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Dünenmond

I

Josefine wollte eine Stufe hinabspringen. Im Traum. Ein heftiges Zucken lief durch ihren Körper. Sie wurde wach. Aus der Ferne hörte sie einen metallisch-dünnen Klang, ein Glöckchen. Allmählich orientierte sie sich, nahm den öligen Schweißfilm auf ihrer Haut wahr. Sie streckte träge den linken Arm über den Kopf, wühlte ihn in den warmen Sand. Das Ergebnis war eine Kruste aus Körnchen, die sie matt mit der Hand abstreifen wollte, was allerdings nur dazu führte, dass nun auch an der Handfläche Sand klebte. Die Sonne schien so grell vom Himmel, dass es selbst hinter den geschlossenen Lidern blendete. Der Ton der Glocke kam näher, wurde kräftiger. Es war eine Mischung aus Kuhglocke und Windspiel, wie Josefine fand.

Sie öffnete die Augen, blinzelte gegen die leuchtenden Ringe an, die die Sonne ihr durch die schützenden Lider direkt auf die Netzhaut gebrannt zu haben schien, und richtete sich auf. Sie fühlte sich benommen. Kein Wunder! Wer bei über dreißig Grad einschlief, musste sich nicht wundern, wenn er einen Sonnenstich bekam. Die letzten Monate in der Werbeagentur hatten deutliche Spuren hinterlassen. Zwar hatte Jo, wie ihre Kollegen sie nannten, erreicht, was sie wollte. Nun war sie aber auch restlos erschöpft, so erschöpft, dass sie in der größten Mittagshitze für mehrere Stunden eingeschlafen war.

Jo sog tief die salzige Luft ein, die von der Ostsee auf den Strand wehte, ohne wirklich zu kühlen. Endlich Urlaub! Sie hatte sich unbändig darauf gefreut und war fest entschlossen, jeden einzelnen Tag der zwei Wochen voll auszukosten. Eine Hand über die Augen gelegt beobachtete sie einen Mann, der einen kleinen Wagen nur wenige Schritte oberhalb der Wasserlinie über den Sand schob. Mit der anderen Hand tastete sie nach ihrer Sonnenbrille und setzte sie sich auf die Nase. Jetzt erkannte sie, wie dieser Mann, der offenbar ausgesprochen knackig gebaut und etwa in ihrem Alter war, zu einer Glocke griff und läutete.

»Kühles cremiges Eis!«, rief er. »Wer hat Lust auf Eis?«

Jo musste schmunzeln. Wenn das nicht der Brad Pitt von Ahrenshoop war, ein gut aussehender Kerl in Shorts und ärmelfreiem Shirt. Arme und Beine sahen nach regelmäßigem Training aus, waren nicht übertrieben muskulös, dafür aber verlockend gebräunt. Sie erhob sich von ihrem Handtuch und fischte etwas Kleingeld aus ihrer knallbunten Strandtasche. Ein Eis war jetzt genau das Richtige und eine gute Gelegenheit, einen echten Ostsee-Herzensbrecher aus der Nähe zu betrachten.

Vielleicht ist er gar nicht von hier, dachte sie, als sie mit schnellen Schritten über den noch heißen Sand hüpfte. Vielleicht war er von Sylt oder Timmendorfer Strand hierher gekommen, weil es dort zu viele Männer gab, die noch besser aussahen als er.

Vor dem kleinen Eiswagen, der dringend eine Renovierung hätte gebrauchen können, hatte sich eine kurze Schlange gebildet. Jo nutzte die Wartezeit, um ihre Füße in der Ostsee zu kühlen. Sie lauschte verzückt auf das leise rhythmische Rauschen, das von kleinen Wellen verursacht wurde, die in sich zusammenfielen und über den Sand ausliefen. Und da war noch das Klick-Klack eines knallrosa Balls, der von einer Mutter und ihrem Sohn mit Plastikschlägern möglichst lange in der Luft gehalten wurde. Jo hörte vor Vergnügen quietschende Kinder, lachende Erwachsene, das Platschen, wenn sich jemand kopfüber in die Fluten stürzte, und das Kreischen eines jungen Mädchens, das gerade noch ungestört auf ihrem Strandtuch gelegen hatte und über dessen Rücken ein junger Mann, ihr Freund wahrscheinlich, seine langen nassen Haare ausschüttelte. Kurzum: Sie konnte den Urlaub förmlich hören.

