Logo weiterlesen.de
Dunkel wie die Flut

PATTI CALLAHAN HENRY

Dunkel
wie die Flut

Roman

Seesterne

Aus dem amerikanischen Englisch
von Sabine Schulte

BASTEI ENTERTAINMENT

In tiefer Liebe zu Pat Henry,
wie schon seit dem Augenblick, in dem
diese Geschichte begann

»… wovon das Vergangene der Prologus ist.«

WILLIAM SHAKESPEARE, Der Sturm

Prolog

Damals, bis zu dem Sommer, in dem ich zwölf wurde, sind wir immer ganz vorn vom Bootssteg in den Fluss gesprungen, statt schön sicher vom Ufer aus hineinzuwaten. Kann sein, dass Sam deswegen an jenem Tag auch da heruntergesprungen ist. Vielleicht hatte er uns zu oft dabei beobachtet und es uns einfach nachgemacht, gegen Abend, als das Sonnenlicht schon harte Schatten auf den von Moos überwucherten Rasen warf, als die Flut einsetzte und der Tag sich flüsternd verabschiedete.

Die Stimme seiner Mutter Ellie zerriss die Stille. »Wo ist Sam?«, rief sie.

Ich schaute auf. Ellie stand am Flussufer, den Picknickkorb zu den Füßen. Das lavendelblaue Leuchten des Sonnenuntergangs umrahmte sie wie ein Strahlenkranz.

»Er versteckt sich in der hohlen Eiche«, antwortete ich und zeigte auf den umgestürzten Baum. »Boyd hat ihm Angst gemacht.«

Während Ellie zu dem Stamm hinüberhastete, spürte ich es auf einmal: Diese Empfindung, die mich schon den ganzen Sommer über quälte, mich verfolgte und mich schweißgebadet aus dem Schlaf aufschreckte, hatte plötzlich einen Namen – es war pure, maßlose Angst.

Ellie beugte sich über den Stamm, rief nach Sam, richtete sich wieder auf und schrie ihn lauthals heraus, den Namen ihres zweijährigen Sohnes. Sie bat mich nicht um Hilfe, nein, sie wandte sich nicht an mich, und niemals wieder würde sie mir ihr Gesicht richtig zuwenden, nie wieder würde sie das Wort an mich richten oder mir ihre allumfassende Zuneigung schenken. Mit der Urangst einer Mutter kreischte sie Sams Namen, so gellend, dass ihr Mann Jim und meine Eltern ans Ufer gerannt kamen.

Auch ich stieß einen Schrei aus, aber ich rief nicht nach Sam, sondern es war nur ein animalischer Schrei der Angst, sodass Sams Bruder, der dreizehnjährige Boyd, mir den Mund zuhielt. »Hör auf, Cappy! Sei still! Wir finden ihn schon. Komm, wir suchen ihn … sofort.« Nun brüllte Boyd den Namen seines kleinen Bruders, mit einer Stimme, die so gebrochen, so verletzt klang, wie ich sie noch nie gehört hatte. Schon allein diese Stimme bestätigte mir, eindeutig und unbestreitbar, dass meine Panik begründet war – Sam war tot.

Alle Stimmen riefen nun durcheinander. Ich konnte nicht mehr auseinanderhalten, welcher Erwachsene welchen Satz äußerte, geschweige denn antworten.

»Sam! Sam! Wer hat denn auf ihn aufgepasst?«

»Hattest du ihm schon die Schwimmweste angezogen?«

»Habt ihr Sam gefunden?«

»Ich war gerade dabei, das Picknick zusammenzupacken.«

»Cappy hatte ihn.«

»Cappy?«

»Nein, Boyd.«

»Doch, er war bei Cappy!«

»Cappy, wo steckt er denn? Wo ist Sam?«

»Versteckt er sich hinter der alten Eiche?«

»Hört auf rumzudiskutieren, sucht ihn lieber!«

»Sucht ihn!« Ellies Stimme zerriss Zeit und Raum, sie zerteilte alles in eine Welt vor und eine Welt nach Sam. »Schnell! So sucht ihn doch!«

Nichts, keine Antwort auf unsere Rufe. Still war es allerdings auch nicht, denn Möwen kreischten, Eichelhäher schimpften, Frösche quakten, Zikaden zirpten, Wellen plätscherten – das Lärmen der Natur stand in einem so großen Kontrast zu Sams Schweigen, dass es mir ohrenbetäubend erschien, so als zerfetze Metall kreischend Metall.

Ich drehte mich zu Boyd um, der mich mit offenem Mund anglotzte, als hielte er ungeformte Worte in sich gefangen. Als ich verwirrt in die Krone der abgestorbenen Eiche hinaufschaute, zu der kreischenden Fischadlermutter in ihrem Nest, starrte sie mit den gelben Augen auf mich herunter und breitete die Schwingen über ihre Küken.

Die Erkenntnis, dass Sam tot war, überfiel mich mit solcher Heftigkeit, dass ich schluchzend davonstürzte. Meine Kindheit war zerstört, lag unwiderruflich in Scherben und konnte nicht gekittet, nie wieder ein heiles Ganzes werden. Ich war schuld. Nie wieder konnte mir etwas Gutes widerfahren.

Eins

Achtzehn Jahre später

»Ich hatte im Leben immer vor allem eine Erzählung gesehen …«

G.K. CHESTERTON

Ich weiß, dass ich total bescheuert aussah, als ich noch vor Sonnenaufgang im Schlafanzug auf der vorderen Verandatreppe stand und Thurman nachschaute, der im grauen Licht der Morgendämmerung davonfuhr. Widerspenstige Strähnen hatten sich aus dem strubbligen Pferdeschwanz gelöst, ein Träger rutschte mir von der Schulter. Die Rücklichter von Thurmans Wagen glitten die Straße entlang, wie zwei Augen starrten sie mich an, und ich hoffte, auch die Bremslichter aufleuchten zu sehen, aber vergeblich. Ich wünschte mir, er möge anhalten, umkehren und sich daran erinnern, dass ich heute Geburtstag hatte. Er sollte mich in die Arme nehmen und lachend sagen: »Ach, Catherine, wie konnte ich bloß vergessen, dass du heute dreißig wirst?« Ich hätte ihn an mich gedrückt, hätte ihn geküsst und wäre ihm mit der Hand über den Nacken und durch sein blondes Haar gefahren, bevor er wieder aufgebrochen wäre.

Aber klar, er kehrte nicht um. Er war spät dran und durfte seinen Flug nach Alabama nicht verpassen. In den vier Jahren, die wir jetzt zusammen waren, hatte er zum ersten Mal nicht an meinen Geburtstag gedacht. Ich betrachtete seine Vergesslichkeit als ein schlechtes Omen, auch wenn ich mir einzureden versuchte, dass sie wahrscheinlich schlicht und einfach das Resultat seiner Übermüdung und seiner intensiven Beschäftigung mit anderen Dingen war.

Ich setzte mich auf die Veranda, und während ich beobachtete, wie über den Berggipfeln South Carolinas der Morgen heraufzog, räkelte und gähnte ich mich wach. Dann schloss ich die Augen und suchte nach dem flüchtigen, aber deutlichen Gefühl von ungeahnten Möglichkeiten, an das ich mich von den Geburtstagsmorgen meiner Kindheit her erinnerte.

