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Duftfallen

1

Blütenduft

Die äußersten Spitzen der Zweige berührten sich fast über den Köpfen der Passanten. Ein weißer Baldachin spannte sich so über die Zentralallee des Ueno-Parks. Kirschblütenmeere, die in der Abendbrise sanfte Wellen schlugen. Im Laufe des Tages hatte sich der Dunst verzogen. Von Westen her fiel das Licht nun überirdisch klar herein. Es legte einen magischen Glanz um die Dinge, und nur wenn eine Bö jäh an den Ästen rüttelte und Blütenschnee nach unten taumeln ließ, wußte man wieder, daß nichts von Dauer sein würde.

Nur eine Woche im Jahr war Kirschblütenzeit, und Takamura genoß es dabeizusein. Nicht einmal die Menschenmassen konnten ihn sonderlich stören. Halb Tokio feierte das Kirschblütenfest im Ueno-Park, heute wie vor dreißig Jahren. Takamura hatte noch Erinnerungen an damals, aber ob sie auf seine eigenen Wahrnehmungen zurückgingen, auf spätere Erzählungen seiner Mutter, auf Bilder in Fotoalben, Büchern, Filmen, war schwer zu entscheiden. Wahrscheinlich hatte sich alles untrennbar vermengt, und das selbst Erlebte war in einem Brei von vermittelten und erfundenen Eindrücken untergerührt worden. Sein Gedächtnis war sowieso nie sehr gut gewesen. Außer für Gerüche. Die vergaß er nicht.

Am frühen Nachmittag war ihm alles fremd erschienen, als er das Konferenzzentrum auf einer der künstlichen Inseln in der Bucht von Tokio verlassen hatte. Das Meer hatte nur schwach nach Meer gerochen. So, als habe jemand eine gigantische Plastikplane darüber gezogen. Es hatte unbewegt dagelegen, eine dicke, bleigraue Suppe um die Fundamente der riesigen Betonpfeiler, auf denen die doppelstöckige Auffahrt zur Rainbow Bridge ruhte. Nach Westen zu war die Brücke im weißen Dunst über dem Hafen verschwunden. Den Tokio Tower auf dem Festlandsufer hatte der Nebel verschluckt, genau wie die Einkaufspaläste der Ginza, die fernen Wolkenkratzer Shinjukus und den gesamten Rest von Tokio-Stadt. Die Insel, auf der sich Takamura befunden hatte, hatte zu seiner Zeit noch gar nicht existiert.

Nun jedoch hatte Takamura ein Bild von damals fast greifbar vor Augen: In einem etwas zu großen Matrosenanzug sah er sich in der Wiese sitzen, vor sich einen Pappteller mit einer riesigen Süßkartoffel darauf, deren samtig-rauchiger Duft ihm heute noch in der Nase hing. Es konnte nicht nur die Erinnerung an ein Foto sein.

Es gab tatsächlich einen Süßkartoffelverkäufer. Sein Kleinlastwagen stand an der Abzweigung, die zum Gojôten-jinja hinabführte. Auf der offenen Ladefläche war Feuerholz neben einem großen alten Herd gestapelt. Damit wurden die Steine erhitzt, auf denen die Süßkartoffeln gebacken wurden. Das Abzugsrohr stieß durch die grüne Abdeckplane nach oben. Durch einen Spalt an der Herdklappe schimmerten die Flammen hervor. Auf einem Brett stand eine Plastikwaage, und daneben hatte der Verkäufer die gegarten Knollen sorgfältig aneinandergereiht. Sie rochen so, wie Takamura es in Erinnerung hatte. Sie rochen appetitlich. Schade, daß er schon gegessen hatte.

Die Sonne verglühte hinter den Bäumen, gab ihr Licht an die überall hängenden Lampions ab. Hier und da zuckten Blitzlichter von Fotoapparaten auf, stanzten für einen Augenblick einzelne Szenen aus der Masse heraus, einen Angestellten, der zum rhythmischen Klatschen seiner Kollegen einen sentimentalen Schlager zum besten gab, eine krumme Großmutter, die von ihren Enkeln gestützt wurde, ein Kleinkind, das einen batteriebetriebenen Panda anstaunte, der wackelig im Kreis lief.

Takamura hielt sich in der Mitte der Allee, an deren Rand Pappkartons und Plastikplanen ausgebreitet worden waren. Zur Straße hin standen Schuhe sauber aufgereiht. Die Frauen hockten auf den Unterschenkeln, die Männer waren schon zum Schneidersitz übergewechselt. Sake-Fläschchen machten die Runde. Ganze Belegschaften feierten gemeinsam. Man sang, man lachte. Langsam schob sich Takamura durch die Menge. Er ging in Richtung des großen Brunnens vor dem Eingang zum Nationalmuseum, aber eigentlich hatte er kein Ziel; er genoß es, absichtslos unterwegs zu sein, inmitten von Leuten, die ihn nichts angingen. Und umgekehrt.

Vor Takamuras Augen schraubte sich ein Kirschblütenblatt in einer unregelmäßigen Spirale nach unten. Durch die Drehung konnte es sich auf dem Luftpolster halten und stürzte nicht zur Seite hin ab. Takamura sah zu. Er schnupperte in den Wind.

»Vorsicht an Gleis zwölf. Einfahrt des Zugs nach Shibuya, Shinagawa, Tokio. Bitte bleiben Sie hinter der weißen Linie zurück!« sagte die Tonbandstimme aus dem Lautsprecher. Die Achterreihen vor Higuchi Yasumari standen dicht gedrängt hinter den gelben Pfeilen, an denen sie sich auszurichten hatten. Nicht eine Schuhspitze berührte die weiße Linie, die den Sicherheitsbereich vor der Bahnsteigkante kennzeichnete. Auch der nächste Pulk schien sich ordnungsgemäß aufgestellt zu haben. Dem Himmel sei Dank! Higuchi wüßte wirklich nicht, wie er rechtzeitig durchkommen sollte, wenn irgendein Chaot Unsinn veranstaltete. Higuchis Mund war trocken. Seine Zunge klebte am Gaumen.

Seit ein paar Jahren baute Japan Railways kontinuierlich Stationspersonal ab. Higuchi sah ein, daß die goldenen Zeiten, in denen Geld keine Rolle gespielt hatte, vorbei waren, aber dennoch war es Wahnsinn, die Sicherheitsmaßnahmen gerade hier zu reduzieren. Sechs Eisenbahnlinien und zwei U-Bahnlinien trafen in Shinjuku-Station zusammen, zwei Millionen Pendler mußten hier täglich durchgeschleust werden, es war der betriebsamste Umsteigebahnhof der Welt. Auch wenn Higuchi die Last der Verantwortung manchmal schwer auf seinen Schultern fühlte, war er stolz darauf, hier arbeiten zu dürfen.

Der Wachhabende hinter der Glasscheibe im Station Office am Nordende des Bahnsteigs wiederholte die Warnung. Wortgleich, nur etwas lauter als die vom Band eingespielte. Wie auf Befehl tauchte die Spitze des Zugs aus Richtung Ikebukuro auf. Higuchi streckte seine gerollte rote Fahne dem Zug entgegen. Er hielt den Arm ganz waagerecht, wie es den Vorschriften entsprach, beschrieb dann eine Vierteldrehung nach links und ließ den Arm aus der Schulter heraus in einer runden Bewegung am Körper vorbeistreichen. Die Fahne zeigte nun in Fahrtrichtung des einkommenden Zugs.

Das Ritual hatte seinen Sinn. Man blieb konzentriert bei seiner Aufgabe, bot den Fahrgästen ein Vorbild an Disziplin, vermittelte die Autorität, die in Notfällen Gold wert sein konnte. Und obwohl in den zehn Jahren, die Higuchi Tag für Tag hier verbrachte, immer alles funktioniert hatte, wußte er, daß ein Notfall schnell eintreten konnte.