»Na, auch Lust auf ein Eis?«

Josefine hatte gar nicht gemerkt, dass sie bereits an der Reihe war. Sie sah in die freundlich grauen Augen des Eisverkäufers, der sie erwartungsvoll ansah.

»Allerdings«, antwortete sie fröhlich. »Welche Sorten sind denn im Angebot?«

»Kaffee und Vanille.«

»Das ist alles?« Jo schüttelte den Kopf. Mit so einer geringen Auswahl würde der gute Mann keine großartigen Geschäfte machen.

»Das ist alles«, gab er gut gelaunt zurück. »Es gibt jeden Tag zwei Sorten. Hausgemacht. Wenn Sie mein Eis einmal probiert haben, rühren Sie kein anderes mehr an.«

»Soso«, gab sie spöttisch zurück. »Dann gehe ich das Risiko mal ein und nehme zwei Kugeln.«

»Gerne!«

Während der Eismann ihr eine Waffeltüte füllte, die intensiv nach Mandeln duftete, nutzte Jo die Chance, ihn eingehend zu betrachten. Sie musste sich eingestehen, dass ihr erster Eindruck nicht stimmte. Die Shorts waren ausgefranst, das Shirt ausgeblichen, und die Naht auf seiner linken Schulter löste sich. Das blonde Haar war dick wie Wolle und störrisch. Die Sonne hatte es in ungleichmäßigen Flecken aufgehellt. Er benutzte kein Gel, und auch sonst deutete nichts daraufhin, dass er sich viel aus seinem Äußeren machte. Wie es aussah, war er keineswegs der Schönling, für den sie ihn zunächst gehalten hatte. Er hatte einfach Glück mit seinen Genen, zumindest was das Aussehen betraf.

Er reichte ihr die Tüte und sah ihr in die Augen. Jo fühlte sich ertappt. Hoffentlich hatte er nicht bemerkt, dass sie ihn so interessiert beobachtet hatte.

»Guten Appetit!«, sagte er und steckte das Geld in eine kleine mit Muscheln verzierte Blechbüchse. Er ließ sie nicht aus den Augen, während sie an der ersten Eiskugel leckte. »Und?«

»Hm«, machte sie, »das ist gut.« Sie schleckte noch einmal. »Das ist richtig gut!«

»Sag ich doch.«

»Warum eröffnen Sie keine hübsche kleine Eisdiele? Die Leute würden Ihnen die Bude einrennen.«

»Eisdielen gibt es doch schon an jeder Ecke. Da habe ich eine viel bessere Idee.«

»Die wäre?«

»Ein Franchise-Unternehmen.«

»Bitte?« Jo traute ihren Ohren nicht. Vor ihr stand ein erwachsener Mann mit einem jämmerlichen alten Karren, den man nur mühsam durch den weichen Sand rollen konnte, und er sprach von einem Franchise-Unternehmen.

»Eis am Strand«, verkündete er unbekümmert. »Verstehen Sie? Nicht Eis am Stiel, sondern eben …«

»Eis am Strand«, beendete sie in einem Ton, der verriet, wie wenig begeistert sie war. »Nicht gerade originell.«

»Wieso? Ist doch nicht schlecht.«

»Ja, aber nicht schlecht reicht nicht, wenn man Erfolg haben will. Sie müssen einzigartig sein. Der USP ist wichtig.«