Früher hatte ich geglaubt, mit jedem neuen Lebensjahr käme ich meinem Ziel einen Schritt näher: Ich wollte den schönen, mutigen Heldinnen in den Romanen, die stapelweise in meinem Zimmer lagen, ähnlich werden. In diesem Jahr, dachte ich als Kind, werde ich so neugierig wie Lucy in Narnia, so mutig wie das Mädchen Scout in Wer die Nachtigall stört oder so clever wie die junge Detektivin Nancy Drew.

In jenem schicksalhaften Sommer meines zwölften Lebensjahres jedoch musste ich einsehen, dass diese von der Lektüre inspirierten Phantasien niemals Wirklichkeit werden konnten. Kein Atticus Finch würde mich retten, kein Geheimnis in einer alten Uhr würde mir helfen, eine Familie wieder zusammenzuführen, kein Aslan mich von meiner Schuld erlösen. Manchen Menschen werden wichtige Erkenntnisse ganz plötzlich zuteil, mit einem einzigen Atemzug; ich jedoch hatte diese Überzeugung gewonnen, weil ein kleiner Junge keinen Atemzug mehr machte.

Inzwischen, mit dreißig, hatte ich alles, was ich brauchte, in der freundlichen, realen Welt des Städtchens Cedar Valley gefunden, in dem ich lebte. Die Berggipfel ringsherum bildeten einen zerklüfteten Horizont wie die zinnengekrönten Mauern einer Burg, und ich fühlte mich geborgen in dem Talgrund mit dem übersichtlichen Netz von Straßen, die von soliden Einfamilienhäusern und alten Bäumen gesäumt waren. Bestiegen hatte ich die Gipfel in der Umgebung noch nie. Die weite Fernsicht, von der andere mir nach ihren Bergtouren vorschwärmten, lockte mich nicht. Nein, ich war in meinem lauschigen Tal vollkommen zufrieden.

Seit ich vor achtzehn Jahren mit meinen Eltern hergezogen war, hatte ich Cedar Valley nur zu Ferienreisen nach Disney World oder an die Strände Floridas verlassen oder wenn wir Dads Eltern in Sarasota besuchten. Aber selbst bei diesen seltenen Familienausflügen hatte ich mich nie richtig wohlgefühlt: Erst nach unserer Rückkehr war die Welt für mich wieder in Ordnung. Unterwegs beeindruckten Begegnungen und Erlebnisse mich stärker, und es kam mir so vor, als könnten sie mich eher verletzen als zu Hause, in meinem sicheren Heimattal.

Träumend saß ich auf meiner Veranda, atmete die unverbrauchte Luft meines neuen Lebensjahres ein und überlegte, wie ich diesen Geburtstag verbringen könnte. Thurman, mein Freund, der an der Southern University Cheftrainer für Basketball war, hatte sich gerade aufgemacht, um einen neuen Spieler anzuwerben. Im Augenblick allerdings vermisste ich Dad mehr als Thurman.

Mein Vater, ein Büchernarr, dessen ganzes Dasein mit den Themen und Metaphern von Romanen verwoben gewesen war, der das gesamte Leben für eine Geschichte gehalten hatte, war seit neun Monaten tot. Ich brauchte ihn mir bloß vorzustellen, wie er vor mir stand – mit dem breiten Grinsen und dem weißen Bart, ein Buch in der Hand –, schon musste ich lächeln.

Er war der Leiter der Englischen Abteilung an der Southern University gewesen und hatte im letzten Jahr für die Erstsemester einen Kurs über die Literatur der Südstaaten gehalten. Er behandelte gerade die literarischen Zwischentöne von Faulkners Schall und Wahn, als er einen Herzinfarkt erlitt. Mitten im Vortrag, während er den Studenten auseinandersetzte, dass Faulkners Worte viele Bedeutungen haben können, griff er sich plötzlich an die Brust. Seine Zuhörer glaubten, er spiele Theater und seine dramatische Geste sei eine Antwort auf die dämliche Bemerkung eines jungen Mannes aus der letzten Reihe.

Selbst als er zusammenbrach, lachten sie noch.

Ich war mir sicher, dass Daddy sich seinen Abgang haargenau so gewünscht hätte: während der Vorlesung, lachend vor seinen Studenten, in seinem Tweedjackett mit den aufgesetzten Flicken auf den Ellbogen, ein Stück Kreide in der einen, ein Buch in der anderen Hand und neben sich Forrest Anderson, seinen Juniorprofessor.

Bald jedoch sollte ich entdecken, dass ich mich nicht nur in diesem, sondern auch in vielen anderen Punkten geirrt hatte. Aber in der ersten Zeit nach Dads Tod tröstete mich die Vorstellung, dass er sich ganz in seinem Element befunden hatte, als er starb, und dass der Mann, den er zehn Jahre lang als Mentor betreut hatte, an seiner Seite gewesen war.

Nach Dads Tod war mir klar geworden, dass ich als Einzelkind das Haus in Cedar Valley geerbt hatte – in dem ich jetzt lebte – und dazu alles andere, darunter auch Murphy, unsere geliebte Hündin. Außerdem sollte ich seine letzte Bitte erfüllen, die er handschriftlich in einem Brief niedergelegt hatte, der an sein Testament geheftet war: Ich möge seine Asche in den Seaboro River streuen. Diese Aufgabe hatte ich immer noch nicht erledigt.

Da saß ich nun, an meinem ersten Geburtstag ohne Dad, und dachte reuevoll daran, dass ich seine letzte Bitte noch nicht erfüllt hatte. Dabei war er immer derjenige gewesen, schon seit meiner Kindheit im Lowcountry, an der Küste South Carolinas, der meine Geburtstage zu etwas ganz Besonderem gemacht hatte: eine rosarote Schleife in der Magnolie vor unserem Haus, ein Geburtstagskuchen mit so viel Zuckerguss, dass der Kuchen darunter kaum zu finden war, ein großer Karton, aus dem ich immer kleinere Kartons auspacken musste, bis ich schließlich ein winziges Geschenk fand. Mutter, die damals ja noch lebte, war der Ansicht, mit solchem Schnickschnack verwöhne man ein Kind bloß. Doch, davon war sie überzeugt, aber Dad zuliebe duldete sie diese Überraschungen.

Dass ich seine Asche noch nicht verstreut hatte, bedeutete keineswegs, dass ich ihn nicht geliebt hätte oder seine Wünsche nicht respektieren würde. Ich konnte mir nur einfach nicht vorstellen, an den Ort meiner Kindheit zurückzukehren, um den ich noch immer trauerte und den meine Familie meinetwegen hatte verlassen müssen. Ich hatte keine Ahnung, was Dad sich dabei gedacht hatte, mich nach Seaboro zurückzuschicken.

Ich rieb mir die Augen, stand auf, reckte und streckte mich, bis ich bereit war für meinen Arbeitstag im Sportbüro der Southern University, wo ich in der PR-Abteilung angestellt war.

»Happy Birthday, liebe Catherine«, sagte ich zu dem Kastanienbaum vor mir, der schon Früchte angesetzt hatte. Ich ahnte nicht, dass die Geschenke, die ich an diesem Geburtstag erhalten sollte, mich dazu bewegen würden, widerwillig an die schmerzgetränkte Stätte meiner Kindheit zurückzukehren, an den Seaboro River, um heilige Geheimnisse zu bewahren.

