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Dumm kickt gut

INHALTSVERZEICHNIS

  1. Vorwort
  2. SPORT IST MORD
    1. 1. »No sports, please«
    2. 2. Sport muss wehtun
    3. 3. Auf Asphalt laufen schadet den Gelenken
    4. 4. Sportunfälle kosten Unsummen
    5. 5. Nach dem Essen schwimmt man nicht
    6. 6. Geräteturnen ist schlecht für Kinder
    7. Top-Mythen zu Vitamin C
  3. GESUND DURCH SPORT?
    1. 7. Sport macht glücklich
    2. 8. Sportler sind seltener krank
    3. 9. Dehnen verringert die Verletzungsgefahr
    4. 10. Outdoorsport ist gesünder als Indoorsport
    5. 11. Ausdauertraining ist gesünder als Krafttraining
    6. 12. Nordic Walking schont die Gelenke
    7. 13. Radfahren und Schwimmen sind die gesündesten Sportarten
    8. 14. Rückenschule beugt Rückenschmerzen vor
    9. 15. Alkohol lässt sich durch Sport ausschwitzen
    10. Top-Mythen zu Laktat
  4. HÖHER! SCHNELLER! WEITER?
    1. 16. Je mehr, desto besser
    2. 17. Nichtraucher haben eine bessere Ausdauer
    3. 18. Die Fettverbrennung beginnt erst nach 30 Minuten
    4. 19. Wer wenig schwitzt, ist gut trainiert
    5. Top-Mythen zu Magnesium und Natrium
  5. SPORTLICHE ERNÄHRUNG
    1. 20. Wer kräftige Muckis will, braucht viel Eiweiß
    2. 21. Wer viel trainiert, sollte Nahrungsergänzungsmittel nehmen
    3. 22. Fünf kleine Mahlzeiten sind besser als drei Hauptmahlzeiten
    4. 23. Vegetarier sind die schlechteren Sportler
    5. 24. Pflanzliche Stoffe sind im Sport ungefährlich und erlaubt
    6. 25. Wasser mit Zusätzen steigern die Leistung
    7. 26. Apfelschorle ist das beste Sportgetränk
    8. Top-Mythen zu L-Carnitin
  6. WER SCHÖN SEIN WILL, MUSS SPORT TREIBEN
    1. 27. Sport macht schlank
    2. 28. Mit Jogging nimmt man am besten ab
    3. 29. Sixpack durch Bauchmuskeltraining
    4. 30. Frauen stehen auf dicke Muckis
    5. Top-Mythen zu Kreatin
  7. FRAUENSACHE
    1. 31. Sport verhindert Cellulite
    2. 32. Schwangere dürfen keinen Sport treiben
    3. 33. Die »unsportlichen Tage«
    4. Top-Mythen zu Q10
  8. MESSEN IST RELATIV
    1. 34. Der Trainingspuls lässt sich errechnen
    2. 35. Fahrradergometer messen die Leistungsfähigkeit
    3. Top-Mythen zu Koffein
  9. KEINE AUSREDEN!
    1. 36. Spazierengehen bringt nichts
    2. 37. Männer sind im Sport leistungsfähiger als Frauen
    3. 38. Im Alter Sport nur noch im Schongang
    4. 39. Sex macht Sportler schlapp
    5. 40. Kopfbälle und Boxen machen dumm
    6. Top-Mythen zu Cholesterin
  10. DIE TOP-5-FUSSBALLMYTHEN
    1. 41. Dumm kickt gut
    2. 42. Das Spiel steckt in den Knochen
    3. 43. Im Fußball gilt der Heimvorteil
    4. 44. Der Gefoulte soll nie selber schießen
    5. 45. Trainerentlassungen retten vor dem Abstieg
    6. Top-Mythen zu freien Radikalen
  11. Register

VORWORT

Was ist wahr, was ist falsch? Die Frage ist auch im Sport ein zentrales Thema. Und häufig genug gibt es überraschende Antworten – schon was die Antike betrifft. Denken wir über diese Zeit nach, fallen uns als sportlich interessierte Menschen die Olympischen Spiele im alten Griechenland ein.

