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Grundwissen Grammatik

Vorwort

Dieser Band mit dem Titel Grundwissen Grammatik. Fit für den Bachelor ist speziell auf die Bedürfnisse von Studienanfängern in den gestuften Studiengängen nach dem Bachelor-/Master-Modell zugeschnitten.

Die neuen Studiengangsstrukturen, insbesondere der auf eine Dauer von nur drei Studienjahren konzipierte Bachelor, erfordern nicht nur ein gut geplantes und straff organisiertes Studium, sondern auch umfangreiches und strukturiertes Vorwissen, vor allem in den Gebieten, die entscheidend für die allgemeine Studierfähigkeit sind. Deshalb wird in diesem Band das Vorwissen auf dem Gebiet der deutschen Grammatik in konzentrierter Form angeboten.

Grammatisches Wissen und die damit verbundenen Analyse- und Ausdrucksmöglichkeiten sind Voraussetzungen für die erfolgreiche Teilnahme am akademischen kommunikativen Austausch – sei es bei der Rezeption von Fachliteratur oder bei der schriftlichen und mündlichen Produktion eigener wissenschaftlicher Texte. Grammatisches Wissen ist somit der Prototyp des nötigen Vorwissens für ein erfolgreiches Studium.

Das hier vorliegende Buch bietet in komprimierter und übersichtlicher Form das Basiswissen zur deutschen Grammatik, das im Laufe der Schulzeit meist verstreut über mehrere sprachliche Unterrichtsfächer und zahlreiche Lernziele den Schülerinnen und Schülern dargeboten wird. Es bündelt und strukturiert dieses Wissen, sodass es schnell aufzufinden ist. Ferner treten die Systematik und der innere Zusammenhang grammatischer Inhalte durch die konzentrierte und einheitliche Darstellung deutlicher hervor, als es durch den Aufbau schulischer Lehrpläne geschehen kann.

Darüber hinaus hat das Buch den Anspruch, durch praktische Anwendung, das heißt durch ausführliche und vielschichtig kommentierte Analysen, nachzuweisen, dass grammatisches Wissen und der bewusste und gekonnte Umgang mit diesem Wissen für Textrezeption und -produktion unverzichtbar sind und damit in der Tat eine der zentralen Schlüsselqualifikationen für ein erfolgreiches Studium – nicht nur in den Geisteswissenschaften – darstellen.

Das Grundwissen Grammatik wird zwar anhand der deutschen Grammatik dargelegt, bietet aber gleichzeitig das grammatische Fundament für ein Studium weiterer moderner Sprachen, ohne das ein sinnvoller Fremdsprachenerwerb und gewinnbringender kontrastiver Vergleich zwischen Mutter- und Fremdsprache nicht möglich ist. Auch für die Literaturwissenschaften sind grammatische Grundkenntnisse unentbehrlich, da sie die Grundlage literaturwissenschaftlicher Textinterpretationen bilden. Letztlich ist für jede Wissenschaft, die wesentlich auf dem Umgang mit Texten basiert, grammatisches Wissen erkenntnisfördernd.

Das Buch ist in zwei deutlich unterschiedliche Teile gegliedert: einen wissensvermittelnden ersten Teil (Kapitel 1 bis 4) und einen anwendungsbezogenen, textanalytischen zweiten Teil (Kapitel 5). Die Kapitel 1 bis 4 bieten leicht verständlich und schrittweise Grundlagenwissen zu Wortarten, Satzgliedern, Topologie und Satz. Der linguistische Ansatz ist deskriptiv und – soweit dies möglich ist – theorieneutral. Gleiches gilt für die verwendete Terminologie. Der Text ist gegliedert durch Beispiele, Tabellen und hervorgehobene Passagen, die besonders wichtige Fakten herausstellen oder wichtige weiterführende Informationen enthalten. Jedes Kapitel wird abgerundet durch Musteranalysen und Übungsaufgaben zu seinen spezifischen Inhalten. Die Lösungen finden Sie am Ende des Buches.

Das Kapitel 5 präsentiert die integrierte Anwendung grammatischen Wissens bei der kreativen Arbeit mit Texten, die ja für jede akademische Beschäftigung prägend ist. An drei verschiedenen Textsorten – einem journalistischen, einem poetischen und einem verwaltungssprachlichen Text – wird exemplarisch und selektiv vorgeführt, wie grammatisches Wissen konkret zur Textanalyse und zum Textverstehen genutzt werden kann. Diese Analysen gehen teilweise über die Basisgrammatik hinaus und sollen zur weiteren und intensiveren Beschäftigung mit Grammatik anregen.

Die drei Autorinnen haben als Sprachwissenschaftlerinnen umfassend zur deutschen Grammatik geforscht und veröffentlicht. Sie können als Professorinnen für Germanistische Linguistik und für Deutsch als Fremdsprache auf eine langjährige Erfahrung in der akademischen Lehre in alten wie neuen Studiengangsstrukturen zurückgreifen. Sie haben Lehrbücher zur deutschen Grammatik und zur germanistischen Linguistik verfasst und Lernmaterialien für den universitären Unterricht entwickelt.

Rückmeldungen und Verbesserungsvorschläge sind willkommen.