Jetzt, zur abendlichen Rushhour, und am Morgen, wenn die Pendler in die Stadt einfielen, schlitterte Shinjuku Station am Rande der Katastrophe dahin. Es lag schlicht an der Masse der Fahrgäste. Pro Gleis lief alle neunzig Sekunden ein Zug ein. Die zulässige Verspätungstoleranz betrug zehn Sekunden. Nicht auszudenken, wenn ein Zug mal eine halbe Minute zu spät käme. Die Rolltreppen würden zu den bereits Wartenden ohne Unterlaß weitere Hunderte Fahrgäste heraufschleppen, dicht an dicht würden sich die Körper von Bahnsteigkante zu Bahnsteigkante aneinanderquetschen, an den Austritten der Rolltreppen würden ein paar ältere Fahrgäste im Rückstau stolpern, stürzen, und immer mehr kämen von unten, würden darüber getürmt, und wenn dann endlich der verspätete Zug einfahren würde, wenn die Umsteiger herausdrängten, in die wartende Masse hinein, deren hintere Reihen sowieso schon klammernd und balancierend über der gegenüberliegenden Bahnsteigkante hingen und nun unter dem neuen Ansturm einfach abbröckeln würden wie alter Putz, hinabpurzeln auf die Schienen von Gleis elf, auf denen vielleicht gerade der Chûô-Zug fahrplanmäßig einkam … Dreißig Sekunden Verspätung, und die Katastrophe wäre perfekt!

Als müsse die Schreckensvision vom Massensterben durch irgend etwas ausgelöscht werden, tauchte in Higuchis Kopf das Bild einer Wüstenlandschaft auf, eine menschenleere, grenzenlose Sandwüste, auf die die Sonne unbarmherzig herabbrannte. Nicht die kümmerlichste Palme bot Schatten, ungehindert fegte heißer Wind über die Ebene und blies Higuchi den Geruch gerösteten Wüstensands in die Nase. Der Speichel im Mund war eingetrocknet. Higuchi schluckte. Er brauchte etwas zu trinken. Ein paar Tropfen kühle Flüssigkeit. Verstohlen fuhr er sich über die Lippen. Er würde doch nicht krank werden?

Der Yamanote-Zug auf Gleis zwölf war zum Stehen gekommen. Mit leisem Zischen öffneten sich die Türen genau vor den Lücken, durch die die aussteigenden Fahrgäste abströmen sollten. Higuchi stand mit dem Rücken zum Zug und wachte über seine beiden Bahnsteigabschnitte. Er durfte nicht krank werden. Erst vor einem halben Jahr hatte er sich am Blinddarm operieren lassen müssen. Wenn er sich nun wieder Fehlzeiten erlaubte, konnte er jede Hoffnung auf die Beförderung zum stellvertretenden Stationsmeister begraben. Er müßte sich dann selbst eingestehen, daß er für einen noch verantwortungsvolleren Posten nicht belastbar genug war. Nein, Higuchi war nicht krank, er dachte gar nicht daran, krank zu werden, ihm ging es prächtig. Er hatte nur unglaublichen Durst.

Wie ein einziges vielbeiniges Wesen schoben sich die aussteigenden Passagiere aus dem Waggon, um hinter dem Block der Wartenden nach links abzubiegen. Vor dem Zeitungskiosk in der Mitte des Bahnsteigs teilte sich die Menge, spülte links und rechts daran vorbei, wurde dann von der nächstgelegenen Rolltreppe eingesogen und mit der zulässigen Höchstgeschwindigkeit in das unterirdische Passagensystem befördert.

Es roch nach glühendem Sand. »Let’s kiosk« stand auf dem Schild über dem Kiosk. An seiner Stirnseite war ein Getränkeautomat aufgestellt. Higuchi sah auf die Uhr. Noch zwei Stunden und dreizehn Minuten bis Dienstende. Das würde er nicht durchhalten. Er würde sterben. Seine Kehle würde vor Trockenheit zerbröseln, wenn er sie nicht befeuchtete.

Von der Bahnsteigkante schoben sich die Passagiere in den Waggon. Reihe für Reihe drängte hinein und füllte den Platz zwischen den Sitzbänken längs der Fenster. Jetzt war der Bahnsteig so dünn besetzt, daß Higuchi den Getränkeautomaten gut sehen konnte. Es war ein Softdrinkautomat der Firma Kanpai. Im Sichtfenster waren bunte Dosen aufgereiht. Mineralwasser, kalter grüner Tee, Mixgetränke, Limonaden jeder Geschmacksrichtung. Lebensrettende Flüssigkeiten, die nur fünf, sechs Meter entfernt waren. Drei, vier schnelle Schritte, 120 Yen einwerfen und eine Dose mit herrlich kühler Zitronenlimonade herausziehen – es würde nur ein paar Sekunden dauern. In Null Komma nichts wäre er wieder an seinem Platz. Ein Mädchen in Schuluniform drückte eine der Wahltasten. Higuchi tastete in seiner Jackentasche nach Münzen.

Natürlich durfte er seinen Posten nicht verlassen. Nicht während des Dienstes, vor allem nicht während der Stoßzeit und schon gar nicht, um sich Zitronenlimonade zu kaufen, auch wenn sich deren wunderbarer Duft unwiderstehlich in den unbarmherzigen Wüstenhauch mischte. Nein, das konnte nicht sein, das bildete er sich wohl nur ein. Das Schulmädchen war zu weit weg, es hatte die Dose ja noch gar nicht geöffnet. Es gab nichts, was nach frischer Zitrone und kalter Flüssigkeit hätte riechen können, es gab aber den Stationsmeister, der dort hinter der Glasfront stand, es gab die Überwachungskameras, die jede Bewegung am Bahnsteig aufzeichneten, es gab zwei Türen des Yamanote-Zugs und den dazugehörigen Bahnsteigbereich, für die ein Angestellter namens Higuchi Yasumari persönlich verantwortlich war. Higuchi fuhr sich mit der trockenen Zunge über die rauhe Oberlippe.

»Vorsicht an Gleis zwölf. Türen schließen. Bitte zurückbleiben!« warnte die Lautsprecherstimme. Die Türen waren genau vierzig Sekunden offengestanden, sie würden sich in drei Sekunden schließen, und weitere zwei Sekunden später würde der Zug anfahren. Der Waggon nächst Higuchi war zum Bersten voll. Die Salarymen in der offenen Tür drückten die Aktentaschen gegen die Brust und versuchten, mit der freien Hand an der Oberkante der Waggontür Halt zu finden. Die wartenden Passagiere, für die kein Platz mehr war, blieben anweisungsgemäß hinter der weißen Linie zurück. Zischend schloß sich die Waggontür. Das Kinn eines Büroangestellten quetschte gegen das Glas.

Higuchi hob die rechte Hand mit der roten Fahne. Als der Zug abfuhr, führte Higuchi die vorgeschriebene Vierteldrehung aus und ließ die Fahne in sanftem Bogen nach vorn und wieder zurück gleiten. Er blickte Richtung Norden. In 45 Sekunden würde der nächste Zug einfahren.

Hinter der weißen Linie füllten sich die Reihen. Nirgends war glühender Sand, keine Spur einer Wüste, Higuchi stand auf einem Bahnhof, der alles andere als menschenleer war, und doch roch es nach sonnenverbrannter Weite, in der die Haut Blasen warf, nach Gluthitze, die das Leder der Schuhe versengte. Higuchi glaubte frischen Kameldung zu riechen, eine Karawane mußte eben vorbeigezogen sein, auf dem Weg zu einer nahgelegenen Oase, deren frische Kühle man bereits erschnuppern konnte, genau wie den köstlichen Duft aus den Zitrusbäumen, deren reife Früchte schwer übers Wasser hingen. Wasser, das die Kehle hinabrinnen wollte. Früchte, die nur darauf warteten, ausgepreßt zu werden.

Halb verdurstet in einer Wüste herumzuirren und eine solche Oase nicht aufzusuchen, das war Wahnsinn. Purer Selbstmord. Higuchi hatte Familie. Er hatte eine Mutter, eine Ehefrau, zwei wohlgeratene Söhne, er hatte eine gute Stelle mit Aufstiegsmöglichkeiten, er trug die blaue Uniform von Japan Railways. Higuchi sah überhaupt keinen Grund, Selbstmord zu begehen. Ihm blieben mindestens 35 Sekunden Zeit. Das war mehr als genug.