»Ach wie schön«, werden Sie sagen, »da waren die Spiele wahrhaftig noch Spiele, reine Amateure strebten nach dem Motto ›Dabei sein ist alles‹ rein und edel dem olympischen Glück entgegen.« Aber dies ist leider falsch! Ein olympischer Irrtum sozusagen. Denn schon damals gab es Zeiten, da kämpften ausschließlich Berufssportler um den Kranz aus Zweigen des Olivenbaums, tranken und aßen im Trainingslager alles, was die antike Dopingapotheke so hergab (Details wollen Sie nicht wirklich wissen), um Erster zu werden. Etwas anderes wollte nämlich damals keiner. Von wegen guter Vierter! Sieger erstrahlten im Glanz, Verlierer waren schon nach der Ziellinie vergessen. So viel zur guten alten Zeit.

Sie sehen, es gibt auch im Sport immer wieder Dinge, die wir zu wissen meinen, die aber einer Nachprüfung nicht standhalten. Und wer am Küchentisch zu Hause nicht nur einmal darüber diskutieren musste, dass man Spinat nicht aufwärmen sollte (doch, das darf man), der merkt genau: Im Laufe der Zeit schleichen sich hier und da Überlieferungen und Halbwahrheiten ein, die der Realität nicht entsprechen. Irrtümer, die oft keine wissenschaftliche Grundlage haben, begleiten auch unser sportliches Leben. Genau das soll dieses Buch aufzeigen. Denn die Dinge ändern sich ständig, und viele von uns weigern sich hartnäckig, das anzuerkennen. Es ist natürlich auch schwierig, sich vorzustellen, dass Fußballer im Trainingslager plötzlich Ethikvorlesungen eines Philosophieprofessors lauschen, wo wir doch annehmen, dass der durchschnittliche Fußballer eher ein schlichtes Gemüt hat, dass also dumm gut kickt. Aber des Fußballers Intellekt scheint sich ebenso gewandelt zu haben wie zahlreiche andere Erkenntnisse in Training und Wissenschaft.

Dieses Buch hat sich zum Ziel gesetzt, einige Mythen des Sports zu entlarven, sodass Sie mit gutem Gewissen demnächst in den Clinch mit denjenigen gehen können, die immer noch behaupten, der richtige Trainingspuls lasse sich errechnen, weil es so schön viele Formeln dafür gibt. Oder dass man Alkohol mit Sport »ausschwitzen« kann. Oder dass einem das Spiel vom letzten Sonntag hartnäckig »in den Knochen« steckt. Alles Irrtümer!

Das glauben Sie nicht?

Dieses Buch wird Sie in die Lage versetzen, nicht nur beim nächsten sportlichen Meeting für Aufklärung zu sorgen.

Viele Dinge stehen oftmals in einem anderen Licht, wenn man sie entspannt von der Seitenlinie betrachtet, quasi von der Trainerbank aus. Der sieht ja bekanntlich mehr als die Spieler.

Lassen Sie sich also auf unsere Wahrheit ein. Wir freuen uns darüber!

SPORT IST MORD

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1. »NO SPORTS, PLEASE«

 ? Wann immer Sportmuffel ein Argument finden wollen, warum sie sich aber nun rein gar nicht bewegen wollen, mag ein großer englischer Staatsmann eine bedeutende Rolle spielen. Denn Sir Winston Leonard Spencer Churchill, geboren am 30. November 1874 in Woodstock und gestorben am 24. Januar 1965 in London, gilt nicht nur als bedeutendster britischer Staatsmann des 20. Jahrhunderts, war zweimal Premierminister, Minister des Inneren und der Finanzen, führte Großbritannien durch den Zweiten Weltkrieg und tat sich als Autor politischer und historischer Werke hervor, für die er 1953 den Nobelpreis für Literatur erhielt: Nein, Winston Churchill kann als der Urvater allgemeiner Unsportlichkeit betrachtet werden. Für alle Sportgegner schafft sein oben erwähntes Zitat eine Art Absolution für das Lungern auf Stühlen und Sofas. Diese Antwort, »No Sports« nämlich, soll der Staatsmann einmal auf die Frage nach seinem Patentrezept für ein hohes und gesundes Alter gegeben haben. Richtig so. Mann kann nämlich auch ohne Sport alt werden.

