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Schreiben über mich selbst

Vorwort

Dass die Zeit schnell vergeht und man sie nicht zu fassen bekommt, ist einer der häufigsten und banalsten Sätze, die man täglich hört. Es gibt Menschen, die an Ostern davon sprechen, dass bald Weihnachten ist, und an Weihnachten daran erinnern, dass Ostern nicht mehr weit ist. Begegnet man ihnen, weiß man sofort, dass sie den Kampf mit der Zeit entweder aufgegeben oder nie aufgenommen haben. Pech gehabt, dumm gelaufen, auf Wiedersehen!

Menschen, die der Zeit ewig nur hinterherjagen oder hinterhertrödeln, sind mit ihrer ewigen Klagenummer aber nicht nur lästig, sie haben auch ein ernsthaftes Problem. Vierzig Jahre alt – und kaum noch Erinnerungen an die Jahre vor dem zwanzigsten! Sechzig Jahre alt – und gerade noch ein paar immer gleiche Geschichten von früher auf Lager! Was sie nie geweckt und entwickelt haben, ist ihr autobiografisches Potenzial.

Autobiografisches Potenzial? Was soll das sein? Wahrscheinlich etwas von Akademikern Erfundenes, künstlich Kompliziertes, das eigentlich kein Mensch braucht! Oder steckt doch etwas dahinter, etwas, von dem man leider nur noch nie gehört hat? Eine Zauberpille vielleicht oder ein Medikament, das dem Gedächtnis aufhilft? Am Ende gibt es längst ein Stimulans des Gehirns und der Erinnerung, in geheimen Labors entwickelt und von Probanden getestet, die jetzt mehr autobiografisches Material parat haben als jede Facebook-Timeline anbieten kann.

Richtig, so ist es. Autobiografisches Material in unglaublicher, unbegrenzter Fülle entwickelt man durch autobiografisches Schreiben. Damit sind aber nicht wie früher langatmige Memoiren oder schöngefärbte Lebensrückblicke gemeint, wie sie gegenwärtig noch alle paar Tage auf den Buchmarkt kommen. Autobiografisches Schreiben auf der Höhe der Jetztzeit besteht vielmehr aus lauter eleganten, mit neuen und alten Medien verbundenen Textformen, die ein Leben spielerisch befragen, detailliert erkunden und in Segmenten erzählen.

Keine ausholenden Lebensberichte mehr von der Geburt bis zur ersten Herzoperation! Keine steigerungssüchtigen Resümees von Lebensetappen, die von Fuhlsbüttel mitten ins Zentrum von Berlin führen! Heutzutage ist autobiografisches Schreiben angelegt wie eine bunte Textskala mit lauter unterschiedlichen sprachlichen Tönungen und Farbnuancen, von denen der kluge Biograf seiner selbst mehrere geschickt miteinander kombiniert.

So entsteht kein dickes Buch, sondern ein Lebensarchiv, das mit den Jahren immer weiter aus- oder umgebaut werden kann. Die Arbeit an ihm hat auf Dauer etwas unendlich Befriedigendes. Sie stemmt sich gegen das Tempo der Zeit, verlangsamt sie, nimmt sie in ihren Details ernst und lässt den Schreiber von allen Stressempfindungen genesen. Keine Panik mehr, kein Lamento, ein Ende aller Klagen! Letztlich nämlich sind diese Klagen vor allem deshalb so laut, weil sie etwas verbergen wollen: die große Bequemlichkeit oder die nicht eingestandene Unfähigkeit, sich das eigene Leben in all seiner Eigenart und Schönheit genau zu vergegenwärtigen. Nach Lektüre dieses Buches ist damit Schluss. Schreiben über sich selbst ist dann, was es sein sollte: eine lebensnotwendige, lebensverlängernde, lebensintensivierende Kraft.

Hanns-Josef Ortheil, im Juli 2013

Inhalt

Vorwort

Inhalt

Einführung Die neuen Spielformen des Autobiografischen

Textprojekte und Schreibaufgaben I: Ego-Dokumente mündlich

  1. Protokollieren

  2. Sich befragen lassen 1

  3. Sich befragen lassen 2

  4. Sich befragen lassen 3

  5. Sich gegenseitig befragen

Textprojekte und Schreibaufgaben II: Ego-Dokumente schriftlich

  6. Kommentieren

  7. Sich ausbreiten

  8. Nach vorn und zurück blicken

  9. Magische Wörter finden

10. Stabile Wörter finden

Textprojekte und Schreibaufgaben III: Selbstporträts

11. Selbstporträt mit Foto

12. Selbstporträt mit Musik

13. Selbstporträt mit Körperteilen

14. Selbstporträt mit Landschaft

15. Selbstporträt mit Büchern

Textprojekte und Schreibaufgaben IV: Zeitmomente der Kindheit

16. Ich erinnere mich

17. Kindheitsszenen

18. Frühste Erinnerungen

19. Kindheitswelten

20. Ein Gang durch die Kindheit

Textprojekte und Schreibaufgaben V: Zeitphasen des Lebens

21. Die Familie

22. Große und kleine Natur

23. Liebe und Freundschaft

24. Die jungen Jahre

25. Ein Brief an die Enkel

Nachbetrachtung:
Die Praxis des autobiografischen Schreibens

Literaturverzeichnis

Zitierte Primärliteratur

Weitere Primärliteratur

Sekundärliteratur

Einführung: Die neuen Spielformen des Autobiografischen

Lange Zeit hat man mit dem autobiografischen Schreiben die Vorstellung umfangreicher Memoiren des gesamten Lebenswegs oder dickleibiger Autobiografien bestimmter Lebensabschnitte verbunden. In ihnen resümiert ein oft bereits älterer Autor aus dem Rückblick die Geschichte seines eigenen Lebens. Besonders Memoiren von Politikern, Sportlern oder Boulevardgrößen prägen noch heute eine solche Vorstellung von der Autobiografie. Ihre Bücher dienen häufig der Selbstdarstellung des Schreibenden, der bemühten Fixierung seines Bildes in der Geschichte oder der Aufwertung seiner angeblich erbrachten Leistungen. Die Stationen des eigenen Lebens laufen dann auf ein möglichst homogenes Selbstbild hinaus und haben vor allem den Zweck, dieses Selbstbild in leuchtender Form in der jeweiligen Gegenwart zu etablieren.

Memoiren oder ausführliche Autobiografien von Lebensphasen in dieser marktkonformen Form sind oft Produkte der gegenwärtigen Bestsellerindustrie. Mit dem eigentlichen Entstehungsimpuls von Autobiografien in der Geschichte haben sie wenig gemein, verdankt sich dieser Impuls doch dem anspruchsvollen Versuch, den Verlauf des eigenen Lebens zu reflektieren, Rechenschaft abzulegen, gute und schlechte Seiten des Selbst abzuwägen und Bekenntnis abzulegen vor einem höheren Richterstuhl.

Genau diese zentralen Momente spielen in einer der frühsten und für das Genre folgenreichsten Autobiografien, den »Bekenntnissen«1 des Kirchenvaters Augustinus (350–430 n. Chr.), eine entscheidende Rolle. An der Schwelle zwischen heidnischer Spätantike und christlichem Frühmittelalter erzählt er von sich selbst als einem in jungen Jahren hedonistischen Heiden, der die antiken, heidnischen Kulturen abstreift und sich zum Christentum bekehrt.

Dramatische Lebensmomente, plötzliche Lebensumbrüche und weitreichende Neuorientierungen im eigenen Leben darzustellen, waren seither für viele Autobiografen reizvolle und spannungsreiche Erzählmotive. In der Moderne des 18. Jahrhunderts intensivierten sich diese Motive noch und führten zu Lebensbeschreibungen, die auch vor den persönlichsten und intimsten Zügen des eigenen Selbst nicht mehr haltmachten. In diesem Sinn klingen noch heute die ersten Sätze der »Bekenntnisse« des französischen Schriftstellers Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) wie ein Fanal: »Ich beginne ein Unternehmen, das ohne Beispiel ist und das niemand nachahmen wird. Ich will meinesgleichen einen Menschen in der ganzen Naturwahrheit zeigen, und dieser Mensch werde ich sein. Ich allein. Ich lese in meinem Herzen …«2

Selbstprüfung und Selbstoffenbarung gingen seither in der Geschichte der Autobiografie enge Allianzen ein. Zeitweilig entwickelte das Genre sich zu einer Mixtur aus Erzählen und Bekennen und damit zu einer weltlichen Form der christlichen Beichte. Das Ich untersuchte sich selbst minuziös, formulierte Diagnosen und verabreichte sich Medikamente für eine bessere Zukunft. So bewegte die Autobiografie sich im 19. und 20. Jahrhundert in eine stark therapeutische Richtung, bis die große Skepsis gegenüber dem Genre begann.

Sie entwickelte sich vor allem in den letzten Jahrzehnten zu einer vehementen Kritik an seinen auf Harmonisierung, Schönfärberei und breite Panoramatechnik setzenden Erzählmomenten. Die abgerundeten und zudem am fiktiven Romangenre orientierten Bilder von reibungslos ineinandergreifenden Entwicklungsstufen hielt man fortan für pure Illusion. So wurde die längst klassische Ausprägung der Autobiografie als Form eines unreflektierten, naiven Erzählens abgetan. Im süffigen Breitwandformat konnte sie nicht mehr überzeugen, das aufgebläht wirkende, überhöhte Genre schrumpfte deshalb zusammen – und zurück blieb die Essenz: »das Autobiografische« und all seine munteren Spielformen.

Dabei handelt es sich um kurze, überschaubare und von jeweils klar definierten Voraussetzungen ausgehende autobiografische Mitteilungen. Meist sind sie fragmentarisch und konzentrieren sich jeweils nur auf einen bestimmten autobiografischen Aspekt. Reiht man aber viele dieser Fragmente aneinander und beginnt man sie zu ordnen, aufeinander zu beziehen oder miteinander zu konfrontieren, ergeben sie ein prinzipiell offenes, erweiterbares Archiv. An die Stelle des scheinbar opulenten, selbstgewissen und deutungssüchtigen Rückblicks auf ein ganzes Leben tritt so eine Sammlung von erzählenden Erinnerungssplittern, Hypothesen, kurzfristig angelegten Bekenntnissen und momentanen Selbstanalysen.

Genau um das Schreiben solcher präzis angelegter Texte geht es in diesem Buch. Die Textprojekte und Schreibaufgaben orientieren sich daher nicht an den bekannten großen Memoiren oder Autobiografien. Sie folgen vielmehr den Winken und Empfehlungen, die von einem hellwachen und neuartigen, vor allem in den USA und Frankreich in den letzten Jahrzehnten entworfenen Schreiben ausgehen. Dieses Schreiben ist experimentell, spielerisch und medial angelegt und läuft auf ein intelligentes Entwerfen von Texten hinaus, die man auch als »Ego-Dokumente« bezeichnen könnte.

Der Begriff stammt aus den Geschichts- und Literaturwissenschaften, wo er historische Dokumente kürzerer Art (wie Notate, Briefe, Selbstcharakteristiken etc.) bezeichnet.3 Solche Dokumente hat es in der antiken Literatur, die noch keine Memoiren oder klassischen Autobiografien im Stil des Augustinus hervorgebracht hat, in großer Zahl gegeben.4 Heutzutage leuchten ihre skizzenhaften, spontanen und direkten Ausdrucksformen in neuer Frische. Sie verweisen auf Menschen, die ununterbrochen damit beschäftigt waren, ihre Erlebnisse und Einsichten zu fixieren, ohne diese Lebensmomente von vornherein in ein beengendes Korsett zu pressen oder gar zu überhöhen.

Archive in diesem Sinn sind Brutstätten und experimentelle Felder besonders aufmerksamer, vitaler und umsichtiger Kreativität. Sie machen das Leben zu einem immensen Forschungsvorhaben und das Schreiben zu einer fortlaufenden Performance des eigenen Selbst. Eine solche Performance verbindet sich mit den Neuen Medien und ihrem Tempo. Sie lebt von ihren Impulsen, sorgt aber gleichzeitig auch dafür, dass diese Impulse aufgefangen, tiefer geerdet, geleitet und strukturiert werden. Als Spielformen des Autobiografischen sind »Ego-Dokumente« daher hochgradig reflektierte und gestaltete Formen einer jungen, ambitionierten Literatur, die mediale Entdeckungen auch zu wirklich literarischen macht.

  1  Aurelius Augustinus: Confessiones/Bekenntnisse.: Lateinisch/Deutsch. Übersetzt, hrsg. und kommentiert von Kurt Flasch und Burkhard Mojsisch. Mit einer Einl. von Kurt Flasch. Stuttgart 2012.

  2  Jean-Jacques Rousseau: Die Bekenntnisse. Übersetzt von Alfred Semerau, durchgesehen von Dietrich Leube. München 2012, S. 9.

  3  Vgl. auch: Günter Niggl: Zur Theorie der Autobiografie. In: Antike Autobiographien. Werke – Epochen – Gattungen. Hrsg. von Michael Reichel, S. 1 ff.

  4  Michel Foucault hat sie als »ethopoetisches Schreiben« bezeichnet. Vgl. seinen instruktiven Essay »Über sich selbst schreiben« in: Michel Foucault: Ästhetik der Existenz. Schriften zur Lebenskunst. Übersetzt von Michael Bischoff u.a. Frankfurt/M. 2007, S. 137 ff.

Textprojekte und Schreibaufgaben I: Ego-Dokumente mündlich

1. Protokollieren

Bei Tagesanbruch aufgewacht, dann zum Flughafen. Als ich an Bord ging, putzte ein Typ gerade die Scheiben. Es gibt Leute, die sehen mich und sagen ganz locker »Hi, Andy« – und so einer war der Fensterputzer. Toll.5

Beginnen wir unsere Projekte mit der Sammlung von autobiografischem Rohstoff. Ein solches Material ergibt sich Tag für Tag in unendlicher Fülle. Es besteht aus Namen, Daten und anderen Fakten, die sich an den Rändern unserer täglichen Unternehmungen ablagern, sie begleiten und wieder im Nichts verschwinden, wenn wir sie nicht eigens fixieren, registrieren und in eine größere Sammlung aufnehmen.

Normalerweise bemerken wir diesen Rohstoff kaum. Er wirkt beliebig oder sogar blass, er tut sich niemals hervor, sondern umgibt unsere Bewegungen und Gänge, als wäre er eine bloße Begleitkomponente. In Wahrheit aber versteckt sich in ihm viel Atmosphärisches und vor allem Zeittypisches. Da wir Menschen, Dinge und Räume aber nicht daraufhin betrachten (wir haben schließlich anderes zu tun, wir wollen »etwas erleben«, anstatt das eigene Erleben zu beobachten und auf Zeittypisches hin zu untersuchen), verfolgen wir den Rohstoff des Alltags nur am Rande oder übersehen ihn ganz.

Um ihn für uns zu gewinnen, müssen wir eine Pause einlegen. Für zumindest kurze Zeit müssen wir innehalten im Fluss des Erlebens, etwas zur Seite treten, zurückblicken und uns fragen, was konkret so alles mit uns geschieht, von Tag zu Tag.

Auf den ersten Blick mag es erstaunen, dass ein so umtriebiger Künstler wie Andy Warhol (1928–1987) genau das in besonders konsequenter Weise getan hat. Gerade seine Umtriebigkeit und das außerordentliche Tempo seines Lebens brachten ihn jedoch dazu, Tag für Tag etwas Zeit für ein solches Innehalten und Registrieren der eigenen Lebensmomente zu reservieren. Dafür nutzte er ein Medium, das ihm die als lästig empfundene schriftliche Notier- oder Schreibarbeit abnahm. Statt etwas zu notieren, telefonierte er jeden Morgen mit seiner Agentin. Dabei resümierte er die Fakten des zurückliegenden Tages: was im Einzelnen geschehen war, wen er alles getroffen, womit er Berührung gehabt und was er alles getan hatte.

Samstag, den 14. Januar 1978

Ging zu einer Vorführung von »The Leopard« in Suzie Frankfurts Haus. Victor war auch da. Sein Begleiter war ein gutaussehender Highschool-Bursche von 17 Jahren aus New Jersey, ein fröhlicher, typisch amerikanischer Sonnyboy. Da kommt also ein Knabe nach New York, trifft Leute wie mich, lernt Victor kennen, geht ins »Ramrod« und sieht sich bei Suzie »The Leopard« an. Danach fährt er wieder zurück und sitzt wieder den ganzen Tag in der Highschool.6

Die mal kürzeren, mal längeren, je nach Lust und Laune geführten Telefonate wurden von seiner Agentin aufgenommen und später abgetippt. Insgesamt soll ihre schriftliche Version mehr als zwanzigtausend Seiten lang sein. Wegen dieses enormen Umfangs konnte man nicht alles veröffentlichen, aber es gibt neben den »Andy Warhol Diaries« auch eine umfangreiche Übersetzung ins Deutsche von über siebenhundert eng bedruckten Seiten, in der zu lesen (jedenfalls mir) jedes Mal viel Vergnügen macht. Außerdem liegt inzwischen auch ein Hörbuch vor, das noch einen zusätzlichen Reiz hat, weil man als Zuhörer ab und zu glaubt, Andy Warhol telefoniere nicht mit seiner Agentin, sondern mit einem selbst.7

Genau mit einem solchen Projekt wollen wir unsere Textprojekte zum autobiografischen Schreiben beginnen. Möglichst Tag für Tag sollten wir mithilfe eines Diktiergeräts die Ereignisse des jeweils vergangenen Tages Revue passieren lassen. Dabei kommt es vor allem auf unsere Spontaneität und Erzähllust an. Wir sollten registrieren und melden, was vom letzten Tag »übrig ist«, und das alles in einem nüchternen, protokollarischen Ton.

Deutungen und ausführliche Wertungen sollten wir vorerst vermeiden. Wir wollen autobiografischen Rohstoff gewinnen, nicht mehr. Daher kommt es auf die Frische eines Materials an, das wir gerade noch halbwegs in Erinnerung haben. (Schon wenige Tage später ist diese Frische verschwunden, das Erlebte verschwimmt, hat kaum noch Präsenz und geht dann langsam im Dunkel des dagegen hilflosen Gedächtnisses unter.)

Frische, Präsenz, das Leuchten der kleinen Augenblicke – darum geht es. Wir sammeln lauter Momente, deren Bedeutung für unser Leben uns keineswegs klar ist, die sich jedoch für zumindest einen Tag erhalten und eingeprägt haben. Am besten beginnen wir unser Protokoll mit der Angabe der Uhrzeit beim Aufstehen und durchstreifen dann locker den ganzen Tag, indem wir in stenografischer, verkürzter Manier genau das festhalten, was sich besonders hervortut. Wichtig sind die konkreten Details: Wir haben am Morgen nicht irgendeinen, sondern einen bestimmten Tee getrunken. Wir haben mit unserem Bruder nicht nur telefoniert, sondern während des Telefonats über bestimmte Themen gesprochen. Wir haben am frühen Abend nicht nur TV geschaut, sondern eine bestimmte Sportübertragung gesehen, von der wir noch einige Sätze des Kommentators im Ohr haben …

Sonntag, den 19. März 1978

Palmsonntag. Ich ging zur Kirche, aber eine Frau hatte alle Palmwedel abgeräumt. Lunch im »Laurent« in der 56. Straße. Ein ziemlich vornehmes Restaurant. Chris Makos trug eine Lederjacke, und sein Freund hatte keine Krawatte um. Aber weil Dalí mit seinem Gefolge erwartet wurde, nahm niemand Anstoß …8

Prägnante Bilder, konkrete Details, Mikromomente der Welt (Farben, Klänge, einzelne Sätze, Gerüche etc.) – daraus sollten unsere Protokolle gemacht sein. Wir speichern sie und legen gleichzeitig ein Heft an, in dem wir die jeweils gespeicherten Tagesdiktate mit einer Längenangabe und ihren zentralen Motiven möglichst knapp (etwa so) schriftlich festhalten: 25. Juli 2005. 32 Grad. Mit Juli und Tom im Schwimmbad. Mittags Saxofon. Vorbereitung der September-Ausstellung im Kunsthaus. Später längeres Gespräch mit Karl. Abends im »Revier«, bis 2 Uhr. (12 Minuten)

Die kurzen schriftlichen Fixierungen, für die wir nicht viel Zeit brauchen, lassen uns später bestimmte Details leichter wiederfinden und ergeben einen ersten provisorischen Überblick über das festgehaltene Leben. (Zusätzlich zu diesen Notaten könnte man sich der eigenen Facebook-Timeline bedienen, um weitere Daten und Zeitmomente zu registrieren.)

Ergänzen könnte man die knappen Notate aber auch durch Fotos, Ausschnitte aus Zeitungen oder Magazinen sowie Textmaterial (Werbung, Veranstaltungsprogramme, Einkaufszettel, Rechnungen etc.), das uns während des Tages in die Hände geraten ist. Je bunter und vielfältiger das gesammelte Material ist, desto besser. (Das Sammeln und Studieren fremder und eigener Einkaufszettel hat der Comedian Wigald Boning in einem Buch vorgemacht, dessen Lektüre einen dazu verführt, den gesamten Alltag als großes Revier von Fundobjekten zu betrachten.9)

Die Seiten in unserem kleinen Heft sollten wie Collagen leuchten und viel von dem Geröll enthalten, das der Lebensstrom der vorübereilenden Tage mit sich führt. Das alles ergibt zusammen mit unseren Diktatprotokollen eine breit angelegte Rohstoffsammlung des Alltags, noch ohne Bewertung, Deutung oder Einordnung.

Andy Warhol hat sein autobiografisches Schreiben auf eine solche (im Laufe der Jahre gewaltig gewachsene) diktierte Rohstoffsammlung beschränkt. Er hat all diese Angaben und Dokumente nicht weiterbearbeitet. Auch wir könnten es mit einem solchen Projekt bewenden lassen. Schließlich handelt es sich, konsequent und kontinuierlich verfolgt, um ein großes Archiv unseres Lebens, das aus lauter mündlichen Tagesdiktaten, kurzen schriftlichen Zusammenfassungen dieser Diktate und viel unkommentiertem Bild- und Textmaterial besteht. Hätten wir die Ausdauer, ein solches Archiv wirklich jeden Tag zu bestücken und weiterzuführen, ergäbe das ein reiches Universum unseres Lebens. Wir könnten uns an jeden einzelnen Tag erinnern, und wir hätten in fortgeschrittenem Alter eine Fülle von Material für einen detailreichen autobiografischen Rückblick.

Text- und Schreibaufgabe

Diktieren Sie in der skizzierten Manier jeweils ein knapp zusammengefasstes mündliches Protokoll des letzten Tages, indem Sie dem Verlauf dieses Tages folgen und auf möglichst viele konkrete Details abheben, die Sie unverbunden nebeneinander stehen lassen.

Legen Sie als Ergänzung zur Sammlung und Speicherung dieser mündlichen Diktate ein Heft an, in dem Sie das ausführlichere mündliche Tagesprotokoll noch einmal schriftlich stichwortartig kurz zusammenfassen und die Länge des Diktats notieren.

Erweitern Sie diese Stichwortsammlung zu den Lebensdetails eines bestimmten Tages durch das Einkleben von Fotos, Zeitungsausschnitten und anderen Textmaterialien, die Sie selbst gemacht (Fotos) haben oder die Ihnen in die Hände geraten sind.

 

2. Sich befragen lassen 1

Michel Polacco: Michel Serres, was halten Sie davon, wenn wir uns heute mit einem amüsanten Thema beschäftigen, mit dem Aprilscherz? Heute ist ja der erste April …10

Beim Protokollieren mit dem Diktiergerät sind wir allein. Wir diktieren den Ablauf eines Tages und versuchen, einige Details aus dem Lebensstrom herauszufischen, um sie aufzubewahren. Niemand sonst hört uns dabei zu, niemand greift ein, fragt nach, irritiert oder ermuntert uns. Gerade von solchen Reaktionen eines Gegenübers könnten aber viele Impulse ausgehen, die das autobiografische Material vertiefen, auflockern oder einfach hin und her wenden. Anstatt das Material nur zu fixieren und zu lagern, könnten wir ihm andere, fremde Dimensionen zukommen lassen.

Was wir also brauchen, ist jemand, der uns befragt und sich – mit uns zusammen – auf ein Gespräch einlässt. Ein solches Gespräch ist kein Gespräch von gleichwertigen Partnern und damit kein »Dialog«. Es funktioniert nur, indem sich der Fragesteller auf die Rolle des Stichwortgebers beschränkt, hier und da nachhakt und die Erforschung des autobiografischen Materials in eine neue Richtung lenkt.

Natürlich können solche Gespräche nicht Tag für Tag stattfinden, sondern nur dann und wann. Wir benötigen für sie einen Gesprächspartner, der uns jeweils ein Motiv oder ein Thema vorgibt, das gerade aktuell ist und in der Öffentlichkeit eine zumindest erkennbare Rolle spielt. Nicht die großen Allerweltsthemen sollten uns dabei beschäftigen, sondern Dinge und Ereignisse am Rande, über die nicht gerade jedermann redet und die deshalb den Reiz des noch Unverbrauchten haben. Darüber sollten wir sprechen, frei, assoziativ, gut gelaunt. Auf dem Umweg über kleine Motive und Themen der Gegenwart könnten wir in ein ungeordnetes, aber frisches autobiografisches Erzählen geraten.

Auch ein solches Befragtwerden bedarf jedoch eines Rituals und zeitlicher Begrenzung, damit es nicht zu ausschweifend oder aufwendig wird. Wie man ein solches Ritual zelebriert, zeigen seit einigen Jahren der französische Journalist Michel Polacco und der Philosoph Michel Serres. Jeden Sonntag ruft Polacco seinen Freund Serres für die Dauer von exakt sieben Minuten an und befragt ihn in dieser kurzen Zeit zu einem Thema, das in der zurückliegenden oder bevorstehenden Woche eine Rolle ...

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