Logo weiterlesen.de
Dumme Jule

Diese Geschichte ist wahr.

Aus Gründen des Datenschutzes wurden die Namen der handelnden Personen und die Namen von Örtlichkeiten gegebenenfalls geändert.

Prolog

Nennen Sie mich einfach Paul!

Ich hatte in der letzten Zeit im Umgang mit Frauen kein Glück gehabt und zudem eine Scheidung hinter mir. Dementsprechend stand ich nicht gerade ganz oben auf der Leiter des Erfolgs und außer meinem positiven Denken und einem alten Diesel hatte ich im Augenblick nicht viel vorzuweisen. Mit dem Versuch, auf eine Annonce unter der Rubrik „Bekanntschaften“ zu antworten, hoffte ich, eine Gelegenheit zu nutzen, um wieder ins normale gesellschaftliche Leben zurückzufinden.

Als ich Juliane auf einem Parkplatz in Nürnberg das erste Mal traf und mich vorgestellt hatte, sagte ich zu ihr:

„Bitte schließen Sie nicht von meinem alten Auto auf meinen Charakter!“

„Doch, das tue ich, aber ich gebe Ihnen noch eine zweite Chance!“

Nach den vielen Jahren, die inzwischen vergangen sind, weiß ich immer noch nicht, ob ich diese zweite Chance genutzt habe oder ob sie trotz des alten Autos an meiner Seite blieb. Der Diesel hatte knapp 300 000 km auf dem Buckel und sah etwas mitgenommen aus. So wie der stolze Besitzer eben auch und ich wollte mit diesem flotten Spruch nur von meinem eigenen Erscheinungsbild ablenken. Denn diese schick gekleidete, sehr hübsche zierliche Frau war keck genug, mein angeschlagenes Selbstbewusstsein schon zu strapazieren, bevor ich überhaupt den zweiten Satz herausgebracht hatte.

Wenn sie innerhalb der nächsten Stunde nicht versuchte, mir weis zu machen, dass sie noch dringend etwa zu erledigen hätte, um mich dann einfach stehen zu lassen, würde ich schon noch lockerer werden und herausfinden, was sich hinter dieser Keckheit verbarg!

Wir bummelten vom Wöhrder See den Pegnitzgrund entlang und stellten beide mit großer Freude fest, dass uns der Stoff zum Reden wohl niemals ausgehen würde. Hier trafen zwei reichlich unterschiedliche Charaktere mit einigen sich ähnelnden Interessen aufeinander und wir plauderten und erzählten und liefen immer weiter, ohne zu bemerken, wie weit wir eigentlich schon gewandert waren. Ich lud sie schließlich in ein Ausflugscafé ein und sie zeigte mir unter dem Tisch ihre nackten Füße mit den völlig wund gelaufenen Fersen, mit denen sie in ihren zierlichen Sandälchen, ohne dass ich etwas bemerkt hatte, klaglos die vielen Kilometer mit mir gelaufen war. Das imponierte mir schon sehr!

Umgekehrt musste sie im Laufe der Gespräche bemerkt haben, dass der unbekannte Mann an ihrer Seite kein schlechter Kerl sein konnte und der, auch wenn man ihn bei seiner Scheidung kräftig gerupft hatte, aufgrund seiner beruflichen Position keinerlei finanzielle oder sonstige böse Absichten zu haben brauchte. Und das Verhältnis zu dem alten Auto schien auch eher auf die männliche Unfähigkeit zur Trennung von liebgewonnenen alten Dingen hinzuweisen, als auf finanzielle Probleme.

Als sie mehr und mehr von sich preisgab, spürte ich, dass Juliane Erlebnisse weggesteckt haben musste, die meine Vorstellungskraft überstiegen. Dass sie einmal Tänzerin gewesen war, überraschte mich bei dieser Figur nicht. Auch ich war in meiner Studentenzeit ein eifriger Tänzer in den Gesellschaftstänzen gewesen und packte die Gelegenheit beim Schopf. Ich schlug ihr, damit sie endlich wieder Selbstvertrauen gewinnen und ins lebenswerte Dasein zurückkehren konnte, einen gemeinsamen Tanzkurs in den Standard- und Lateinamerikanischen Tänzen vor, der uns im Laufe der Zeit bis zum Goldkurs führen würde. Natürlich hatte ich so meine Hintergedanken dabei, denn bereits jetzt hätte ich es bedauert, die schöne Frau mit ihren ebenso schönen grau-grünen Augen wieder zu verlieren und der Kurs würde sicherlich ein bis zwei Jahre dauern.

„Ja, gerne, das würde mir Freude machen!“ hörte ich und mein Herz hüpfte. Bei aller Vorfreude dachte ich aber auch an ihre strapazierten Fersen, die ab sofort geschont werden mussten und spendierte ihr eine Heimfahrt per S-Bahn.

Der Tanzkurs war anspruchsvoll und manchmal schweißtreibend, und für Juliane waren all die modernen Schrittfolgen neu. Doch sie lag anmutig und federleicht in meinen Armen und lernte rasch. Ihr Ehrgeiz war geweckt! Das „In-sich-gekehrt-sein“, das ich anfänglich bei ihr zu spüren glaubte und eine gewisse Zurückhaltung ihrerseits lockerten sich zunehmend. Das Tanzparkett war ihre Welt und wurde mit jeder Übungsstunde mehr und mehr zu ihrer Bühne. Hier war sie sich sicher! Ich fühlte mich gut und auch bestätigt und begann erstmals an gemeinsame wunderbare Jahre zu glauben.

Ab und zu besuchten wir nach der Tanzstunde noch ein Lokal in der Nürnberger Südstadt, erzählten uns gegenseitig bei einem Glas Wein Anekdoten aus unserem Leben und wuchsen langsam aber sicher zusammen.