Als ich am Feierabend zurückkam, war mein mit Zedernschindeln verkleidetes Haus nicht abgeschlossen. Das hatte ich offensichtlich vergessen, weil ich mit Verspätung ins Büro geeilt war. Den ganzen Tag über hatte mich die Arbeit schier aufgefressen, sodass ich es nicht geschafft hatte, zwischendurch heimzufahren, um mit Murphy Gassi zu gehen. Bestimmt war sie den ganzen Tag im eingezäunten Garten umhergestreunt und hatte ab und zu durch ihre Hundeklappe einen Abstecher ins Haus unternommen, um nach mir zu suchen. Beim Eintreten sog ich den vertrauten Duft ein: eine Mischung aus Toast, warmen Decken und dem herbstlichen Geruch nach trockenen Blättern, der selbst im Sommer den Wald erfüllte.

Vater und Mutter hatten dieses Haus vor achtzehn Jahren gekauft, als wir nach Cedar Valley umzogen. Hier hatte ich bis zum Beginn meines Studiums an der Southern University mit ihnen gewohnt. Nach Dads Tod war ich wieder eingezogen, und obwohl ich es nun ohne meine Eltern bewohnte, schlief ich nach wie vor oben in meinem alten Mädchenzimmer, zu dem ein in rosarot-weißem Karomuster gefliestes Badezimmer und ein Bett mit hohen Holzpfosten gehörten.

Murphy sprang aus dem Wohnzimmer herbei und schob die Schnauze in meine ausgestreckte Hand. »Hallo, bester Hund der Welt«, sagte ich und kraulte das Tier hinter den Ohren. »Willst du spazieren gehen? Ja?«

Meine Hündin war vierzehn. Ihr Kopf war weiß, ihr rötlichbraunes Fell lockig und rau. Dad und ich hatten sie gemeinsam gekauft, zu meinem sechzehnten Geburtstag, und jetzt feierte sie tatsächlich meinen dreißigsten mit mir. Ich nahm sie an die Leine und öffnete die Fliegengittertür, die hinter uns wieder zuschlug. Die Luft war kühler als an den vergangenen Abenden, und ich stellte mir vor, ich könnte den Sommer sagen hören: Noch nicht, noch nicht … Nur noch ein paar Tage.

Dads Nachbarn, Mr und Mrs Hancock, winkten von ihrer Veranda, als wir vorübergingen. Ich winkte zurück. »Wer ist denn das?«, fragte Mr Hancock mit der lauten Stimme der Schwerhörigen. Er beugte sich in seinem Schaukelstuhl vor und kniff die Augen zusammen.

»Das weißt du doch, Schatz.« Mrs Hancocks Stimme zitterte in der stillen Abendluft. »Das ist die Tochter von Grayson Leary. Sie ist wieder in ihr Elternhaus gezogen – du weißt ja, sie ist mit diesem Basketballtrainer liiert.«

Während Murphy und ich um die Ecke bogen, musste ich laut lachen. Ja, die Tochter des geliebten Professors, die Freundin des Basketballtrainers – immer wurde ich über meine Beziehungen zu anderen definiert.

Ich schaute zu den Bergspitzen im Westen hinauf. Hinter dem Cedar Falls, einem mit Nadelbäumen und Rhododendron bewachsenen Gipfel hoch über dem Universitätsgelände, versank die Sonne. Einst hatten die Berge auf baufällige Hütten hinuntergeschaut, in denen die Arbeiter der Baumwollspinnereien mit ihren Familien hausten. Jetzt blickten sie auf die Türmchen und die schrägen Dächer von drei Colleges und einer Universität hinab, auf malerische alte Villen mit Fremdenzimmern und auf Backsteinstraßen, an denen sich Coffee-Shops und Buchläden aneinanderreihten.

Die Southern University wurde 1852 gegründet, und in gewisser Weise war mein Leben mit dieser Institution verwoben – von Dads Professur über Mutters Aktivitäten, um Fördergelder einzutreiben, bis hin zu meinem eigenen College-Examen und meinem Job im Sportbüro.

Das Ende des Universitätsjahrs brachte nach der anstrengenden Vorlesungszeit normalerweise eine Atempause, aber im Frühsommer hatte die NCAA, die Nationale Gesellschaft für College-Sport, unser Basketballprogramm überprüft und uns vorgeworfen, wir hätten die Vorschriften für die Anwerbung neuer Spieler verletzt. Im vergangenen Monat war ich fast ausschließlich damit beschäftigt gewesen, der Presse und den Sponsoren zu versichern, dass derartige Anschuldigungen jeder Grundlage entbehrten und nichts weiter seien als ein Versuch, das Basketballprogramm der Southern University in Misskredit zu bringen, vermutlich, weil wir für die University of North Carolina, den bisherigen Basketballgiganten, inzwischen eine echte Konkurrenz darstellten. Daher genoss ich es, mich zu bewegen, statt an meinem Schreibtisch zu sitzen und die endlose Flut an E-Mails und Anrufen zu beantworten.

Bei meiner Rückkehr klingelte in der Küche das Telefon. Ich ließ Murphy von der Leine und stürzte hin. Es war Thurman.

»Hallo, Schatzi«, meldete er sich und fing dann gleich an, mir »Happy Birthday to you« vorzusingen. Ich lehnte mich an die Wand und wartete ab, bis er zu Ende gesungen hatte, wusste ich doch, dass außer ihm mir niemand heute ein Ständchen bringen würde.

»Du singst aber schief«, sagte ich, als er fertig war.

»Danke, Honey.« Er lachte. Im Hintergrund hörte ich ein Radio.

»Wo bist du denn?«, erkundigte ich mich.

»Ich bin jetzt gerade zu Darius unterwegs, nach Alabama, am Arsch der Welt. Hab schon den ganzen Tag versucht, dich zu erreichen.«

»Ich bin fast erstickt in Arbeit – es ist dir gerade erst eingefallen, stimmt’s?«

»Was ist mir eingefallen?«

Meine Antwort war Schweigen; das sollte er selbst rauskriegen.

»Ach, dass du heute Geburtstag hast? Nein, nein, überhaupt nicht … Ich war heute Morgen einfach so spät dran, dass ich nichts gesagt habe.«

»Hmm …« Ich war nicht überzeugt.

»Doch, bestimmt. Geh mal zum Tisch in der Diele!«

»Was?« Ich nahm das schnurlose Telefon mit in die Diele. Auf dem zerkratzten alten Tisch stand ein Samtkästchen. »Wann hast du das denn da hingelegt?«, fragte ich, während ich mit Kästchen und Telefon wieder in die Küche wanderte und mich an den Tisch setzte.

Thurman lachte. »Mach es auf, Catherine!«

Ich gehorchte, und dann holte ich tief Luft. In schwarzen Samt gebettet lag da ein Kränzchen aus Brillanten an einem Silberkettchen, das so fein war wie gesponnene Seide. »Oh, wie schön!«

»Es ist ein Kreis. Ein Sinnbild für die ewige Liebe, die niemals aufhört.«

»Ich finde es wunderschön, Thurman. Danke.«

»Und ich verspreche dir, dass der nächste Brillant an einem kleinen Reif sitzen wird, der auf deinen Ringfinger passt.«

»Das höre ich nicht zum ersten Mal.« Ich berührte meinen nackten Ringfinger. Schon seit Monaten versprach Thurman mir die Verlobung – aber ich wechselte dann immer schnell das Thema und brachte das Gespräch auf etwas anderes. Dabei war er jetzt so lieb, dass ich das Bedürfnis hatte, mit gespreizten Fingern die Luft zu kämmen, um sie von all den trüben Gedanken zu reinigen, die ich seit seiner Abfahrt gehabt hatte.

