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Du weckst mein Verlangen!

1. KAPITEL

Es hatte den ganzen Tag geschneit. Eine dicke Schneedecke lag auf den Hochmooren Northumbrias, und die Gipfel der Cheviot Hills sahen aus wie mit Puderzucker bestäubt. Wirklich malerisch, dachte Emma, aber jetzt mit dem Auto unterwegs zu sein, macht echt keinen Spaß. Im Schritttempo fuhr sie in die nächste Kurve. Mit dem Einsetzen der Dämmerung begann die Temperatur zu sinken, und da abseits der Hauptstraßen nicht gestreut wurde, war es spiegelglatt.

Im Nordosten Englands schneite es im Winter meistens, aber im März eigentlich nicht mehr. Glücklicherweise konnte sich Emma auf ihren alten Geländewagen verlassen. Er hatte schon auf dem schottischen Bergbauernhof ihrer Eltern treue Dienste geleistet, und der Allradantrieb erwies sich als Segen bei diesem Wetter. Außerdem war der Wagen praktisch und robust. Vergleichbar mit mir, dachte Emma. Ich sehe aus wie ein Michelin-Männchen! Immerhin hielten die dicke Skijacke, die sie über der Schwesterntracht trug, und die unförmigen Stiefel sie warm, und nur darauf kam es an.

Die enge Straße schlängelte sich steil bergauf. Zu beiden Seiten türmten sich hohe Schneewände, da ein Farmer mit seinem Traktor die Straße geräumt hatte. Bis zu Emmas Ziel, Nunstead Hall, waren es noch ungefähr vier Kilometer. Allmählich fragte sie sich ernsthaft, ob sie es überhaupt noch bis dahin schaffen würde. Und wenn ja, ob sie dann noch zurückkäme. Sie dachte kurz daran umzukehren, aber sie hatte Cordelia jetzt zwei Tage lang nicht gesehen und machte sich Sorgen um die alte Dame, die ganz allein hier draußen lebte.

Bei dem Gedanken an ihre Patientin runzelte Emma besorgt die Stirn. Cordelia Symmonds, inzwischen weit in den Achtzigern, verteidigte ihre Unabhängigkeit wie eine Löwin. Vor einem halben Jahr war sie jedoch gestürzt und hatte sich die Hüfte gebrochen. Und vor Kurzem hatte sie sich beim Kochen dann auch noch die Hand verbrannt. Sie wurde einfach zunehmend gebrechlich, weigerte sich jedoch, Nunstead Hall zu verlassen und in ein kleineres Haus im Dorf zu ziehen.

Würde sich nur ihr Enkel mehr um sie kümmern! Aber offensichtlich ist ihm seine Karriere wichtiger als seine Großmutter. Wenn Cordelia von ihm sprach, schwangen Stolz und Zuneigung in ihrer Stimme mit. Leider schien dieser Enkel ihre Gefühle nicht zu erwidern.

Wie ungerecht, dachte Emma wütend. Die Altenpflege war ihr eine Herzensangelegenheit. Insbesondere seit diesem schrecklichen Tag Anfang des Jahres. Sie hatte Mr Jeffries, einen neunzigjährigen Mann, besuchen wollen und fand ihn tot auf. Im Sessel sitzend war er in seinem eiskalten Haus gestorben. Seine Angehörigen befanden sich im Weihnachtsurlaub und hatten versäumt, jemanden zu beauftragen, der ab und zu nach ihm sah. Die tragische Geschichte verfolgte Emma immer noch.

Und deshalb konnte sie auch nicht zulassen, dass Cordelia weiterhin allein in ihrem Haus blieb. Vielleicht kann ich diesen Enkel ja irgendwie erreichen und ihn überreden, sich um seine Großmutter zu kümmern?

Das Auto schlingerte, und Emma konzentrierte sich wieder auf die Straße, die sie im dichten Schneetreiben mehr erahnen als sehen konnte. Hinter ihr lag ein langer, anstrengender Tag. Nur noch diesen einen Besuch, gelobte sie sich. Dann hole ich Holly von der Tagesmutter ab, mache den Kamin an und koche uns etwas Leckeres.

Nervös kaute sie auf der Unterlippe. Hollys Husten beunruhigte sie. Die Erkältung wollte einfach nicht weggehen, und der lange Winter machte die Situation nicht besser. Hoffentlich kam der Frühling bald. Ein bisschen Sonne und frische Luft würden ihrer Tochter unendlich guttun und wieder etwas Farbe auf ihre blassen Wangen zaubern.

Emma nahm die nächste Kurve … und schrie auf! Sie blickte frontal in ein Paar Scheinwerfer, hatte aber dennoch den Weitblick, vorsichtig zu bremsen und ihr Auto langsam zum Stehen zu bringen. Der Fahrer hatte auf der vereisten Fahrbahn offensichtlich die Kontrolle über seinen Wagen verloren und war in einer Schneewehe gelandet. Außerdem steckte das Heck halb in einem Graben.

Die Fahrertür ging auf, und ein Mann hievte sich heraus. Er schien glücklicherweise unverletzt zu sein.

Emma beugte sich zur Beifahrerseite und kurbelte die Scheibe hinunter. „Alles okay bei Ihnen?“

„Bei mir schon. Bei meinem Auto weniger.“ Der Fahrer deutete auf seinen schnittigen Sportwagen.

Emma meinte einen leichten Akzent herauszuhören, den sie jedoch nicht einordnen konnte. Bei dem dunklen Timbre, das unglaublich sexy klang, überlief sie eine Gänsehaut. So kenne ich mich gar nicht, dachte sie irritiert. Ich reagiere doch sonst nicht so heftig auf erotische Signale.

Sie konnte die Züge des Mannes nicht erkennen, nur dass er ungewöhnlich groß war. Sicher fast einen Meter neunzig. Zudem betonte der schicke Lammfellmantel noch seine breiten Schultern. Es umgab ihn unmissverständlich eine Aura von Autorität … und Reichtum. Emma fragte sich, was jemanden wie ihn in diese entlegene Gegend verschlagen haben mochte. Das letzte Dorf war kilometerweit entfernt, und vor ihnen lagen nur die endlosen Moorflächen Northumbrias. Mein Gott, ihm müssen ja die Zehen abfrieren! dachte sie angesichts der handgefertigten Lederschuhe, die gewiss nicht für ein derartiges Wetter geeignet waren.

Als könne er ihre Gedanken lesen, stampfte der Mann jetzt mit den Füßen, um die Blutzirkulation wieder in Gang zu bringen, und nahm ein Handy aus der Manteltasche.

„Kein Signal! Wie man in dieser gottverlassenen Gegend leben kann, ist mir ein Rätsel!“

„Die Grafschaft Northumbria ist berühmt für ihre unberührte Natur“, konterte Emma leicht gereizt.

Wie kann man mitten in einem Schneesturm durch das Moor fahren, ohne zumindest eine Schaufel dabeizuhaben? dachte sie sarkastisch. Sie liebte die Wildheit der Landschaft. Während ihrer Ehe mit Jack hatten sie in Newcastle gelebt, aber Emma lag das Stadtleben nicht. Sie hatte immer die Rauheit der Hochmoore vermisst.

„Im Nationalpark gibt es wunderbare Wanderwege! Im Winter sind sie natürlich etwas weniger malerisch.“ Sie spürte die Ungeduld des Mannes. „Ich fürchte, mein Handy funktioniert hier auch nicht. Sie müssen schon ins nächste Dorf und von dort einen Abschleppdienst anrufen. Allerdings bezweifle ich, dass vor morgen früh jemand herauskommen wird.“ Sie zögerte. Irgendwie behagte ihr der Gedanke nicht, einen völlig Fremden mitzunehmen. Schließlich gewann ihre Hilfsbereitschaft jedoch die Oberhand. Sie konnte ihn ja schlecht in dieser Einöde sitzen lassen. „Ich muss noch einen Besuch machen, dann fahre ich nach Little Compton zurück. Wenn Sie mitkommen wollen?“

Ich muss ja wohl oder übel das Angebot dieser Frau annehmen, überlegte Rocco resigniert. Er warf einen Blick auf seinen silberfarbenen Sportwagen. Nie würde er ihn aus dem Graben herausbekommen. Ihm blieb nichts anderes übrig, als ein Hotel zu finden und alles Weitere am nächsten Tag zu organisieren. Wortlos nahm er eine Reisetasche vom Rücksitz.

Er musterte die unförmige Gestalt hinter dem Steuer. Wohl eine dieser Farmersfrauen. Wahrscheinlich hat sie nach ihren Schafen gesehen. Rocco konnte sich ansonsten beim besten Willen nicht vorstellen, was jemanden bei diesem Wetter in diese unwirtliche Moorlandschaft führen sollte.

Definitiv üppig, dachte er, als er sich auf den Beifahrersitz quetschte. Aus den Augenwinkeln betrachtete er die Gestalt neben sich. Wegen der tief in die Stirn gezogenen Wollmütze und dem dicken Schal konnte er jedoch ihr Gesicht nicht sehen.

„Danke“, murmelte er. Erleichtert spürte er die wohlige Wärme der Heizung. Erst jetzt wurde ihm bewusst, in welch gefährlicher Situation er sich befunden hatte. „Was für ein Glück, dass Sie vorbeigekommen sind!“

Emma löste die Handbremse und fuhr langsam an. Die Reifen griffen nicht, und der Wagen rutschte. Energisch schaltete sie einen Gang höher. Als sie schließlich die Hand vom Schaltknüppel zurückzog, streifte sie aus Versehen den Schenkel des Mannes. Schlagartig verwirrte sie die starke Präsenz des Fremden, der in dem beengten Raum noch stattlicher wirkte. Verstohlen schaute sie zu ihm herüber, aber der hochgeschlagene Mantelkragen verhinderte, dass sie seine Züge erkennen konnte. Sie erhaschte lediglich einen Blick auf dunkles Haar, das ihm verwegen in die Stirn fiel.

In der Wärme des Wagens entfaltete sich der herbe Geruch seines Aftershaves. Es war dasselbe wie Jacks. Unwillkürlich biss sich Emma auf die Lippe. Sie sah ihn vor sich: seinen dichten strohblonden Schopf und das umwerfende Lächeln. Jack war der geborene Charmeur, der die schönen Dinge des Lebens liebte. Sie, Emma, hatte ihm das unverschämt teure Aftershave zu Weihnachten geschenkt, dem letzten, das sie miteinander verbringen sollten. Nie wäre ihr damals in den Sinn gekommen, dass er es auch benutzte, wenn er mit anderen Frauen schlief.

Genug! Energisch verdrängte sie die Gedanken. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihr Beifahrer sie fragend ansah.

„Was haben Sie eigentlich damit gemeint: Sie müssten noch einen letzten Besuch machen? Sollte man bei dem Wetter nicht lieber zu Hause bleiben, statt Freunde zu besuchen?“

Rocco war mit der Gegend durchaus vertraut. Er wusste genau, dass die Straße nur noch bis zu einem Haus führte und sich dann allmählich zu einem Pfad verengte, der sich durch das Moor schlängelte. Er hatte wirklich Glück, dass seine Retterin in die Richtung fuhr, in die er wollte. Aber er konnte sich absolut nicht vorstellen, welches Ziel sie eigentlich hatte.

Wieder bekam Emma eine Gänsehaut. Diese Stimme! Wirklich erotisch, dachte sie. Sie konnte den Akzent jedoch nicht genau einordnen. Spanisch oder italienisch vielleicht. Sie hätte wirklich zu gern gewusst, was einen Mann wie ihn in diese Gegend verschlug. Noch dazu in einem Schneesturm! Selbstverständlich verbot ihr die Höflichkeit – und ihre Schüchternheit –, direkt danach zu fragen.

„Ich bin die Bezirkskrankenschwester“, erklärte sie ihrem Beifahrer, „und ich muss noch einen letzten Hausbesuch machen.“

Sein Kopf schnellte herum, und offensichtlich wollte er sie etwas fragen, aber da tauchte vor ihnen eine steinerne Einfahrt auf, und Emma bog ab.

„Hier wären wir. Das ist Nunstead Hall“, sagte sie erleichtert. „Das Anwesen ist wunderschön! Die Gartenanlage ist absolut fantastisch, und es gibt sogar einen See.“

Sie fuhr die Auffahrt hinauf und hielt vor dem Haus. Bis auf ein einziges erleuchtetes Fenster lag es im Dunkeln. Emma warf dem Fremden neben sich einen unbehaglichen Blick zu. Er machte sie wirklich nervös!

„Hier wohnt Ihr Patient?“ Er wirkte beunruhigt.

Wahrscheinlich macht er sich Sorgen um sein Auto, überlegte sie, während sie die Scheinwerfer ausschaltete.

„Richtig. Sie können sicherlich vom Haustelefon den Abschleppdienst anrufen. Ich habe einen Haustürschlüssel, aber ich glaube, es ist besser, wenn Sie erst einmal hierbleiben, damit ich Mrs Symmonds fragen kann.“

Sie nahm ihre Tasche vom Rücksitz und zuckte zusammen, als der Fremde abrupt die Beifahrertür aufstieß. „He!“, rief Emma aus. „Was machen Sie denn da?“, aber er eilte bereits auf die Eingangstür zu. Hastig stieg Emma aus und rannte ihm nach. „Haben Sie nicht gehört, was ich gesagt habe? Meine Patientin ist eine ältere Dame. Ich muss sie erst auf Ihre Anwesenheit vorbereiten.“

„Ich werde doch hoffentlich keinen allzu erschreckenden Anblick bieten.“ Seine Stimme klang amüsiert, und er klopfte sich die dichten Schneeflocken vom Mantel. „Wenn Sie jedoch nicht bald aufsperren, werde ich wahrscheinlich wie der Yeti im Himalaja aussehen.“

„Sehr witzig“, fauchte Emma. Sie bereute ihre Hilfsbereitschaft bereits bitter. Warum habe ich nicht wenigstens versucht, den Nachbarn von Nunstead Hall anzurufen? Der hätte mit seinem Traktor den Wagen sicher aus dem Graben ziehen können! Sie schreckte zusammen, als der Fremde ihr den Schlüssel aus der Hand nahm und ihn ins Schloss steckte. Vielleicht ist er ja ein entlaufener Mörder! schoss es ihr durch den Kopf. „Ich muss jetzt wirklich darauf bestehen, dass Sie sich wieder ins Auto setzen! Sie können nicht einfach hier hereinspazieren, als ob es Ihr Zuhause wäre!“

„Dem ist aber zufälligerweise so“, meinte der Mann kühl und sperrte auf.

Emma starrte ihn mit offenem Mund an. Als er jedoch über die Schwelle trat, fing sie sich. „Was soll das denn heißen? Wer sind Sie überhaupt …“

Sie verstummte, als eine Tür aufging und die zerbrechliche Gestalt von Cordelia Symmonds das Foyer betrat. „Cordelia“, rief Emma schnell, „dieser Herr steckte im Schnee fest, und ich …“

Aber Cordelia schien ihr gar nicht zuzuhören. Ein strahlendes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.

„Rocco! Mein Lieber! Warum hast du mir denn nicht gesagt, dass du kommst?“

„Ich wollte dich überraschen.“ Plötzlich klang die Stimme des Fremden weich wie Samt. „Leider bin ich mit meinem Wagen im Graben gelandet. Aber die Schwester hier“, er warf Emma einen verschmitzten Blick zu, „hat mich vor dem Erfrierungstod bewahrt.“

Cordelia schien Emmas Verwirrung nicht zu bemerken. „Emma! Meine Gute! Ich danke dir, dass du meinen Enkel gerettet hast.“

Enkel? Vor Verblüffung vergaß Emma fast, ihren Mund wieder zu schließen. Sie betrachtete den Fremden genauer – und jetzt erkannte sie ihn in dem hellen Flurlicht. Schließlich war sein Bild oft genug in den Medien. Vor allem in der Regenbogenpresse, die das Liebesleben des heiß begehrten Junggesellen heftig kommentierte. Rocco D’Angelo war der Manager der berühmten italienischen Sportwagenfirma Eleganza. Außerdem ein berüchtigter Don Juan … und Cordelias Enkel!

Wieso bin ich nicht selbst darauf gekommen? fragte Emma sich. Es hatte schließlich Hinweise genug gegeben: den Sportwagen, den Akzent und natürlich dieses undefinierbare Flair, das nur die ganz Reichen und Erfolgreichen umgab. Aber andererseits, damit konnte ja nun wirklich niemand rechnen. Doch warum zum Teufel hat er sich denn nicht zu erkennen gegeben?

„Kommt doch bitte herein!“, forderte Cordelia sie auf und ging zurück ins Wohnzimmer.

Emma schickte sich an, ihr zu folgen, der Fremde – ach nein, Cordelias Enkel – versperrte ihr jedoch den Weg.

„Einen Moment bitte noch! Weshalb sind Sie eigentlich hier?“, fragte er leise. „Cordelia wirkt doch völlig gesund! Wieso braucht sie eine Krankenschwester?“

Da war er wieder – dieser Ton! Der Ton, bei dem sich Emmas Nackenhaare sträubten. Sie sah Cordelias strahlendes Lächeln vor sich, als diese ihren Enkel erblickte. Offensichtlich hielt die alte Dame Rocco für unfehlbar. Und dieser arrogante Typ fand dies offenbar durchaus angebracht.

„Hätten Sie auch nur einen einzigen Gedanken an Ihre Großmutter verschwendet, wüssten Sie, warum ich hier bin!“, antwortete Emma schärfer, als sie eigentlich beabsichtigt hatte. „Cordelia hat sich vor ein paar Monaten die Hüfte gebrochen und ist immer noch nicht wieder völlig auf dem Damm.“

„Natürlich weiß ich darüber Bescheid“, erwiderte Rocco eisig. „Aber soweit ich unterrichtet bin, ist alles gut verheilt.“

„Sie ist weit über achtzig und sollte einfach nicht mehr allein hier draußen leben. Der erneute Unfall vor Kurzem, als sie sich die Hand verbrannt hat, ist ja wohl Beweis genug. Ich finde es äußerst bedauerlich, dass Sie offensichtlich keine Zeit haben, sich um Ihre Großmutter zu kümmern. Soweit ich weiß, sind Sie doch ihr einziger Verwandter.“ Emma bedachte ihn mit einem vorwurfsvollen Blick. „Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss mich um meine Patientin kümmern.“

Im Salon herrschten tropische Temperaturen. Wenigstens spart Cordelia nicht an der Heizung, dachte Emma. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, wie sich Rocco, der ihr ins Wohnzimmer gefolgt war, schleunigst seines Mantels entledigte. Sie konnte einfach den Blick nicht mehr abwenden. In ihrem Bauch flatterte ein ganzer Schmetterlingsschwarm, als sie registrierte, wie absolut fantastisch Rocco aussah. Die enge schwarze Jeans und der schwarze Pullover brachten seinen durchtrainierten Körper bestens zur Geltung. Das rabenschwarze Haar betonte seine ebenmäßigen Gesichtszüge, die mit den hohen Wangenknochen und dem energischen Kinn fast aristokratisch wirkten.

Er sieht aus wie ein Filmstar oder einer dieser extrem attraktiven Dressmen in den Hochglanzmagazinen. Auf eine Jacht im Hafen von Monaco würde er auch gut passen.

Plötzlich sah Rocco zu ihr herüber, und sie spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. Dann wurde ihr noch heißer, als er sie unverhohlen von Kopf bis Fuß musterte. Er hat Augen wie ein Raubtier, dachte sie unvermittelt. Offensichtlich fiel sein Urteil nicht besonders positiv aus. Warum auch? dachte Emma selbstkritisch. Schließlich war sie keine dieser Laufstegschönheiten wie Juliette Pascal, die offensichtlich gerade seine Gunst genoss. Emma hatte sich bereits seit Langem damit abgefunden, dass sie nie die Maße dieser Magermodels erreichen würde, egal wie viele Diäten sie auch machte. Und in dieser Daunenjacke sehe ich wahrscheinlich aus wie ein Sumo-Ringer!

Rocco schäumte innerlich. Das Gefühl der Dankbarkeit hatte sich inzwischen völlig verflüchtigt. Was fällt dieser Person ein, mich zu kritisieren! Sie kennt mich doch überhaupt nicht!

Schließlich liebte er seine nonna heiß und innig, und der Vorwurf, er würde sich nicht um sie kümmern, traf ihn heftig. Einfach lächerlich! Schließlich rief er sie jede Woche an. Sicher, er hatte es schon seit Längerem nicht mehr geschafft, nach England zu kommen. Um genau zu sein, seit seinem Kurzbesuch zu Weihnachten nicht mehr. Oh Gott, ist das wirklich schon drei Monate her?

Davon abgesehen lebte Cordelia überhaupt nicht allein. Diese Krankenschwester sollte sich erst einmal mit den Fakten vertraut machen, bevor sie andere verurteilte! Vor seiner Abreise im Dezember hatte er nämlich eine Haushälterin eingestellt, die sich um den Haushalt und um seine Großmutter kümmern sollte.

Wütend funkelte er Emma an. Leider sah er nach wie vor nur ihre Nasenspitze, da sie immer noch Schal und Strickmütze trug. Wie kann man nur eine derartige Abscheulichkeit aufsetzen? dachte er.

„Cordelia! Wieso hast du denn Schnee auf deinen Hausschuhen?“, rief Emma plötzlich aus. Erst jetzt bemerkte sie, dass die alte Dame vor Kälte zitterte. „Sag bloß nicht, du warst im Garten? Es ist doch eiskalt! Außerdem hättest du ausrutschen können!“

„Nur kurz“, gestand diese. „Ich habe Thomas gesucht, aber ich kann ihn einfach nirgends entdecken.“

„Weißt du was? Ich suche ihn, und dann mache ich uns eine schöne Tasse Tee. Und du setzt dich inzwischen an den Kamin.“ Emmas Ton duldete keinen Widerspruch. Insgeheim war sie froh, der irritierenden Gegenwart von Cordelias attraktivem Enkel zu entkommen.

In der Küche setzte sie den Teekessel auf, öffnete dann die Tür zum Garten und trat hinaus ins Mondlicht. Emma presste die Lippen zusammen, als sie Cordelias Fußabdrücke in der ansonsten unberührten Schneedecke erblickte. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, wie das hätte ausgehen können!

Plötzlich sah sie im Dunkel ein rundes Augenpaar leuchten. „Thomas, du kleiner Racker! Komm sofort rein.“ Ein rotes Fellknäuel versuchte, an ihr vorbeizuschießen, aber Emma erwischte das Tier. Sie wünschte, immer noch ihre Handschuhe anzuhaben, als sie die scharfen Krallen spürte. „Du wärst schuld gewesen, wenn dein Frauchen gefallen wäre!“, schalt sie scherzhaft.

Sie runzelte besorgt die Stirn. So konnte es einfach nicht weitergehen. Cordelia musste umziehen – zu ihrer eigenen Sicherheit. Oder ihr arroganter Enkel, der sich gerade mal wieder herabließ hereinzuschneien, müsste eine Betreuerin einstellen.

Emma ging zurück in die Küche, in der Rocco D’Angelo auf und ab tigerte. Der große Raum wirkte plötzlich unerträglich eng. Sogar sein Name klingt sexy, schoss es Emma durch den Kopf. Plötzlich blieb Rocco vor ihr stehen, und ihr Herz setzte einen Moment lang aus.

„Wer ist Thomas?“, fragte er barsch. „Und wieso kochen Sie eigentlich den Tee? Ist das nicht die Aufgabe der Haushälterin?“

„Das hier ist Thomas.“ Emma hielt ihm das Tier entgegen und setzte es dann sanft auf den Boden. „Er tauchte vor ein paar Wochen plötzlich vor Cordelias Haustür auf, und sie hat ihn adoptiert. Vermutlich wurde er ausgesetzt. Er ist halb verwildert, und normalerweise lässt er sich auch nur von Cordelia anfassen.“ Sie betrachtete den Kratzer auf ihrem Handrücken. Irritiert nahm sie zur Kenntnis, dass der Kater sich an Roccos Hosenbein rieb und dabei schnurrte. „Und eigentlich sollten Sie wissen, dass es hier keine Haushälterin gibt“, fügte sie in scharfem Ton hinzu. „Ich kann wirklich absolut nicht verstehen, wie Sie es mit Ihrem Gewissen vereinbaren können, Ihre Großmutter hier, weit ab vom nächsten Ort, alleine zu lassen. Ich weiß, Sie sind ein viel beschäftigter Geschäftsmann, Mr D’Angelo …“

„Als ich das letzte Mal hier war, habe ich Morag Stewart als Haushälterin eingestellt“, unterbrach Rocco sie brüsk. Er hatte wirklich keine Lust, sich erneut eine Litanei von dieser Krankenschwester anzuhören.

Ich bin mir durchaus meiner Fehler und Unzulänglichkeiten bewusst, dachte er. Wie immer, wenn er nach Nunstead Hall zurückkehrte, überfiel ihn die schmerzhafte Erinnerung an seinen jüngeren Bruder. Giovanni war vor zwanzig Jahren in dem See auf dem Gelände ertrunken, und er, Rocco, hörte immer noch die Schreie seiner Mutter. Alles sei seine Schuld. Er hätte ihn retten müssen, aber er hatte versagt.

Rocco biss die Zähne zusammen. Seine Wangenmuskeln traten hart hervor. Tragischerweise hatten dramatische Ereignisse die Tendenz, sich zu wiederholen – und erneut durch seine Schuld. Vor einem Jahr hatte eine junge Schauspielerin, Rosalinda Barinelli, eine Überdosis Schlaftabletten geschluckt, nachdem er die Beziehung beendet hatte. Glücklicherweise konnte sie gerettet werden. Aber sie gestand ihm, dass er der Grund für die Verzweiflungstat war, weil sie sich ein Leben ohne ihn nicht vorstellen konnte.

Als Rocco sie im Krankenhaus besuchte, hatte sie ihm offenbart, dass sie immer mehr als nur eine Affäre gewollt hatte. Sie hatte nur so getan, als sei sie damit zufrieden gewesen, seine Geliebte zu sein, insgeheim aber immer gehofft, er würde sich eines Tages in sie verlieben.

Erstaunlicherweise hatten Rosalindas Eltern ihm zu seiner großen Erleichterung keine Vorwürfe gemacht. Ihre Tochter hätte bereits wegen eines anderen Mannes einen Selbstmordversuch hinter sich, erklärten sie ihm, als er beteuerte, er hätte nichts von der Tiefe ihrer Gefühle gewusst. Trotzdem, die Barinellis mochten ihn vielleicht nicht verurteilen, aber er … er fühlte sich schuldig.

Und jetzt – in dieser Küche mit dieser kämpferischen Krankenschwester – meldete sich erneut sein Gewissen. Vielleicht hatte sie ja recht mit ihren Anschuldigungen? Was er allerdings überhaupt nicht verstand: Wieso lebte Cordelia allein in Nunstead Hall? Er war jedoch entschlossen, dies herauszufinden.

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