Er schluckte trockene Luft. Seine Zunge fühlte Fetzen am Gaumen. Higuchi klemmte die rote Fahne unter den linken Oberarm, kramte mit der rechten Hand zwei Münzen hervor und machte sich auf, seinen wüstensonnenverbrannten Körper in einer Oase vor dem Verdursten zu retten. Die Oase ähnelte einem Getränkeautomaten der Firma Kanpai. Grüne Streifen begrenzten das Sichtfenster oben und unten. Auf den Dosen über der sechsten und siebten Drucktaste waren goldgelbe Zitronen abgebildet. Der Automat summte leise. Ob er eine Fata Morgana war, würde sich herausstellen, wenn die alte Dame vor Higuchi endlich ihre Münzen in den Einwurfschlitz gezittert hatte. 30 Sekunden blieben Higuchi wohl noch.

Die letzte Münze fiel. An jeder Drucktaste leuchtete rot der Preis pro Dose auf: 120 Yen. Alle Magazine waren gefüllt, alle Getränke waren erhältlich, die alte Dame mußte nur wählen, mußte nur eine der Tasten drücken, die Plexiglasabdeckung über dem Ausgabeschacht anheben, die Dose entnehmen, und dann wäre Higuchi an der Reihe. 25 Sekunden noch.

Die alte Frau watschelte nach links. Ihre Augen strichen knapp vor dem Sichtfenster entlang. Stilles Wasser, Sprudelwasser, Orangenlimonade, Zitronenlimonade. Alles war klar beschriftet, die Fruchtsaftgetränke waren mit unmißverständlichen Symbolen versehen. Ungeduldig leuchteten die Preisanzeigen. 120 Yen. Einheitspreis. Noch 20 Sekunden. Endlich streckte die Alte den Zeigefinger aus. Einen kurzen, knochigen Zeigefinger.

Der Geruch nach Zitrusplantage wurde intensiver, als ob über der Oase ein erster Abendtau zusätzliche Frische aufdampfen ließe, die zum klaren Wüstensternenhimmel hochstrebte, während weit im Osten ein riesiger Mond bleich am Horizont klebte. Es war ein Duft, der die Welt von der tödlichen Hitze zu erlösen versprach, der Leben neu entfachen, geheimnisvolle Geschichten erzählen würde, luftige Märchen aus Tausendundeiner Nacht, in der Rosenknospen aufsprangen und süße Hoffnungen erweckten. Gute Geister würden blumenbekränzt aus Flaschen hervorsprudeln und jedem, der den Mut dazu hatte, drei Wünsche freistellen.

Higuchi wünschte sich zunächst, daß die alte Hexe neben ihm endlich mit ihrem Finger auf eine der Wahltasten drückte, und schon tippte der knochige Zeigefinger auf die Taste unter der Zitronenlimonadendose. Die Leuchtanzeigen erloschen. Im Automaten ratterte etwas. Mit dumpfem Geräusch fiel eine Dose in den Ausgabeschacht. Higuchi schnaufte aus. Er glaubte nicht an die Wünscherei, doch vorsichtshalber wünschte er sich, noch zehn weitere Wünsche frei zu haben. Er schnaufte ein.

Es roch anders als zuvor. Ein wenig süß und harzig und eher nach Holz vom Zitronenbaum als nach dessen Früchten. Es war ein vielschichtiger, sehr angenehmer Duft, der von unten aufstieg, um den gekrümmten Rücken der bejahrten Dame, die gerade die Abdeckung des Ausgabeschachts anhob, ein magischer Duft, an dem nun nichts mehr an Zitronen erinnerte, in dem sich allerlei Zauberkunststückchen verbargen, aus dem sich noch allerhand überraschende Duftnoten entfalten konnten, die Higuchi schwindeln lassen würden. Er sollte auf seinen Posten zurückkehren. Ihm blieben höchstens noch zehn Sekunden. Der Duft …

»Sie können Ihr Geld schon einwerfen«, sagte eine Männerstimme von irgendwoher.

Etwas geschah mit dem Duft. Er veränderte sich unaufhörlich. Schneller, als die Nase folgen konnte. Higuchi wünschte sich, daß dieses Geruchsspielchen aufhörte.

Die runzlige Hand der alten Dame griff nach der Dose, zog sie hervor. Die dünnen Finger zitterten, spreizten sich, die Dose fiel. Irgend etwas hielt Higuchi davon ab, sich danach zu bücken, obwohl es sich nicht gehörte, einfach zuzusehen, wie eine Dame, die seine Mutter sein könnte, sich in all dem Gedränge auf die Knie sinken ließ. Vielleicht war es der schwere Geruch, der emporquoll und schattige Wolken vor Higuchis Augen vorbeiziehen ließ, diese schwarze Dämonenausdünstung, vor der sich der Rücken der Dame beugte, giftiger Gestank, in dem sich der ausgezehrte Frauenleib zuckend schlafen legte, es waren unheilvolle Schwaden, die zu Higuchi aufstiegen.

Wie durch Watte hörte er die Ansage für den in Kürze einfahrenden Yamanote-Zug, fünf Sekunden noch, er müßte jetzt seine rote Fahne heben, doch er war nicht auf seinem Posten, er stand an einem Getränkeautomaten, er war inmitten von …

»Giftgas«, sagte er leise. Er hielt die Luft an und tauchte doch nach unten ab, zu dem Körper der alten Frau hin, der sich zum Schutz vor den vorwärts drängenden Beinen an den Sockel des Automaten schmiegte. Augen und Mund der Frau waren weit aufgerissen. Higuchi klemmte sich mit den Fingern der linken Hand die Nase zu. Mit seiner Fahne hob er den Unterarm der Frau an, ließ ihn fallen, leblos, tot, Giftgas, und rings um ihn waren Beine, in Anzughosen und Jeans und Nylonstrümpfen, Tausende von Beinen, die zu Menschen gehörten, die am Leben waren, die sich auf diesen Beinen halten konnten. Noch. Hier. In Higuchis Bahnsteigabschnitt.

Higuchi schnellte hoch. Auf die Sekunde genau fuhr der Yamanote-Zug ein. Die Sekunde Null. Higuchi wünschte sich, die Zeit zurückdrehen zu können. Er fuchtelte mit der roten Fahne über seinem Kopf umher, und tatsächlich wich die Menge ein wenig von ihm zurück, auch wenn das noch lange nicht genügen würde. Er mußte schreien, er mußte »Achtung, Giftgas!« herausbrüllen, mit allen Mitteln mußte er den Platz um diesen Todesautomaten räumen. Er krallte die Finger um seine Nasenflügel, preßte die Lippen aufeinander. Viel Luft blieb ihm nicht mehr. Ohne Luft konnte er nicht brüllen. Um zu schreien, mußte er sowieso den Mund öffnen.

Achtung, Giftgas?

Besagte nicht § 16, Abs. 1, b + c der Notfallrichtlinien, daß Panik unter allen Umständen zu vermeiden sei? Und gerade jetzt öffneten sich die Türen des eingefahrenen Zugs. Wenn Higuchi losbrüllte, würden sich Tausende zu Tode trampeln. Irgendwie mußte er Zeit schinden, mußte warten, bis der Bahnsteig halbwegs leer war.

Jemand hustete, ein zweiter. Ein Mädchen begann zu schwanken und tastete in der Menge nach Halt. Das Mädchen war älter als Higuchis Söhne, die sich hoffentlich gerade zu Hause befanden, die vielleicht zusammen vor dem Fernseher saßen, rechts vom Hausschrein und den Fotos der verstorbenen Familienangehörigen, seines Vaters, des Großvaters, den Higuchi nie kennengelernt hatte, weil er sich am Tage von Hirohitos Kapitulationsrede ein Stirnband mit den Kanji-Zeichen »Wind des Sieges« umgebunden und seinen Bauch nach den traditionellen Regeln aufgeschlitzt hatte.