»Schatzi, ich muss jetzt weiter. Ich rufe dich morgen wieder an. Drück mir die Daumen, dass ich Darius endlich überreden kann, an die Southern University zu kommen, statt nach Alabama zu gehen!«

»Thurman, ich verstehe eigentlich nicht, warum du da hinfahren willst. Ich meine, er hat sich doch in Alabama schon verpflichtet, das Semester fängt in drei Monaten an, und du weißt ja, dass die NCAA dich mit Argusaugen überwacht.«

»Ich muss mir diesen Spieler unter den Nagel reißen. Ich bleibe so lange dran, bis er unser Trikot trägt und das erste Spiel angepfiffen wird. Und denen von der NCAA kannst du sagen, sie sollen mir endlich vom Hals bleiben. Als wenn ich irgendwas verkehrt machen würde! Ich habe noch einen von meinen ›offiziellen Besuchen‹ gut – damit tue ich also nichts Regelwidriges.«

»Viel Glück!« Ich legte auf.

Behutsam hob ich das Kettchen aus der Schatulle und legte es mir um. Das Schmuckstück fiel mit angenehmem Gewicht auf mein Brustbein – eine Erinnerung an Thurmans Liebe. Er konnte ja nichts dafür, dass er ausgerechnet an meinem Geburtstag wegfahren musste – es war einfach sein Job.

Ich schnappte mir die Gießkanne, die unter dem Spülbecken stand, und ging in Dads Arbeitszimmer, wo ich nach wie vor seine zahlreichen Efeusorten pflegte. Über die gesamte Breite der Ziegelwand reichte eine Pinnwand, die mit Zetteln bedeckt war, auf denen Zitate aus der Literatur standen. Obwohl das Haus mir jetzt ganz allein gehörte, hatte ich es bisher nicht übers Herz gebracht, auch nur ein einziges Papier anzurühren oder gar zu entfernen; eins von Dads Zitaten wegzunehmen wäre mir wie ein Übergriff vorgekommen – und ein Eingeständnis von Endgültigkeit.

Ich hatte nie eine Systematik in Dads Zitatensammlung entdecken können. Shakespeare, Graham Greene, Hemingway, Faulkner, C.S. Lewis, E.E. Cummings … – die Liste der vertretenen Schriftsteller war lang, doch ich konnte in ihren Äußerungen keine Ordnung erkennen.

»Dad, du warst verrückt«, sagte ich kopfschüttelnd.

Hinter meinem Rücken ertönte ein lautes, tiefes Gelächter. Ich machte einen Satz nach vorn, sodass Wasser auf meine Bluse spritzte. Als ich herumfuhr, stand ich Forrest Anderson gegenüber, der mich mit einem schiefen Lächeln begrüßte.

Es gab Männer, in deren Gegenwart ich mich unbehaglich fühlte, weil sie mich nicht kannten. Forrest jedoch machte mich nervös, weil er mich nur allzu gut kannte. Wir hatten zusammen studiert und waren in unserem zweiten College-Jahr sogar ein paar Monate miteinander ausgegangen. Doch obwohl wir uns getrennt hatten, hatte ich keine Möglichkeit gesehen, Forrest Anderson aus meinem Leben zu verbannen.

Nach dem Studium war er erst Dads Assistent gewesen, bevor er an einer anderen Universität seinen Master machte und schließlich an die Southern University zurückkehrte, wo Dad seine Doktorarbeit über irgendeinen ungeklärten Aspekt von Faulkners Romanen betreute. Der Fakultätsrat hatte Forrest als Juniorprofessor eingestellt, und schon bald galt er in der Englischen Abteilung als Wunderkind. Man munkelte, dass er irgendwann Dads Stelle übernehmen werde. Die beiden Männer hatten genauso viel Zeit zusammen verbracht wie Dad und ich, und für meinen Geschmack hatte Forrest sich viel zu sehr daran gewöhnt, unangemeldet in das Haus zu spazieren, das inzwischen mir gehörte.

Er hatte eine wilde braune Lockenmähne, einen federnden Gang und lachte gern. Ich vermied es immer, ihm in die braunen Augen zu schauen, denn sein Blick vermittelte mir nach wie vor eine Spur von »wäre schön gewesen, sollte aber offenbar nicht sein«. Forrest ein wenig länger als unbedingt nötig in die Augen zu sehen war die schlimmste Untreue, die ich mir Thurman Whittaker gegenüber jemals hatte zuschulden kommen lassen.

»Forrest, du hast mich zu Tode erschreckt. Was machst du hier? Kannst du nicht anklopfen?« Ich stellte die Gießkanne auf den Schieferboden. »Du darfst hier nicht mehr einfach so reinplatzen.«

»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!«

Forrest hatte natürlich daran gedacht. Darüber hätte Dad sich sehr gefreut. »Danke«, sagte ich.

»Willst du mich nicht fragen, woher ich das weiß?«

Genau das konnte mich immer zur Weißglut bringen – er wusste einfach jedes Mal, welche Frage ich mir gerade verkniff. »Nein«, zischte ich.

Forrest lachte. »Okay, du bist und bleibst stur.«

Ich schnitt eine Grimasse. »Du hast mir noch nicht geantwortet: Was machst du hier?«

»Ich hab immerhin viermal geklopft.« Wieder lachte er. »Und ich bin in Sachen Geburtstag hier.« Er ließ sich in Dads Schreibtischsessel fallen und drehte sich, bis er mir gegenübersaß.

»Ach ja?«

»Hmm.« Forrest zog ein Päckchen aus seiner Aktentasche, die er auf den Fußboden gestellt hatte, ohne dass ich es bemerkt hatte. Es war so groß wie ein Buch und in schlichtes braunes Packpapier gewickelt, auf dem eine riesige, leuchtend rosarote Organzaschleife saß.

»Wow!« Überrascht trat ich einen Schritt näher.

Er grinste. »Die Verpackung gefällt dir?«

»Mein Vater hat früher, als ich noch ein kleines Mädchen war, ganz genau so eine Schleife in den Baum vor unserem Haus gebunden.«

»Ich weiß. Er hat es mir erzählt. Das hat mich ja auf die Idee gebracht.«

»Und warum hat er dir ausgerechnet das erzählt?«

Forrest schüttelte den Kopf. »Weil er immer nur über dich geredet hat, Cappy Leary.«

Ich nahm das Geschenk in die Hand. »Nenn mich nicht so!« Ärgerlich zwirbelte ich ein Ende des rosaroten Bandes zwischen den Fingern, während ich Forrest auf den Mund sah, nicht in die Augen. »Du brauchtest mir nichts zu kaufen, weißt du.«

»Ich weiß, aber ich habe gedacht, weil es dein erster Geburtstag ohne deinen Vater ist … Könnte ja sein, dass …« Er zuckte die Achseln und ließ die Hände in den Schoß sinken. »Ich wollte dir einfach etwas Besonderes schenken.«

Auf dem Packpapier stand in drei Großbuchstaben mein Name als Monogramm – CAP.

»Mach es auf, Cappy!«, drängte Forrest mit so sanfter Stimme, dass ich am liebsten geweint hätte.