»Der was?«

»USP, unique selling proposition, das Alleinstellungsmerkmal.«

Er lachte auf. »Du lieber Himmel!«

Jo ließ sich nicht beirren. Sie war in ihrem Element. »Im Ernst, das ist wichtig!« Sie leckte eilig das sahnige Eis, bevor es schmelzen und an der Waffel hinunterlaufen konnte. Zwischendurch überlegte sie laut, die Füße noch immer von den seichten Wellen der Ostsee umspült: »Sie brauchen Werbung. Woher sollen die Urlauber wissen, dass Ihr Produkt hausgemacht und besser ist als die Konkurrenzprodukte?« Sie legte den Kopf schief. »Sie brauchen ein großes Plakat. Nein, Sie müssen den Darß mit Plakaten pflastern. Und ein Corporate Design brauchen sie auch. Dringend!« Sie sah missbilligend auf den alten Holzkarren, der, wie es aussah, per Hand gestrichen und beschriftet worden war.

»Keine Ahnung, was Sie für schräge Ideen haben. Ich habe jedenfalls schon ziemlich genaue Vorstellungen. Und vor allem lasse ich es langsam angehen. Ganz entspannt.«

Jo holte Luft, um ihm zu widersprechen, dann fiel ihr etwas ein. »Wie spät ist es?«

»Gleich halb fünf.« Er sah sie ein wenig verständnislos an. »Ich dachte, Sie sind im Urlaub hier. Oder haben Sie noch Termine?«

»Mist, schon so spät. Doch, klar bin ich im Urlaub. Und wie! Darum habe ich ja einen Termin um fünf Uhr für eine Lomi-Lomi-Massage. Besser kann man sich nicht entspannen. Aber ich muss vorher unbedingt noch duschen. Da muss ich mich jetzt beeilen.« Sie knabberte an der Waffel, keine Massenware, sondern ebenfalls frisch und hausgemacht. »Ihre Idee hat Potential«, rief sie, während sie sich schon auf den Weg zu ihrem Handtuch machte. »Aber Sie müssen es richtig anpacken. Sind Sie jeden Tag hier?«

»So ziemlich.«

»Okay, dann sprechen wir später weiter. Ich muss wirklich los.« Sie sah seinen verblüfften Gesichtsausdruck. »Keine Sorge, ich weiß, wie man so etwas anfängt. Das ist mein Job.« Sie stopfte sich den Rest der Waffel in den Mund und drehte sich um.

»Danke«, hörte sie ihn noch sagen. Den Rest verstand sie nicht, denn mit jedem Schritt knirschte der Sand unter ihren Füßen, die Waffel zwischen ihren Zähnen, und eine Möwe ließ einen schrillen Ruf erklingen.

Josefine lief den Strandübergang acht hinauf, der sie geradewegs zu ihrem Hotel führte, einem lachsfarbenen Haus mit Rohrdach, das nur durch die Dorfstraße und eine Düne von dem breiten Strand getrennt war. Sie konnte von ihrem Zimmer aus durch ein halbrundes Fenster direkt auf eben diesen Strand schauen, auf den endlos scheinenden Sand, die rechtwinklig zum Uferlauf in die Ostsee gesetzten Buhnen, auf denen sich, wenn die Touristen ihre Unterkünfte aufsuchten und Ruhe einkehrte, wieder die Möwen tummelten und nach Beute Ausschau hielten, und auf das blau-graue Meer, das in der Sonne glitzerte. Während sie eilig duschte und sich dann in Bikini und Bademantel hüllte, dachte sie voller Stolz über das nach, was sie in ihrem Leben erreicht hatte. Sie war noch nicht einmal dreißig, hatte einen Silbernen Nagel des Art Directors Club verliehen bekommen, was in der Branche gewissermaßen als Ritterschlag galt, und würde nach dem Urlaub als Brand Managerin mit beachtlichem Budget und mindestens ebenso großer Verantwortung anfangen. Sie wohnte in einer ruhigen kleinen Straße mitten in Hamburg in einer großzügigen Altbauwohnung, die sie in einigen Jahren kaufen wollte. Was noch hätte sie sich wünschen können?

