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Duell am Chiemsee

Wolfgang Schweiger, wurde 1951 in Traunstein geboren. Seit 1979 ist er als freiberuflicher Autor und Journalist tätig. Er veröffentlichte zahlreiche Krimis wie die Geschichten mit dem sympathischen Ermittler-Duo Gruber und Bischoff in „Der höchste Preis“, „Kein Ort für eine Leiche“, „Tödlicher Grenzverkehr“, „Draußen lauert der Tod“ und „Tödliches Landleben“.

Die beste Maske, die wir tragen,
ist unser eigenes Gesicht.

Friedrich Nietzsche

Ein Mensch ist immer so gut
wie die Gesellschaft, mit der er sich umgibt.

Euripides

1

Für ein paar Sekunden war wieder alles präsent, so glasklar und schmerzhaft, als wäre das Ganze erst gestern passiert: das Geschrei, die Schüsse, das Zersplittern der Autoscheiben. Die Erwartung, gleich was abzukriegen. Das Blut in Boschs Gesicht. Die Panik.

Janek blinzelte, der Spuk in seinem Kopf verzog sich, nur Boschs Worte klangen noch nach: „Du wirst sehen, alles ganz easy. Ich weiß, wie wir reinkommen, und einmal drin, machen wir dem Kerl klar, dass er keine Wahl hat und fertig. Keinem passiert was, und vor allem, keiner ruft die Bullen.“ Klar doch! Nur dass er dabei übersehen hatte, dass dieser verdammte Schmuckhändler nicht nur ein Hehler war, sondern ein besonders cleverer Hehler dazu. Der es irgendwie geschafft hatte, heimlich Alarm zu schlagen, bevor sie ihn auf Eis legten und seinen Tresor leer räumten. So dass sie, kaum bei ihrem Wagen angelangt, auf zwei Typen stießen, die sofort das Feuer auf sie eröffneten.

Janek schüttelte den Kopf und warf einen zweiten Blick in die Menge der Schaulustigen hinter dem Absperrband, aber nichts. Das Gesicht war verschwunden. Nur eine Täuschung, versuchte er sich zu beruhigen. Bosch war tot, und das seit mehr als zwanzig Jahren. Tödlich verunglückt bei einem Autounfall in der Tschechei, nur wenige Monate nach ihrem letzten Coup. Das war jedenfalls das Letzte, was er von ihm gehört hatte. Und wenn nicht, hätte der Mann sich dann nicht längst mal gemeldet? Nein, das konnte einfach nicht sein. Er atmete einmal tief durch, versuchte ein Lächeln und konzentrierte sich wieder auf seine Rolle.

„Alles okay?“, fragte Schrammel mit leicht besorgter Miene.

Janek nickte nur, rückte sich den Gürtel mit dem Pistolenhalfter zurecht und blickte über den Platz zu Koschwitz, der seit gut zehn Minuten vor dem Stadt-Café an seinem Tisch saß, Kaffee trank und sich eben eine neue Zigarette anzündete.

„Also dann: bitte“, sagte Schrammel.

Janek straffte sich und ging los, überquerte festen Schritts den Platz und trat zu Koschwitz an den Tisch. Koschwitz lehnte sich beim Anblick Janeks zurück und setzte ein leicht spöttisches Lächeln auf, die Zigarette lässig zwischen den Fingern.

„Ahhh, Herr Kommissar. So früh schon unterwegs?“

„Früh! Es ist gleich Mittag …“

„Wie auch immer. Darf ich Sie zu einer Tasse Kaffee einladen?“

„Danke, nein. Aber Sie dürfen ruhig noch austrinken und Ihre Zigarette fertig rauchen. Wird schließlich einige Zeit dauern, bis Sie wieder im Freien frühstücken können.“

„Ach ja?“

„Ja. Ihre Komplizin hat heute Morgen den Mord gestanden.“

„Tatsächlich?“

„Ja.“

„Lächerlich. Absolut lächerlich.“

„Wie Sie meinen. Trotzdem sind Sie hiermit vorläufig festgenommen.“

Koschwitz drückte die Zigarette umständlich im Aschenbecher aus und griff dann behutsam in die linke Innentasche seiner Hirschlederjacke. „Ich schätze, dann muss ich jetzt wohl meinen Anwalt verständigen“, sagte er, während er sein Smartphone herausholte.

„Ist Ihr gutes Recht“, erwiderte Janek. Im nächsten Augenblick rief Schrammel: „Danke“, und Janek trat einen Schritt beiseite, um den Kameramann vorbei zu lassen.

„Fünf Minuten Pause“, sagte Schrammel zu Janek. „Und beim nächsten Mal mit ein bisschen mehr Nachdruck, wenn’s geht.“

Janek nickte und schlenderte zu dem untersetzten, etwa sechzigjährigen Mann, der rechts von ihm am Eingang zum Kaufhaus Unterforsthuber stand, die Hände in den Manteltaschen vergraben. Er hatte Hauptkommissar Andreas Gruber von der Kripo Traunstein eine Woche vor Drehbeginn kennen gelernt, als er zusammen mit Schrammel die Polizeiinspektion aufgesucht hatte, um sich dort ein wenig umzusehen. Gruber hatte sie herumgeführt und auch bereitwillig Auskunft erteilt, es aber abgelehnt, das Drehbuch zu lesen oder ihnen sonst einen Ratschlag zu geben.

„Hallo, Herr Kommissar“, sagte er und hielt Gruber über das Absperrband hinweg die Hand hin. „Schön, dass Sie doch mal Zeit hatten vorbeizuschauen.“

Sie schüttelten sich die Hände. „Warum nicht?“, erwiderte Gruber. „Ist heute der letzte Drehtag, soviel ich gehört habe.“

„Genau.“

„Und, ist alles nach Plan verlaufen?“

Janek nickte. „Im Großen und Ganzen ja. Zum Glück hat ja auch das Wetter mitgespielt, so dass wir kaum umdisponieren mussten … Und bei Ihnen, wie läuft’s da so? Keine bösen Buben von auswärts in Sicht, denen Sie auf die Finger klopfen könnten?“

„Sie sollten nicht alles glauben, was in der Zeitung steht …“

„Schon möglich. Es war mir jedenfalls eine Ehre, Sie quasi vertreten zu haben.“

„Das hört man gerne. Und, wissen Sie schon, was Sie als Nächstes machen werden?“

„Konkret nicht, aber es gibt schon ein paar Angebote.“

„Na wunderbar. Also dann, vielleicht bis zum nächsten Mal.“

„Wenn’s ein Erfolg wird, dann bestimmt. Übrigens, wir feiern heute Abend Abschied von Ihrer netten kleinen Stadt. Würde mich freuen, wenn Sie auch kommen könnten.“

„Und wo?“

„In einem Studio noch was …“

„Studio 16 in der Bahnhofstraße“, ergänzte Gruber.

„Genau. Was ist das eigentlich, eine Kneipe?“

Gruber schüttelte den Kopf. „Das war’s einmal. Heute ist dort ein kleines Theater untergebracht.“

„Ach ja? Und was spielen sie da?“

„Offen gesagt, habe ich keine Ahnung. Mir reicht das Theater, das ich in meinem Beruf erlebe.“

„Das kann ich mir vorstellen. Also dann, bis später vielleicht …“

„Mal sehen. Also, noch gutes Gelingen …“ Sie schüttelten sich nochmals die Hände, und Gruber stapfte davon.

„Würde man dem Typ echt nicht ansehen, dass er in Wirklichkeit ein knallharter Hund ist“, sagte Schrammel, der neben Janek getreten war, einen Becher mit Kaffee in der Hand. Sie blickten dem Kommissar nach, bis er zwischen den Passanten auf dem nicht abgesperrten Teil des Stadtplatzes verschwunden war.

„Allerdings“, erwiderte Janek und dachte daran, was dieser Provinzbulle wohl von ihm halten würde, wenn er wüsste, was er wirklich auf dem Kerbholz hatte. Was er mit Bosch nebenher so alles durchgezogen hatte, ohne Verdacht auf sich zu ziehen. Und jetzt stand er hier und spielte ausgerechnet einen Polizisten. Ironie des Schicksals oder einfach nur albern?

Schrammel klopfte Janek auf die Schulter. „Also los, wir müssen wieder ran, bevor die Sonne weg ist.“

2

Gruber blieb kurz an der Tür stehen und blickte sich um. Er zählte etwa dreißig Leute, die im Zuschauerraum herumstanden, die meisten ein Glas Wein oder eine Flasche Bier in der Hand und in Gespräche verwickelt. Bis auf Janek war ihm keiner näher bekannt, und so betrat er den Raum hinter der Bühne, wo ein Tresen und mehrere rustikale Holztische daran erinnerten, dass der Laden früher einmal eine Gastwirtschaft gewesen war. Er stellte sich an den Tresen und bat die dunkelhaarige Frau, die den Ausschank besorgte und gerade an der Kaffeemaschine beschäftigt war, um einen Espresso. Musterte erneut die Gesichter um sich herum.

An einem der Tische saß ein Stadtrat von den Grünen und diskutierte mit einem älteren Mann, der als Kunstmaler einen gewissen Ruf in der Stadt hatte. Der Dritte am Tisch, ein mit Gruber befreundeter Musiklehrer, hatte den Blick auf sein leeres Weinglas geheftet. Der Stadtrat winkte ihm zu, und Gruber erwiderte den Gruß. Er hatte zwar noch nie „Grün“ gewählt, schätzte aber das Engagement des Mannes. Er überlegte noch, ob er sich vielleicht dazu setzen sollte, als eine Stimme hinter ihm sagte: „Freut mich, dass Sie doch noch gekommen sind.“

Gruber drehte sich um. Vor ihm stand Schrammel, der Regisseur, neben ihm eine blonde, vollbusige, etwa dreißigjährige Frau, die sich bei Schrammel eingehakt hatte. Die Frau wirkte angeheitert und blinzelte Gruber zu.

„Offen gesagt, hat mich meine Frau dazu überredet“, erwiderte Gruber.

„Ach ja? Und wo ist die Beste?“

„Eigentlich müsste sie schon da sein. Sie …“

„Haben Sie wirklich schon jemanden erschossen?“, unterbrach ihn die Frau unvermutet.

Bevor Gruber antworten konnte, sagte Schrammel: „Mensch, Bea, so was fragt man doch nicht. Jedenfalls nicht so direkt.“

„Ich meine ja nur“, sagte Bea und starrte Gruber weiter mit großen Glitzeraugen an. „Ich meine, wenn man Sie so sieht …“

„Schon gut“, sagte Schrammel, murmelte Gruber eine Entschuldigung zu und zerrte die Frau vom Tresen weg in die Ecke mit der Garderobe. Gruber atmete erleichtert auf, trank seinen Espresso und blickte auf seine Armbanduhr. Gleich halb neun. Wo blieb Ingrid nur? Er holte sein Handy heraus und war schon auf dem Weg ins Treppenhaus, um dort ungestört zu telefonieren, als er Janek wieder erblickte, im Schlepptau einen jungen Mann mit Bart und blau getönter Brille, der ihm von etlichen Pressekonferenzen her bekannt war. Die beiden blieben vor ihm stehen.

„Hallo Herr Hauptkommissar“, sagte der Pressemensch. „Toll, nicht? Jetzt hat auch Traunstein seinen Platz auf der Krimilandkarte.“

Gruber nickte nur.

„Und, was halten Sie von Ihrem Fernseh-Kollegen?“

Lehmann, fiel Gruber ein. Der Mann hieß Lehmann.

„Soweit ich das beurteilen kann, hat er seine Sache ganz gut gemacht“, erwiderte Gruber.

„Vielleicht, weil er beide Seiten kennt, die Bösen wie die Guten?“

„Warum nicht? Sie haben in Ihrem Artikel seinen Werdegang ja genauestens beschrieben.“

„Dann ist es doch eine tolle Karriere, die er da gemacht hat, finden Sie nicht?“

„Allerdings.“

Gruber war tatsächlich beeindruckt gewesen, als er Ende August erfahren hatte, was der Hauptdarsteller des Films, den man demnächst in Traunstein drehen würde, für ein Vorleben hatte: Waisenkind, im Heim aufgewachsen, mit Anfang zwanzig Mitglied einer Rockergang, die das Ruhrgebiet unsicher gemacht hatte. Mit vierundzwanzig war Janek wegen Körperverletzung und räuberischer Erpressung dann erstmals vor Gericht gestanden, aber auf Bewährung davongekommen. Als er kurz darauf erneut wegen Körperverletzung und einiger anderer Delikte vor dem Kadi gelandet war, hatte ihm dies eine sechsjährige Haftstrafe eingebracht.

Während der Haftzeit dann der Wandel, hatte er sich von seinen Komplizen distanziert, in einer Theatergruppe engagiert und auch sonst zum Musterknaben entwickelt, so dass einer vorzeitigen Entlassung nichts im Weg gestanden hatte. Danach hatte er eine Schauspielschule besucht, nebenher als Taxifahrer gearbeitet und bald schon erste Erfolge auf lokalen Bühnen gehabt. Nach Engagements in Frankfurt und München war ihm in Berlin schließlich der Durchbruch gelungen, war er, wie Lehmann es formuliert hatte, zum viel gefragten Darsteller betont männlicher Charaktere avanciert. Was wenig später zu ersten Rollen beim Fernsehen geführt hatte, und jetzt zu seiner Hauptrolle als Kommissar eines Regionalkrimis.

„Was meinen Sie dazu?“, fragte Lehmann Janek.

„Na ja, wie Sie wissen, habe ich aus meiner Vergangenheit nie ein Geheimnis gemacht“, antwortete Janek. „Stimmt, ich war eine Zeitlang in ziemlich schlechter Gesellschaft. Was mir jetzt natürlich indirekt zugute kommt.“

„In einem Interview haben Sie mal erwähnt, dass die Schauspielerei Sie gerettet hätte?“, hakte Lehmann nach. „Waren Sie wirklich so verstrickt in kriminelle Machenschaften, oder war das nur kokett gemeint?“

„Sagen wir so: Es wäre mir garantiert um einiges schwerer gefallen, aus diesem Milieu wieder raus zu kommen, wenn die einzige Option Taxi fahren oder so gewesen wäre. Das habe ich zwar eine Zeitlang gemacht, um die Miete bezahlen zu können, aber lebenslänglich … “ Er lächelte knapp. „Aber auch so, schätze ich, hatte ich einfach Glück.“

„Eine letzte Frage noch: Wer ist Ihr Lieblingsschauspieler?“

Janek überlegte mit Blick zu Gruber kurz. Sagte dann: „Lee Marvin.“

Nicht schlecht, dachte Gruber.

„Lee Marvin“, wiederholte Lehmann. „War der nicht in diesem Western dabei, wo vier Typen nach Mexiko reiten, um eine gekidnappte Frau aus den Händen eines Banditen zu befreien?“

„Genau der.“

„Und Sie, Herr Kommissar“, wandte sich Lehmann an Gruber. „Haben Sie auch einen Lieblingsschauspieler?“

„Weiß ich nicht genau“, erwiderte Gruber. „Vielleicht Curd Jürgens …“

„Im Ernst?“

„Sicher.“

Ein Klopfen auf seine rechte Schulter ließ Gruber herumfahren. Es war der Musiklehrer, ein Glas mit Aperol in der Hand. „Hallo Andreas. Wolltest du dieser Tage nicht nach Dresden fahren?“

„Äh, schon“, sagte Gruber. „Woher weißt du…?“

„Ich war letzte Woche bei deiner Frau im Laden, da hat sie mir davon erzählt.“ Er blickte kurz zur Seite. „Die ist doch auch da, oder?“

„Sie kommt noch. Hoffe ich jedenfalls.“ Er hielt sein Handy hoch. „Ich wollte sie gerade anrufen. Vielleicht dauert ihr Kurs etwas länger.“

„Was für ein Kurs denn?“

„Ist eigentlich ein Workshop. Sie hat im Lauf der Jahre ein paar Kurzgeschichten geschrieben und möchte jetzt von einem Profi erfahren, wie’s richtig geht.“

„Echt? Das würde mich auch interessieren…“

„Freitag“, sagte Gruber, um das Thema zu wechseln. „Freitag früh geht’s los. Die erste Busreise meines Lebens. Mir graut jetzt schon davor.“

„Sag das nicht. Ich war erst im Mai mit so einem Ding in Rom, meine Frau wollte unbedingt den neuen Papst sehen. War super bequem und du hast null Stress.“

„Gut zu wissen. Und beim Papst, wie war’s da so, auch bequem und stressfrei?“

„Frag mich nicht. Aber du als alter Heide hättest für so was ja eh kein Verständnis.“

„Gott sei Dank.“

3

Janek hatte kaum die Haustür hinter sich geschlossen und das Licht angemacht, als er irritiert innehielt. Die Tür am Ende des Flurs, die er stets verschlossen hielt, stand halb offen. Und es roch nach Zigarettenrauch. Er legte seinen Rucksack auf der Holzbank an der Garderobe ab und warf einen Blick ins Wohnzimmer, wo an der Wand über dem Sofa sein Katana-Schwert hing. Eine Waffe, mit der er locker ein halbes Dutzend Angreifer in Schach halten könnte, es sei denn, die anderen hatten Schusswaffen bei sich. Doch bevor er sich entscheiden konnte, flog die Tür ganz auf und eine dunkel gekleidete Gestalt mit einem breiten Grinsen im Gesicht wurde sichtbar.

Es war Markus Bosch!

Sein Kumpel aus längst vergangenen Tagen.

Der einzige Mann, den er jemals als wirklichen Freund betrachtet hatte.

Janek schüttelte entnervt den Kopf. „Also hab ich doch richtig gesehen“, sagte er. „Mich hätte fast der Schlag getroffen, du Blödmann.“

„Tja, ich wollte dich mal in Aktion sehen“, erwiderte Bosch und trat in den Flur. „Tut mir leid, wenn ich dich dabei erschreckt haben sollte.“

„Wie kommst du überhaupt hier rein?“

„Wie sagt man so schön: Gelernt ist gelernt. Außerdem wollte ich mich davon überzeugen, dass du allein hier wohnst.“

„Und wenn ich jemanden mitgebracht hätte?“

„Hast du aber nicht, oder?“

„Ich hab gehört, du wärst tot. Tödlich verunglückt bei einem Autounfall irgendwo in der Nähe von Karlsbad.“

„Ich weiß. Und ich weiß auch, dass du nicht allzu viel unternommen hast, um herauszufinden, ob es stimmt.“ Er lächelte kurz. „Hat meine Gefühle ganz schön verletzt, muss ich dir sagen.“

Janek schluckte schwer. Aber Bosch hatte schon Recht. Nicht, dass er ihm damals den Tod gewünscht hätte, das ganz bestimmt nicht. Aber wenn er recht überlegte, hatte sich seine Trauer durchaus in Grenzen gehalten. Zumal er sich nach ihrem letzten Coup geschworen hatte, nie wieder ein Ding mit ihm zu drehen und sein Glück noch weiter zu strapazieren.

„Das kann schon sein“, sagte er. „Aber dann weißt du auch, dass ich kurz darauf verknackt wurde und ein paar andere Sorgen hatte.“

„Klar doch. Aber Schluss jetzt mit den alten Geschichten.“ Bosch kam auf Janek zu und breitete die Arme aus. „Jetzt komm schon her, Alter, und lass dich umarmen.“

Janek ließ es geschehen, und folgte Bosch anschließend in die Küche, wo auf dem Tisch neben Kaffeegeschirr und einem halbleeren Glas Weißwein auch ein Teller mit Resten von Brot, Käse und Schinken stand.

„Du hast es dir ja richtig gemütlich gemacht“, sagte Janek.

„Was sollte ich machen? Du hast ja ganz schön auf dich warten lassen.“ Bosch trank einen Schluck Wein und rülpste ungeniert. „Ich hab schon befürchtet, du kommst heute überhaupt nicht mehr.“

Sie setzten sich an den Tisch. „Und warum hast du dann nie etwas von dir hören lassen?“, fragte Janek, dem längst klar war, dass dies kein reiner Freundschaftsbesuch war. „Dass du mich nicht im Knast besucht hast, kann ich verstehen, aber später …“

„Na ja, zuerst war ich ja ganz froh darüber, dass ich für tot gehalten wurde. Hat mir ein bisschen Beinfreiheit verschafft. Und später dann, als du schon Theater gespielt hast und plötzlich mit ganz anderen Leuten zusammen warst, da wollte ich nicht den Störenfried spielen.“

„Sehr aufmerksam von dir …“

„Ja, finde ich auch.“

„Und was hast du in all den Jahren so gemacht?“

„Ich? Ach, so einiges, würde ich sagen. In der ersten Zeit war ich viel im Osten unterwegs …“

„Im Osten?“

„In den neuen Bundesländern. Hauptsächlich in Sachsen. Hab für ein paar Leute, die dort investiert haben, ein paar Probleme gelöst. Nichts Spektakuläres, aber auch nicht der schlechteste Weg, um über die Runden zu kommen.“

„Das glaube ich dir gerne.“

„Später war ich ne Zeitlang auf Mallorca. Hab als Barkeeper gearbeitet und nebenbei für einen Typ, der mal groß im Schlagergeschäft war, ein paar Besorgungen gemacht.“ „Besorgungen, hm?“

„Na ja, du weißt schon, das Übliche halt. Hab ihm Stoff und ab und zu ein Mädel beschafft, bis ich gemerkt habe, dass der Kerl eigentlich längst pleite ist. Ich wollte ihm noch dabei helfen, sein Haus zu verkaufen, aber davon wollte er partout nichts wissen. Und das war’s dann.“

„Ich wusste gar nicht, dass du so ein Menschenfreund sein kannst …“

„Ich hab den Kerl gemocht, was soll’s? Er hat mir eine Bleibe geboten, ohne lange zu fragen, und war immer fair zu mir.“

„Interessant. Und von was lebst du heute, wenn ich fragen darf?“

„Ich bin in München Teilhaber von einem Restaurant und leite im Bahnhofsviertel eine Spielhalle.“ Er deutete auf die Kücheneinrichtung. „Wie bist du eigentlich an die Hütte hier rangekommen? Doch nicht etwa gekauft?“

„Schön wär’s. Gehört einem älteren Kollegen, dem das Landleben langweilig geworden ist, der aber das Haus vorerst behalten möchte. Bis er sich entschieden hat, kann ich hier wohnen, und das relativ günstig dazu. Also wenn du Geld brauchen solltest …“

Bosch hob abwehrend die Hände. „Für was hältst du mich?“

Janek sagte nichts dazu. Stattdessen stand er auf und ging ins Wohnzimmer hinüber, um Musik aufzulegen. Er wählte „In Time“, das neue Album der Mavericks, deren melancholischer Tex-Mex-Sound ihm für dieses unerwartete Wiedersehen genau richtig schien. Bosch, der ihm gefolgt war, zog unterdessen das an der Wand befestigte Katana-Schwert aus der Scheide und prüfte mit dem Daumen die Klinge.

„Noch immer auf dem Samurai-Trip, hm?“

„Warum nicht?“

Bosch schwang das Schwert etwas unbeholfen durch die Luft.

„Pass auf, das Ding ist scharf wie eine Rasierklinge …“ Janek nahm Bosch das Schwert aus der Hand und schob es vorsichtig zurück in die Scheide. „Und jetzt verrate mir endlich, warum du hier bist?“, sagte er.

„Du hast dich nicht geändert, was?“, gab Bosch zurück, während er im Zimmer umherspazierte und Janeks Bücher- und DVD-Sammlung mit wenig Interesse betrachtete. „Immer misstrauisch und auf das Schlimmste gefasst.“

„Nur deswegen bin ich … sind wir beide noch am Leben.“

„Stimmt.“

„Aber du hast meine Frage nicht beantwortet …“

„Also gut, ich bin hier, weil ich deine Hilfe brauche, ganz einfach.“

„Für was Illegales, schätze ich?“

„Oberflächlich gesehen ja. Aber keine Sorge, ist sozusagen eine Privatsache. Jedenfalls nichts, was uns die Bullen auf den Hals hetzen würde.“

Janek schüttelte den Kopf. „Vergiss es.“

Bosch setzte sich in den Sessel vor dem Fernseher und tat so, als müsse er nachdenken. Janek ließ sich auf der Couch nieder und versuchte, sich auf die Musik zu konzentrieren. Es gelang ihm nicht.

„Wenn du meinen Plan kennst, bist du vielleicht anderer Meinung“, sagte Bosch nach einer Weile.

„Du kannst deinen Plan für dich behalten. Abgesehen davon, du bist doch die letzten fünfzehn Jahre auch ohne mich zurechtgekommen. Warum gerade jetzt und gerade ich?“

„Weil du der einzige Mensch bist, dem ich voll und ganz vertraue. Ich meine, natürlich kenne ich ein paar Leute, die für die Sache in Frage kämen. Aber du weißt ja, wie die meisten dieser Typen gestrickt sind. Auch wenn erstmal alles glatt geht, irgendwann fliegst du trotzdem auf, weil die meisten einfach nicht ihr Maul halten können. Weil sie’s irgendwann nicht mehr aushalten und von ihren Heldentaten erzählen müssen, sei es, weil sie besoffen sind oder irgendeiner Schlampe imponieren wollen. Oder weil sie in der Klemme stecken und mit den Bullen einen Deal machen müssen. Und schon hast du den Arsch im Freien.“

„Und du meinst, bei mir wäre das anders?“

„So wie ich dich kenne, ja.“

„Und wenn ich trotzdem nein sage?“

Bosch stand auf, ging in die Küche zurück und kam mit einer Dose Bier in der Hand wieder ins Wohnzimmer. Er trank einen Schluck im Stehen und sagte mit bemüht ausdruckslosem Gesicht: „Ich sag’s dir ungern, aber der Typ, den wir da zuletzt ausgenommen haben, ist immer noch im Geschäft. Und was für Verbindungen der Kerl hat, haben wir ja zu spüren bekommen. Ich meine, ich könnte da irgendwas drehen, ihm zum Beispiel das Angebot machen, dass er mich in Frieden lässt und sich dafür an dich hält. Und wenn ihm das nicht reichen sollte, auch gut. Ich kann schlimmstenfalls jederzeit von der Bildfläche verschwinden, aber du … “ Er schaute kurz weg. „Jedenfalls glaube ich nicht, dass er dich davonkommen lässt, nur weil du inzwischen ein bekannter Schauspieler bist.“

„Du bist ein Schwein!“

„Schon möglich, aber du hast immerhin die Wahl: Entweder du machst mit oder du riskierst, dass irgendwann eines Nachts ein Typ in einem Riesengeländewagen dir voll in deinen Wagen reinknallt, um nur eine Möglichkeit von vielen zu nennen.“

Janek sagte nichts.

„Ich meine, du kannst es natürlich darauf ankommen lassen“, fuhr Bosch ungerührt fort. „Ob ich es wirklich mache, ob der Typ wirklich etwas unternimmt, ob du wirklich damit leben willst. Ich meine, ich kenne dich, dir macht nichts so leicht Angst, aber wenn ich die Wahl hätte …“

„Und dich habe ich mal für meinen besten Freund gehalten!“

„Das bin ich immer noch. Und du bist mein bester Freund. Aber wofür hat man Freunde, hm? Um sie auch mal um Hilfe zu bitten, oder etwa nicht?“

4

„Also, die Sache läuft folgendermaßen ab“, sagte Bosch, sowie er die Straßenkarte auf dem Küchentisch ausgebreitet hatte. „Heute in vier Tagen, also nächsten Samstag, kommt im Lauf des Abends ein Typ namens Alfons Kreutzer in einem Opel Zafira mit Dachauer Kennzeichen auf der Autobahnraststätte Irschenberg an, um einem anderen Typen eine Ladung Kokain zu übergeben. Und an dem Punkt schlagen wir zu. Von diesem Kreutzer geht dabei keine Gefahr aus. Der wird nur für den Transport bezahlt und wird den Teufel tun, sich mit uns anzulegen. Abgesehen davon ist er nicht mehr der jüngste und auch nicht bewaffnet. Wir haben es also nur mit dem Abnehmer zu tun. Einem Mann, der nichts dergleichen erwartet und schätzungsweise auch keinen Wert darauf legt, in aller Öffentlichkeit etwas zu riskieren und den wilden Mann zu spielen.“

„Und wenn er trotzdem Schwierigkeiten macht?“

„Dann werden wir schon damit fertig, keine Sorge.“ Bosch grinste. „Wenn’s nicht so wäre, wär’s ja fast langweilig, oder?“

„Und woher weißt du von dieser Übergabe?“, fragte Janek.

„Wie ich vorhin schon gesagt habe, diese Typen können einfach nichts für sich behalten, egal, in welcher Branche. Also habe ich ein bisschen nachgeforscht und so peu à peu erfahren, was der Kerl so treibt. Und schließlich auch, wann er wieder aktiv sein wird.“

„Und wer ist dieser Kreutzer?“

„Ein Frührentner aus Dachau, der vor vier Jahren an der bulgarischen Schwarzmeerküste eine alte Villa gekauft hat, um dort ein Heim für deutsche Demenzkranke aufzumachen. Nicht aus reiner Nächstenliebe, versteht sich.

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