Ich bin ein Mensch ohne große Ansprüche an materielle Dinge und fand in ihr eine Frau, die anpassungsfähig war. Aber ich wollte es genau wissen und mietete uns für drei Wochen ein Wohnmobil, um im Wonnemonat Mai mit ihr nach Italien zu fahren. War es möglich, dass diese „Lady“ den Camping-Test mit seinem einfachen, naturnahen Leben bestehen würde? Sie bestand den Test mit Bravour und hielt nicht nur den Unbilden eines Unwetters am Gardasee klaglos stand, sondern auch einer riesigen Ringelnatter, die es sich am Lago Trasimeno in Umbrien unter ihrem Campingstuhl bequem gemacht hatte. Mit dieser Frau, so meine Hoffnung, ließ sich die Welt erobern!

Inzwischen kennen wir so manchen Winkel der bewohnten Erde.

In einer traumhaften Januarnacht in Tahiti, als unser Kreuzfahrtschiff in Papeete vor Anker lag und uns der Geruch von Meer und Blüten und die Leichtigkeit des Lebens einhüllte, erklang aus einem Lokal am Hafen tahitianische Gänsehautmusik vom Feinsten und berührte uns zutiefst. Die melodiösen Klänge und Gesänge in der weichen warmen Luft überschwemmten uns mit Glücksgefühlen. In dieser Nacht auf Deck begann sie zu erzählen, was sie mir bis dahin vorenthalten hatte und ich durfte den bisher tiefsten Blick in ihre Seele werfen.

Damals reifte in mir der Gedanke, ihre Lebensgeschichte niederzuschreiben.

1

„Bodzito, bringst du mir mal einen breiteren Pinsel?“

Tila saß im dunklen Rock und heller Bluse, eine Blaustirnamazone auf der linken Schulter, vor der Staffelei im Schatten der Hazienda. Sie arbeitete mit Wasserfarben an einer Straßenszene, die sie in den Morgenstunden in Tonila, einem kleinen Puebla im Südwesten Mexikos, auf einen Pappkarton skizziert hatte. In jenen Monaten bestieg sie häufig nach dem Frühstück ihr Pferd und ritt in den Ort oder in die Berge, um die mexikanische Landschaft und seine Menschen in der frischen, noch kühlen Luft in sich aufzunehmen und skizzenhaft zu Papier zu bringen.

Vor zwei Jahren war Bohdan von Suchocki, ihr Freund und derzeitiger Lebensgefährte plötzlich mit einem etwa zwei Jahre alten Kind auf dem Arm zurückgekehrt.

„Das ist mein Sohn!“ Er behauptete, die Mutter, eine mexikanische Indianerin aus dem nahen Manzanillo, wäre vor kurzem an Fieber gestorben.

„Die Brüder der Frau haben mich nach deren Tod verständigt und gefragt, wie ich mir die Zukunft des Kindes vorstellen würde – ich solle mich darum kümmern! Sie wären zu arm dafür.“

Dass ihr Lebensgefährte einfach eine Indianerin schwängerte, traf die norddeutsch-kühle Tila tiefer, als sie es sich gestehen wollte. Ihr war zwar bewusst, dass ihr Freund ein Lebemann war, der schon vor etlichen Jahren in München mit der exzentrischen Franziska Gräfin zu Re-ventlow ein Leben ohne feste Regeln geführt hatte. Aber gerade das hatte sie an dem Mann gereizt! Die von ihren Freunden „Fanny“ genannte Gräfin war um die Jahrhundertwende Mittelpunkt der Schwabinger Bohème gewesen und Tila war durch den Einfluss ihres Freundes, des Dichters Rainer Maria Rilke ebenfalls nach München gekommen, wo sie von Suchocki kennenlernte. Zusammen mit ihm und der Reventlow hatte sie in ihrer Münchener Zeit in Schwabing in einer Wohngemeinschaft gewohnt.

Sie kannte also die freizügige Einstellung Bohdans zu einem Leben ohne Konventionen. Sie sollte daher wissen, dass er ein Mann war, der nie einer Frau ganz allein gehörte und wenn sie mit ihm leben wollte, musste sie bereit sein, das zu akzeptieren. Er hatte „das gewisse Etwas“, das Frauen magisch anzog: Lässigkeit und ein gerütteltes Maß an Wildheit und Unzähmbarkeit. Außerdem sah er sehr gut aus. Lieber dieses ärmliche Abenteurerleben, als mit einem Schreibtischbeamten verbiestern, dachte sich Tila.

Als sie den hilflosen kleinen Buben zum ersten Mal in ihren Armen hielt, war in der kinderlosen 33-jährigen Ottilie Reylaender plötzlich der Mutterinstinkt erwacht und, überwältigt von einer spontanen Liebe zu dem Kind, hatte sie beschlossen, den Knaben nach seinem Vater „Bodzio“ zu nennen und ihn aufzuziehen, als wäre er ihr eigener Sohn!

Der inzwischen vierjährige Bodzito trug zum Schutz vor dem scharfkantigen Lavageröll und gefährlichen Skorpionen Lederschuhe an den Füßen. Ansonsten war der Junge angesichts der Hitze splitternackt. Mit seinen großen graugrünen Augen unter seinem dichten, blauschwarzen Indianerhaaren suchte er die überdachte Terrasse des niedrigen Gebäudes nach dem Tontopf ab, in dem Tila ihre Pinsel aufbewahrte. Als Bodzio ihr den Pinsel überreichte, fragte sie:

„Na, wie gefällt dir das Bild?“

Es war eine Gouache. Die Farben aus gemahlenen Pigmenten waren preiswert zu beschaffen und konnten unter Beifügung von Kreide mit Gummi arabicum angerührt und auf fast allen Untergründen vermalt werden. Tila musste wirtschaftlich arbeiten, da mit der Malerei nicht viel zu verdienen war. Pappe war daher ein probates Mittel, die Gestehungskosten eines Bildes niedrig zu halten.

Die Gouache zeigte andeutungsweise eine niedrige, zur Straße hin abweisende Häuserfront der früheren Indiostadt Tonila in ocker- und umbrafarbenen Tönen. Den Hintergrund bildete der fast 4000 m in den Himmel ragende, inzwischen erloschene Vulkan „Nevado de Colima“ mit seiner Schneekuppe. Der Berg war das landschaftsprägende Element der Gegend um Colima.

„Mama, warum ist der Vulkan oben weiß?“ fragte Bodzio und deutete auf das Bild.

„Auf dem Vulkan ist es oben sehr kalt!“ antwortete Tila.

„Weil es so kalt ist, hat er sich eine weiße Mütze aufgesetzt!“ lachte Bodzio

„Mütze, Mütze, kalt, ohjee…“ plapperte die Amazone nach und knabberte verzückt an Tilas Ohrläppchen.

„Das ist Schnee, Bodzio!“

Das Wort „Schnee“ kannte der Junge nicht.

„Der Berg hier bei uns ist ein ganz braver Vulkan, der speit kein Feuer. Aber weil es da oben so kalt ist, bleibt der Regen als weißer Schnee liegen“, klärte Tila den kleinen Bodzio auf. „Der Volcan de Fuego dagegen, nicht weit entfernt von hier in Guatemala, das ist ein Teufel! Der speit immer Lava und Asche und der Schnee schmilzt ganz schnell wieder weg. Viele Menschen sind wegen seiner Ausbrüche schon gestorben!“

Doch Tila wollte dem kleinen Jungen nicht unnötig Angst machen und wandte sich wieder ihrer Guache zu.

Sie ahnte, dass sie noch sehr viele solcher Bilder malen und verkaufen müsste, bevor es ihr wieder vergönnt sein würde, in Öl auf Leinwand zu malen. Als sie kurz vor der Jahrhundertwende -15-jährig- in der Künstlerkolonie Worpswede zusammen mit Paula Modersohn-Becker noch Schülerin des bekannten Moormalers Mackensen war, hatte sie bereits mit großer Freude ihre ersten Ölbilder gemalt. Doch seit dem schweren Erdbeben vor fünf Jahren war es in Mexiko äußerst schwer, vernünftige Malutensilien zu beschaffen und geeignetes Leinen oder gar Ölfarben waren kaum zu bekommen. Sie würde hart arbeiten müssen, um annehmbare Lebensbedingungen für die kleine Familie zu schaffen, die sich inzwischen um ein indianisches Kindermädchen für Bodzio erweitert hatte.

Tila hatte es mit dem polnischen Glasmaler von Sucho-cki nicht leicht. Seine Stimmungen wechselten ständig und er kam und ging, wie es ihm gerade gefiel. Es war vor allem diese Unberechenbarkeit, die Tila störte. Oft wusste sie tagelang nicht, wo er sich aufhielt. Dann tauchte er unerwartet -manchmal erst nach Wochen - wieder auf und wollte Familienleben genießen. Das verärgerte sie etwas, denn er störte damit ihren eigenen Rhythmus und brachte ihre ganzen Pläne durcheinander.

Der Ärger über Suchocki, gelegentliche Fieberschübe und schlechte Geschäfte mit ihren Bildern veranlassten sie, obwohl sie das Land sehr mochte, an eine Rückkehr nach Deutschland zu denken. Doch der Erste Weltkrieg hatte in Deutschland Chaos und instabile Verhältnisse hinterlassen, so dass ihre Freunde in Deutschland von einer Rückkehr abrieten. Andererseits hatte der inzwischen 12-jährige Bodzio immer noch keinen regelmäßigen Schulbesuch absolviert und so wurde es allerhöchste Zeit, den kleinen, wilden Naturburschen mit deutscher Kultur und Bildung bekannt zu machen.

Felicitas von Korff, eine in Mexiko-Stadt lebende Freundin Tilas, nahm Bodzio im Jahre 1925 auf ihrer Rückreise nach Deutschland unter ihre Fittiche und lieferte den Buben bei Ottilies Eltern in Geltow bei Potsdam ab, wo er in den folgenden Jahren preußisch streng erzogen wurde.

Ottilie fühlte inzwischen, dass ihr Leben in Mexiko ohne Familie in Gleichförmigkeit zerrann, ohne Halt und fast ohne Geld. Der verwitwete Dr. Böhme, Leiter der Deutschen Schule in Mexiko-Stadt, war schon seit einigen Jahren mit Ottilie gut bekannt und warb um sie. Sie musste irgendwann eine Entscheidung zwischen zwei grundsätzlich verschiedenen Lebensformen treffen. Böhme würde ihr ein Leben in finanzieller Sicherheit bieten, was ihr ermöglichen würde, ihre künstlerischen Ambitionen ohne Einschränkungen auszuleben. Er schien sehr zuverlässig zu sein und meinte es sicherlich gut. Doch sie vermochte den soliden Böhme nicht zu lieben und fürchtete auch, in eine Abhängigkeit zu geraten, die sie nicht wollte. Mit dem wilden Suchocki dagegen war ein harmonisches Leben kaum noch möglich. Je älter dieser wurde, desto schwieriger wurde es für sie, mit seinem unsteten, cholerischen Charakter umzugehen. Ob sie ihn noch liebte, wusste sie ebenfalls nicht so genau – vielleicht hatte ihre Liebe zu ihm sich mehr in eine Art Verantwortungsgefühl gewandelt, indem sie zu glauben begann, er käme ohne sie nicht mehr mit sich und seinem Dasein zurecht. Suchocki erkannte den Zwiespalt in Tila und reagierte auf die Gefahr, sie zu verlieren, immer eifersüchtiger.

Als Ottilie's Vater in Geltrow starb, verließ sie Mexiko und fuhr zurück nach Deutschland. Doch sie fühlte sich auch dort nicht sehr wohl. Die Armut und die ausgesprochen schlechten Lebensverhältnisse auf dem Land machten ihr zu schaffen und sie sehnte sich zurück nach Mexiko und zu Suchocki, als Böhme unerwartet als Legationsrat in das Auswärtige Amt zurück nach Berlin berufen wurde. Nun änderte sich vieles: Ottilie gab dem Werben Böhmes schließlich nach und wurde seine Frau. Beide holten den jungen Bohdan nach Berlin-Lichterfelde, wo sie ihn auf den Namen „Bohdan Böhme“ umschreiben ließen, um den Buben vor möglichen Nachteilen wegen fehlender Papiere zu schützen. Der Junge machte seinen Schulabschluss und ging, erwachsen geworden, anschließend zur Luftwaffe. In Nordhausen (Harz) lernte er meine Mutter kennen.