Die Knie des Mädchens knickten, ein ungläubiger Ausdruck stand im Gesicht der Kleinen, als sie nach Luft röchelte und fiel. Die Fahrgäste um sie herum sprangen zur Seite, einige schrien auf. Panik braute sich blitzschnell zusammen, fegte ein paar Quadratmeter um die beiden Körper am Boden frei, quetschte die Fortdrängenden gegen den Strom, der seit ein paar Sekunden aus dem Zug quoll. Höchstens ein Viertel der Aussteigenden befand sich schon auf dem Bahnsteig. Sekunde für Sekunde würden es mehr werden. Higuchi wünschte sich, daß alles anders wäre.

Er preßte seine Hand vor Nase und Mund. Seine Lungen drohten zu platzen. Am Rande des Halbkreises um die beiden Toten sanken weitere Leiber dahin. Higuchi wußte, daß alles seine Schuld war. Nie hätte er seinen Posten verlassen, sich nie von diesem teuflischen Duft verführen lassen dürfen. Er wünschte sich, die letzten 45 Sekunden seines Lebens ungeschehen machen zu können. Nicht alle Wünsche konnten sich erfüllen. Er senkte den Kopf. Neben der Leiche einer alten Frau lag eine Dose Zitronenlimonade. Der Ausgabeschacht des Automaten stand offen.

Higuchi hatte es nicht verdient, die rote Fahne eines Japan-Railways-Stationsangestellten zu tragen. Er ließ sie fallen. Er nahm die Hand von Mund und Nase, schnaufte den Todesduft tief ein und rief laut:

»Sehr geehrte Fahrgäste, keine Panik, bitte! Wir haben ein kleines Problem, für dessen sofortige Behebung ich die persönliche Verantwortung übernehme.«

Ein junges Paar, das sich aneinanderklammerte, brach gemeinsam zusammen. Über ihre Schultern und Köpfe hinweg suchten zwei hustende Schuljungen die Mauer zu überklettern, in die sich die vergeblich nach außen schiebenden Leiber verwandelt hatten. Das Gift roch im Grunde nicht schlecht. Nach Kirschsaft oder Marzipan, mit einem leicht bitteren Unterton, der durchaus zum richtigen Leben paßte.

Higuchi würgte. Er merkte, daß seine Knie weich wurden. Ihm war schwindlig. Er bekam keine Luft. Er wünschte, sich mal kurz setzen zu dürfen. Er setzte sich.

Takamura roch etwas. Vom Rand der Allee wehte der Geruch gegrillten Huhns heran. Eine Großfamilie packte gerade ihre Bentô-Schachteln aus. Anscheinend hatte sie ein paar Dutzend Yakitori-Spießchen zu Großhandelspreisen erstehen können. Dazu gab es saure Pflaumen und eingelegten Ingwer. Deftiger Geruch von Hausmannskost, wohl bekomm’s, doch da war noch etwas anderes. Ein Dufthauch, der nicht dazu paßte. Zart und wohl nur für eine geschulte Nase spürbar, wand er sich durch die Grillfleischausdünstungen. Fett und plump rochen die Hühnerspieße im Vergleich dazu, wie ein Sumô-Großmeister gegenüber einem schlanken, schönen Mädchen nahmen sie sich dagegen aus. Neugierig schlenderte Takamura weiter, seiner Nase nach, dem Duft hinterher, der in seiner Substanz luftig und fragil blieb, obwohl er stärker wurde.

Ein Parfum vielleicht? Die Neuschöpfung eines unbekannten japanischen Jungparfumeurs, eine ohne Rezeptur gemischte Essenz, die der Künstler ausschließlich für seine Freundin kreiert hatte? Für das Mädchen vielleicht, das im traditionellen Seidenkimono bei der Gesellschaft hinter der Yakitori-Familie kniete.

Takamura folgte dem Duft. Die Gruppe hatte sogar Tatami-Matten angeschleppt und unter einem prächtigen Kirschbaum ausgelegt. Entlang des Mäuerchens vor der Baumreihe stand eine Batterie von Kühlboxen. Sicher feierte hier die mittlere Managementebene einer großen Firma, die es sich leisten konnte, schon am frühen Morgen ein paar Lehrlinge abzukommandieren, die einen der besten Plätze im Park zu reservieren und mit Zähnen und Klauen gegen die Konkurrenz zu verteidigen hatten, als handle es sich um Weltmarktanteile. Fast nur Männer saßen in der Runde, wenn man von zwei zu Seniorchefs gehörenden Gattinnen und eben der jungen Frau im Kimono absah, auf die Takamura zuschnupperte.

Von der Seite konnte er nun erkennen, daß ihr Gesicht weiß gepudert war. Leuchtend rot hob sich die Schminke auf den Lippen und um die Augenpartie davon ab. Eine Geisha. Sie lächelte einem Jungmanager zu, der sich mit einer Hand an einer Bierflasche festhielt und mit der anderen eine Visitenkarte hervorkramte, die er der Geisha überreichte. Die Geisha bedankte sich mit einer vollendeten Verbeugung aus den Hüften heraus.

Sie schien nicht zu der Gesellschaft zu gehören, war wohl nur für diesen Abend angeheuert worden, um der beim Hanami-Fest üblichen Sauferei etwas mehr Klasse zu verleihen. Geishas waren nicht billig. Spesen spielten für diese Firma jedenfalls keine große Rolle. Unwillkürlich hörte Takamura hin, als einer der älteren Herren aufstand und einen Toast auf alles Schöne in der Welt ausbrachte. Von allen Seiten streckten sich ihm Bierflaschen entgegen, und aus den Antworten seiner sitzenden Kollegen konnte Takamura schließen, daß sich hier eine Abteilung des Getränkekonzerns Kanpai an den alkoholhaltigen Produkten der eigenen Firma labte.

Der kleine ältere Mann, der für das Schöne in der Welt schwärmte, nippte an seinem Plastikbecher. Die meisten anderen Herren hatten deutlich tiefer in die Flaschen geschaut. Einer von ihnen versuchte ebenfalls aufzustehen, verlor aber das Gleichgewicht und stürzte über zwei andere Herren. Aus seiner Bierflasche zischte Schaum. Alles lachte laut auf, grölte Spottverse. Die Gruppe hätte keine Geisha gebraucht, um ihren Spaß zu haben.

Der bittere Gestank des verschütteten Biers konnte dem Duft, dem Takamura nachgegangen war, nichts anhaben, obwohl er zerbrechlich wirkte wie dünne Glaskugeln, die im Wind aneinanderklangen. Es war ein Duft wie Blütenblätter, die in der Luft miteinander tanzten.

Takamura stand nun unmittelbar neben der Geisha. Wenn er die Hand ausstreckte, konnte er die Seidenblume aus ihren glänzend schwarzen Haaren pflücken. Es war kein Parfum. Der Duft kam nicht von der Haut der Geisha. Er flatterte von oben herbei. Aus den Ästen und Zweigen des Kirschbaums, die sich weit über die Allee streckten. Aus der weißen Pracht Tausender Blütenblätter, die vor Freude, endlich abspringen zu dürfen, zitterten. Beim nächsten Windstoß würden sie sich fallen lassen und in Schönheit abwärts wiegen. Jetzt oder nie, schien der Duft zu sagen. Vielleicht war es der Duft des Lebens selbst.

Er war süß, aber viel schwereloser als der von Rosen, er war frisch wie der Frühlingsanfang, zart, er verströmte die Feuchte des Morgentaus, der in den ersten Sonnenstrahlen glitzert, es war ein Duft, bei dem man Neues beginnen konnte, es mußte der Duft von …

Die Geisha sah auf. Im gedämpften Glanz der Lampions schien ihr weißes Gesicht von innen zu leuchten. Takamura bildete sich ein, daß sie ihm zugezwinkert hatte. Vielleicht auch nicht. Zwei Armlängen über ihm wiegten sich weiße Blütenblätter vor dem Nachthimmel. Takamura wußte nun, wieso er den Duft nicht auf Anhieb erkannt hatte. Es lag nicht daran, daß er zu schwach oder zu fremd gewesen wäre. Nein, es war ein bei aller Vielschichtigkeit eindeutiger Duft, der sich ihm offenbart hatte wie, wie …

Als ob eine lang versperrte Tür plötzlich aufgesprungen wäre, um all die Geheimnisse zu offenbaren, die Takamura von Kindesbeinen an dahinter vermutet hatte. Eine verwitterte Schiebetür aus altem Holz, wie sie vielleicht ein Teehaus am Ende eines Gartens verschloß. In einen der Tragebalken für das überstehende Dach waren seltsame Zeichen eingeschnitzt, und von der Seite wirbelten Blütenblätter heran. Es nützte nichts, das Gesicht gegen das Glasfenster zu pressen. Nicht den kleinsten Spalt ließen die Vorhänge frei. Der Griff für die Schiebetür war merkwürdig hoch angebracht, doch Takamura krallte die Finger trotzdem in die Vertiefung. Es war warm, es roch stickig. Takamura spürte die Kraft aus seinem Körper weichen. Es war der Geruch, der …

Nein, alles war falsch. Takamura fuhr sich mit der Hand über die Stirn, wischte den Schweiß weg. Auch wenn es nicht sein konnte, auch wenn er es nicht wahrhaben wollte, um ihn duftete es wunderbar. Es war nichts anderes als …

»Der Duft der Kirschblüte«, sagte Takamura.