Zwei Stunden später schlenderte sie die Dorfstraße entlang. Ihre Haut war noch ölig von der hawaiianischen Massage, ihre Schultern und ihr Nacken fühlten sich so leicht an wie seit Jahren nicht mehr. Immer wieder ließ sie ein wenig den Kopf kreisen und stellte überrascht fest, dass nichts mehr knirschte, blockierte oder schmerzte.

»Der Rücken ist der Sitz der Vergangenheit«, hatte die Masseurin gesagt. So ein Unsinn! Er war der Sitz der Schreibtischarbeit, der vielen Stunden vor dem Computer oder an den Tischen der Grafiker, über Entwürfe gebeugt. Josefine scherte sich aber nicht um solches Gerede, solange die Behandlung, für die sie nicht wenig Geld hatte auf den Tisch legen müssen, nur effektiv war. Nun war sie auf der Suche nach einem schicken Restaurant, in dem sie zu Abend essen würde. Statt jedoch Speisekarten zu studieren, fand sie sich immer öfter vor den Schaufenstern der Galerien und kleinen Läden wieder, in denen Ahrenshooper Künstler ihre Bilder anboten. Sie betrachtete die kleinen und großen Werke in Öl oder Acryl. Sie zeigten Rohrdachhäuser, Kraniche über dem Bodden und im Schilf, bedrohlich über die Buhnen brandende Wellen, die Steilküste leuchtend orange angestrahlt und natürlich immer wieder Sonnenuntergänge. Traditionelle Zeesenboote vor Sonnenuntergang, Sonnenuntergang über der Ostsee, Reetdachhaus vor Sonnenuntergang.

Jo konnte ein verächtliches Schnauben nicht unterdrücken. Herrgott, wie kitschig! Da waren ja die Bilder ihres Vaters noch besser. Nun hatte er sich also doch in ihre Gedanken geschlichen. Das hatte ja so kommen müssen. Jedes Jahr war er vier und manchmal sogar sechs Wochen hierhergekommen, um zu malen. Immer allein, immer ohne Josefine und ihre Mutter. Jos Vater war Grafikdesigner gewesen. Die Landschaftsmalerei war sein Hobby, sein Ausgleich. Er liebte seine Familie, sein Leben in Hamburg. Das hatte er jedenfalls immer behauptet. Aber einmal im Jahr brauche doch jeder eine Zeit ganz für sich allein. Mit Frau und Kind hätte er sich nicht auf seine Bilder konzentrieren können, war sein ständig wiederkehrendes Argument gewesen, wenn es alljährlich darum gegangen war, doch endlich einen Familienurlaub zu verbringen. Josefines Mutter hatte darum gekämpft, jedes Jahr aufs Neue. O nein, sie hatte niemals aufgegeben. Doch genutzt hatte es nichts. Im Frühling oder Spätsommer packte er seine Sachen, seine Pinsel und Farben, seine verkrustete Palette und die bekleckste Staffelei und machte sich auf den Weg nach Ahrenshoop. Noch heute schnürte es Jo die Kehle zu, wenn sie sich an die Wut, an die grenzenlose Enttäuschung erinnerte, die sie als Kind und später als Teenager empfunden hatte. Als Studentin wollte sie allein oder mit Freunden verreisen. Trotzdem kam die Auseinandersetzung jedes Jahr wieder, wie nach der Ebbe die Flut kommt. Jo kämpfte nun für ihre Mutter, die sich weiß Gott gut allein beschäftigen konnte. Er hätte alle Zeit der Welt gehabt, um ungestört zu malen, hätte danach ein paar kostbare Stunden mit seiner Frau verbringen können. Was war das für eine Ehe, wenn man diese besondere Zeit im Jahr, diese ganz besondere Zuneigung zu der Halbinsel nicht miteinander teilte? Josefines Vater war stur geblieben, ihre Mutter kämpferisch, irgendwann aber auch immer trauriger. Und dann war der Krebs gekommen, und der Vater hatte nicht mehr reisen können.

Jo schüttelte den Gedanken an ihn ab, betrat das nächstbeste Restaurant und beschloss, die kommende Nacht zum Tag zu machen. Wäre doch gelacht, wenn es hier nicht irgendwo eine Musikbar gäbe, in der man Spaß haben konnte.

Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, und es war sehr heiß, als Jo am nächsten Tag an den Strand kam. Sie hatte leichte Muskelschmerzen unterhalb der Schulterblätter und einen zauberhaften kleinen Kater. Nicht so stark, dass er ihr den Tag verderben konnte, aber gerade stark genug, um sie an einen wirklich gelungenen Abend zu erinnern. Es war bestimmt nicht ihr letzter Besuch in der Cocktailbar am Strandübergang sieben. Zuerst war ihr die Einrichtung ein wenig verstaubt vorgekommen. Doch dann hatte sie sich von dem Charme und der Atmosphäre gefangen nehmen lassen. Hier blieb niemand lange allein, sondern kam mit anderen Gästen ins Gespräch. Eine junge Frau, die etwa in Josefines Alter sein musste, hatte von den Jazz-Konzerten geschwärmt, die es regelmäßig in der Bar gab. Legendär seien die spontanen Auftritte von Musikern, die ihren Urlaub hier verbrachten oder nach einem Konzert in der Nähe auf einen Schlummertrunk vorbeischauten. Jo hoffte, dass sie auch bald einen solchen Abend erleben würde.

Sie warf ihre Tasche in den Sand, bohrte den Sonnenschirm, den sie am Morgen erstanden hatte, in den Boden und spannte ihn auf, breitete ihr Strandtuch aus und lief geradewegs ins Wasser, das glatt wie ein Spiegel da lag. Die Ostsee war ungewöhnlich warm. Die Sonne, die nun schon seit drei Wochen schien, ohne dass es einmal geregnet hätte oder Wind aufgezogen wäre, hatte sie auf diese hohe Temperatur gebracht. Schon unterhielten sich die Einheimischen darüber, dass dieses Wetter zwar gut für das Geschäft, aber gewiss nicht für die Fische war, deren Luft allmählich knapp würde. Ein kräftiger Sturm müsse her, der die See aufwirbeln und sie mit neuem Sauerstoff versorgen würde. Ein Temperatursturz wäre gut. Josefine fand das Wetter genau richtig. Das Unwetter sollte sich bitteschön bis nach ihrem Urlaub gedulden. Sie watete mit langen Schritten hinaus, freute sich über den schlammig-weichen Untergrund unter ihren Füßen und schwamm dann der Sonne entgegen.

Als sie schließlich kehrtmachte, stellte sie fest, dass die Strömung, von der sie nichts bemerkt hatte, sie ein gutes Stück ostwärts getrieben hatte. Mit kräftigen Zügen kraulte sie zurück ans Ufer und ließ sich endlich auf ihr Handtuch fallen. Ihr Brustkorb hob und senkte sich, sie keuchte. Zurück in Hamburg musste sie unbedingt wieder häufiger um die Alster joggen, wenn sie nicht völlig aus der Form geraten wollte.

Während die Sonne blitzschnell das Wasser auf ihrer Haut trocknete, lag Jo auf dem Bauch, ihr Kinn bohrte sich in die übereinander gelegten Hände. Sie blinzelte in die Richtung, aus der am Tag zuvor der Eismann mit seiner altertümlichen Karre gekommen war. Ein Eis würde ihr jetzt gefallen. Ebenso ein prickelnder Urlaubsflirt mit dem Eismann. Doch er war nicht zu sehen. Josefine blätterte in einem Magazin, ohne wirklich einen Artikel zu lesen. Ihre Gedanken wanderten zu der seltsamen Franchise-Idee. Sie könnte funktionieren, dachte sie, wenn man das Ganze als Marke etablierte. Eis am Strand … Sie lächelte. Okay, so schlecht war das gar nicht. Aber sie konnte es besser, wenn sie sich noch eine Weile damit beschäftigte.

Stunde um Stunde hockte sie im Schatten ihres Schirms, lief sie, die Beine bis zur Wade im Wasser, den Strand hoch und wieder zurück und verkroch sich vor der Hitze wieder unter dem Schirm. Längst war die Zeit verstrichen, zu der am Vortag das Glöckchen erklungen war. Ruhe kehrte ein, denn die meisten Familien mit Kindern verließen nach und nach den Strand. Nur hier und da zog noch ein Kopf einen Strich durch die glatte Wasseroberfläche, lag noch jemand dösend auf seinem Handtuch im Sand. Blechern wehten die Klänge aus einem Kopfhörer herüber, den ein Junge von vielleicht sechzehn oder siebzehn Jahren trug. Sein Fuß kippte im Takt von einer Seite auf die andere. Was bei Jo ankam, war nur noch eine scheppernde Ahnung einer Melodie. Ein kleiner Mann mit dunklem Haarkranz, von der Sonne ledrig gebräunter Haut, mit weißer kurzer Hose und einem weißen Unterhemd begann damit, die ersten der roten Strandkörbe zum Schlafen zu legen. Der Eismann würde nicht mehr kommen. Schade.

Jo stand unter der Dusche und ließ sich lauwarmes Wasser über die erhitzte Haut laufen, das ihr fast kühl erschien. Zurück im Hotel hatte sie von ihrem Fenster aus noch ein wenig dem kleinen Mann mit der Lederhaut dabei zugesehen, wie er die Strandkörbe vor nächtlichen Besuchern gesichert hatte. Dann war sie unter die Dusche geschlüpft. Sie liebte ihren Job, aber diese Freiheit, völlig selbstbestimmt ohne das Diktat der Uhr den Tag zu verbringen, hatte ihre ganz eigene Qualität. Noch immer nagte ein wenig die Enttäuschung an ihr, den Eismann nicht getroffen zu haben. Morgen war ja auch noch ein Tag. Jos gute Laune überwog mit Abstand.

Aus Leibeskräften sang sie gegen das Rauschen des Wassers auf ihrem Kopf und das Prasseln der Tropfen an der Duschwand an: »I don’t want to talk about things we’ve gone through.« Ihr fielen die nächsten Zeilen nicht ein. Also summte sie weiter, ohne Worte zwar, aber mit immer mehr Gefühl. Die Duschkabine wurde zu ihrer Bühne. Dann fiel ihr der Refrain ein: »The winner takes it all«, schmetterte sie in den Wasserschwall. Den Duschkopf wie ein Mikrofon vor den Lippen, stieß sie in einer übermütigen Geste die Glastür auf.

Vor ihr stand der Eismann.

»Entschuldigung«, murmelte er. »Ich habe gerufen, aber Sie konnten mich wohl nicht hören.«

Josefine griff hinter sich, um das Wasser abzustellen, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Ihre Nacktheit war ihr nicht halb so peinlich wie ihre Gesangsdarbietung mit Duschkopf.

»Was machen Sie denn hier?«, fragte sie.

»Arbeiten.«

»Hier im Hotel?«

»Sieht fast so aus.« Er grinste hilflos und gleichzeitig amüsiert.

»Haben Sie denn einen Zwillingsbruder?«

»Nein, wieso?«

»Ich denke, Sie sind Eisverkäufer.«

»Stimmt, aber davon allein kann ich nicht leben. Noch nicht.«

Sie standen einander gegenüber. Josefine tropfend in der Dusche, er in einem blauen Overall, unter dem er anscheinend dasselbe ärmellose Shirt trug, das er neulich am Strand angehabt hatte. Während sie schwiegen, wurde Jo die Situation bewusst, in der sie sich befand. Ihm schienen die gleichen Gedanken durch den Kopf zu gehen.

»Oh, Entschuldigung, soll ich mich umdrehen?«, fragte er.

»Das fällt Ihnen ein bisschen spät ein«, antwortete sie. »Aber Sie könnten mir ein Handtuch geben.« Sie mussten lachen.

»Klar, Entschuldigung, hier.« Er reichte ihr eins von den großen Duschtüchern, in das sie sich sofort einwickelte.

»Was machen Sie konkret für einen Job?«

»Hausmeister, Elektriker, Klempner, was eben so anfällt. Ein Mann für alle Fälle sozusagen.«

»Und welchen Fall genau sollen Sie in meinem Zimmer lösen?«

»Die Dusche ist kaputt.«

Jo machte große Augen.

»Soll kaputt sein, hat man mir aufgeschrieben.« Er fischte einen kleinen Notizblock aus der Tasche, die vorne auf dem Latz der Hose war. »Ist Ihnen irgendetwas aufgefallen? Hatten Sie sich wegen der Dusche beschwert?«

»Nein, alles in Ordnung.«

»Hm.« Er legte einen Finger an die Lippen, eine Geste, die Jo an Laientheater erinnerte. Er starrte auf das Papier in seiner Hand, auf dem, wenn sie es richtig sah, höchstens drei oder vier Worte und ihre Zimmernummer standen. Er musste das bereits auswendig aufsagen können. Entweder war dieser Mann für alle Fälle viel unsicherer, als sie am Anfang angenommen hatte, oder genau das war seine Masche, und er spielte ihr etwas vor.

»Tja, dann haben Sie wohl eine falsche Information bekommen«, sagte sie und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Scheint so.« Endlich konnte er sich von den Worten auf dem Notizblock lösen und steckte ihn wieder ein. »Dann gehe ich mal wieder.«

»Und? Was ist mit einer kleinen Entschädigung für den Schock?«

»Um ehrlich zu sein … Ich habe gerufen, damit Sie sich nicht erschrecken. Ich dachte, wenn Sie das Wasser abdrehen, rufe ich gleich noch mal. Dann hätten Sie das bestimmt gehört. Ich konnte ja nicht ahnen, dass Sie bei laufendem Wasser und mitten in Ihrem Gesang aus der Dusche springen.«

»Ich bin nicht gesprungen«, stellte Jo richtig und spürte, wie sie bei der Erinnerung rot wurde.

»Sie haben übrigens eine hübsche Stimme.«

»Danke schön.«

»Okay, wären Sie damit einverstanden, wenn ich Sie morgen Abend so um sechs Uhr abhole? Dann zeige ich Ihnen etwas, das die wenigsten Urlauber zu sehen kriegen.«

»Klingt gut.«

»Okay, dann bis morgen.« Seine Augen blitzten vor Freude.

Josefine sah ihm nach. Seine nackten Füße steckten in Sandalen, die Hosenbeine waren ein bisschen schief bis kurz unter das Knie aufgekrempelt. Er hatte ebenso kräftige Waden wie Oberarme. Was das wohl sein würde, was die wenigsten Urlauber zu sehen bekamen? Sie hätte wetten können, dass er es schon vielen Urlauberinnen gezeigt hatte.

Der nächste Tag brachte einen leichten erfrischenden Wind, der kleine Schönwetterwolken über den blauen Himmel jagte. Jo kaufte sich auf dem Weg zum Strand einen Skizzenblock und einige Bleistifte unterschiedlicher Härte. Als Kind hatte sie gern mit Wasserfarben gemalt und eine Zeit sogar vorgehabt, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten. Doch seine Malerei war schließlich schuld daran, dass mindestens einmal im Jahr der Familienfrieden gestört war. Deshalb hatte sie mit vierzehn Malblock und Tuschkasten in eine Schublade verbannt und nicht mehr hervorgeholt. Wenn sie ehrlich war, hatte sie das Zeichnen immer vermisst. Und so hatte es sich zumindest einen kleinen Weg zurück in ihr Leben gebahnt. Während der kreativen Sitzungen in der Werbeagentur, in der sie nun schon seit fünf Jahren angestellt war, kritzelte sie ganze Notizblöcke und manchmal sogar ihre Arbeitsunterlagen voll. Sie zeichnete, was ihr zu einem Produkt in den Sinn kam, bannte ihre Kollegen in wenigen treffenden Strichen auf Papier, wie sie mit nachdenklich in ...

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