Auf diese Weise wurde der ehemals kleine, wilde Bursche aus Manzanillo in Mexico mein Vater.

2

Wie fühlt man sich, wenn man mit zwei übermächtigen Schwestern aufwächst?

Man zählte das Jahr 1941 und wohin man auch blickte, herrschte Hunger, Not, und Verfolgung aber auch manchmal der Mut zu einer Freundschaft, die eigentlich längst nicht mehr sein durfte.

In dieser schweren Zeit wurde ich als dritte Tochter meiner Eltern Gertrud und Bohdan, beide junge, lebenslustige und gutaussehende Menschen, geboren. Mamis Schwiegermutter Tila hatte sich an einem schönen Maitag herabgelassen, mit dem Zug nach Nordhausen zu reisen, um die Familie für einige Tage zu besuchen. Sie saß steif mit ihrer Schwiegertochter Gertrud bei einem Tässchen Kaffee, als es, wie so oft in den letzten Wochen, arg in Ma-mis Bauch rumorte.

„Ich glaube, ich habe zu hastig gegessen“, erklärte die junge Frau unbekümmert. „Morgen gehe ich zum Doktor und lasse mir etwas verschreiben.“

Ottilie sah sie mit rechter hochgezogener Augenbraue von der Seite an und bemerkte spitz:

„Gertrud, ich denke, du bist eher ein Fall für den Frauenarzt! “

„Ach was, ich habe nur zu viel Luft im Bauch!“ erklärte Mami im Brustton der Überzeugung.

Einige Tage später – die nicht enden wollenden „Blähungen“ begannen sie langsam zu verunsichern - machte sich Mami dann doch zu ihrem Frauenarzt auf, einem angegrauten, liebenswürdigen Herrn, der bereits meinen beiden Schwestern auf die Welt verholfen hatte und den sie aus diesem Grunde gut kannte.

„Ach, Trudchen, mein Kind, freu' dich, du bist im fünften Monat schwanger! “ resümierte der alte Herr nach einer kurzen Untersuchung.

„Trudchen“ fiel aus allen Wolken! Sie hatte schon immer ihre Periode sehr unregelmäßig bekommen und überhaupt nicht darauf geachtet. Unpässlich war sie in den letzten Monaten morgens auch nie gewesen. Sie war erst 22 Jahre alt und besaß bereits zwei Kinder, wie sollte sie sich da denn freuen? Mit feuchten Augen lief sie durch die Straßen Nordhausens, direkt in die kleine Wohnung ihrer Eltern und beichtete ihr Unglück. Omi Mine nahm ihre Tochter in den Arm und versuchte sie zu trösten, so gut sie es vermochte.

Doch der Trost „Irgendwie schaffen wir das schon, mein Kind!“ war nicht unbedingt geeignet, Gertrud Mut zu machen. Omi Mine hätte für ihr einziges Kind alles getan, was ihr möglich war. Aber die gute Frau hatte sich selbst ihr ganzes Leben lang abgerackert und es, bedingt durch die Folgen des Ersten Weltkriegs und der Inflation, trotz ihres nicht enden wollenden Einsatzes und Fleißes zu nichts gebracht.

Also wie machte man das mit dem „Irgendwie schaffen“? Es war erneut Krieg und bei allem, was man zum Leben brauchte, hatten die an den Fronten kämpfenden Soldaten und deren Ausrüstung absoluten Vorrang. Fast alle Bedarfsgüter des täglichen Lebens waren bereits bewirtschaftet, kontingentiert und rationiert! Konnte man da von „Glück“ sprechen, wenn man ein ungewolltes weiteres Kind unter dem Herzen trug, das unter diesen Umständen ernährt, gekleidet und aufgezogen werden wollte?

Mit Blick auf eine ungewisse Zukunft lief sie niedergeschlagen nach Hause und als ihr Mann Bohdan sie am Abend auf ihre geröteten Augen ansprach, brach die Verzweiflung endgültig aus ihr heraus. Sie war ungewollt schwanger und nein, sie wollte dieses Kind, das ihr die Jugend endgültig rauben würde, nicht. Sie wollte ausgehen wie die anderen Frauen ihres Alters, tanzen und schöne Kleider tragen. Sie wollte unbeschwert leben, lieben und ihr Jungsein und ihre Schönheit genießen.

Bohdan, der als Fliegerunteroffizier mit seiner Staffel am Fliegerhorst in Nordhausen stationiert war, fand das alles überhaupt nicht tragisch, wollte er doch ohnehin mindestens ein Dutzend Kinder haben, „am liebsten nur noch Jungs!“.

An einem Septembertag 1941 erblickte ich mit großen Anstrengungen das Licht der Welt. Fast schien es, als wollte ich es mir noch überlegen, denn ich war bereits zehn Tage überfällig. Der Arzt holte mich mit der Geburtszange und erlöste damit meine Mutter von ihren Qualen. Als Papi in der Kaserne des Flugplatzes die Nachricht von der gerade noch glücklich verlaufenen Geburt erhielt, ließ er sich in der Kompaniestube seinen Urlaubsschein für einen Tag ausstellen und eilte so rasch wie er konnte zu seiner geliebten Frau in der Klinik. Voller Erwartung durchquerte er mit einem Blumenstrauß in großen Schritten die düsteren Gänge des alten Gemäuers.

Mutter und Kind lagen erschöpft in ihren Betten. “Es” war – erneut - ein Mädchen geworden! Enttäuscht fragte er die Schwester nach einer Vase für die Blumen, betrachtete flüchtig meine mageren Ärmchen und mein zerknittertes rosa Gesichtchen, das noch von den Druckstellen der Geburtszange gezeichnet war, gab seiner Frau einen Kuss und eilte nach einigen Worten der Entschuldigung auf direktem Weg zu seiner Schwiegermutter.

„Alles in Ordnung? Was ist es denn geworden“ überfiel ihn Omi Mine

„Ein Mädchen!“

Das klang nicht sonderlich begeistert.

„Und, erzähle, wie sieht sie aus?“

„Hässlich! Dünn mit einem kullerrunden kleinen Kopf!“ Kleine, kullerrunde Köpfe bei Kindern hatte er noch nie gemocht!

Doch Mine wusste Bescheid: „Das wächst sich alles aus, du wirst schon sehen!“

Aber der Möchtegernvater von zehn strammen Jungs war noch zu enttäuscht, als dass ihm diese Aussage im Augenblick ein Trost sein konnte. Selbst der unübertreffliche Rührkuchen seiner Schwiegermutter konnte nichts daran ändern und Papi starrte verdrossen auf seinen Teller und den inzwischen lauwarmen Muckefuck.

„Habt ihr euch überhaupt schon einen Namen für das Kind überlegt?“ versuchte Mine weitere Informationen aus ihm hervor zu locken.

„Paul!“

„Du bist unmöglich, Bohdan!“

„Da wird uns schon noch etwas einfallen!“ brummte Papi, „Gertrud hat mich gebeten, noch einige Besorgungen zu machen. Sei mir nicht böse, Mine, aber ich muss weiter.“

Bohdan wollte einer weiteren Befragung entgehen und nahm den kürzesten Weg zu unserer Wohnung in der Rautenstraße im ersten Stock. Anni, unser Pflichtjahrmädchen, das meine beiden älteren Schwestern inzwischen betreut hatte, überfiel Papi ungeduldig.

„Was ist es denn, Herr Böhme, Junge oder Mädchen?“

Stille! Nachdem er sich vergewissert hatte, dass bei meinen Schwestern alles in Ordnung war, setzte er sich kurz aufs Sofa und überdachte seine neue Lebenssituation als Vater dreier Töchter.

Besorgt fragte Anni:

„Was ist mit Ihnen, Herr Böhme, ist etwas mit dem Baby nicht in Ordnung?“

Aber was sollte der Mann nach der Zerstörung seiner törichten und durch nichts gerechtfertigten Träume schon sagen? „Wieder nur ein Mädchen!“ wäre die nackte Wahrheit gewesen. Doch Gefühle gegenüber der jungen Frau zu zeigen, schien ihm nicht angebracht.

„Keine Angst, Anni, mit dem Kind ist alles in Ordnung“ murmelte er schließlich. „Jetzt habe ich halt ein klassisches Dreimäderlhaus.“

Wenn Eltern ein Kind in die Welt setzen, so fragen sie das Kind nicht um dessen Meinung. Weder in welche Zeit, noch in welche Familie oder Gesellschaft es hineingeboren werden möchte. Das ist einfach so!

Aber weder vom Vater noch von der Mutter erwünscht zu sein und dazu noch als „hässlich“ bezeichnet zu werden, das war für ein hilfloses kleines Mädchen wie mich in der Tat kein guter Anfang!

Anni wusste, wie sehr mein Vater sich einen Jungen herbeigesehnt hatte. Schon des Öfteren hatte sie mitbekommen, wie er von seinem „Rittergut in Ostpreußen“ schwärmte, das er später einmal mit all seinen Söhnen bewirtschaften wollte. Er tat ihr deshalb ein wenig leid. Allerdings verfocht sie auch die Ansicht, die Geburt eines Kindes, gleichgültig welchen Geschlechts, sei ein Ereignis, über das man sich grundsätzlich freuen sollte. Darum verstand sie sein Verhalten nicht! Er war ein außerordentlich gutaussehender Mann von gerade mal 25 Jahren, groß, braungebrannt, hatte sehr dunkle, lockige Haare und unter markanten buschigen Augenbrauen leuchteten die eindrucksvollsten grau-grünen Augen, die man sich vorstellen konnte. Nicht nur Anni war von ihm hingerissen!

Aber jetzt wirkten seine Augen stumpf.

„Herr Böhme, Sie werden sicherlich noch viel Freude mit Ihren Kindern haben, glauben Sie mir! Wenn ich mit Rosi und Ingrid durch die Straßen gehe, sagen die Leute häufig

“Was hat doch die Familie Böhme für hübsche Mädchen!“

„So, sagen sie das?“

Mein Vater fühlte sich geschmeichelt und er wollte es glauben. Wenn es denn so sein sollte, er konnte ohnehin nichts mehr daran ändern. Er gab sich einen Ruck und schien bereit, sein Los anzunehmen.

*

Meine Mutter wurde 1919 in Nordhausen geboren. Im April 1932 bat Mamis Klassenlehrer Omi Mine in die Schule, um sich mit ihr über den weiteren Werdegang seiner Lieblingsschülerin nach dem Volksschulabschluss zu unterhalten. Er schlug einen weiterführenden Schulbesuch für Gertrud vor, zumindest aber einen mittleren Abschluss.

“Gertrud schafft das spielend, sie ist sehr intelligent und strebsam!”

Doch Omi Mine ging von der Tatsache aus, dass noch nie einer aus der Familie eine höhere Schule besucht oder gar studiert hatte. Denn das war finanziell einfach nicht zu stemmen. Vergeblich redete der Lehrer auf sie ein und sprach von einem Talent, das drohte, verloren zu gehen – Mine sah sich dazu einfach nicht in der Lage.

Also begegnete unsere Mutter mit knapp 14 Jahren als Lehrmädchen in einem Juweliergeschäft der vollen Härte des Berufslebens.

Vor Dienstantritt musste sie zunächst den alten, verfetteten Mops ihres Chefs, Herrn Blau, abholen, damit die Töle an die frische Luft kam. War sie nach einem Fußmarsch von einer Viertelstunde in der Wohnung ihres Lehrherrn angekommen, wurde dem Mädchen von Frau Blau Leine, Hund und Aktentasche ihres Chefs ausgehändigt. Nun galt es, meist in großer Eile, quer durch die Stadt zum Geschäft zu laufen – mit dem plumpen und herzkranken Tier kein leichtes Unterfangen! Vor allem kam sie nicht so recht vorwärts, weil der Hund an jeder Ecke schnuppern und seine Marken hinterlassen wollte. Schließlich musste sie zusammen mit Gritta, dem anderen Lehrlingsmädchen, pünktlich um 8 Uhr die schweren Eisengitter, mit denen der wertvolle Ladeninhalt nachts gesichert wurde, aufsperren und nach oben schieben. Schon bald merkte ihr Meister, was für eine tüchtige kleine Person er sich da in sein Haus geholt hatte. Also durfte sie schon nach kurzer Einarbeitung kleinere Büroarbeiten ausführen und später kamen die täglichen Kassenabschlüsse und die Buchhaltung dazu.

