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Du hast mein Herz entflammt

1. KAPITEL

Der Mann stand nur einige Schritte von Fiona entfernt und sah genauso verzweifelt aus, wie sie sich fühlte – zu schockiert, um zu weinen, und zu betäubt, um Schmerz zu empfinden.

Er trug einen Regenmantel, der vor Nässe dunkel glänzte, und verharrte regungslos mitten in der Notaufnahme, ohne das geschäftige Treiben der Ärzte und Krankenschwestern um sich herum wahrzunehmen.

Sein Teint war dunkel, wie bei einem Menschen, der sich viel draußen aufhielt, doch unter der Sonnenbräune sah er aschfahl aus. Seine dunklen Augen blickten leer und ungläubig. Und obwohl er kräftig wirkte und von hoher, muskulöser Statur war, hingen seine Schultern kraftlos herab, und sein Brustkorb war eingefallen. Er drückte einen Teddybären an sich, in dessen Fell Regentropfen hingen.

Fiona senkte den Blick und stellte fest, dass seine Jeans und seine Reitstiefel schlammbespritzt waren. Sie fragte sich, wo er wohl gewesen war, als man ihn ins Krankenhaus rief. Wahrscheinlich im Stall und hatte sofort alles fallen lassen – genau wie sie umgehend die Vorstandssitzung verlassen hatte, als der Anruf der Polizei kam.

Sein fassungsloser Gesichtsausdruck verriet, dass auch er schlechte Nachrichten erhalten hatte. Sie spürte sein Entsetzen, und seine Seelenqualen schienen ihre Angst um Jamie nur zu verstärken.

Jetzt kam eine Schwester auf ihn zu. „Mr. Drummond?“

Da er nicht reagierte, sprach sie ihn noch einmal an, diesmal lauter. „Mr. Drummond?“

Die Krankenschwester berührte ihn am Ellbogen, woraufhin er sich steif und langsam zu ihr umdrehte. Sein Blick war finster, beinahe drohend, und in seiner Wange zuckte vor Anspannung ein Muskel. Nachdem sie leise mit ihm gesprochen hatte, begleitete er sie den Flur entlang. Die beiden boten einen seltsamen Anblick – der große, kräftige Mann mit dem Kuscheltier, der der kleinen, untersetzten Schwester wie ein gehorsames Kind folgte.

Sobald die beiden verschwunden waren, fand Fiona sich wieder allein in diesem nicht enden wollenden Albtraum, in den sie gestürzt worden war.

Sie schob den Ärmel ihres Jacketts hoch und sah auf ihre Uhr. Vier Stunden waren vergangen, seit sie die Nachricht von dem Unfall erhalten hatte, der sich auf einer abgelegenen Straße im Outback von Queensland ereignet hatte.

„Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass eines der Opfer James Angus McLaren aus Gundawarra ist“, hatte der Polizist sie informiert. „Ich glaube, Sie sind seine nächste Verwandte.“

Jamie, ihr Bruder, war mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus von Townsville gebracht worden, und er schwebte immer noch in Lebensgefahr.

Der Schock hatte sie gelähmt, sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Rex Hartley, der Seniorpartner ihrer Firma, hatte jedoch viel Verständnis für ihre Situation gezeigt.

„Nehmen Sie unseren Jet“, beharrte er, als sie verzweifelt versuchte, einen Flug in Richtung Norden zu buchen. „Sie müssen so schnell wie möglich bei Ihrem Bruder sein.“

Als Fiona in der Notaufnahme eintraf, lag Jamie allerdings schon im OP.

Seitdem war sie wie in Trance und geschüttelt vor Angst und Sorge im Flur auf und ab gegangen. Aber sie weigerte sich, mit dem Schlimmsten zu rechnen. Jamie würde durchkommen. Er schaffte es immer.

Ihr jüngerer Bruder war wie eine Katze mit neun Leben. Schon als Kind hatte er unzählige Unfälle gehabt. Er war vom Fahrrad, vom Garagendach und sogar von einem Frangipanibaum gefallen. Beim Football hatte er sich das Schlüsselbein und beim Hochsprung den Knöchel gebrochen.

Verdammt, als Pilot hatte er Tausende von Flugmeilen zurückgelegt!

„Entschuldigen Sie, sind Sie Fiona McLaren?“

Fiona zuckte zusammen und drehte sich um. Als sie die müde wirkende junge Ärztin mit einem Stethoskop um den Hals sah, empfand sie plötzlich große Angst. Nun würde sie erfahren, wie es um Jamie stand. Ihr Herz begann zu rasen.

Die Ärztin stellte sich ihr als Dr. Brown vor, doch Fiona hörte gar nicht zu. Sie nahm lediglich ihre nächsten Worte wahr.

„Es tut mir so leid, Miss McLaren. Wir haben alles in unserer Macht Stehende getan. Aber die Verletzungen Ihres Bruders waren zu schwer.“

„Nein.“

Fiona flüsterte das Wort nur, aber in ihrem Kopf schrie sie es, und ihr lauter, durchdringender Schrei hallte in ihrem Inneren wider.

Nein, nein, nein, nein, nein!

Jamie konnte nicht tot sein.

Es durfte nicht sein. Sie wollte,konnte nicht akzeptieren, dass er gegangen war. Sie ertrug es einfach nicht.

Hilflos starrte sie in das blasse, sommersprossige Gesicht der Ärztin, während sie darauf wartete, dass diese ihren Irrtum eingestand und sich bei ihr entschuldigte, weil sie ihren Bruder mit einem anderen Patienten verwechselt hatte. Das hier war alles nur ein schrecklicher Traum. Sicher würde sie bald aufwachen und feststellen, dass die vergangenen vier Stunden nur ein finsteres Hirngespinst waren.

„Im Wagen saß auch eine Frau, Tessa Drummond“, hörte sie die Ärztin sagen. „Kannten Sie sie?“

„Eine Frau?“ Fiona krauste die Stirn und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. „Nein.“

Jamie war erst vor zwei Monaten nach Gundawarra gezogen und hatte ihr nicht viel über die Leute erzählt, die er bisher dort kennengelernt hatte.

„Ich bedauere es sehr, aber wir konnten auch für sie nichts mehr tun“, sagte die Ärztin leise.

Bei der Vorstellung, dass er einen anderen Menschen mit in den Tod gerissen hatte, bekam Fiona ganz weiche Knie. Ehe sie zu Boden sank, spürte sie, wie jemand einen Arm um sie legte und sie stützte.

„Sie müssen sich setzen.“ Mitfühlend sah Dr. Brown sie an. „Es ist ein furchtbarer Schock für Sie.“

Fiona nickte benommen, während die Ärztin sie zu einem Stuhl neben einem Wasserspender führte.

„Ich kann Ihnen wenigstens etwas Erfreuliches berichten“, fuhr sie sanft fort, als sie ihr einen Becher mit kaltem Wasser reichte. „Das kleine Mädchen wird wieder gesund.“

Verständnislos blickte Fiona sie an. „Welches Mädchen?“

Dr. Brown neigte den Kopf und betrachtete sie aufmerksam. „Das kleine Mädchen, das hinten im Wagen saß. Zum Glück war die Kleine angeschnallt. Sie hat zwar eine leichte Gehirnerschütterung, aber ansonsten ist sie völlig in Ordnung.“

„Ich weiß nichts von ihr“, antwortete Fiona überrascht. „Man hat mir nicht gesagt, dass noch jemand im Wagen saß. Ich … ich nehme an, dass es Freunde von Jamie waren.“

Dr. Brown hob die Augenbrauen. „Es blieb keine Zeit, um Fragen zu stellen. Es tut mir leid, ich dachte … Die Kleine hat Blutgruppe AB, wie Ihr Bruder, und ich …“

Mitten im Satz verstummte sie, als wäre ihr plötzlich klar geworden, dass sie zu viel gesagt hatte. Dann presste sie die Lippen zusammen und blickte nervös den Flur entlang.

Fiona erinnerte sich an den geschockten und verstörten Mann mit dem Teddybären im Arm, den sie noch vor wenigen Minuten hier hatte stehen sehen.

War er der Vater des kleinen Mädchens?

Auf einmal verspürte sie den Drang, der Ärztin etwas zu erklären. „Jamie hat keine …“ Sie zögerte, brachte es aber nicht fertig, in der Vergangenheitsform von ihm zu sprechen. „Jamie hat keine Kinder.“

Als ihr zu Bewusstsein kam, dass Jamie nie mehr die Chance haben würde, Vater zu werden, konnte sie sich nicht mehr zusammenreißen. Sie schluchzte, krümmte sich zusammen und brach in Tränen aus.

Byrne Drummond lehnte sich über das Metallgitter des Krankenhausbettchens und legte den flauschigen Teddybären neben seine Tochter.

„Hallo, mein Mäuschen.“ Die Kehle war ihm wie zugeschnürt. „Ich habe dir Dunkum mitgebracht.“

Sorgsam steckte er das Kuscheltier zu ihr unter die Decke, doch es kam keine Reaktion.

Verzweifelt blinzelte er die Tränen weg. Sein ansonsten so munteres, quicklebendiges kleines Mädchen wirkte so verletzlich in dieser sterilen Umgebung. Zu sauber und ordentlich.

Wo waren die gewohnten Schmutzstreifen auf ihren Wangen? Wie hatten die Schwestern es geschafft, ihr braunes Haar so glatt zu kämmen?

Zu Hause auf Coolaroo hatte sie nie so lange stillgehalten, dass Tessa es gründlich bürsten konnte.

Und wie lag sie jetzt da?

So zart und still. Und sie wirkte so allein.

Mit den Fingerspitzen, die von der Arbeit ganz rau waren, berührte er vorsichtig ihre rosige Wange. Er empfand unendliche Erleichterung, denn sie war ganz warm und ihre Haut samtweich. Sanft presste er den Handrücken an ihre Brust und spürte ihre zerbrechlichen Rippen und ihren leichten Herzschlag. Es stimmte also. Riley lebte.

Obwohl die Ärzte ihm gesagt hatten, seine Tochter habe nur eine Gehirnerschütterung und sie behielten sie nur zur Beobachtung im Krankenhaus, hatte er es nicht glauben können. Nachdem er Tessa gesehen hatte …

O Gott.

Tessa …

Byrne stöhnte schwer auf. Er hatte ihre Leiche identifizieren müssen, und als er nun das Bild seiner ehemals schönen Frau wieder vor Augen hatte, überwältigten ihn Schmerz und Verzweiflung.

Unerträgliches Entsetzen.

Eine beängstigende Leere.

Er musste sich am Bett festhalten. Unter Tränen betrachtete er das unschuldige Gesicht seiner schlafenden Tochter. Der arme, mutterlose Schatz.

Könnte er ihr nur die schmerzliche Wahrheit ersparen, die sie beim Aufwachen erwartete!

Das Gespräch mit der Polizei dauerte bis zum Nachmittag. Fiona hatte zwar überhaupt keinen Hunger, aber im Krankenhaus gab es ein Café, und da ihr nichts Besseres einfiel, ging sie dorthin und bestellte sich einen Kaffee und ein Sandwich. Doch sie saß nur wie betäubt da und rührte keines von beidem an.

Denk an das, was getan werden muss. Beschäftige dich irgendwie, und verdränge die Erinnerungen.

Fast wie aufs Stichwort klingelte ihr Mobiltelefon, und schnell nahm sie es aus dem Seitenfach ihrer Handtasche.

Ihre Assistentin Samantha war am Apparat und erkundigte sich fürsorglich, wie es ihr gehe.

„Ganz okay“, erwiderte Fiona gezwungen fröhlich und erzählte ihr die Einzelheiten, die sie von dem Beamten erfahren hatte. Jamie hatte eine Frau und deren Tochter von einem benachbarten Anwesen mitgenommen. Ihr Wagen war liegen geblieben, und er hatte sich angeboten, die beiden nach Hause zu fahren. Auf einer schmalen Straße war er in einer Kurve in einen Viehtransporter gerast.

Es half ihr, über das Unglück zu sprechen. Jamie war ihr einziger Verwandter, ihre Eltern lebten nicht mehr, und sie fühlte sich schrecklich einsam. „Wie läuft es im Büro?“, fragte sie dann.

„Es geht wie immer drunter und drüber“, berichtete Samantha. „Aber Rex lässt dir ausrichten, dass du dir die Zeit nehmen sollst, die du brauchst, um die Angelegenheiten deines Bruders zu regeln. Du kannst frei über den Learjet verfügen.“

„Das ist gut zu wissen. Danke. Gibt es sonst noch etwas?“

„Na ja … Southern Developments hat mir den ganzen Vormittag im Nacken gesessen. Sie wollen die Zusage, dass du persönlich ihren Etat betreust.“

Fiona seufzte. „Du musst ihnen sagen, dass Rex und ich gemeinsam unsere Großkunden beraten. Wir sind Partner. Rex vertritt mich und ich ihn. Mach ihnen das bitte deutlich.“

Nachdem Sam aufgelegt hatte, wusste Fiona nicht, was sie als Nächstes tun sollte.

Denk nach, sonst gehst du vor die Hunde.

Normalerweise behielt sie auch in Krisensituationen einen kühlen Kopf. Aber das hier war etwas anderes. Es ging um Jamie. Regungslos saß sie da und blickte starr auf ein Plakat, ohne wahrzunehmen, für was da geworben wurde.

Immer wieder dachte sie daran, was der Polizist zu ihr gesagt hatte: Ein erfahrener Fahrer hätte diesen Zusammenstoß vermeiden können. Offenbar hatte der Lkw-Fahrer Stein und Bein geschworen, auf der Straße sei genug Platz für zwei Fahrzeuge gewesen, und angedeutet, Jamie sei womöglich abgelenkt gewesen oder habe die Kurve mit überhöhter Geschwindigkeit genommen.

Fiona konnte sich nicht vorstellen, dass Jamie ein solches Risiko eingegangen wäre, schließlich saß er nicht allein im Wagen. Also musste er abgelenkt gewesen sein. Aber wovon? Von der Frau? Oder dem Kind?

Die möglichen Antworten auf diese Fragen quälten sie, doch zugleich wusste sie, dass es keinen Sinn hatte, nach einer Antwort zu suchen. Selbst wenn eine Untersuchung durchgeführt wurde, würde niemand je genau erfahren, was passiert war.

Erneut dachte Fiona an den Mann in der Notaufnahme. Er hatte so verzweifelt und am Boden zerstört gewirkt – und war in Gedanken bei seiner Tochter, der einzigen Überlebenden.

Byrne Drummond hatte seine Frau verloren und die Kleine ihre Mutter. Der Unfall hatte die Familie zerstört.

Und wahrscheinlich war Jamie dafür verantwortlich.

Fiona stützte die Ellbogen auf den Tisch und presste die Finger an die Augen, um die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Jamie zu verlieren war schlimm genug, aber der Gedanke an die Familie und die mutterlose Kleine lastete zusätzlich auf ihr. Sie erinnerte sich noch genau an den Tod ihres Vaters. Ihre Mutter war daran zerbrochen, und sie selbst hatte von da an stark sein müssen. Sie hatte sich um ihren kleinen Bruder gekümmert und sich immer für ihn verantwortlich gefühlt.

Und obwohl sie wusste, dass es nicht rational war, fühlte sie sich jetzt in gewisser Weise mitschuldig und verantwortlich für diesen Unfall. Wieder klang ihr der vorwurfsvolle Tonfall des Polizisten in den Ohren, und plötzlich schien es ihr, als würde sie keine Luft mehr bekommen.

Fiona sprang auf, bezahlte den Kaffee und das Sandwich und eilte nach draußen. Allerdings ging es ihr nicht besser, als sie an der Ladenzeile des Krankenhauses vorbeilief – einem Kiosk, einer Bäckerei, einem Blumengeschäft und einem Friseur.

Ein Blumengeschäft …

Sie ging einige Schritte zurück und betrachtete die Sträuße im Schaufenster. Als sie in den Verkaufsraum blickte, sah sie auf einem Regal an der Rückwand einige Stofftiere liegen.

Kurz entschlossen betrat sie den Laden. Und fühlte sich sofort besser.

„Riley ist heute Nachmittag schon viel fröhlicher. Sie sitzt im Bett und langweilt sich. Bestimmt freut sie sich über Besuch.“

Die Kinderschwester war anscheinend froh darüber, Fiona in Riley Drummonds Zimmer führen zu können. Ein farbenfrohes Fries, auf dem sich Zirkustiere tummelten, schmückte das Krankenzimmer.

Die Kleine saß in einem Gitterbettchen und hielt einen Teddy im Arm. In der anderen Hand hatte sie einen Stift und kritzelte in einem Malbuch. Sie blickte auf, als Fiona nervös auf sie zuging.

Sie hatte glattes braunes Haar, große braune Augen und ein entzückendes pausbäckiges Gesicht. Einen Moment lang hatte Fiona das seltsame Gefühl, sie irgendwo schon einmal gesehen zu haben.

Aber das war unmöglich. Wahrscheinlich ging vor lauter Erschöpfung die Fantasie mit ihr durch.

Doch sie konnte nicht einfach so dastehen. Das Mädchen betrachtete sie erwartungsvoll.

„Hallo, Riley“, begann Fiona mit bebender Stimme.

Ernst blickte die Kleine sie an. „Hallo.“

Erst jetzt, als es viel zu spät war, bedauerte Fiona, dass sie so wenig Erfahrung im Umgang mit kleinen Kindern hatte. Sie hatte sich wohlweislich immer im Hintergrund gehalten, wenn ihre Freundinnen mit ihrem Nachwuchs sprachen.

„Wer bist du?“, fragte die kleine Patientin.

„Ich heiße Fiona. Wie geht es dir?“

Riley zuckte die Schultern. „Ich bin ein bisschen müde.“ Als wollte sie es beweisen, gähnte sie herzhaft. „Kommt mein Daddy bald?“

„Dein Daddy?“ Fiona dachte an den Mann in der Notaufnahme und verspürte ein seltsames, unerklärliches Schaudern.

Vor Angst? Mitgefühl? Oder Panik? „Ich weiß nicht genau, wo er ist. Vielleicht … hat er zu tun.“

Die Kleine zog einen Schmollmund. Fiona hielt den Atem an und fragte sich, ob sie nun ihre Mutter erwähnen würde. Wieder erschauerte sie. Es war wohl doch keine gute Idee gewesen, hierherzukommen. Sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte.

„Dein Daddy ist wahrscheinlich unterwegs“, fügte sie hinzu.

„Kann er mich mit nach Hause nehmen?“

„Hm … Da musst du wohl die Schwester fragen.“ Schnell suchte Fiona nach einem anderen Gesprächsthema. „Wo wohnst du denn?“

„Coolaroo.“ Lächelnd blickte Riley zu ihr auf. Der Ausdruck in ihren braunen Augen war geradezu anrührend vertrauensselig, und Fiona verspürte großes Mitgefühl.

Sie zog sich einen Stuhl heran, setzte sich neben sie und öffnete die Plastiktüte, die sie in der Hand hatte. „Ich habe dir diesen Kleinen hier mitgebracht. Er kann deinem Teddy Gesellschaft leisten.“ Sie reichte ihr ein flauschiges, grünbraun gestreiftes Kuscheltier.

Es war nicht besonders hübsch. Eigentlich war es beinahe hässlich, aber aus irgendeinem Grund hatte sie sich zu ihm hingezogen gefühlt, als sie es im Regal bemerkte.

Erleichtert beobachtete sie, wie Riley das Stofftier erst anlächelte und es dann kichernd an die Nase stupste. „Das sieht lustig aus. Was ist das?“

„Ich glaube, es soll ein Dinosaurier sein.“

Die Kleine stieß einen seltsamen Laut aus. „Wie heißt er?“

„Er hat noch keinen Namen. Wie heißt denn dein Teddy?“

„Dunkum.“

„Duncan?“

„Nein. Dunkum.“ Das Mädchen betonte die letzte Silbe.

„Das ist ein schöner Name. Hast du ihn ausgesucht?“

Die Kleine nickte und lächelte wieder.

„Du bist ja klug.“

Rileys Augen funkelten schalkhaft. Sie nahm den Dinosaurier und drückte sein Gesicht an das des Teddys. „Sie küssen sich zur Begrüßung“, erklärte sie. An den Teddy gewandt, fügte sie im Befehlston hinzu: „Sag Athengar Guten Tag, Dunkum.“

Erwartungsvoll sah sie Fiona an, die zu ihrer Bestürzung feststellte, dass sie mitmachen sollte.

„Hallo, Athengar“, brachte sie hervor. Ihre Stimme klang so künstlich hoch und schrill, dass sie sie selbst nicht wiedererkannte.

Riley lächelte sie jedoch anerkennend an, was Fiona große Freude bereitete – so als hätte sie gerade ein wichtiges Geschäft abgeschlossen. Schließlich war es das erste Mal, dass sie mit einem Kind spielte. Und für einen Moment hatte sie nicht an Jamie gedacht.

Unwillkürlich erinnerte sie sich an ein Kuscheltier, das sie früher besessen hatte, ein hässliches Kamel namens Caspar, das ihr Vater ihr einmal von einer Geschäftsreise mitgebracht hatte. Sie hatte sehr daran gehangen und sich mit Erfolg dagegen gewehrt, als ihre Mutter es irgendwann wegwerfen wollte.

„Athengar hat Hunger“, verkündete Riley.

„Oje. Was soll er fressen?“

„Dich!“ rief die Kleine, wobei sie mit dem Kuscheltier gegen ihren Arm schlug.

Fionas gespielter Entsetzensschrei wurde mit einem entzückten Ausdruck in den Augen der Kleinen belohnt, als wäre diese begeistert, weil sie bereitwillig mitspielte.

Sie lachten beide und hörten deshalb nicht die Schritte im Flur. Als dann aber jemand das Zimmer betrat und einen wütenden Laut ausstieß, verstummten beide abrupt.

Fiona drehte sich um.

Byrne Drummond stand in der Tür und beobachtete sie.

Fiona saß noch immer auf dem Stuhl, und aus dieser Perspektive wirkte er beeindruckend groß – größer und kräftiger, als sie ihn in Erinnerung hatte. Dunkles Haar, graue Augen. Nicht die Spur eines Lächelns – schlimmer, er war wütend und funkelte sie an.

Natürlich war es sein gutes Recht, zornig auf sie zu sein. Er hatte gerade seine Frau verloren und trauerte um sie. Und ihr Bruder war für diesen Verlust verantwortlich.

Trotzdem beunruhigte sie diese Wut, und sie war froh, dass sie in ihrem Berufsleben genügend Erfahrung im Umgang mit aufgebrachten Männern gesammelt hatte. Ruhig stand sie auf und erwiderte seinen Blick, ohne mit der Wimper zu zucken.

„Was tun Sie hier?“, fragte er mühsam beherrscht. Die Kerben um seine Mundwinkel ließen erahnen, was er gerade durchmachte.

„Ich besuche Riley“, erwiderte sie vorsichtig und fügte unbehaglich hinzu: „Ich bin Fiona McLaren.“

„Das weiß ich bereits. Die Schwester hat es mir gesagt.“

Er machte keine Anstalten, sich vorzustellen.

„Und Sie sind Rileys Vater“, sagte sie betont ruhig, aber sie hatte das Gefühl, sich auf gefährliches Terrain zu wagen.

Byrne nickte, doch seine grauen Augen blitzten auf, als wollte er sie darauf hinweisen, dass es sie nichts anging.

„Hallo, Daddy“, rief Riley begeistert und entschärfte mit ihrer hellen Stimme die Atmosphäre.

Als er seine Tochter ansah, wurde seine Miene sofort weicher. Er lächelte die Kleine an, aber es wirkte so gequält, dass es Fiona das Herz brach.

„Ich wollte nur kurz nach ihr sehen.“

Byrne ließ sich nicht anmerken, ob er es gehört hatte.

„Guck mal, was ich bekommen habe, Daddy.“ Riley zeigte ihm den Dinosaurier. „Das ist Athengar. Die Lady hat ihn mir geschenkt.“

Byrne bedachte Fiona mit einem finsteren Blick und schaute sich dann leicht angewidert das Kuscheltier an, so als ob er einen verfilzten, ekligen Lappen betrachten würde. „Sieht aus wie eine Kreuzung zwischen einer Eidechse und einem Wombat.“

„Es ist ein Dinosaurier“, klärte seine Tochter ihn gekränkt auf. „Er heißt Athengar und ist Dunkums neuer Freund.“

Ihr Vater wirkte noch missmutiger als zuvor.

Fiona beobachtete die beiden, das fröhliche, temperamentvolle Kind mit den braunen Augen und den großen, attraktiven Mann mit der versteinerten Miene und der Aura eines einsamen Cowboys.

Noch gestern hatte es ein weiteres Familienmitglied gegeben. Tessa Drummond. Sie waren zu dritt gewesen. Eine glückliche kleine Familie.

Jamies Unfall hatte alles verändert.

„Ich gehe jetzt“, sagte Fiona.

Byrne nickte steif. „Das ist sicher das Beste.“

Mühsam schluckte sie. Dann bückte sie sich, um ihre Jacke und die leere Tüte aufzuheben. Sie rang sich ein Lächeln ab. „Auf Wiedersehen, Riley.“

„Wiedersehen.“

Die Kleine wirkte plötzlich sehr erschöpft, müde drückte sie den Dinosaurier an ihre Brust.

Fiona wandte sich zu Byrne. Sie sah ihm in die Augen und hoffte, er merkte, dass sie es ernst meinte. „Auf Wiedersehen, Mr. Drummond. Ich fühle mit Ihnen. Es tut mir so leid …“ Gerade noch rechtzeitig erinnerte sie sich an Riley. Wie viel wusste die Kleine? „… mit dem Unfall.“

Er schluckte ebenfalls schwer. Offenbar konnte er nicht antworten, selbst wenn er es gewollt hätte.

Fiona atmete tief durch, um nicht die Beherrschung zu verlieren, doch es war alles noch zu frisch. Sie konnte nicht stark sein. Die Trauer um Jamie überkam sie mit Macht.

Byrne runzelte die Stirn. In seinen Augen lag ein harter Ausdruck.

„Sag Athengar Auf Wiedersehen“, rief Riley.

Aber Fiona konnte es nicht. Es war ein Fehler gewesen, hierherzukommen. Sie hatte nichts erreicht.

Ohne sich noch einmal umzudrehen, hastete sie aus dem Krankenzimmer.

„Miss McLaren …“

Genau in dem Moment, als Fiona verschwand, fand Byrne die Sprache wieder. Durch die Mattglasscheibe sah er, wie sie innehielt und sich dann mit einer eckigen, abgehackten Bewegung umdrehte. Dann stand sie wieder an der Tür.

Eine Erscheinung aus einer anderen Welt.

Eine Geschäftsfrau aus der Großstadt in einer weißen Bluse und einem engen cremefarbenen Rock, mit Perlenkette und dazu passenden Ohrringen. Helle Strümpfe und cremefarbene Pumps mit hohen Absätzen betonten ihre Weiblichkeit. Ihre Kostümjacke hatte sie sich über die Schulter gehängt.

Auf den ersten Blick wirkte sie kühl, elegant und beherrscht, doch ihre Augen verrieten ihre Verletzlichkeit.

Als sich ihre Blicke trafen, reagierte ...

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