Die Geisha nickte ihm zu.

»Beim Fest der Kirschblüte«, sagte sie, »findet die japanische Seele zu sich selbst. Das ist unsere Tradition, unser aller Anfang aus dem Wunder der Natur, aus der Jahr für Jahr neu ersprießenden Schönheit der wiedergeborenen Welt, die uns freudig und voll Tatendrang dem Alltag begegnen läßt, gerade weil wir uns seiner Nichtigkeit bewußt sind.«

»Der Duft der Kirschblüte versöhnt uns mit dem Schweißgeruch der Welt«, sagte der junge Mann neben der Geisha. Er rülpste, stand auf, streckte die Arme durch und stapfte über die Beine seiner Kollegen zu den Kanpai-Kühlboxen. Die Yakitori-Familie hatte einen Kassettenrecorder eingeschaltet und war zum Karaoke-Wettbewerb übergegangen. Gegenüber wummerte baßlastige Schlagermusik. Von irgendwoher mischte sich dumpfes Getrommel darunter. Die Menge wogte durch die Allee. Es roch nach abgestandenem Bier, Grillfleisch, Süßkartoffeln, Sojasauce, Meerrettich und Reismehlkeksen. Nach dem Schweißgeruch der Welt.

Der Geisha hätte Kirschblütenduft als Parfum gut gestanden. Sie trug einen pfirsichfarbenen Kimono, der mit einem Blumenmuster bestickt war. Ruhig saß sie auf ihren Fersen und hielt ihren Rücken kerzengerade. Ihre Hände hatte sie im Schoß übereinandergelegt. Sie lächelte Takamura an, als habe er sie gefragt, ob sie zusammen »Madame Butterfly« ansehen sollten. Es war ein geheimnisvolles Lächeln, wie es die Geishas in kitschigen westlichen Schmökern von Buchseite zu Buchseite trugen. Takamura hatte keine Ahnung, was es bedeuten sollte. Das hatte es mit dem Kirschblütenduft gemein, der aus dem Geäst des Baums herabschwebte. Eine zweite Schwächewelle lief durch Takamuras Körper. Er schwankte. Nichts war in der Nähe, woran er sich hätte festhalten können.

Takamura sagte: »Ja, die Kirschblüte. Sie ist zweifelsohne prachtvoll anzusehen, und im Hanami-Fest mag sich die japanische Seele tatsächlich selbst finden, doch …«

Er rieb sich die Augen. Die Kanpai-Gesellschaft lachte laut über einen Witz, den jemand erzählt hatte. Takamura hatte ihn nicht verstanden. Der Krach um ihn schwoll beständig an, vervielfachte sich mit jedem Pumpen seines Herzens. Die Kirschblüten stanken zum schwarzen Himmel. Sie zersetzten die Ordnung der Natur. Der junge Mann kam mit zwei geöffneten Bierflaschen zurück. Ein Grinsen stand in seinem Gesicht.

»Doch …?« fragte die Geisha.

»… doch Kirschblüten duften nicht«, sagte Takamura. Er spürte seine Beine nicht mehr unter sich. Alles war verkehrt. Das Dunkel fiel aus dem Himmel herab. Takamura stürzte nicht. Er schnurrte in sich zusammen. Wie ein Ballon, dem die Luft ausging.

Blütenwolken dufteten Takamura entgegen. Die Lampions blinkten wie Signallaternen. Vor das Weiß der Kirschbaumkronen schob sich das Gesicht einer Geisha. Es war ebenfalls weiß. In der Schminke prangten rote Flecken.

Die Geisha schlug ihn sanft auf die Wange und fragte: »Wie heißen Sie?«

»Takeo Takamura«, sagte Takamura automatisch.

»Wann sind Sie geboren?«

»Am fünften Oktober neunzehnhundertfünfundsechzig.«

»Was tun Sie beruflich?«

»Ich arbeite in der Duft- und Aromabranche.«

»Was genau?«

»Produktentwicklung.«

»Welche Produkte?«

»In Ordnung, das reicht«, sagte Takamura. »Ich weiß, wer ich bin. Mein Kopf funktioniert. Ich bin völlig klar.«

Er lag auf dem Rücken. Am rechten Handgelenk spürte er etwas Warmes. Er hob den Kopf. Die Geisha fühlte ihm den Puls. Links tagte die Kanpai-Gesellschaft. Die Herren unterhielten sich und vermieden es, zu Takamura herzusehen. Er legte den Kopf wieder nach hinten.

»War ich lange …?« fragte Takamura.

Die Geisha schüttelte den Kopf. »Ein paar Sekunden vielleicht. Sie fielen gerade eben.«

»Ein plötzliches Schwächegefühl«, sagte Takamura, »ich weiß nicht, woher das kam. Vielleicht ist es eine Folge des Flugs. Die Zeitumstellung. Ich bin erst gestern abend angekommen.«

»Ihr Puls ist in Ordnung, aber natürlich wäre es besser, einen Arzt aufzusuchen«, sagte die Geisha.

»Nein, danke, das ist nicht nötig«, sagte Takamura. Er zog die Arme an und stützte sich auf die Ellbogen. Die Geisha hielt ihn an den Schultern. Ihr Gesicht war zwei Handbreit über ihm. Vor Takamuras Augen verschwand ein schlanker Hals im Dreieck des Kimonokragens. Die Geisha roch nach Meeresbrise. Nach würziger Luft von weither, die mit den Wellen durch die Bai getollt war und sie nun bis zum Felsenstrand begleitete. Es war ein herber Duft, nicht eigentlich salzig, sondern sommermorgenfrisch, die Art von Frische, bei der man die Nase in den Wind dreht, tief einschnauft, sich gesund fühlt wie sonst nie und unwillkürlich »Aaah« sagt.

»Vielen Dank für Ihre Bemühungen«, sagte Takamura. Er setzte sich auf. Die Geisha verneigte sich.

»Ich werde ins Hotel zurückkehren und mich ausruhen«, sagte Takamura. Sein Kopf schmerzte ein wenig, aber das war nicht weiter tragisch. Wenn er gleich einschlafen konnte, würde er morgen bei seinem Vortrag sicher fit sein.

»Ich begleite Sie ein Stück«, sagte die Geisha. »Sicherheitshalber.«

Takamura verstand nur nicht, wieso er plötzlich zusammengebrochen war. Er war kerngesund, hatte ähnliches bisher nicht einmal in Ansätzen erlebt.

»Ich möchte Ihnen keine Umstände bereiten«, sagte Takamura. Er stand auf. Trotz ihrer Holzsandalen war die Geisha einen Kopf kleiner als er. Sie trippelte schweigend neben ihm her. Bis auf die leichten Kopfschmerzen fühlte sich Takamura ausgezeichnet. Keine Spur von schwachen Knien. Er lächelte der Geisha zu.