»So heiße ich nicht«, sagte ich stattdessen. Ich hatte es Forrest so oft verboten – er sollte mich nicht mit dem Kosenamen ansprechen, mit dem Dad mich stets gerufen hatte. Niemand durfte das – es war mein Name aus der Kindheit.

»Okay, okay, mach es einfach auf!«

»Also gut. Du weißt ja, dass du mich zum Wahnsinn treiben kannst.«

»Ja, das weiß ich.« Er schmunzelte.

Ich trat auf die mit Fliegengitter geschützte Veranda hinaus und setzte mich in den geflochtenen Schaukelstuhl – ein Erbstück von Grandma, das schon auf verschiedenen Veranden gestanden hatte und von Cedar Valley nach Seaboro und wieder zurück nach Cedar Valley gereist war.

Hinter mir hörte ich Forrests Schritte, aber ich drehte mich nicht nach ihm um. Vorsichtig wickelte ich das Band ab, legte es in den Schoß, löste die Klebestreifen vom Packpapier und faltete es auseinander. Es enthielt eine antiquarische Ausgabe von Wer die Nachtigall stört. Ein brauner Einband mit Stoffbezug und einem Coverbild, über das sich schräg die Äste eines reich belaubten Baumes zogen; und darüber stand in weißen Buchstaben auf schwarzem Grund der Titel. Ein Schwarzweißfoto von Harper Lee in hohem Gras beherrschte die hintere Umschlagklappe. Mein Herz tanzte in der Brust – einen wilden Kindheitsreigen.

Ich schlug die Hand vor den Mund. »Oh, Forrest!«

Er zuckte die Schultern. »Dein Dad hat mir erzählt, dass es früher dein Lieblingsbuch war.«

Ich schloss die Augen, um nicht vor ihm in Tränen auszubrechen. »Das hättest du nicht tun sollen.« Ich schlug den Band auf. Die Worte »Erstausgabe 1960« fielen mir in die Augen. Behutsam strich ich mit dem Zeigefinger über die Jahreszahl, über die Seiten mit den vergilbten Rändern, und dann sah ich Forrest doch an: »Ich weiß, wie viel solche Erstausgaben kosten … Das ist ja der Wahnsinn!«

»Ich wusste, dass es ein schwieriger Geburtstag für dich wird.« Er tippte auf das Buch. »Das Foto von Harper Lee hintendrauf hat Truman Capote geschossen.«

Ich konnte bloß nicken. Forrest setzte sich auf das Korbsofa neben meinem Schaukelstuhl. »Dein Vater hätte sich sehr darüber gefreut, wenn du das Buch noch mal liest, da bin ich mir sicher.«

»Ganz bestimmt«, bestätigte ich, doch an Stelle von Dankbarkeit stieg wie ein Rauchwölkchen Gereiztheit in mir auf. Mein mangelndes Interesse am Lesen und mein Bemühen, jede Diskussion über dieses Thema zu vermeiden, hatten Dad wehgetan und ihn verwirrt, das wusste ich wohl, auch ohne dass Forrest mich daran erinnerte. Aber wie hätte ich den beiden erklären sollen, dass das Lesen mich nur dazu verführte, mir ein anderes, ein intensiveres Leben mit mehr Tiefgang zu wünschen? Und hätten die Männer nachvollziehen können, dass es gelegentlich besser ist, erst gar keine Wünsche zu wecken, als sich nach etwas Unerreichbarem zu sehnen?

»Was hast du denn an deinem restlichen Geburtstagswochenende vor?«, fragte Forrest, indem er sich in die braun karierten Kissen zurücklehnte.

»Eigentlich gar nichts. Thurman ist unterwegs, und mit Freunden habe ich auch nichts geplant …« Jetzt zuckte ich die Achseln.

»Wie wäre es, wenn du mit mir nach Seaboro fahren würdest? Wir könnten einen Ausflug an den Strand machen, und du könntest endlich die Asche verstreuen.«

Ich holte tief Luft. Langsam, Catherine, ganz ruhig! »Was hast du da gerade gesagt?«

»War das verkehrt?«

»Woher weißt du von der Asche?«

»Ich habe mehr Zeit mit deinem Vater verbracht als irgendjemand sonst, und wir haben viele Gespräche geführt. Ich war sein bester Freund. Als er mir von seinen Wochenendtrips nach Seaboro erzählt hat, habe ich ihn gefragt, warum er immer wieder in seine alte Heimat fährt, aber er hat nur gemeint, er liebe diese Stadt so sehr, dass sogar seine Asche dort verstreut werden solle. Er hat natürlich nicht geahnt, dass er schon so bald …« Forrest verstummte. Das Wort »sterben« brachte er nicht über die Lippen, ein Unvermögen, das mir sehr vertraut war.

»Dad ist nie wieder in Seaboro gewesen«, wandte ich ein. »Seit achtzehn Jahren nicht.« Doch in meiner Brust regte sich ein seltsames Gefühl von Angst.

Forrest blickte sich auf der Veranda um, als wäre noch eine dritte Person anwesend. »Doch.« Er machte eine Pause, dann beugte er sich noch näher zu mir. »Sogar mehrmals im Jahr.«

Das zog mir den Boden unter den Füßen weg. Die Veranda drehte sich plötzlich, das Herz klopfte mir bis zum Hals. »Wie bitte?«

»Das hast du nicht gewusst?« Seine Stimme klang so leise, als trüge ich Ohrenschützer.

Ich schüttelte den Kopf. Forrest nahm meine Hand, aber ich entriss sie ihm. »Nein, das ist nicht wahr. Dad hat immer nur von Seaboro gesprochen. Er ist nie wieder hingefahren. Kein einziges Mal.«

»Doch.«

Ich hasste die Bestimmtheit in Forrests Stimme. Ich hasste es, dass er von Seaboro sprach, als wisse er, was dort geschehen war; ich hasste die Vorstellung, dass dieser Mann mehr über meinen Vater wusste als ich.

»Bist du sicher?«

Forrest nickte.

Ich stand auf und lief auf der Veranda hin und her.

»Fehlt dir was?«, fragte er.

»Weißt du, warum er wieder hingefahren ist?«

»Das wollte ich dich gerade fragen. Ich schreibe nämlich zur Erinnerung an deinen Vater einen Aufsatz für die Literaturzeitschrift unserer Universität. Darin zeige ich am Beispiel der fünf bedeutendsten amerikanischen Romane, wie er mit seinem Unterricht das Leben der Studenten verändert hat. Ich habe schon fünf Lebensgeschichten dazu gesammelt – eine für jeden Roman. Das Einzige, was mir noch fehlt, ist etwas aus Graysons Vergangenheit – aus den Jahren, bevor er nach Cedar Valley gezogen ist. Ich hatte gehofft, du könntest mir ein bisschen über Seaboro erzählen, über euer Leben im Lowcountry.«

Ich wollte »Nein!« schreien, immer und immer wieder, aber auch jetzt schüttelte ich bloß den Kopf.

»Bist du sicher, dass dir nichts fehlt? Ich wollte dich nicht erschrecken. Ich wollte dir nur etwas zum Geburtstag schenken und dich fragen, ob –« Forrest brach ab und fasste mich am Ellbogen.

»Was wolltest du mich fragen?« Meine Stimme klang so rau, als hätte ich geweint. Ich packte Wer die Nachtigall stört ganz fest, sodass ich die Prägung des Umschlags spürte.