Gertrud wurde für ihren Chef mit der Zeit immer unentbehrlicher und aus diesem Grund zunehmend selbstbewusster. Mittags zwischen 12 und 14 Uhr zum Beispiel wurde der Laden stets geschlossen. Die Angestellten bekamen jedoch für den Weg nach Hause und für das Mittagessen insgesamt lediglich eine halbe Stunde Zeit, dann hatten sie wieder im Laden zu sein. Aber die Zeit reichte, wo doch alles zu Fuß erledigt werden musste, beim besten Willen nicht aus und an ein in Ruhe eingenommenes Mittagessen war überhaupt nicht zu denken! Und jeden Tag nur hastig eine sparsam belegte Stulle zu kauen, war auf Dauer auch nicht gesund!

Gertrud war bereits in jungen Jahren eine Gerechtigkeitsfanatikerin und Kämpferin. Obwohl sie spürte, dass Frauen im Berufsleben nicht unbedingt gleichberechtigt waren, war sie entschlossen, mit Herrn Blau zu reden. Sie wusste, dass es bindende Arbeitsverträge mit festgesetzten Mittagspausen gab und forderte ihr Recht ein - er sollte den Lehrlingen wenigstens eine volle Stunde Mittagspause gewähren!

Doch ihr Chef war ein Mann mit Prinzipien aus dem 19. Jahrhundert und Arbeitsverträge waren für ihn nur beschriebenes Papier. Wirklich wichtig waren dagegen Zucht und Ordnung, Vaterlandsliebe, Stolz und Ehre! Was diese freche kleine Person da forderte, war überzogen und unangebracht! Aber sie deshalb feuern wollte und konnte er auch nicht, dazu war sie ihm zu wertvoll. Das Geschäft lief, seit dieses hübsche und redegewandte Ding mehr oder minder den Laden schmiss, besser denn je. Hin- und hergerissen machte er ihr einen Vorschlag. Die Lehrlinge sollten fortan eine Mittagspause von einer Stunde genießen dürfen, wenn Gertrud auch sonntags den Hund Gassi führen würde. Gertrud war einverstanden, kam aber insofern schadlos davon, als schon wenige Wochen später das arme Tier alle Viere von sich streckte und mit einem letzten Seufzer und Schaum vor dem Maul auf dem Sofa seines Herrchens an einem Herzinfarkt verstarb. Die Aufgabe des Gassi-Gehens fiel also künftig weg - die Mittagspause von einer Stunde jedoch blieb.

Dieses kämpferische, von Gerechtigkeitssinn getriebene Wesen haben wir Mädchen wohl alle drei von ihr geerbt.

*

Elias Rosenzweig bewohnte mit seiner Frau Rebekka und seinen wohlgeratenen Töchtern eine sehr schöne großzügige Wohnung in der Nordhäuser Oberstadt. Das jüngste Mädchen, Ruth, war 14 Jahre alt und hatte zusammen mit Mami die Volksschule besucht. Die beiden waren beste Freundinnen. Wann immer es Gertrud in der doch sehr bescheidenen häuslichen Umgebung ihrer Eltern zu eng wurde, lief sie von der Unterstadt über die Töpferstraße, vorbei am Theater zur Oberstadt und wurde stets von der jüdischen Familie auf das herzlichste aufgenommen. Die Wohnung war sehr groß und es gab darin viele Dinge, die Gertrud in den Bann zogen: Wunderschöne Möbel und Teppiche und unglaublich viele Bücher, in edlem Schweinsleder gebunden und mit Goldschrift verziert. Papa Rosenzweig verdiente sein Geld als Oberstudienrat an der Oberschule, und wenn er die Zeit dazu fand, unterhielt sich der Vater von vier Töchtern besonders am Sonntagnachmittag gerne mit Gertrud, dem Mädchen aus einfachen Verhältnissen. Denn Gertrud war klug und wissbegierig zugleich und stellte viele gescheite Fragen. Das gefiel dem gebildeten Herrn sehr und er versuchte, auf all ihre Fragen eine Antwort zu finden. Es waren Gertruds schönste Stunden, die sie im Kreise dieser wunderbaren Menschen verbringen durfte. Sie wollte damals etwas aus ihrem Leben machen, auf eine Höhere Schule gehen und am liebsten Astronomie studieren. Papa Rosenzweig ermutigte sie in ihrem Vorhaben und brachte ihr sogar das Schachspiel bei.

Nicht lange nach Abschluss ihrer Lehre als Schmuckverkäuferin und nach einer kurzen Affäre mit einem jungen Mann, aus der meine Halbschwester Rosi hervorging, lernte Gertrud mit 20 Jahren Bohdan, unseren späteren Vater kennen.

Die Zuneigung der beiden war stark und gegenseitig. Er vertraute ihr an, dass er 1913 in Manzanillo/Mexico geboren sei, aber väterlicherseits aus altem polnisch-russischen Adel abstamme. Wenn er von seinen wilden jugendlichen Abenteuern auf den Haziendas im mexikanischen Distrikt Colima erzählte, wo er aufwuchs und als kleiner Junge halbnackt auf Pferden oder Mulis durch die Weiten der Pampa jagen durfte, war Gertrud auf äußerste fasziniert und hing buchstäblich an seinen Lippen.

Bohdan war nicht nur bei Omi und Opi ein gern gesehener Gast. Als Gertrud ihn nach vielen Wochen des Kennenlernens der Familie Rosenzweig vorstellte, waren auch diese von ihm sehr angetan. Wenn es die Zeit erlaubte und Bohdan es beruflich einrichten konnte, verbrachten die beiden einige angenehme Stunden in Haus der jüdischen Familie. Und stets, wenn sie ein paar Zigaretten oder gar ein Fläschchen Wein ergattert hatten, brachten sie diese kleinen Geschenke bei ihrem Besuch mit und die Freundschaft der beiden Familien vertiefte sich.

Am 08.11.1938 verbreitete sich über die neuen Volksempfänger rasch die Nachricht vom Tod des Legationsrats Ernst vom Rath an der deutschen Botschaft in Paris. Ein polnischer Jude, Herschel Grynszpan, sollte für das Attentat verantwortlich sein.

Bohdan sprach noch am gleichen Abend in Begleitung von Gertrud mit den Rosenzweigs. Er befürchtete, dass die Nazis dieses Ereignis als Vorwand benutzen könnten, um die ohnehin längst geplante Vertreibung der Juden in Gang zu setzen und beabsichtigte, die Familie zu warnen

„Sie werden uns eines Tages alle umbringen!“ äußerte Papa Rosenzweig nach dem Gespräch düster. „Ich begreife das nicht - wir sind doch Deutsche und wollen hier nur in Frieden arbeiten und leben!“

Dann ließ ihn die Verbitterung verstummen. Obwohl seit Jahrzehnten wohlgelittene Mitbürger Nordhausens, waren Juden plötzlich nichts mehr wert und vor allem nicht mehr sicher. Seinen Arbeitsplatz als Oberstudienrat an der Oberschule hatten die Nazis schon vor Monaten unter fadenscheinigen Begründungen an einen linientreuen Parteigänger übertragen und seit damals war kein Geld mehr in die Familie geflossen. Umsichtig hatte Rebecca nach und nach ihren gesamten Goldschmuck in Lebensmittel und Kleidung für die Kinder eingetauscht. Elias Rosenzweig hatte zwischenzeitlich vergeblich versucht, einen Teil seiner wertvollen Bibliothek mit literarischen Schätzen zu veräußern, doch inzwischen hatte kaum jemand mehr den Mut, von einem Juden etwas zu kaufen.

Gertrud begriff nicht, warum das Regime diese Menschen vertreiben oder gar vernichten wollte. Seit sie denken konnte, waren Händler, Künstler, Fabrikanten, Ärzte und Anwälte - im Gegensatz zu manchen anderen Städten in Deutschland – trotz ihres jüdischen Glaubens ein natürlicher und gewachsener Teil des Nordhäuser Alltags und der Gesellschaft gewesen. Eine Art Judenghetto hatte es in Nordhausen nie gegeben!

In der Nacht vom 09. zum 10. November 1938 brannten plötzlich in ganz Deutschland die Synagogen. Wegen der vielen Glasscherben, die infolge der Überfälle der Schlägertrupps auf jüdische Geschäfte und Einrichtungen am 9. November die Straßen verunzierten, sprachen die Menschen später von der „Reichskristallnacht“. Der Begriff klang harmlos, war aber der Beginn der Entrechtung und Verfolgung sowie des wirtschaftlichen Boykotts der etwa 400-köpfigen jüdischen Bevölkerung Nordhausens.

Am Vormittag des 10. November erfuhr Gertrud von ihren Nachbarn, dass zahlreiche jüdische Männer, Frauen und Kinder von SA- und SS-Männern verhaftet und in den alten Siechenhof getrieben worden waren, der wieder einmal als provisorisches Gefängnis dienen musste. So schnell sie konnte, lief Gertrud in die Oberstadt zu ihren Freunden.

Doch das Haus der Rosenzweigs war leer!

In böser Vorahnung eilte Gertrud weiter zum Rathaus. Eine Zurückweisung der kämpferischen Frau durch den Pförtner erwies sich als unmöglich und sie drang bis zu Oberbürgermeister Dr. Meyer, seines Zeichens strammer Nationalsozialist, vor. Mit der ihr eigenen Art, wie sie ihr Anliegen vorbrachte und mit ihrer jugendlichen Ausstrahlung konnte sie den starken Mann an der Spitze der Stadt erweichen. Sie erhielt ein Papier, das ihr erlaubte, die Familie Rosenzweig für einige Minuten an diesem düsteren Ort zu besuchen.

Die nackte Verzweiflung der Insassen des Siechenhofes war mit Händen zu greifen und Gertrud versprach unter Tränen, alles für ihre Freunde zu tun, was sie nur konnte.

Jedoch bereits einen Tag später wurden alle Siechen-hofinsassen in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Eine weitere, nicht ganz ungefährliche Bitte um Besuchserlaubnis hatte sich damit erledigt. Gertrud konnte nichts mehr bewirken und die Spur ihrer Freunde verlor sich.

Erst nach dem Kriegsende nahm die Jüngste der Familie Rosenzweig, Mamis beste Freundin Ruth, den Kontakt wieder auf. Ein verschlissener Luftpostbrief mit handschriftlichen Vermerken in verschmierten Tintenblei, aus denen sich ermessen ließ, wie lange der Brief seine Empfänger vergeblich gesucht hatte, ließ Gertrud jubeln und weinen zugleich. Ruth hatte trotz schrecklicher Erlebnisse als Einzige ihrer Familie den Holocaust überlebt und war kurz nach der Befreiung durch die Alliierten nach Amerika ausgewandert. Weitere Briefe flogen zwischen Nordhausen und Hartford in Connecticut hin und her. Aber erst zehn Jahre später wagte es Ruth, Deutschland noch einmal zu besuchen und die beiden Frauen konnten sich wieder in die Arme schließen. In meinen Erinnerungen sehe ich noch eine schlanke, kultivierte Frau vor mir, die uns Kinder aus schönen, dunklen Augen warmherzig betrachtete. Sie blieb leider nur einige Tage, bevor sie in Berlin wieder die 4-motorige „Super-Constellation“ bestieg, die sie zurück zu ihrer Familie in ihre neue Heimat brachte.