Sie ließen den Kiyomizu-Kannon-dô-Tempel links liegen. Mit Mühe bahnten sie sich einen Weg durch Gruppen von Jugendlichen, die sich auf dem Platz um das Standbild des Samurai Takamori Saigô drängten. Der Bronzesamurai führte seinen Bronzehund an einer Bronzeleine spazieren. Hund wie Herr blickten starr in die Weite. Trotz des Schwertes an seiner Seite wirkte der Samurai, als sei er von seiner Frau losgeschickt worden, um Backpulver zu kaufen. Immerhin besser, als von seinesgleichen in Stücke gehauen zu werden.

»Sie arbeiten also in der Duftbranche?« fragte die Geisha.

Takamura nickte.

»Sind Sie eine dieser Wundernasen, die mit einmaligem Schnuppern jeden beliebigen Duft fehlerfrei bestimmen können?«

Obwohl ihr Gesicht traditionell geschminkt, ihr Haar kunstvoll gerichtet, ihr Kimono tadellos geschnürt war, nahm man ihr die Geisha weit weniger ab als zuvor. Vielleicht, weil Geishas normalerweise unter der Kunst der Konversation etwas anderes als Aushorchen verstanden.

»Sie haben sicher Verpflichtungen«, sagte Takamura. Er wies mit dem Kopf zum Park zurück.

»Es waren nicht die Kirschblüten, die dufteten?« fragte die Geisha. Ob Geisha oder nicht, sie war Japanerin, und obwohl jung, war sie doch nicht so jung, daß sie nicht schon zwei Dutzend Hanami-Feste miterlebt hatte. Sie mußte wissen, daß Kirschblüten nicht dufteten.

»Nein«, sagte Takamura, »sie duften nicht, sie stinken nicht, sie haben gar keinen Geruch. Keinen, der für Menschen wahrnehmbar wäre. Nicht einmal für die japanische Seele.«

»Doch wenn Kirschblüten duften würden …«

»Es war gut gemacht«, gab Takamura zu.

Er querte nach links zu den Treppen, die zur Ueno-Station von Japan Railways und U-Bahn hinabführten. Die Abgase von der sechsspurigen Chûô-dôri wehten ihm entgegen. Auf den breiten Treppenabsätzen saßen Porträtisten auf Klappstühlen und strichelten gequält blickende Schulkinder ab. Einer hatte eine Baskenmütze über seine zu langen Haare gezogen. Er sah aus wie von Montmartre hierher importiert.

Die Geisha klapperte in ihren Holzsandalen die Stufen herab.

»Warten Sie!« sagte sie. »Ich möchte Ihnen einen anderen Geruch vorführen. Ich bin gespannt, was Sie dazu sagen.«

»Ein andermal.« Er war nicht in der Stimmung für Abenteuer.

»Kommen Sie mit!« sagte die Geisha. Sie hielt ihn am Arm fest und wies mit der anderen Hand nach rechts. Die U-Bahn-Station lag links.

Geishas hielten fremde Männer nicht am Jackenärmel fest.

»Der Geruch wird Sie interessieren«, sagte sie.

»Ah ja?« fragte Takamura. Die Geisha stand direkt vor ihm. Sie duftete nicht nach Kirschblüten. Nicht nach echten, nicht nach falschen. Takamura erschnupperte nur den schwachen Geruch einer salzigen Meeresbrise, kühl, herb, frisch.

»Sie riechen nach totem Fisch«, sagte er grob.

»Na gut«, sagte die Geisha. Sie griff mit der rechten Hand in den linken Ärmel ihres Kimono und fingerte eine Packung Reinigungstücher hervor. Mit energischen Bewegungen wischte sie sich den weißen Puder aus dem Gesicht. Sie zerknüllte die gebrauchten Papiertücher und ließ sie zu Boden fallen. An ihrem linken Mundwinkel war ein kleiner Rest der roten Lippenschminke übriggeblieben.

»Dann halt anders«, sagte die Geisha. Sie steckte die restlichen Tücher weg und brachte eine plastifizierte Karte zum Vorschein. Auf dem Ausweis stand in fettem Schwarz: »Tokio Metropolitan Police Department.«

»Kriminalpolizei«, sagte die Geisha. »Ich bin Inspektorin Nagai Minato. Wenn Sie nun bitte mitkommen würden.«

Sie hatte ein hübsches Gesicht. Takamura sagte: »Und wenn Sie der Polizeichef selbst wären, Sie können mich doch nicht zwingen …«

»Belästigung. Ich werfe mich Ihnen an den Hals und schreie um Hilfe. Tokio ist eine sichere Stadt, und das soll auch so bleiben. Niemand mag es, wenn Frauen auf offener Straße belästigt werden. Am wenigsten wir Polizisten. Sie wissen sicher, daß wir auch ohne Haftbefehl jedermann bis zu zweiundsiebzig Stunden festhalten dürfen. Bei Sittenstrolchen bekomme ich einen Haftbefehl aber sowieso in Null Komma nichts.«

Der kleine rote Fleck am Mundwinkel erinnerte an einen Vampir, der nicht ganz satt geworden war. Die Augen der Polizistin versprühten Wut. Trotz des prächtigen Kimonos und des Obi-Gürtels, in dessen Rückenschlaufe garantiert eine Dienstpistole und Handschellen verwahrt waren, sah sie definitiv nicht mehr nach einer Geisha aus westlichen Schundromanen aus. Wenn Takamura sie so ansah, zweifelte er nicht, daß sie es ernst meinte.

»Sie meinen das doch nicht ernst?« fragte er.

»Also?« fragte sie zurück.

Takamura würde doch nicht sofort schlafen können. Da konnte er genausogut mitgehen. Auf ein paar Minuten kam es wirklich nicht an. Vielleicht war es ja tatsächlich ein interessanter Duft. Man sollte sich seine Neugier bewahren. Offen bleiben für neue Erfahrungen. Und sie war wirklich ausgesprochen hübsch.

»Nach rechts?« fragte er.

»Gut«, sagte sie.

Sie gingen die Chûô-dôri hinab, passierten den Keisei-Eingang und liefen an einer hohen Betonmauer entlang, die von den dunklen Baumkronen des Ueno-Parks überragt wurde. Am Ende der Mauer war eine Fußgängerüberführung. Rechts davon wachte ein Polizeihäuschen über den Südeingang des Parks; ein Kôban, wie sie in allen Vierteln Tokios als Stützpunkte der Nachbarschaftspolizei eingerichtet waren. Davor standen zwei weiße Dienstfahrräder, mit denen die Wachhabenden durch die umliegenden Straßen patrouillierten, um Sittenstrolche zu verhaften. Auf daß Tokio die sicherste Metropole der Welt blieb.

»Was für einen Geruch wollten Sie mir denn vorführen?« fragte Takamura.

»Mein Vater arbeitet auf dem Fischmarkt«, sagte die Polizistin. »Jeden Morgen, seit dreißig Jahren. Seit einiger Zeit leidet er unter Gicht, er sollte aufhören. Die Nässe, die zugige Halle, die schweren Kisten – das ist alles Gift für ihn. Aber er meint, unersetzbar zu sein. Wenn man ihn so hört, würde ohne ihn kein einziger toter Fisch verkauft werden.«

Einer der blau Uniformierten stand vor der Glasscheibe des Kôban und wachte über eine Gruppe, die hinter einer niedrigen Hecke die Flaschen kreisen ließ. Sie feierten nicht die Kirschblüte, sondern soffen wohl jeden Tag, an dem sie sich das leisten konnten. Sie lebten hier am Parkrand, zogen nur bei Regen in die unterirdischen Stationen hinab, alte Männer mit verfilztem Haar, speckigen Jacken und schmutzigen nackten Füßen. Für eine Metropole, die sich den Spaß leistete, das Meer zuzuschütten, gab es eine ganze Menge Obdachlose.

»Ich besuche meinen Vater manchmal auf dem Fischmarkt«, sagte die Polizistin.

»Ziemlich oft, eigentlich«, sagte sie.

»Wegen der schweren Kisten«, erklärte sie.

»Ich schaue jeden Tag vor Dienstbeginn bei ihm vorbei«, sagte sie leise.

Takamura roch die faulig-saure Mischung aus abgestandenem Schweiß, Alkoholdünsten und Hoffnungslosigkeit, die die Obdachlosen verströmten. Es war wirklich nicht nötig, jeden vor den Kopf zu stoßen, der ihm über den Weg lief. Jeden und jede.

»Entschuldigung«, sagte er.

»Man riecht es mir also an«, sagte sie.

»Nein«, sagte Takamura. »Ich habe es nicht so gemeint. Es stimmt auch nicht. Sie riechen nicht schlecht, ganz im Gegenteil …«

»Sie haben ein Faible für den Gestank von totem Fisch?«

Es war alles ganz anders. Sie war bildschön, steckte voller Energie und roch nach frischer Meeresbrise. Er mußte ihr sagen, daß …

»Es tut mir aufrichtig leid«, sagte er.

»Sie haben etwas bei mir gut«, sagte er.

Die Polizistin überquerte die Straße. Takamura folgte ihr. Auf der anderen Seite blinkten die Leuchtreklamen einiger Restaurants, zweier Spielsalons und der Karaoke-Bar »Pasela« um die Wette. Die Polizistin schlängelte sich durch die Fahrräder, die am Gehsteigrand abgestellt waren, auf den Spielsalon »Fantasia« zu. Aus dem Eingang tönten laute Discomusik und die gehetzten Geräusche der Videomaschinen. Neben der offenen Glastür wachte starr ein uniformierter Türsteher, als übe er für eine Karriere im Wachsfigurenkabinett. Links stand ein Getränkeautomat.

»Riechen Sie etwas?« fragte die Polizistin.

»Ich …«, sagte Takamura. Er schnupperte, konnte jedoch nichts Auffälliges ausmachen. Ein wenig duftete es nach frisch gemahlenem Kaffee, aber das war bei der Ballung von Restaurants längs der Straße nichts Außergewöhnliches.

»Nun?« fragte die Polizistin.

Takamura zuckte die Achseln. Plötzlich fühlte er sich doch müde. Auf seinem Futon im Ryôkan wäre er jetzt sicher eingeschlafen. Dort war er aber noch lange nicht. Ein Kaffee wäre nicht schlecht, der würde ihm guttun. Eine Dose eisgekühlter Mokka. Oder ein heißer süßer Cappuccino?

»Kaffee gefällig?« fragte die Polizistin. Sie wies auf den Getränkeautomaten, an dem ein Jugendlicher gerade Geld einwarf.

Takamura näherte sich. Die Dosen der obersten Reihe waren mit einer roten Markierung als Heißgetränke gekennzeichnet. Kaffee gab es aber auch in verschiedenen kalten Versionen. Takamura las: »Café au lait, Ice Coffee Diamond Mountain, Kanpai Superblend, Kanpai Superblend plus One, Kanpai Kilimanjaro Black …«

Der Junge wählte Kanpai Superblend. Heiß. Sein Shirt war zu weit, zu lang und zu bunt. Der Hosenboden hing auf Kniehöhe. Der Junge drehte den Schirm seiner Baseballkappe zur Seite. Er war ein vollamerikanisierter Skater, der eher nach Cola- als nach Kaffeetrinker aussah, doch er bückte sich zum Ausgabeschacht, holte die Dose heraus, öffnete sie, nahm einen Schluck und verschwand in der Tür des Spielsalons.

Kanpai Superblend?

Vor Takamura stand ein Kanpai-Getränkeautomat. Und neben ihm eine Polizistin, die als Geisha verkleidet am Hanami-Fest einer Abteilung der Firma Kanpai teilgenommen hatte. Es roch köstlich nach Kaffee. Nach Kanpai-Kaffee.

»Sie schnüffeln der Firma nach?« fragte Takamura.

Die Polizistin zeigte auf den Spielsalon, in dem gerade der Möchtegern-Skater verschwunden war.

»Da drinnen schenken sie Kaffee aus«, sagte sie. »Man muß nur rufen, und sie bringen ihn an den Apparat, den man gerade mit seinen Münzen füttert.«

»Vielleicht …«, sagte Takamura.

»Nein.« Die Polizistin unterbrach ihn. »Kaffee gehört zum Service. Daran wollen die gar nicht verdienen. Er kostet keinen Yen mehr als der hier am Automaten.«

Es roch nicht nur nach gerade gemahlenen Kaffeebohnen. Es roch auch nach frisch aufgebrühtem Kaffee, der in einer Porzellantasse vor sich hin dampft; und nach den Plantagen auf Java, wo die erntereifen Kaffeebohnen im Halbschatten von Bananenstauden hängen; und nach dem Duft aus den Kupferkesseln, in denen die Bohnen geröstet werden. Es roch nach Kaffee total.

Takamura ging in die Hocke, bewegte den Kopf nach vorn. Der Kaffeeduft kam nicht aus dem Ausgabeschacht des Automaten.

»Was ist das?« fragte die Polizistin. »Was läßt einen Teenie auf den Bringservice verzichten, seine intergalaktische Videomission unterbrechen, hier herausmarschieren und sich eine verdammte Dose Kaffee aus diesem verdammten Kanpai-Automaten ziehen?«

Es war ein komplexer, wohlabgerundeter und intensiver Kaffeeduft. Es roch anregend, einladend, verführerisch, köstlich, doch es war nichts anderes als Kaffeeduft. Nichts daran war geheimnisvoll, außer der Tatsache, daß er aus einem Automaten hervorströmte, aus dem es – wenn überhaupt – nach abgestandenem, über Stunden und Tage warmgehaltenem Gebräu riechen müßte.

Takamura schnupperte weiter nach unten. Eine Handbreit über dem Straßenpflaster war eine Reihe senkrechter Schlitze in das Automatenblech gestanzt. Takamura legte die Finger darauf. Das Blech vibrierte leicht. Es summte sanft.

»Der Kaffeegeruch kommt aus den Lüftungsschlitzen«, sagte Takamura. »Die sind wohl für die Abluft des Wärmeaggregats, mit dem die Brühe heiß gehalten werden soll.«

Der Türsteher des Spielsalons machte einen Schritt nach vorn und schaute interessiert zu.

»Ist was?« fragte die Polizistin. Der Türsteher verbeugte sich und machte einen Schritt zurück. Takamura stützte sich mit beiden Händen an der Unterkante des Automaten ab. Hinter den Schlitzen schien das bunte Licht der Neonreklamen wider.

»Wasser«, sagte Takamura. »Oder Kaffee? Am Boden unter den Schlitzen steht eine Flüssigkeit.«

Er war kein Fachmann für Getränkeautomaten, doch er bezweifelte, daß die Flüssigkeit eine von den Konstrukteuren vorgesehene Funktion erfüllte. Er zwängte den Zeigefinger durch einen der Schlitze und stippte in die Brühe. Sie war lauwarm. Er roch. Zur Sicherheit faßte er mit dem kleinen Finger noch einmal nach. Die Flüssigkeit roch nach Kaffee.

»Darf ich mal?« krächzte eine Männerstimme über Takamura. Er wischte sich die Finger an der Jacke ab und sah hoch. Einer der Penner stand neben ihm. Er stank nach Bier und war offensichtlich über die Straße gewankt, um sich mit einer Dosis Koffein für die nächsten Runden in Form zu bringen.

»Entschuldigung«, sagte Takamura. Er erhob sich und trat zur Seite. Die Leuchtreklamen warfen grelle Farben in die Nacht. Die Polizistin sah ihn fragend an. Ihr Kimono wirkte im abendlichen Gewühl des modernen Tokio fehl am Platz.

»Ich habe keine Ahnung, was hier vorgeht«, sagte Takamura. Irgend etwas stimmte nicht. Es war nur Kaffeeduft, aber …

Es war nicht nur Kaffeeduft. Nicht mehr. Takamura lehnte neben der Geisha an einer Straßenlaterne. Sie waren etwa vier Schritte von dem Automaten entfernt. Der Kaffeeduft war nur noch ein Hauch, der sich immer mehr verlor. Darunter wuchsen neue Düfte auf. Andere. Verschiedene. Unterschiedliche. Als ob eine Knospe plötzlich aufgesprungen wäre und ihren Duft mit einem Stoß in die Nacht entsandt hätte. Als ob jemand ein Fläschchen Rasierwasser zertreten, grünen Tee verdampft, exotische Aromen aus fernen Dschungeln hierher geblasen hätte.

»Das ist …«, sagte die Polizistin.

Passanten blieben stehen, ein loser Kreis von Menschen bildete sich um den Penner, der am Automaten stand, ohne zu wissen, wie ihm geschah. Vielleicht glaubte er, mit seinen geschnorrten Münzen das Duftwunder herbeigezaubert zu haben, doch das kümmerte Takamura wenig. Er stand einfach da und roch. Er war gespannt, wohin das führen würde. Welcher besondere Geruch das große Finale bilden könnte.

Takamura stellte ihn sich als gewaltigen Donnerschlag vor, doch er irrte sich. Wie von selbst verschmolzen die unterschiedlichen Düfte zu einem einzigen, sich ruhig und souverän entwickelnden neuen Aroma. So selbstverständlich paßten sie sich ein, als hätten sie nie einzeln existiert. Das war es, darauf steuerte alles zu, auf diesen betörenden Duft, der fremd und vertraut zugleich wirkte. Rauchig war er, herbe Verletzlichkeit strahlte er aus, er klopfte an längst vergessene Türen, schloß die Vergangenheit auf, ferne Jahrhunderte, in denen gelb gewandete Mönche um das Nichts meditierten.

Unbeweglich saßen sie in düsteren Tempelhallen, eine Reihe kahlgeschorener Köpfe. Ihre Augen suchten nicht nach den Dämonenfratzen, die schwarz und rot aus dem Gebälk grinsten. Ein mannshoher Gong hing am Eingang, blieb stumm vor dem vielfachen, tiefen »Om«, das von überallher zu tönen schien, aus Boden und Wänden, aus dem Bauch des Buddhas selbst; oder es floß aus den Bronzebecken, in deren Sandböden glimmende Bündel von Räucherstäbchen steckten. Von dort waberte es schwer über die dunklen Bretter, räucherte alles Profane aus, tötete das Verlangen ab, Lust und Schmerz, alles Alltägliche.

Om, das heilige Om roch nach Räucherstäbchen und quoll nach oben, würde sich im ganzen Universum ausbreiten, hatte schon die Seele der Mönche erreicht, die ihre Körper nicht mehr spürten, die vielleicht schon eine Handbreit über dem Boden schwebten, Om, eine ferne Trommel trommelte dumpf. Eine Handbreit hoch in der rauchigen Luft schwebten die Mönche, so nahe am Nirwana, wie es ihnen in diesem Leben nie mehr gelingen würde. Om. Das Om roch nach feinstem Räucherwerk. Aus Aloeholz vielleicht. Ja, Aloe war sicher dabei.

»Om«, summte Takamura leise, und als habe gerade er kein Recht dazu, als sei er es, der den Zauber gebrochen habe, zersprang die Harmonie der Welt, stürzte schon der erste Mönch ab, starb, wurde augenblicklich in anderer Gestalt wiedergeboren, als Mann unbestimmbaren Alters, mit fettigen, zotteligen Haaren, einer abgeschabten Windjacke und einer dreckverkrusteten Hose, bei der es keine Rolle spielte, ob man sich auf dem Asphalt wälzte.

Der Gong, das Tempelgebälk, die Buddha-Statuen und Dämonenfratzen waren verschwunden, nur der Rauch des Om wehte in das neue Leben hinein, in dem der Mönch als Penner wiedergeboren worden war. Er krümmte sich vor einem Kanpai-Automaten, Leuchtreklamen blitzten, und der Bettelmönch röchelte und zuckte und starb erneut. So war das. Tod und Wiedergeburt und Tod. Leben verrauchten in der Abendbrise. Alles war ganz normal. Es gab überhaupt keinen Grund für die Passanten zu schreien und zu fliehen. Takamura stand stocksteif am Laternenpfahl.

»Hilfe!« brüllten angstverzerrte Stimmen.

»Gift!« brüllten sie.

»Giftgas!« kreischten sie.

Takamura begriff nicht, was das Wort bedeutete. Giftgas. Langsam wich er zurück. Er wollte nach Hause, doch er wußte nicht, wo das war. Oder war er schon zu Hause und wußte es nur nicht? Das Licht war so seltsam, die Schatten, der Rauch, alles war verkehrt, und dann der Geruch! Einen solchen Geruch gab es bei ihm zu Hause nicht. Nein, er kannte diesen scheußlichen Geruch nicht, er war nicht zu Hause, er war ein kleines Kind, das von seinen Eltern irgendwo vergessen worden war. Am besten schien es ihm, zu warten, bis sie ihn abholten, sich nicht vom Fleck zu rühren und zuzugucken, wie die Leute übereinander stolperten. Er blieb wieder stehen.

Von jenseits der Straße pfiff schrill eine Trillerpfeife. Takamura sah einen Kôban-Polizisten, der an seiner Pistolentasche nestelte, während er herbeilief. Eine nicht ordentlich geschminkte Geisha zerrte an Takamuras Arm, und vor dem Spielsalon zog ein uniformierter Türsteher an den Fußgelenken eines Penners, der wie tot auf dem Asphalt lag. In Takamuras Kopf hämmerte etwas, als gälte es, eine verschlossene Tür aufzubrechen. Ganz schwach roch es nach Aloeholz. Die Geisha sagte irgend etwas.

Neben Takamura schnaufte der Kôban-Polizist. Er hielt sich mit beiden Händen an seiner Pistole fest und zielte auf den Kaffeeautomaten. Der Türsteher würgte. Er ließ die schmutzigen Füße los, richtete sich auf. Er übergab sich.

»Gift!« schrien Stimmen, als wäre das der zeitgemäße Ausdruck für »Om«. Die Geisha pflügte durch abgestellte Fahrräder Richtung Norden. Ihre Geta standen neben Takamura. Ein Paar verlassene Holzsandalen. Sie sahen komisch aus. Der Türsteher tastete nach dem Automaten, um sich daran festzuhalten. Er streckte den rechten Arm von sich. Sein Finger zeigte auf Takamura.

»Der da!« keuchte der Türsteher. Er hakte die Finger der linken Hand in seinen Hemdkragen ein und riß ihn auf.

»Der Kerl hat am Automaten …« Die Fingernägel des Türstehers kratzten am Automatenblech nach unten. Er sank in die Knie, fiel auf den Penner. Die Pistole des Polizisten schwenkte herum und war nun auf Takamuras Brust gerichtet.

»Aber …«, sagte Takamura. Er war doch nur ein kleiner Junge. Hilflos und verlassen. Er verstand nichts von all dem, hatte sich doch nur allein gefühlt. Hoffentlich würde ihn Mutter nicht ausschimpfen. Er konnte doch nichts dafür. Er war auch nicht ungehorsam gewesen, früher vielleicht ab und zu, aber heute nicht. Wirklich nicht. Er sagte die Wahrheit, er könnte schwören. Warum hätte er denn …? Was hätte er denn …?

In den Augen des Polizisten standen Angst und Entsetzen. Die Pistole zitterte in seinen Händen. Es stank nach Exkrementen. Als hätte jemand in die Hose gemacht.

»Nein«, sagte Takamura. Er hatte nicht in die Hose gemacht. Er war schon ein großer kleiner Junge, konnte seine Schuhe selbst binden, vermochte schnell zu laufen, und vielleicht würde er sogar allein den Weg nach Hause finden. Vorsichtig stieg er über ein Paar Holzsandalen.

»Halt!« sagte der Polizist.

Takamura machte einen Schritt von der Bordsteinkante auf die Straße. Er schaute nach rechts, nach links und wieder nach rechts. Den weißen Honda mußte er noch passieren lassen, dann konnte er die Straße überqueren.

»Bleiben Sie stehen!« sagte die Stimme des Polizisten direkt hinter ihm. Takamura spürte eine Hand, die sich in den Ärmel seiner Jacke krallte. Eine fremde Hand, die ihm Angstschauer den Rücken hinabjagte.

Takamura spurtete los, sprang auf die Straße und zog das Gewicht, das an seiner Jacke zerrte, mit sich. Bremsen quietschten, Leinen riß, hinter Takamura schlug etwas dumpf gegen Autoblech, und dann waren seine Arme plötzlich frei.

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