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Du küsst so teuflisch gut!

1. KAPITEL

Vor elf Jahren …

Ausgerechnet am Nachmittag ihres siebzehnten Geburtstags lag Meredith Palmer auf ihrem Bett und weinte bitterlich. Ihr ganzes Leben war ein einziges Desaster. Nie würde es besser werden. Eigentlich sollten doch gerade die Collegejahre die beste Zeit des Lebens sein. Aber offensichtlich nicht für sie.

Am besten, sie stürzte sich gleich aus dem Fenster ihres Zimmers im Studentenwohnheim, dann war wenigstens alles ein für alle Mal vorbei. Allerdings wohnte sie nur im dritten Stock, da würde sie wohl am Leben bleiben und als Krüppel enden.

Langsam richtete sie sich auf und wischte sich mit dem Handrücken über die Wangen. „Bei der Entfernung zum Boden und der Geschwindigkeit des Aufpralls …“, überlegte sie halblaut und schniefte leise, „und je nachdem, wie ich aufkomme …“ Sie griff nach einem Stück Papier und einem Stift. „Wenn ich mit den Füßen zuerst lande, was unwahrscheinlich ist, aber immerhin sein kann, dann würde der Aufprall …“

Sie notierte schnell ein paar Zahlen. Die Knochendichte spielte eine Rolle und natürlich der Untergrund, ob weiche Rasenfläche oder harter Beton …

Frustriert warf sie Papier und Stift zur Seite und ließ sich wieder auf das Bett fallen. „Ich bin wirklich nicht ganz normal“, stöhnte sie. „Anstatt es einfach zu tun, stelle ich mathematische Berechnungen an. Vollkommen blödsinnig. Kein Wunder, dass ich keine Freunde habe.“

Sie schluchzte. Es war aussichtslos. Sie war nun einmal ganz anders als die anderen und würde es immer bleiben. Ein einsames Leben lag vor ihr.

Sie hörte, wie die Tür geöffnet wurde, und presste das Gesicht nur umso fester in das Kissen. „Geh weg!“

„Ich denke nicht daran.“

Oh, diese Stimme! Sie kannte sie nur zu gut. Ihr Besitzer war der Traum ihrer schlaflosen Nächte, der Held ihrer romantischen und sexuellen Fantasien. Groß, dunkel und mit mitternachtsblauen Augen …

Meri stöhnte tief auf. „Ich will nicht mehr leben. Kann mich nicht einfach jemand umbringen?“

„Das wird nicht passieren.“ Jack setzte sich auf die Bettkante und legte Meri seine warme große Hand auf den Rücken. „Aber, Mädchen, was ist denn los? Heute ist doch dein Geburtstag.“

„Ja, und das ist furchtbar. Ich hasse mein Leben, es ist schrecklich. Ich bin schrecklich. Und außerdem bin ich fett und hässlich, und das wird sich nie ändern.“

Sie hörte, wie Jack tief Luft holte. Er war so wunderbar. Nicht nur, dass er hinreißend aussah, er hatte immer Zeit für sie. Er redete mit ihr, als sei sie eine vollkommen normale Person. Nach ihrem Bruder Hunter war er für sie der wichtigste Mensch auf der Welt.

„Du bist nicht schrecklich“, sagte er leise.

Natürlich fiel ihr sofort auf, dass er nicht sagte, sie sei nicht fett. Mit ihren 1 Meter 60 war sie nicht besonders groß und wog sicher mindestens dreißig Pfund zu viel. Außerdem hatte er nicht widersprochen, als sie meinte, sie sei hässlich. Jack war nett, aber leider log er nie.

Ihre Nase war einfach zu groß, und mit der Zahnspange und der unreinen Haut konnte sie nun wirklich keinen Schönheitswettbewerb gewinnen. Eher würde ein Zirkus sie für seine Freakshow engagieren.

„Ich bin abartig“, stieß sie dumpf hervor, das Gesicht immer noch im Kissen vergraben. Durch die Heulerei waren ihre Augen verquollen, und den Anblick wollte sie Jack nicht auch noch zumuten. „Ich wollte mich umbringen, und stattdessen fing ich an zu berechnen, wie sich der Sturz … ach, ist ja auch egal. Auf alle Fälle bin ich nicht normal.“

„Du hast recht, Meri. Du bist nicht normal. Aber das ist ja gerade das Besondere an dir. Du bist viel besser als die normalen Menschen. Du bist ein Genie. Im Vergleich mit dir sind wir anderen Idioten.“

Er war kein Idiot, er war absolut vollkommen.

„Seit ich zwölf bin, bin ich nun schon auf dem College. Da müsste ich doch allmählich mal fertig sein. Ich meine, wenn ich wirklich intelligent wäre.“

„Aber du hast doch schon mindestens zwei Abschlüsse gemacht und bist schon bei deiner Doktorarbeit.“

„Und wenn schon …“ Sie drehte sich auf die Seite. Ihr Herz zog sich zusammen, wie immer, wenn sie ihn ansah. Schnell schlug sie die Hände vors Gesicht. „Ich muss irgendwie mein Gehirn abschalten.“

„Aber warum denn? Damit du so bist wie wir alle?“

„Ja.“ Sie nahm die Hände herunter und sah ihn an. „Ich möchte so sein wie alle anderen auch, ein ganz normales Mädchen.“

Er schüttelte lächelnd den Kopf. „Tut mir leid, aber du wirst immer etwas Besonderes sein.“

Oh, sie liebte ihn so! Wenn sie doch mehr für ihn sein könnte als die kleine Schwester seines besten Freundes. Wenn er sie als Frau betrachten könnte, als die wunderschöne Frau, nach der er sich sehnte. Wie gern würde sie ihm gestehen, dass sie ihn liebte und ihn immer lieben würde.

„Ich habe keine Freunde“, sagte sie stattdessen. „Ich bin immer die jüngste gewesen, viel jünger als die anderen in meinem Semester. Die betrachten mich als eine Art Wunderkind und warten nur darauf, dass ich ausgebrannt bin und nichts mehr bringe.“

„Das wird aber nicht passieren.“

„Ich weiß. Aber da ich hier auf der Uni vollkommen isoliert bin und mir außerdem seit dem Tod meiner Mutter ein weibliches Vorbild fehlt, werde ich nie ein normales Mitglied der Gesellschaft sein. Zumindest ist die Wahrscheinlichkeit nicht sehr groß. Wie gesagt, ich bin eben eine Außenseiterin und werde es immer bleiben.“ Sie konnte die Tränen nicht länger zurückhalten. „Ich werde nie einen Freund haben“, schluchzte sie.

„Aber natürlich! Du bist doch noch so jung. Hab Geduld.“

„Nein, ich werde immer allein bleiben. Und selbst wenn jemand mal aus Mitleid mit mir ausgeht, muss er schon betrunken oder vollkommen zugedröhnt sein, damit er mich küsst, geschweige denn mit mir schläft. Ich werde als Jungfrau ster…sterben.“

„Aber nein!“ Jack zog sie hoch und nahm sie in die Arme. „Was für ein Unsinn. Das ist wirklich kein schöner Geburtstag für dich.“

„Das kann man wohl sagen.“ Sie schmiegte sich an ihn. Wie wohl sie sich in seinen starken Armen fühlte. Und er roch so gut. Wenn er jetzt noch verrückt nach ihr wäre, dann wäre das die Gelegenheit …

Aber anstatt ihr ewige Liebe zu schwören und ihr die Kleider vom Leib zu reißen, tätschelte er ihr nur kurz den Rücken und ließ sie dann los. „Ich weiß, Meri, du bist momentan in einer sehr schwierigen Lage. Du bist viel zu jung für deine Kommilitonen, und für die Jugendlichen deines Jahrgangs bist du zu erwachsen.“

Sie wollte schon einwenden, dass sie doch nur vier Jahre jünger sei als er und deshalb gut zu ihm passe. Aber sie wusste, dass Jack so jemanden wie sie nicht nötig hatte, denn bei ihm standen die Frauen Schlange. Und alle waren sie jung und hübsch und schlank. Oh, wie sie diese Frauen hasste!

„Diese Phase wird vorbeigehen. Du wirst sehen, in ein paar Jahren sieht alles besser aus.“

„Das glaube ich nicht. Ich werde immer anders sein als die anderen. Ich werde nie dazugehören.“

Er strich ihr kurz über die Wange. „Quatsch. Es wird sich alles regeln. Davon bin ich fest überzeugt.“

„Aber wenn du dich nun irrst? Wenn ich doch als Jungfrau sterben muss?“

Er lachte leise. „Das wird bestimmt nicht geschehen. Versprochen.“

„Du willst mich doch nur trösten.“

„Kann sein.“ Er beugte sich vor, und bevor sie wusste, wie ihr geschah, hatte er sie geküsst. Auf den Mund! Sie spürte seine warmen weichen Lippen auf ihren, und dann war schon alles vorbei.

Das durfte nicht sein. „Nein, nicht so!“, stieß sie atemlos hervor und packte ihn beim Sweatshirt. „Jack, bitte. Ich möchte, dass wir zusammen sind!“

Mit einem Ruck machte er sich frei. Gerade noch hatte er auf ihrem Bett gesessen, in der nächsten Sekunde stand er bereits an der Tür.

Sie wurde knallrot vor Scham. Warum hatte sie das bloß gesagt? Sie würde alles dafür geben, die Worte zurücknehmen zu können. Wie wahnsinnig peinlich. Nie würde sie diesen Augenblick vergessen. Er durfte nicht wissen, was sie für ihn empfand. Sicher hatte er geahnt, dass sie irgendwie in ihn verknallt war. Aber jetzt hatte er Gewissheit.

„Jack, ich …“

Er schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, Meri, aber es geht nicht. Du bist Hunters kleine Schwester. Da könnte ich nie … ich meine, ich sehe in dir etwas ganz anderes.“

Das überraschte sie nicht. Warum sollte er sich auch mit einem unansehnlichen Mädchen wie ihr abgeben, wenn die schönsten Frauen sich ihm an den Hals warfen. „Ist schon klar, verstehe. Geh jetzt bitte.“

Er griff nach der Türklinke, drehte sich dann aber noch einmal nach ihr um. „Ich möchte, dass wir Freunde bleiben, Meri. Du bist eine gute wertvolle Freundin für mich, die ich nicht verlieren möchte.“ Mit diesen vernichtenden Worten verließ er den Raum.

Meri saß auf der Bettkante und starrte vor sich hin. Wann würde endlich dieser brennende Schmerz nachlassen? Wann würde sie sich endlich nicht mehr als Außenseiterin fühlen? Wann würde sie endlich aufhören, Jack zu lieben? Wann würde sie endlich mit anderen zusammen sein können, ohne sich zu wünschen, der Boden tue sich unter ihr auf und verschlinge sie?

Unwillkürlich langte sie unter das Bett und zog eine Plastikschachtel hervor, in der sie Süßigkeiten aufbewahrte. Sie holte sich einen Schokoriegel heraus und wickelte ihn aus.

Schlimmer konnte es nicht kommen. Sie hatte keinerlei Hoffnung mehr, dass sich jemals etwas zum Besseren wenden könnte.

Sie biss ab. Kaute hastig und schluckte. Der Zucker und das Fett würden sie trösten. Zumindest tat es dann nicht mehr so weh. Sie würde sich nicht mehr so einsam fühlen und nicht mehr so sehr darunter leiden, dass Jack Howington III. sie zurückgewiesen hatte. Dieser Mistkerl.

Warum liebte er sie nicht? Sie war doch ein guter Mensch. Aber sie war nicht blond und zierlich und hatte keine tolle Figur so wie die Mädchen, mit denen er ins Bett ging.

„Ich bin zu intelligent“, flüsterte sie, „das schreckt die Männer ab.“

Doch noch während sie es aussprach, wusste sie, dass das nicht ganz stimmte. Nicht nur ihr außergewöhnlicher IQ war schuld daran, dass sich kein junger Mann für sie interessierte. Auch ihr Aussehen hatte viel damit zu tun. Immer wieder hatte sie sich mit Essen getröstet, vor allem, seit ihre Mutter vor vier Jahren gestorben war. Als ihr Vater den Vorschlag machte, sich vielleicht die Nase operieren zu lassen, hatte sie ihren Vater angeschrien. Wenn er sie wirklich lieben würde, hatte sie ihn empört und verletzt angefahren, dann würde er dieses Thema nie wieder anschneiden. Aber eigentlich hatte sie nur Angst gehabt, Angst davor, sich zu verändern, aber auch Angst davor, dieselbe zu bleiben.

Schwerfällig stand sie auf und starrte die Tür an, durch die Jack verschwunden war. „Ich hasse dich, Jack“, sagte sie dumpf, und die Tränen liefen ihr über die Wangen. „Ich hasse dich, und das werde ich dich spüren lassen. Warte nur, bis ich so hübsch bin, dass du einfach mit mir schlafen musst. Und danach werde ich dich verlassen und dir das Herz brechen. Du wirst schon sehen!“

Elf Jahre später

Jack Howington III. war zwei Tage durchgefahren. Er hätte auch mit seinem Privatjet fliegen und sich dann am Flugplatz ein Auto mieten können, um zum Lake Tahoe zu fahren. Denn einen Wagen brauchte er in dem Monat, den er in Hunters Landhaus verbringen musste. Aber er hatte diese zwei Tage genutzt, um sich über so einiges klar zu werden.

Seine Assistentin war außer sich gewesen, dass sie ihn zwei Tage lang nicht erreichen konnte, aber er hatte es genossen, ohne Fax, Telefon und Computer zu sein. Schon lange hatte er nicht diese Art der Ruhe empfunden, sein Leben in den letzten Jahren war mehr als hektisch gewesen. Und selbst wenn er allein war, hatte er sich nicht wirklich entspannen können, denn die Vergangenheit ließ ihn nicht los.

Eine lange Einfahrt führte zu dem großen Haus, das offenbar ganz aus Holz gebaut war. Durch die Bäume, die das Haus umgaben, schimmerte der blaue See. Große Steinstufen führten zu einer schweren Holztür.

Jack parkte den Mercedes dicht vor dem Haus und stieg aus. Die Lodge war erst kürzlich erbaut worden, zehn Jahre nach dem Tod des Freundes. Aber Jack hatte das Gefühl, als habe Hunter detaillierte Anweisungen hinterlassen. Er hatte wohl eine sehr genaue Vorstellung davon gehabt, wie das Haus einmal aussehen sollte. Alles hier erinnerte Jack an Hunter, was einerseits gut, andererseits aber auch traurig war.

Es ist ja nur ein Monat, versuchte er sich zu beruhigen, während er sein Gepäck aus dem Kofferraum nahm. Nach diesem Monat, so hatte der Freund testamentarisch hinterlassen, würde die Lodge zu einem Erholungsheim für Krebspatienten umgebaut. Außerdem sollten zwanzig Millionen aus seinem Nachlass der Stadt oder irgendeiner wohltätigen Vereinigung übergeben werden, die für das Heim zuständig war. So genau erinnerte Jack sich nicht mehr, die Einzelheiten hatten ihn nicht weiter interessiert. Er wusste nur, dass der Freund ihn um einen letzten Gefallen gebeten hatte, nämlich diesen einen Monat hier zu verbringen. Und da Jack ihn oft genug enttäuscht hatte, musste er ihm diesen letzten Wunsch einfach erfüllen.

Er ging auf das Haus zu und blieb abrupt stehen, als sich die Eingangstür öffnete. In dem Brief des Testamentsvollstreckers war Jack eine ruhige Zeit zugesichert worden, außerdem ein gut ausgestattetes Büro und eine Haushälterin.

Hört sich gut an, hatte Jack damals gedacht. Als aber jetzt die kleine zierliche Frau auf die oberste Treppenstufe trat, war er nicht mehr so sicher. Neben Hunter, der sein Gewissen belastete, aber schon lange tot war und deshalb keine Gefahr mehr darstellte, war sie der letzte Mensch, dem er in seinem Leben hatte wiederbegegnen wollen.

„Hallo, Jack“, sagte sie.

„Meredith.“

Sie sah ihn aus großen blauen Augen erstaunt an. „Du hast mich erkannt?“

„Sicher. Warum denn nicht?“

„Wir haben uns doch schon ewig nicht mehr gesehen und uns beide ziemlich verändert.“

„Ich würde dich überall wiedererkennen.“ Über die Jahre hatte er zwar versucht, ihre Spur nicht zu verlieren, denn das wenigstens war er Hunter schuldig. Schließlich hatte er dem Freund versprochen, auf dessen kleine Schwester aufzupassen. Allerdings hatte er sich mit ihr nicht persönlich in Verbindung gesetzt und sie auch schon lange nicht mehr gesehen. Das erleichterte ihm die Situation. Er war immer regelmäßig über ihren Werdegang informiert worden und war deshalb auch nicht erstaunt über ihr Aussehen. Sie wirkte irgendwie anders, sehr viel weiblicher, als er sie in Erinnerung hatte. Er wusste, dass sie vorübergehend in Kalifornien bei JPL arbeitete, einem Unternehmen, das sich mit der Entwicklung von Raketenantriebsstoffen beschäftigte. Was genau sie da getan hatte, war ihm nicht klar. Und vor allem hatte er keine Ahnung gehabt, dass sie auch hier sein würde.

Sie murmelte irgendetwas vor sich hin. „Gut zu wissen“, sagte sie dann lauter.

Ihre Augen waren immer noch so blau, wie er sie in Erinnerung hatte. Hunters Augen hatten die gleiche Farbe gehabt und auch die gleiche Form. Auch ihr Lachen war ähnlich, doch davon abgesehen hatten die Geschwister nicht viel gemein.

Er hatte Meredith schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Das letzte Mal wahrscheinlich bei Hunters Beerdigung. Und davor …

Entsetzlich, er wollte nicht an ihr herzergreifendes Geständnis denken, damals, als sie siebzehn gewesen war, und vor allem nicht daran, wie ungeschickt, ja, brutal er darauf reagiert hatte. Aber seitdem war viel Zeit vergangen, versuchte er sich zu beruhigen.

Sie ist jetzt wirklich eine erwachsene Frau, stellte er fest, als sie die Stufen herunterkam und vor ihm stehen blieb. Der Babyspeck war weg, und sie hatte sich zu einer hübschen und attraktiven Frau entwickelt, die selbstbewusst war und zu wissen schien, wo ihr Platz in dieser Welt war.

Unter anderen Umständen wäre er durchaus an ihr interessiert gewesen. Aber bei Meri war das anders. Schließlich hatte er sein Wort gegeben.

„Offenbar hast du auch einen Brief von dem Anwalt bekommen“, sagte sie lächelnd. „Denn sonst wärst du wohl nicht hier. Du musst einen Monat hierbleiben. Nach dieser Zeit werden das Haus und das Geld in einer feierlichen Zeremonie der Stadt übergeben. Dazu sind auch die anderen, die alle schon einen Monat hier verbracht haben, eingeladen. Und nach eurem Wiedersehen kannst du Hunter’s Landing verlassen, bist also wieder ein freier Mann.“ Sie warf einen kurzen Blick auf seinen Koffer und die Tasche mit dem Laptop. „Du reist ja mit erstaunlich leichtem Gepäck.“

„Ja, man ist beweglicher.“

Sie neigte leicht den Kopf und sah ihn skeptisch an. Diese Geste erinnerte ihn sehr an die Meri von früher. Das junge Mädchen hatte er immer sehr gern gehabt. Aber er hatte nicht damit gerechnet und auch nicht die Absicht gehabt, die Frau, zu der sie geworden war, kennenzulernen.

Er blickte sie langsam von oben bis unten an und runzelte die Stirn. Bildete er sich das nur ein, oder war ihre Shorts nicht viel zu kurz? Nicht, dass sie es sich nicht leisten konnte, bei den Beinen. Außerdem musste er zugeben, dass ihm der Anblick gefiel. Aber dies war Meredith, Hunters kleine Schwester. Und musste die Bluse wirklich so durchsichtig sein?

„Ich wohne übrigens auch hier“, sagte sie mit leiser tiefer Stimme.

Bei jeder anderen Frau hätte er das als Einladung verstanden. Aber nicht bei Meredith, da durften ihm diese Gedanken nicht kommen. „Warum denn das?“, fragte er barsch.

„Ich bin die Haushälterin, die dir versprochen worden ist. Ich bin hier, um dir das Leben … angenehmer zu machen.“

„Ich brauche keine Haushälterin!“

„Tut mir leid, du hast keine Wahl. Ich gehöre zum Haus dazu, bin also Teil des ganzen Deals.“

„Das ist doch lächerlich.“ Was soll das? fragte er sich. Er wusste, dass sie zu einem Think Tank in Washington gehörte und momentan in der Forschung von JPL arbeitete. Und hier wollte sie also die Haushälterin spielen?

„Tz, tz …“, sie schüttelte lächelnd den Kopf. „Wie kannst du so etwas sagen? Es ist Hunters Wunsch. Sind wir nicht beide seinetwegen hier?“

Die Geschichte kaufte er ihr nicht ab. Eine Wissenschaftlerin mit ihren Qualitäten sollte einen Monat lang für ihn kochen und putzen? Das konnte doch nicht in Hunters Sinn gewesen sein. Aber auch die anderen Freunde hatten hier auf Hunters Wunsch hin einen Monat verbracht. Vielleicht wollte er auch seine Schwester hier haben? Das war immerhin möglich. Wahrscheinlich passte es ihr auch nicht, diesen Monat hier gemeinsam mit ihm verbringen zu müssen. Ganz sicher hatte sie sein Verhalten an ihrem siebzehnten Geburtstag nicht vergessen.

Er hatte sie sehr verletzt. Das war zwar nicht seine Absicht gewesen, aber es war nun einmal geschehen. Und hinterher hatte er nicht gewusst, wie er sie hätte trösten können. Dann war Hunter gestorben, und seit seinem Tod war sowieso alles anders.

Vielleicht aber bildete er sich das alles nur ein. Vielleicht war es Meri vollkommen egal, was damals geschehen … oder eben nicht geschehen war.

„Lass uns reingehen.“

Die große Eingangshalle, die sie nun betraten, hatte einen Steinboden. Eine breite Holztreppe führte in die oberen Stockwerke. Der Raum wirkte eindrucksvoll, aber nicht überladen. Wahrscheinlich hätte Jack sich ein solches Haus nie gebaut, aber er war froh, dass er es nicht mit üppigen Vorhängen und Fransen und Schalen voll getrockneter Blüten zu tun hatte.

„Dein Schlafzimmer ist im ersten Stock.“

Er blickte sich um. „Dann schläfst du hier unten?“

„Nein. Mein Zimmer ist auch im ersten Stock, gleich neben deinem. Wir sind nur durch eine Wand getrennt.“ Unter halb geschlossenen Lidern sah Meri Jack schmachtend an. Sie wollte, dass er gleich wusste, woran er war. Schließlich hatte er sie vor elf Jahren so schnöde abgewiesen. Das konnte sie auch und auf jeden Fall noch besser.

Bevor er noch reagieren konnte, wandte sie sich ab und ging auf die Treppe zu. „Oben unter dem Dach ist ein Büro“, warf sie ihm über die Schulter hinweg zu, „das kannst du gern benutzen. Es hat Internetanschluss und ein Fax. Ich werde mich im Esszimmer ausbreiten. Wenn ich arbeite, brauche ich Platz. Denn ich gehöre zu den Leuten, die sehr … engagiert sind, wenn sie sich mal auf etwas einlassen.“

Sie betonte das letzte Wort derartig stark, dass sie fast losgeplatzt wäre vor Lachen. Die ganze Sache fing an, ihr riesigen Spaß zu machen. Sie hätte Jack schon vor Jahren für das bestrafen sollen, was er ihr damals angetan hatte.

Als sie die Treppe hinaufstieg, schwang sie bewusst verführerisch mit den Hüften und beugte sich etwas vor, damit die sowieso schon kurze Shorts noch etwas höher rutschte. Auch bei dem knappen Top brauchte man nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, was darunter war. Sie hatte fast zwei Tage in verschiedenen Boutiquen zugebracht, um das richtige Outfit zu finden, aber das Ergebnis konnte sich wirklich sehen lassen.

Die Shorts war so knapp geschnitten, dass man den Ansatz ihres Pos sehen konnte. Das war vielleicht etwas ordinär, aber sehr wirksam. Die hohen dünnen Absätze der Sandaletten ließen ihre Beine endlos lang erscheinen, ein alter Trick von kleinen Frauen, wie sie eine war. Natürlich hatte sie sich auch geschminkt, und die lang herunterhängenden Ohrringe berührten beinahe die fast nackten Schultern.

Wenn ihre Kollegen aus dem Entwicklungslabor sie so sehen würden, wären sie wahrscheinlich schockiert. Normalerweise trug sie nur Hosenanzüge und darüber meist einen Kittel. Aber in diesem Monat würde sie sich so aufreizend wie möglich zurechtmachen und jede Minute genießen.

Oben im Flur blieb sie so plötzlich stehen, dass Jack gegen sie stieß. Um sein Gleichgewicht zu halten, streckte er die Arme vor. Meri, die damit gerechnet hatte, drehte sich lächelnd zu ihm um, sodass er unabsichtlich ihre linke Brust berührte.

Er erstarrte und zog sich so schnell zurück, dass er fast gefallen wäre. Hm, auch nicht schlecht, dachte Meri. Jack Howington III. als hilfloses Häufchen auf dem polierten Holzfußboden …

„Pardon …“, murmelte er.

„Aber, Jack“, sagte sie mit honigsüßer Stimme, „war das ein Annäherungsversuch? Ich muss schon sagen, das war ein bisschen plump. Ich hätte dir mehr zugetraut.“

„Das war kein Annäherungsversuch.“

„Nein?“ Sie stemmte die Hände in die Hüften und sah ihn herausfordernd an. „Warum denn nicht? Bin ich nicht dein Typ?“

„Was soll das, Meri? Worum geht’s hier eigentlich?“

„Ach, Jack, das ist kompliziert. Wo soll ich nur anfangen?“

„Am besten am Anfang. Normalerweise macht man das so.“

Beim Anfang? Aber was war der Anfang? Vielleicht die Empfängnis, als aus irgendwelchen unerklärlichen Gründen ein Mädchen mit einem außergewöhnlichen IQ entstand?

Oder der Tag, an dem Meri begriff, dass sie immer eine Außenseiterin bleiben würde? Oder der Nachmittag vor elf Jahren, den sie nie vergessen würde? Als der Mann, den sie liebte, sie so grausam zurückgewiesen hatte?

„Wir müssen hier nun mal diesen Monat gemeinsam verbringen“, sagte sie leichthin. „Warum sollten wir uns die Zeit nicht auf angenehme Weise vertreiben und auch ein bisschen Spaß haben?“

Er wich zurück. „Was ist los mit dir? Das sieht dir gar nicht ähnlich.“

„Woher weißt du das so genau? Du hast mich doch schon lange nicht mehr gesehen. Ich bin jetzt erwachsen.“ Langsam drehte sie sich einmal um die eigene Achse. „Gefällt dir nicht, was du hier vor dir siehst?“

„Du siehst sehr gut aus, und das weißt du auch. Also, was soll das Ganze?“

Was es sollte? Sie wollte, dass er vor ihr auf Knien lag, dass er sich nach ihr verzehrte. Sie würde einmal nachgeben und ihn dann fallen lassen. Das war ihr Plan, immer schon.

„Ich werde nicht mit dir schlafen“, sagte er entschieden. „Du bist Hunters Schwester. Ich habe ihm versprochen, auf dich aufzupassen. Das bedeutet, dich zu beschützen, aber nicht, mit dir ins Bett zu gehen.“

Sie hatte sich fest vorgenommen, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, aber sie konnte sich einfach nicht zurückhalten. „Mich beschützen? Dass ich nicht lache! Zwei Sekunden nach Hunters Beerdigung warst du schon wie vom Erdboden verschluckt und mit dir all deine Freunde. Von denen hatte ich auch nichts anderes erwartet, wohl aber von dir.

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