*

Sie kannten sich im Jahre 1938 erst seit kurzer Zeit, als Bohdan darauf bestand, dass seine zukünftige Braut ihn ihren Eltern vorstellen solle. Gertrud erschrak bei diesem Gedanken! Bohdan, der in seiner Luftwaffenuniform blendend aussehende Adelsabkömmling in der winzigen Wohnung ihrer Eltern, die sich von Tag zu Tag durchkämpften, um zu überleben, das war ein Ding der Unmöglichkeit und nie und nimmer würde das gut gehen! Das ganze Leben spielte sich in der kleinbürgerlichen Enge der Küche meiner Großeltern ab und auch nach Feierabend saß unser Opi regelmäßig noch im Schneidersitz auf dem Küchentisch und nähte. Omi saß an der Nähmaschine und wenn es ihr zu anstrengend wurde, brummelte sie immer etwas vor sich hin das so klang wie “So ein elendes Gefuzel!“ Auch vollster Einsatz reichte eigentlich nicht zum Überleben und so mussten beide mit Nebenarbeiten noch dazuverdienen. Das blieb ihr ganzes Leben lang so.

Bohdan würde entsetzt das Weite suchen und diese Mesalliance mit der kleinen Schneidertochter sofort beenden.

Doch weit gefehlt!

Bohdan bestand ungeachtet aller Vorbehalte auf seinem Vorhaben, seine künftigen Schwiegereltern kennen zu lernen und Gertrud gab schließlich nach. Bei der Vorstellung gab es für Omi einen Blumenstrauß und für Opi eine Schachtel Zigaretten. Auch eine Flasche eines edlen Getränks hatte Bohdan im Gepäck. Nur zu verständlich, dass er willkommen geheißen wurde. Es wurde ein langer, heiterer Abend mit vielen Erzählungen und unser Papi musste versprechen, bald wiederzukommen.

In der Folgezeit schlugen sie so manche heiße Skatschlacht in der kleinen Küche. Tante Ollo war Omis Schwester, und hieß eigentlich Charlotte. Sie war der „vierte Mann beim Skat“. Mami, Papi, Opi und Tante Ollo klopften stets wild drauf los. Nur unser Omchen war keine erfahrene Skatspielerin und durfte deshalb lange Zeit nur zuschauen. Bis sie eines Tages dank des übermütigen Papis, der gerade befördert worden war und seinen generösen Tag hatte, doch zum Einsatz kam: Er forderte Omi zum Mitspielen auf.

Vor Aufregung, dass sie spielen durfte, musste Omi nochmals „schnell auf Toilette”. Papi sprach sich mit Mami ab und mischte, während Omi aus dem Raum war, schnell die drei Buben Kreuz, Pik und Karo, die sechs höchsten Herzen und Kreuz As auf eine Weise in den Stoß, dass Omi Mine, wieder zurück am Tisch, beim Geben genau dieses Blatt erhielt. Mami und Papi erhielten dagegen nur ein Durchschnittsblatt. Omis Blatt war eigentlich unverlierbar - das war auch so beabsichtigt. Als sie ausgiebig ihre Karten betrachtet hatte, machte sich ein mühsam unterdrücktes Grinsen auf ihrem Gesicht breit. Sie reizte bis 192, sagte voller Stolz einen “Grand Ouvert” an und erhielt von Papi nach langem Studium seines Blattes ein Kontra. „Re“ sagte Omi und spielte als Aufspieler mit wild klopfenden Herzen den Kreuz-Buben aus, um beim Gegner den vierten Buben einzukassieren.

Die Mitspieler am Tisch saßen alle wie versteinert da. Niemand reagierte.

Omi guckte verdutzt in die Runde. Dann dämmerte es ihr. Vor lauter Aufregung hatte sie vergessen, ihre Karten offen auf den Tisch zu legen. Damit hatte sie das Spiel verloren und das versprach teuer zu werden. Für Omchen brach eine Welt zusammen. Papi versuchte nun vergebens, den Spaß aufzuklären. Doch bei Omi kam in ihrer Unschuld der Begriff „Manipulation“ nicht vor. Sie verharrte in der Überzeugung, sie hätte durch ihr Missgeschick das Spiel ihres Lebens verdorben. Erst spät begriff sie, dass man ihr etwas Gutes tun wollte und sie aus diesem Grund gar nicht zahlungspflichtig war. Trotzdem war sie über die Tatsache, dass Papi eigentlich ihren Skatkünsten nicht getraut hatte, ein klein wenig verärgert. In den folgenden Schnapsrunden mit Nordhäuser Doppelkorn beruhigte sie sich aber wieder und beschloss, die nächsten Thüringer Klöße für Papi mit scharfem Senf zu füllen.

*

Im Herbst 1944 war Papi bis zum Jahresende vorübergehend auf dem Fliegerhorst in unserer Stadt stationiert. und wenn er keinen Einsatz hatte, konnte er recht oft bei seiner Familie sein.

In meinem Kopf habe ich noch verschwommen Bilder von Menschenmassen vor mir, die an diesen Tagen durch die Stadt und auch durch unsere Rautenstraße getrieben wurden. Es waren Menschen mit eingefallenen Wangen, zerlumpte Gestalten mit Lappen an den Füßen, die in alten Mänteln und mit Schirmmützen auf dem Kopf vor unserem Fenster vorbeizogen.

„Kinder, geht vom Fenster weg, das ist nichts für Euch!“ scheuchte uns unsere Mutter davon.

Ich verstand sowieso nicht, wer diese Leute waren und sah sie auch nie wieder. Und in unserer Familie wurde vor uns Kindern nie davon gesprochen.

In den frühen Fünfzigerjahren spielten wir mit unseren Freunden ungeachtet der vielen Warnschilder, viele davon in englischer Sprache, die wir ohnehin nicht verstehen konnten, am Kohnstein. Die zahlreichen Bunker und Höhlungen, die aus Sprengungen entstandenen Erdeinbrüche und viele sonderbare Fundgegenstände aus Metall waren ein Abenteuerspielplatz, der eine große Faszination auf uns Kinder ausübte.

Erst als ich schon fast erwachsen war, löste sich das Geheimnis für mich auf. Es waren die vielen Zwangsarbeiter, die von den Nazis aus dem bereits aufgegebenen Konzentrationslager Auschwitz und vom nahen KZ Buchenwald in das KZ Mittelbau-Dora in ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Dumme Jule" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen