Logo weiterlesen.de
Deutschland

Inhalt

Natur & Umwelt

Geschichte

Politik & Staat

Gesellschaft

Wirtschaft

Wissenschaft & Technik

Kunst & Kultur

Alltag

Register

Bildnachweis

Natur & Umwelt

Wattenmeer, Sandstrände und flaches Land im Norden, Hügel und Berge unter dichten Wäldern, durch die sich wie Lebensadern Flüsse winden, in der Mitte sowie große Seen und dahinter ein Hochgebirge im Süden: Diese Fülle sehr unterschiedlicher Landschaften – das ist Deutschland.

Unser Naturerbe

Ohne die Natur könnten wir nicht leben. Unser Verhalten ihr gegenüber entspricht dieser Einsicht jedoch oft nicht. Deutschland ist ein Mosaik aus verschiedenen Landschaften und Naturräumen, in denen eine Vielzahl von Arten lebt, die es zu schützen und zu erhalten gilt. Die Wiedervereinigung hat für einen nachhaltigen Umgang mit der Natur große Chancen eröffnet.

Landschaften

Deutschland erstreckt sich in Nord-Süd-Richtung über 874 km (Ellenbogen auf Sylt bis Haldenwanger Eck bei Oberstdorf) und in West-Ost-Richtung über 636 km (Isenbruch, Kreis Heinsberg, bis Neißeaue/Neißetal); insgesamt ist es 357 000 km2 groß. Im Norden ist die Landschaft von Nordund Ostsee geprägt. Die Nordsee im Nordwesten ist zwar kein Ozean, aber immerhin ein Randmeer des zweitgrößten Weltmeers Atlantik. Die Ostsee im Nordosten ist dagegen ein typisches Binnenmeer, das mit den Förden sogar Miniaturausgaben der Fjorde Skandinaviens besitzt.

Deutschlands Landschaften sind meist flach, nur in wenigen Regionen ragen nennenswerte Hügel auf. Erst weit im Binnenland gibt es richtige Berge, die abgesehen vom Harz, der ein wenig isoliert in die norddeutsche Tiefebene hineinragt, tendenziell umso höher werden, je weiter man nach Süden kommt. Aber auch der Schwarzwald bleibt mit dem 1493 m über den Meeresspiegel aufragenden Feldberg noch ein typisches Mittelgebirge. Erst an der südlichen Grenze hat das Land dann noch einen kleinen Anteil an einem Hochgebirge, den Alpen.

Wälder

Deutschland gehört zu den waldreichsten Ländern der Europäischen Union: Auf rund 11,4 Mio. ha wachsen Forste, was einem knappen Drittel der Gesamtfläche entspricht. Von den natürlichen Voraussetzungen her müsste jedoch fast ganz Deutschland von dichten Wäldern bedeckt sein. Nur in den Gipfelregionen der höchsten Mittelgebirge wie Schwarzwald, Erzgebirge und Harz, in den Hochlagen der Alpen sowie in Moorgebieten sollten keine geschlossenen Wälder stehen. Und dort, wo heute Wälder noch wachsen, unterscheiden sie sich meistens grundlegend von der ursprünglichen Vegetation.

Die Ursache dafür sind die Menschen, die hier leben. So begannen vor 7500 Jahren die ersten Bauern in den Mittelgebirgen und vor 6000 Jahren in der norddeutschen Tiefebene die Urwälder zu roden, die damals fast das gesamte Land bedeckten, um Ackerbau zu betreiben. Im Lauf der Jahrtausende verschwanden so die einstigen Buchenwälder, in denen auch viele andere Arten wuchsen. Die letzten Reste wurden später in Wirtschaftswälder verwandelt, in denen nur noch die Bäume wachsen durften, für die der Eigentümer eine Verwendung hatte.

Bereits im Mittelalter und bis weit ins 19. Jh. hinein wurden auch die meisten Moore trockengelegt, um sie anderweitig zu nutzen. Von der ursprünglichen Vegetation ist in Deutschland daher bis auf winzige Reste praktisch nichts mehr übrig geblieben.

Industrialisierung

Vor allem im 19. und 20. Jh. führten zwei weitere Faktoren zu Veränderungen der Natur: Die starke Industrialisierung belastete Luft, Gewässer und Böden mit vielen Schadstoffen. Gleichzeitig explodierten die Zuwachsraten der Bevölkerungszahlen, sodass die Menschen zum Leben und Arbeiten sowie für den Verkehr immer größere Flächen kultivierten und bebauten.

Flächenverbrauch

Während die Belastung durch Schadstoffe vor allem durch technische Maßnahmen in den letzten Jahrzehnten des 20. Jh. stark reduziert wurde, geht der Flächenverbrauch erst seit Beginn des 21. Jh. sichtbar zurück: Wurden im Jahr 2000 nach Angaben des Umweltbundesamts jeden Tag noch 129 ha für Gebäude und Straßen unter Beton begraben, waren das 2013 nach Angaben des Naturschutzbunds Deutschland (NABU) nur noch 74 ha. Die Tendenz ist auch jetzt noch fallend, der Flächenverbrauch geht weiter zurück.

Gleichzeitig erobert sich auf wenigen, meist eher kleinen Flächen, die Natur verlorenes Terrain wieder zurück und auch ausgerottete Arten wie Wölfe und Luchse besiedeln langsam wieder ihre alte Heimat. Diese Entwicklung wurde nicht zuletzt vom Ende des Kalten Krieges und der Wiedervereinigung Deutschlands begünstigt: Auf weiten Teilen des ehemaligen innerdeutschen Grenzstreifens, heute Grünes Band genannt, sowie auf zahlreichen zuvor militärisch genutzten Flächen hat die Natur das Kommando wieder übernommen.

Klima

Vom Wetter – und seinen Kapriolen

In Deutschland herrscht ein gemäßigtes Klima. Damit liegt das Land zwischen dem maritimen Klima Westeuropas und dem Kontinentalklima Osteuropas. Trotz des Attributs „gemäßigt“ verursachen Starkregen und schwere Stürme immer wieder katastrophale Schäden.

„Jahrhunderthochwasser“ im Juni 2013: die überflutete Halbinsel Feldwies am Chiemsee

Deutschland liegt in den gemäßigten Breiten zwischen den Subtropen und der subpolaren Zone. Das Klima in Deutschland ist also von einem eindeutigen Jahreszeitenwechsel mit unterschiedlichen Temperaturen und Niederschlägen geprägt.

Temperaturen

Charakteristisch für Deutschland sind Temperaturen von über 30 °C im Sommer, im Winter unterschreiten sie oftmals den Gefrierpunkt. Auch in den verschiedenen Landschaften Deutschlands ist das Klima recht variabel. So sinken die Temperaturen normalerweise um etwa 6 °C, wenn man 1000 m höher steigt: Während die Jahresmitteltemperatur auf der 2962 m hoch gelegenen Zugspitze bei -3,7 °C liegt, beträgt sie im nur 11 m hoch gelegenen Oldenburg 9,5 °C.

Neben der Abhängigkeit von der Geländehöhe ist auch die Entfernung zur Küste ein entscheidender Faktor für die Temperaturen. Denn mit ihrer Funktion als Temperaturspeicher mildern die großen Wassermassen von Nord- und Ostsee die Temperaturschwankungen zwischen den Jahreszeiten in den angrenzenden Regionen, wobei dieser Effekt zumindest im Norden bis weit nach Deutschland reicht. Andererseits strahlen auch die schroffen Temperaturgegensätze Zentralasiens bis nach Deutschland und sorgen vor allem im Osten für deutlich eisigere Wintertemperaturen. Das mildeste Klima in Deutschland hat über das ganze Jahr hinweg der Oberrheingraben.

Niederschläge

Auch die Niederschläge unterscheiden sich in den verschiedenen Regionen zum Teil deutlich. In relativer Meeresnähe (z.B. Köln: ca. 800 l/m2) und an den Westhängen der Gebirge liegen sie deutlich höher als landeinwärts (z. B. Berlin: ca. 600 l/m2). Die größten Niederschlagsmengen gibt es in der Regel im Herbst.

Naturkatastrophen

In Deutschland gibt es viele Naturkatastrophen mit oft immensen Schäden. In der Folge muss die Versicherungswirtschaft häufig Milliardenbeträge auszahlen.

Hochwasser

Die legendäre Sturmflut an der Unterelbe im Jahr 1962, bei der sich die vorhandenen Deiche als zu niedrig erwiesen, richtete enorme Schäden an. 347 Menschen kamen ums Leben.

Im Juni 1965 lösten schwere Regenfälle in Süddeutschland ein Hochwasser aus. In Passau erreichte der Pegelstand der Donau 5 m über dem Normalstand. 21 Todesopfer waren zu beklagen.

Im Juli 1997 erlebte der Osten Deutschlands mit dem Oderhochwasser eine extreme Flut. In den Nachbarländern Polen und Tschechien kamen dabei 114 Menschen ums Leben.

Im August 2002 rollte nach schweren Regenfällen ein Hochwasser von Tschechien und der sächsischen Erzgebirgsregion bis weit nach Niedersachsen hinein. Zahlreiche Dämme brachen, mehr als 20 Menschen starben.

Bei der Hochwasserkatastrophe im Juni 2013 stiegen die Pegelstände von der Donau bis zur Elbe erneut auf extreme Werte.

Wetterextreme

Art

Einheit

Datum

Ort

Höchste Temperatur

40,2 °C

27. 07. 1983

Gärmersdorf

 

 

09. 08. 2003

Karlsruhe

 

 

11. 08. 2003

Karlsruhe

 

 

11. 08. 2003

Freiburg

Niedrigste Temp.

-37,8 °C

12. 02. 1929

Wolnzach

Stärkster Niederschlag in 24 Stunden

312 l/m2

12. 08. 2002

Zinnwald

Höchste Schneedecke

830 cm

02. 04. 1944

Zugspitze

Stärkste Windböe

335 km/h

12. 06. 1985

Zugspitze

Jahresmitteltemperaturen zwischen 1981 und 2010 (Deutscher Wetterdienst)

Ort

Höhe über dem Meer

Temperatur

Schneefernerhaus/Zugspitze

2650 m

-3,7 °C

Messstetten/Baden-Württ.

  920 m

6,6 °C

Nuerburg-Barweiler/Rh.-Pf.

  485 m

8,2 °C

Oldenburg/Niedersachsen

    11 m

9,5 °C

Sturm

Am 26. Dezember 1999 tobte Orkan „Lothar“ mit Spitzengeschwindigkeit von 272 km/h über den Süden Deutschlands. Dort verloren dabei 13 Menschen ihr Leben.

Am 18. Januar 2007 suchte Orkan „Kyrill“ mit Spitzengeschwindigkeit von 200 km/h Mitteleuropa heim. In Deutschland waren 13 Todesopfer zu beklagen.

„Nehmen Sie Ihre Wertsachen und eine Decke, und begeben Sie sich in die vorgesehenen Unterkünfte.“

Polizeidurchsage im Juli 2013 im sächsischen Pirna

Landschaften

Die Nordsee und ihre Küsten

Hoch oben im Norden liegt das Tor zur Welt, die Nordsee. Sie ist nicht nur für Deutschland, sondern für große Teile Mittel- und Nordeuropas der wichtigste Zugang zu den Weltmeeren.

Aus Sicht eines Geografen ist die Nordsee trotz ihrer enormen Bedeutung als Verkehrsweg Richtung Amerika, Afrika und Asien nur ein Randmeer des Atlantiks: Im Westen verbindet der Ärmelkanal die Nordsee mit dem Atlantischen Ozean, im Osten führt der Skagerrak zur Ostsee, im Norden bildet sie den Übergang zum Europäischen Nordmeer. In diesem nördlichen Bereich hat sie Tiefen zwischen meist 100 und 200 m, im Süden wird sie zusehends flacher.

Eiszeit Eine Jahrhunderte oder Jahrtausende anhaltende Phase der Erdgeschichte, in der es deutlich kühler ist und es zu einer enormen Ausbreitung von Gletschern kommt

Deutsche Bucht

Der Nordseebereich zwischen dem dänischen Festland, der deutschen und niederländischen Küste und der zum Teil nur 13 m unter dem Wasserspiegel liegenden Doggerbank, die rund 100 km östlich der englischen Küste liegt, wird Deutsche Bucht genannt. Als einzige Insel in größerer Entfernung zum Festland liegt hier Helgoland.

Neben Helgoland gehören auch die Nordfriesischen Inseln vor der Westküste Schleswig-Holsteins und die ostfriesischen Inseln vor der Nordküste Niedersachsens zur Deutschen Bucht. Obwohl sie alle von Wind, Wellen und Strömungen geformt wurden, ist ihre jeweilige Entstehungsgeschichte doch gänzlich unterschiedlich.

Helgoland

Mehr als 40 km vom Festland entfernt ragt die Insel Helgoland aus der Nordsee. Der Buntsandstein dort ist härter als die nach der letzten Eiszeit abgelagerten Sedimente und Sande der Umgebung. Mit der Zeit trugen Sturmfluten den weichen Untergrund ab und ließen nur die heutige gerade einmal 1 km2 große Insel übrig, deren höchster Punkt 61,3 m über dem Meeresspiegel liegt. In ihrem östlichen Windschatten liegt die 0,7 km2 große Nebeninsel Düne, die aus einem kleinen Rest dieser einstigen Sande besteht. Auch heute noch verändern Wind, Wellen und Witterung die Küsten der beiden Inseln, die bis 1721 noch miteinander verbunden waren.

Die „Lange Anna“ auf Helgoland ist ein einzelner Felsen an der Nordwestspitze der Insel. Er gilt als einsturzgefährdet.

Nordfriesische Inseln

Die Nordfriesischen Inseln waren einst Teil des Festlands an der Westküste des heutigen Schleswig-Holstein und Dänemark. Der hier in der letzten Eiszeit abgelagerte Sand, die sogenannte Geest, wurde aber im Lauf der Jahrhunderte vor allem durch schwere Sturmfluten, die aus westlichen Richtungen kamen, abgetragen. Dabei wurde die Küste enorm verändert, bisweilen wurden auch Geestrücken vom Festland abgetrennt. Diese Inseln waren oft nur durch schmale Arme der Nordsee vom Festland getrennt, bis Mitte Januar 1362 eine Sturmflut ungeahnten Ausmaßes binnen drei Tagen die Küste völlig veränderte. Durch die Fluten entstand damals die mehr als 200 km2 große Insel Strand, die durch breite Meeresarme vom Festland getrennt war.

Die Nordfriesischen Inseln (bewohnt)

Name

Größe/km2

Einwohner

sylt1)

99,14

21 000

Föhr

82,82

8600

Nordstrand2)

48,6

2300

Pellworm

37,44

1200

Amrum

20,46

2200

1) über den Hindenburg-Damm mit dem Festland verbunden

2) seit 1987 Halbinsel

Am 11. und 12.10.1634 peitschte ein Nordwest-Orkan zwei Tage lang eine verheerende Sturmflut gegen Nordfriesland. Dabei wurde die keine drei Jahrhunderte zuvor entstandene Insel Strand in die drei Inseln Pellworm, Nordstrandischmoor und Nordstrand zerrissen.

Die bekannteste Nordseeinsel ist Sylt (im Bild der Leuchtturm auf den Dünen an der Nordspitze der Insel). Sie verliert jährlich etwa 1 Mio. m3 Sand, der mithilfe von Baggerschiffen ersetzt wird.

Ostfriesische Inseln

Ganz anders entstanden die Ostfriesischen Inseln, die sich vor der Nordküste Niedersachsens 90 km entlangziehen. Sie haben keinen Geestkern und sind im Grunde nichts anderes als Sandbänke, auf denen der Sand im Lauf der Jahrhunderte zu oft erstaunlich hohen Dünen angeweht wurde.

Sturmflut Ein außergewöhnlich hoher Wasserstand des Meeres, der durch auflandigen Sturm vor allem in Buchten, Flussmündungen und an Flachküsten erzeugt wird

Die Ostfriesischen Inseln (bewohnt)

Name

Größe/km2

Einwohner

Borkum

30,97

5130

Norderney

26,29

5820

Langeoog

19,67

1690

Spiekeroog

18,25

760

Juist

16,43

1660

Wangerooge

  7,94

1270

Baltrum

  6,50

550

SCHLAGZEILE

Ein Turm wandert

Die Bewohner von Wangerooge bauten 1602 einen Turm weit im Osten der Insel. Als der 1860 durch eine Sturmflut schwer beschädigte und seit 1900 im Wasser stehende Turm 1914 gesprengt wurde, geschah dies allerdings nicht vor der Ostküste, an der er gebaut wurde, sondern vor der Westküste – Wangerooge war in drei Jahrhunderten um eine Insellänge weiter gewandert.

Sandbänke sind allerdings keine starren Gebilde, sondern verändern ihre Form laufend. Genau das passiert auch vor der Küste Niedersachsens. Die meist aus West oder Nordwest wehenden Winde und Sturmfluten schwemmen im Westen der Inseln Land weg und lagern es im Osten wieder an. Von der heute 8,5 km langen Insel Wangerooge verschwanden z. B. vom 17. bis zum 19. Jh. im Westen rund 2 km Land, während im Osten zur gleichen Zeit 4 km dazukamen. Die Insel wandert also nach Osten. Seit dem 19. Jh. fixieren Deiche, Steinwälle und andere Bauten zumindest das Innere von Wangerooge und allen anderen bewohnten Ostfriesischen Inseln. Die Strände aber werden weiterhin von den Fluten heimgesucht.

Um die westlichen Strände und ihre Inseldörfer zu retten, wird jedes Frühjahr ein enormer Aufwand getrieben und neuer Sand aufgeschüttet. Hierbei handelt es sich um Sand, der sich entweder im Osten abgelagert hat und mit Radladern wieder zurückgebracht wird oder der mit Baggerschiffen vom Grund der Nordsee gefördert wird.

Wattenmeer

Ein Watt entsteht nur in einem relativ flachen Meeresgebiet mit starken Gezeiten wie der Deutschen Bucht. Dort fallen im Rhythmus von Ebbe und Flut oft viele Kilometer breite Küstenstreifen zweimal am Tag trocken und werden genauso oft wieder überflutet. Dabei entstehen starke Strömungen. Diese wiederum reißen an einigen Stellen viel Material weg, das sie an anderen Stellen wieder deponieren.

Auf den ersten Blick wirkt das Wattenmeer allerdings fast langweilig: Bei Hochwasser dehnt sich eine endlose Wasserfläche bis zum Horizont, die sich gut sechs Stunden später bei Niedrigwasser in eine ebenso endlos wirkende braune Schlammfläche verwandelt. Dann strömt das Wasser gurgelnd in schmalen Rinnen, den Prielen, in Richtung Nordsee. Muscheln graben sich in den Schlamm und verbergen sich so vor ihren Feinden.

Leben im Watt

Die Lebensbedingungen im Watt scheinen also alles andere als ideal: Im Sommer kann sich das Watt stellenweise auf über 40 °C aufheizen und im Winter auf etliche Frostgrade abkühlen. Die Nordsee liefert obendrein so viel Salz, dass nur wenige Spezialisten mit diesen extremen Bedingungen im ständigen Wechsel zwischen Schlamm und Überflutung leben können. Diese aber kommen in riesigen Mengen vor. 50 000 Wattschnecken und Tausende von Schlickkrebsen auf 1 m2 sind keine Seltenheit. Kaum ein Fleck im Watt ist nicht von den Kothaufen der Wattwürmer bedeckt. Muscheln stecken tief im feuchten Untergrund und weiden z. B. mit langen Schnorcheln Kieselalgen ab. 250 Herzmuscheln teilen sich mancherorts einen einzigen Quadratmeter Watt. Mehr Leben auf einem Quadratmeter kommt kaum in einem anderen Gebiet der Erde vor.

Die Muscheln und Schnecken, Wattwürmer und Krebse wiederum füttern jedes Jahr rund 10 Mio. Zugvögel: Gänse, Enten, Watvögel und einige Singvögel rasten auf ihrer langen Reise zwischen ihrem Winterdomizil im Süden und ihrem Zuhause im Norden hier im Wattenmeer.

Zu den Durchreisenden kommen noch 1 Mio. Austernfischer, Silbermöwen, Seeschwalben, Säbelschnäbler und andere Vögel, die im Wattenmeer ihren Nachwuchs groß ziehen.

Weltnaturerbe Wattenmeer

2009 erkannte die UNESCO das Wattenmeer als Weltnaturerbe an. Das ist das höchste Prädikat, mit dem auf der Erde eine Naturlandschaft ausgezeichnet werden kann. 2014 wurden die noch fehlenden Wattenmeergebiete in Dänemark und kleinere Flächen vor der Küste von Niedersachsen ergänzt. Inzwischen sind daher 11 500 km2 Wattenmeer vom Süden Dänemarks bis nach Holland Weltnaturerbe.

Im Wattenmeer gibt es eine einmalige Pflanze, die Queller heißt. Sie wächst an der Grenze zwischen Wattenmeer und Küste genau dort, wo das Wasser ihre Samen nicht mit dem Boden wegspült oder gleich die ganzen Pflanzen mitreißt. Im Durchschnitt umspült zwei mal am Tag das Hochwasser die Stängel. Solch hohe Salzkonzentrationen hält kaum eine Pflanze aus. Dieses Gewächs gilt daher als Pendant zu den Mangrovenwäldern, die in tropischen Regionen auf Wattflächen wachsen.

Salzwiesen

Die Landschaft, die an den ein wenig höher liegenden Uferstreifen direkt landeinwärts vom Queller gedeiht, nennt man Salzwiese. Dieser Bereich wird nur von Hochwassern überschwemmt, die täglichen Fluten erreichen diese Flächen nicht. Im Boden steckt daher weniger Salz und es wachsen Pflanzen wie der Strandflieder, das Andelgras, die Keilmelde und die Salzaster. Den wiederum weiter oben gelegenen Bereich erreicht das Hochwasser nur wenige Male im Jahr, die Salzkonzentration sinkt entsprechend; dort blühen Pflanzen wie der Rotschwingel und verschiedene Binsenarten.

Wattlandschaften

Typisch für diese Landschaften an der deutschen Nordseeküste sind die Wattflächen, die im Rhythmus von Ebbe und Flut trockenfallen und wieder vom Meer überschwemmt werden. Inseln und Halligen, Dünen und Sandbänke, Salzwiesen und Strände, Priele und das offene Meer vervollständigen das Landschaftsbild. In drei Nationalparks wird diese Landschaft besonders geschützt: Im Schleswig-Holsteinischen Wattenmeer (4415 km2), im Niedersächsischen Wattenmeer (3450 km2) und im Hamburgischen Wattenmeer (137 km2).

Interessante Tiere und Pflanzen: Seehund, Schweinswal, Brandgans, Grünschenkel, Säbelschnäbler, Eiderente, Großer Brachvogel; Queller, Gewöhnlicher Strandflieder

Besonderheiten: Das Schleswig-Holsteinische Wattenmeer ist der größte Nationalpark zwischen dem Nordkap und Sizilien. Das Wattenmeer ist das vogelreichste Gebiet Europas.

Halligen

Halligen nennt man die kleinen Inseln, die sich in den Salzwiesen des Wattenmeers bilden. Sie entstehen durch die Sedimente, die die Gezeiten mit sich bringen, und die sich hier in den Salzwiesen, wo die Strömung nur noch sehr gering ist, leichter ablagern. Auf den höchsten Punkten der Halligen haben Menschen kleine Hügel aufgeschüttet, die man Warften nennt. Hier haben sie ihre Häuser gebaut, in denen sie selbst Sturmfluten trotzen.

Ölbohrinseln und Off-Shore-Windparks

Im Wattenmeer gibt es nicht nur attraktive und interessante Natur, sondern auch Rohstoffe. Bereits seit 1987 steht im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer eine Ölbohrplattform, die der Betreiber gern erweitern würde. Der Bau einer zusätzlichen Pipeline und von weiteren Stromtrassen würde die Natur jedoch stark belasten.

Off-Shore-Windparks als Bausteine einer künftigen nachhaltigeren Energieversorgung entstehen zwar weit außerhalb des Wattenmeers. Doch wenn von dort aus Kabel an die Küste verlegt werden, pflügen die Bauarbeiten das streng geschützte Wattenmeer entlang der Kabeltrassen komplett um. Naturschutzorganisationen wie der World Widfe Fund For Nature (WWF) kritisieren solche Vorhaben aufs Entschiedenste.

 

Die Ostsee

Die vor etwa 12 000 Jahren entstandene Ostsee, auch Baltisches Meer genannt, ist ein Binnenmeer – ein Status, den sie ihrer Verbindung zur Nordsee verdankt.

Mit 412 560 km2 Fläche ist die Ostsee gut 15 % größer als Deutschland und damit auch größer als das Kaspische Meer, das offiziell der größte See der Welt ist. Von einem echten See unterscheidet die Ostsee allerdings die direkte Verbindung zur Nordsee, die über die Kattegat genannten Wasserstraßen zwischen Schweden und den dänischen Inseln sowie der Halbinsel Jütland besteht.

Entstehung der Ostsee

In den Kaltzeiten der vergangenen Jahrhunderttausende stießen wiederholt mächtige Gletscher aus Skandinavien bis in den Norden Mitteleuropas vor und hobelten dabei ein flaches Becken aus. Als sich am Ende der letzten Eiszeit vor etwa 12 000 Jahren die Eismassen langsam nach Norden zurückzogen, gaben sie ein Becken frei, in dem sich rasch das Schmelzwasser sammelte. Vor ungefähr 10 000 Jahren war dann der Spiegel der Weltmeere so weit angestiegen, dass erstmals Salzwasser in diesen Baltischen Eisstausee strömte. Rund 300 Jahre lang war die Ostsee damals ein Brackwassermeer.

Bewohnte Inseln der deutschen Ostsee

Name

Größe/km2

Einwohner

höchste Erhebung/m

Rügen

926,0

77 000

161

Usedom*

373,0

31 500

  69

Fehmarn

185,4

12 400

  27

Poel

  36,0

  2500

  26

Ummanz

  19,6

    274

    3

Hiddensee

  19,0

  1010

  72

* deutscher Teil von Usedom

Kaltzeit Erdgeschichtlicher Zeitraum mit durchschnittlich tieferen Temperaturen zwischen zwei Zeiträumen mit höheren Temperaturen

Viele Ostseestrände sind von Kiefernwäldern gesäumt, wie hier in Mecklenburg-Vorpommern.

Über Skandinavien lag damals noch ein gewaltiger Eispanzer, dessen Gewicht die Erdoberfläche nach unten drückte. Doch als ein großer Teil der Gletscher am Rand des Brackwassermeers abschmolz, erhob sich die vom Gewicht des Eises befreite Erde und kappte die Meeresverbindungen.

Brackwasser Gemisch aus Salzund Süßwasser

Rund 1500 Jahre später war der Spiegel der Weltmeere wiederum so weit angestiegen, dass Teile der Landschaft zwischen dem heutigen Deutschland und Dänemark überflutet wurden. Seither trennt das Kattegat genannte Meeresgebiet die skandinavische Halbinsel vom Rest des Europäischen Kontinents.

Salzgehalt

Im Gegensatz zu den Weltmeeren ist der Salzgehalt der Ostsee relativ gering. Verschiedene Flüsse tragen jedes Jahr rund 230 km3 Wasser in die Ostsee, das kaum Salz enthält. Aus der Nordsee wiederum strömt nur relativ wenig Salzwasser Richtung Ostsee, weil Inseln die Verbindung zwischen beiden Meeren stark verengen und das Wasser in den Meeresstraßen recht flach ist. Außerdem liegt das Binnenmeer recht weit im kühlen Norden, was zu einer geringeren Wasserverdunstung führt, die wiederum eine höhere Salzkonzentration mit sich brächte. Im Westen hat die Ostsee daher einen Salzgehalt von höchstens 17 g/l Wasser, während im Norden nur noch 3–5 g gemessen werden. Zum Vergleich: Die Nordsee erreicht im Norden Werte über 30 g.

Sauerstoff

Der geringe Salzgehalt des Wassers verursacht immer wieder eine Sauerstoffknappheit in den tieferen Becken der Ostsee. Das geschieht auf folgende Weise: Je mehr Salz im Wasser ist, umso schwerer wird es. Am Grund der Ostsee sammelt sich also das salzreiche Wasser, das aus der Nordsee in das Binnenmeer fließt. Darüber befindet sich das salzarme Wasser aus den Flüssen. Solange diese Schichtung stabil ist, fällt jedoch vielerorts ein wichtiger Mechanismus aus, der in Seen und Ozeanen normalerweise das Wasser in der Tiefe mit Sauerstoff versorgt: Kühlt im Winter die kalte Luft das Wasser an der Oberfläche, wird es schwerer und trägt beim Absinken Sauerstoff aus der Luft in die Tiefe. Doch zumindest im Süden und Westen der Ostsee kommt dieser wichtige Mechanismus heute praktisch nicht mehr in Gang.