Mechthild Habermann
Gabriele Diewald
Maria Thurmair

Inhalt

1

Das Wort

1.1

Verb

1.1.1

Konjugation des Verbs

1.1.2

Tempus des Verbs

1.1.3

Modus des Verbs

1.1.4

Genus Verbi: Aktiv – Passiv

1.1.5

Verschiedene Klassen von Verben

1.1.6

Infinite Verbformen

1.2

Substantiv

1.2.1

Genus des Substantivs

1.2.2

Numerus des Substantivs

1.2.3

Kasus des Substantivs

1.3

Artikel

1.3.1

Formen der Artikel

1.3.2

Gebrauch der Artikel

1.3.3

Andere Artikel

1.4

Pronomina

1.5

Adjektiv

1.5.1

Komparierbarkeit/Steigerbarkeit

1.5.2

Verwendungen des Adjektivs

1.5.3

Deklination des Adjektivs

1.5.4

Das substantivierte Adjektiv

1.5.5

Adjektive und Partizipien

1.5.6

Zahladjektive

1.6

Präpositionen

1.7

Konjunktionen

1.8

Adverbien

1.9

Partikeln

1.9.1

Modalpartikeln

1.9.2

Gradpartikeln

1.9.3

Steigerungspartikeln

1.9.4

Interjektionen

1.10

Musteranalysen

1.11

Übungsaufgaben

2

Satzglieder

2.1

Die Dinge zwischen Wort und Satz

2.2

Wie erkennt man Satzglieder? – Satzgliedtests

2.3

Wie viele Satzglieder braucht ein Satz?

2.4

Das Prädikat

2.4.1

Die Bindungsfähigkeit von Prädikaten bzw. Verben – die Valenz

2.4.2

Semantische Rollen

2.5

Das Subjekt

2.6

Das Objekt

2.6.1

Wie man die Objektarten erkennt

2.6.2

Das Akkusativobjekt

2.6.3

Das Dativobjekt

2.6.4

Das Genitivobjekt

2.6.5

Präpositionalobjekt

2.7

Das Adverbial

2.8

Präpositionalobjekt versus Adverbial – (k)ein Problem

2.9

Das Prädikativ

2.10

Wie unterteilt man Satzglieder? – Binnengliederung, Attribute

2.11

Musteranalyse

2.12

Übungsaufgaben

3

Stellung der Satzglieder im Satz

3.1

Topologisches Grundschema

3.2

Satzklammer

3.3

Satzarten und Stellung des finiten Verbs

3.4

Vorfeld

3.5

Mittelfeld

3.6

Nachfeld

3.7

Informationsgliederung durch die Stellung

3.8

Analyse eines Textbeispiels

3.9

Übungsaufgaben

4

Satz

4.1

Was ist ein Satz?

4.2

Satzarten

4.3

Der komplexe Satz

4.3.1

Satzgefüge oder Satzreihe

4.3.2

Hauptsatz und Nebensatz

4.3.3

Wie können Hauptsätze und Nebensätze voneinander unterschieden werden?

4.3.4

Konjunktionale Nebensätze mit Verbletztstellung

4.3.5

Relativsätze

4.3.6

Indirekte Fragesätze

4.3.7

Uneingeleitete Konditionalsätze

4.3.8

Uneingeleitete Nebensätze mit V2-Stellung

4.3.9

Satzwertige Infinitiv- und Partizipialkonstruktionen

4.3.10

Die syntaktischen Funktionen von Nebensätzen und satzwertigen Konstruktionen

4.4

Wie analysiert man komplexe Sätze?

4.5

Übungsaufgaben

5

Grammatik wozu?

5.1

Was dieses Kapitel soll und wie es zu gebrauchen ist

5.2

Journalistischer Text

5.2.1

Einführung in die Analyse des journalistischen Textes

5.2.2

Markierung verschiedener Sprecher und Sprecherhaltungen

5.2.3

Elemente der Reportage: Nähe und Direktheit

5.2.4

Grammatische »Merkwürdigkeiten«

5.2.5

Zusammenfassung

5.3

Lyrischer Text

5.3.1

Einführung in die Analyse des lyrischen Textes

5.3.2

Die Unvollständigkeit der Sätze und ihre Interpretation

5.3.3

Vom Sinn und Zweck von Konstruktionsbrüchen

5.3.4

Abweichungen in der Satzstellung

5.3.5

Was bedeutet sich?

5.3.6

Zusammenfassung

5.4

Verwaltungstext

5.4.1

Einführung in die Analyse des Verwaltungstextes

5.4.2

Der Verbalkomplex

5.4.3

Der Nominalstil

5.4.4

Komplexe Phrasenstruktur

5.4.5

Komplexe Satzstruktur

5.4.6

Alte und neue Information: Thema – Rhema

5.4.7

Zusammenfassung

Register

Quellenverzeichnis

Lösungen zu den Übungsaufgaben

1 Das Wort

Im Anfang war das Wort.

Wörter sind die kleinsten selbstständigen Bausteine der Sprache. Mit Wörtern bilden wir Wortgruppen, aus diesen Sätze und daraus wiederum Texte.

Es gibt verschiedene Arten von Wörtern: Man kann sie von ihrer Bedeutung her danach unterscheiden, was wir mit ihnen ausdrücken können, ob wir etwa Objekte (Haus, Kind) oder Handlungen (essen, spielen) oder Eigenschaften (groß, lustig) oder bestimmte Relationen (auf, in) mit ihnen bezeichnen; wir können sie von ihren grammatischen Eigenschaften her danach unterscheiden, wie wir sie im Satz verwenden und welche Funktionen sie übernehmen können und ob wir sie in ihrer Form verändern, also flektieren können (Haus – Häuser, essen – gegessen). Wir unterscheiden also verschiedene Wortarten.

