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Düsterbruch

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. 1. Kapitel
  7. 2. Kapitel
  8. 3. Kapitel
  9. 4. Kapitel
  10. 5. Kapitel
  11. 6. Kapitel
  12. 7. Kapitel
  13. 8. Kapitel
  14. 9. Kapitel
  15. 10. Kapitel
  16. 11. Kapitel
  17. 12. Kapitel
  18. 13. Kapitel
  19. 14. Kapitel
  20. 15. Kapitel
  21. 16. Kapitel
  22. 17. Kapitel
  23. 18. Kapitel
  24. 19. Kapitel
  25. 20. Kapitel
  26. 21. Kapitel
  27. 22. Kapitel
  28. 23. Kapitel
  29. 24. Kapitel
  30. 25. Kapitel
  31. 26. Kapitel
  32. 27. Kapitel
  33. 28. Kapitel
  34. 29. Kapitel
  35. Leseprobe – Ostseejagd

Über die Autorin

Eva Almstädt, 1965 in Hamburg geboren und dort auch aufgewachsen, absolvierte eine Ausbildung in den Fernsehproduktionsanstalten der Studio Hamburg GmbH und studierte Innenarchitektur in Hannover. Seit 2001 ist sie freie Autorin. Eva Almstädt lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Schleswig-Holstein

1. Kapitel

Dieser Ort ist kein schlechtes Omen, versicherte sich Oxana. Sie standen zu dritt vor dem Altar der Düsterbrucher Kirche, um mit dem Pastor Jörgs ihre Hochzeit zu besprechen. Durch die drei Fenster in der Apsis fiel nur wenig Licht. Es war später Nachmittag, und die Dunkelheit kroch die alten Feldsteine hinauf.

Oxana Markowa verschränkte fröstelnd die Arme vor der Brust. Sie versuchte, sich ihre russischen Verwandten und die »Geschäftsfreunde«, die ihr Bruder Fjodor unweigerlich anschleppen würde, hier in den Kirchenbänken sitzend vorzustellen. Die würden denken, sie seien im falschen Film! Einfach, schmucklos, fast schäbig wirkte die Kirche in der Dämmerung. Nein, schäbig wollte sie nicht denken. Es war eine ländliche Feldsteinkirche. Überhaupt kein Vergleich zur Nikolaus-Marine-Kathedrale in St. Petersburg. Als sie eben Pastor Krispin gegenüber ihre Zweifel, die feierliche Ausstattung der Dorfkirche betreffend, angedeutet hatte, war er für einen Moment irritiert gewesen. Dann hatte er sie milde lächelnd auf ein verwaschen aussehendes Heiligenbild aus dem fünfzehnten Jahrhundert hingewiesen. Genau. Darauf würde sie jeden mit der Nase stoßen, der eine abfällige Bemerkung über diese Umgebung machen sollte.

Jörg lag viel daran, in der Kirche von Düsterbruch zu heiraten. Generationen von Seesens waren hier getauft, konfirmiert, verheiratet und ausgesegnet worden. Immerhin hatten sie für die anschließende Feier einen ausreichend großen Saal reservieren können. Aber auch hier war die Dekoration ein Problem. Und weder Jörg noch seine Mutter oder Schwester wussten, was Tamada war. Geschweige denn, dass eine professionelle, zweisprachige Moderation unabdingbar zu einer deutsch-russischen Hochzeit dazugehörte.

»Wollt ihr zusammen zum Altar gehen, oder wird Ihr Vater oder ein anderer Verwandter Sie hinführen, Frau Markowa?«, unterbrach der Pastor ihre Gedanken.

Oxana zuckte mit den Schultern. Sie kannte sich mit protestantischen Hochzeitsbräuchen nicht aus. Und sowieso: Ihre Eltern waren beide tot.

»Kein amerikanischer Quatsch, wir gehen zusammen!« Jörg wippte auf den Fußballen auf und ab. Oxana wusste, dass es ihn nach draußen zog. Er erwartete die Geburt zweier Kälber. Nicht, dass sein Highland Cattle das nicht sehr gut allein zu Wege brachte … Aber in geschlossenen Räumen herumzustehen und Däumchen zu drehen war ihrem zukünftigen Ehemann ein Graus. Sie warf ihm einen verständnisvollen Blick zu. Da schwang die Kirchentür auf. Begleitet von einem Schwall frischer Luft stand eine Frau auf der Schwelle. Zuerst sah Oxana nur ihren Umriss, der sich von dem helleren Hintergrund abhob. Die Frau verharrte kurz, als müsste sie sich erst orientieren. Dann ging sie steif und ungelenk wie eine Marionette den Mittelgang herunter.

Jörg erkannte sie als Erster. »Mutter?«, fragte er und eilte auf die Gestalt zu. Es war tatsächlich Hedwig Seesen, auch wenn sie sich bewegte, als wäre sie ferngesteuert. Nach ein paar Metern blieb sie stehen und hielt sich an einer der Bänke fest.

»Jörg!« Hedwigs Stimme hallte dumpf im Kirchenschiff wider.

Oxana riss sich von dem irritierenden Anblick los und ging auf die beiden zu. Sie ergriff Hedwigs Hand. Beinahe hätte sie sie wieder losgelassen. Sie konnte die Handknochen spüren – zerbrechlich und eiskalt. »Ist dir nicht gut, Hedwig?«, fragte sie beunruhigt.

»Es tut mir leid.« Hedwigs Blick war auf ihren Sohn gerichtet. Die Wolkendecke riss auf und ließ noch ein paar späte Sonnenstrahlen hindurch. Das Licht fiel durch die Kirchenfenster auf einige Bankreihen und in den Mittelgang, und es erhellte auch Hedwigs Gesicht. Oxana bemerkte ein paar dunkelrote Spritzer darauf. Sie hielt erschrocken die Luft an. Das sah ja aus wie … Es war keine Einmachzeit, was konnte es also anderes sein als … Blut?

»Sind Sie verletzt? Gab es einen Unfall, Frau Seesen?« Der Pastor hatte es offenbar ebenfalls gesehen.

»Was ist denn passiert, um Himmels willen?« Jörg registrierte nicht einmal, dass er in einem Gotteshaus laut wurde.

Hedwig schwankte, sagte aber kein Wort. Sie fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht. Dabei verwischte sie die Spritzer zu grotesken, roten Schlieren. Ihre Haut war so blass wie die weiß gekalkten Kirchenwände, und sie zitterte am ganzen Körper.

»Woher kommt das Blut, Mutter?«

»Blut? Ach, dieses Blut …« Hedwig rieb ihre verschmierte Hand achtlos am Hosenbein ab. Sie schien mit ihren Gedanken woanders zu sein. Dann gab sie sich einen Ruck und fixierte ihren Sohn mit starrem Blick. »Ich habe gerade einen Fehler gemacht.«

»Hedwig. Beruhigen Sie sich erst einmal!« In die sonst so angenehme Stimme des Pastors hatte sich ein scharfer Unterton geschlichen. Jörgs Mutter reagierte nicht auf ihn. »Ein Fehler«, wiederholte sie schwer atmend. Und dann so leise, dass es kaum noch zu verstehen war: »Es war … Mord.« Hedwig Seesen presste die Lippen aufeinander, und ihr Blick schien sich nach innen zu richten. Es waren die letzten Worte, die Oxana von ihr hören sollte.

Kriminaloberkommissarin Pia Korittki rollte den Gang entlang. Nein, sie rollte nicht wirklich. Aber so, wie sie ihren hochschwangeren Bauch vor sich herschob, fühlte sie sich wie die Emma Maersk, das weltgrößte Containerschiff, das den Nordostsee-Kanal passieren will. Der Gang zu ihrem Büro in der Bezirkskriminalinspektion Lübeck im Polizeihochhaus war schmal. Sie befürchtete inzwischen, sich gegen die Wand pressen zu müssen, wenn ihr jemand mit entsprechender Leibesfülle entgegenkommen sollte. Aber es war nur ihr Kollege Michael Gerlach, der aus seinem Büro trat, schlank – hassenswert schlank – und gut gekleidet wie immer. Er war gerade von einem Lehrgang zurück und hatte sie zwei Wochen lang nicht gesehen.

»Hi, Pia. Immer noch hier? Ich dachte, du wärst allmählich mal im Mutterschutzurlaub?«

»Ich darf bis zur Geburt weiterarbeiten, wenn ich das möchte. Das ist gesetzlich geregelt, und Gabler hat es sogar schriftlich. Solange das Kind noch nicht da ist und diese verdammten Fahrstühle mich noch hier hochhieven, sitze ich an meinem Schreibtisch. Was dachtest du denn?« Sie stoppte vor der Damentoilette, weil sie schon wieder musste. Das Baby drückte auf die Blase, und manchmal fühlte es sich so an, als würde es sogar hineinkneifen. »Aber da ich nichts Richtiges mehr zu tun bekomme, bin ich in Wahrheit nur hier, um bei euch pinkeln zu gehen«, setzte sie zynisch hinzu.

Gerlach grinste. »Das Damenklo hast du ja für dich allein. Doch wenn du auch mal wieder richtig arbeiten willst: Gerade ist was Neues reingekommen.«

»Was denn?«

Er deutete mit dem Kopf auf die Tür zu Broders’ und Kürschners Büro und verschwand dann federnden Schrittes den Gang hinunter. Sie hätte ihn treten mögen. Neugierig war sie schon. Aber erst einmal … Im Kampf gegen den freien Willen setzte die Natur sich letzten Endes immer durch. Das war ihr nie so bewusst gewesen wie in den letzten Wochen und Monaten.

»Das ist doch nichts mehr für dich«, blockte Wilfried Kürschner, der stellvertretende Leiter des Kriminalkommissariats 1, ein paar Minuten später ab. »Weißt du überhaupt, wo das passiert ist, Pia?«

Sie schüttelte ungeduldig den Kopf.

»Der Ort heißt Düsterbruch. Der Name sagt doch alles: am Arsch der Welt.«

»Wer weiß, ob die da überhaupt schon geteerte Straßen kennen«, setzte Heinz Broders feixend hinzu. »Und dann stell dir vor, diese Erschütterungen durch Schlaglöcher …«

»Ich fahre ja nicht allein. Wenn du mitkommst, Broders, kannst du im Fall der Fälle gleich Geburtshilfe leisten. Das wolltest du doch so gern.«

Broders rollte mit seinem Bürostuhl zurück und machte eine abwehrende Geste, indem er sich mit der Hand vor dem Hals entlangfuhr.

»Findest du wirklich, dass das eine gute Idee ist, Pia?«, fragte Kürschner besorgt.

»Worum handelt es sich denn überhaupt?« Ging es um die Sache oder nur um die Lage des Tatortes? Was sollte das Ganze hier werden?

»Todesfall in einem Dorf. Auf dem Totenschein ist ›unnatürliche Todesursache‹ angekreuzt. Geöffnete Pulsadern. Vermutlich ein Suizid«, unterrichtete Kürschner sie. »Der Name des Opfers ist Hedwig Seesen. Sie wurde heute Morgen tot in ihrem Bett aufgefunden.«

»War von den Kollegen schon jemand da?«

»Die Schutzpolizei war als Erste vor Ort. Und ein Rettungsteam. Aber die konnten nichts weiter mehr tun, als den Tod der Frau festzustellen.«

»Warum fragen sie dann nach uns?«

»Bei den Kripo-Kollegen vor Ort herrscht gerade akuter Personalmangel. Also haben sie den Fall nach Lübeck weitergegeben.«

»Verdächtige Begleitumstände?«

»Auf den ersten Blick nicht. Aber ein mögliches Fremdverschulden muss eben erst noch ausgeschlossen werden.«

»Das klingt doch nach einem Routinefall. Dann ist das meiner«, sagte Pia und streckte die Hand nach der dünnen Akte aus.

»Gabler bringt mich um, wenn er das hört«, murmelte Kürschner. »Für dich nur noch Innendienst, hat er angeordnet.«

»So ein Routinefall ist doch zum allergrößten Teil Innendienst.« Pia lächelte unschuldig.

»Wenn du unbedingt willst. Du gibst ja eh keine Ruhe. Und es wäre schon eine Hilfe. Die anderen sind alle an dem Prostituierten-Mord dran, das kann noch dauern. Und dies hier«, er klopfte auf die Papiere vor sich auf dem Tisch, »ist einerseits eilig, wie immer, kann aber in zwei oder drei Tagen abgearbeitet sein.«

»Dann ist es entschieden.« Pia nahm die Unterlagen an sich, bevor Wilfried Kürschner es sich anders überlegte. Endlich mal wieder raus!

»Aber nicht im Alleingang, Pia«, rief er ihr hinterher. Sie musste lächeln, als sie hörte, wie Broders ihr grummelnd folgte.

2. Kapitel

Sie passierten das Ortsschild von Düsterbruch. Durch die nasse Windschutzscheibe hindurch sah Pia ein paar Bauernhäuser, die sich um einen weitläufigen Dorfplatz gruppierten. Seine abgelegene Lage hatte Düsterbruch vor dem Schicksal vieler Dörfer bewahrt, zu einer Durchfahrt-Schneise für Lkw und Pendler degradiert zu werden. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Vor einem Fachwerkhaus unter Reet hing die blau-weiß-rote Schleswig-Holstein-Flagge am Fahnenmast wie ein nasses Betttuch. Die hohen Linden, die den Dorfplatz säumten, zeigten in den Kronen erstes Grün, während schreiend gelbe Narzissen auf der Dorfwiese mit den bunten Plakaten für die nächste Scheunenfete konkurrierten.

Bei der angegebenen Adresse handelte es sich, den Hinweistafeln Frische Eier und Highland-Cattle-Züchterverband nach zu urteilen, um einen landwirtschaftlichen Betrieb. Das Haupthaus, ein lang gestreckter Backsteinbau von 1906, war von zweckmäßigen Nebengebäuden flankiert. Man hatte es weitgehend in seinem Ursprungszustand erhalten, nur die großflächigen Fenster mit den schneeweißen Kunststoffrahmen störten das Gesamtbild. Auf dem gepflasterten Vorplatz stand neben einem Golf und einem Mercedes mit Anhänger der weiße VW LT der Lübecker Spurensicherung.

Broders parkte quer davor, und sie stiegen aus.

Ein mittelgroßer Mann mit breiten Schultern öffnete ihnen die Tür. Sein Gesicht sah blass aus und stand in lebhaftem Kontrast zu seinen hellroten Haaren. Es war Jörg Seesen, Hausherr und Sohn der Verstorbenen. Nach einer knappen Vorstellung führte er Pia und Broders einen dunklen Flur hinunter in die Küche. Bei ihrem Eintreten drehte sich eine Frau zu ihnen um, die an der Spüle gestanden hatte.

»Meine Verlobte, Oxana Markowa«, erklärte Jörg Seesen. Sie war wohl zehn Jahre jünger als er, Anfang bis Mitte zwanzig. Pia fand sie auf eine unauffällige Art gut aussehend, mit glänzenden Augen und lebhaftem Mienenspiel.

»Unser Hausarzt hat uns schon vorgewarnt, dass die Kriminalpolizei kommt«, sagte Frau Markowa in fast akzentfreiem Deutsch. Sie warf einen neugierigen und auch zweifelnden Blick auf Pias nicht mehr zu übersehenden Bauch.

»Bei einem Todesfall mit unnatürlicher Ursache wird immer eine kriminalpolizeiliche Untersuchung durchgeführt«, bestätigte Pia. »Das ist reine Routine.«

Über ihren Köpfen waren Schrittgeräusche und leises Poltern zu hören. Jörg Seesen sah zur Zimmerdecke hinauf. »Das sind Kollegen von Ihnen. Sie stellen gerade Mutters Schlafzimmer auf den Kopf.«

Broders kündigte an, mit der Schutzpolizei sprechen zu wollen, die am Morgen mit als Erste vor Ort gewesen war. Pia ließ sich von Jörg Seesen den Weg nach oben zeigen. Schelling, ein von ihr sehr geschätzter Kollege vom K6, der Lübecker Kriminaltechnik, gab ihr eine Zusammenfassung der bisherigen Erkenntnisse.

»Hedwig Seesen wurde heute Morgen hier oben in ihrem Schlafzimmer tot aufgefunden. Du kannst von der Tür aus einen Blick in den Raum werfen, Pia. Wir haben aber auch alles auf Foto und Video.«

Sie sah in ein nüchtern und altmodisch eingerichtetes Zimmer. Bis auf den süßlichen Geruch und die Blutflecken auf der weißen Bettwäsche bemerkte sie nichts Ungewöhnliches. »Die Frau lag da auf dem Bett?«, fragte sie.

»Genau. Die Tote ist aber schon vor einer halben Stunde abgeholt worden. Neben dem Bett steht noch eine Plastikschüssel mit Wasser und Blut. Die mutmaßliche Tatwaffe, ein Rasiermesser, lag daneben am Boden. Das haben wir schon eingetütet.«

»Habt ihr irgendeinen Hinweis entdeckt, der auf Fremdverschulden hindeutet?«, wollte Pia wissen. »Brauchen wir den zuständigen Staatsanwalt vor Ort?«

»Von uns aus nicht.«

»Gibt es einen Abschiedsbrief?«

»Bisher hat sich keiner gefunden.« Schelling zog sich die Kapuze seines weißen Overalls herunter und kratzte sich am Kopf. »Wenn du meine Meinung hören willst: Die Tote hat alles wohlgeordnet hinterlassen. Die getragenen Kleidungsstücke zum Beispiel, die sauber gefaltet über dem Stuhl liegen. Das ist typisch. Außerdem weist die Leiche Probeschnitte auf, bevor die Pulsadern geöffnet wurden. Ein Suizid wie aus dem Lehrbuch.«

»Können Sie sich einen Grund dafür vorstellen, warum Ihre Mutter sich das Leben genommen hat?« Pia und Broders saßen Jörg Seesen im Wohnzimmer des Hauses gegenüber. Er hatte ihnen einen Platz in einer weichen, mit grauem Leder bezogenen Sitzgruppe angeboten. Pia vermied es, sich anzulehnen. Sie wusste nicht, ob sie ohne Hilfe wieder hochkommen würde.

»Nein, überhaupt keinen! Ich hatte eher den Eindruck, dass meine Mutter sich auf die bevorstehende Hochzeit freut. Oxana und ich wollen heiraten. In anderthalb Wochen ist es … wäre es so weit gewesen. Wir werden es wohl verschieben.«

Er runzelte die Stirn und schüttelte dann abwehrend den Kopf.

»Glauben Sie, dass Ihre Mutter ihrem Leben nicht selbst ein Ende gesetzt hat?«, fragte Pia vorsichtig.

»Nein! Was soll denn sonst passiert sein?«

Genau das war die Frage.

»Wer stand Ihrer Mutter nahe?«

»Wir. Ihre Familie natürlich.«

»Was ist mit Ihrem Vater?«

»Er ist gestorben. Ein Unfall. Das ist schon ewig her.«

»Ein Autounfall?«

»So ungefähr. Mit dem Trecker …« Er zögerte. »Mutters Familie, das sind nur meine Schwester Carola und ich. Carola wohnt auch in Düsterbruch. Alle anderen, Geschwister meiner Eltern und so, sind tot.«

»Hat sich Ihre Mutter gut mit Ihrer zukünftigen Frau verstanden?«

»Ja, natürlich.« Jörg Seesen presste die Kiefer aufeinander.

»Ist in den letzten Tagen etwas Besonderes vorgefallen? Etwas, das den Entschluss Ihrer Mutter, sich umzubringen, ausgelöst haben könnte?«

»Nein. Bis auf unsere Hochzeitsvorbereitungen. Vielleicht war das letzten Endes doch alles etwas zu viel für sie.« In seinem Gesicht spiegelten sich unterschiedliche Emotionen. Pia meinte Schock, Trauer, Ärger und ein gewisses Schuldbewusstsein herauszulesen. Aber auch das war normal. Er fragte sich bestimmt, ob er aufmerksam genug gewesen war oder ob er ihren Selbstmord hätte verhindern können.

»Wer hat Ihre Mutter zuletzt lebend gesehen?« Broders arbeitete die Routinefragen ab.

»Oxana und ich. Meine Mutter fühlte sich gestern nicht so wohl. Sie ist nach dem Abendbrot gleich zu Bett gegangen. So gegen neun. Als sie heute Morgen nicht wie gewohnt zum Frühstück erschien, ging Oxana hoch und … und hat sie gefunden.«

»Inwiefern fühlte Ihre Mutter sich nicht wohl?«

»Wir hatten gestern Nachmittag eine Art Hochzeitsprobe in der Kirche. Es wird eine deutsch-russische Hochzeit. Eine richtige Swabda, wie Oxana es nennt. Sie machen sich keinen Begriff, an was man da alles denken muss. Meine Mutter kam plötzlich in die Kirche gestürzt. Sie hatte eine Art … Nervenzusammenbruch, meinte Doktor Godewind.«

»Ist das Ihr Hausarzt? Hat er Ihre Mutter untersucht?«

»Er war kurz hier, aber sie hat nicht mit ihm gesprochen. Sie hat gar nicht mehr gesprochen.«

Seltsam. Pia sah zu Broders hinüber. Der nickte. Auch den Hausarzt würden sie befragen müssen. Und da war auch noch Oxana Markowa, die ja wohl ebenfalls Zeugin des sogenannten Nervenzusammenbruchs gewesen war. Sie ließen Jörg Seesen gehen und baten ihn, seiner Verlobten Bescheid zu sagen, dass sie auch befragt werden sollte.

»Möchten Sie mit Frau Markowa oder mit Oxana Alexejewna angeredet werden?«, fragte Pia, nachdem Seesens Lebensgefährtin ihren Namen zu Protokoll gegeben hatte. Pias Nachbar Andrej hatte ihr mal erklärt, was es mit Vor-, Vaters- und Nachnamen in Russland auf sich hatte.

»Das ist mir beides recht«, sagte Oxana und lächelte zurückhaltend. Sie hatte anmutig in einem Sessel gegenüber von Pia und Broders Platz genommen. Eine ungewöhnlich schöne Frau, dachte Pia, aber erst auf den zweiten Blick. Sie schien ungeschminkt zu sein, oder sie war so geschickt, dass es nur so aussah, als wäre sie es. Sie trug Jeans, eine helle Baumwollbluse und flache Schuhe und schaffte es, darin auch noch elegant auszusehen. Oxana Markowa antwortete präzise, wenn auch zurückhaltend auf ihre Fragen. Als sie zu dem Vorfall in der Kirche kamen, geriet sie ins Stocken. »Hedwig kam plötzlich rein. Sie sah so aus, als hätte sie etwas fürchterlich erschreckt.«

»Was könnte das gewesen sein?«

Oxana zuckte mit den Schultern.

»Beschreiben Sie bitte genau, was in der Kirche passiert ist.« Pia beugte sich ein Stück vor, musste aber in der Bewegung stoppen, weil ihr Bauch im Weg war.

»Es ging gerade darum, wie wir zum Altar gehen wollen. Jörg wurde langsam ungeduldig. Er hält sich nicht gern in geschlossenen Räumen auf.« Sie runzelte die Stirn. »Da ging die Tür auf, und Jörgs Mutter kam herein. Zuerst habe ich sie gar nicht erkannt. Es war dunkel da drinnen, und sie bewegte sich so komisch. Wie eine Fremde. Wir sind zu ihr gelaufen. Jörg sprach sie an. Sie sagte, dass sie einen Fehler gemacht habe.« Oxana Markowa wurde eine Spur blasser.

»Was für einen Fehler?«

»Ich weiß nicht. Sie war vollkommen verwirrt.« Die Russin presste die Lippen aufeinander und sah zur Seite.

»Und weiter?«, fragte Pia.

»Ich sah das Blut.«

»Blut?«

»Sie hatte Blutflecken im Gesicht und an den Händen.«

»Hatte sie sich verletzt?« Broders klang nun hellwach.

»Es war wohl Hühnerblut«, sagte Oxana Markowa matt. »Ich habe heute Morgen mit unserer Nachbarin gesprochen. Mona Falke. Sie hat mir erzählt, dass Hedwig gestern noch bei ihr war, kurz bevor sie in die Kirche gekommen ist. Mona hat gerade ihre Hähne geschlachtet. Sie sagte, Hedwig habe plötzlich neben ihr gestanden. Dabei sei sie aus Versehen mit dem Blut bespritzt worden. Hedwig ist dann, ohne ein Wort zu sagen, weggerannt. Mona macht sich Vorwürfe deswegen.«

Pia ließ sich die Adresse der Frau geben. Das mit dem Hühnerblut unterbrach die Routine dieser Ermittlung ein wenig. Nicht dass sie glaubte, dass es viel bedeutete, aber es war eine interessante Einzelheit.

»Um wie viel Uhr ist Hedwig Seesen in die Kirche gekommen?«, hakte Pia nach.

»Jörg und ich waren um vier mit dem Pastor verabredet. Und wir hatten schon eine Weile miteinander geredet. Ich schätze, es war so zehn nach vier oder vielleicht auch Viertel nach …«

»Kam für Sie Hedwig Seesens Selbstmord überraschend?«

»Ich weiß nicht. Hedwig war immer so …«, sie suchte nach dem richtigen Wort, »zurückhaltend. Ich dachte, es fällt ihr schwer, Haus und Hof an eine andere Frau zu übergeben. Aber Jörg hat mir versichert, dass seine Mutter glücklich ist, weil er mich gefunden hat.« Oxana blickte in Richtung Fenster. »Manchmal sah Hedwig traurig aus, aber sie hat nie etwas gesagt.«

Pia nickte. Es passte ins Bild, wenn die Frau etwas bedrückt hatte, über das sie aber nicht hatte sprechen wollen. Oxana leckte sich nervös die Lippen. »Gibt es noch etwas, das Sie uns sagen wollen?«, fragte Pia.

»Ich weiß nicht. Es kann sein, dass ich mich verhört habe. Ganz am Schluss sagte Hedwig noch etwas Merkwürdiges.«

»Und zwar?«

»Ich glaube, die anderen haben es gar nicht so mitbekommen. Sie sagte, dass es Mord war. Ich dachte erst, ich hätte mich verhört. Aber jetzt, wo ich weiß, dass Hedwig vorher im Hühnerstall war …«

»Sie denken, sie hat ein Huhn gemeint?«

»Was denn sonst?«

Pia hob die Augenbrauen. Der Gedanke daran, was am Nachmittag vor Hedwig Seesens Tod passiert war, löste ein seltsames Gefühl zwischen ihren Schulterblättern aus.

»Wen befragen wir als Nächstes? Unsere Mörderin? Die Dame, die das Hühnerblut verspritzt hat?«, schlug Pia vor, nachdem Oxana Markowa den Raum wieder verlassen hatte.

»Mona Falke steht auf meiner Liste. Aber wir brauchen auch noch die Aussagen der Tochter, die hier in Düsterbruch lebt, des Hausarztes und vielleicht des Herrn Pastor …«

Pia stemmte sich wenig graziös aus den weichen Polstern hoch. Sie sah, dass Broders sie ungeniert dabei beobachtete.

»Wen willst du als Erstes belästigen?«, fragte er.

»Das Auge, Ohr und Sprachrohr Gottes.«

»Jetzt weiß ich, was die Leute in diesem Dorf hält.« Broders sah zum Pfarrhaus zurück, das langsam hinter Bäumen und Büschen verschwand.

»Du spielst doch nicht auf den wahnsinnig gut aussehenden Pastor an, oder?« Pia watschelte ungelenk neben ihrem Kollegen her. Sie hatte sich beim Sitzen auf den harten Stühlen im Pfarrbüro einen Nerv eingeklemmt.

»Gegen den ist George Clooney ein Hühnerschiss! Da bekommt das Wort ›Gemeindearbeit‹ einen ganz anderen Klang. Meinst du, er ist verheiratet?«

»Ich habe weit und breit keine Frau gesehen. Über Hedwig Seesen wusste er allerdings auch nicht viel zu berichten. Ich hatte erwartet, dass er uns mehr erzählen würde – in so einem kleinen Ort kennt man sich doch.«

»Immerhin hatte er den Eindruck, dass sie etwas bedrückt hat«, verteidigte Broders den Pastor.

»Schade, dass er uns nichts Genaueres sagen konnte.«

»Vielleicht darf er das ja auch gar nicht.«

»Wieso?«

»Wenn Hedwig Seesen ihm mal etwas Persönliches anvertraut hat, fällt das unter seine Schweigepflicht als Pastor.«

»Du meinst das Beichtgeheimnis?«, fragte Pia.

»Das gibt es meines Wissens nach auch in der evangelischen Kirche.«

Pia und Broders bogen am Dorfplatz in eine leicht ansteigende Straße ein, an der, aufgereiht wie an einer Schnur, Einfamilienhäuser neueren Datums standen. Sie wollten auch noch Carola von Alsen befragen, Hedwig Seesens Tochter. Der leicht ziehende Schmerz in Pias Leiste wurde nicht besser. Um sich abzulenken, betrachtete sie die neu angelegten Gärten mit den Schaukeln, Trampolinen und Sandkisten. Hier wohnten dem Anschein nach nur junge Familien. Brauchten Kinder all das?, fragte Pia sich. Das würde sie ihrem Kind, das sie zurzeit noch komfortabel in ihrem Bauch mit sich trug, nicht bieten können. Schon finanziell ein Ding der Unmöglichkeit, selbst wenn Hinnerk sie unterstützte. Wenn … Sie war heute Abend mit ihm verabredet, weil er noch etwas mit ihr besprechen wollte. Das bevorstehende Treffen beunruhigte sie, trotz der Aussicht auf ein leckeres Abendessen in einem Restaurant.

Hinter dem letzten Einfamilienhaus begann eine Feldsteinmauer, dahinter lag dichter Tannenwald. Er gehörte zum Besitz der von Alsens, der Familie, in die Hedwig Seesens Tochter Carola eingeheiratet hatte. Hinter einer Kurve öffnete sich die Mauer zu einer Zufahrt, die in tiefem Schatten lag. Das Haus der von Alsens war ein imposanter Kasten, symmetrisch angelegt, mit zwei vollen Geschossen und einem mit Gauben versehenen Mansardendach.

»Pass auf, jetzt kommt der Butler«, scherzte Broders, nachdem sie zur Eingangstür hinaufgestiegen waren.

»Ich bin für Mrs. Danvers von Manderley.« Pia klingelte. Sie zuckte zusammen, als die Tür überaus schwungvoll aufgerissen wurde.

Eine junge Frau stand im Türrahmen, die so dünn war, dass Pia sich versucht fühlte, in ihrer Jackentasche nach einem Schokoriegel zu fahnden. Sie trug hautenge Jeans und ein Hemdchen, unter dem man einen leuchtend violetten BH erkennen konnte. Entweder scheute man hier keine Heizkosten, oder sie litt unter postpubertärer Hitze. »Was wollen Sie?«, fragte sie unfreundlich.

Ein großer Hund kam hinzu und setzte sich neben sie. Ein Rhodesian Ridgeback, dem Streifen gegen den Strich wachsenden Fells auf seinem Rücken nach zu urteilen. Eine Rasse, die aus dem südlichen Afrika stammte und angeblich die einzige war, die Löwen angriff. Der Löwenbezwinger schüttelte den Kopf, und feine Speicheltropfen flogen auf die Fliesen.

»Kriminalpolizei. Wir möchten mit Carola von Alsen sprechen.«

»Nee, die Kripo? Wow!« Das Mädchen verzog spöttisch das Gesicht. »Meine Stiefmutter ist beschäftigt. Warten Sie mal!« Sie knallte ihnen die Tür vor der Nase zu.

Broders griente. »Reizend, die Stiefmama!«

Carola von Alsen sah aus, als hätte sie geweint. »Mein Bruder hat Sie schon angekündigt. Sie müssen entschuldigen, aber ich stehe noch völlig neben mir«, sagte sie und wischte sich mit dem Ärmel über das rot verquollene Gesicht.

»Es dauert nicht lange. Wir haben nur ein paar Routinefragen.«

Sie nickte. »Kommen Sie. Wir gehen ins Gartenzimmer.«

Von der Stieftochter war nichts mehr zu sehen. Der Hund tapste durch die Diele und nahm dann in einem gigantischen Hundekorb unter der Treppe Platz. Seine gelben Augen schimmerten im Dämmerlicht und folgten jeder ihrer Bewegungen.

Pia und Broders gelangten durch eine dunkle Zimmerflucht in einen verglasten Anbau. Ein fahrbarer elektrischer Heizkörper hing neben der Tür an der Steckdose und sog munter Strom, um den Wintergarten auf gefühlte achtundzwanzig Grad zu erwärmen.

Carola von Alsen deutete auf eine Rattan-Sitzgruppe und sank dann in einen der Sessel, der protestierend knirschte. »Ich kann immer noch nicht glauben, dass meine Mutter sich umgebracht hat«, sagte sie. »Ich hätte nie damit gerechnet. Obwohl … Sie war manchmal deprimiert. Die ganze Familie Seesen ist nicht gerade ein Karnevalsverein.«

»Wer gehört alles zur Familie Seesen?«

»Nur noch Jörg und ich.«

»Wer war die junge Frau, die uns die Tür geöffnet hat?«

»Tizia ist die Tochter meines Mannes. Er war in erster Ehe mit einer Amerikanerin verheiratet: Lindsay Parker. Sie hatte sich wohl in Titel und Herrenhaus verliebt, um dann festzustellen, dass es in Düsterbruch nicht halb so romantisch ist, wie sie es sich vorgestellt hat. Lindsay hat sich schnell wieder in die Staaten verdrückt und Enno mit dem Kind hier sitzen gelassen.«

»Enno von Alsen ist Ihr Mann?« Pia machte sich Notizen. »Wie war seine Beziehung zu Ihrer Mutter?«

Carola von Alsen zuckte mit den Schultern. »Enno kommt mit jedem gut aus. Er tritt niemandem zu nahe. So wurde er erzogen. Sie können ja mal mit meiner Schwiegermutter reden …« Carola von Alsen verdrehte die Augen und sah nach oben. »Sie wohnt im ersten Stock.«

»Kann Ihre Schwiegermutter uns etwas über die Beweggründe Ihrer Mutter sagen?«

»Oh, falls Sie an Vertraulichkeiten denken«, Carola von Alsen schüttelte den Kopf. »Veronika ist ein … Relikt. Sie ist derselbe Jahrgang wie meine Mutter, aber sie gehört trotzdem einer anderen Generation an. Sie wird Ihnen rein gar nichts über meine Mutter erzählen können. Höchstens, dass das Gemüse aus dem Seesen’schen Garten besser schmeckt als das aus dem Supermarkt.«

»Ich verstehe nicht ganz …«

»Veronika denkt, die von Alsens sind noch wer. Aber was hat diese Familie noch? Güter? Ländereien? Wenn es so weitergeht, haben wir bald nicht mal mehr ein Grundstück! Na, egal.«

Ein Vogel flog mit lautem »Tock« gegen eine der Scheiben und fiel zu Boden. Das erinnerte Pia an etwas.

»Gestern Nachmittag, bevor Ihre Mutter in die Kirche kam, da war sie angeblich bei einer Frau namens Mona Falke. Die hat gerade Hühner geschlachtet, und Ihre Mutter ist dabei mit Blut bespritzt worden. Sie soll darauf recht merkwürdig reagiert haben. Können Sie das erklären?«

»Nein. Meine Mutter hat zwar seit Jahrzehnten nicht mehr selbst geschlachtet, aber sie war an so was gewöhnt.«

»Wann haben Sie Ihre Mutter zuletzt gesehen?«, fragte Broders.

»Ich war vorgestern bei ihr. Ich konnte mit ihr über fast alles sprechen. Über Tizia zum Beispiel. Es ist nicht immer einfach mit ihr.« Eine steile Falte erschien zwischen Carola von Alsens Augenbrauen.

»Wie hat sich Ihre Mutter mit Oxana Markowa verstanden? Immerhin lebten sie ja unter einem Dach«, wollte Pia wissen.

»Meine Mutter war froh, dass Jörg endlich heiratet. Es wird ja auch höchste Zeit. Er ist schon vierunddreißig!«

Kaum älter als ich, dachte Pia. Das war doch nicht zu spät, um eine neue Partnerschaft einzugehen, oder? »Mochte Ihre Mutter ihre zukünftige Schwiegertochter?«

»Ich kann mir niemanden vorstellen, der Oxana nicht mögen würde«, wich Carola von Alsen einer konkreten Antwort aus.

»Warum ein Suizid, so kurz vor der geplanten Hochzeit?«

»Vielleicht war sie ja krank? Eine Art Gemütskrankheit? Ich halte nicht viel von ihrem Hausarzt, diesem Godewind! Wenn meine Mutter zu einem richtigen Arzt gegangen wäre, hätte der bestimmt erkannt, was mit ihr los war, und sie dagegen behandelt.« Carola von Alsen funkelte die Kriminalbeamten wütend an. Ihre Reaktion war nicht ungewöhnlich bei einem Fall von Suizid im Familienkreis. Denn darauf lief es wohl hinaus. Wenn es denn keine neuen Hinweise gab, die auf etwas anderes hindeuteten.

3. Kapitel

Schluss für heute?«, fragte Broders. »Du hast doch noch eine Verabredung? Ich setze dich zu Hause ab. Danach kann ich ja noch mit Gabler telefonieren und ihn auf den neuesten Stand bringen.«

Pia sah auf ihre Armbanduhr und nickte.

»Ist ja eh reine Routine«, meinte Broders. »Morgen machen wir nach der Frühbesprechung noch ein paar abschließende Befragungen, und das war’s dann. Es sei denn, es kommt etwas dazwischen.«

»Was soll denn dazwischenkommen? Ach, das! Es ist noch mindestens zwei Wochen hin, Broders«, sagte Pia ärgerlich.

»Hauptsache, der da drinnen weiß das auch«, entgegnete Broders selbstgefällig.

»Der oder die.«

»Dass du das immer noch nicht weißt! Wir haben uns über den Namen deines Kindes ein paar Gedanken gemacht.«

Pia brauchte ihn nicht anzusehen, um zu wissen, dass er jetzt von einem Ohr zum anderen grinste. »Gerlach und ich, wir dachten, wenn du es schon nicht tust …«

»Ich weiß die Namen«, sagte Pia würdevoll.

»Was hältst du von Kiki oder Nicki?«, fragte er und gluckste belustigt. »Kiki Korittki? Klingt doch toll, oder?«

Pia hatte gerade noch Zeit, zu duschen und sich umzuziehen, bevor sie zu ihrer Verabredung mit Hinnerk aufbrechen musste. In der engen, nachträglich in die Küche der Altbauwohnung eingebauten Kabine war das Duschen ein mühsames Unterfangen. Und auch das Umziehen machte keinen Spaß mehr, da sie nur die eine Schwangerschaftshose gegen die zweite austauschen konnte. Ihr weitestes T-Shirt spannte über ihrem Bauch, und die Jacke, die sie darüberzog, ließ sich nicht mehr schließen. Es war ja nicht mehr lange hin. Nach der letzten Untersuchung hatte ihre Ärztin ihr mitgeteilt, dass der Kopf ihres Kindes jetzt fest im Becken sitze. Ein Freifahrtschein für Unternehmungen jeglicher Art, von denen ein romantisches Abendessen mit Hinnerk noch das harmloseste war. Romantisch? Im äußersten Fall würde der Spaziergang dorthin romantisch werden.

Das Restaurant auf dem Koberg lag zu Fuß gerade mal eine Viertelstunde von ihrer Wohnung entfernt. Pia bog vom Rohwedders Gang in Richtung Obertrave, um am Wasser entlangzugehen. Sie sah zu den alten Salzspeichern am anderen Ufer hinüber und beobachtete, wie sich eine dunkelgraue Wolkenbank darüberschob. Noch leuchteten die Fassaden der Häuser an der Obertrave im Abendlicht, aber gleich würde es wieder regnen. Vielleicht sollte sie doch den kürzeren Weg, die große Petersgrube hoch durch die Altstadt, nehmen? Aber sie wollte ihre Ankunft im Shanghai noch etwas hinauszögern.

Warum eigentlich? Woher kam dieses Unbehagen? Hinnerk und sie waren nicht mehr zusammen. Sie hatten sich vorgenommen, befreundet zu bleiben, und er wollte sie in der neuen Situation mit Kind nach Kräften unterstützen. Er war mutmaßlich der Vater, aber ganz sicher war das nicht. Pia hätte nie geglaubt, dass ausgerechnet sie sich in so eine Zwangslage manövrieren könnte. Sie war damals, neun Monate war es her, noch mit Hinnerk zusammen gewesen. In der Beziehung hatte es gekriselt, woran sie selbst bestimmt nicht ganz unschuldig gewesen war. Aber ihn mit ihrer Schwester Nele zusammen vor einem Einkaufszentrum zu sehen, in trauter Zweisamkeit … das war ein regelrechter Schock gewesen. Kurz darauf war sie in Italien auf einer Dienstreise einem ehemaligen Freund und Kollegen, Marten Unruh, wieder begegnet. Sie hatte eine einzige, verhängnisvolle Nacht mit ihm verbracht. Und dann feststellen müssen, dass sie ungeplant schwanger geworden war. Doch wer war der Vater ihres ungeborenen Kindes?

Erst hatten Hinnerk und sie gehofft, dass die gemeinsame Verantwortung sie wieder zusammenbringen würde, aber die Verletzungen gingen zu tief. Der Kompromiss war eine Freundschaft, die für Pia von einem diffusen Unbehagen begleitet war.

Sie überquerte die Holstenstraße und ging an der Stadt-Trave weiter bis zur Drehbrücke. Dort bog sie nach rechts in die Engelsgrube, die zum Koberg hin anstieg. Viele Straßen und Orte in Lübeck erinnerten sie mittlerweile an Fälle, an denen sie mal mitgearbeitet hatte. Wie eine Landkarte des Verbrechens, nur in ihrem Kopf.

Oben, unter einem der Schwibbogen zwischen der Schiffergesellschaft und dem Gebäude, das das Restaurant Shanghai beherbergte, stand Hinnerk. Er wartete mit in den Jackentaschen versenkten Händen auf sie. Pia konnte immer noch nachfühlen, was sie damals zu ihm hinzogen hatte, und sie wappnete sich dagegen, alte Gefühle für ihn in sich aufsteigen zu lassen. Vorbei war vorbei.

»Na, wie geht es euch beiden?«

»Mir geht es gut.« Pia musterte ihn. Er sah gehetzt aus. »Und dir?«

»Bestens. Lass uns reingehen! Ich habe den schönsten Tisch für uns reserviert.«

Ihr Unbehagen verstärkte sich. Er kann zumindest nicht mit dir Schluss machen, weil längst Schluss ist, rief sie sich ins Gedächtnis. Himmel, er hatte doch wohl nichts wirklich Idiotisches vor?

Sie bestellten ihr Essen. Pia nahm als Vorspeise eine Wan-Tan-Suppe à la Shanghai. Es war eine Art Ritual. Mittlerweile hatte sie das Gefühl, das Universum müsse aus den Fugen geraten, sollte sie einmal in einem asiatischen Restaurant als ersten Gang Frühlingsrollen auswählen. Heute würde sie diesbezüglich bestimmt kein Risiko eingehen.

Hinnerk sah sie immer wieder lauernd an.

»Meine Kollegen nennen mich übrigens jetzt ›Boje‹«, sagte sie, um das unbehagliche Schweigen zu brechen.

»Willst du nicht langsam mal aufhören zu arbeiten? Mein Gott, Pia, wann ist der Stichtag? Am Dreizehnten? Das ist mal wieder typisch für dich, dass du so unvernünftig bist!« Er versuchte, den Vorwurf mit einem Lächeln zu mildern, doch es geriet ihm schief.

»Meine Ärztin hat nichts dagegen, vor der Geburt ist es gesetzlich erlaubt, und mir hilft’s. Es heißt doch, wenn es der Mutter gut geht …« Sie nahm einen Schluck von der Cola, die ihr soeben serviert worden war.

»Ich bin mit dem Auto hier«, sagte er unvermittelt. »Ich habe eine Kiste mit Sachen von dir darin, die du mal bei mir auf dem Dachboden abgestellt hast, weißt du noch?«

»An die habe ich gar nicht mehr gedacht. Wieso jetzt gerade? Räumst du auf? Verlangt deine neue Mitbewohnerin etwa mehr Stauraum?« Nachdem klar gewesen war, dass Pia nicht mit in seine Vierzimmerwohnung einziehen würde, hatte Hinnerk wieder einen Mitbewohner gesucht und eine Studentin gefunden, mit der er die Miete (und wer wusste, was sonst noch) teilte.

»Ach, Jantje. Die ist schon längst wieder ausgezogen.«

Pia prüfte kurz ihre diesbezüglichen Gefühle. War sie erleichtert? Hinnerk sah so aus, als hätte er ein ziemlich schlechtes Gewissen. Was kam denn jetzt? Sie wollte wenigstens die Wan-Tan-Suppe essen, bevor er ihr den Appetit verderben konnte.

»Die Vorspeise kommt.« Pia sah erleichtert auf, und Hinnerk schien kurzfristig aus dem Konzept gebracht zu sein. Sie löffelten schweigend. Pia lauschte den Gesprächen am Nebentisch, die wesentlich lockerer zu verlaufen schienen als ihre Abendunterhaltung.

Als sie fast aufgegessen hatte, legte Hinnerk seinen Löffel beiseite und schob mit einer entschlossenen Geste seine Suppentasse von sich. Er beugte sich zu Pia hinüber.

»War die nicht in Ordnung?«, fragte sie. Irgendetwas trieb sie dazu, ihn nicht dazu kommen zu lassen, das zu sagen, was er sich vorgenommen hatte.

»Doch. Aber ich brauche noch etwas Platz für die Ente. Außerdem wollte ich …«

»Keine Sorge. Die Kiste mit meinen Sachen kannst du mir nach dem Essen geben. Ich bin allerdings zu Fuß hier. Vielleicht kannst du sie noch zu mir nach Hause fahren?«

»Kein Problem. Ich trage sie dir auch die Treppen hoch.« Er holte tief Luft.

»Irgendwo bekomme ich die Kiste bestimmt auch noch unter«, redete Pia entschlossen weiter. »Durch Wiege, Wickelkommode, Kinderwagen und Autositz ist es auf vierzig Quadratmetern allerdings mittlerweile recht eng …«

»Pia!« Hinnerk sah inzwischen so aus, als hätte er eine Notlandung mit einem Airbus vor sich.

»Da kommt unser Essen«, sagte sie lächelnd.

Die Ente war gut und lenkte Pia von ihrem verdrießlich kauenden Gegenüber und der gesamten verfahrenen Situation ab. Da Hinnerk offenbar während des Essens nichts Weltbewegendes zu ihrer Konversation beitragen wollte, erzählte sie ihm von Broders’ Namensvorschlägen.

»Das machst du doch nicht, oder?«, fragte Hinnerk erschrocken. »Das Kind Kiki nennen oder Nicki?«

»Es war ein Spaß!«

»Die Späße deiner Kollegen waren mir immer suspekt.«

»Fang bitte nicht wieder damit an.«

Hinnerk sah schweigend zu, wie der Kellner das Geschirr abräumte. Er fragte hoffnungsvoll nach ihrem Dessertwunsch, was Hinnerk einsilbig ablehnte. Pia, die sich auf eine Nachspeise gefreut hatte, schrieb das Dessert in seiner Gesellschaft ebenfalls ab. Was sollte das Ganze hier eigentlich? Ein entspannter Abend in einem Restaurant war jedenfalls etwas anderes.

Hinnerk warf ihr einen ängstlichen Blick zu und griff dann in seine Jacketttasche. Erst jetzt fiel Pia auf, dass er für seine Verhältnisse geradezu offiziell und feierlich gekleidet war: ein hellblaues Hemd und ein Jackett! Und was suchte er da in seiner Tasche? Als ihr einfiel, was das sein könnte, lief ihr ein heißer Schauer über das Gesicht. Nur das nicht!, dachte Pia. Er würde doch nicht …

Hinnerk zog ein zusammengefaltetes Blatt Papier hervor, strich es glatt und legte es ihr hin. Sie warf im Schummerlicht einen raschen Blick darauf, doch die Buchstaben verschwammen vor ihren Augen. Es sah aus wie ein behördliches Schreiben. Viel aufschlussreicher, wenn auch nicht gerade beruhigend, war Hinnerks Mienenspiel dazu: Aufregung, Freude, doch auch eindeutig ein schlechtes Gewissen.

»Was bedeutet das?«, fragte sie. Die Situation entwickelte sich nicht zu ihren Gunsten, das war klar.

»Meine Immatrikulationsbescheinigung.« Er lächelte stolz, aber auch verlegen. »Ich habe endlich einen Studienplatz für Medizin bekommen.«

»Das ist doch wunderbar. Herzlichen Glückwunsch!« Irgendwie hatte Pia das Gefühl, etwas zu übersehen. Ihre freudige Reaktion war ihm unangenehm.

»Die Sache hat einen Haken«, räumte er ein.

»Und zwar?« Noch konnte Pia sich nicht vorstellen, dass etwas unangenehmer sein könnte als die Vorstellung, er würde ihr aus purem Pflichtgefühl kurz vor der Geburt ihres Kindes einen Heiratsantrag machen. Sie hatte doch allen Ernstes befürchtet, er würde eine Schachtel mit einem Ring aus der Tasche zaubern, wie in einem alten Hollywood-Streifen.

»Ich kann sofort anfangen. Aber nicht in Lübeck, sondern in Budapest.«

»Budapest?« Vor Pias innerem Auge rollte sich eine Karte ab auf der Suche nach Budapest … nicht in Schleswig-Holstein, nicht in Deutschland – in Ungarn! Er hätte auch Timbuktu sagen können.

»Das Semester hat schon angefangen. Deshalb muss ich mir jetzt auch so schnell wie möglich in Budapest eine Wohnung suchen und umziehen.«

»Wann musst du weg?« Ihre Stimme klang fremd. »Und überhaupt. Sprichst du neuerdings Ungarisch?«

»Die Vorlesungen sind auf Englisch. Das werde ich schon schaffen. Es geht einfach nicht anders. Das verstehst du doch, oder?«

»Na klar.« Sie wollte nicht zynisch klingen. Sie war nur … überrascht. Auch von seinem Eifer und dem plötzlichen Glanz in seinen Augen. Er hatte offensichtlich gerade den unangenehmen Teil des Abends hinter sich gebracht. Nun war es an ihr, die Neuigkeit zu verdauen. Ganz ruhig. Es war gar nichts passiert. Sie griff nach ihrem Glas, um Zeit zu gewinnen. Es war leer.

»Soll ich dir noch was bestellen?«

»Nein, danke.« Dann, nach kurzem Nachdenken: »Läuft das jetzt über das Immatrikulationsamt: ›Herr Joost, in Deutschland haben wir leider momentan nichts für Sie, aber wie wäre es mit einem Medizin-Studienplatz in Ungarn?‹« Reiß dich zusammen, dachte Pia, kein Sarkasmus, sonst tut es dir später leid.

»Nein. Ein Freund hat mich auf die Idee gebracht. Ich musste mich schon selbst um alles kümmern. Billig wird das auch nicht. Aber was soll ich machen? Ich werde auch nicht jünger.«

Das war es also mit der gemeinsamen Verantwortung für das Kind. Ihr fiel nichts ein, was sie dazu sagen konnte.

»Ich muss doch auch an meine Zukunft denken«, meinte er trotzig.

»Klar. Ich verstehe das.« Pia winkte dem Kellner, um zu zahlen.

»Die Rechnung übernehm ich. Du bist eingeladen«, sagte er. War er erleichtert, so unkompliziert und schnell davongekommen zu sein?

»Warum das denn? Es ist alles in Ordnung.« Sie warf ein paar Geldscheine auf den Tisch und erhob sich.

Hinnerk winkte hektisch nach dem Kellner, um zu zahlen. »Pia, nun warte doch!«, rief er ihr halblaut hinterher.

Mitten auf dem weitläufigen Platz vor dem Restaurant blieb sie stehen. Vom Koberg hatte man einen schönen Blick auf das Heiligen-Geist-Hospital und die Jakobikirche. Tief durchatmen. Es war nichts passiert, was sie nicht sowieso schon geahnt hatte.

»Alles in Ordnung?«, fragte Hinnerk, der ihr gefolgt war.

»Ja. Ich hatte nur nicht damit gerechnet.«

»Ich weiß.« Er wagte nicht, ihr in die Augen zu sehen.

»Ich wünsche dir alles Gute in Ungarn, Hinnerk. Viel Erfolg!« Sie wandte sich zum Gehen.

»Pia!« Ein Anflug von Panik. »Soll ich dich nicht nach Hause fahren?«

»Nein, ich gehe lieber.« Ein Spaziergang durch die Stadt würde ihr guttun, dachte sie.

4. Kapitel

Pia schlief ein, als sich der Himmel, den sie durch das Dachflächenfenster über ihrem Bett sehen konnte, ins Lila-Grau der ersten Morgendämmerung verfärbte. Dementsprechend müde traf sie ein paar Stunden später im Polizeihochhaus ein. Sie fühlte sich wie unter einer Glasglocke gefangen. Ein Zustand, den sie unter normalen Umständen mit ein paar Bechern Kaffee bekämpft hätte. Nach der Frühbesprechung verabredete sie mit Broders, in einer halben Stunde noch mal nach Düsterbruch zu fahren. Bei der Aussicht darauf rauszukommen, hob sich ihre Laune. Sie wählte Schellings interne Nummer beim K6.

»Hast du noch was Neues im Fall Seesen für mich?«, fragte sie.

»Nichts, was deinen Pulsschlag nennenswert erhöhen würde. Das Zimmer von Hedwig Seesen war natürlich mit Spuren der Hausbewohner übersät. Die unbekannten Fingerspuren sind wahrscheinlich von dem Arzt, der sie zuerst untersucht hat. Das klären wir noch ab. Ansonsten war da nichts, was nicht da sein dürfte.«

»Und die Tatwaffe?«

»Darauf befinden sich nur die Fingerabdrücke des Opfers. Kein Hinweis auf Fremdeinwirkung. Morgen habt ihr unseren Bericht.«

»Was ist mit Hedwig Seesens Kleidung? Habt ihr Blutflecken darauf gefunden?«

»Ja, da war was. Die Klamotten lagen im Wäschekorb in ihrem Zimmer. Ich habe sie mit ins Labor gegeben, aber das dauert noch etwas.«

»Es ist wahrscheinlich nur Hühnerblut«, sagte Pia. »Aber besser, wir prüfen das nach.«

»Hühnerblut? Mal was Neues …«

»Ich wünschte, es gäbe einen Abschiedsbrief«, sagte Pia. »Bisher haben wir kein Motiv für die Tat.«

»Vielleicht war sie unheilbar krank? Warte erst mal den Obduktionsbefund ab.«

»Das hätten die Angehörigen doch bestimmt gewusst. Irgendwas muss eine Kurzschlusshandlung ausgelöst haben.« Hühnerblut?, dachte Pia. Das war grotesk.

»Meistens bleibt uns nichts anderes übrig, als die Entscheidungen unserer Mitmenschen zu akzeptieren.« Schelling klang resigniert.

Als das Gespräch beendet war, starrte Pia noch einen Moment auf den Hörer. Das Kind in ihrem Bauch strampelte.

Dr. Godewind hatte in einem Nachbarort von Düsterbruch seine Praxis. An diesem Dienstagvormittag war das Wartezimmer gerammelt voll, trotzdem gelang es der Arzthelferin, ihnen kurzfristig zu einem Gespräch mit dem gefragten Arzt zu verhelfen.

Er war zunächst sichtlich irritiert, zwei Beamte von der Kriminalpolizei in seinem Sprechzimmer vorzufinden, hatte sich aber schnell wieder im Griff. Dr. Godewind verfiel in den jovialen Tonfall, mit dem er wohl auch seine Patienten nervte. Er sei lange Jahre Hedwig Seesens Hausarzt gewesen, erzählte er, aber er habe nie eine behandlungsbedürftige Depression bei ihr festgestellt. Und auch organisch sei sie gesund gewesen wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser. Doch Klagen könne man sowieso nicht erwarten bei einer Frau ihres Alters und ihrer Herkunft. »Die kommen immer erst, wenn der Kopf schon ab ist«, meinte er. »Das ist hier auf dem Land nicht ungewöhnlich.«

Als er Hedwig Seesen am Morgen nach ihrem Tod untersucht hatte, war sie nach seiner Einschätzung schon mindestens zwei Stunden tot gewesen, eher länger. Sie hatte sich die Pulsadern aufgeschnitten, das hatte er sofort gesehen. Recht fachmännisch, seiner Einschätzung nach. Das Ganze sei ja gar nicht so einfach … Die meisten Menschen wussten nicht, wie sie schneiden mussten. Hedwig Seesen war mal Schwesternschülerin gewesen, hatte er gehört, daher ihre Kenntnisse. Zwei oder drei Probeschnitte, dann das Öffnen der Schlagader mit einem Rasiermesser, ein Gefäß mit warmem Wasser. Das war’s. Der Arzt wirkte bei dieser Feststellung durchaus zufrieden mit sich und der Welt.

Als Pia Godewinds Praxis verließ, war sie geneigt, die Einschätzung von Carola von Alsen zu teilen.

Mona Falke wohnte in einer Reetdachkate, die an einem unbefestigten Feldweg nahe der Düsterbrucher Kirche lag. Die Kate stand eng an den Wald geduckt, der zum Grundstück der von Alsens gehörte. Das Fachwerkgebäude war ein früher Repräsentant eines Doppelhauses. Die linke Haushälfte sah vernachlässigt und unbewohnt aus. Rechts hingegen strahlten blank geputzte Scheiben, hinter denen sich schneeweiße Vorhänge bauschten. Stiefmütterchen und Narzissen säumten in sauber geharkten Beeten den Plattenweg, der zur Haustür führte.

Pia betätigte den Türklopfer. Sie und Broders mussten den Kopf einziehen, um nicht gegen die ausladende Kante des Reetdaches zu stoßen.

Mona Falke war eine dünne Frau mit kurzem Haar in der Farbe von Kidneybohnen. Auf der Packung des Haarfärbemittels hatte sicherlich so etwas wie Kastanie oder Mahagoni gestanden, dachte Pia.

Das Wohnzimmer, in das sie geführt wurden, war klein, mit einer niedrigen Zimmerdecke und zu vielen Möbeln. Der Kamin, in dem ein künstliches Feuer flackerte, erinnerte Pia an die Puppenstube ihrer Kindheit.

»Arme Hedwig.« Mona Falke nahm ihnen gegenüber Platz. »Ich grüble und grüble, aber ich weiß einfach nicht, was vorgestern in sie gefahren ist.«

»Beschreiben Sie uns bitte, was am Tag vor ihrem Tod passiert ist!«

»Ich war gerade dabei, ein paar Hähne zu schlachten. Das Radio im Stall war an, deshalb habe ich es nicht gehört, als sie reingekommen ist.«

»Wissen Sie, um wie viel Uhr das war?«

»Die Nachrichten fingen kurz darauf an. Es muss ziemlich genau vier Uhr gewesen sein.«

»Was passierte dann?«

»Ich hatte das Tier nicht richtig erwischt. Die Halsschlagader, wissen Sie? Es spritzte. Ich wollte den geköpften Hahn gerade vom Hackklotz werfen … Die toten Vögel zappeln immer noch, und manche drehen noch ’ne Runde … Na ja. Da stand Hedwig plötzlich neben mir. Geradezu angeschlichen hatte sie sich. Ich hab mich ziemlich erschreckt!« Sie fasste sich an die linke Brust. »Und dann sah ich, dass Hedwig was von dem Hühnerblut abbekommen hatte. Da waren jedenfalls Blutspritzer in ihrem Gesicht. Gesagt hat sie kein Wort. Sie hat mich nur so seltsam angestarrt. Kreidebleich war sie! Sie hat ausgesehen wie ihr eigener Geist. Ehrlich. Genau das habe ich in dem Moment gedacht. Unheimlich, oder?«

»Und dann?«

»Ich hab sie darauf hingewiesen, dass sie etwas Blut abgekriegt hat, doch sie reagierte überhaupt nicht. Sie hat sich auf dem Absatz umgedreht und ist davongelaufen.«

»Wissen Sie, wohin?«

»Ich hab ihr nicht nachspioniert oder so. Später habe ich von Oxana gehört, dass sie wohl zur Kirche gerannt ist. Merkwürdig, so mit Blut besudelt, und dann in die Kirche zu laufen …«

»Kannten Sie Hedwig Seesen gut?«

»Ich kannte sie mein Leben lang. Ich habe früher oft bei den Seesens auf dem Hof ausgeholfen. Zur Ernte oder bei größeren Familienfesten. In letzter Zeit war ich aber kaum noch da. Und für Jörgs Hochzeit braucht man mich wohl gar nicht mehr. Da wird nämlich auswärts gefeiert. Eine Schande, bei dem großen Haus! Nun ja, muss ja ein jeder selbst wissen, wie er sein Geld rausscheddert, nicht wahr?«

Pia hatte den Eindruck, auf eine Quelle des Dorfklatsches gestoßen zu sein, und wollte sie so schnell nicht versiegen lassen. »Wie war das Verhältnis zwischen Hedwig Seesen und ihrer zukünftigen Schwiegertochter?«

»Oxana? Das ist eine ganz Gerissene. Ich versteh was vom Charakter der Menschen. Alle sehen nur ein hübsches Gesicht, von ihrem Körper ganz zu schweigen.« Sie warf Broders einen lauernden Blick zu. »Aber so recht werde ich nicht schlau aus ihr. Und dann noch diese Freundin, die dauernd hier herumlungert.«

»Welche Freundin?«

»Ach, Oxana hat eine Freundin, die schon ein paarmal hier war. Nadja Ivanov oder so ähnlich. Die Frau sucht bestimmt auch einen, den sie heiraten kann. Wenn der Jörg da mal keinen Fehler macht …«

Oxana Markowa hatte auf Pia nicht den Eindruck gemacht, dass sie aus wirtschaftlichen Gründen heiraten wollte. Im Gegenteil, sie glaubte, echte Zuneigung zwischen den beiden gespürt zu haben.

»Jörg hat Oxana in St. Petersburg kennengelernt«, berichtete Mona Falke weiter. »Er macht Geschäfte in Russland und in der Ukraine. Früher haben die Bauern sich von ihrem eigenen Grund und Boden ernährt, aber heute reicht das wohl nicht mehr. Angeblich ist Oxana die Tochter oder Schwester eines Geschäftsfreundes. Ein paar Wochen später, nachdem er sie kennengelernt hatte, kam sie nach Düsterbruch, um unseren Jörg zu besuchen. Er hatte keine Chance. Mit den Frauen lief es für Jörg Seesen bis dahin nämlich nicht allzu gut. Kaum eine will sich noch auf einem Hof die Hände schmutzig machen.

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