und seinem Herzen ihren Takt aufzwangen, und diesmal schaffte er es immerhin, den rechten Arm zu heben und ein gequältes Stöhnen auszustoßen.

»Er atmet!« Diesmal identifizierte er ganz zweifelsfrei Katrins Stimme. »Gott sei Dank, er atmet wieder!«

Jan blinzelte. Die Welt hatte immer noch einen zerfaserten Schmutzrand, aber er zog sich nun auf die gleiche, lautlose Art zurück, auf die er gekommen war. Trotzdem hatte er Mühe, zu sehen. Es gelang ihm nicht, seine Augen scharf einzustellen. Wenn die Stimme, die er hörte, Katrins war, dann mußte das Gesicht über ihm auch das ihre sein, aber er erkannte nur einen verschwommenen Fleck, der irgendwie besorgt wirkte, ohne daß er sagen konnte, warum.

»Kannst du mich verstehen?« Eine Hand rüttelte an seiner Schulter, zwar sehr viel sanfter als Dieters gerade, aber immer noch unangenehm genug, um ihn diesmal vor Schmerz aufstöhnen zu lassen. Er konnte wieder atmen, aber auf seiner Brust schien noch immer eine unsichtbare Tonnenlast zu liegen. Jeder Atemzug bedurfte einer bewußten, unendlich großen Anstrengung.

»Katrin?« murmelte er. »Was … was tust du hier?«

Katrin schwieg verblüfft, und eine weitere, vollkommen unbekannte Stimme sagte: »Gehen Sie raus! Alle!«

Sie war nicht einmal besonders laut, aber so selbstsicher und befehlsgewohnt, daß niemand widersprach. Selbst Jan wäre gerne aufgestanden, um den Raum zu verlassen.

Schließlich sagte Katrin: »Aber –«

»Bitte«, unterbrach sie die Stimme. »Sie können nichts tun, und ich brauche Platz.« Eine winzige Pause, dann, in die andere Richtung: »Haben Sie den Krankenwagen gerufen?«

»Er muß in zwei Minuten hier sein. Soll ich nachsehen?«

»Nein. Ich brauche Sie hier. Und die anderen raus hier. Alle!«

Schritte. Das Rascheln von Kleidung. Ein widerspenstiges Murren, dann das Geräusch einer Tür, die gegen einen merklichen Widerstand geschlossen wurde. Erneut begannen Geräusche und optische Eindrücke auf eine seltsame, nicht einmal unangenehme Art zu verblassen, und eine andere Art von Dunkelheit tat sich in Jans Gedanken auf. Plötzlich war er müde, so unendlich müde.

Er wollte dem Gefühl nachgeben, doch jemand berührte ihn an der Schulter und rüttelte so heftig daran, daß er mit einem unwilligen Stöhnen die Augen aufschlug.

Ein von schütterem dunklen Haar und einem gleichfarbigen, nicht ganz sorgfältig ausrasierten Bart eingerahmtes Gesicht blickte auf ihn herab. Er kannte den Mann nicht, aber er hatte irgend etwas an sich, was ihn auf Anhieb sympathisch machte.

»Verstehen Sie mich?« fragte der Fremde.

»Nein«, murmelte Jan. »Kein Wort.«

Der Grauhaarige lächelte flüchtig und dünn, dann wurde er wieder ernst und sagte: »Ich bin Arzt. Ich muß Ihnen ein paar Fragen stellen.«

»Lassen Sie mich … in Ruhe«, murmelte Jan. Er ließ den Kopf wieder auf die Seite rollen und wollte gerade die Augen schließen.

Der Schatten war da.

Wie zuvor konnte er ihn nur aus den Augenwinkeln sehen, und er sparte sich gleich die Mühe, ihn mit Blicken fixieren zu wollen. Er wußte, daß es nicht möglich war. Man konnte nichts ansehen, was nicht wirklich da war.

»Das kann ich nicht«, sagte der Arzt. »Sie dürfen nicht einschlafen, hören Sie? Gleich kommt jemand, der Ihnen hilft, aber so lange müssen Sie wach bleiben. Nur ein paar Minuten. Ist das in Ordnung?«

Etwas an dem Dunklen hatte sich abermals verändert. Er stand jetzt einfach nur da, so reglos, als wäre er der Schatten einer Statue, die durch einen geheimnisvollen Zauber dem Lauf der Sonne folgte, so daß sich ihr Schatten niemals von der Stelle rührte, sondern seit Ewigkeiten gleich geblieben war.

»Hören Sie mich?« Die Hand schüttelte ihn wieder. Die Mühe, den Kopf zu drehen und den Mann anzusehen, wäre Jan zu groß gewesen, aber er wußte auch, daß der Arzt keine Ruhe geben würde, und so murmelte er: »Ja, verdammt. Lassen Sie mich.«

»Wie ist Ihr Name? Können Sie sich an Ihren Namen erinnern?«

»Jan«, antwortete Jan. Er hatte jetzt den Punkt herausgefunden, bis zu dem er seine Augen bewegen konnte, bevor der Schatten anfing, sich weiter zurückzuziehen. Er konnte ihn kaum deutlicher erkennen, aber er spürte immerhin, daß auch der Dunkle seinerseits ihn anstarrte. Es war noch immer die gleiche unheimliche Silhouette, die frappierend vertraut, zugleich aber so furchteinflößend wie die Umrisse eines zwei Meter großen Arachnoiden zu sein schien. Und trotzdem – etwas war anders.

»Jan, gut«, sagte der Arzt. »Ich bin Dr. Mertens. Und bis der Krankenwagen hier ist, sind Sie mein Patient, und ich bin für Sie verantwortlich. Verstehen Sie das?«

Ganz plötzlich wurde ihm der Unterschied klar. Er konnte die Blicke der unsichtbaren Augen noch immer so deutlich spüren wie vorhin, aber etwas fehlte. Die Gier war nicht mehr da. Das Ding, das ihn anstarrte, war kein Raubtier mehr. Was er spürte, war allenfalls ein distanziertes, wissenschaftliches Interesse an seiner Person. Nun, zumindest war diese Ausgeburt seines Unterbewußtseins nicht mehr auf sein Leben aus.

»Jan!« Mertens rüttelte unsanft an seiner Schulter, griff schließlich nach seinem Kinn und zwang seinen Kopf herum, so daß Jan ihn ansehen mußte. »Ihr Geburtsdatum«, verlangte er. »Sagen Sie mir Ihr Geburtsdatum.«

»Diese Frage ist unhöflich«, murmelte Jan. »Zumindest in Zeiten der Gleichberechtigung.«

»Sie machen es mir nicht leicht, Jan«, seufzte Mertens. »Verraten Sie mir wenigstens Ihren Nachnamen?«

»Feller«, murmelte Jan. »Wie Tomate. Nur mit ›F‹.«

Mertens’ Gesicht blieb ernst, aber in seinen Augen entstand ein leises, amüsiertes Funkeln. Vielleicht war es auch nur ein Ausdruck von Erleichterung. Jan war es egal. Er wollte den Kopf drehen, um nach dem Schatten zu sehen, aber Mertens ließ es nicht zu.

»Haben Sie irgend etwas genommen, Jan?« fragte er. »Alkohol. Medikamente. Drogen. Gift …«

»Nein«, antwortete Jan mühsam. Sein Mund war plötzlich so trocken, daß er kaum noch reden konnte. Er fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen, aber das Ergebnis war mäßig. Sandpapier, das über rauhen Stein rieb. »Höchstens … den Film. Aber ich wußte nicht, daß er … so schlimm ist.«

Diesmal lächelte Mertens wirklich. »Ich glaube, er ist außer Gefahr«, sagte er, an jemanden außerhalb seines Gesichtsfeldes gerichtet. »Trotzdem – passen Sie auf, daß er nicht einschläft. Ich sehe nach dem anderen.«

Mertens’ Gesicht verschwand und machte dem des jungen Mannes Platz, den er an der Kinotür getroffen hatte. Er sah jetzt wirklich besorgt aus und so nervös, wie Jan selten zuvor jemanden gesehen hatte. Er konnte hören, wie sich Mertens irgendwo links neben ihm an etwas zu schaffen machte, das sehr schwer zu sein schien und das nicht annähernd so bereitwillig auf seine Fragen antwortete, wie er es getan hatte. Jan sortierte mit einiger Mühe seine Gedanken und erinnerte sich nun, daß er nicht der einzige unfreiwillige Bewohner des Toilettenbodens war.

Nach einer Weile sagte Mertens sehr leise und in irgendwie resignierend klingendem Ton: »Exitus.«

Der junge Mann wandte nervös den Kopf, so daß Jan sein Gesicht nun im Profil sehen konnte. Es war ein sehr … sonderbares Profil. Seine Konturen waren zu scharf und schienen einen angedeuteten, schattigen Rand zu haben; wie eine Bluescreen-Aufnahme mit einer billigen Kamera.

»Er ist … tot?« murmelte er nervös.

»Ich fürchte.« Mertens sog hörbar die Luft ein und rutschte kurzerhand auf den Knien wieder zu Jan herüber. Ein Ausdruck von angedeutetem Schrecken huschte über sein Gesicht, als er Jans Blick begegnete und begriff, daß dieser seine Worte gehört hatte, aber er machte die Situation nicht noch schlimmer, indem er weiter darauf einging, sondern zwang schnell und routiniert wieder ein aufmunterndes ›Alles-wird-wieder-gut‹-Lächeln auf seine Züge. Eines von der Art, zu der nur Ärzte und Mütter von Kleinkindern imstande sind.

»Haben Sie Schmerzen?« fragte er.

Jan nickte, und Mertens sagte mit geschauspielerter Schadenfreude: »Gut. Wer Schmerzen hat, der lebt wenigstens noch. Halten Sie durch. Sobald der Krankenwagen da ist, gibt man Ihnen etwas.«

»Das … geht nicht«, murmelte Jan.

»Was?«

»Der Krankenwagen.« Jan schluckte trocken. Er hätte seine rechte Hand für einen Schluck Wasser gegeben. Aber irgend etwas sagte ihm, daß er sich jede entsprechende Bitte sparen konnte. »Ich kann nicht … ins Krankenhaus. Meine … Versicherungskarte ist in der anderen Jacke.«

Mertens lachte leise. Der junge Mann neben ihm wirkte nun vollkommen fassungslos, aber er lachte nicht. Nur die dünne Linie aus Schatten, die sein Gesicht einrahmte, bewegte sich leicht.

Der Krankenwagen kam tatsächlich wenige Minuten später. Jan konnte nicht sagen, wie viele. Etwas mit seinem Zeitgefühl stimmte nicht. Einige Sekunden, die er zusammen mit Mertens, einem ziemlich nervösen jungen Kartenabreißer und einem ziemlich toten Fremden in der Toilette des »Cinedom« verbrachte, schienen einfach kein Ende zu nehmen, andere waren vorbei, noch bevor er sie richtig registrierte. Aber irgendwann wurde die Tür aufgerissen, und zwei junge Männer in weißen Hosen und Hemden und orangefarbenen Jacken kamen herein, eine zusammengeklappte Trage zwischen sich und einen auf gleiche Weise gekleideten, aber deutlich älteren Notarzt in ihrer Begleitung.

Was folgte, war die übliche Routine. Jan hatte sie noch nie am eigenen Leibe, ja, noch nicht einmal miterlebt; aber er war doch ein typisches Kind der Mediengeneration, und so empfand er es nicht als so großen Unterschied, ob man nun die zwölfhundertste »Notruf«-Folge sah oder selbst auf die Trage gehoben wurde. Die Fernsehübertragung tat nicht ganz so weh, aber die körperlichen Schmerzen Jans hielten sich auch in Grenzen. Es war so, wie Mertens gesagt hatte: Nach einer ersten, überraschend flüchtigen Untersuchung durch den Notarzt und noch bevor er auf die Trage gehoben wurde, legte ihm einer der Sanitäter eine Infusion, die deutlich mehr enthalten mußte als Glukose und Schmerzmittel. Der unsichtbare eiserne Ring, der um seine Brust lag, lockerte sich kaum, aber die Schmerzen schwanden, und eine sonderbare, heitere Gelassenheit nahm von ihm Besitz. Valium zehn, schätzte er. Vielleicht auch Valium zwanzig oder hundert. Es war ihm gleich. Irgendwie war ihm alles gleich.

Wie sich zeigte, war das Personal des »Cinedom« umsichtig genug gewesen, gleich zwei Krankenwagen zu bestellen, die mit ausgeschalteten Sirenen, aber laufenden Motoren und flackernden Blaulichtern direkt vor dem gläsernen Foyer warteten.

Jan hatte hinterher Mühe, sich an den Weg zum Wagen zu erinnern. Er hatte sich immer gefragt, was es für ein Gefühl sein mochte, auf einer wackeligen Trage eine schmale Treppe hinunterbalanciert zu werden, deren Neigungswinkel jenseits aller Bauvorschriften lag, aber sein Zeitgefühl (oder vielleicht auch das Zeug, das aus dem Plastikbeutel in der Hand des Notarztes tropfte) spielte ihm einen neuerlichen Streich: Er hatte einen Blackout und nahm seine Umgebung erst wieder wahr, als er an den Kassenhäuschen vorbei und auf den Seitenausgang zugetragen wurde. Katrin war die ganze Zeit in seiner unmittelbaren Nähe. Jan konnte sie nicht sehen, aber dafür um so deutlicher hören. Dem Anschein nach hatten Mertens und Dieter alle Hände voll damit zu tun, sie davon abzuhalten, ihn vor lauter Sorge von der Trage zu reißen oder gleich selbst mit hinaufzuspringen.

Einer der beiden Krankenwagen fuhr ab, als sie das Kino verließen. Jan war immer noch von einer – eigentlich sogar unangenehmen – heiteren, medikamentös herbeigeführten Gelassenheit erfüllt. Er fand beinahe alles, was rings um ihn herum und sogar mit ihm vorging, bis zu einem gewissen Punkt komisch.

Er wurde in den zweiten Rettungswagen gebracht. Mertens und einer der Sanitäter blieben bei ihm, während der zweite die Türen schloß und dann nach vorne eilte, um im Führerhaus Platz zu nehmen. Jan konnte undeutlich Katrins Stimme hören, die selbst durch die geschlossenen Türen hindurch laut und verärgert klang. Offensichtlich verlangte sie, mit ihm im Krankenwagen mitfahren zu dürfen, was ihr aber natürlich nicht gestattet wurde. Jans Meinung nach war es sowieso schon viel zu eng hier drinnen. Der Krankenwagen war zwar an sich recht geräumig, aber mit vielen medizinischen Geräten vollgestopft, die für Jans Verständnis ebensogut aus den Lagerräumen der »Enterprise« stammen konnten. Außerdem waren sie schon zu viert hier drin: Er selbst, der Sanitäter, Mertens und der Schatten, der hoch aufgerichtet am Fußende der Trage stand und aus unsichtbaren Augen auf ihn herabsah.

Jan blinzelte.

Der Schatten blieb.

Jan schloß die Augen, preßte die Lider einige Sekunden lang so fest zusammen, daß bunte Lichtblitze über seine Netzhäute schossen und hob sie dann wieder.

Der körperlose Umriß stand noch dicht am Fußende der schmalen Liege und starrte ihn an. Er war nicht massiv, so daß Jan durch ihn hindurchsehen konnte, als hätte jemand ein Stück schwarzer Gaze genommen und einen menschlichen Umriß daraus geschnitten, ein Gesicht konnte er aber nicht erkennen.

Trotzdem spürte er den Blick des Dunklen wie die Berührung einer eisigen Hand. Er war kalt. Interessiert, aber kalt. Gnadenlos. Die Art von Blick, mit der ein Wissenschaftler vielleicht ein zwar interessantes, möglicherweise aber auch gefährliches Insekt begutachten mochte, ein Insekt, das er aufgrund seiner Seltenheit zwar mit großer Sorgfalt behandeln mußte, aber auch, ohne zu zögern, zertreten würde, sollte es sich tatsächlich als gefährlich erweisen.

»Das Schlimmste haben Sie hinter sich.« Mertens hängte den Infusionsbeutel an einen verchromten Haken einen halben Meter über Jans Kopf, überzeugte sich routiniert vom korrekten Sitz aller Anschlüsse und Verbindungen und gab dem Sanitäter einen Wink. Der Mann setzte sich auf einen schmalen, an der Wand verschraubten Stuhl und klopfte mit den Knöcheln gegen die Milchglasscheibe zum Führerhaus. Der Wagen setzte sich in Bewegung, sehr langsam zwar, aber mit mißtönend jaulender Sirene und zuckendem Blaulicht. Ein äußerst beruhigendes Gefühl, dachte Jan. Noch vor einer Stunde hätte er jeden für verrückt erklärt, der ihm gesagt hätte, daß er irgendwann einmal froh sein würde, in einem Krankenwagen mit Blaulicht und Sirene abtransportiert zu werden. Aber immerhin bewies es, daß er noch lebte.

Mertens hielt sich mit der linken Hand irgendwo fest und stand mit gespreizten Beinen, auf eine Art, die langjährige Notarzterfahrung verriet, in der Kabine. Er wandte sich zu Jan und wollte offensichtlich etwas sagen, runzelte aber dann statt dessen die Stirn, sah ihn einen Moment lang verwirrt und mit deutlich neu aufkeimender Sorge an und folgte schließlich seinem Blick.

Er sagte kein Wort. Aber die Geschichte, die sein Gesicht erzählte, war interessant genug.

Im ersten Moment wirkte er einfach nur verwirrt, allenfalls auf unangenehme Weise überrascht, dann ~ erschrocken? Jan konnte regelrecht sehen, wie es hinter der Stirn des Arztes arbeitete, als ob er sich eine bestimmte Frage stellte, um sie dann selbst mit einem angedeuteten Kopfschütteln zu beantworten. Er wandte sich wieder ganz zu Jan um, konnte aber nicht verhindern, daß sein Blick immer wieder nervös zum Fußende der Trage irrte. Aber wie war es möglich, daß er etwas sah, was doch nur in Jans Einbildung existierte?