»Ob ich mitkommen könnte, wenn du seine Asche in Seaboro verstreust. Soweit ich weiß, hast du das noch nicht gemacht. Ich dachte … Ja, ich habe gedacht, dieses Wochenende wäre vielleicht gut geeignet dafür, weil der Montag ein Feiertag ist.«

»Aber ich fahre nicht.« Beinahe hätte ich mit dem Fuß aufgestampft. Die Wut gab mir mehr Kraft als die Angst.

Forrest jedoch zuckte bloß mit den Schultern. »Auch gut. Dann werde ich wohl allein nach Seaboro fahren. Ich hatte zwar gehofft, dass du mich begleiten würdest – aber ich muss ein Gefühl für die Stadt kriegen, so oder so, bevor ich diesen Artikel abschließe.«

»Du hast mich gar nicht gefragt, ob du einen Artikel über meinen Vater schreiben darfst. Hättest du dich nicht erkundigen müssen, ob mir das überhaupt recht ist?« Meine Stimme klang schrill.

Forrest wandte sich zum Gehen. »Grayson war nicht nur mein Mentor, sondern auch mein bester Freund. Ich brauche keine Erlaubnis, um über ihn zu schreiben.« Er warf einen Blick zurück. »Einen schönen Geburtstag noch!«, sagte er, bevor die Tür hinter ihm zuschlug.

Ich blieb allein mit meinem Buch, meinen Gedanken und tausend Fragen. Warum war mein Vater nach Seaboro zurückgekehrt? Und warum hatte er es mir verschwiegen, jedoch mit Forrest darüber gesprochen?

Ich trat gegen den Schaukelstuhl. Wenn Forrest nach Seaboro fuhr, um dort Fragen zu stellen, wenn er erst einmal angefangen hatte, Nachforschungen über unsere Familie anzustellen, dann würde er mit Sicherheit mehr herausfinden als nur Fakten über Dad. Er würde auch Einzelheiten über mein Leben erfahren. Wenn ich ihn jedoch begleiten würde, könnte ich Dads Asche verstreuen und dafür sorgen, dass Forrest nur solche Details und Vorfälle zu Ohren kamen, von denen er ruhig wissen konnte.

Ich rannte durch die Seitentür der Veranda nach draußen in die Einfahrt und winkte mit beiden Armen. Forrest lenkte den klapprigen Pick-up gerade rückwärts auf die Straße. Er hielt an, stieg aber nicht aus. Ich trat ans Seitenfenster auf der Fahrerseite. »Ich komme mit«, keuchte ich. Dabei durchzuckte mich die Panik wie ein Stromstoß.

Er hob die Augenbrauen. »Wirklich?«

Ich nickte.

Forrest stellte den Motor wieder ab und sprang aus dem Wagen. »Ich kämpfe schon seit einer ganzen Weile mit mir, weil ich dir etwas sagen möchte. Ich glaube, jetzt könnte ein guter Zeitpunkt dafür sein.«

»Was soll das denn heißen?«, fragte ich argwöhnisch.

Forrest lehnte sich an den Wagen, während ich mich mit verschränkten Armen breitbeinig vor ihm aufbaute. Die Luft summte vor Spannung. Was würde er sagen? Schon jetzt wusste ich, dass seine Worte die Zeit in ein Vorher und ein Nachher einteilen würden, so wie es ein Leben vor und ein Leben nach Sams Verschwinden gab und eine Zeit vor und nach Dads Tod.

Forrest blickte zum Himmel hinauf. »Ich möchte das richtig machen – ich möchte den Worten deines Vaters gerecht werden.«

»Forrest, entweder erklärst du mir endlich, wovon du da redest, oder du verschwindest.«

»Okay, also los!« Er machte einen langen, tiefen Atemzug und sah mich an. Als er die Hand ausstreckte, dachte ich, er wolle mir über die Wange oder übers Haar streichen, aber er zögerte und ließ die Hand wieder sinken. Das geschah ab und zu, und dann erinnerte ich mich stets an seine Sanftheit, an die Art, wie er mich berührt hatte, ohne eine Gegenleistung dafür zu verlangen. Ich wandte den Blick ab.

Er holte noch einmal tief Luft, bevor er schließlich sprach. »Vor ungefähr zehn Monaten haben dein Vater und ich einen Kongress besucht, auf dem wir aufgefordert wurden, drei Fragen zu beantworten. Stundenlang haben wir darüber diskutiert, bis tief in die Nacht.«

»Das konntet nur ihr beiden, du und Dad, bis in die frühen Morgenstunden hinein irgendwas lang und breit besprechen.«

»Hör mir einfach zu!«

»Das versuche ich ja, Forrest, aber worauf willst du hinaus?«

»Also, dein Vater hat diese Fragen durchgearbeitet und sie schließlich für sich beantwortet. Damals schien ihm das wirklich wichtig zu sein, und ich weiß, dass er dir zum dreißigsten Geburtstag einen Brief schreiben wollte, in dem er auch dir diese Fragen stellt.«

»Aber er hat meinen dreißigsten nicht mehr erlebt.«

Forrest schüttelte den Kopf. »Aus dem Grund habe ich so mit mir gerungen – ob ich dir nun davon erzählen soll oder nicht, denn er selbst kann es ja nicht mehr, aber ich weiß hundertprozentig, dass er es vorhatte.«

»Sprich weiter!«

»Ja, er hat also gesagt, er wolle dir zu diesem Geburtstag einen Brief schreiben, weil du an deinem dreißigsten in medias res wärst. Du weißt schon – das ist der lateinische Ausdruck für ›mittendrin‹ – ein guter Ausgangspunkt für eine Geschichte.«

»Ein Ausgangspunkt für eine gute Geschichte?«

»Nein, ich glaube, es ging ihm um deine Geschichte.«

Ich stieß die Luft aus. »Ich habe keine Geschichte. Ich weiß, dass ihr beide alles durch die Brille eurer Romane betrachtet habt, aber bitte verschone mich damit.«

»Lass mich einfach mal ausreden!«

Seufzend verschränkte ich die Arme und nickte.

»Hier sind die drei Fragen. Nummer eins: Was möchtest du zum Zeitpunkt deines Todes tun? Nummer zwei: Angenommen, du würdest heute sterben, würdest du dann bereuen, irgendetwas nicht getan zu haben? Und was wäre das? Und Nummer drei: Was soll auf deinem Grabstein stehen?« Forrest nickte, als wolle er damit das letzte Fragezeichen betonen.

Ein langes Schweigen entstand. Ich löste die verschränkten Arme. »Das ist alles? Darüber habt ihr stundenlang diskutiert?«

»Ja.«

»Okay, weiter! Was hat Dad denn geantwortet?«

»Zur ersten Frage hat er gesagt, er möchte bei der Vorbereitung seiner Vorlesung sterben.«

Ein Schluchzen stieg in meiner Brust auf, aber ich unterdrückte es. »Na, dieser Wunsch ist ihm ja beinahe erfüllt worden – nur dass er in der Vorlesung gestorben ist, nicht während der Vorbereitung. Das ist ja makaber, Forrest.«

»Zur zweiten Frage meinte er, er bereue in seinem Leben nur, dass er aus deiner Kindheitsgeschichte Seiten herausgerissen und sie dir noch nicht zurückgegeben habe.«

»Herrgott im Himmel, was soll das denn heißen?« Ich knallte die offene Fahrertür zu.

Forrest warf einen Blick auf den Wagen und schüttelte den Kopf. »Grayson hat mir gesagt, er wolle dir die herausgerissenen Seiten in diesem Jahr zu deinem Geburtstag wiedergeben. Er hatte immer ein Faible fürs Dramatische, das weißt du doch.«

»Vermutlich hat er Seiten im übertragenen Sinne gemeint.« Ich grub die Fingernägel in meine Handflächen.

»Das hat er nicht weiter erklärt.«

»Und die letzte Frage? Was sollte auf seinem Grabstein stehen?«

»Er hat gesagt, er wolle keinen Grabstein, seine Asche solle einfach im Seaboro River verstreut werden.«

»Ach so. Deshalb weißt du also davon …«

»Ja.«

In medias res, fehlende Seiten, Grabsteine und Seaboro – diese merkwürdigen Gesprächsfetzen ergaben keinen Sinn. Ich massierte mir die Stirn, weil sich Kopfschmerzen ankündigten. »Hast du eine Ahnung, was in diesem Geburtstagsbrief stehen sollte?«

»Nur die drei Fragen und etwas über deine Kindheit, was du noch nicht weißt. Mehr hat er mir nicht verraten.«

Ich trat einen Schritt auf Forrest zu. »Und du schwörst bei Gott, dass du keinen blassen Schimmer hast, was es mit diesen ›herausgerissenen Seiten‹ auf sich hat?«

Forrest hob die rechte Hand. »Ich schwöre es. Es schien mir etwas sehr, sehr Persönliches zu sein, also habe ich nicht nachgebohrt.«

Ich wandte mich von ihm ab, um besser nachdenken zu können. »Ich rufe in Seaboro bei einer Bed-and-Breakfast-Pension an und reserviere Zimmer für uns. Sei morgen um neun hier! Aber nur einen Tag, Forrest. Ich zeige dir die Stadt, erfülle Dads letzten Wunsch, und Sonntag fahren wir wieder nach Hause. Okay?«

Forrest nickte. »Jawohl, gnädige Frau.«

»Du« – ich tippte ihm gegen die Brust – »kannst einen wirklich auf die Palme bringen.«

»Ich weiß.« Lächelnd stieg er wieder in seinen Pick-up, und während er zurücksetzte, winkte er mir zu.

Er war schon die halbe Straße hinuntergefahren, als die Bremslichter des Wagens aufleuchteten. Einen winzigen Moment lang glaubte ich, er wolle umkehren, aber er hatte nur an einem Stoppschild gehalten. Thurman hatte das Verkehrszeichen am Morgen offenbar einfach ignoriert.

Die Fragen, mit denen Forrest mich alleingelassen hatte, piekten mich wie Nadeln, eine nach der anderen, während ich mit dem Finger nach den neuen Brillanten an meinem Hals tastete und kleine Kreise beschrieb. Ein Spruch fiel mir ein, der nicht an Dads schwarzem Brett hing: »Man erntet, was man gesät hat.«

Ja, morgen würde ich wieder nach Seaboro fahren. Ich hätte wissen sollen, dass meine Vergangenheit mich einholen würde, ganz gleich wie sehr ich mich bemühte, sie zu verdrängen. Was mich dabei jedoch am meisten irritierte, war nicht, dass ich mich nun mit meiner alten Schuld auseinandersetzen musste oder dass ich es zusammen mit Forrest Anderson tun sollte. Nein, am meisten traf mich, dass es der Wunsch meines Vaters war.

Zwei

»Er spürte in sich die Treue, mit der wir am Unglück festhalten – und ihn überkam das Gefühl, dass uns dieses Unglück angemessen ist.«

GRAHAM GREENE, Das Herz aller Dinge

Als ich am nächsten Morgen darauf wartete, dass Forrest mich abholte, schien die Luft in Cedar Valley elektrisch aufgeladen zu sein. Ich trat nervös von einem Fuß auf den anderen, denn er hatte schon fünfzehn Minuten Verspätung. Ich legte Murphy die Leine an, da ich sie auf dem Weg stadtauswärts in der Tierklinik absetzen wollte, an die eine Hundepension angeschlossen war. Die Pflegerinnen dort würden sie mit Leckerbissen, Spaziergängen und Spielen verwöhnen. Sie liebten Murphy.

Ich wusste nicht, wem ich die Schuld an diesem Ausflug zuschieben sollte – Forrest oder meinem Vater, der mich zu seinen Lebzeiten nie gebeten hatte, nach Seaboro zurückzukehren. Doch jetzt unternahm ich diese Reise auf seine Veranlassung hin. Ich streichelte Murphy den Nacken und wühlte in dem wuschligen Fell hinter ihren Ohren. »Ich wünschte, du könntest mitkommen, mein Mädchen, aber weißt du noch, wie es ausgegangen ist, als man dich das letzte Mal heimlich in ein fremdes Haus geschmuggelt hat?«

Dad und Mutter hatten mir damals beim Umzug in das Studentenwohnheim der Southern University geholfen, wo ich einer Mitbewohnerin namens Marietta zugeteilt worden war. Für mich war klar, dass diese Marietta eine von diesen grässlichen Südstaatenschönheiten war, die noch auf Bällen debütierten – aber letztlich wurde sie eine meiner besten Freundinnen. Mutter trug ein blaues Seidenkleid und dazu eine Perlenkette und ein Armband mit Anhängern, die klimperten, als wir die Treppe hochstiegen. Damals war ihre Gegenwart für mich immer mit diesem feinen Geklingel verbunden.

Dad hatte Murphy an der Leine und schmuggelte sie durch die Hintertür, die man für den Umzugstag aufgeschlossen hatte, ins Wohnheim. Im Gegensatz zu meiner Mutter wusste er, dass ich nervös war, weil ich auszog, auch wenn ich das nicht zeigte. Trotz meiner gespielten Tapferkeit und Unabhängigkeitserklärungen brauchte ich an diesem Tag eine Extraportion Familie, nämlich Murphy, und Dad hatte das gespürt.

Mutter und ich schauten uns den leeren Raum an – kahle Betonwände, zwei Betten, zwei graue Schreibtische, allesamt aus Metall, und zwei zerkratzte Nachttische aus Holz. Sie hob die Hand an den Mund. Ihr Armband klimperte. »Ach, Catherine! Vielleicht solltest du einfach weiter zu Hause wohnen?«

»Mutter, ich kann das hier zu meinem Zuhause machen. Doch, bestimmt. Außerdem habe ich es ja nur zwei Minuten bis zu euch.« Ich verdrehte die Augen, obwohl ich ihr ausnahmsweise einmal zustimmte: Vielleicht sollte ich wirklich weiterhin zu Hause wohnen?

Da kam Dad ins Zimmer. Murphy sprang mich an, und ich ließ mich auf den Fußboden fallen, um sie in die Arme zu nehmen. Dad lachte und spreizte die Hände. »Mensch, was für ein phantastisches Zimmer. Du wirst dich hier pudelwohl fühlen; hier wird sich dein Leben verändern.«

Während er das sagte, schauten Mutter und Dad sich an. Ich wusste wohl, was er beabsichtigte: Er wollte mir den Einzug erleichtern und Mutter auffordern, es ihm gleichzutun. Sie setzte ein strahlendes Lächeln auf. »Ja, lasst uns auspacken und das Zimmer einrichten, damit es gemütlich wird.«

Murphy bellte, und fast augenblicklich erschien eine Frau in Khakihosen, die zu hoch in der Taille saßen. Mit finsterer Miene fragte sie mich: »In der Hausordnung steht eindeutig, dass Hunde nicht erlaubt sind. Sind Sie Ms Leary oder Ms Collins?«

»Ich bin Ms Leary«, antwortete ich und biss mir auf die Unterlippe.

