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»Du und ich sind ein Einfall«, Briefe an Andrea

 

Gottfried von Einem

 

»Du und ich sind ein Einfall«

Briefe an Andrea

 

Herausgegeben von Andrea von Wiedebach

 

Mit einem Dialog zwischen

Andrea von Wiedebach und Caspar Einem

 

Paul Zsolnay Verlag

Inhalt

 Zur Herausgabe der Briefe

 

 Auftakt

 

 Erster Teil

 »Du schönes, strenges Ungetier wirst mir nicht entgehen«

 1. Mai 1962 bis 21. Juli 1964

 

 Zweiter Teil

 »Du bist Objekt, Subjekt und Richtung meines Seins«

 27. Juli 1964 bis 25. Juli 1965

 

 Nachklang

 

 Rückblick

 Ein Erinnerungsdialog zwischen Caspar Einem und Andrea von Wiedebach

 

 Namenregister

 Danksagung

Zur Herausgabe der Briefe

Andrea Liebrecht ist das Mädchen, an das diese Briefe gerichtet sind. Ich bin Andrea von Wiedebach, geborene Liebrecht, die ihre Briefkisten geöffnet hat und auf die Begebenheiten schaut. Als Herausgeberin und Zeugin hatte ich die Freiheit, mich in diese ungewöhnliche Liebe wieder ganz hineinzubegeben und auch wieder herauszutreten. Ich fühlte mich noch einmal emotional berührt und blickte doch ein halbes Jahrhundert danach wie ein Zuschauer auf den Briefschreiber und ein Ich, das ich einmal war. Der Komponist Gottfried von Einem und auch die junge Andrea kommen durch ihre Briefe zu Wort. Den Abstand zwischen der damaligen Person und dem heutigen Ich wahrend, wird in den erforderlichen Anmerkungen über die Adressatin in der dritten Person gesprochen.

 

Die Edition umfasst alle Briefe, Karten, Zettel sowie ein Telegramm, die Gottfried von Einem in der Zeit von Mai 1962 bis Juli 1965 an mich geschrieben hat. Auch wenn manche Schreiben sich im Inhalt ähneln, erschien es sinnvoll, sie vollständig aufzunehmen, um einerseits den Verlauf dieser Korrespondenz genau nachvollziehbar zu machen und andererseits keinen Verdacht auf willkürliche Auswahl zu erwecken.

Die wenigen Briefe, die in dem Zeitraum davor geschrieben wurden, sind in der Vorgeschichte zusammengefasst. Ebenso sind Briefe, die ich in den Jahren nach der Trennung erhielt, am Ende kurz erwähnt und teils zitiert.

Die eigenwillige Rechtschreibung und Interpunktion Gottfried von Einems wurden übernommen (ß ist immer durch ss ersetzt, Kleinschreibung vieler Fremdwörter, z.B. »flirt«, »avancen«, latinisierte Schreibweisen wie »componieren«, häufige Verwendung von Auslassungspunkten). An wenigen Stellen wurden offensichtliche Flüchtigkeitsfehler stillschweigend bereinigt.

Randbemerkungen auf den Briefen und Zusätze auf den Umschlägen sind wiedergegeben. Unterstreichungen sind als solche markiert, doppelte Unterstreichungen allerdings nur einfach.

Gottfried von Einem hat seine Briefe immer datiert, manchmal am Anfang, manchmal am Ende des Schreibens. Nicht immer stimmt das Datum mit dem Poststempel auf dem Umschlag überein. Viele Briefe sind in der Nacht entstanden und wurden erst am nächsten, manchmal auch erst übernächsten Tag eingeworfen, das erklärt das spätere Stempeldatum. Zuweilen gerieten ihm jedoch die Daten durcheinander und das Stempeldatum liegt vor der Briefdatierung. In diesen Fällen wurde stillschweigend korrigiert, wenn sich das tatsächliche Datum aus dem Inhalt rekonstruieren ließ. Ansonsten richtet sich die Datierung in der Edition nach dem Datum, das im jeweiligen Brief angeführt ist.

 

Meine Antwortschreiben sind im Einem-Nachlass im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien aufbewahrt. Sie in Ausschnitten hereinzunehmen war notwendig, um die Geschichte lebendig zu machen, sie nicht nur in Einseitigkeit zu begreifen und um die Reaktionen des Briefschreibers zu verstehen. Unter dem Gesichtspunkt der Relevanz und um Redundanzen zu vermeiden, habe ich meine Briefe auf etwa den halben Umfang gekürzt. Oft sind nur einzelne Sätze übernommen, ein paar kurze Briefe sind in Gänze aufgeführt. Es gibt aber immer, wenn ein Schreiben von mir vorlag, etwas dazu zu lesen. Damit wird dem Leser ermöglicht, die Entwicklung der Beziehung dieses ungleichen Paares während der drei Jahre nachzuvollziehen. Um den Lesefluss möglichst wenig zu stören, sind die Auslassungen nicht mit der üblichen eckigen Klammer und drei Punkten gekennzeichnet, sondern mit einem senkrechten Doppelstrich. Freizügig wurden Punkte gesetzt, auch wenn im Original der Satz noch fortgeführt wurde.

Insgesamt finden sich in der Buchausgabe drei verschiedene Orthographien: die Einem’sche Schreibweise in seinen Briefen, die Rechtschreibung vor der Reform in den Textstellen der jungen Andrea und die aktuelle Rechtschreibung in den Kommentaren.

 

Wie bei jedem Briefwechsel gibt es zeitliche Verschiebungen und Überschneidungen. In dieser Korrespondenz sind sie jedoch besonders auffallend, einerseits wegen des Ungleichgewichts in der Anzahl der Schreiben; nicht selten erhielt ich an einem Tag mehrere Briefe und schrieb meist erst mit mehreren Tagen Abstand zurück. Andererseits kam es besonders in der Anfangszeit häufig zu Ungereimtheiten und Missverständnissen, da Briefe postlagernd geschickt wurden und erst spät die Adressaten erreichten.

Die Kommentare wurden bewusst möglichst knapp gehalten und beschränken sich auf Erklärungen zu den für beide Briefschreiber relevanten, oft familiären Vorgängen. Präzise Angaben waren zu den vielen Literaturempfehlungen und Buchgeschenken möglich, da sich viele der Werke heute noch in meiner Bibliothek befinden. Dies habe ich genutzt. Manches konnte zusätzlich recherchiert werden.

Besonders wurde das überwiegend künstlerisch-musikalische Personal, das zum Umfeld Gottfried von Einems gehörte, in den Erläuterungen bedacht. Viele Fakten konnten durch die Lektüre der von Friedrich Saathen verfassten »Einem-Chronik« (Wien–Köln–Graz 1982) und durch Gottfried von Einems Autobiographie, »Ich hab’ unendlich viel erlebt« (aufgezeichnet von Manfred A. Schmid, Wien 1995), verifiziert werden.

Mehrfach ließ sich der Hintergrund bestimmter Formulierungen und Redewendungen in der Musikgeschichte oder Literatur festmachen; auch darauf wird in den Anmerkungen hingewiesen; sie mögen die geistige Welt des Komponisten, der ebenso ein Mann des Wortes wie des Klanges war, weiter erhellen.

Andrea von Wiedebach

März 2013

Auftakt

Ende April 1962 erklärt Gottfried von Einem der jungen Andrea Liebrecht seine Liebe. Davor sind sie sich nur ein paar Mal begegnet. Gottfried ist der Onkel von Andrea. Seine kürzlich verstorbene Frau Lianne von Bismarck, in der Familie Anne genannt, war die Schwester von Andreas Mutter.

Am Anfang stand ein kleines Geschenk: ein Batist-Taschentuch mit Unterschriften namhafter Musiker versehen, das anlässlich der Wiedereröffnung der Wiener Staatsoper herausgebracht worden war; auch die Unterschrift des Komponisten Gottfried von Einem ist darauf zu finden. Dies gibt er seiner Schwiegermutter, Andreas Großmutter, mit. Das Foto von Andrea, das ihm die Großmutter beim Besuch in Wien gezeigt hat, hat ihm offensichtlich gefallen. Andrea bedankt sich in einem Brieflein für dieses Mitbringsel. Der Onkel schreibt zurück und lädt Andrea ein, nach Wien zu kommen. Es folgt die erste Begegnung.

Über die Osterfeiertage 1960 fährt die damals 15-jährige Schülerin nach Wien. Alles ist neu für diesen Teenager, die Großstadt, das Österreichische, das künstlerische Milieu und der bedeutende Hausherr. Dem streng bestimmenden und auch schnell heftig werdenden Mann traut sich das junge Mädchen weniger mit Worten als mit Blicken entgegenzutreten.

 

 

 

Ein Jahr später sehen sie sich ein weiteres Mal in Wien anlässlich der Uraufführung von Gottfried von Einems Opus 30 »Von der Liebe – Lyrische Phantasie für Gesang und Orchester«, ein Sonderkonzert im Rahmen der Wiener Festwochen am 18. Juni 1961. Gottfried spendiert Andrea die Fahrkarte. Er schreibt ihr in das Programm eine liebevolle Widmung, und sie genießt seine Zuwendung. Im gleichen Jahr lädt er sie für die Herbstferien wieder zu sich ein. Auf ihr Dankschreiben erhält sie Post zurück mit der Aufforderung, wieder zu schreiben. Im Oktober des gleichen Jahres reist die Schülerin erneut nach Wien, wo sie der herzkranken Tante bei der Hausarbeit hilft und Botengänge erledigt. Den Onkel trifft sie nicht an, da er sich in Zürich zum Komponieren aufhält. Sie verehrt die Tante, schwärmt für den abwesenden Gottfried und liebt den Aufenthalt in deren Räumen und in der Weltstadt.

Eine weitere Einladung des Onkels für die Weihnachtsferien folgt, die jedoch kurze Zeit später wieder zurückgenommenen wird, da er sich entschließt, mit Lianne – von ihm »Schweif« genannt – zum Jahresende nach Paris zu fahren. Der Absage ist gleich die Frage nach der nächsten Gelegenheit, nach Wien zu kommen, hinzugefügt. »Du weißt es wohl, dass ich Dich immer gerne bei uns habe. Schreib’ mir ein passendes Datum und ich sende Dir die Bahnfahrkarte.«

Am 5. Januar 1962 stirbt Gottfrieds Frau, Andreas geliebte Tante Anne, überraschend auf der Reise in einem Pariser Hotel. Ihr angeborener Herzfehler hat zu ihrem frühen Tod geführt. Sie wird am 10. Januar 1962 in Wien auf dem Hietzinger Friedhof begraben. Gottfried und Andreas Vater, Werner Liebrecht, ein bescheidener, lebenskluger, oft schwermütiger und warmherziger Mann – 16 Jahre älter als der Witwer –, finden trotz all dem Begräbnistrubel beim anschließenden Zusammensein im Restaurant »Drei Husaren« Zugang im Gespräch. Sie vereinbaren, sich bald wieder zu sehen; eine Gelegenheit dazu könnte sich ergeben, wenn Gottfried in der Nähe von Düsseldorf auf dem Hahnerhof sein wird. Andrea ist beim Begräbnis nicht dabei. Sie schickt dem Onkel ein Telegramm und einen Brief; sie bietet Hilfe an, wenn er sie brauche.

Gottfried bittet Andrea, ihm weiterhin zu schreiben. Er dankt für ihre Zeilen, die ihn »immer wieder aus der dunklen Schlucht der Gedanken und Erinnerungen reissen«. Ihre Briefe und Gedanken sind ihm »immer eine grosse Freude, weil sie lebendige Menschlichkeit ausathmen«. Er wird diese Schriftstücke mit allen noch folgenden in einer dafür angefertigten, schön mit Papier überzogenen Schachtel aufbewahren und sie schließlich im Einem-Archiv im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien sicherstellen lassen.

 

 

Gottfried und Lianne von Einem: © IMAGNO/Barbara Pflaum

 

Er, ein erfolgreicher, international bekannter Komponist, ist zu dem Zeitpunkt 44 Jahre alt, lebt seit mehreren Jahren in Wien und hat einen fast 14-jährigen Sohn, Caspar. Nach dem Tod seiner Frau führt Gertrud von Bismarck, Gottfrieds Schwiegermutter und Andreas Großmutter, den Haushalt und ist für ihren Enkel Caspar da. Andrea ist 17 Jahre alt und besucht das Gymnasium. Sie wohnt mit ihren Eltern und dem jüngeren Bruder Bernd in Montabaur. In diese Kleinstadt im Westerwald hat es die Familie nach der Flucht aus Pommern verschlagen, auch die Großmutter lebte hier, bevor sie nach Wien übersiedelte. Die beiden älteren Schwestern Johanna und Cornelia sind bereits außer Haus.

Ende April 1962 fährt Andrea mit ihrem Vater zum Hahnerhof, um Gottfried zu besuchen. Die Besitzerin des Anwesens ist Elsa Carp, eine mütterliche Freundin, Bewunderin und Förderin des Komponisten, die ihrem Schützling ihr Haus immer wieder für ungestörte Kompositionsarbeit zur Verfügung stellt. Am Abend essen Gottfried, Andrea und der Vater gemeinsam in einem nahen Landgasthaus. Bei Dunkelheit geht es zu Fuß zurück, ein kurzes Stück eine stark befahrene Landstraße entlang und dann durch eine Allee mit schönen alten Kastanienbäumen, die zu der eindrucksvollen Villa Carp führt.

Gottfried hakt sich bei Andrea ein, der Vater geht auf der Landstraße voran, man muss den Autos ausweichen. Gottfrieds Worte zu Andrea: »Ich liebe dich, hörst du, ich liebe dich«, sind bei dem Autolärm nur für das junge Mädchen an seiner Seite zu vernehmen. »Du musst entscheiden, was wir daraus machen.« Ob und was Andrea geantwortet hat, ist ihr nicht im Gedächtnis geblieben; nur das Frieren auf diesem kurzen, ewig lang erinnerten Gang. Zittern vor Kälte oder Angst oder Erregung? Es folgt für Andrea eine fast schlaflose Nacht. Am nächsten Morgen – nach einem gemeinsamen Frühstück mit Frau Carp und dem Vater – erklärt Gottfried, dass er nun Andrea entführen müsse, um mit ihr durch den großen Park hinunter zu dem Teich zu gehen. Der Vater und die Gastgeberin bleiben zurück. Der gemeinsame Weg durch die hügelige Landschaft hinunter zum Wasser zeichnet sich wiederum vorwiegend durch Frieren und Schweigen aus. Das Bestaunen der großen alten Bäume prägt sich dem Mädchen ein, die Begegnung der Hände in Gottfrieds Manteltasche und anhaltende tiefe Blicke.

Bald danach trifft ein Brief von Gottfried für Andrea in Montabaur ein. Es werden noch sehr viele folgen.

 

   Erster Teil

 

»Du schönes, strenges Ungetier

  wirst mir nicht entgehen«

 

1. Mai 1962 bis 21. Juli 1964

Nr. 1
Hahnerhof, Dienstag, 1. Mai 1962

 

A.

ich liebe Deine stillen, sinnbegabten Augen. Ich weiss, dass ich Dich störe, wie ich weiss, dass Du mir gut tust.

Hätte ich Dir Deine Hände wärmen können! Liebe!! Ich habe seit Deiner Abreise an Dich viele Briefe geschrieben; gedachte; der kürzeste davon ist dieser. Sei zugetan! G.

Nr. 2
Hahnerhof, Mittwoch, 2. Mai 1962

 

A.

es geht darum, im ständig entgleitenden Leben einen Halt zu bekommen; dieser Halt ist der nächste, der nahe Mensch. Nenn’ ihn Freund, heiss ihn Geliebten, Ehemann; wir sind ohne das »Gegenüber« (nicht das Spiegelbild!) verloren, verloren im zeit- gegenstands- und endlosen Raum.

Das, das ich Dir antue, das wir einander antun, ist vielleicht so, als ob wir einander verbrennen, aber, lieben wir einander: sinnbegabt; wir wären, wie es Thomas Mann nannte: benervt.

Sag Nein, sag Ja zu mir, schweige aber nicht, Liebe. Liebe! L-i-e-b-e. G.

Über mir strahlt eine Sonne, die ist die Angst; brennend. Wie sehr ich Dich störe, weiss ich.

 

wie es Thomas Mann nannte: benervt: in »Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull«: »Denn das Entnervende ist es, was uns benervt und uns, gewisse Vorbedingungen als gegeben angenommen, tauglich macht zu Darbietungen und Weltergötzungen, die nicht die Sache des Unbenervten sind. Nicht wenig tue ich mir zugute auf die Erfindung dieses Wortes ›Benervung‹, mit dem ich ganz aus dem Stegreif den Wortschatz bereichere, um es dem tugendhaft absprechenden entnervend wissentlich entgegenzustellen.«

 

Andrea (Mi., 2.5.1962): Lieber Onkel Gottfried! Im Geiste hab ich schon mindestens fünf lange Briefe an Dich geschrieben, aber jetzt weiß ich nicht, ob ich überhaupt einen zustande bringe. Meine Gedanken laufen immer wieder im Kreis herum und ich komme einfach nicht weiter. Es fängt immer gleich an: Es ist absurd – es ist Wahnsinn; – und dann: ich kann es nicht – ich bin zu feige, zu schwach – ich fürchte mich nicht nur vor dem Zusammensein, sondern habe Angst vor Dir, Du bist mir oft unheimlich, Du glaubst nicht an Gott, an nichts (oder schreib mir, wovor Du überhaupt Ehrfurcht hast!). Ich glaube wirklich, ich weiß zwar nicht warum, aber ich tue es. || Kannst Du Dir vorstellen, daß zwei Menschen, die sich so in ihren Weltanschauungen unterscheiden, zusammenleben können? Welchen Einfluß hätte ich überhaupt auf Dich? || Du liebst mich (im Moment), aber bleibt das? Wie weit wärest Du denn bereit, Dein Eigenes aufzugeben für einen anderen; ohne das es meiner Meinung nach nicht geht! Und das ist nicht nur die Aufgabe der Frau. || Ob ich Deine Frau sein könnte und eine zweite Mutter für Caspar, das weiß ich nicht; ich bete darum, daß mir der zu einem Entschluß hilft, der allein helfen kann und den Du nicht akzeptierst. || So jetzt ist ein großer Teil meiner scheußlichen Angst weg, nachdem ich Dir das alles geschrieben habe. Es ist der Ablauf meiner Gedanken, der sich in Sekunden vollzieht und immer wieder von vorne beginnt. Deine Andrea

Nr. 3
Hahnerhof, Donnerstag, 3. Mai 1962

 

Andrea, Liebe,

Du hast mir einen klaren Brief geschrieben. Viele Gedanken liessen sich daran schliessen, wenn etwas wahr wäre, das, das Du mir in der Kastanienallee sagtest – ich sag es leise – dass Du mich liebst. Nimm es zurück und ich werde nicht Dich und mich, sondern mich allein, verstärkt weiterplagen. »Christ sein«, »Ehrfurcht haben vor« darüber darf man ein Leben verbringen. Wovor ich Achtung habe – Ehrfurcht gibt es bei mir wenig – ist: dem ordnenden Geist keine Schranke zu setzen, ihm sich zu öffnen in einem Masse, dass es schmerzhaft wird. Höre Dir zwei, drei meiner Stücke an, vielleicht fühlst Du, wann ich die Form, die meine, traf und wann ich versagt habe.

Dir sei nicht das »Christsein«, kein Gebet genommen – alles, Liebe muss aber nicht erfürchtet, sondern erliebt, erlebt werden. Dass ich Dir unheimlich bin, mag darin liegen, dass Du den Zweifel merkst, den ich an jeden Wert lege, der existiert. Werte gelangen zu Existenz und Inhalt durch historische Nützlichkeit, so auch Religionen. Aber, Liebes, Fernes, der kleine wahrhaft unheimliche Satz: »ich liebe Dich«, der ändert Dich und mich und alles um uns. Dieses explosive Sätzchen würde Dir den Einfluss geben, der Angst bannt und Glauben schafft.

Beantworte mir, wenn Du es kannst, die vorn gestellte Frage. Sage Nein! Ich werde Dich in Ruhe lassen. Doch die Versuchung im Geist, für und wider ihn, ist Anfang und Ende der Kunst. Mit der hast Du aber nichts zu tun, sondern im Moment (noch) nur mit dem G.

P.S. Ich warte, warte, warte auf eine Zeile von Dir.

Nr. 4
Hahnerhof, Freitag, 4. Mai 1962

 

Andrea,

ich habe Deinen Brief wieder gelesen und fürchte, dass ich in meinem letzten Schreiben kaum eine Frage beantwortet habe. So habe ich endlich wieder einen Grund, Dir zu schreiben.

Weshalb sollst Du Deinen Glauben in Gefahr bringen dadurch, dass Du Dich mit einem Mann verbindest, der nicht (vielleicht: noch nicht) glaubt? Zum Glauben kann der Mensch nur durch einen Gnadenakt gelangen. Glaub mir, dass das Problem des Glaubens seit Jahren mir den Geist und die Seele bewegt. Wie kommt es zu dieser Erleuchtung? Ist es ein Geschenk? Gelingt es, ihn durch stetige Bemühung zu erreichen?

Weshalb, Liebe, sollte ich Dir etwas nehmen wollen, das Dich erfüllt? Der Anfechtung wirst Du aber in keinem Fall entgehen.

Wie weit ich bereit wäre, Eigenes aufzugeben, fragst Du und fragst weiter, welchen Einfluss Du auf mich haben könntest. Das sind Fragen, die nur durch das Leben beantwortet werden können. Richard Wagner schrieb einmal – ich sah das Manuskript in Bayreuth – Alles Verstehen kommt durch die Liebe. Die Liebe macht es möglich, von Unarten zu lassen, sie gewährt es, dem geliebten Menschen Einblick in seelische und körperliche Geheimnisse zu geben mit der Berechtigung, liebend dem anderen, verstehend, zu helfen. Einfluss? Jeder Tag steht unter der Strahlung beider Persönlichkeiten. Dass Du eine bist, weisst Du wohl. – Die Zweifel, deren Anzahl und Gewalt wirst Du mit mir oder ohne mich kennen lernen, schonungslos. Davor ist niemand zu retten.

Ich liebe Dich (»im Moment« und weiterhin). Ich möchte Dir, der jungen Frau, Gutes, Liebes tun. Ob es mir gelingt? Erst im Feuer erkennst Du die Qualität des Holzes. G.

P.S. Hab keine Angst, ich beisse fast immer! Beiss zurück!

 

Andrea (Fr., 4.5.1962): Du mußt Dich einem Höheren anschließen. Ich bin kein Halt für Dich. || Woher nehme ich überhaupt den Mut, so an Dich zu schreiben?

Nr. 5
Hahnerhof, Samstag, 5. Mai 1962

 

Andrea,

woher Du den Mut nimmst, mir zu schreiben, wie Du mir schriebst? Aus der Jugend, ihrem Mut und der Unerfahrenheit. All das vergeht, und zwar gründlich.

Trotzdem Dir, Kratztier, zugetan G., der nichts beweisen will.

Halt geben? Wer wem? Halt!

 

Andrea (So., 6.5.1962): Sehr geliebter Onkel Gottfried! Jetzt weiß ich, daß ich Dich sehr liebe und weiß auch, daß wir nicht als Mann und Frau zusammenleben können. Ich sage »ja« zu Dir, aber »nein« zu einer Ehe. || Ich bin nicht mehr verliebt. || Wie gerne würde ich nun mit Dir spazieren gehen, stundenlang, ohne zu frieren. Ich glaube, ich wüßte mich sogar zu unterhalten, denn ich lieb Dich! Du störst mich nicht mehr! Ich möchte Dir gut tun.

Nr. 6
Hahnerhof, Montag, 7. Mai 1962

 

Andrea,

wie klar, wie schön Dir das Gefühl strömt. Ich kann nun nichts anderes tun als schweigen. Ich liebe Dich – erlaube mir, das noch einmal zu sagen – ich war zu schwach, konnte Dich nicht halten.

Sehr Gutes Dir! G.

P.S. Die Verliebtheit ist vergangen, ja; liesse sich uns nicht die Liebe gewinnen?

Nr. 7
Hahnerhof, Montag, 7. Mai 1962

 

Andrea,

»Du störst mich nicht mehr«. Welch ungeheuerlicher Satz nach, »denn ich liebe Dich«. Hast Du Angst vor der Sinnlichkeit? Dass sich zwei Menschen »stören«, Du kannst es nennen »anregen«, kannst sagen »bewegen«, ist viel, ist mehr als das Leben normal hergibt.

»Ich möchte Dir gut tun« ist, was ich Dir tun möchte und – ganz leise gesagt – tun sollte. G

P.S. Ich weiss zu wenig.

 

Andrea (Di., 8.5.1962): Ich habe riesige Angst vor der Sinnlichkeit! Merkst Du nicht, dass ich zu jung bin? – Komm doch bitte bald hierher; ich halte das sonst nicht mehr lange so aus! Stundenlang sitze ich vor Deinen Briefen – ohne irgendeinen Erfolg. Komm bitte bald und schreib mir keinen klugen Brief zurück, sondern, daß Du mich liebst!

Nr. 8
Hahnerhof, Mittwoch, 9. Mai 1962

 

Meine liebe Geliebte, Zarte, junge,

ich weiss nicht, woher den Athem nehmen Dir zu antworten. Halte, erhalte Dich für mich; ich komme zu Dir! Dein Brief hat mir die Seele, die verlorene, eingetrieben. Ich lasse Dir alle Zeit, die Du für Dich – (für uns –) brauchst. Ich werde warten. Sobald ich von Hamburg zurück bin, ich fliege in einer Stunde dorthin und bin am 12ten wieder hier, rufe ich Dich an. Schreib mir bitte eine Zeit, zu der ich Dich allein und »ungestört« sprechen kann. Schreib mir, schreib mir ...

Es liebt Dich ängstlich, fast schon nicht mehr verzweifelt, ein wenig Mut fassend Dein G.

P.S. Ich bin in Hamburg im Hotel 4 Jahreszeiten.

Nr. 9
Hamburg, Mittwoch, 9. Mai 1962

 

Mein Liebes, Junges, Kluges,

den* zeitraffenden Flug über dachte ich an Dich und versuchte mir vorzustellen, was ich Dir mit meiner Liebe antue und mir klar zu machen, mit wem Du Dich einlässt. Es ist nicht einfach, sich fortzugeben, schon gar nicht an einen Menschen, der 16 Jahre mit einer hochgescheidten und bescheidenen Frau verheiratet war. Du, meine zart-unter-sich-schauende, herrlich sinnliche Geliebte verstehst mich zu reizen fast über meinen Verstand.

Mein geliebtes junges »Enkeltier«, meine geliebte Geliebte, bedenke, dass Menschen ihrem schauerlichen Schicksal nicht entlaufen können. Das sind keine »grossen« Worte, ich habe es erfahren. Geliebte, misstrau mir und traue Dir, Deinem starken, klugen Gefühl.

Denk an mich, schreib mir, schreib mir, denke Dich klar!

Liebe, liebe Deinen G.

* Ich flog in der Caravelle.

 

Enkeltier: Verwandtschaftsbezeichnungen sind dem Onkel fremd, das Wort »Nichte« scheint er nicht zu kennen. Da A. bei ihrem ersten Wien-Besuch ironisch zu ihm sagte, sie sei das Enkelkind, und bei G.v.E. sehr viele Menschen zu Tieren erklärt werden, wird sie fortan als »Enkeltier« bezeichnet.

Nr. 10
Hamburg, Mittwoch, 9. Mai 1962

 

Andrea, Geliebte, Geliebte!

könnt ich’s, ich wäre jetzt bei Dir und streichelte Dir Deine angstkalten, lieben Hände! Lieben ist, einander auflösen und der Beruhigung zuführen; dieses ist aber oft mit der Qual (dem Quälen) verbunden, einander es nicht »leicht« machen zu können, weil die innere Spannung zu hoch ist. »Gib mir einen Topf heisses Wasser« (ohne »bitte«) wird zur Schicksalstragödie und ich könnte es nicht ändern, obwohl ich die Beweggründe kenne. Lieben ist wie Verbrennen, es schmerzt und beglückt. Sinnlichkeit, der sexus, sind (ist) stimulantia des Lebens, ihr entstammt alle Kunst. Du bist nicht zu jung, sie zu erfassen, Du bist so, dass Du weisst, wovon ich spreche.

Sitz vor meinen Briefen nicht stundenlang – verschliess oder verbrenne sie, bitte! – sondern liebe, liebe, LIEBE mit Deinem geliebten jungen Herzen G.

P.S. Ich war heute abend in der Premiere von Bachs Konzert mit Gründgens und Marianne Hoppe; hinterher mit Liebermanns.

Ich komme zu Dir und werde es rechtzeitig ansagen. Es wird zwischen dem 20. und 24.V. sein.

 

Gründgens: Gustaf (18991963), Schauspieler, Regisseur, Intendant. – Marianne Hoppe: (19092002) Schauspielerin, war von 1936 bis 1946 mit G. Gründgens verheiratet. – Liebermanns: Rolf L. (19101999), Komponist und Intendant, und Ehefrau Göndi L.

Nr. 11
Hamburg, Donnerstag, 10. Mai 1962

 

Andrea, Zärtliche, Bedrohte,

ich bin sehr müde, es ist draussen ein mattes Wetter. Ich habe eben mit Gründgens und Marianne Hoppe gegessen. Es war nett und amüsant, da beide intelligente Menschen sind, anstrengend aber, weil die unterschwelligen Gefühle beider in vielen kleinen Reaktionen zutage traten und dabei zeigte sich viel Hass. Ich habe an Dich gedacht – ach, ich tu’s doch den ganzen Tag – und versuchte mir vorzustellen, mit welchen Erinnerungen wir enden werden. Ich weiss manches von Dir, kenne Dich aber nicht. Du hast einen klaren Verstand, hast grosse Sinnenkraft und Leidenschaftlichkeit, dazu den Blick für Wesentliches; ich glaube nicht, dass Du auf Geschwätz hereinfällst.

Wüsste ich doch, was ich Dir tue, wenn ich Dir sage, dass ich Dich innig, aber fast verzweifelt liebe!

Heute abend gehe ich in den von Balanchine inszenierten Ballettabend und treffe Ingmar Bergman, den grossen schwedischen Filmregisseur.

Müde Dein G.

P.S. Ich war heute morgen in der Hauptprobe von Rigoletto. Felsenstein inszeniert das Stück und es ist ausgezeichnet besetzt. Ich wäre fast aus dem Theater gerannt. Ein grosses, absolutes Kunstwerk ist furchtbar, ist so bedrohlich, dass Du für Deine Existenz fürchten musst. Das Schöne ist schrecklicher als die hellste Sonne. Und alle Opern handeln von dem unheimlichsten Zwang: Liebe. Welch einsamer, grosser Mensch war Verdi, welch Meister der Selbstbeherrschung, wie still in seiner Kraft. Ich bin zu laut, zu unbescheiden.

Schreib, schreib Deinem G.

P.S. Wüsste ich es doch nicht so genau, dass wir zueinander gehören!!! Und in allem, das ich bin, ist nichts, mit dem ich Dich zu meiner Überzeugung bringen kann. Alles klingt und schweigt zugleich.

Lies bitte die späten Briefe von Wolfe; sie sind von schauerlicher, prophetischer Einsicht in sich und seine Zeit, die auch ich erlebt habe.

Was kennst Du von Kafka? Kennst Du den Briefwechsel von Schiller und Goethe? Habt Ihr die Platte der I. und VIII. Symph. Beethovens von Klemperer? Er, Kl., ist ein Untier; halbverbrannt, wieder genesen, mir wohlbekannt und ein Künstler, kein Gehaltsempfänger!

 

Balanchine: George (19041983), bedeutender Choreograph. – Ingmar Bergman: (19182007), schwedischer Regisseur. – Felsenstein: Walter (19011975), Regisseur, Gründer und Intendant der Komischen Oper, Berlin. – Wolfe: Thomas (19001938), amerikanischer Schriftsteller; Briefe. Rowohlt Verlag, Reinbek 1961. – Klemperer: Otto (18851973), Dirigent und Komponist.

 

Andrea (Do., 10.5.1962): Rufe mich bitte nicht an, da es allein und ungestört bei uns nicht geht. || Ich glaube, Du weißt jetzt, was ich gerne will; ich möchte, daß wir beide so bleiben, wie wir jetzt sind – genauso. Daß ich Dich weiter sehr liebe, daß Du mich liebst und wir uns gegenseitig helfen. || Schreib mir bitte noch einmal klar, daß Du hierzu »Ja« sagst. Du bist keineswegs zu schwach, um mich zu halten, eher viel, viel zu stark, um mich loszuwerden. Ständig Dein Enkeltier – Eine Freundschaft kann etwas unglaublich Schönes ein! Ich freue mich auf Dein Kommen!!

Nr. 12
Hahnerhof, Samstag, 12. Mai 1962

 

Andrea,

nein! NEIN! Freundschaft zwischen Dir und mir ist nicht möglich. Ich liebe Dich. Dein Brief, den ich eben zweimal las, von Hamburg zurück gekommen, hat mich in den Zustand versetzt, den ein auf die Mohle – schreibt man das so? – geworfener Fisch erleiden mag. Nein, ohne den erotischen Untergrund ist unsere Beziehung falsch. Sag, kränkt es Dich, dass ich Dir schreibe?

Dass wir so miteinander bleiben, wie es jetzt steht? Unmöglich! Lass uns miteinander sprechen, ich komme nach Montabaur. Deinem Vater werde ich schreiben und klar stellen, was bisher vielleicht unklar war. Nur, Harte, (Schüchterne), liebst Du mich? Du sollst, darfst, kannst Dich nicht »opfern«; ich hasste es! Sag mir ein klares Nein.

Ich schreibe Dir klar, dass ich Dich – Andrea Liebrecht – liebe und nicht gesonnen bin, mit Dir, (ihr), eine Freundschaft einzugehen. Ich bin bereit, auf Dich zu warten, bin aber auch willens, diesen den letzten Brief gewesen sein zu lassen. Hast Du irgend etwas von Empfindung in Dir, seis negative? Wie allem sei, ich schreibe Deinem Vater nach Erhalt Deines nächsten Briefes. Zwischen Dir und mir geht der Kampf, nicht zwischen mir und Deiner Familie. Dummes!

Was heisst: ich, ego, der Esel, (bin) sei zu stark, um Dich loszuwerden? Schnell schreib dem G.

 

A.s Vater fährt erneut zum Hahnerhof, diesmal allein, um mit dem Schwager G. zu reden: Er möge von A. lassen. G. stimmt dem Vater gegenüber zu, den Kontakt einzustellen, und gibt ihm folgenden Brief an A. mit. Es wird ein Besuch in Montabaur ins Auge gefasst.

Nr. 13
Hahnerhof, Sonntag, 13. Mai 1962

durch Vater als Boten

 

A. und O.

ich müsste es als Verrat und gut bürgerliche Feigheit anschauen, wenn ich nach der Aussprache mit Deinem Vater Dir diese Zeilen nicht schriebe. Deine Eltern wissen, dass ich Dich liebe, wünschen aber zwischen uns keine Verbindung, auch keinen Briefwechsel. Nun ist es nicht das erste Mal, dass dergleichen geschieht. Ich bezweifle die guten Absichten Deiner Eltern nicht. Doch Liebe lässt sich nicht durch Ge- und Verbote zügeln. Es ist mir wichtig, dass uns der Zugang zu einander nicht völlig versperrt wird und schlage daher Folgendes vor: Prüfen wir uns! Ich schreibe Dir nur dann, wenn ich einen Brief von Dir erhalten habe. Schau etwa 8–10 Tage später auf die Post, es wird dort dann meine Antwort liegen unter der Chiffre, die Du wünschst. Höre ich monatelang nichts von Dir, so werde ich auch das hinnehmen, ja selbst die Erklärung, dass Du nichts mehr vernehmen möchtest. Du bist in keiner Weise an mich gebunden. Als meine Adresse bitte ich Dich zu benützen: Konzerthaus, Lothringerstr. 20, Wien III.

 

A.

die einzige Berechtigung, die ich habe, an Dich zu schreiben, ist, dass ich Dich liebe, Dich die junge, unsichere Frau. Ich bin nicht sicherer trotz der Erfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe.

Geliebte, ich spreche mit Dir gerne, schau gern zu Dir hin, höre Dich gerne, schweige gern mit Dir und bin ungern mit Dir ratlos (es wird oft sein.) Dein G.

P.S. Stört Dich Musik? Töne?

 

Andrea (So., 13.5.1962): Diese Zeilen schreibe ich an Vaters Stelle, der sie lesen wird. || Unsere Freundschaft geht nur weiter, wenn wir beide genau sehen, wo unsere Grenzen liegen. || Ich mag Dich sehr gerne, ich lieb Dich und so in diesem Verhältnis wollen wir weiter zueinander stehen. Ich sage Dir hiermit eigentlich nichts Neues, sondern zusammengefaßt das, was Du schon weißt. || Von dem Brief, den Du an Vater schickst, hängt unser Weiteres ab. Schreib ihm doch bitte, ohne daß Du einen Brief vorher an mich schreibst, daß Du mit dem einverstanden bist, was ich Dir gesagt habe. || Ich freue mich nämlich sehr auf Dein Kommen.

Nr. 14
Hahnerhof, Sonntag, 13. Mai 1962

 

Geliebte Angstvolle,

ich habe heute Deinem Vater geschrieben, dass ich Dich liebe und dass ich nach dem 20ten nach Montabaur komme, in die »Waldesruhe«. Es wird nicht sehr »ruhig« sein; wie wäre das möglich! Bist Du mir bös wegen dieses Briefes? Du grosses, stolzes Mädchen; Du schöne, denkende, junge Frau! Ich lasse Dich nicht!

Zu viele Ausrufezeichen taugen nicht. DEIN G.

Meine Geliebte, antworte mir. Ich brauche es bitter. Ich sehe Dich, Dich kaum bewegte. Frierende.

Wenn ich Dich doch jetzt streicheln dürfte!

 

Waldesruhe: Hotel etwas außerhalb von Montabaur. Der Besuch kommt nicht zustande. Die weiteren Briefe von G.v.E. werden zunächst an »Frl. Liebrecht«, später mit Pseudonym »Frl. Einem, Montabaur, postlagernd« adressiert.

Nr. 15
Hahnerhof, Montag, 14. Mai 1962

 

A. und mein geliebtes O,

keine Zeile von Dir! Mir hat’s die Sprache verschlagen. Was ist? Du liebst mich nicht. Sag es, bitte, bitte! Es ist weniger arg, auf einmal Klarheit zu bekommen, als in Splittern. Und doch, Geliebtes, ich möchte Dich zu nichts pressen, möchte Dir Liebes tun, Liebes.

Ins nächste Flugzeug möchte ich rennen und fort sein, weg von allem, das ich weiss, das ich ahne und näher dem, das ich nicht weiss, vor dem ich mich fürchte.

Ich sitze schwer vor mir, grün herum, und denke an Dich. Was, Himmels, tue ich Dir an! Geliebtes Junges liebe!! Liebe! Es ist so schön hier; der braun-rote Ahorn, die aufgesteckten Kastanienflammen, die nackten und die zartgrünen Buchen. Und Dir tue ich weh, ärger, = nichts. Liebe Geliebte; ich bin in nichts Dir überlegen, sage mir ein Wort, wie schwer es auch sein wird, es anzunehmen, sag es, bitte, bitte!

Wie Du siehst des Sinnes und der Sprache nicht mächtig Dein G.

 

Andrea (Mi., 16.5.1962): Geliebter Onkel Gottfried! Was bin ich doch für ein Feigling, der ich versuche, durch irgendwelche billigen Kompromisse – wie Freundschaft – einer Entscheidung aus dem Wege zu gehen! Ich habe Deinen letzten Brief (den »Nein-Brief«) oft gelesen und merke: Dein Standpunkt ist klar und richtig. Du weißt eben, was für Dich möglich ist und was nicht. Ich kenne mich ja selbst noch kaum und bin noch dazu zu feige, um das zu sagen, was ich denke. Dumm und schwach – Dein Enkeltier

 

Andrea (So., 20.5.1962): Schön war der Anruf mit Dir, aber ich flehe Dich an: Schreib mir wenig – ganz wenig, fast gar nicht!!! Ist es denn richtig, daß man etwas von Mann zu Mann verspricht, was man nicht hält? Vater vertraut Dir und mir. || Du mußt wissen, ich liebe Vater sehr, natürlich anders als Dich, aber ich lieb ihn. Er sieht mir das schlechte Gewissen an, ich bin kein guter Schauspieler. Letzte Woche habe ich festgestellt, daß es ohne Briefe eigentlich gut geht, mir jedenfalls. Ich denke dann viel intensiver an Dich und lebe eigentlich sehr gut in Vergangenem und in erdachter Zukunft. || Schreib mir ab und zu Postkarten direkt adressiert mit Standortangabe usw.; ich werde alles zwischen den Zeilen lesen. Bitte, bitte keine Briefe; Montabaur ist ein kleines Nest, jeder kennt uns, auch die Postbeamten! In Sorge Dein Enkeltier

 

An »Liebrecht« adressierte postlagernde Briefe werden, da die Familie bekannt ist, doch ausgetragen; beim Abholen der Briefe unter Pseudonym »Einem« wundert sich der Postbeamte über das ihm bekannte Gesicht: »Ach, Sie sind das Frl. Einem!«

 

Andrea (Fr., 25.5.1962): Als am Dienstag das Buch von Dir kam, habe ich mich riesig gefreut und ich habe meine Freude nicht verheimlicht, sondern ruhig meinen Eltern gegenüber gezeigt. || Am Mittwoch war ich auf der Post, bevor ich ins Ballett ging und habe dann vor der Stunde auf einem gewissen Ort Deine Briefe gelesen. || Ich habe bisher noch keinen Deiner Briefe verbrannt oder weggeschmissen, denn sie sind mir lieb! Aber wie das auf die Dauer geht, weiß ich noch nicht. – Morgens mein erster Gedanke und abends mein letzter ist ... (rate mal, wer wohl?) Du, ich lieb Dich so, daß ich oft schreien könnte, komm her; oder noch lauter: sei doch bei mir! Aber genauso stark wie dieses Gefühl ist ein anderes, das sagt: ich will keine feste Verbindung zwischen Dir und mir; ich will nicht Deine Frau sein. || Ich würde lügen, wenn ich sagen würde: ich lieb Dich nicht genügend. Mehr lieben kann ich nicht, es steckt nicht mehr in mir drin. Aber vielleicht lieb ich Dich falsch, oder besser anders, als ich einen (meinen) Mann lieben sollte. Vielleicht steckt in mir doch zu sehr das kleine Mädchen, das in Dir den Onkel sieht. Weißt Du, daß Du mich liebst, das kann ich einfach nicht glauben. Ich schlage mir manchmal vor den Kopf und denke: Du bist verrückt, Andrea! || Deine Liebe ist für mich etwas völlig Unfaßbares, so wie ich oft sehr gute schöne Musik einfach überwältigend finde und großartig, aber sie nicht verstehe; sie geht über meinen Horizont hinaus, Deine Liebe. || Es ist scheußlich, so eine seelische Tiefseeforschung in seinem Inneren zu veranstalten und dann auch noch zu Papier zu bringen. || Aber vergiß nicht: ich lieb Dich – nicht verzweifelt, sondern eher mit Übermut und ganz viel Kraft. || Von einem Beruf habe ich noch keine genauen Vorstellungen; irgend etwas mit Büchern? || Deinen Vorschlag mit dem Briefeschreiben finde ich gut. || Eine Postkarte »pro forma« wäre direkt adressiert zwischendurch ganz gut. || Deine ständig an Dich denkende und Dich liebende Andrea

Nr. 16
Wien, Mittwoch, 6. Juni 1962

 

Ich glaube, so schaut der Anfang dieses Liedes von Brahms aus. Ich habe die Noten nicht zur Hand, Inhalt ist: zeig mir Dein Gefühl, Dein (dein) wahres ... es ist ein dunkles Lied.

Ich bedrücke Dich, weiss es und weiss auch, dass Du es willst. Du willst nicht meine Frau werden, sagst Du. Weisst Du, was Du willst? Lass Dir, lass Deinem Fühlen Ruhe. Du und ich stimmen in beängstigender Weise zueinander. Wir sind einander Lehrer! Ausgewählt für einander; zerbrich das Band.

Andrea, Wiederholungen verschlechtern den gesagten Sinn und ... wofür sinnvolle Worte .. ich möchte bei Dir sein und möchte weit fort von Dir sein, ja, gäb’s das, Du existiertest nicht und mit aller Liebe erfände ich Dich.

Vielleicht zehnmal las ich Deinen Brief. Wie klar bist Du, die junge Frau: Ablehnung, Zuneigung, Angst, Liebe und die rätselhafte (mir!) Zärtlichkeit (so ersehnt!). Ich will Dich nicht quälen: schreib mir bitte, ich antworte und schweige; Du darfst nicht zur Post Dich zwingen müssen.

Zornig. Der an Dir erkrankte G.

Nr. 17
Wien, Mittwoch, 6. Juni 1962

 

Andrea (wie ein 16Jähriger sage ich mir Deinen Namen oft vor. Übrigens klingt er so schön und lässt sich herrlich singen.) Es ist unbescheiden und gegen die getroffene Convention, dass ich Dir schon wieder schreibe. Ich will Dich, das stolze, unbedingte, kluge Mädchen zur Frau: nicht morgen, aber bald. Versuch Dir zu tun, was Dir gut tut; ich werde auf Dich warten; hab allerdings die Schneid mir unverwirrt Nein zu sagen, wenn Du es als richtig empfindest; aber, Liebste, wir hängen notwendig in- und aneinander. Prüfen wir uns. Meine Entscheidung ist klar: Andrea ist meine Frau und ich will mit ihr, – Dir, meine Heissgeliebte –, zart sein, wie ich es kann. Gib mir den Beistand Deines Gefühls.

»Sei doch bei mir«, »komm her«! Alles, alles! Verstehst Du es, dass mich jedes Wort, das kleinste linksgerichtete Schriftzeichen von Dir bewegt?. Andrea, Liebste, quäle mit aller Kraft zart den Dich – liebenden – unheimlichen Gottfried (IMMER)

Nr. 18
Wien, Mittwoch, 6. Juni 1962

 

A. + O.

es ist gar nicht scheusslich, eine Tiefenlotung auszuführen, es ist notwendig. Dass Du und ich in jener Nacht aneinandergeraten und – wahrscheinlich – verbunden werden mussten, ist Schicksal, selbst dann, wenn wir uns nie wiedersehen sollten. Die Dich und mich verbindende Liebe gibt jedem von uns neue Dimensionen. Du bist längst schon nicht mehr »das kleine Mädchen«, Du bist die von Sehnsucht, von Angst und Übermut (nicht Mut!) erfüllte junge Frau. Du darfst mir glauben, dass ich Dich liebe, so wie Du Deinen Ohren trauen darfst, wenn Du absolute Musik, schöne Klänge (doch, Geliebte, wo beginnt es, dass Klänge schön werden?) hörst; ich möchte alle Stunden mit Dir sprechen, Dich anschauen, Deine scheue, mutige Intelligenz herausfordern dürfen und wieder und immer wieder Dich streicheln.

Verbirg Dich Deinen Eltern nicht, verbirg UNS! Es muss sein, ich werde jede Consequenz tragen. Du bist meine Frau, es gibt kein Entrinnen: Dir nicht, mir nicht.

(Liebe Geliebte!) G.

Nr. 19
Wien, Donnerstag, 7. Juni 1962

 

irgendwann 1962.

Andrea, liebe Geliebte,

ich war wie abgestorben bis ich heute Deinen Brief erhielt. Ich liebe Dich, Dich das junge Mädchen und Dich, die Frau, die ich in Dir und durch Dich hindurch sehe. Dein Brief athmet Liebe, Herzensklugheit und die schmerzend herrliche Kraft der Liebe. Dich, Geliebte, als meine Frau zu wissen, was könnte Dir unwahrscheinlicher vorkommen? Du kennst mich nicht, ich kenne aber Dich und Deine Zukunft ist mir hell, als schaute ich mit Röntgenaugen durch Dich hindurch. Onkelehe? Brrr! Nein, lieben; mit aller Gewalt und Hingabe. Ohne das Geschenk seiner selbst an den Nächsten gilt Liebe und gilt das Leben nichts.

Streicheln möchte ich Dich, Dir Ruhe geben; mit Dir sein, schweigend. Schreibe mir, um Himmels Willen.

Ich erhielt Deinen Brief spät.

Liebe, junge Geliebte! Verzweifelt Dein G.

Nr. 20
Wien, Freitag, 8. Juni 1962

 

Andrea,

ich habe mir eben die Platte von Klemperers Aufnahme von Beethovens 8. Symph. angehört. Mit Schrecken und Entsetzen. Eine wundervolle Aufnahme, ein herrliches, mir wohl bekanntes Stück. Ich dachte an Dich, dachte an Beethoven und wusste plötzlich, dass das absolut Schöne* furchtbar ist. Das Schöne in der Musik stellt sich nur dar als Schaffen von Gleichgewicht in hoher, also zyklischer Form. Es ist mir ein fast unheimliches Vergnügen gewesen, die 8te zu hören und, Andrea, wenn Du das Stück hören wirst, welche Gewalt der Phantasie, welches Mass von Gesetz gibt sich Dir freiwillig kund! Mir ist das Anhören von guten, von großen Werken – andere langweilen mich – eine Korrektur meiner Empfindungen, meines Denkens.

Mich mit Dir besprechen, meine liebe mir kaum zugetane ... wie nenne ich Dich ... ist mir wie das Anhören eines Werkes, das ich kenne, dessen Sprenggewalt ich ermessen kann und von dem ich weiss, dass es über mich hinaus reicht, über meine Einsicht. Andrea, Dich liebe ich: hell, dunkel, zweifelnd, auch verzweifelt, ohne Arg, Dir vertrauend, Deinen Gaben (gib sie, wem Du willst) und klar ausgeliefert; aber bewusst: ich weiss wer Du bist, weiss, wer ich bin.

Nochmals Schönheit: zeit meines bewussten Lebens plage ich mich, zu erkennen und darstellen zu können das Schöne. Worin beruht es? Wie ich die 8te hörte, glaubte ich es im Gleichgewicht, das Beethoven aus seinem mörderischen Temperament sich erzwang, zu erkennen zwischen ... hilf mir .. ich habe nachgedacht und es will mir nicht einfallen: ist es Dein Gesicht, das meine, seines, ihres oder das, dem ich fast mit Wut nachjage, das Gesicht des Geliebten Menschen?

Dieser Brief wird Dich sicher nicht erreichen. Seis! Ich denke mit aller meiner Kraft an Dich, diese wird Dich treffen! Der Bereich des Geistigen ist kaum erschöpfbar, ich will sagen: Du bist mir immer erreichbar.

Aber: ich bin schwach: schweige nicht, Andrea, Mädchen, Geliebte, Frau, schweige nicht, schweige nicht. Sicher Dein G.

* schreckensvoll

Nr. 21
Wien, Samstag, 9. Juni 1962

 

A.

ich zermartere mir das Hirn, wie ich Dir etwas begreiflich machen kann, das so unverständlich ist, wie die Liebe. Ich liebe Dich, ich darf keinen Anspruch auf Dein Gefühl erheben, denn Du (und nicht ich) entscheidest über Dich. Ich weiss vom Tod meiner Frau, wie wenig wir dauern und wie nur eines gilt: die Liebe; sie bannt Angst und gibt den Farben, allen, das Licht, das sie leuchten macht; wir sind umgeben von Nacht.

Heute vormittag war ich bei meinem Freund Caspar Neher. Er ist ein sterbender Mann und sein Sterben hat eine Gewalt, die mich fast umwirft; sie ist eingemeisselt und auch von innen heraus in sein herrliches Gesicht getrieben, wie paradox das auch klingen mag. Er sagte mir, wie seine Frau aus dem Zimmer gegangen war: wir müssen das Sterben lernen. Ach, Andrea: dieses und das Lieben sind unsere Aufgaben. Geh zu einem jungen glattgesichtigen Mann, geh hin und lieb ihn, den Nichtigen, liebe aber!

Weshalb bedrücke und bedränge ich Dich: Liebste, ich liebe Dich. Dein G.

 

Caspar Neher: (18971962), Bühnenbildner, engster Freund G.v.E.s, von ihm stammten die Ausstattungen für die Uraufführungen der drei Einem-Opern »Dantons Tod«, »Der Prozess« und (posthum nach ersten Skizzen) »Der Zerrissene«.

 

Andrea (Fr., 15.6.1962): Geliebter Onkel Gottfried! Es ist schon spät und ich liege schon im Bett und bin sehr müde, aber ich möchte doch, daß Du ganz bald weißt, wie gut Deine Karte war; ich habe mich doll gefreut und Vater war beruhigt. Ich war tatsächlich schon etwas traurig, daß Du nicht früher geschrieben hast; hast Du den Brief, den ich Deiner Anweisung zufolge an das Konzerthaus adressiert habe, nicht bekommen? Er war lang – und mit viel Liebe geschrieben!! Zweimal war ich danach auf der Post und es war nichts dort. Am Montag fahre ich an den Bodensee: Sobald ich angekommen bin, werde ich Dir meine dortige Adresse schreiben und schick Du mir bitte einen (langen) Brief dorthin. Wenn wir uns doch irgendwann mal sehen und sprechen könnten! Todmüde, Deine Andrea.

Nr. 22
Wien, Montag, 18. Juni 1962

 

nachts 2 Uhr.

Geliebtes Sinnen-Geheuer,

bilde Dich, lerne, wisse so viel, dass Du nichts mehr weisst: dort beginnt die Einsicht.

Sag mir von Dir, sei nicht so sparsam, so geizig mit Deinen Äusserungen! Weshalb bist Du so schweigsam? Ich will Dir nichts Böses, will Dir Liebes tun.

Willst Du ein geruhsames, sicheres Bürgerleben haben, hast Du gar keine Kühnheit? Wie armselig wäre es! Sag es mir! Wir könnten dann einander die Qual der Anstrengung ersparen. Und trotzdem: ich liebe das junge Mädchen Andrea Liebrecht; weiss es und mute ihr und uns durchschauend, die Spannung der Liebe zu. Du gehörst nicht zur Dutzendware der Pelzchenmädchen, der Farah Dibahtigerchen. Aber kläre Dich endlich! Jedoch 17 Jahre. Ich war damals für mich und niemanden vorhanden: ich war meiner Sehnsucht, nicht aber meiner Zukunft bewusst!

Liebste! Liebe Deinen G.

P.S. Brauchst Du für Porto Geld?

Passen Dir die Kleider meiner Frau? Ich werde Dir noch andere von ihr senden.

Wäre ich doch bei Dir! Ich würde es ertragen Dein: Nein, Nein, Nein, wenn ich Dich sähe, denn Deinen schönen, scheuen Augen würde ich die rechte Antwort ablesen können, vor der Du Dich so fürchtest und sie zu geben, Dich sinnvoll, sinnlos marterst.

Die zwei Tage in Berlin waren anstrengend. Es gelang mir aber, zwei meiner Freunde miteinander wieder ins Gespräch zu bringen; zudem hoffe ich, zusammen mit Blacher, ein weiteres Musikfest verhindert zu haben, in dessen Leitung Senator Tiburtius Blacher und mich berufen hatte. Es gibt bereits die Festwochen, wofür daher diesem ein zweites anfügen.

Hast Du Dir meine Platte des Klavierkonzertes angehört; ich liess sie Deinem Vater schicken.

Schau Dir Kafkas Erzählungen genau an, sie sind grandios!

Und endlich wieder darf ich sein Dein G.

 

Farah Dibahtigerchen: Farah Dibah (geb. 1938), seit 1959 die Frau des Schah Pahlavi des Iran; bezieht sich auf ihre Pelzmäntel und den Jetset. – Senator Tiburtius: Joachim (18891967), seit 1951 Senator für Volksbildung (CDU) in Berlin. – Kafkas Erzählungen: Franz Kafka: Die Erzählungen, S. Fischer Verlag, Frankfurt 1961.

Nr. 23
Wien, Montag, 18. Juni 1962

 

Heiss und stürmisch, innig und ängstlich geliebte Andrea,

welch ein Glück Dein Brief, wie kurz er auch war. Als ich gestern von Berlin zurück kam und kein Zeichen von Dir vorfand, kamen mir fast Tränen. Ich liebe Dich und bin daher wehrlos geworden. Du kannst mit einem Worte heilen und die Schmerzen lindern, Du kannst mich gegen Angst versichern, Du kannst mich arbeiten machen. Ich weiss, dass Du jung bist, ich weiss, dass ich auf Dich warten muss, doch, Geliebte, sag ein Wort, sag ganz leise, dass Du mich liebst.

Deinen schönen langen Brief habe ich erst erhalten, als es bereits zu spät war, den von Dir gesetzten Termin einzuhalten für das Antworten, trotzdem schrieb ich Dir unter EINEM drei Briefe, fürchtete aber bereits, dass Du nicht mehr auf die Post gehen würdest. Tu es bitte gleich nach Deiner Rückkehr. Gib mir bitte eine Adresse, an die ich Dir schreiben kann, ich halte es nicht aus, von Dir abgeschnitten zu sein.

Wenn Du mir sagen könntest, wann und wo wir uns sehen und sprechen könnten, bestiege ich das nächste Flugzeug. Streng Deinen geliebten Kopf an!

Meine Pläne haben sich geändert. Ich werde mit Tier voraussichtlich für 8 Tage nach Rothenburg fahren und ab 10. Juli in Berlin (-Zehlendorf, Kaunstr. 6, bei Blacher) sein und dort bis Ende August bleiben. Jederzeit käme ich zu Dir, wenn Du mich rufst und mir sagst, wie ein Treffen möglich ist. Dass wir einige Zeit Deine Eltern täuschen müssen, ist hart aber notwendig. Mir fällt es schwer, Versprechen zu brechen, so das, Deinem Vater gegebene, Dir nicht mehr zu schreiben. Die Liebe erlaubt aber Solches nicht. Andrea, ich liebe Dich mit ganzen, schweren Herzen.

Haben Deine Eltern mit Mummam über uns gesprochen?

Tausendmal könnte ich täglich das Wort Liebe und Deinen Namen schreiben und mir vorsagen: geliebte Andrea.

Hab’ Mut zu Dir und der Liebe! Dein G.

Nochmal habe ich Deinen lieben, schüchternen, kleinen Brief gelesen. Wie klar spricht Dein Gefühl; selbst mit dem albernen Wort »doll«. Ich bin viel älter als Du, habe mehr als Du erlebt, doch nichts berechtigte mich, Dir etwas vorzuschreiben. Du lebst und versuchst (ich hoffe es) Dein Leben so klar zu gestalten, dass Du es gefühlsmässig und mental ertragen kannst. Das ist sehr schwer.

Mute ich Dir, mein junges Liebes, zu viel zu? Hab bitte Zutrauen! Ich will Dir Gutes. Dummes Zeug: ich möchte Dich streicheln, den Mund halten, Dich halten und im Moment so dumm sein dürfen, wie es Menschen sind, aber Dich zärtlich, zärtlich liebend, Dich, mich im gegenseitigen Anschauen erkennend und .. Liebstes .. Angst werden wir voreinander haben .....

Wenn ich Deine schlagseitig schiefe Schrift anschaue, fühle ich Deine liebessehnsüchtige Schüchternheit und diese zarte, zielsichere Sinnlichkeit, die ich brennend erkenne.

Wovon reden wir? Ich gehöre vor das Jugendgericht, das die, die eine wahrhaft Geliebte verurteilt im G.

 

Deinen schönen langen Brief habe ich erst erhalten, als es bereits zu spät war: Auch in Wien klappt das Versteckspiel nicht; der Brief war vereinbarungsgemäß an das Konzerthaus adressiert; er wurde dort jedoch an die Hausanschrift umadressiert und war somit wesentlich länger als üblich unterwegs. – Mummam: So wird A.s Großmutter genannt (die übliche Schreibweise der Familienmitglieder ist »Mumam«); sie lebt seit dem Tod von Lianne in Wien, um für den Enkel Caspar da zu sein und G.v.E. den Haushalt zu führen. – Jugendgericht: A. ist 17 Jahre alt; Volljährigkeit erlangte man damals mit 21 Jahren.

Nr. 24
Wien, Dienstag, 19. Juni 1962

 

(02 Uhr, Du Untier)

Andrea,

ich werde nicht den Mut haben, zu sagen, dass wir mit einander nichts mehr zu reden haben. Ich werde um Dich kämpfen, Du, Liebe, Freundliche, so lang ich kann. Ich habe den Mut, mit Dir zu sein und mit Dir sein zu dürfen.

Hol Dich, Liebe, der Teufel: aus ist es! G.

Nr. 25
Wien, Mittwoch, 20. Juni 1962

 

Liebste Geliebte,

das Schöne ist etwas, das uns, wenn wir es zu erfassen vermögen, fast verbrennt. Ich hörte mir eben Beethovens I. und VIII. Symphonie an und wurde inne der unheimlichen geistigen Kraft dieses Mannes und seiner Werke. Wenn ich doch es vermöchte, Dir in Deine junge Schönheit in Deinen Ernst etwas von dem einzugeben, das ich für mich das »Absolute« nenne. Das Schöne ist kaum zu ertragen, das Gleichgewicht der Formen, die Balance der Linien, die ausgehörten Klänge.

Aber was rede ich, ich liebe Dich, die junge Frau. Ich kann Dir vieles sagen, muss aber von Dir wieder alles erfahren, lernen, Scheues, Liebes, schweige nicht, bitte!

Geliebte, sag ein Wort, seis ein hartes, ungekonntes, eines, das mir das Gefühl erhellt, auch wenn ich nie wieder Dir schreiben sollte.

Kein Onkel, wohl aber Dein G.

Nr. 26
Wien, Mittwoch, 20. Juni 1962

 

Du fluchwürdiges Geheuer,

Dir ist wohl noch nicht in den Sinn gekommen, dass die Zustellung von Post Zeit dauert. Heute ist Dienstag, Du bist Sonntag wieder in Montabaur. Wie soll Dich ein Brief von mir also erreichen?! Wofür hast Du ein Gehirn?! Der Teufel hol Dich! Weshalb lass ich mich mit jungen Mädchen ein, denen es an Herz und Verstand mangelt? Ich bin nicht für Ferienlieben!

Um bei Verstand zu bleiben: ich werde nach Niendorf kommen, wirst Du dort sein? Wie ich gerade von Mummam höre, wird Caspar auch dorthin gehen. Schreib mir soffffort, wann Du dort sein wirst. Es wird die Hölle sein, dort mit Dir und den Deinen zusammen zu sein; aber besser die Hölle als das eisige Nichts. Capierst Du denn nicht, dass ich Dich liebe! Dummes Unviech!!! G.

 

A. ist vom 18. bis 23. Juni 1662 auf Klassenfahrt am Bodensee. – heute ist Dienstag: Hier irrt der Briefschreiber; der 20.6.1962 ist bereits ein Mittwoch. – nach Niendorf kommen: Es war geplant, dass A. einen Teil der Ferien mit Eltern, Geschwistern und Caspar in Niendorf an der Ostsee verbringt.

Nr. 27
Wien, Donnerstag, 21. Juni 1962

 

Mein Geliebtes Mädchen,

wenn ich es doch nur vermöchte, Dir mein Gefühl für Dich auszudrücken, Dir in bescheidenen und Dir glaubhaften Worten zu sagen, dass ich Dich liebe und dass ich nicht mit sinnigen Worten spiele, wenn ich Dir von Liebe schreibe. Ich liebe Dich und es ist mir schwer, es zu tragen. Ich sehe Dich niederschauen, ahne, dass Du nichts Klares von der Liebe wissen willst, weiss aber, dass Du für die Liebe eine kaum glaubliche Begabung hast. Andrea, Liebe, sei still, sei heftig mit Dir, sei aber nicht still für Deinen G.

Etwas Mut Deinerseits wäre nicht schlecht, Du!

Nr. 28
Wien, Donnerstag, 21. Juni 1962

 

Meine Geliebte, die mich nicht liebt, die nicht zu lieben wagt,

Was tun? Was hätten wir einander an Süsse zu geben!!!

Wieder bin ich beim Anhören eines Musikstücks beim Meditieren über das Schöne, will wieder versuchen, zu ergründen, was es ist, wie es zustande kommt, wie ich es schaffen kann. Ich kenne manches Geheimnis in der musikalischen Kunst, weiss die Süsse, die Zartheit, weiss die Gewalt in die Töne hineinzulegen, doch, Liebste, wo ist das Mass, mit dem ich mich mitteile, um das, was ich mitteilen will, nicht zu verwirren? Alle Gewalttätigkeit, alle Zärtlichkeit, alles hilft nicht zum Kunstwerk, wenn nicht das Geheimnis für das Gleichgewicht, sagen wir für den goldenen Schnitt, nicht unbewusst in die Arbeit induziert ist, sie bestimmt hat.

Meine Liebste, ferne, blassäugige Geliebte, ich sehne mich nach Dir: am Tag und in der Nacht. Weisst Du eigentlich, was Sehnsucht ist? Mit Gewalt risse ich Dich jetzt in meine Arme, Dich, die Kühle. Deine Augen sind mein Unheil.

Was tun? Keiner kann mehr geben als er ist. Dies gibt sich Dein G.

(Lass endlich den »Onkel« fort!)

Nr. 29
Wien, Freitag, 22. Juni 1962

 

Andrea,

Deine Karte vom 18ten traf heute, am 22ten, ein. Du siehst, dass atomare Fortschritte zivilisatorisch sich nicht beschleunigend auf die Postzustellung auswirken.

Ich sandte Dir ein Telegramm, dass Post in Montabaur erliegt. Die Quälerei ist grenzenlos. Wofür das alles? Aber was ist zu ändern: ich bin Dir ausgeliefert. Leider! G.

P.S. Gestern war ich in Milsteins Beethoven Abend. Er spielte als Zugabe Bach d-moll Chaconne. Es war umwerfend schön. Du solltest ihn einmal kennenlernen. Ein herrlicher Geiger und ein Mensch von herzvollem, intelligentem Format; dazu höchst amüsant in der Rede. Seit 5 Jahren soll ich ihm ein Konzert schreiben, war dazu aber nicht fähig.

Wie bringt es eine Frau, auch eine junge, ja ein Mädchen fertig, einen anderen Menschen durch Unachtsamkeit, Lässigkeit und Ungefühl zu verletzen!? Ist der Grund die menschliche Grausamkeit, die Uneinsichtigkeit, ist es in Deinem-Meinem Fall Deine Jugend? Ich weiss, wer Du bist, wer Du sein wirst; Du hast offenbar keine Ahnung, wer ich bin; jedenfalls bin ich kein röhrender Hirsch. Ist denn dieser tierische Kampf nötig? Dir wohl.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht! G.

P.S. Ich hörte heute abend Milstein Beethoven spielen und dann die d-moll Chaconne von Bach. Wir haben nachher zusammen gegessen. Welch ein Musiker; die erstklassige Geigerei muss sich von selbst verstehen! Ich bin fast sauber innerlich, nach diesem Konzert.

P.S. Wann kannst Du frühestens in Wien sein? Ich habe vor, mit Caspar am 2.VII. nach Venedig zu fahren und werde dort bis 10.7. im Hotel Londra wohnen. Danach will ich nach Jugoslawien zusammen mit Blachers und werde Ende August nach Berlin reisen. Ende Sept. beginnt meine Professur hier an der Akademie. Ich fürchte mich vor dem Unterrichten.

Wann immer aber Du es willst, komm ich zu Dir!!!! Von wo immer.

P.S. Es ist eine unsinnige Qual, von Dir abgesperrt zu sein! Wofür? Deshalb, weil Du erst 17 Jahre alt bist? Du bist eine wissende Frau aus dem Gefühl und besitzt einen klaren Verstand ähnlich dem, den meine Frau besass.

Ach, was gäbe ich drum, mit Dir sein zu dürfen, um zu versuchen, Deine lieben angstkalten Hände zu halten und zu wärmen.

Liebste, was geschieht uns?

P.S. Ich werde Dir nach Erhalt des nächsten Briefes meine Adressen mitteilen und Dir eine Karte inzwischen schreiben. Gib mir jeweils die Postämter der Orte an, an denen Du weilst. Glaubst Du, mir täte es nicht weh, das Vertrauen Deiner Eltern zu täuschen? Ich bin aber im Stand der Liebe, rettungslos. Ich weiss, dass auch Du gebranntmarkt bist, Liebe, Liebe, Geliebte.

 

Nathan Milstein: (19031992) US-amerikanischer Geiger ukrainischer Herkunft. – Professur hier an der Akademie: De facto war G.v.E. erst von 1963 bis 1972 Professor für Komposition an der Akademie für Musik in Wien.

Nr. 30
Wien, Montag, 25. Juni 1962

 

Mein geliebtes Liebes,

was ist denn das: Lieben? Es ist, so glaube ich, sein Gegenüber, den Menschen finden, der es »wagt«, sich in mir anzuschauen. Dazu gehört Kühnheit. Und das »mir«, also ich, ist so anzweifelbar wie Du, wie jeder. Du bist zu jung, um Mut zu haben; Liebste.

Eines aber weiss ich hoffnungslos sicher, dass ich Dich, Andrea Liebrecht, liebe. Sag Nein; immer aber ist Dir drohend Dein G.

Was gäbe ich drum, von Dir eine Zeile zu haben! Du und ich sind auf geheimnisvolle Weise aneinandergeschweisst. Weshalb? Denke nicht!! Fühle!!!

Ich sehe Dich am Weg zum Teich am Hahnerhof, sehe Deinen fürchtenden Blick, wusste Deine Angst; auch die meine. Nochmals: wir sind für einander bestimmt. Leugne es! Alles rächt sich, das nicht stimmt.

Voll und ganz Dein G.

P.S. Ich schreibe Dir als ob ich wüsste, dass Du die Liebe kennst. Sie ist furchtbar herrlich – ich habe sie erlebt – aber die Angst vor ihr ist auch schön. Dich, meine mir nicht entrinnbare Geliebte, wird es noch fassen, unheilsam.

Hören wir uns miteinander Musik an – mit Humor – und sprechen wir dann gegeneinander! Ein Satz ist so gut wie tausende: Ich liebe Dich.

Du sollst Dich zu nichts opfern, Dich aber, wie ich, aufgeben: lieben Deinen G.

Geliebtes, gescheidtes Mädchen, ich rede mit Dir so gerne und zwar ganz untragisch, nicht als Verliebter; .... ich liebe Dich. Geh von mir, sei mit mir, ich liebe Dich und sag Dir gleichzeitig, hol Dich der Teufel, oder der Herr Schmitz, den liebentlich zu umgehen Du nicht kannst. Denn der Herr Schmitz hat alle Reize, die Du Dir wünschst. Er sei gesegnet! (Mit meinem Fluch!) G.

 

Andrea (Di., 26.6.1962): Gestern hab ich endlich die viele Post erhalten. || Ich brauchte erst mal 24 Stunden, um alles zu verdauen, was Du schreibst. »Wir stimmen in beängstigender Weise überein.« || Reicht das? || Sag mir: wie stellst Du Dir das Zusammenleben mit einem jungen Mädchen vor, das von Musik kaum eine Ahnung hat, noch recht ungebildet ist und keinerlei hausfrauliche Erfahrungen hat. || In unserem Fall gehört meiner Meinung nach mehr als Mut dazu. Was wäre es wert, wenn ich allen Widerständen zum Trotz jetzt auf Dich zufliegen würde und wir nach recht kurzer Zeit merkten, daß wir eine Riesen-Dummheit begangen haben. Du schreibst ja selbst, daß Du warten willst. Und diese Wartezeit muß ich sehr nützen, um möglichst viel an mir zu arbeiten, um zu versuchen, erst mal etwas aus mir zu machen. Bisher bin ich noch nichts, – ein Backfisch (Morgen werde ich 17 ½ Jahre alt). || Ich merke, wie Du mir etwas begreiflich machen willst mit aller Deiner Kraft und ich nur manchmal etwas davon verspüre und verstehe. Du brauchst viel Geduld mit mir und wirst sie immer brauchen, weißt Du das? || Du hältst mich für geizig in meinen Äußerungen. Es ist kein Geiz, es ist Unsicherheit. || Ich bin es leid, mich mit meinen Eltern über uns zu bereden. Ich versuche jeden Ansatz ihrerseits dazu zu unterdrücken. || Ich verstehe Vater genau in seinen Ansichten und wohl auch Angst um mich, aber trotzdem muß er einsehen, daß ich mal erwachsen werde. || Gestern kamen drei Bücher von Dir an, Dostojewski und Tschechow. Wenn ich doch den ganzen Tag lesen könnte, ich versuche jede freie Minute auszunützen! || Ich glaube, auf die Dauer geht es mit dem Briefschreiben nicht; ich vergesse fast, wie Du in Wirklichkeit bist und sehe Dich nur noch in Deinen Zeilen, Deiner Schrift. Ich müßte Dich sehen, Angst vor Dir haben, vielleicht auch Zittern und dann mich fragen. || Ach, es scheint mir plötzlich alles wieder so völlig unglaubhaft und fast blödsinnig: Überleg doch mal, wovon wir reden! Ende! Ich lieb Dich – Andrea. P.S. Belächelst Du manchmal meine Briefe? Sei ehrlich! Ich finde sie nachträglich kindisch!

 

Dostojewski: Schuld und Sühne, Manesse Verlag, Zürich 1951 (2 Bände). – Tschechow: Das Duell und andere Novellen, Manesse Verlag, Zürich 1962.

 

 

Nr. 31
Wien, Donnerstag, 28. Juni 1962

Durch Eilboten

 

Andrea,

ich weiß nicht, welcher stillen Art der Bescheidenheit ich mich befleissigen müsste, um Dir für Deinen herrlichen Brief zu danken. Wie Blitzstrahlen ging es über mich. Um Himmels willen, Du liebst mich; Du, Geliebte, Junge, Zartäugige, Du, die absolut durchfühlt, wo Recht, Unrecht oder Liebe ist. Ich sehe durch Dich hindurch mit Röntgenaugen und sehe die Frau, die Du sein wirst. Du kennst Deine Gaben zu wenig. Wie sollte es auch möglich sein! Zudem bist Du fahrlässig: Du hast mir nicht mitgeteilt, wohin ich Dir schreiben kann und wann Du sozusagen »allein« in Niendorf zu sehen wärest. Andrea, ich will keine »Katzerln«, keine hübsch aufgetrimmten Püppchen; ich will eine Frau und Du wirst sie sein, auch für Dich!

Ich belächle nichts, das von Dir kommt, ich nehme Dich ernst, weil ich Deine schöne, klare, humane Haltung sehe. Du wirst sein, wer Du bist, eine mensch- sinnlich begabte Frau. Und: lebten wir zusammen, es wäre bestimmt – ich verspreche es – nie langweilig.

In Liebesangelegenheiten schalte ich Sinne und Verstand zusammen und die körperliche Erlösung klärt den Verstand und ermöglicht die aufgetragenen Arbeiten.

Ich liebe Dich ohne Mass und stellte mir durchaus vor, dass Du von Musik keine Ahnung hast. Die »Ahnung« wirst Du schon erfahren. Du musst fort von Montabaur, fort mit Dir von der Familie. Ich werde Dich nicht verraten. Zum »Verliebtsein« bin ich zu alt. Bilden wirst Du Dich müssen; heftig und mit Liebe. Ich hasse geistige Faulheit. Bitte, Andrea, »trainiere« nicht; das Leben selbst wird Dir Lehren erteilen, in dieses trittst Du, Liebstes junges Unkalb, gerade erst ein; lerne, lies mit Liebe, in Stille, ohne Angst und Bildungsabsicht.

Ja, Du bist feige. Du hast die Pflicht, Dich gegen jeden, auch gegen Deine Eltern durchzusetzen; Du wirst mit allen Qualen Dein Leben leben müssen.

Ja, Du bist verwöhnt. Du bist zu reizvoll, Dir tut jedweder leider das zu Gefallen, das Dir nicht zusteht. Du bist jung und glaubst, es sei ein Verdienst, es zu sein. Du hast schöne Augen und denkst, man merkte nicht die Unsicherheit und die Hoffnung auf Widerspruch dahinter. Ich bemerke sie, ich weiss, wer Du sein könntest. Schäm Dich Deiner Begabtheit!

Du weisst aus Bequemlichkeit nicht, was Du denkst. Stirb weiter im Sofa! Als Schulrätin in Koblenz wärst Du sicher reizvoll arriviert!

Im Übrigen teile mir Deine Adressen mit und wann wir uns in Niendorf ohne Deinen Vater sehen können. (Er ist eifersüchtig.) Ich bin in Berlin vom I.VII.–I.VIII. (Kaunstr. 6, Zehlendorf). Du leichtsinniges Geheuer liest Briefe nur nach dem Gefühl, also gar nicht! – dann 8 Tage etwa in Eutin, Vosshaus (wovon Ilias abzuschreiben auffällt) und könnte dann zu Dir kommen, wobei zu bedenken ist, wie wir einige Stunden für uns aus dem Beisammensein in Familie heraustrennen können. Es ist absolut notwendig. Sei nicht so geistesarm und beginne mit fraulicher List zu bedenken, wie wir einander sehen können; ich will Dir wahrlich nichts Böses.

Dein Brief war ebenso gross (in seinem Gefühl) wie das Sterben meines Freundes Caspar Neher. Ich besuchte ihn heute morgen. Er war bewusstlos, erwachte als ich seine Hand berührte und sagte ein Wort: »Lieber«; mit einem Blick, der mir wie Dein »Ich liebe Dich« in die Seele fuhr, schmerzend, mit ungeheurer, fast aussermenschlicher Gewalt. Ach Andrea, diese beiden Erlebnisse – ich las Deinen Brief im Taxi als ich zu ihm fuhr – haben mich in einer Weise verwirrt und versichert, dass mehr als je Dich liebt Dein G.

 

Eutin, Vosshaus: Johann Heinrich Voß lebte von 1784 bis 1802 in Eutin; er übersetzte u.a. Homers »Odyssee« und »Ilias«.

Nr. 32
Wien, Donnerstag, 28. Juni 1962

 

Geliebte,

gerade habe ich den vierseitigen Brief beendet und habe das Gefühl, dass ich nicht ein Zehntel davon Dir vermittelt habe, wie ich Dich mag, Deine behutsam-leidenschaftliche Art, der die Wildheit anzumerken ist. Du bist kein Modekopf – Gott strafe Dich, wenn Du Dir Deine schönen Haare abschneiden lässt! – Du bist eine junge Frau, die mit ihren 17 ½ Jahren bereits ein Gefühl für Geschmack und das hat, was wir dem Leben und nicht es uns zu bieten hat; die Leistungen haben von uns zu kommen. Hab, Liebstes, keine Angst, dass ich Dich »erziehen« will; wir erziehen einander durch die Gewalt des kurzen Lebens.

Dein Brief hat mich wie ein Donnerkeil getroffen. Mich sehen? Was ist an einem Mann von 44 Jahren zu sehen als dass Du 17 ½ bist? Und? Ich schäme mich meines Alters nicht und nicht der Tatsache, dass ich ein junges Mädchen liebe. Ich bedauere aber, dass dieses – herz- und verstandbegabt, wie es zu sein scheint – nicht weiss und sich nicht bemüht mit seinem verfluchten Schülerinverstand eine Möglichkeit zu schaffen, wie wir uns verständigen können. Meine Schriftzeichen? Sie sind Dir doch wohl lesbar; in jeder Hinsicht.

Die Platte des Klavierkonzerts und von Blachers »Conzertanter Musik« sende ich nächster Tage. Sprich mit den Deinen bitte über mich nicht. Sinnlos!

Mit Dir wäre es möglich, zu leben: ich weiss es!

Nach vielen Besprechungen müde aber brennend Dein G.

Nr. 33
Wien, Freitag, 29. Juni 1962

Durch Eilboten

 

Geliebte,

es ist ein Uhr nachts. Ich bin wie zernichtet von dem Sterben Caspar Nehers. Wofür diese unheuere Qual? Was kann ein Mensch tun, dass er mit derartigem Ende bestraft wird? Er war bereits völlig ohne Bewusstsein und das fiebrige, schmerzbedingte Röcheln so schauerlich, weil das Leben, das in ihm steckte nur durch stärkste Spritzen hervorgerufen worden war und nur mehr Stunden andauern kann. Ich habe Angst vor dem Tod, wenn er mit Schmerzen eintritt; Caspar Neher hatte ungeheuerliche Schmerzen. Du, Liebes, denk nächstens einmal über Deinen eigenen Tod nach. Hast Du eigentlich Tolstois Erzählung gelesen?

Tod und Liebe, Liebe und Tod; beides übersteigt meine Einsicht und beides muss ich erleiden. Weshalb?

Nein, es ist nicht dumm, dass wir »beängstigend übereinstimmen«, es ist uns aufgetragen, unser Schicksal. Ich stelle mir vor, dass das Mädchen Andrea als meine Frau von jedem geachtet und anerkannt werden wird, ob sie von Musik etwas weiss ist gleichgültig, sie ist eine Persönlichkeit. Ich stelle mir unser Zusammenleben sehr deutlich vor. Dass ich auf Dich warten muss? Du solltest die Schule beenden, solltest tun, was Du nennst: an Dir arbeiten. Es ist bitter nötig, allerdings nicht nur für Dich, sondern auch für mich; in gleichem Masse. Du bist den Jahren nach ein »Backfisch«, nicht aber geistig. Ich werde mit Dir, Liebstes, Geduld haben, bitte Dich aber, sie auch mir zu gönnen, denn ich habe leider ein heftiges Temperament.

Verwöhnen? Ich kann ja und nein sagen; eines aber ist, dass ich Dich, Andrea, mit ganzem Herzen liebe, trotz der »Riesen-Dummheit« Deines G.

P.S. Schreib mir viel, schreib Dich ....

Neher ist vor einer Stunde gestorben!

Die Verbindung zwischen uns darf nicht abreissen. Schreib mir Deine Niendorfer Adresse und wann ich kommen kann. Die erste Woche August bin ich in Eutin im Hotel Vosshaus, danach könnte ich kommen. Darauf fahre ich wieder nach Berlin. Sollte etwas Besonderes geschehen, so rufe mich sofort per R-Gespräch in Berlin (West) 84 04 42 an. Jetzt fahre ich zu Erika Neher hinaus.

Geliebtes, sei vorerst einmal hart mit Dir!!! Dein G.

 

zernichtet: G.v.E. hat seiner Partitur zu »Dantons Tod« das Büchner-Zitat vorangestellt: »Ich studierte die Geschichte der Revolution. Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem gräßlichen Fatalismus der Geschichte« (vgl. Csampai/Holland, Opernführer, Hamburg 1994). – Tolstois Erzählung: Der Tod des Iwan Iljitsch, Insel-Verlag, Wiesbaden 1956. – Erika Neher: Ehefrau von Caspar Neher.

Nr. 34
Wien, Samstag, 30. Juni 1962

Durch Eilboten

 

Andrea,

es stimmt: Du bist feig, Du stellst Dich nicht dem, das Du von Dir verlangen solltest. Du bist ein reichbegabtes Mädchen und tust so, als ob Montabaur Dir fürs Leben genügen könnte. Du irrst Dich in Dir und wirst ausbrechen müssen, um DU zu werden. Du musst Deine Kenntnisse erweitern, vertiefen aber musst Du das, das Du reich besitzest: das Gefühl; das Gefühl für Dich und andere, musst versuchen, die Stimmungswerte zu erkennen und zu unterscheiden. Ich möchte, ich könnte Dich beuteln wegen Deiner »Unsicherheit«. Du hast nicht unsicher zu sein, Deine verfluchten Gaben verbieten es. Verflucht sind Deine Gaben, weil Du sie fürchtest und nicht anwendest. (Mir geht’s ähnlich.)

Heute vormittag war ich bei Caspar Neher. Es herrschte sein wunderbares, zermartertes Gesicht und ein teuflischer Geruch von Blut, Kot und Eiter. Wie gross ist dieser Mensch bescheiden, schweigend gestorben. Ob es Dir oder mir gelingt diese Höhe im Leben, nah am Tod zu erringen? Der Tod ist unsere Aufgabe; ihn zu leisten gelingt den wenigsten; ich meine ihn im Leben zu bewältigen.

Ich will Dich nicht schrecken, will aber Dich mit unsanfter Gewalt ermahnen die zu werden, die Du unwiderruflich sein musst. Dein Mädchen Jahrhundert ist abgelaufen. Reiss Dich zusammen und werde eins mit Dir, Deinem schönen Schein und Deinem mittelfertigen Sein!

Wohl aber liebt trotz allem Dein Körniges, Schweifiges

Dein Gottfried, den Du Dich trauen darfst, endlich beim Namen zu nennen.

Wann immer von mir eine Buch- oder Plattensendung eintrifft, geh zur Post und behebe meine Briefe.

Du bist schwachsinnig genug, um nicht auf die Idee zu kommen, dass unsere Verbindung bedroht und daher gefährdet ist, völlig unterbrochen zu werden. Bist leider halt doch nur 9 Jahre alt. Tust Dich nicht manchmal schämen?

 

Wann immer von mir eine Buch- oder Plattensendung eintrifft: Zwei Tage zuvor hat G. das Buch Herman Bang, Das weiße Haus, Manesse Verlag, Zürich 1958, »Mit schönsten Grüßen an Dich und Deine Eltern« direkt an die Hausadresse geschickt.

Nr. 35
Wien, Samstag, 30. Juni 1962

 

Nehers Todestag.

Mein geliebtes, warmherzig-überlegendes Mädchen,

mir kommen die Gedanken durcheinander, wenn ich ...

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