Schon mal vorab: Einen gesunden Geist scheint Winston Churchill in jedem Fall gehabt zu haben. Denn zusammen mit diesem Ausspruch und der Tatsache, dass sich der in der Endphase seines Lebens äußerst leibesfüllige Politiker gern auf Roastbeef, Pudding und Whisky stürzte und dabei nicht nur die eine, sondern auch die andere Zigarre anzündete, ergibt sich das stimmige Bild eines Genussmenschen, der in seinen 91 Lebensjahren zumindest auf dem Herd nichts anbrennen ließ. Vergleichbar heute nur noch mit Helmut Schmidt, für den das Abbrennen von Nikotinstangen bei gleichzeitigem Referieren über die Welt eine Einheit bildet und von dem man schwerlich annehmen kann, dass der Sport in seinem Leben eine wesentliche Rolle gespielt hat. Auch Schmidt liebt eher das Feingeistige, genau wie Churchill. Allerdings gerät das stimmige Bild sofort ins Wanken, wenn man zum Beispiel erfährt, dass es an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg einen Verein zur Förderung von Sport gibt. Hätten Sie das gedacht? Ähnlich verhält es sich mit Churchill. Denn der vermeintliche Anti-Sportler hat in seiner Jugend vielfältige sportliche Erfahrungen vorzuweisen. So war er Reiter, Fechter und Schütze, gewann mit seiner Schule sogar Schwimmmeisterschaften und machte sich als Polo-Spieler verdient. Er ging sportlich gesehen keinem Risiko aus dem Weg und stellte sich furchtlos im Boxring seinen Konkurrenten. Kenner der politischen Szene Englands sehen hierin die Begründung für Churchills meisterliche Bewährung beim verbalen Schlagabtausch in Parlamentsdebatten. Beim Reiten ritt er ohne Zügel, Sattel und Steigbügel, stieg vom trabenden Pferd auf und ab. Kein Wunder also, dass er noch als über Siebzigjähriger querfeldein an Fuchsjagden teilnahm. Die frühe Ausdauerschulung sorgte anscheinend für eine außergewöhnliche Kondition Churchills, ein völlig ausgefüllter Achtzehn-Stunden-Tag war in seinem Politikerdasein nicht die Ausnahme, sondern die Regel. So ist es nicht verwunderlich, dass sich der Ausspruch »No Sports« in den Büchern Winston Churchills nicht finden lässt und im Churchill Center in Washington dessen Echtheit entschieden angezweifelt wird. Es existieren keine hinreichenden Belege, dass das Zitat überhaupt vom legendären Staatsmann stammt. Unabhängig davon wurde am vermutlich wenig echten Ausspruch noch ordentlich herumgefeilt. Denn manche behaupten, das Original laute sogar: »No sports, only Whisky«, in Anlehnung an Churchills Nähe zum goldgelb schimmernden Rachenputzer. Aber auch dieses kurze Zitat scheint so gar nicht passend zum ansonsten sprachlich versierten und ausschweifenden Staatenlenker. So sagte er zum Beispiel bei anderen Gelegenheiten:

»Ein leidenschaftlicher Raucher, der immer von der Gefahr des Rauchens für die Gesundheit liest, hört in den meisten Fällen auf – zu lesen.«

»Man soll dem Leib etwas Gutes bieten, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen.«

»Die Kunst ist, einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird.«

So einer, das müssen Sie selbst anerkennen, sagt nicht einfach nur: »No Sports!« Und als wolle er diejenigen, die sich mithilfe seines Zitats jeglicher Körperertüchtigung verweigern, schon mal vorab bestrafen, betonte Churchill (zwar wenig zitiert, aber dennoch verbrieft):

»Keine Stunde, die man mit Sport verbringt, ist verloren.«

So können diejenigen nun einen schönen verbalen Return landen, wenn der Aufschlag mit der Wucht angeblicher Churchill’scher Verweigerung daherkommt.

Und wo wir gerade schon mal dabei sind: Auch manch andere Sprichwörter sind nicht von Churchill, wie etwa der dem Staatsmann immer wieder angedichtete Ausspruch »Sport ist Mord«. Der stammt nicht im Entferntesten von dem Nobelpreisträger, sondern ist, wie sagt man so schön, »sprichwörtlicher Volksmund unbekannter Herkunft«. Genau wie das ebenfalls hier und da von Bewegungsverweigerern zitierte »Turnen füllt Urnen«. Klingt lustig, stimmt aber natürlich nicht. Denn wie so oft werden hier die Ausnahmen argumentativ zur Regel gemacht, jeder sportliche Todesfall als Beweis für die Schädlichkeit von Bewegung aufgeführt. In der Regel aber verhält es sich anders. Es wird nämlich geschätzt, dass bei 100.000 Sport treibenden Männern mittleren Alters jährlich nur ganze sechs Todesfälle nach sportlicher Aktivität vorkommen. Das Risiko ist hier im Übrigen für Menschen, die überwiegend sitzender Tätigkeit nachgehen und relativ untrainiert sind, höher als bei denen, die sich täglich bewegen oder auch nur moderat trainieren. Im Gegensatz zu den sechs Todesfällen werden durch Sport die durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen bedingten Todesfälle signifikant gesenkt. In einer Gruppe von 10.000 Menschen lassen sich 30 retten, wenn sie Sport treiben. Und das ist kein Wunder. Denn schließlich sinkt durch Sport der Blutdruck, das Herz wird trainiert, die Sauerstoffversorgung des Körpers wird verbessert. So gesehen also ist eher kein Sport Mord und füllt kein Turnen die Urnen.

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2. SPORT MUSS WEHTUN

 ? Leistungssportler weisen uns den Weg, wie etwa Charles Barkley, eine Basketball-Ikone aus den USA, der bekannt war für seine Unfreundlichkeit auf dem Spielfeld. So wenig nett er gegenüber seinen Konkurrenten war, so hart war er jedoch auch gegen sich selbst. In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL erklärte Sportsfreund Barkley: »Sport heißt Schmerz. Ich habe immer Schmerzen … Solange ich bezahlt werde, habe ich das zu ertragen – wer mit Schmerz aussetzt, kann kein Profi sein.«
Ein ganzer Kerl also, genau wie Fußballer, die sich fit gespritzt auf dem Spielfeld tummeln, oder Radfahrer, denen man – ob mit Doping oder ohne – die Schmerzen in fast allen Körperteilen beim Erkämpfen der Bergankunft deutlich ansieht. Leistungsbereit sein heißt also auch bereit sein für den Schmerz. Und was für den Spitzensportler gilt, sollte auch für den Freizeitsportler ein Vorbild sein. Schließlich soll unsere Quälerei in unserer Freizeit zu etwas führen. Und wenn es wehtut, weiß man: Erst jetzt ist man ein richtiger Athlet!

Sportler jeder Sportart treiben ihre oft schon geschundenen Körper an ihre Grenzen oder besser gesagt, fast immer darüber hinaus. Hierbei werden selbst beim gut trainierten Spitzensportler meist sämtliche Stoffwechselsysteme des Körpers überlastet, doch wie im Fall von Charles Barkley werden Verletzungen berufsbegleitend akzeptiert. Die meisten von uns werden für ihren Sport aber nicht mit Millionengehältern belohnt, nicht ständig medizinisch betreut, haben keine Psychologen und Ernährungsberater an der Seite. Dennoch verhalten wir uns genau wie die Top-Athleten. Wir ignorieren die eigentlich gut funktionierenden Warnsysteme des Körpers, unter anderem den Schmerz. Möglich, dass – wie die Psychologin Cora Besser-Siegmund vermutet – viele dieser Schmerzsportler schon in der Schule vom Sportlehrer bis an die Schmerzgrenze trainiert wurden. Vielleicht ist unser Um- und Arbeitsfeld auch zu langweilig, und der Schmerz signalisiert uns: Hurra, wir leben noch! Oder sind die Aua-Junkies womöglich ihrem Körper so weit entfremdet, dass es die einzige Chance ist, ihn zu spüren, wenn es wehtut. Antworten auf das Warum gibt es genug. Insgesamt aber ist diese Art der Sportgestaltung eines nicht: gesund! Sport nämlich sollte nicht nur Körper und Geist fördern, sondern vor allem zu jeder Zeit Spaß machen. Nur wenn die körperliche Belastung auch gut bewältigt werden kann, wird Spaß am Sport auftreten und vor allem bleiben, weiß Prof. Gernot Bartke aus Potsdam. Die Grenzen der Belastbarkeit sind dann erreicht, wenn der gesamte Organismus oder Teile davon das aktuelle Anpassungspotenzial an die Belastung erreicht oder überschritten haben. In dieser Situation werden Schutzmechanismen wirksam. Die ersten sind Schmerzsignale. Und auf sie reagiert zunächst die Muskulatur. Fehl- und Überbelastungen der Muskulatur sind die Ursachen für die meisten Verletzungen im Sport. Das gilt auch für den Freizeitsportler, wobei viele unfähig sind, die eigenen Grenzen zu erkennen, und sich so permanent überfordern. Das Gefährliche hierbei: Anscheinend macht bei den Freizeitathleten, nicht wie beim Profi das Geld oder der Erfolg, eher die Erschöpfung süchtig – ein weiteres Warnsignal für falsch verstandene sportliche Aktivität. So haben Untersuchungen gezeigt, dass einige Hobbysportler trotz jahrelangen Trainings keine besseren gesundheitlichen Werte hatten als Untrainierte. Die Erklärung liegt auf der Hand: falsches und nicht dem Leistungsniveau, sondern dem eigenen Empfinden angepasstes Training. Das Ziel, eine bessere Gesundheit nämlich, wird durch ein falsch verstandenes Leistungsprinzip eindeutig verpasst. Aber bleiben wir zunächst beim Schmerz. Der tritt bei Freizeitsportlern oft in Form eines Muskelkaters auf, zumeist bei Untrainierten oder bei all denen, die ihre Fähigkeit überschätzt haben. Er ist ein Zeichen dafür, dass die Muskeln akut überlastet sind. Ermüdet die Muskulatur, dann zerreißen kleinste Eiweißstrukturen, aus denen Muskelfasern gebildet werden. Muskelkater ist also das Ergebnis von winzigen Verletzungen und Zerreißungen von Gewebe, was zwangsläufig zu Schmerzen führt. Um diese Miniverletzungen zu reparieren, reagiert der Organismus mit einer lokalen Entzündung an den verletzten Stellen. Dadurch erhöht sich die Durchblutung, das zerrissene Material wird abgebaut und abtransportiert, neues geliefert. Die Steigerung der Durchblutung und damit einhergehend eine Steigerung der Stoffwechselaktivität ist notwendig, damit »Wunden« schnell repariert werden können. »Der Schmerz, den man spürt, ist auf die Freisetzung von Entzündungsstoffen im Muskel zurückzuführen,« sagt Hans-Joachim Appell von der Deutschen Sporthochschule Köln. Diese Entzündungsstoffe entstammen Zellen, die aufgrund der Mikroverletzungen verzögert in den Muskel einwandern. Daher spüre man den Muskelkater erst Stunden später beziehungsweise am nächsten Tag. Es gebe bisher kein Mittel, so Appell, was die Dauer des Muskelkaters verkürzt. Wärme und Sauna verschaffen Linderung, weil die Durchblutung angeregt wird. Leichte Bewegung kann die Heilung ebenfalls unterstützen. Dann nimmt man den »Kater« während der Bewegung möglicherweise weniger wahr, auch wenn er anschließend wieder unvermindert zu spüren ist. Der Muskelkater als Schmerzsymptom ist fast immer das Anzeichen eines falschen oder ungewohnten Trainings, kann also eigentlich vermieden werden. In den meisten Fällen hat man seine persönlichen Belastungsgrenzen auf jeden Fall überschritten.