Wortarten sind Klassen von Wörtern, die nach bestimmten Kennzeichen klassifiziert wurden.

In einer ersten Unterscheidung im Bereich der Wortarten fragen wir danach, ob ein Wort verändert (flektiert, gebeugt) werden kann oder nicht. Betrachten Sie die beiden Sätze in Beispiel 1:

1 Veränderung von Wörtern

1-1

Abends kommen

die Kinder

aus den Häusern

immer auf die

freien

Felder.

1-2

Abends kam

das Kind

aus dem Haus

immer auf das

freie

Feld.

Sie sehen im Vergleich von 1-1 und 1-2, dass manche Wörter sich nicht verändern (abends, immer, auf), andere dagegen, wie kommen, die, Kinder, frei, sich verändern können: Sie drücken dann z. B. einen anderen Numerus (wie KindKinder) oder ein anderes Tempus (wie kommenkamen) oder andere grammatische Beziehungen (wie freienfreie) aus. Sie bilden verschiedene Wortformen.

Wortformen können entstehen durch:

Hinzufügen: Kind – Kinder, frei – freien, freie, laufen – gelaufen

Verändern: kommen – kamen, waren – wären, Apfel– Äpfel, denken – dachte

Ersetzen (ganz selten): sein – binist, gut – besser.

Alle diese Formen sind verschiedene Wortformen einer sogenannten Grundform (Nennform). Diese Grundform findet man auch im Wörterbuch. Alle möglichen Wortformen eines Wortes (z. B. Kind, Kinder, Kindern oder frei, freie, freier, freies, freiem, freien) nennt man sein Paradigma.

Wortformen sind grammatisch veränderte, also flektierte Formen eines Wortes. Man kann sie auch Flexionsformen nennen.

Im Wörterbuch finden wir die Grundform (Nennform) eines Wortes.

Flexion ist die Veränderung von Wörtern nach bestimmten grammatischen Kategorien; sie umfasst (im Deutschen) Konjugation, Deklination und Komparation. Konjugation ist die Veränderung nach Person, Numerus, Tempus, Modus, Genus Verbi und tritt nur beim Verb auf. Deklination ist die Veränderung nach Genus, Numerus und Kasus und tritt bei Substantiv, Adjektiv, Artikel und Pronomen auf. Komparation ist Steigerung und tritt bei (manchen) Adjektiven und einigen wenigen Adverbien auf.

Wortarten sind also bestimmte Kategorisierungen im Wortschatz (Suppe, heiß, kochen), Wortformen sind grammatisch veränderte Formen eines Wortes (kochengekocht).

Wir wollen im Folgenden die einzelnen Wortarten und ihre Besonderheiten besprechen. Zunächst wenden wir uns den Wortarten zu, die flektiert werden können, nämlich Verb, Substantiv, Artikel, Pronomen und Adjektiv, und dann den anderen.

Die Zahl der Wortarten im Deutschen ist nicht fest, da die Einteilung in Wortarten auch davon abhängt, welche Kriterien man verwendet und wie man sie gewichtet. Üblicherweise nimmt man aber als Wortarten folgende an:

Verb, Substantiv, Artikel, Pronomen, Adjektiv als flektierbare und Adverb, Konjunktion, Präposition, Partikel als unflektierbare Wortarten.

1.1 Verb

Verben sind die Zentren jeden Satzes. Sie bezeichnen sehr oft eine Handlung bzw. eine Tätigkeit (essen, lesen, spielen), manchmal auch einen Vorgang (wachsen, regnen) oder einen Zustand (sitzen, wissen). Verben können flektiert werden, ihre Flexion nennt man Konjugation.

1.1.1 Konjugation des Verbs

Verben werden konjugiert, d. h., sie werden nach fünf verschiedenen grammatischen Kategorien verändert:

nach der Person: ich schreie – du schweigst– sie spricht (1., 2., 3. Person)

nach dem Numerus: er liest – sie reden (Singular und Plural)

nach dem Tempus: du schreibst – du schriebst – du hattest geschrieben

nach dem Modus: komm! – wir kommen – wir kämen – wir würden kommen

nach dem Genus Verbi: sie sehen – sie werden gesehen (Aktiv – Passiv)

Die Kategorien Person und Numerus sind vor allem relevant als Kongruenzkategorien (Kongruenz, d. h. grammatische Übereinstimmung, mit dem Subjekt eines Satzes); echte Verbkategorien sind vor allem das Tempus und der Modus – sie sind semantisch grundlegend.

Während Person, Numerus, Tempus und Modus morphologische Kategorien sind, wird die Kategorie des Genus Verbi ausschließlich analytisch, d. h. mit Hilfsverben, gebildet und deshalb von manchen nicht zu den Verbkategorien gezählt.

Verben werden konjugiert, also verändert nach Person, Numerus, Tempus, Modus, Genus Verbi. In einigen Fällen (Passiv, Tempus, Modus) werden dafür auch Hilfsverben verwendet.

Verbformen, die Personalendungen haben und damit nach Person und Numerus bestimmt sind, nennt man finit. (Oft wird zur Finitheit auch die Bestimmung nach Tempus und Modus gerechnet.)

Infinite Verbformen dagegen sind nicht nach den grammatischen Kategorien bestimmt; infinite Verbformen sind der Infinitiv und das Partizip.

Die Konjugation der Verben kann regelmäßig sein oder unregelmäßig. Entscheidend dafür sind die sogenannten Stammformen, das sind die Formen im Infinitiv Präsens und im Präteritum und das Partizip II (auch Partizip Perfekt). Die regelmäßigen Verben sind der Normalfall und deshalb ungleich häufiger. Sie werden gebildet durch die Endung -te- im Präteritum und durch ge-…-t im Partizip II.

2 Regelmäßige und unregelmäßige Verben

Die regelmäßigen Verben heißen auch schwache Verben; die unregelmäßigen Verben umfassen die sogenannten starken Verben (sprechen, sprach, gesprochen) und die sogenannten gemischten Verben (nennen, nannte, genannt), die in ihrer Konjugation Kennzeichen der schwachen und der starken Verben kombinieren.

1.1.2 Tempus des Verbs

Verben können durch ihre Tempusformen verschiedene Zeitstufen ausdrücken. Dies ist ein ganz wesentliches Kriterium von Verben. Manchmal nennt man sie deshalb auch Zeitwörter.

Üblicherweise werden im Deutschen sechs grammatische Tempusformen unterschieden:

3 Tempusformen

Präsens

lach-e, -st, -t, -en, -t, -en

Stammform + Personalendung

Präteritum

lach-te-, -st, -, -n, -t, -n

rief-, -st, -, -en, -t, -en

Stammform + -te- + Personalendung

Präteritumsform + Personalendung

Perfekt

habe gelacht, hast gelacht …

bin gekommen, bist gekommen

Hilfsverb haben + Partizip II oder

Hilfsverb sein + Partizip II

Plusquamperfekt

hatte gelacht, hattest …

war gekommen, warst …

Hilfsverb haben im Präteritum +

Partizip II

Hilfsverb sein im Präteritum + Partizip II

Futur I

werde lachen

Hilfsverb werden + Infinitiv

Futur II

werde gelacht haben

werde gekommen sein

Hilfsverb werden + Partizip II + haben

Hilfsverb werden + Partizip II + sein

Nur die Formen im Präsens und Präteritum sind einfache Tempusformen (auch: synthetische Formen), alle anderen Tempusformen sind zusammengesetzte Tempusformen (auch: analytische Formen), d. h., sie werden mit Hilfsverben gebildet. Die Formen des Futurs I und des Futurs II werden selten verwendet.

Das Hilfsverb haben wird bei der überwiegenden Zahl der Verben zur Bildung von Perfekt und Plusquamperfekt verwendet (z. B. bei allen transitiven Verben, d.h. Verben mit einem Akkusativobjekt). Das Hilfsverb sein tritt bei einigen speziellen Gruppen auf, etwa bei Verben der Bewegung (ist gelaufen, ist verschwunden) oder Verben, die eine Veränderung bezeichnen (ist eingeschlafen, ist aufgeblüht, ist gestorben), und beim Verb sein selbst (ist gewesen).

Die grammatischen Tempusformen drücken das Verhältnis dessen, worüber wir sprechen, zum Zeitpunkt des Sprechens aus, ob wir also über etwas Vergangenes sprechen (ich lachte, ich habe gelacht), etwas Gegenwärtiges (ich schreibe) oder etwas Zukünftiges (ich werde kommen).

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Tempus und Zeit?

Der Begriff »Tempus« bezeichnet die grammatischen Formen des Verbs, die Begriffe »Zeit« und »Zeitstufen« meinen die Konzepte Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit. Meist deckt sich die Tempusform mit der Zeitstufe; Tempusform Präsens bezeichnet also Gegenwart, Tempusform Perfekt Vergangenheit usw. Aber dies muss nicht so sein. Die Tempusformen des Verbs sind nämlich nicht alleine ausschlaggebend für die ausgedrückte Zeitstufe. Es gibt auch andere Möglichkeiten:

4 Tempusformen und Zeitstufen

Tempusform

Zeitstufe

Morgen kommt meine Mutter mit ihrem neuen Freund.

Präsens

Zukunft

Wie war doch gleich sein Name?

Präteritum

Gegenwart

Bis dahin habe ich meine Wohnung aufgeräumt.

Perfekt

Zukunft

Beim letzten Besuch geht meine Mutter doch sofort in mein Schlafzimmer und regt sich furchtbar über das Chaos dort auf.

Präsens

Vergangenheit

1.1.3 Modus des Verbs

Mit dem Modus eines Verbs können wir verschiedene Einstellungen ausdrücken und das Verhältnis dessen, was wir sagen, zur Wirklichkeit gestalten.

Man unterscheidet im Deutschen drei Modi:

Indikativ (du kommst) ist der neutrale Modus des Verbs, der am häufigsten anzutreffen ist.

Imperativ ist die Modusform, die für Aufforderungen benutzt wird; deshalb gibt es nur Formen für die zweite Person: kommkommt.

Konjunktiv (du kommest, du kämest) ist der Modus, mit dem eine relativierende Haltung des Sprechers zum Gesagten ausgedrückt wird. Diesen Modus wollen wir nun genauer betrachten.

Formen des Konjunktivs

Es gibt zwei Arten des Konjunktivs: Konjunktiv I und Konjunktiv II.

Konjunktiv I wird gebildet durch Einfügen eines ›e‹ vor der Personalendung der Verbform im Präsens; da viele Personalendungen bereits ein ›e‹ aufweisen, unterscheidet sich der Konjunktiv I nur in wenigen Formen von der Indikativform: gehe, gehest, gehe, gehen, gehet, gehen (Indikativ: gehe, gehst, geht, gehen, geht, gehen).

Nur beim Verb sein ist der Konjunktiv I immer deutlich, da hier eine andere Form auftritt: sei, sei(e)st, sei, seien, seiet, seien (Indikativ: bin, bist, ist, sind, seid, sind).

Konjunktiv II wird gebildet durch Einfügen eines ›e‹ vor der Personalendung des Verbs im Präteritum (wenn die Personalendung nicht bereits ein ›e‹ enthält), bei unregelmäßigen Verben – wenn möglich – auch durch Umlaut.

5 Bildung des Konjunktivs II

Sie sehen, dass bei regelmäßigen Verben der Konjunktiv II immer die gleichen Formen hat wie der Indikativ. Bei unregelmäßigen Verben ist entweder (wie bei ging) nur die 1.–3. Person Singular und die 2. Person Plural unterschiedlich von den Formen des Indikativs oder alle Formen (wie bei kam), wenn auch Umlaut möglich ist.

Weil also der Konjunktiv II oft nicht vom Indikativ Präteritum zu unterscheiden ist, gibt es eine Ersatzform: die Form würde + Infinitiv; also: ich würde lachen, wir würden gehen usw. Diese würde-Form kann man immer statt der Konjunktiv-II-Form verwenden, besonders dann, wenn die Form des Konjunktivs II nicht deutlich oder nicht mehr üblich ist (also: er würde lachen, er würde fliegen statt er lachte, er flöge). Seltener verwendet man die würde-Form bei den Hilfsverben sein und haben und bei den Modalverben (also: er wäre/hätte/könnte statt er würde sein/haben/können).

Vielleicht haben Sie auch die Begriffe ›Konjunktiv Präsens‹ und ›Konjunktiv Präteritum‹ gelernt. Diese Begriffe beziehen sich nur auf die Bildung: Der Konjunktiv Präsens wird von der Präsensform eines Verbs gebildet, der Konjunktiv Präteritum von der Präteritumsform eines Verbs. Sie beziehen sich jedoch nicht auf unterschiedliche Zeitstufen. Deshalb verwendet man heute meist die neutralen Begriffe Konjunktiv I (entspricht Konjunktiv Präsens) und Konjunktiv II (entspricht Konjunktiv Präteritum).

Konjunktiv I und II haben je eine Form, die die Gegenwart (bzw. Gleichzeitigkeit) bezeichnet, und eine Form für die Vergangenheit: Konjunktiv I Vergangenheit (oft auch: Konjunktiv Perfekt) und Konjunktiv II Vergangenheit (oft auch: Konjunktiv Plusquamperfekt). Zum Beispiel:

6 Konjunktiv I und II: Vergangenheitsformen

Gegenwart/Gleichzeitigkeit

Vergangenheit

Konjunktiv I

er komme

er sehe

er sei gekommen

er habe gesehen

Konjunktiv II

er käme

er sähe

er wäre gekommen

er hätte gesehen

Verwendung des Konjunktivs

Konjunktiv I und Konjunktiv II werden in unterschiedlichen Bereichen verwendet.

Konjunktiv II wird z. B. verwendet bei

– Wünschen: Käme das Geld doch rechtzeitig! Hätte ich doch mehr Zeit!

– Konditionalsätzen: Wenn wir fliegen könnten, wären wir auch nicht freier.

– irrealen Vergleichen: Sie sieht aus, als ob sie keine Lust hätte.

– höflichen Kontexten: Dürfte ich Sie etwas fragen?

– Zweifeln: Würde er wirklich die Wahrheit sagen?

Konjunktiv I wird z. B. in verschiedenen fachsprachlichen Bereichen verwendet:

– religiöse Kontexte: Der Friede sei mit dir.

– mathematische Kontexte: Gegeben sei eine Menge x.

– andere: Man beachte die unterschiedlichen Formen.

Konjunktiv I und Konjunktiv II werden verwendet in der indirekten Rede: Die üblichen Formen in der indirekten Rede sind die Formen des Konjunktivs I; diese zeigen eindeutig an, dass etwas als Redewiedergabe markiert wird. Hier liegt der Hauptverwendungsbereich des Konjunktivs I. Wenn Konjunktiv-I-Formen nicht erkennbar sind, treten Ersatzformen auf. In informeller Sprache wird auf den Konjunktiv oft verzichtet.

7 Beispiel für Konjunktivformen in der indirekten Rede

Das Kanzleramt teilte am Abend mit, die Kanzlerin verurteile diese Tat aufs Schärfste, die Minister im Kabinett sprächen sich wie die Kanzlerin für höhere Strafen aus und würden an einem gemeinsamen Gesetzentwurf arbeiten.

Das Beispiel 7 zeigt die verschiedenen Möglichkeiten der Verwendung des Konjunktivs in der indirekten Rede. Die grundlegende Regel ist, in der indirekten Rede den Konjunktiv I zu verwenden (wie hier im Beispiel: verurteile). Wenn der Konjunktiv I nun aber nicht erkennbar ist (wie bei sprechen, arbeiten), dann werden Ersatzformen verwendet, nämlich der Konjunktiv II (wie hier im Beispiel: sprächen); wenn dieser nicht erkennbar ist (wie hier bei arbeiteten als einem regelmäßigen Verb), dann verwendet man die würde-Form (wie hier im Beispiel: würden arbeiten). Oft wird heute aber in anderen Fällen auch die würde-Form eingesetzt.

Nur in der indirekten Rede, nicht aber in anderen Verwendungsbereichen, sind Konjunktiv I und Konjunktiv II austauschbar!

1.1.4 Genus Verbi: Aktiv – Passiv

Mit dem Ausdruck Genus Verbi bezeichnet man Aktiv- und Passivformen des Verbs. Das Passiv wird im Deutschen allerdings streng genommen nicht durch Flexion, sondern durch Hilfsverben gebildet.

Das Passiv unterscheidet sich vom Aktiv ganz generell durch eine andere Blickrichtung: Beim Aktiv richtet man den Blick auf den Handelnden, das Aktiv ist »agensorientiert«; beim Passiv dagegen richtet man den Blick auf den Vorgang selbst und nicht auf den Handelnden (der oft gar nicht genannt wird). Zum Vergleich:

8 Aktiv und Passiv

Aktiv

Passiv

Der Koch schält die Kartoffeln.

Die Kartoffeln werden geschält.

Dort baut die Firma Moll eine Villa.

Dort wird eine Villa gebaut.

Die Regierung erlässt ein Gesetz.

Ein Gesetz wird erlassen.

Randalierer zerstörten ein Auto.

Ein Auto wurde zerstört.

Der oder die Handelnden, das Agens, wird in Passivsätzen aus folgenden Gründen nicht genannt: weil es unbekannt ist, weil es aus dem Kontext erschließbar und deshalb überflüssig, unwesentlich oder selbstverständlich ist oder weil es gar nicht genannt werden soll.

Bildung des Passivs

Die Passivformen werden im Deutschen mit einem Hilfsverb in Verbindung mit dem Partizip II gebildet. Bei transitiven Verben, also Verben mit Akkusativobjekt, wird dieses im Passivsatz zum Subjekt. Bei intransitiven Verben erscheint im Passivsatz kein Subjekt. Das Passiv von intransitiven Verben wird manchmal auch »unpersönliches Passiv« genannt.

9 Passivformen verschiedener Verben

transitive Verben

die Zeitung lesen

das Geld ausgeben

Die Zeitung wird gelesen.

Das Geld wurde ausgegeben.

intransitive Verben

dem Kind helfen

tanzen

Dem Kind wurde geholfen.

Am Abend wurde getanzt.

werden-Passiv und sein-Passiv

Im Deutschen werden mehrere Arten von Passivformen unterschieden. Der Unterschied zwischen werden-Passiv (auch: Vorgangspassiv) und sein-Passiv (auch: Zustandspassiv) liegt einmal in der Bildung (Hilfsverb werden + Partizip II bzw. Hilfsverb sein + Partizip II) und zum anderen in der Betrachtungsweise: Im werden-Passiv wird der Vorgang als solcher fokussiert, im sein-Passiv das Ergebnis, das Resultat.

10 werden-Passiv und sein-Passiv

werden + Partizip II: Vorgang

sein + Partizip II: Resultat, Zustand

Die Kartoffeln werden geschält.

Die Koffer werden gepackt.

Das Geld wird ausgegeben.

Die Kartoffeln sind geschält.

Die Koffer sind gepackt.

Das Geld ist ausgegeben.

Es gibt noch andere Typen des Passivs, etwa das sogenannte bekommenPassiv (auch: Dativpassiv oder Rezipientenpassiv). Es wird gebildet mit dem Hilfsverb bekommen (auch: erhalten, kriegen) + Partizip II (Sie bekommt die Urkunde überreicht; siehe dazu 2. 6. 3).

1.1.5 Verschiedene Klassen von Verben

Bisher hatten wir es vor allem mit der großen Klasse der sogenannten Vollverben zu tun. Das ist die überwiegende Zahl der Verben, die eigenständige Bedeutung haben und deshalb alleine das Prädikat bilden können (wie schwimmen, essen, liegen). Es gibt aber auch einige andere, kleinere Klassen von Verben, die spezifische Formen und Funktionen haben. Die wichtigsten sind hier die Hilfsverben, die Modalverben und die Kopulaverben.

Hilfsverben

Hilfsverben haben die Funktion, bei der Bildung von Verbformen zu ›helfen‹. Die wichtigsten Hilfsverben sind haben, sein und werden. Sie verbinden sich mit Partizipien oder Infinitiven und dienen dazu, Passivformen, Tempusformen und Konjunktivformen zu bilden. Zum Beispiel:

11 Hilfsverben

Beispiel

Funktion des Hilfsverbs

habe – gegessen

bin – gelaufen

bin – gewählt

werde – kommen

werde – gefilmt

Hilfsverb haben zur Bildung von Perfekt

Hilfsverb sein zur Bildung von Perfekt

Hilfsverb sein zur Bildung von (sein-)Passiv

Hilfsverb werden zur Bildung von Futur

Hilfsverb werden zur Bildung von (werden-)Passiv

Modalverben

Zu den wichtigsten Modalverben gehören können, müssen, dürfen, wollen und sollen.

Modalverben dienen dazu, die Modalität einer Aussage zu verändern und eine subjektive Stellungnahme zum Ausdruck zu bringen; vergleichen Sie die Veränderungen in folgendem Beispiel 12:

12 Modalverben

sie singt – sie will singen – sie kann singen – sie muss singen – sie darf singen – sie soll singen

Durch die Modalverben wird hier ein Wille, eine Möglichkeit, ein Zwang, eine Erlaubnis oder eine Aufforderung ausgedrückt.

Ein weiteres Modalverb ist mögen. Die Form möchte ist eigentlich die Konjunktiv-II-Form dieses Modalverbs: ich mag – ich mochte – ich möchte. Allerdings wird diese Form heute fast wie ein eigenständiges Modalverb verwendet. Manche Linguisten sprechen deshalb von einem eigenen Modalverb »möchte(n)«.

Kopulaverben

Kopulaverben verbinden sich mit einem Prädikativ (z. B. einer Substantivgruppe, d.h. einer Nominalphrase, oder einem Adjektiv; siehe 2.9) zu einem Prädikatsverband, z. B.: Die Kleinen sind müde. Frau Fischer bleibt Chefin. Sie haben vor allem grammatische Funktion, denn sie zeigen Person, Numerus, Tempus u. a. an. Kopulaverben sind im Deutschen sein, werden und bleiben.

Manche Verben können in verschiedenen Funktionen auftreten und gehören damit zu verschiedenen Verbklassen. Das Verb werden z. B. kann ein Hilfsverb zur Passiv- und zur Futurbildung sein (ich werde gefragt, ich werde sehen) und in anderer Umgebung ein Kopulaverb (ich werde Lehrerin). Das Verb sein z. B. kann ein Hilfsverb sein zur Perfektbildung (wir sind gekommen) und zur Passivbildung (wir sind gewählt) und ein Kopulaverb (Wir sind Bürger dieses Staates); in einer besonderen Konstruktion (sein + Infinitiv mit zu) dagegen fungiert sein wie ein Modalverb und heißt dann oft Modalitätsverb (Kinder sind zu schützen); und z. B. im philosophischen Kontext kann sein als Vollverb auftreten: Ich bin. Einige Verben befinden sich im Übergang: Das Verb bekommen etwa übernimmt auch die Funktion als Hilfsverb zur Passivbildung (z. B. Sie bekommt eine Urkunde verliehen).

Manche Verben können – je nach syntaktischer Umgebung – verschiedenen Verbklassen angehören.

Funktionsverben und Funktionsverbgefüge

Funktionsverbgefüge sind feste Verbindungen; sie bestehen meist aus einem relativ bedeutungsarmen Verb (kommen, bringen und andere) und einer Präpositionalphrase oder Nominalphrase, bei der das Substantiv oft von einem Verb abgeleitet ist. Mit Funktionsverbgefügen kann man verschiedene Phasen eines Vorgangs bezeichnen oder verschiedene Blickwinkel einnehmen.

13 Funktionsverbgefüge

Vollverb

Funktionsverbgefüge

entscheiden

zur Entscheidung bringen, zur Entscheidung kommen, zur Entscheidung stellen

sprechen über

zur Sprache bringen, zur Sprache kommen

abschließen

zum Abschluss bringen, zum Abschluss kommen

1.1.6 Infinite Verbformen

Infinite Verbformen sind das Partizip und der Infinitiv. Das Partizip steht zwischen Verb und Adjektiv (siehe 1.5.5). Im Bereich des Verbs spielt das Partizip II eine wichtige Rolle bei der Bildung von (analytischen) Verbformen.

14 Verbformen mit Hilfsverb + Partizip II

Hilfsverb + Partizip II

Beispiel

Verbform

haben + Partizip II

Sie hat gelacht.

Perfekt Aktiv

werden + Partizip II

Es wird getanzt.

werden-Passiv

sein + Partizip II

Die Rechnung ist bezahlt.

sein-Passiv

bekommen + Partizip II

Er bekommt den Zahn gezogen.

bekommen-Passiv

Der Infinitiv kann zusammen mit Hilfsverben bestimmte Verbformen bilden; er kann aber auch abhängig von bestimmten Verben auftreten. Einige Beispiele:

15 Verbindungen mit dem Infinitiv

Hilfs-/Modalverb + Infinitiv

Beispiel

Verbform

werden + Infinitiv

Sie werden lachen.

Futur Aktiv

würden + Infinitiv

Ich würde das nicht behaupten.

Konjunktiv II Aktiv

Modalverb + Infinitiv

Sie kann/will/muss … jetzt gehen.

Vollverb + Infinitiv

Wahrnehmungsverben

lassen, lehren,

helfen etc.

Bewegungsverben

Sie sieht ihn kommen.

Ich lasse die Haare schneiden.

Er hilft uns aufräumen.

Wir gehen schwimmen.

Neben dem Infinitiv Präsens Aktiv (auch: Infinitiv I) gibt es den Infinitiv Perfekt (oft: Infinitiv II) und den Infinitiv Passiv. Einige Beispiele:

lachen, kommen, sagen (Infinitiv Präsens);

gelacht haben, gekommen sein, gesagt haben (Infinitiv Perfekt);

gesagt werden, gelernt werden bzw. gesagt sein, gelernt sein (Infinitiv Passiv).

1.2 Substantiv

Substantive wie Haus, Rose, Freiheit gehören zu den deklinierbaren Wortarten; relevant sind die grammatischen Kategorien Genus, Numerus und Kasus. Im Unterschied zu den anderen deklinierbaren Wortarten (wie Adjektiv, Artikel) ist bei Substantiven aber das Genus fest, verändert werden nur Numerus und Kasus.

1.2.1 Genus des Substantivs

Das Genus eines Substantivs ist fest: Ein bestimmtes Substantiv ist also entweder Maskulinum oder Femininum oder Neutrum. Am Substantiv selbst kann man das Genus im Allgemeinen nicht erkennen, es ist »inhärent« – sichtbar wird es aber z. B. am Artikel, dem Begleiter des Substantivs. Im Plural gibt es keine Unterscheidung nach dem Genus, der entsprechende Artikel lautet für alle Genera »die«.

Die grammatische Kategorie Genus ist nicht deckungsgleich mit dem natürlichen Geschlecht (= Sexus). Feminine Substantive bezeichnen also nicht etwas »Weibliches«, maskuline nicht etwas »Männliches«.

Um das Genus am Substantiv selbst zu erkennen, gibt es nur wenige Regeln: Einfache Substantive wie Haus, Maus, Strauß oder Messer, Gabel, Löffel lassen das Genus nicht erkennen, es gibt nur Tendenzen: So sind z. B. Substantive mit der Endung -e häufig feminin (die Rose, die Straße, die Sonne usw., aber: das Auge). Substantive, die mit einem Wortbildungssuffix aus einem anderen Wort gebildet werden, haben allerdings ein festes Genus: So sind z. B. Substantive, die mit den Wortbildungssuffixen -ung oder -heit gebildet sind, immer feminin (die Heizung, Wohnung, Freiheit), Substantive mit -chen und -lein immer Neutrum (das Jäckchen, Tellerchen, Tischlein und auch: das Mädchen).

1.2.2 Numerus des Substantivs

Substantive können durch die Deklination auch Numerus, also Singular und Plural, ausdrücken. Gekennzeichnet wird dabei im Deutschen nur der Plural, der Singular wird nicht eigens markiert. Um Plural zu markieren, gibt es im Deutschen vielfältige Möglichkeiten: einmal verschiedene Endungen und zum anderen die Möglichkeit, einen Umlaut zu verwenden. Einige Beispiele sollen das zeigen:

16 Pluralendungen beim Substantiv

1.2.3 Kasus des Substantivs

Substantive treten im Satz je nach syntaktischer Funktion in verschiedenen Kasus auf. Im Deutschen gibt es vier Kasus: Nominativ, Akkusativ, Dativ und Genitiv.

17 Beispiele zur Kasusdeklination

17-1

Der junge König kümmert sich um seine Untertanen.

(Nominativ)

17-2

Deshalb verehren sie den jungen König.

(Akkusativ)

17-3

Sie schenken dem jungen König ihr Vertrauen.

(Dativ)

17-4

Auch die Frau des jungen Königs wird vom Volk geliebt.

(Genitiv)

Die Deklination des Substantivs markiert allerdings den Kasus nur in wenigen Fällen direkt – auch das übernimmt eher der Artikel und gegebenenfalls ein Adjektiv (siehe Beispiele 17).

Die möglichen Kasusendungen an den Substantiven selbst zeigt die folgende Übersicht:

18 Kasusdeklination am Substantiv

Sie sehen in 18, dass die Anzeige des Kasus am Substantiv nur in wenigen Fällen auftritt: Im Singular wird der Genitiv markiert, aber nur bei Substantiven, die Neutrum oder Maskulinum sind (nicht bei Feminina); bei Neutra und Maskulina erscheint die Endung -es (Mannes, Kindes) oder -s (Königs). Einige wenige Substantive (wie hier Herr) markieren mit der Endung -n Genitiv und auch Akkusativ und Dativ. Im Plural wird nur der Dativ mit der Kasusendung -n gekennzeichnet, die aber nur bei den Pluralendungen -e und -er und bei Pluralen ohne Endung auftreten kann.

Vielleicht haben Sie eine andere Reihenfolge der Kasus gelernt: Nominativ (1. Fall), Genitiv (2. Fall), Dativ (3. Fall) und Akkusativ (4. Fall). Das ist einfach eine andere Anordnung. Vielfach wird heute aber die Reihenfolge wie oben verwendet, weil sie der Bedeutung und der Frequenz der einzelnen Kasus besser entspricht.

Durch die Deklination wird am Substantiv vor allem die grammatische Kategorie Numerus, also Singular und Plural, markiert. Genus ist fest mit dem Substantiv verbunden, und Kasus wird nur an einigen wenigen Stellen durch eine Endung markiert. Die Anzeige von Genus und Kasus wird vor allem am Artikel (und am Adjektiv) deutlich. Deshalb sollte man immer die gesamte Substantivgruppe (bzw. Nominalphrase) betrachten.

1.3 Artikel

Artikel treten immer zusammen mit einem Substantiv auf, sie sind »Begleiter« des Substantivs und bilden mit diesem zusammen eine Substantivgruppe bzw. eine Nominalphrase (siehe Kap. 2). Artikel kongruieren mit ihrem Substantiv, d. h., sie zeigen das Genus des Substantivs, den Kasus und den Numerus des Substantivs. Die Artikel übernehmen aber auch wichtige inhaltliche, das Substantiv determinierende Funktionen; ihr Gebrauch soll hier nur exemplarisch besprochen werden.

1.3.1 Formen der Artikel

Die häufigsten Artikel sind der bestimmte Artikel (der, die, das) und der unbestimmte Artikel (ein, eine). Ihre Formen zeigt die folgende Übersicht (der als Kasussignal dienende Teil der Endung ist fett markiert).

19 Bestimmter und unbestimmter Artikel