»Wohin bringen Sie mich?« fragte Jan. Eigentlich nicht einmal aus wirklichem Interesse ~ wohin sollten sie ihn schon bringen? In ein Krankenhaus natürlich! ~, sondern weil er urplötzlich schläfrig wurde. Mit Sicherheit auch eine Folge der Infusion.

Aber er wollte nicht schlafen. Er hatte Angst, daß der Schatten ihm dort hinüber folgen würde. Hier, in der Wirklichkeit, konnte er ihm entkommen, aber im Schlaf war er den Geschöpfen seines Unterbewußtseins hilflos ausgeliefert. Er war sich vollkommen darüber im klaren, daß diese unheimlichen Schatten nichts als Einbildung waren, aber anders, als er erwartet hätte, half ihm diese Erkenntnis nicht im geringsten, mit der Angst fertig zu werden, die ihm ihr Anblick einflößte.

»In die Uniklinik«, antwortete Mertens. »Und jetzt schlafen Sie. Ansonsten wirkt sich das auf mein Honorar aus ~ und zwar zu meinen Ungunsten. Denn Gesprächstherapie wird normalerweise nicht von der Krankenkasse übernommen.«

»Gerade sollte ich noch unter allen Umständen wach bleiben«, beschwerte sich Jan. Genauer gesagt wollte er sich beschweren, brachte aber kaum noch mehr als ein hilfloses Flüstern zustande. Was, zum Teufel, hatten sie ihm gegeben?

»Gerade waren Sie mir ja auch noch nicht hilflos ausgeliefert«, antwortete Mertens fröhlich. »Und jetzt versuchen Sie zu schlafen. Wenn es Sie beruhigt: Ich glaube nicht, daß Sie in ernsthafter Gefahr sind. Aber man kann nie wissen ~« Er wollte es nicht ~ Jan konnte genau erkennen, wie sehr er sich gegen die Bewegung zu sträuben versuchte ~, aber wie unter Zwang drehte er langsam den Kopf und blickte zum Fußende der Trage. Er sah irritiert aus. Als sähe er etwas, von dem er so genau wüßte, daß es unmöglich war, daß er es einfach nicht zur Kenntnis nahm, gleich, ob er es nun sah oder nicht.

»Aber das ~ will ich nicht«, nuschelte Jan. Er war so matt, daß er nicht einmal mehr die Kraft hatte, ebenfalls den Kopf zu drehen, um sich davon zu überzeugen, ob der Schatten noch da war oder nicht. Wozu auch. Er wußte ja, daß er es war.

»Zur Kenntnis genommen«, sagte Mertens. »Und jetzt schlafen Sie.«

Jan schlief ein.

Er erwachte, von mehreren, unterschiedlichen Empfindungen erfüllt, die jedoch alle eines gemein hatten: Sie waren durchweg unangenehm.

Da war – das war das erste, was ihm klar wurde, noch bevor er die Augen öffnete und aus dem Gefühl Gewißheit wurde – zum einen das unangenehme Gefühl, sich im Krankenhaus zu befinden. Er haßte Krankenhäuser, obwohl er bisher noch niemals als Patient in einer Klinik gewesen war. Dafür aber um so öfter als Besucher. Sein Vater hatte seine letzten zwei Lebensjahre überwiegend in verschiedenen Krankenhäusern verbracht, bevor er vor fünf Jahren starb. Und da Jan ein verantwortungsvoller Sohn war, hatte er ihn oft besucht – am Anfang, weil er es wirklich wollte, später mehr aus einer Art Pflichtgefühl heraus, von dem er immer weniger sicher gewesen war, ob er es überhaupt empfand oder einfach so tat, weil es sich so gehörte. Ein Jahr später war seine Mutter gestorben, nicht ganz so würdelos und qualvoll wie sein Vater, aber langsam genug, um ihm weitere sechs Monate zu bescheren, in denen er vier von sieben Abenden in der Woche im Krankenhaus verbrachte. Und schließlich Katrins Unfall im vergangenen Herbst. Er hatte nur für drei Wochen gereicht, aber ihm waren diese drei Wochen fast länger vorgekommen als die zwei Jahre, die er am Krankenbett seines Vaters verbracht hatte.

Seither hatte Jan die Schnauze voll von Krankenhäusern. Gestrichen und für den Rest seines Lebens. Und jetzt war er selber in einem, noch dazu als Patient. Keine besonders angenehme Art aufzuwachen. Einen ganz kleinen Moment lang versuchte er, sich einzureden, daß er einfach noch schlaftrunken war und da irgend etwas durcheinanderbrachte, aber dann öffnete er die Augen und stellte fest, daß das, was er sah, wirklich kein Traum sein konnte.

Das Zimmer, in dem er sich befand, war zwar erstaunlich geräumig, ähnelte aber verdächtig dem Krankenwagen, mit dem er hergebracht worden war. Es war so vollgestopft mit Apparaturen und Gerätschaften, die allesamt medizinisch, teuer und überaus kompliziert aussahen, daß der verbliebene Platz gerade noch für das Bett und einen schmalen Gang reichte. Es gab nur ein einziges, kleines Fenster, welches zudem mit einer milchigen Kunststoffolie beklebt war, so daß er nicht sagen konnte, ob die Helligkeit dahinter nun Tageslicht oder die künstliche Beleuchtung eines angrenzenden Raumes war, und er hörte zwar nicht das Heulen einer Sirene, sehr wohl aber die typischen Geräusche eines modernen Krankenhauses.

Die zweite unangenehme Empfindung, die er hatte, war die Erinnerung an einen Traum. Einen völlig verrückten, abstrusen Traum, der sich irgendwie mit seinen Erinnerungen vermischt hatte, so daß er nicht mehr genau auseinandersortieren konnte, was nun wirklich Erinnerung und was Bruchstück seines Alptraumes war. Ein Schatten hatte darin eine Rolle gespielt, vielleicht auch zwei, und er erinnerte sich vage an einen komischen Mann, der vorgab, Arzt zu sein, sich aber nicht wie einer benahm.

Das dritte und letzte unangenehme Element seines Erwachens war weniger surreal, dafür aber äußerst lästig – ein heftiger Schmerz, der seinen Ursprung in seinem linken Handrücken hatte und sich bis in die Schulter und die Halsmuskulatur hinaufzog. Mühsam drehte er den Kopf in den gesteiften Kissen, blickte an sich herab und sah, daß seine linke Hand dick verbunden war. Aus der weißen Gaze ragte ein durchsichtiger Kunststoffschlauch, der in einer Injektionsnadel endete. Jan hatte sich immer gefragt, warum sie seit einigen Jahren dazu übergegangen waren, den Patienten die Nadeln in den Handrücken zu stechen, statt auf die gute alte Art in die Armbeuge. Ihm erschien diese neue Methode unpraktisch, denn sie ließ, so stand zu vermuten, nicht nur die Hand vollkommen nutzlos werden, sondern tat auch höllisch weh.

Mit beiden Vermutungen hatte er recht gehabt.

»Gott sei Dank, du bist endlich wach!«

Zwei oder drei der Geräte, an die er angeschlossen war, begannen protestierend zu piepsen, als sein Herz einen erschrockenen Sprung machte. Jan drehte hastig den Kopf auf die andere Seite und stellte fest, daß er nicht so allein im Zimmer war, wie er im ersten Moment angenommen hatte. Katrin saß auf einem unbequem aussehenden Stuhl neben ihm, und er mußte sie nicht fragen, ob sie etwa die ganze Nacht dort verbracht hatte. Ihr Blick paßte zu der schlaftrunkenen Stimme. Das Haar hing ihr wirr ins Gesicht, und unter ihren Augen hatten sich dunkle Ringe gebildet. Ihr Make-up war verlaufen, als hätte sie geweint. Katrin weinte oft und gern.

»Was –?« murmelte Jan.

»Mach dir keine Sorgen, Jan«, unterbrach ihn Katrin. »Es wird alles wieder gut.«

Jan machte sich keine Sorgen. Er hatte viel zu wenig Informationen, um sich Sorgen zu machen. Aber er fühlte sich miserabel.

»Hast du die ganze Nacht hier gesessen?« fragte Jan.

»Selbstverständlich«, erwiderte Katrin in einem Ton, der irgendwie empört klang; als empfände sie es schon als die Andeutung einer Beleidigung, daß er auch nur daran zweifelte. »Wie fühlst du dich?«

»Keine Ahnung«, gestand Jan. »Nicht besonders gut?«

»Was denn nun?« Katrin unterdrückte ein Gähnen, fuhr sich mit den Fingerknöcheln beider Hände über die Augen und sah auf die Uhr. Sie erschrak ein bißchen. »Keine Ahnung oder nicht besonders gut?«

»Keine Ahnung«, sagte Jan. »Aber das hier ist ein Krankenhauszimmer, oder? Also sollte ich mich entsprechend schlecht fühlen … wenigstens ein bißchen.«

»Du wirst nie erwachsen, was?« seufzte Katrin. Sie lachte, aber ihr Gesicht blieb bei diesem Lachen ernst; auf eine Art, die Jan ganz und gar nicht gefiel.

»Du verschweigst mir nicht zufällig was?« fragte er.

»Eine ganze Menge«, antwortete Katrin todernst. »Aber das kann ich einem Mann in deinem Zustand unmöglich sagen, weißt du? Wir reden später darüber.« Plötzlich grinste sie, stand auf und hauchte ihm einen flüchtigen, etwas zu feuchten Kuß auf die Stirn. »Und jetzt hör auf, dir Sorgen zu machen. Ich rufe den Arzt. Er kann dir alles erklären.«

»He!« protestierte Jan. »Ich will nicht, daß mir jemand etwas erklärt. Am Ende muß ich mir wirklich Sorgen machen!«

Katrin ignorierte seine Widerrede, drehte sich herum und schob sich unbeholfen an seinem Bett vorbei auf die Tür zu. Ihre Bewegungen waren ziemlich unsicher. Entweder, er hatte sie aus der tiefsten REM-Phase gerissen, oder sie hatte in der zurückliegenden Nacht so gut wie gar nicht geschlafen. Wahrscheinlich traf beides zu.

Sie öffnete die Tür, drehte sich noch einmal zu ihm herum und sagte: »Lauf nicht weg, okay?«

Vielleicht waren ihre Worte gar nicht so scherzhaft gemeint, wie sie sich im ersten Moment anhörten. Sie kannten sich seit vier Jahren, vielleicht noch kein Leben lang, aber lang genug.

Und sie kannte seine Aversion gegen Krankenhäuser. Offensichtlich traute sie ihm durchaus zu, sich die Nadel aus der Hand zu reißen und in einem hinten offenen Krankenhaus-Nachthemd aus dem Zimmer zu spazieren.

Ein seltsames Gefühl von Alleingelassensein machte sich in Jan breit, nachdem Katrin gegangen war. Ein sehr unangenehmes Gefühl. Er mußte wieder an seinen Traum denken, und mit einem Male war er gar nicht mehr sicher, daß es wirklich nur ein Traum gewesen war. Es war so realistisch gewesen wie nur irgend etwas, was er zuvor erlebt hatte. Andererseits – er war noch niemals krank gewesen, und er hatte so etwas wie am vergangenen Abend noch nicht einmal annähernd erlebt; wie also sollte er beurteilen, was in einem solchen Moment normal war und was nicht?

Er verscheuchte den Gedanken, versuchte sich aufzusetzen und stellte ohne sonderliche Überraschung fest, daß er es nicht konnte.

Seine linke Hand war nicht nur bandagiert wie die einer Mumie, sondern auch zusätzlich mit einem Lederband an das Bettgestell gefesselt, wahrscheinlich, damit er sich nicht im Schlaf bewegte und sich selbst verletzte. Außerdem verspürte er noch immer einen Druck auf der Brust, als wäre sie mit Stahlbändern umwickelt. Jan fummelte das Band von seinem linken Handgelenk, versuchte sich ein zweitesmal hochzustemmen und schaffte es diesmal in eine wenigstens halbwegs sitzende, halb auf den Ellbogen gestützte Haltung – was nicht nur einen Chor erzürnter Pieps- und Pfeiflaute der Überwachungsmonitore und Computer an der Wand hinter seinem Bett zur Folge hatte, sondern auch einen heftigen, pochenden Schmerz in seiner linken Hand.

Jan verzog das Gesicht, richtete sich noch weiter auf und schlug die Bettdecke zurück. Ungeschickt zog er den Halsausschnitt seines Nachthemdes auf und linste darunter. Wo seine nicht allzu muskulöse, aber kräftig behaarte Brust sein sollte, befand sich ein breiter, strahlend weißer Verband, der irgendwie nicht so aussah, als bedeckte er eine Wunde.

»Sie haben zwei angebrochene Rippen«, sagte eine Stimme von der Tür her. »Das kommt von der Herzmassage. Der junge Mann im Kino war vielleicht ein bißchen übereifrig. Eigentlich müßte es ziemlich weh tun.«

Dr. Mertens schloß die Tür hinter sich und machte gleich darauf einen hastigen Schritt, als sie praktisch im gleichen Augenblick wieder aufgerissen wurde und Katrin hereinstürmte. »Das geht jetzt aber wirklich –«, begann er, kam aber nicht dazu, den Satz zu Ende zu bringen.

»Mein Verlobter hat keine Geheimnisse vor mir«, unterbrach ihn Katrin. Sie warf Jan einen Blick zu, der besagte: Wage es bloß nicht, etwas anderes zu sagen!, und fragte: »Nicht wahr?«

»Bis jetzt nicht«, sagte Jan. »Oder?«

Die Frage galt dem Arzt, der sie nicht sofort beantwortete, sondern Katrin musterte, als überlege er, ob es der Mühe wert war, sie hinauszuwerfen oder nicht. Dann zuckte er mit den Achseln und kam wortlos näher. Jan vermochte nicht zu sagen, welche der beiden Fragen der Arzt mit diesem Schulterzucken beantwortete.

»Was tun Sie überhaupt hier?« fragte Jan. »Ich dachte, Sie gehören zu meinem Traum.«

»Hübsch, so etwas mal zu hören«, sagte Mertens belustigt. »Aus dem Munde Ihrer Verlobten wäre es mir allerdings noch lieber gewesen. Die meisten Leute bezeichnen mich eher als ihren Alptraum, wissen Sie?« Er zog sich den Stuhl heran, auf dem Katrin gesessen hatte, ließ sich ächzend darauf nieder und maß Jan mit einem Blick, der Jan – ohne daß er selbst sagen konnte, warum – dazu brachte, sich etwas entspannter zurücksinken zu lassen.

»Um Ihre Frage zu beantworten«, fuhr er fort. »Ich bin zufällig der Oberarzt dieser Abteilung. Auch Ärzte gehen manchmal ins Kino, wissen Sie?« Er grinste. »Außerdem bekomme ich eine fette Prämie für jeden Patienten, den ich herbringe. Also habe ich mir eine Dauerkarte fürs ›Cinedom‹ besorgt – nur für die Horrorfilme – und warte jetzt an jedem Samstagabend auf Männer, die einen Herzanfall bekommen, weil sie die Spannung nicht ertragen. Wie geht es Ihnen?«

Er lächelte weiter, aber die letzte Frage hatte er in vollkommen ernstem Ton gestellt, und auch sein Blick war jetzt forschend. Jan zog es vor, nicht zu gründlich über diesen Blick nachzudenken. Er wollte sich nicht eingestehen müssen, daß er vielleicht doch Grund hatte, sich Sorgen zu machen. Was hatte Mertens gesagt? Herzanfall?

»Ich hatte gehofft, daß Sie mir das sagen würden«, sagte er. Katrin nahm schräg hinter Mertens Aufstellung und maß abwechselnd ihn und den Arzt mit strafenden Blicken.

»Wenn Sie mich fragen, was gestern abend mit Ihnen los war, muß ich Sie enttäuschen«, antwortete Mertens. »Ich weiß es nicht. Nicht genau. Sie hatten einen Herzstillstand. Aber ich kann Ihnen nicht sagen, warum.«

»Herzstillstand?« Jan sah den Arzt ungläubig an.

»Sieht so aus«, bestätigte Mertens bekümmert. »Wenn Sie hier herauskommen, sollten Sie sich bei dem jungen Mann im Kino bedanken. Er hat Ihnen das Leben gerettet.«

»Er hat mir zwei Rippen gebrochen«, sagte Jan.

»Wenn er es nicht getan hätte, wären Sie jetzt tot«, sagte Mertens. Er lächelte immer noch dabei, aber in seinen Worten lag, trotz des freundschaftlichen Tons ein Ernst, der Jan schaudern ließ. »Sie hatten mehr Glück als Verstand, Herr Feller.«

»Er hatte einen Herzanfall!« korrigierte ihn Katrin. Ihre Stimme klang ein bißchen hysterisch, fand Jan. Er vermied es ganz bewußt, sie anzusehen, sondern konzentrierte sich ganz auf den Arzt.

»Herzstillstand«, sagte Mertens. »Das ist ein Unterschied.«

»Aber … aber das ist unmöglich«, murmelte Jan verstört. »Ich meine, ich … ich treibe Sport. Ich bin zweiunddreißig. Ich rauche kaum, und … und ich achte auf gesundes Essen.«

»Und trotzdem passiert so etwas von Zeit zu Zeit«, sagte Mertens. »Natürlich müssen wir Sie in den nächsten Tagen noch gründlich untersuchen, aber nach meinem ersten Eindruck sind Sie kerngesund – um es einmal so auszudrücken. So etwas passiert. Niemand weiß genau, warum.«

»Ein Herzstillstand?« vergewisserte sich Jan. »Einfach so?«

»Einfach so«, bestätigte Mertens. Er stand auf. »Aber nun machen Sie sich keine unnötigen Sorgen. Sie sind in besten Händen«, sagte der Mann. Er lächelte, diesmal war es ein berufsmäßiges, durch und durch unechtes Lächeln, setzte dazu an, mit seiner wenig überzeugenden Erklärung fortzufahren, und aus seiner Tasche drang ein helles, rhythmisches Piepsen. Seine Hand glitt so schnell in den Kittel, daß die Bewegung schon fast erschrocken wirkte, und zog ein Gerät hervor, das Jan an seinen eigenen »Scall« erinnerte, aber wesentlich komplizierter aussah. Mertens warf nur einen flüchtigen Blick auf das Display und gab sich nicht die geringste Mühe, seine Erleichterung zu verhehlen, als er wieder aufsah.

»Mein Typ wird verlangt«, seufzte er. »Das ist das Problem, wenn man über ein normales Arztgehalt hinauswill. Andauernd will jemand, daß man auch etwas dafür tut.«

Jan ließ sich von seiner aufgesetzten Flapsigkeit nicht beeindrucken. Er kaufte sie ihm auch nicht ab. »Sie verheimlichen mir etwas, nicht wahr?« fragte er.

Mertens stand ächzend auf. »Natürlich. Die Höhe meiner Rechnung.«

»Werde ich sterben?« fragte Jan geradeheraus.

»Sicher«, antwortete Mertens. »In vierzig oder fünfzig Jahren. Vielleicht auch später. Die Medizin macht Fortschritte.«

»Verdammt noch mal, ich meine es ernst!« sagte Jan. Etwas … änderte sich. Die heitere Stimmung, die Mertens ganz bewußt zu verbreiten versucht hatte, war wie weggeblasen. Die Schärfe in Jans Stimme zerschnitt förmlich die Atmosphäre. Es schien kälter zu werden. Das Licht nahm ab, und alle Schatten schienen plötzlich mit harten, schwarzen Linien nachgezogen zu sein.

»Ich auch«, antwortete Mertens. Er lächelte nicht mehr. »Daß wir nicht wissen, was Ihnen zugestoßen ist, bedeutet nicht, daß Ihnen nichts fehlt, Herr Feller. Wir werden Sie in den nächsten drei Tagen gründlich untersuchen. Danach unterhalten wir uns weiter. Wenn Sie vorher auf einer Antwort bestehen, müssen Sie einen Hellseher konsultieren.«

Er ging und schloß die Tür hinter sich, noch bevor Jan eine weitere Frage stellen konnte. Jan starrte ihm wütend nach, rief sich in Gedanken aber selbst zur Ordnung. Seine Reaktion war überzogen. Es war ja sein gutes Recht, zu fragen, was mit ihm los war, und er hatte vielleicht auch noch das Recht, verärgert zu sein, weil seine Fragen nicht beantwortet wurden. Aber es hätte nicht viel gefehlt, und er hätte Mertens angeschrien. Im Grunde genommen hatte er es, auch wenn er dabei nicht laut geworden war …

»Warum … stellst du so eine Frage?« murmelte Katrin. Sie blickte aus großen Augen auf ihn herab. Ihre Finger hatten sich mit aller Kraft um die Lehne des Stuhles geschlossen, auf dem Mertens gesessen hatte, und sie wirkte noch blasser und übernächtigter als zuvor.

»Welche Frage? Was mit mir los ist?«

»Ob du sterben wirst«, antwortete Katrin. Etwas Dunkles, das hinter Jan zu stehen schien, spiegelte sich in ihren Augen. Jan mußte sich mit aller Kraft beherrschen, um sich nicht im Bett herumzudrehen.

»Nur so«, antwortete er knapp.

»Nein«, behauptete Katrin. Der Schatten in ihren Augen versuchte, Substanz aufzunehmen. »Das war nicht nur so. Du verheimlichst mir etwas.«

Jan setzte zu einer lässigen Antwort an, aber die Worte wollten ihm einfach nicht über die Lippen kommen. Kälte erfüllte ihn, und er spürte quasi körperlich, daß sich etwas hinter ihm bewegte.

Aber es konnte nicht sein. Was immer hinter ihm war, flog genau in Katrins Blickrichtung. Sie hätte es unweigerlich gesehen. Was für ein Alptraum! Wieso wurde er diese Erinnerungsfetzen einfach nicht los?

»Da ist wirklich nichts«, sagte er lahm. Er versuchte, wenigstens eine Spur von Überzeugung in seine Stimme zu legen, aber er merkte selbst, wie kläglich dieser Versuch scheiterte. Trotzdem fuhr er fort: »Ich kann dir nicht sagen, was los war. Bis gestern abend dachte ich noch, ich wäre völlig gesund …«

Katrin blieb vollkommen ernst. Wahrscheinlich hatte sie seine Worte nicht einmal zur Kenntnis genommen. Sie setzte sich, sah ihn einen Moment verstört an und stand dann wieder auf, nur um sich im nächsten Augenblick wieder auf den unbequemen Stuhl sinken zu lassen.

»Du … du würdest es mir sagen, wenn da etwas wäre, oder?« fragte sie stockend. Ihr Blick irrte im Zimmer umher, nur Jans Gesicht mied er. »Ich … ich meine, du … du würdest nicht versuchen, mir aus falscher Rücksichtnahme zu verschweigen, wenn du … wenn du krank wärst oder so etwas. Du würdest es mir doch sagen?«

Wie kommst du denn auf die Idee, dachte Jan. Laut und in so ehrlichem Ton, wie er nur konnte, sagte er: »Selbstverständlich. Ich würde dir niemals etwas so Wichtiges verschweigen.«

Lügner, wisperte eine Stimme in seinen Gedanken. Dann, eine Sekunde später, wurde ihm klar, daß die Stimme gar nicht in, sondern hinter ihm gewesen war. Der unsichtbare Schatten sprach mit ihm. Das war grotesk. Absolut lächerlich!

Dann geschah etwas wirklich Beunruhigendes: Katrin legte den Kopf schräg, runzelte die Stirn und blickte für einen Moment gebannt auf einen Punkt hinter ihm, und ihr Gesichtsausdruck war ganz der eines Menschen, der irgend etwas wahrgenommen zu haben glaubte, sich aber nicht ganz sicher war. Vielleicht so etwas wie einen Schatten aus den Augenwinkeln heraus, der immer dann verschwand, wenn man versuchte, ihn mit Blicken zu fixieren?

Um nicht den Verstand zu verlieren oder in ein plötzliches hysterisches Gelächter auszubrechen, drehte Jan nun doch den Kopf in das Kissen und starrte die Wand hinter sich an. Sie war das, was sie sein sollte: Eine glatte, in sanftem Pastellton gestrichene Wand, in die eine Anzahl verchromter Anschlüsse eingelassen war. Nicht mehr und nicht weniger. Kein Schatten.

Als er sich wieder zu Katrin herumdrehte, war der verwirrte Ausdruck gänzlich aus ihren Augen verschwunden, so daß Jan vollkommen sicher war, daß jede Erinnerung getilgt worden war. In einem Ton, als hätte es keine Unterbrechung gegeben, fuhr sie fort: »Dann ist es gut. Weißt du … ich … ich würde es nicht ertragen, wenn du mir etwas so Wichtiges verschweigen würdest.«

Wäre es dir lieber, ein paar Jahre lang mit der Gewißheit zu leben, daß ich es nicht mehr lange mache? dachte Jan zynisch. Bestimmt nicht. Niemand soll erleben, was meine Mutter und ich durchgemacht haben. Dann erschrak er. Er war nicht sicher, ob er diese Antwort wirklich nur gedacht oder womöglich ausgesprochen hatte. Die Erleichterung in Katrins Blick machte ihm jedoch rasch klar, daß er nicht laut gedacht hatte.

»Du hattest wirklich Glück, weißt du?« fuhr Katrin fort. »Ich habe vergangene Nacht noch lange mit Dr. Mertens gesprochen. Fünf Minuten später, und es wäre vorbei gewesen.«

»Das hat nichts mit Glück zu tun«, sagte Jan. Er war fast erleichtert. Auf einer tieferen Bewußtseinsebene hatte er schon die ganze Zeit darüber nachgedacht, wie er das Gespräch auf ein weniger verfängliches Thema lenken konnte. Nun gab ihm Katrin selbst den Vorwand, den er gesucht hatte. »Bedank dich bei deinem Bruder. Wenn er nicht gekommen wäre … apropos: Wieso ist er überhaupt gekommen?«

»Du bist lange weggeblieben«, antwortete Katrin.

»Lange? Nicht einmal fünf Minuten!«

Katrin schien einen Moment lang angestrengt darüber nachdenken zu müssen, ob diese Behauptung auch wirklich der Wahrheit entsprach, dann zuckte sie mit den Schultern und fuhr in fast unwirschem Ton fort: »Du hast den ganzen Tag über schon nicht gut ausgesehen. Jedenfalls haben wir uns Sorgen gemacht. Ich … ich hatte einfach das Gefühl, daß irgend etwas nicht in Ordnung ist. Und da habe ich Dieter gebeten, dir nachzugehen und nach dem Rechten zu sehen.« Etwas wie Trotz glomm in ihren Augen auf, erlosch aber sofort wieder. »Ich weiß, daß du nicht viel auf meine Intuition gibst, aber diesmal hat sie dir das Leben gerettet.«

Jan hätte am liebsten aufgestöhnt, und er war dicht daran, Nicht das schon wieder! zu stöhnen. Er hatte Katrin sehr gern, aber manchmal war sie eine Paranoikerin par excellence. Wie Dieter es einmal so treffend ausgedrückt hatte: Sie war nur dann wirklich glücklich, wenn sie Unglück prophezeien konnte. Und da sie es oft genug tat, traf sie logischerweise manchmal ins Schwarze. Er konnte sich ungefähr vorstellen, was er sich in den nächsten Wochen würde anhören müssen. Wenn nicht Monaten …

»Apropos siebtes Gesicht«, sagte er. »Du solltest mal ein anderes aufsetzen. Wie lange hast du heute nacht geschlafen? Zehn Minuten oder zwanzig?«

Katrin starrte ihn an. »Charmant wie immer, wie?«

»Ich sagte doch: Bin wieder der Alte, mir fehlt nichts.«

Katrin seufzte, stand kopfschüttelnd auf und ging mit hängenden Schultern zu dem kleinen Waschbecken, das in einem Winkel neben der Tür angebracht war. Hinter Jan raschelte etwas. Ein seidiger Laut, so als rieben sich Schatten aneinander. Jans Herz begann rascher zu schlagen, und er spürte, wie seine Hand – absurderweise nur die linke – leicht zu zittern begann. Er schloß sie um das kalte Metall des Bettgestells. Sofort durchfuhr ihn ein stechender Schmerz, als sich die Injektionsnadel tiefer in sein Fleisch grub, er versuchte das Geräusch einfach wegzuleugnen. Es ging nicht. Das seidige Schleifen und Rascheln wurde sogar lauter. Er konnte spüren, daß jemand hinter ihm stand. Seine Phantasie schlug keine Purzelbäume mehr, sie fuhr auf einer Achterbahn, die von keinem TÜV der Welt abgenommen würde.

Nur um sich auf andere Gedanken zu bringen, richtete er sich ein bißchen weiter im Bett auf und sah Katrin an. Sie stand nach vorne gebeugt und mit hängenden Schultern über das weiße Porzellanbecken gebeugt da, in einer Haltung, die ihre Müdigkeit deutlicher machte als alles andere. Das blasse Gesicht, das sich in dem Spiegel darüber brach, paßte zu dieser Erschöpfung.

»Weißt du was?« seufzte sie. »Du hast recht. Ich sehe scheiße aus.«

Sie hob die linke Hand und tastete mit den Fingerspitzen über die dunklen Ringe, die sich unter ihren Augen gebildet hatten, lächelte ihm aber gleichzeitig über den Spiegel hinweg zu.

Jan lächelte zurück.

Ungefähr eine Sekunde lang.

Jan konnte das seitenverkehrte Abbild ihres Gesichts deutlich in dem kleinen Spiegel erkennen, dahinter, kleiner und durch den veränderten Winkel etwas verzerrt, das seines eigenen, kaum weniger blassen Gesichts, und dahinter wiederum den merkwürdigen Schatten.

Diesmal konnte er ihn nicht nur aus den Augenwinkeln heraus wahrnehmen, sondern frontal. Er stand hoch aufgerichtet und völlig reglos da, sehr groß, sehr schlank, sehr dunkel. Wie gestern abend im Krankenwagen war er halb transparent, so daß man die Wand dahinter noch teilweise erkennen konnte, und eigentlich war es auch gar kein richtiger Schatten, sondern etwas wie ein nicht ganz scharf ...

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