Der Muskelkater ist meist harmlos, im Gegensatz zu vielen anderen Überlastungssymptomen, die man als Schmerz wahrnehmen kann. Diese können den ganzen Körper und nicht nur Bänder, Sehnen und Gelenke betreffen. Überlastung lässt sich nur vermeiden, wenn beim regelmäßigen Training ein gesundes Mittelmaß an Bewegung angestrebt wird, was sich auch auf regelmäßige Erholungsphasen bezieht. Fallen die flach, ist die Motivation so hoch wie die Trainingsreize, wird der Sport zum Stress, kommen zum Schmerz vermutlich dann irgendwann Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Gereiztheit und eine erhöhte Herzfrequenz in Ruhe hinzu. Das nennt man dann Übertrainingssyndrom; dies ist ein chronisches Missverhältnis zwischen hohen Anforderungen im Training und einem verhältnismäßig geringen Leistungsvermögen beziehungsweise geringer Belastbarkeit. Berufliche und private Konflikte können die Symptome verstärken. Vor Problemen »davonzulaufen« ist also keine Lösung, sondern führt eher zu einer Verschlimmerung zumindest der körperlichen Symptomatik. Die einzige Lösung: der Entzug, die Pause, das kontrollierte Nichtstun – für den stressgeplagten Hobbyrekordjäger sicher eine neue, aber notwendige Erfahrung. Eine zuverlässige Diagnose des Übertrainingssymptoms ist zwar eher schwierig, aber für den Freizeitsportler hat die eigene Empfindung einen wichtigen Erkenntniswert. Habe ich Spaß beim Sport, keine bis wenig Schmerzen, bin ich nachher ausgeruht und fühle mich fit, dann bin ich sicher auf dem richtigen Weg und trainiere innerhalb meines persönlichen Leistungsvermögens. Dies sollte der Maßstab sein. Dann bleibt Sport gesund. Und das sollte er sein. Sport also kann ab und an, muss aber nicht wehtun!