»Sie beginnen das Jahr jetzt mit einem Minuspunkt. Bei drei Minuspunkten verlieren Sie Ihre Privilegien.« Die Frau drehte sich um und verließ das Zimmer.

Ich sah Mutter an und verzog das Gesicht. »Das muss die Wohnheimmutter sein.«

Mutter lächelte. »Na, Catherine, sieht ganz so aus, als würdest du hier genauso oft Arrest kriegen wie zu Hause.«

Dad nahm mich in die Arme und drückte mich lange an sich. »Das Einrichten überlasse ich Mutter und dir – ich bringe jetzt erst mal Murphy wieder raus, damit du nicht schon exmatrikuliert wirst, bevor das Semester überhaupt angefangen hat.«

Ich nickte, sagte aber nichts.

Diese Erinnerung an Dad, der immer versuchte, in allem das Gute zu sehen, und um die Kleinigkeiten wusste, die eine Situation häufig entschärften – etwa, dass er unseren Hund mit ins Wohnheim nahm –, brachten mich zum Schmunzeln. Ich ließ die Autoschlüssel um meinen Zeigefinger kreisen und setzte mich auf meine Reisetasche. Die drei Fragen hatten die ganze Nacht über in mir gearbeitet. Es war, als wüssten sie, dass ich auf keine von ihnen eine Antwort hatte.

Ich hörte Forrests Pick-up schon, bevor ich ihn in die Einfahrt einbiegen sah. Forrest sprang heraus. »Sorry.« Er tippte kurz an seine Baseballkappe. »Ich weiß, dass ich mich verspätet habe … Auf der Main Street ist eine Baustelle.«

Ich stand auf und zeigte ihm meine Autoschlüssel. »Wir fahren mit meinem Wagen. Ich will nicht fünf Stunden in deinem Pick-up hocken, während meine Tasche hinten auf der Ladefläche herumfliegt und nur eine klitzekleine Chance besteht, dass sie noch da ist, wenn wir endlich ankommen.«

Er lächelte. »Wie du meinst, Boss.«

»Sehr witzig.« Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er so schnell einwilligen würde, doch ich ließ mir meine Überraschung nicht anmerken, sondern ging zu meinem Auto, packte meine Tasche in den Kofferraum, öffnete die Fahrertür und pfiff nach Murphy, die auf den Rücksitz sprang.

Gestern Abend hatte ich viermal Thurmans Handynummer gewählt, da ich ihm berichten wollte, wohin ich fuhr und warum, aber ich hatte ihn nicht erreicht. Das bedeutete hoffentlich, dass mit dem Basketballspieler, hinter dem er her war, alles gut lief. Ich musste jetzt bloß mit Forrest Anderson ins Auto steigen, ihm alles über Dad erzählen, die Asche verstreuen und wieder nach Hause fahren. Das war doch ganz einfach, oder?

Forrest warf seine Sporttasche in den Kofferraum, setzte sich auf den Beifahrersitz und lächelte mich an. »Gut, es kann losgehen.«

»Ich muss Murphy noch absetzen.«

Forrest griff hinter sich und tätschelte meine Hündin. »Können wir sie nicht mitnehmen? Sie ist doch die Beste.«

»Ich weiß, aber ich glaube, in der Pension nehmen sie keine Hunde«, murmelte ich, steckte den Schlüssel ins Zündschloss und startete den Wagen. Ich drehte das Radio an, um mich von den heftigen Gefühlen abzulenken, die mich plötzlich überfielen.

Nachdem wir Murphy in der Tierklinik abgeliefert hatten, schaltete Forrest auf Talk-Radio um, doch ich gab ihm einen Klaps auf die Hand und stellte wieder den Sender mit Countrymusic ein. »Wer fährt«, erklärte ich, »ist immer für das Radio zuständig.«

»Auch gut«, meinte er, griff nach dem Hebel, um seine Rückenlehne nach hinten zu kippen, und schloss die Augen.

»Du willst mich also einfach fahren lassen, während du neben mir pennst?« Ich bog vom Parkplatz der Tierklinik wieder auf die Straße ab.

Forrest öffnete ein Auge und sah mich von der Seite an. »Es sei denn, du hast Lust zu reden.«

»Nicht besonders. Jedenfalls im Augenblick nicht.«

»Also gut.« Er schloss das Auge wieder.

Ich stellte das Radio lauter. Mit einem Gefühl, als würde mir eine schützende Hülle genommen, nahm ich wahr, wie die Berglandschaft hinter uns zurückblieb.

Vor mir spulte sich die Straße ab. Ich sprang von einem Sender zum nächsten und tat so, als führe ich anderswohin, irgendwohin. Ich war immer stolz darauf gewesen, dass ich nicht viel Zeit damit verschwendete, mich auf diese süßliche Art an meine Kindheit zu erinnern, wie andere das taten. Auf mich wirkte es immer so, als hätten sie ihre Kinderjahre in flauschige Zuckerwatte gehüllt und schmeckten ausschließlich die Süße der Jugend. Außerdem wussten sie noch alle Einzelheiten, in logischer und chronologischer Reihenfolge. Sie konnten ihre Erinnerungen nahtlos bis ins Erwachsenenalter hinein verfolgen.

Wenn ich jedoch meine eigenen Kindheitserinnerungen hervorkramte, betrat ich Wege, die ich lange nicht beschritten hatte – Pfade, die über Teppiche aus Kiefernnadeln, sumpfige Salzwiesen und den widerlichen schwarzen Schlamm am Rande der Austernbänke führten. Durch Flüsse und Wälder wanden sich diese Pfade, und meine Erinnerungen an die Kindheit bestanden hauptsächlich aus Sinneseindrücken. Ein bestimmter Geruch flog mir zu, ein Lied oder ein Bild: der Moschusduft der modernden Sumpfwiesen, Austern auf einem Lagerfeuer, ein Boot auf dem offenen Meer, ein Bootssteg über dem Fluss, durchweichter Erdboden oder der eklige Geruch nach Schimmel und Salz. Es waren zerstückelte, verschwommene Erinnerungen an einzelne Momente. Die Details und die Abfolge dieser Eindrücke lagen unter den Jahren und den abgelagerten Schichten meiner Jugend, des Studiums und der Erwachsenenwelt verborgen.

Die Landschaft um Seaboro herum erschien mir immer feucht. Der Fluss, das Meer, der Regen und die feuchte Luft hatten mich ganz und gar durchtränkt. Sie hatten mich eingebettet wie in Fruchtwasser, hatten mich wie einen Embryo geschützt. Bis zu dem Tag, an dem Sam, Ellies kleiner Junge, im Wasser versank, bis zu diesem Gezeitenwechsel, der mein ganzes Leben auf den Kopf stellte: mein Bild von mir selbst, meine Zukunft, meine Heimat. Denn Sam starb nicht einfach, er ertrank. In meinem Fluss. In meiner Kindheit. Und das Grauenvollste war: Ich war schuld daran.

Daraufhin zog meine Familie um.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Dunkel wie die Flut" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen