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Du springst, ich falle

Über Maryam Madjidi

Maryam Madjidi wurde 1980 in Teheran geboren, verließ mit sechs Jahren den Iran, um mit ihren Eltern in Frankreich zu leben. Heute unterrichtet sie in Paris Flüchtlinge in Französisch und schreibt. Du springst, ich falle ist ihr erster Roman, für den sie u. a. den Prix Goncourt du premier roman 2017 erhielt und mit dem sie ihr Publikum im Sturm eroberte.

Julia Schoch, Jahrgang 1974, studierte Literatur und lebt als Schriftstellerin und Übersetzerin in Potsdam. Sie übersetzte u. a. Fred Vargas und Georges Hyvernaud und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Preis der Jury beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2005 und den André-Gide-Preis 2010. Zuletzt erschien ihr Roman Schöne Seelen und Komplizen.

Informationen zum Buch

»Maryam Madjidi verwandelt die Tragik des Lebens in glasklare Poesie.« Julia Schoch

Die Heldin ist sie selbst, die Geschichte ihre eigene und die Suche nach den Wurzeln endlos: Im Iran der Revolution wächst Maryam Madjidi auf, als sechsjähriges Mädchen flieht sie mit ihren regimekritischen Eltern nach Paris, und als junge Frau treibt sie die Sehnsucht zurück nach Teheran. Dort verliebt sie sich zum ersten Mal und begreift zugleich, dass sie weder im Iran noch in Frankreich zu Hause ist. Ein fesselndes Debüt über die Sehnsucht nach Heimat und den unstillbaren Hunger auf Leben.

Prix Goncourt du premier roman 2017.

»Die reizvolle Mischung aus Phantasie und realistischen Szenen voller präziser Beobachtungen, Stimmen und Gesten bringt das pralle Leben zum Vorschein.« Le Figaro

»Ein großartiges Debüt.« L‘Express

Maryam Madjidi

Du springst, ich falle

Roman

Aus dem Französischen von Julia Schoch

Für Abbâs

Erste Geburt

Die Heimat ist nur ein Lager in der Wüste.

Tibetanisches Sprichwort

Das Leben ist kein Scherz.

So nimm es ernst, ernst in dem Maße,

dass – vor der Wand, wo man erschießt, zum Beispiel,

in Ketten Hand und Fuß,

oder am Tisch, der zu Versuchen dient,

in weißem Kittel und mit großer Brille 

du sterben würdest, damit Menschen leben,

die du nicht kennst, die du nicht einmal sahst,

du sterben würdest ohne Zweifel: nichts ist herrlicher

und echter als das Leben.

Nâzim Hikmet

Der Stein

Ein Mann sitzt allein in einer Zelle.

In der einen Hand hält er einen Stein, in der anderen eine Nähnadel.

Mit der Spitze der Nadel bearbeitet er den Stein.

Er ritzt einen Namen hinein.

Jeden Tag schnitzt und kratzt er an dem Namen im Stein. Das hilft ihm, im Gefängnis nicht verrückt zu werden.

Der Name lautet Maryam. Sie wurde vor Kurzem geboren, und da er nicht bei ihr sein kann, fertigt er ein Geschenk für sie, das er ihr eines Tages zu überreichen hofft.

Den Stein hat er im Hof des Gefängnisses gefunden, die kleine Nähnadel konnte er heimlich stehlen.

Auf diese Weise sagt er ihr, dass er an sie denkt, an sie, das Baby, das erst wenige Tage alt ist und das ganze Leben noch vor sich hat.

Es war einmal der Bauch der Mutter

Ein Mädchen wächst im Bauch einer Frau heran.

»Du gehst auf keinen Fall zu der Demonstration, du bist eine Frau, das ist gefährlich.«

Soeben hat der ältere Bruder ihr eine heftige Ohrfeige verpasst. Sie sagt nichts, starrt ihn nur an, mit dem finsteren Blick einer wild entschlossenen Frau, bevor sie loszieht, um auf der Straße stolz die Faust zu recken und ihre Stimme mit der Stimme der wütenden Menge zu vereinigen. Sie wird noch etliche Ohrfeigen einstecken, Beleidigungen auch, aber mit zwanzig kann sie nichts aufhalten, nicht die Ohrfeigen des Bruders, nicht ihre Schwangerschaft, nicht einmal die Angst davor, getötet zu werden.

1980 – Universität von Teheran

In der Ferne Rauchschwaden, Schüsse, Geschrei.

Ich habe Angst, ich spüre die Gefahr und krümme mich noch stärker im Bauch zusammen, doch von einer unbändigen Kraft getrieben läuft dieser Bauch dem Tod entgegen.

Die junge Mutter rennt durch die Gänge einer Universität. Fast stürzt sie: Beinahe wäre sie in einer Blutlache ausgerutscht, deren Spur zu einem Unterrichtsraum führt, aus dem markerschütternde Schreie dringen.

Sie geht näher heran und späht durch den Türspalt. Auf einem Tisch liegt eine junge Frau, ein Mann versucht sie zu vergewaltigen. Neben ihr, am Boden, ein junger Mann, dem man mit einem Knüppel den Schädel zertrümmert. Sie presst sich die Hand auf den Mund, um nicht vor Entsetzen loszuschreien.

Sie ist in Panik, die Beine wollen ihr versagen.

Überall fliegt Papier herum, Mitschriften, Einschreibelisten, Unterrichtsmaterial. Bücherseiten werden zerfetzt, ganze Regale umgekippt. Hände durchwühlen Schubladen, Münder schreien. Man trampelt auf den Kopftüchern der Frauen herum, Hände ziehen sie an den Haaren. Die Frauen werden über den Boden geschleift, sie wehren sich mit aller Kraft, und die Männer, die sie herumzerren, bezeichnen sie als dreckige Schlampen. Diese Männer haben blutunterlaufene Augen und schwenken mit Nägeln gespickte Knüppel. Sie schreien »Allahu Akbar«.

Das Geräusch eines Schädels, der zertrümmert wird.

Sie rennt noch immer, kann aber den Ausgang nicht finden.

Vor ihren Augen gehen junge Männer und Frauen zu Boden. Sie hört Schreie, es gellt in ihren Ohren. Sie möchte verschwinden – sich in eine winzige Ameise verwandeln – und sich mit ihrem Baby in einer Ecke verkriechen.

Ihr Baby. Urplötzlich wird ihr bewusst, dass sie schwanger ist.

Meine Mutter trägt mein Leben in sich, doch der Tod tanzt feixend um sie herum, den Rücken gebeugt. Seine langen Knochenarme wollen ihr das Kind entreißen, sein zahnloser Mund nähert sich der jungen schwangeren Frau, um sie zu verschlingen.

Zwei Männer haben sie entdeckt. An ihren ausgestreckten Armen pendeln nägelgespickte Knüppel. Die beiden kommen auf sie zu. Ein Fenster steht offen.

Im siebten Monat schwanger, soll sie aus dem zweiten Stock springen, sie zögert, dreht sich um und starrt auf die Knüppel; sie spürt schon, wie ihr die Nägel ins Fleisch dringen.

Sie springt.

Sie springt und ich falle.

Du hängst in der Luft und ich bin es, die fällt.

Ich falle, und dein Bauch wird hohl, ich kauere mich zusammen, bis ich verschwunden bin.

Ich falle, und du lässt mich zurück in diesem Bauch, der über dem Abgrund hängt.

Du schleuderst mich aus dir heraus. Ich, zum ersten Mal verlassen. Zum ersten Mal fügt mir die Liebe eine Wunde zu.

Engel ohne Flügel, meine unzurechnungsfähige Irre, meine sanfte Mörderin. In jenem Moment hast du ein Loch in mir gegraben, in dem sämtliche Ängste meines zukünftigen Lebens Wurzeln schlagen werden.

Du fällst, und für eine Sekunde sterbe ich in deinem Bauch, der zum Grab geworden ist.

Unfähig sich zu bewegen, mit heftigen Schmerzen im Bein, liegt die Mutter am Boden. Das Gesicht zum Himmel gewandt, starrt sie mit weit aufgerissenen Augen die weißen Wolken an. In einer Wolke erkennt sie die Form eines Pferdekopfes. Ihr Blick trübt sich, ihr Kopf ist so schwer. Kurz bevor sie in tiefen Schlaf sinkt, legt sie ihre Hände auf den Bauch.

Das Baby regt sich.

Es war einmal die Stimme der Großmutter

Zu Beginn ist sie eine Stimme, nur eine Stimme. Sie dringt durch die Wand aus Haut, Fleisch, Blut und Plazenta zu mir, die mich schützt vor der Barbarei der äußeren Welt.

Ihre Stimme ist dünn, erzen, die Töne sehr hoch. Ein zartes Gewebe aus Spitze, das im Wind zittert, zwischen den Maschen jedoch eine kleine Nadel verbirgt, die jederzeit zustechen kann, wenn es darum geht, sich zu verteidigen oder uns zur Ordnung zu rufen.

»Bist du komplett übergeschnappt? Lässt dich umbringen und meine erste Enkeltochter gleich mit!«

»Es musste sein. Ich konnte die Genossen doch nicht einfach so draufgehen lassen.«

»Und, hast du einen einzigen gerettet, mit deinem dicken Siebenmonatsbauch?«

»Nein, ich habe keinen gerettet, aber ich habe alles mit angesehen.«

»Was hast du gesehen?«

»Mâdar1, wenn du wüsstest … das darf niemals vergessen werden.«

»Es reicht jetzt mit diesem Irrsinn, hast du mich verstanden? Du bleibst hier, bis du das Kind zur Welt bringst. Und danach hol dich der Teufel!«

»Ich werde bezeugen, was ich mit angesehen habe.«

»›Bezeugen‹, was soll das heißen: ›du wirst bezeugen‹?«

»Und dieses Baby wird seinerseits bezeugen, ich weiß es.«

»O nein, du versuchst jetzt, diesem Baby drei Monate Ruhe zu gönnen. Siehst du diesen Schlüssel hier? Das ist der Zimmerschlüssel, ich schließe dich bis zum Tag der Entbindung ein.«

Da bist du nun, eingesperrt im Haus meiner Großmutter.

Du liegst auf einem weichen Sofa im Wohnzimmer. Es ist wohlig warm. Eine Mutter versorgt ihre Tochter, die ihr Baby versorgt. Die Hände meiner Großmutter eilen geschäftig hin und her. Sie kocht: Aus der Küche duftet es süß nach Butterreis mit Safran.

Schon jetzt liebe ich meine Großmutter, meine große Beschützerin. Sogar im Innern dieses unruhigen Bauches erkenne ich den Klang ihrer Stimme, sofort. Maman Massoumeh, du sollst uns für immer als Geiseln in diesem Haus behalten, lass uns nie mehr gehen. Serviere uns noch mehr Köstlichkeiten und Tee, gib uns Wärme, was zum Naschen. Kümmre dich um mein erstes Haus. Hüll uns ein, bring das Geschrei der Welt zum Schweigen, erzähl uns noch was. Da ist das Geräusch des Teekessels, der auf dem Herd pfeift. An den Mauern schaukelt der Wein, eine Katze huscht vorbei, meine Mutter streicht zärtlich über ihren Bauch. Endlich ruht sie sich wie eine vernünftige Schwangere aus. Weit weg von Demonstrationen, Flugblättern und Nägeln, die in den Schädel der Jugend dringen. Sie schließt die Augen, damit sie vergisst, doch die schaurigen Bilder gehen ihr nicht aus dem Kopf und quälen sie weiter. Ihr Gespenster ohne Mund, ihr fordert, dass von euch berichtet wird, doch nicht jetzt, habt Erbarmen, lasst uns in Frieden und geht weg. Ich trete nach euch, damit ihr verschwindet. Meine Mutter schreckt hoch. Alles gut, ich habe dich zurückgebracht ans Ufer des Lebens, genau wie die Stimme meiner Großmutter. Wir beide halten dich von ihnen fern.

Es waren einmal die Augen der Mutter

Stundenlang betrachtet sie die Augen ihrer Mutter. Aus den Augen der Mutter kommen stumme Melodien, die das kleine Mädchen in Schulhefte zu übertragen versucht.

Deinen Augen eine Stimme geben.

Die Mutter spricht wenig. Träume kreisen um ihren Kopf wie Vögel über den Türmen des Schweigens. Einmal haben sie dem kleinen Mädchen erzählt, seine Vorfahren hätten ihre Toten auf jenen Türmen abgelegt, den Türmen des Schweigens, damit die Geier kämen und sie verspeisten. Denn der Leichnam durfte weder die Erde besudeln noch das Feuer, das als heilig galt.

Es sieht die Träume der Mutter über ihrem Kopf und versucht mit allen Tricks, einen dieser Vögel zu erwischen, doch es gelingt ihm nicht. Also zeichnet es Vögel auf Blätter, die den Boden ihres Zimmers bedecken.

Diese Zeichnungen: Mosaike meiner Liebe zu dir, meiner zaghaften Annäherungsversuche, um den Duft deiner Träume einzusaugen. Abwesend, lange Zeit habe ich dich abwesend erlebt. Abwesend vom Leben, von der Mutterschaft, von jeglichem Verlangen. Einverständig lächelnd triebst du langsam über dem Leben dahin.

Vermutlich schreibe ich heute, weil du zuvor geschrieben hast. Ich stehle deine Bilder aus den Gedichten, die du geschrieben und mir vorgelesen hast. Wenn du dein schwarzes Heft mit Notizblättern, Briefen und Papierschnipseln aufschlugst, auf die du Verse, manchmal halbfertige Gedichte gekritzelt hattest, empfand ich jedes Mal Furcht. Ich hatte stets ein bisschen Angst davor. Angst vor deiner Seele, Angst vor Erinnerungen, die hochkommen konnten, Angst vor der Stimme, die so lange geschwiegen hatte und auf einmal zu sprechen anfing. Ich wollte, dass es rasch aufhörte, und war erleichtert, wenn du das dicke schwarze Heft wieder zugeklappt hast. Hier und da hatte ich erfolgreich ein Bild aufgeschnappt, und das genügte mir. Kleine Diebin der Juwelen deiner Seele. Mir war es lieber, wenn ich dich erahnen, dich erfinden konnte.

Ich schreibe dich.

Ich schreibe nicht »dir«, nicht »an dich«, nein, ich sollte vielmehr sagen, »ich schreibe dich«.

Ich übermale dein Gesicht mit meinen Träumereien, gebe meine Lügen dazu, alles, was mich trösten kann. Auf der Suche nach deinen Augen tauche ich meine Hände in Farbtöpfe.

Ich tunke dich in einen Sud aus Wunschvorstellungen und Angst und ziehe dich wieder heraus, gereinigt, erhaben, verwandelt. Ich möchte dich endlos auspressen, damit du niemals sterben musst.

Ich lege dich auf meinen Schreibtisch und nehme dich auseinander. Ich öffne deine Arme, die Beine, hebe deine Brüste an und wühle in deinem Bauch herum, um hinter das Geheimnis meiner Geburt zu kommen.

Schenken

Die Augen der Mutter verfolgen, wie in der Ferne eine Feder auffliegt. Sie weiß, dass sie fortgehen müssen. Sie hat Kleidung und Schuhe gekauft, für dort. Das kleine Mädchen soll sein Spielzeug an die Kinder im Viertel verschenken. Es hat keinerlei Lust dazu. Doch seine Eltern haben ihm beigebracht, dass Eigentum eine schlechte Sache ist. Das haben sie in einem Buch von Makarenko gelesen. Die Kleine versteht nicht, was das Wort bedeuten soll: »Eigentum«.

»Warum muss ich mein Spielzeug verschenken?«

»Weil wir es nicht dorthin mitnehmen können.«

»Ich will aber nicht.«

»Hör mal, schenken ist schön, verstehst du?«

»Nein, ich muss schenken, das ist nicht das Gleiche. Ich will nicht!«

Die Mutter seufzt.

»Meine Güte, was haben wir bloß getan, dass wir mit so einem Kind gestraft sind! Vom Kommunismus kapiert sie rein gar nichts.«

Noch so ein Wort, das die Fünfjährige nicht versteht.

Sie flüchtet in ihr Zimmer und unter ein Zelt, das sie sich aus einem Bettlaken und zwei Stühlen gebaut hat, versammelt all ihre Spielsachen um sich und erklärt:

»Hört gut zu, sie wollen uns auseinanderbringen, aber ich will nicht, also bleiben wir einfach hier, rühren uns nicht von der Stelle und ich erzähle euch ganz viele Geschichten, so lange, bis alle eingeschlafen sind, dann grabe ich ein Loch im Garten, genau unter dem Baum, und verstecke euch darin. Ich komme euch später holen, ganz schnell komme ich zurück, und dann spielen wir wieder zusammen. Den Kindern im Viertel traue ich nicht. Das sind Rabauken, die machen euch bloß kaputt. Ich weiß, wie man euch behandeln muss, ich werde euch nie im Stich lassen.«

Die Kleine schlägt ein Buch auf und erzählt der versammelten Spielzeugschar eine Geschichte, und die Spielzeugschar blickt sie stumm an, voller Sorge, was nun aus ihr werden soll.

Es war einmal

Ein König, der »Feuersträhne« genannt wurde. Er war König von einem Land, in dem es immer kalt und immer dunkel war. Er hatte aus allen Häusern das heilige Feuer gestohlen, sodass man es nirgends mehr fand. Wenn die Sonne untergegangen war, hüllte sich die Stadt nach und nach in einen dichten, schwarzen Schleier. Man konnte kein Essen kochen, sich im Winter nicht aufwärmen, auch kein Eisen schmieden, keiner fand sich im Dunkeln zurecht oder konnte das Gesicht seiner Lieben im Schein einer Kerze betrachten, man konnte keine Schattenspiele machen und auch nicht bis spät in die Nacht lesen. Nach dem letzten natürlichen Lichtschein über der Stadt hörte alles Leben auf. Sämtliche Fenster in den Häusern verwandelten sich in riesige blinde schwarze Augen.

In allen Häusern, bis auf eins: den Palast des Königs. Der hatte befohlen, dass alles, was in irgendeiner Weise einem Feuer ähnelte, gelöscht würde, nur eine letzte Flamme hatte er für sich behalten. Sie flackerte in einer Haarsträhne über seiner Stirn, deshalb wurde er von allen »Feuersträhne« genannt.

Wenn er wollte, hielt er einfach ein Zweiglein oben an seinen Kopf, damit es Feuer fing und er sich mit Licht und Wärme umgeben konnte.

Eines Tages beschloss ein kleiner Junge namens Shoja, was »mutig« bedeutet, sich an Feuersträhne heranzuschleichen und ihm etwas von dem Zauberfeuer auf seinem Kopf zu stehlen. Zauberfeuer deshalb, weil es nie ausging.

Er hatte extra bis zu einer Vollmondnacht gewartet, damit er nicht vom Weg abkam. Er schlich sich in den Palast des Königs, wobei er aufpasste, dass ihn die Wachen nicht schnappten.

Der Palast war prächtig, erleuchtet von tausend Lichtern, nie zuvor hatte er so viele Kerzen, Fackeln und Leuchter gesehen, seine geblendeten Augen glaubten sogar, Funken durch die Luft tanzen zu sehen. Die wohlige Wärme hüllte ihn ein und machte ihn ganz benommen, er trieb in einem Meer aus Licht. Plötzlich löste sich Shoja kopfschüttelnd aus seiner Erstarrung: Schließlich hatte er einen Auftrag zu erfüllen. Er riss sich zusammen, sperrte Augen und Ohren auf und vernahm plötzlich leises Schnarchen im Stockwerk über sich. Auf Zehenspitzen schlich er die Stufen rauf, das Schnarchen wurde immer lauter. Er ging auf eine Tür zu, drückte vorsichtig die Klinke runter und schlüpfte hinein. Der König schlief tief und fest in seinem Bett.

Shoja holte das Zweiglein aus seiner Hosentasche und hielt es an die Zaubersträhne vom König. Das Zweiglein entflammte sofort, und er kehrte rasch in die Stadt zurück.

Überall im Königreich war die Freude groß: Binnen weniger Stunden hatten alle Bewohner endlich Feuer zu Hause.

Man hielt es in großen Öfen, in denen man regelmäßig Holz nachlegen musste. Die ganze Nacht über und den folgenden Tag lang schmiedeten die Bewohner in den Kellern ihrer Häuser Waffen – Lanzen und Schwerter. Sie wollten ihn stürzen, diesen König, der sie so lange gezwungen hatte, im Dunkeln zu leben.

Am nächsten Abend liefen die bis an die Zähne bewaffneten Bewohner zum Palast des Königs. Als dieser verblüfft die brennenden Fackeln sah, die Flammen, die in der Dunkelheit tanzten und an den Spitzen der Schwerter und Lanzen emporzüngelten, begriff er, dass seine letzte Stunde geschlagen hatte. Er nahm die Beine in die Hand und floh auf seinem Pferd.

Im ganzen Dorf feierte man ein großes Fest: Es wurde ein riesiges Feuer angezündet, um das alle die ganze Nacht lang herumtanzten.

Das kleine Mädchen klappt das Buch wieder zu, steht auf und holt noch eins, sie liest weiter, immer weiter, als ließe sich so der Moment der Trennung hinausschieben.

Ich musste auch meine Kleidung weggeben, meine Bücher und Möbel. Dieses erzwungene Schenken ging jedes Mal unter Tränen und Geschrei vonstatten. Vor den Kindern jedoch, die in Erwartung einer Puppe oder eines Buches zu uns nach Hause kamen, verstummte ich. Mit ernster, feierlicher Miene hielt ich ihnen das Spielzeug hin.

Ich sehe es noch vor mir, das Spielzeug in den Händen der armen Kinder des Viertels, die Verwunderung in ihren Augen, ihr zaghaftes Lächeln. Doch sobald die Wohnungstür wieder zu war, rannte ich in mein Zimmer, wo mich die Angst packte angesichts des Raumes, der immer leerer wurde.

Ich fing wieder an zu weinen, manchmal schrie ich auch, bevor ich schließlich in eine Untergangsstimmung verfiel, in der ich nur noch reglos vor mich hin starrte. Ich fühlte mich schrecklich allein. Ich war überzeugt, dass ich mit zwei Ungeheuern zusammenlebte, die mir alles wegnehmen würden.

Meine Großmutter raufte sich die Haare, als sie erfuhr, dass die Spielsachen, die sie so sorgfältig und mit viel Liebe für mich ausgesucht hatte, an die Kinder im Viertel verschenkt wurden. Sie hat versucht, meine Eltern davon abzubringen, doch nichts konnte sie bremsen. Sie waren überzeugt, mir damit etwas Grundlegendes im Leben beizubringen: materielle Entsagung und Abschaffung des Eigentums.

Also schmiegte ich mich in jene weichen, warmen Arme. Sie waren mein einziger Trost. Meine Großmutter sagte wieder und wieder, sie würde mir neues Spielzeug kaufen, dass ich nicht weinen solle und sie für mich beten würde gegen diese Unmenschen von Kommunisten, während ihre zartgliedrigen, nach Orangenblüten und Rosen duftenden Finger mit den tadellos manikürten Nägeln mir die Kullertränen tiefster Verzweiflung wegwischten.

Nouchâbé

Heute ist mein Geburtstag. Ich werde fünf Jahre alt. Eine große Torte mit viel Sahne steht auf dem Tisch.

Nur einer fehlt: mein Onkel, der Bruder meiner Mutter. Er heißt Saman. Zu meinem Geburtstag schenkt er mir jedes Mal eine Blume, eine einzige, sie heißt »Golé Maryam«. Das ist unser kleines Ritual: zu jedem Geburtstag eine Golé Maryam. Ich mag ihren Duft schrecklich gern.

Diesmal ist er nicht da. Er wird nicht kommen. Es wird keine Golé Maryam zu meinem Fünften geben.

Das Telefon klingelt. Meine Mutter nimmt den Hörer ab. Sie hört zu, sagt kein Wort. Dann legt sie wieder auf.

Sie haben ihn verhaftet. Er sitzt im Evin-Gefängnis. Er hatte Flugblätter bei sich. Als die Polizei später seine Wohnung durchsuchte, haben sie auch eine Waffe gefunden. Er war gerade neunzehn geworden.

Schwarz gekleidete Frauen stehen Schlange, um ihre inhaftierten Angehörigen zu sehen. Stumme, schwarze Gestalten mit Einkaufskörben im Arm. Sie warten, dass ihre Besuchszeit beginnt.

Auch ich stehe zusammen mit meiner Großmutter an, kurz darauf sitzen wir meinem Onkel gegenüber. Zwischen uns eine Glasscheibe. Ich muss über ein Telefon mit ihm reden. Er lächelt angestrengt. Ich weiß, wie schwer ihm dieses Lächeln fällt. Ich sage, dass die bärtigen Männer komisch riechen und hässlich sind. Er lacht los, fängt sich aber sofort und legt den Finger auf die Lippen, als Zeichen des Schweigens. Hier drin sagst du so was besser nicht. Auch meine Großmutter schimpft mit mir. Mir ist langweilig. Am liebsten würde ich gehen. Ich hasse diesen Ort, mein Onkel sitzt in einem Käfig, der von gemeinen Männern bewacht wird.

Ich denke an mein Spielzeug, das ich bald schon zurücklassen muss.

Ich möchte nicht wie er in so einem Käfig sitzen. Ich möchte dorthin gehen. Vielleicht ist es ja schön dort.

2005 – Paris – Auf der Terrasse des Cafés Sancerre aux Abbesses

Es ist spät, nach Mitternacht. Ich bin fünfundzwanzig. Vor mir sitzt mein Onkel Saman, daneben meine Mutter. Saman redet ununterbrochen. Noch nie war er so gesprächig. Da er schon ein paar Gläser getrunken hat, ist seine Zunge gelöst. Es ist das erste Mal, dass er vom Gefängnis erzählt.

Ich habe acht Jahre in einem der schlimmsten Gefängnisse der Welt gesessen.

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