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Du hast ihn nicht verdient

Über dieses Buch

»Du hast Jack nicht verdient.
Du hast es nicht verdient, ruhig zu schlafen.
Du hast es nicht verdient zu leben.«

Als die sechzehnjährige Tara bei einer Klassenfahrt nach Schottland spurlos verschwindet, spricht jeder von einem furchtbaren Unfall. Alice kennt jedoch die Wahrheit und würde die verhängnisvolle Nacht nur zu gerne aus ihrem Leben streichen. Was einmal als harmloser Streich begonnen hatte, entwickelt sich mehr und mehr zu einem wahren Albtraum. Immer wieder quälen Alice die Gedanken am Tod ihrer ehemaligen Freundin. Als sie Taras Bruder Jack wiedertrifft, wird sie erneut mit der Vergangenheit konfrontiert. Ausgerechnet jetzt scheint Jack ihre Nähe zu suchen und sie bekommt ihn nicht mehr aus dem Kopf. Wie würde er nur reagieren, wenn er wüsste, was in jener Nacht wirklich passiert ist?

Plötzlich geschieht ein weiteres Unglück. Alice vermutet, dass sie noch nicht alles über die schreckliche Nacht herausgefunden hat und macht eine Entdeckung, die alles verändert …

Über den Autor

Cat Clarke wurde 1978 in Sambia geboren und wuchs in Edinburgh und Yorkshire auf. Nach dem Studium arbeitete sie in London für einen Kinderbuchverlag und schrieb selbst Sachbücher für Kinder. Inzwischen lebt sie wieder in ihrer alten Heimat Edinburgh, wo sie sich neben ihrem Hund und ihren beiden Katzen auch um ihre selbst gegründete Literaturagentur für junge Autoren kümmert. Ihr Debütroman vergissdeinnicht wurde in Großbritannien begeistert von der Presse aufgenommen und sofort zu einem großen Erfolg.

www.catclarke.com

Cat Clarke

DU
HAST IHN
NICHT
VERDIENT

Aus dem Englischen von Alexandra Kranefeld

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Dad, mit Unmengen Liebe und ganz viel Respekt.
Du bist wirklich ziemlich wunderbar, weißt du.

1

Eine Beerdigung ohne Leiche ist wie eine Hochzeit ohne Braut. Oder Bräutigam.

Weshalb es offiziell auch keine Beerdigung ist, sondern ein Gedenkgottesdienst. Anstelle des Sargs steht vorn ein riesiges Foto von ihr. Hübsch sieht sie aus. Hoffnungsfroh, wenn man das so sagen kann.

Die Kirche ist rappelvoll. Wer hinten steht, muss sich den Hals verrenken, um einen Blick auf die Familie zu erhaschen. Als wir angekommen sind, haben draußen sogar Fotografen gewartet. Ein richtiger Zoo. Ein einziges Heulen, Schniefen, Füßescharren. Nicht dass ich besser wäre, ich habe auch ganz schön rumgeheult. Dad hat mir gleich sein Taschentuch in die Hand gedrückt. Jetzt ist es nass und vollgerotzt, und ich glaube nicht, dass er es zurückhaben will.

Niemand trägt schwarz. Schwarz ist offiziell verbannt. Sie soll Witze über ihre eigene Beerdigung gemacht haben; alle sollten neonfarbene Klamotten tragen und so. Nirgends Neon. Tja. Ich hab mich extra in meine knalllila Skinny Jeans gezwängt (was habe ich mir dabei bloß gedacht?).

Wenn ich mir meine eigene Beerdigung ausgemalt habe, dann ganz anders als das hier. Definitiv ohne Schulchor, der »Keep Holding On« von Avril-leck-mich-Lavigne singt. Polly Sutcliffe hat ihren großen Auftritt. Und eine neue Frisur. Mit Strähnchen. Sie schafft es gerade mal durch die erste Strophe, dann bricht sie in Tränen aus. Richtige, echte Tränen, so wie ich sie seit Tagen vergieße.

Tränen des Schocks.

Tränen der Trauer.

Tränen der Schuld.

*

Schule ist seltsam, seit es passiert ist. Niemand redet mehr über was anderes. Den ersten Tag, nachdem wir zurück waren, haben alle Lehrer zum Beginn jeder Stunde ein paar Worte über sie gesagt. Manche waren überzeugender als andere. Miss Daley hat sie ja nicht mal gekannt – nicht wirklich –, aber es schien sie trotzdem richtig fertigzumachen.

Daley hat erst dieses Schuljahr bei uns angefangen. Sie ist neu, frisch und unverbraucht. Leichte Beute. Ein zartes Geschöpf mit einem Schild auf der Stirn: Ich bin frischgebackene Lehrerin und lasse alles mit mir machen. Weshalb wir machten, was wir immer machen: Schwachstellen suchen und schauen, wie weit wir gehen können, bis sie anfängt zu heulen. Wenn sie heult. Aber bislang hat sie sich wacker gehalten, alles mit Bravour gemeistert, was wir für sie auf Lager hatten – sogar Taras aufgeblasenes Ego.

Immer wieder schaue ich zu Cass rüber; ich kann einfach nicht anders. Sie zupft sich Katzenhaare vom Rock, wie immer, wenn sie gelangweilt ist. Nur dass Cass sonst kaum Röcke trägt. Ihre Mutter muss sie dazu überredet haben. Sieht aus, als wäre sie auch beim Friseur gewesen. Alle scheinen sich für den Anlass aufgebrezelt zu haben. Ich fange ihren Blick auf, sie winkt mir verstohlen zu. Ich schüttele den Kopf, ganz leicht nur, damit niemand sonst es merkt. Sie zuckt die Schultern und widmet sich weiter ihrer Fellpflege. Oh Mann.

Dass sie nicht weint, wundert mich nicht. Ich glaube, ich habe sie noch nie weinen sehen. Nicht mal letzten Sommer, als Boots Mark 3 überfahren worden ist. Und Boots Mark 3 war ihr von allen Boots Marks der liebste. Da kann Boots Mark 4 nicht mithalten. Schon allein, weil er viel mehr haart als sein Vorgänger. Auch ein Grund, Abstand zu halten, ich bin nämlich allergisch gegen Katzen. Also nicht richtig schlimm, aber mein Gesicht fängt komisch an zu jucken, sobald irgendwo eine Katze ist. Oder ein Kater.

Cass ist mächtig stolz darauf, stark zu sein. Mädchen, die andauernd heulen, findet sie jämmerlich. Heulen am Ende eines Disneyfilms? Jämmerlich. Heulen, weil der Junge, auf den man scharf ist, nicht mal weiß, dass man existiert? Jämmerlich. Die ganze Schule seit Tagen nur noch am Heulen? Jämmer-jämmer-jämmerlich.

Zum Glück macht sie für mich eine Ausnahme. Ich darf heulen, wann immer ich will, und Cass würde alles tun, um mich aufzumuntern. Meistens versucht sie, mich zum Lachen zu bringen. Sie schafft es immer, mich zum Lachen zu bringen. Das ist eines der Dinge, die ich wirklich an ihr mag. Nur nicht dann, wenn sie es extra macht und ich gerade den Mund voll Orangensaft habe. Das ist einfach nur fies.

Gott sei Dank, das Gesinge ist vorbei. Ich schaue in der Gottesdienstordnung nach dem nächsten Programmpunkt: eine Lesung der drei Hexen. Natürlich steht da nicht

»Hexen«, aber so nennt Cass sie. Für sich genommen sind sie gar nicht sooo schlimm – ganz normale Mädchen eben: Gemma, Danni und Sam. Aber alle drei zusammen verwandeln sich in etwas Größeres, Böseres. Und gibt man dann noch die furchtlose Anführerin dazu, mutiert der Mix zu einem vielgesichtigen Monster allgemeiner Beliebtheit. Ein Monster, das von den Lehrern und den Lehrerinnen aus unerfindlichen Gründen geliebt wird. Ein Monster, das von den Jungs noch mehr geliebt wird. Ein Monster, dem wir Normalsterblichen uns beugen, aus Angst, aber auch aus widerwilligem Respekt. Und Neid.

Aber die furchtlose Anführerin gibt es nicht mehr.

*

Die Lesung erwischt mich kalt. Sie besteht aus einer längeren Passage aus einem ihrer Lieblingsbücher, angeblich. Einem Buch, das ich ihr vor langer, langer Zeit geschenkt hatte.

Dad flüstert mir ins Ohr: »Weißt du noch, wie ich dir daraus vorgelesen habe?«

Ich nicke. Mein Hals ist wie zugeschnürt.

Die Hexen absolvieren ihren Auftritt ohne das übliche Haarezurückwerfen und Schnutenziehen. Wasserfester Mascara wurde für Tage wie diesen erfunden. Ich will gerade wieder zu Cass rüberschauen, lasse es dann aber sein. Wahrscheinlich sitzt sie da und grinst, das könnte ich jetzt nicht ertragen.

Vorne in der ersten Reihe steht ein Junge auf. Verwuscheltes braunes Haar und hängende Schultern. Langsam geht er zum Rednerpult und zieht hinten aus seiner Jeanstasche einen zerknitterten Zettel. Er räuspert sich und lässt seinen Blick über die Bänke schweifen, begegnet kurz meinem. Keine Ahnung, ob er mich erkannt hat. Es ist fünf Jahre her, seit ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Er ist nicht mehr der schlaksige kleine Junge in den viel zu großen Klamotten, er ist beinahe ein Mann. Ein Beinah-Mann. Jack.

»Ich möchte allen danken, die heute gekommen sind. Es bedeutet mir und meiner Familie sehr viel. Ich wünschte, Tara könnte hier sein und sehen, wie sehr sie von allen geliebt wurde.« Der Gedanke entlockt ihm ein winziges Lächeln. Mir auch. Der Zettel zittert in seiner Hand. Alle können sehen, wie sehr er versucht, sich zusammenzureißen. Er knüllt den Zettel zusammen und spricht weiter. »Tara war die nervigste große Schwester der Welt.« Einige Leute schauen schockiert, runzeln leicht die Stirn. Cass schaut interessiert. Ich bin definitiv interessiert.

»Ehrlich. Sie hat mich wahnsinnig gemacht. Ich durfte nie die Fernbedienung haben. Sie hat sich einfach meinen iPod genommen, ohne zu fragen. Und wenn der Akku leer war, hat sie ihn irgendwo liegen lassen. Sie hat meine Mailbox vom Handy abgehört und meine SMS gelesen. Sie hat mich ständig nur verarscht. Gegen sie hatte ich keine Chance. Wenn wir uns gestritten haben, hat sie mich in Stücke gerissen – und ist dann zu Mum gerannt, wie gemein ich zu ihr wäre und dass ich sie die ganze Zeit ärgern würde. Sie konnte jeden um den kleinen Finger wickeln. Einfach so.« Er schnippt mit den Fingern. Niemand scheint zu wissen, wie er reagieren soll. Es ist absolut genial.

»Tara war die beste Schwester der Welt. Wenn ich krank war, hat sie mir Tomatensuppe und Toast gebracht. Und sie hat immer darauf geachtet, die Butter auch wirklich bis zum Rand zu schmieren. Von ihr habe ich gelernt, dass man immer Nein sagen muss, wenn ein Mädchen fragt, ob ihr Hintern fett aussieht. Als ich mal besoffen nach Hause gekommen bin und auf den Teppich im Flur gekotzt habe, hat sie mich nicht verraten und hat es dem Hund untergeschoben. Sorry, Mum. Und sorry, Rufus.« Erleichterung. Die meisten Leute lachen. Ein gedämpftes Begräbnislachen.

»Tara war immer für mich da, wenn ich jemanden zum Reden brauchte. Sie hat nicht immer das gesagt, was ich hören wollte, aber sie war immer ehrlich. Absolut, brutal ehrlich. Das Letzte, was sie zu mir gesagt hat, war: ›Lass dir mal die Haare schneiden, du siehst echt lächerlich aus.‹« Jack lacht und fährt sich mit der Hand durchs Haar. Ich finde nicht, dass er lächerlich aussieht.

»Meine Schwester war für mich der wichtigste und liebste Mensch überhaupt, und ich werde sie jeden einzelnen Tag bis ans Ende meines Lebens vermissen. Jetzt kann ich die Fernbedienung haben, wann ich will, und mein iPod ist immer aufgeladen. Aber ich will einfach nur meine Schwester zurück. Doch das wird nicht passieren.« Am Schluss versagt ihm die Stimme, und er hat es eilig, zurück an seinen Platz zu kommen.

Das Atmen fällt mir schwer. Ich schließe die Augen und versuche, an etwas anderes zu denken, irgendwas anderes. Ohne Erfolg. Alles, woran ich denken kann, ist ihr gar nicht mehr so kleiner Bruder, der um seine Schwester trauert. Und nie die Wahrheit erfahren wird.

Bitte, lieber Gott, lass es bald vorbei sein. Ich hätte nicht kommen sollen. Keine von uns sollte hier sein. Rae hat es richtig gemacht und ist gleich ganz weggeblieben. Aber bei ihr ist das auch was anderes. Sie kommt damit durch, braucht einfach nur die Depressives-Emo-Mädchen-Karte zu spielen. Wir anderen haben da weniger Glück.

Mrs Flanagan hält eine Rede. Sie spricht von einer Tara, die ich nicht wiedererkenne. Ein strahlender Stern am Himmel … immer ein freundliches Lächeln für jeden … zuvorkommend und hilfsbereit … eine Auszeichnung für ihre Schule und ihre Familie … wir können uns glücklich schätzen, sie gekannt zu haben … Wir werden sie alle vermissen.

Warum wird man eigentlich automatisch ein guter Mensch, sobald man tot ist? Warum sieht denn keiner, wie sie wirklich war? Tara muss Mrs Flanagan ganz schön um den kleinen Finger gewickelt haben. Aber sie hatte schon immer ein Händchen für Lehrer. Und Lehrerinnen. Alle fanden sie wunderbar. Die Einzige, die nicht auf sie reingefallen ist, war Daley. Sie ließ Tara nicht machen, was sie wollte, nur weil sie Tara war. Es war, als hätte sie noch niemand in das ungeschriebene Gesetz der Bransford Academy eingeweiht: Tara Chambers war Gott.

Daley hat ihr gleich am ersten Tag der Klassenfahrt gezeigt, wo es langging. Sie ließ Tara nicht einfach ihr Ding machen. Andere Lehrer hätten nachgegeben – Tara konnte sehr überzeugend sein –, Daley ließ sich nicht beirren.

Wenn sie Tara nur hätte machen lassen.

*

Noch ein paar Lieder, ein paar warme Worte des Pfarrers, dann ist es geschafft. Zu den Klavierklängen eines Songs, der mir irgendwie bekannt vorkommt, schieben wir uns aus der Kirche. Es dauert einen Moment, dann komme ich drauf: »Don't Stop Me Now« von Queen. Allerdings in einer quälend langsamen Orchesterversion. Schräg. Wahrscheinlich auch so etwas, das Tara witzig gefunden hätte, als sie noch dachte, ihre Beerdigung würde in ferner Zukunft liegen.

Es tut gut, endlich draußen zu sein und wieder frische Luft zu atmen. Dad hat leicht den Arm um mich gelegt.

»Wie geht's, Kleines? Das war bestimmt nicht leicht für dich.«

So geht das jetzt andauernd, seit ich wieder zurück bin. Ich glaube, er macht sich Sorgen, dass mich das alles an Mum erinnert. Tut es ja auch. Aber Mums Tod war etwas ganz, ganz anderes.

Ich lächele schwach. »Ich komm schon klar. Danke.«

Er nimmt mich in die Arme und drückt mich. »Du bist ganz tapfer, weißt du das? Ich bin so stolz auf dich.«

Jetzt geht es mir richtig mies, aber irgendwie schaffe ich es zu erwidern: »Danke, Dad. Ich geh mal kurz Cass suchen. Treffen wir uns am Auto?«

Er nickt und lässt mich gehen.

Ich suche in der Menge nach Cass. Stephanie de Luca schnäuzt sich ziemlich unschön die Nase. Der Anzug ihres Vaters glänzt so sehr, dass ich fast geblendet bin, und die Haare ihrer Mutter sind unnatürlich schwarz. Ein paar Fotografen treiben sich mit suchendem Blick herum. Bloß weg. Ich schlängele mich an Polly vorbei, die mit einer Frau zusammensteht, die sich eilig Notizen macht. Im Vorbeigehen schnappe ich ein paar Worte auf. »Natürlich, es ist schrecklich. Wir sind alle am Boden zerstört. Es war so ein Schock.«

»Du standest Tara besonders nah?«

»Na ja, doch. Das taten wir eigentlich alle. Tara war unglaublich beliebt.«

Oh Gott.

Von hinten zischt mir jemand ins Ohr: »Haha, wer's glaubt. Was zum Teufel treibt sie da?«

Ich drehe mich um. »Keine Ahnung. Vielleicht ist sie jetzt völlig übergeschnappt.«

Cass und ich steuern auf den alten Friedhof zu, weg von den anderen.

»Und … wie fandest du es?«

»Was?«

»Na, was wohl? Die Heiligsprechung der Miss Chambers. Selten so gelacht.«

»Cass! Sie ist tot. Das ist nicht witzig.«

»Ich weiß. Tut mir leid. Aber ich find's einfach nur schräg.«

Stimmt irgendwie, aber wie sie es sagt, macht mich wütend. »Mensch, Cass, was ist los mit dir? Macht dich das überhaupt nicht traurig? Lässt dich das alles völlig kalt?«

Jetzt sieht sie richtig angefressen aus, und ich weiß, dass ich zu weit gegangen bin. Cass wird nicht so schnell sauer. Zumindest nicht auf mich.

»Natürlich bin ich traurig! Aber ich kann's auch nicht ändern, oder? Nur weil ich hier nicht rumheule, heißt das noch lange nicht, dass mir alles am Arsch vorbeigeht! Ich muss mir von dir nicht sagen lassen, wie ich mich zu fühlen habe, okay?«

Ganz kurz denke ich, dass sie doch gleich anfängt zu heulen. Natürlich tut sie es nicht. Ich fühle mich trotzdem mies, mal wieder. »Tut mir leid. Ich meine ja nur … Wir sollten keine Witze darüber machen.«

Sie zuckt mit den Schultern, und alles scheint vergessen. »Wo du recht hast, hast du recht. Pass auf, ich muss los. Mum hat mich dazu verdonnert, bei Jeremys Geburtstag zu helfen. Zwanzig hyperaktive Sechsjährige, die sich bei Pizza Express abreagieren – ein absoluter Albtraum.«

Als wir uns zum Abschied umarmen, sehen wir wahrscheinlich ganz genauso aus wie die anderen kunterbunten Trauergäste, die Halt und Trost aneinander suchen und sich fragen, wie einem jungen Menschen nur etwas so Schreckliches zustoßen konnte. Nur dass wir es wissen.

Wir wissen es.

*

Auf dem Weg zum Auto sehe ich Taras Bruder. Er sitzt auf der Friedhofsmauer, ganz allein. Als ich vorbeigehe, schaut er auf, und ich bin mir sicher, dass er mich ansprechen wird. Bitte nicht. Ich will es wirklich nicht. Was soll ich denn sagen? Scheiße, dass deine Schwester tot ist. Wahrscheinlich erinnert er sich sowieso nicht mehr an mich.

Genau in diesem Augenblick stürzt sich eine sehr füllige Frau auf Jack. Nein, sie stürzt sich nicht – sie umfängt ihn. Sie hat etwas an, das aussieht wie ein psychedelisches Zelt. Jack verschwindet in ihrer Umarmung. Puh, das war knapp.

Dad steht an die Motorhaube gelehnt und raucht hektisch. Als er mich kommen sieht, lässt er die Kippe fallen, tritt sie aus und wirft sich ein Minzbonbon ein. Wir haben ein eher halbherziges Abkommen: Er darf rauchen, solange ich nichts davon mitbekomme. Ich will es nicht sehen, ich will es nicht riechen, ich will nicht an seine verteerten Lungen denken. Wenn das, was mit Mum passiert ist, ihm nicht vom Rauchen abhält, dürfte jede weitere Anstrengung zwecklos sein. Heute lasse ich es ihm durchgehen – ich denke mal, die Beerdigung hat ihn wirklich gestresst.

Sobald wir vom Parkplatz gefahren sind, drehe ich das Radio auf. Die Musik hilft mir, den Kopf freizubekommen. Aber dann stellt Dad sie gleich wieder leise.

»Und … wie fühlst du dich?«

Nicht schon wieder. Bitte nicht schon wieder. »Gut, danke.« Ich strecke die Hand nach dem Lautstärkeregler aus, bin aber nicht schnell genug.

»Ihre armen Eltern. Für sie muss es die Hölle sein. Ich konnte vorhin kurz ein paar Worte mit Bob wechseln und habe ihm unser Beileid ausgesprochen. Er stand völlig neben sich.«

Aufhören, aufhören, aufhören. Bitte. »Ich finde, Jack hat das gut gemacht mit seiner Rede. Unglaublich, wie erwachsen er geworden ist! Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, war er noch ein richtiger kleiner Racker.« Er verstummt.

Ich habe echt nichts zu sagen, aber ich weiß, Dad wartet darauf, dass ich etwas erwidere. Also versuch es einfach. Sag was, egal was. Irgendwas. Das kann doch nicht so schwer sein. Wie wäre es mit …

»Hm.« Perfekt. Unverbindlich. Was könnte unverfänglicher sein als ein »Hm«?

Es scheint zu funktionieren. Dad redet weiter, während ich weiter aus dem Fenster starre. Ab und zu nicke ich und sage Ja oder Nein oder sonst etwas Einsilbiges. Dad scheint nicht zu merken, dass er praktisch Selbstgespräche führt. Oder er merkt es und lässt es mir durchgehen – in Anbetracht der Umstände. Denn angeblich bin ich ja traumatisiert.

Letzte Woche fand nach der Schule eine psychologische Beratung für die Eltern der Mädchen statt, die mit auf Klassenfahrt waren. Dad hat mir danach alles erzählt. Eine auf post-traumatischen Stress spezialisierte Psychologin hat ihnen erklärt, auf welche verschiedenen Arten dieser Stress sich zeigen kann. Angeblich gibt es auch keine richtige oder falsche Art zu trauern. Das sehe ich anders. »Vermiss dich sooooo sehr! Aber du bist jetzt an einem besseren Ort. xoxo« auf Taras Facebook-Seite zu schreiben, ist für mich der Inbegriff der falschen Art zu trauern. Es gibt auf Facebook auch zwei Tara-Chambers-Gedenkseiten (»R.I.P. Tara Chambers«). Die eine hat nur neun Likes, aber die andere schon 452. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich wahrscheinlich Nummer 453 werde. Bloß nicht durch Abwesenheit glänzen.

Ich dachte, ich höre nicht richtig, als Dad nach Hause kam und dieses ganze Psychogeschwätz von sich gab. Ganz neue Töne. Aus irgendeinem Grund hat die jetzige Situation seine Meinung über Psychologen/Therapeuten/Lebensberater verändert. Vielleicht macht er sich doch langsam Sorgen, wie viel Tod sein kleines Mädchen vor seinem achtzehnten Geburtstag noch verkraften kann.

Bruno erwartet uns schon an der Haustür. Ich schnappe ihn mir und vergrabe mein Gesicht in seinem Fell. Tief durchatmen. Echt jämmerlich, wie dankbar mich sein warmes, tröstendes Hundedasein macht. Es ist vorbei. Das Schlimmste ist überstanden. Ich habe es überstanden.

Ich nehme zwei Stufen auf einmal, will endlich diese lächerliche lila Jeans ausziehen, die mir (seien wir ehrlich) eine Nummer zu klein ist. Bruno wetzt auf der Treppe an mir vorbei. Jede Wette, dass er gleich oben auf meinem Bett liegt und den Bauch gekrault haben will.

Als ich in mein Zimmer komme, ist von Bruno allerdings nichts zu sehen, was nur bedeuten kann, dass er sich unters Bett verzogen hat – sein zweitliebstes Versteck im Haus.

Aber Tara ist da. Kauert am Fußende meines Bettes.

2

Ihre Hände sind schmutzig, die Fingernägel abgesplittert und blutig, verkrustet mit dunkler Erde. Mit dem Daumennagel der einen Hand versucht sie den Dreck unter den Fingernägeln der anderen hervorzukratzen. Viel zu bringen scheint es nicht.

Als ich die Tür hinter mir schließe, sieht sie mich an. »Und, wie war es?« Ihre Stimme klingt heiser, krächzend, ganz anders als früher. Als müsse sie sich räuspern; was sie nicht tut.

Ich ignoriere sie. Fällt mir gar nicht mehr so schwer.

Als sie das erste Mal hier aufgetaucht ist – letzten Dienstag, mitten in der Nacht –, wäre ich fast gestorben vor Schreck. Zum ersten Mal seit Tagen war ich nicht panisch, heulend und schweißüberströmt aufgewacht. Zum ersten Mal seit Tagen hatte ich von etwas anderem geträumt. Ich reckte und streckte mich unter der Decke und seufzte vor Erleichterung. Vielleicht würde doch noch alles gut werden. Vielleicht würde es mich doch nicht bis ans Ende meiner Tage verfolgen. Ich versuchte, mich an meinen Traum zu erinnern, doch je mehr ich es versuchte, desto weniger erinnerte ich mich. Ich versuchte mich ganz stark zu konzentrieren, aber vergebens. Dann hatte eine Stimme in der Dunkelheit mich fast zu Tode erschreckt.

»Freu dich lieber nicht zu früh, es ist noch nicht vorbei.« Eine Stimme, die mir irgendwie bekannt vorkam, aber etwas stimmte nicht. Sie klang anders, schrecklich anders. Hastig setzte ich mich auf, knipste die Nachttischlampe an und kniff kurz die Augen zusammen, weil das Licht mich so blendete. Und da war sie. Kauerte am Fußende meines Bettes, direkt neben Bruno. Ich wollte schreien, brachte aber nur ein klägliches Wimmern heraus. Bruno schlief, ahnte nichts von meinem Schrecken, wedelte nur kurz mit dem Schwanz.

Es ist ein Traum. Ein total abgefahrener Traum, aber eben nur ein Traum. Versuch dich darauf zu konzentrieren, dass es ein Traum ist, dann wachst du auf. Ich kniff die Augen ganz fest zusammen und presste die Fäuste dagegen. Konzentrier dich einfach auf deinen Atem: Ein, aus, ein, aus. Genau so. Schon besser. Ich wurde ruhiger und …

»Weißt du, es ist ziemlich unhöflich, jemanden einfach so zu ignorieren.«

Scheiße. Warum kannst du nicht einfach aufwachen? Du wachst doch sonst immer auf, ehe die wirklich schlimmen Dinge passieren, oder?

»Mein Gott, Alice, jetzt stell dich nicht so an. Langsam wird's langweilig.«

Wenigstens klang sie nicht wie von den Toten auferstanden. Sie klang genau wie Tara. Eine stimmlich etwas angeschlagene Tara.

Ich machte die Augen auf und starrte sie an. Ihre Haare glänzten, die hellen Strähnchen schimmerten im Licht. Ihr Gesicht sah auch ganz normal aus, vielleicht ein bisschen blass. Ihr Top und die knappen Shorts waren blitzsauber, ganz anders als ihre Hände. Ich musste mich echt anstrengen, nicht immer auf diese Hände zu starren.

»Schon besser. Man könnte glatt meinen, du hättest einen Geist gesehen!« Sie lächelte über ihren kleinen Witz. »Wie gesagt, freu dich lieber nicht zu früh.«

»Wa… was?«, sagte ich. Oder vielmehr krächzte ich. Genau wie sie.

»Du hast gerade von etwas anderem geträumt. Von jemand anderem. Warum träumst du nicht von mir?« Sie schmollte.

»Du bist es nicht, du kannst es gar nicht sein«, murmelte ich. »Du bist es nicht, du bist nicht echt, ich wache gleich auf.« Ich machte die Augen zu und fing an, das Schlaflied zu summen, das Mum mir immer vorgesungen hatte, wenn ich schlecht geträumt hatte.

»Weißt du eigentlich, wie bescheuert du klingst? Sieh mich an, Alice. Sieh mich einfach nur an.«

Ich wollte es nicht, aber ich konnte nicht anders.

»Na, geht doch. Gar nicht so schwer, oder?« Sie hatte sich im Schneidersitz hingesetzt. Ihre Zehennägel waren bonbonrosa lackiert. Aber ihre Hände … ihre armen Hände! Fast könnte man meinen, sie hätte mit bloßen Händen …

Ich räusperte mich. »Was willst du von mir?« Sie ist nur Einbildung. Warum sprichst du überhaupt mit ihr? Es ist nur ein Traum.

Tara lächelte. Dieses spöttische Lächeln, das ich nur zu gut kannte. »Was ich von dir will? Tja. Interessante Frage. Mal sehen … Vielleicht mit dir reden? Vielleicht brauche ich ja jemanden, dem ich all meine Geheimnisse anvertrauen kann? Eine Schulter zum Ausheulen? Oder vielleicht … Vielleicht will ich einfach nur ein bisschen Mitleid, weil ich tot bin, verdammte Scheiße!« Jäh blitzte Zorn in ihrem Gesicht auf, so plötzlich, dass ich fast meinte, ich hätte es mir nur eingebildet. Dann wieder dieses Lächeln.

»Du bist gar nicht wirklich hier. Das bilde ich mir nur ein.« Meine Stimme bebte, sehr verräterisch.

»Wenn du meinst.«

»Du kannst gar nicht hier sein. Du bist …«

»Tot? Weiß ich selber, sonst noch was?«

»Lass mich in Ruhe. Bitte.«

»Lass mich in Ruhe. Bitte.« Sie ahmte mich perfekt nach, bebende Stimme und alles. »Wo bleibt denn da der Spaß?«

»Ich mach jetzt die Augen zu, und wenn ich sie wieder aufmache, bist du verschwunden. Das ist alles nur ein Traum oder eine Halluzination oder sonst was. Du kannst gar nicht hier sein. Wenn ich die Augen aufmache, bist du verschwunden.« Tief durchatmen. Augen schließen. Fünf tiefe Atemzüge. So. Augen wieder aufmachen …

»Buh!«, rief Tara und lachte so heftig, dass ich Angst hatte, sie erstickt. »Etwas komisch warst du ja schon immer.«

»Okay. Ich schlafe jetzt weiter, oder ich wache auf, oder was immer dich verschwinden lässt.« Wenn ich mir da nur mal sicher wäre! Ich zog mir die Decke über den Kopf und kuschelte mich ganz fest ein. Das Herz trommelte mir in der Brust.

»Schön. Wie du willst. Aber ich komme wieder. Irgendwann wirst du mit mir reden müssen.« Dann war es still. Nichts war mehr zu hören außer den leisen Schnüffellauten, die Bruno von sich gibt, wenn er einen besonders tollen Traum hat.

Ich wartete etwa fünf Minuten, oder auch zehn, und war mir fast sicher, dass sie noch immer da wäre, wenn ich mich wieder unter meiner Decke hervorwagte. Doch der Platz neben Bruno war leer. Keine Geister weit und breit.

Alles hatte so echt gewirkt. Als ob es ganz real wäre. In Gedanken ging ich alles noch mal durch, jedes Wort. Alles, was sie gesagt hatte, war durch und durch Tara gewesen. Aber Tara war tot. Was nur bedeuten konnte, dass ich a) den Verstand verlor oder b) noch immer träumte. Ich schlug mir kräftig ins Gesicht. Es tat weh. Ziemlich sogar. Okay, dann träumst du wahrscheinlich nicht.

Ich lag noch Stunden wach. Wenigstens kam es mir so vor. Ihre Hände … Was war bloß mit ihren Händen passiert? Mir graute davor einzuschlafen, mir graute davor wach zu bleiben. Irgendwann musste ich dann doch weggedämmert sein.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, fühlte ich mich total zerschlagen. Bruno leckte mir das Gesicht. Ich schubste ihn weg, und er verzog sich wieder ans Fußende. Dann fiel mir alles wieder ein.

Es war ein Traum. Es konnte nur ein Traum gewesen sein. Mann, du musst echt einen Knall haben!

Aber wem versuchte ich was vorzumachen? Selbst da wusste ich schon, dass es kein Traum gewesen war. Zumindest kein richtiger.

Das war das erste Mal, und seitdem war sie – vor heute – noch zwei weitere Male da gewesen.

Donnerstagnacht lief es ganz genauso. Ich wachte aus einem meiner seltenen Nichtalbträume auf … und da war sie, hockte auf meinem Schreibtisch, auf den Klamotten vom Vortag. Ich zog mir das Kissen über den Kopf, presste es mir fest gegen die Ohren, und hörte sie noch immer. Sie konnte einfach nicht die Klappe halten. Dabei redete sie nur über mein Zimmer, dass hier ja alles noch ganz genauso aussehen würde wie beim letzten Mal, als sie – als Nichttote – hier gewesen war. Unglaublich, dass ich noch immer ein rosa Zimmer hätte. Ob ich nicht langsam mal erwachsen werden wolle? Ich hätte schreien können. Aber wozu jemanden anschreien, der eigentlich gar nicht da ist?

Das rosa Zimmer war eine Überraschung von Mum gewesen. Als ich von einem Wochenende bei Onkel Joe zurückgekommen war, hatte mein Zimmer sich in einen knallrosa Mädchentraum verwandelt. Ein verschnörkelter kleiner Prinzessinnenschminktisch. Ein pinkfarbener Flauschteppich. Pinkfarbene Bettwäsche. Und dazwischen ein bisschen Zebramuster. Ich war zehn und hatte meine rosa Phase seit einem Jahr hinter mir. Aber das brauchte Mum nicht zu wissen. Sie konnte es auch gar nicht wissen, weil sie viel zu sehr mit diesem ganzen Nicht-sterben-dürfen-Ding beschäftigt war. Ihre Haare fingen gerade wieder an zu wachsen, ein zarter Flaum wie bei einem Baby. Zur feierlichen Enthüllung meines neuen Zimmers hatte sie sich ein rosa Tuch um den Kopf gebunden. Wir dachten, der Krebs wäre verschwunden, dass sie ihn besiegt hätte, genau wie sie es versprochen hatte. Zum ersten Mal seit Monaten sah sie glücklich aus. Wegen ihrem Lächeln wollte ich lernen, mein rosa Zimmer zu lieben. Und ich liebe es wirklich. Ich würde nie etwas daran verändern.

Aber Tara hörte nicht auf, an meinem Zimmer herumzunörgeln: dass der Teppich schon ziemlich verschlissen sei und die Vorhänge verblichen und überhaupt. Jetzt hatte ich keine Angst mehr, ich war nur noch genervt. Ich versuchte, mich auf das zu konzentrieren, was ich sicher wusste. Oder zu wissen hoffte. Es war alles nur Einbildung. Sie war eine Ausgeburt meiner Fantasie, heraufbeschworen von Trauer, Schuld und Schlafmangel. Unser Gehirn hat ziemlich beeindruckende Tricks auf Lager. Ich hatte schon immer eine rege Fantasie, und siehe da, das hatte ich jetzt davon. Aber ich hatte keine Angst. Ich hatte keine Angst, ich hatte wirklich keine Angst. Okay, ich hatte Angst. Ein bisschen. Vor allem, wenn ich an ihre Hände dachte.

Letzte Nacht war anders. Ich wachte völlig panisch auf, mein T-Shirt war durchgeschwitzt und klebte an meiner Haut. Wieder ein Albtraum von jener Nacht. Ich knautschte mir das Kissen zurecht, legte es mit der kühlen Seite nach oben. Ah, herrlich. Einen Moment lang fühlte ich mich fast gut.

»Schon besser.«

Scheiße. Nicht schon wieder. Ausgerechnet heute Nacht. Es war schon schwer genug einzuschlafen, wegen morgen. Lass die Augen zu, schau sie nicht an, dann müsste es gehen.

»Gefällt mir schon besser, dieser Traum. Du sollst Albträume haben, jede Nacht. Das ist ja wohl das Mindeste.« Ihr munterer Ton machte alles noch schlimmer.

Fast hätte ich was erwidert, doch wozu? Das wäre total verrückt, einhundertprozentig verrückt. Sich ein Geistermädchen einzubilden war immerhin nur zu siebzig Prozent verrückt. Aber die unausgesprochenen Worte hallten durch meinen Kopf, immer wieder: Wo du recht hast, hast du recht.

»Morgen ist also mein großer Tag! Schade, dass ich das nicht mehr erleben kann. Wehe, die geben sich keine Mühe. Wahrscheinlich kannst du es kaum erwarten, deine Trauer mit der gesamten Schule zu teilen. Dir ist aber schon klar, dass du ein paar Tränen verdrücken musst? Vielleicht kannst du ja mit einer rohen Zwiebel nachhelfen. Soll Wunder wirken.«

Sei still.

Irgendwann verschwand sie wieder, aber nicht, ehe sie mir noch gesagt hatte, dass ich meine lila Skinnies anziehen soll.

Woher zum Teufel wusste sie von diesen albernen Jeans? Ich hatte mich nie getraut, sie außerhalb des Hauses zu tragen. Als ich heute früh meinen Schrank durchforstet hatte, war ich fest entschlossen gewesen, mich nicht an Taras Anweisung zu halten. Doch da meldete sich eine kleine Stimme in meinem Kopf: Warum eigentlich nicht? Was soll schon groß passieren? Vielleicht verschwindet sie dann endlich.

Von wegen verschwinden. Jetzt hockt sie schon wieder hier und fragt mich über ihre eigene Beerdigung aus. Umziehen wird warten müssen. Ich lasse meine lila Hose an, setze mich an meinen Schreibtisch und fange mit dem Englisch-Aufsatz an, den ich schon vor Ewigkeiten hätte schreiben sollen. Nach allem was passiert ist, hätte man etwas Nachsicht von Daley erwarten können. Fehlanzeige. Immerhin hat der Aufsatz ein Buch zum Thema, das ich ausnahmsweise mal mag – da läuft es halbwegs. Aber mit Taras Geschnatter im Hintergrund kann ich mich unmöglich konzentrieren. Ich starre aufs Papier und versuche zu begreifen, was da steht, versuche ihre Stimme auszublenden. Ganze dreiundzwanzig Minuten gelingt es mir.

Dann drehe ich mich um. »Lass mich bitte allein. Ich will einfach nur in Ruhe meine Hausaufgaben machen und vergessen, was heute war.« Keine Ahnung, warum ich versuche, vernünftig mit einer Toten zu reden.

Sie schaut auf, ein triumphierendes Lächeln im Gesicht. »Endlich! Dir beim Hausaufgabenmachen zuzuschauen ist noch langweiliger als sie selbst zu machen. Dann erzähl mal, wie war es? Und nichts auslassen. Ich will alles wissen.«

Ich seufze. Aber vielleicht, wenn sie dann endlich …

Also erzähle ich. Obwohl ich das Gefühl habe, als wüsste sie sowieso schon alles. Wer da war, wer nicht. (Als ich Raes Fernbleiben erwähne, runzelt sie kurz die Stirn, aber wirklich nur kurz.) Wer geweint hat, wer nicht. Die Musik, die Reden, alles eben. Sie stellt viele Fragen, und ich gebe mir alle Mühe, sie zu beantworten. Nur einmal vergeht ihr das Lächeln – als ich Jack erwähne. Doch als ich Mrs Flanagans Rede fast Wort für Wort wiederhole, kehrt es sofort wieder zurück.

»Mein Gott, diese dumme Kuh vergöttert mich! Ich meine, hat mich vergöttert.«

»Ja, kann ich mir auch nicht erklären«, murmele ich.

»Kannst du doch. Ich habe mich eben an die Spielregeln gehalten, so einfach ist das. Du brauchst den Leuten nur zu sagen, was sie hören wollen, und so zu sein, wie sie dich sehen wollen. Oder sie zumindest glauben lassen, du wärst so.« Sie lächelt und sieht sehr zufrieden mit sich aus. Wie kann man nur so selbstgefällig sein, obwohl man tot ist?

»Warum kannst du nicht einfach du selbst sein?«

Tara schüttelt den Kopf. »Ach, Alice. Hast du schon vergessen, dass es einen nicht weiterbringt, man selbst zu sein? Du bist ein Niemand. Fast so, als würdest du nicht existieren.«

»Das ist nicht wahr!«

»Ist es doch, und du weißt es. Was, meinst du, würde man bei deiner Beerdigung sagen? ›Ach ja, Alice. Ich glaube, die saß in Geschichte hinter mir …‹»

Jetzt ist es aber mal gut. Ich springe auf und gehe zur Tür, ziemlich sicher, dass sie (es?) mir nicht nach unten folgen wird.

»He, wo willst du hin? Ich bin noch nicht fertig mit dir!«

»Hör zu, Tara. Es tut mir wirklich leid, dass du tot bist.« Hätte ich vielleicht schon früher sagen sollen. Ich lasse mich wieder auf den Stuhl plumpsen.

»Tut es das?« Ihr Blick bohrt sich in meinen.

»Natürlich! Aber mein Leben geht weiter, und du kannst hier nicht andauernd auftauchen, nur damit ich mich noch schlechter fühle. ES TUT MIR LEID! Aber es war ein Unfall!«

Sie schweigt.

Damit konnte ich noch nie gut umgehen. »Ein Unfall«, wiederhole ich. Es klingt jämmerlich.

Tara fixiert mich mit einem vernichtenden Blick. »Bist du dir da sicher?«

»Natürlich bin ich mir sicher!« Ja, bin ich. Absolut sicher.

»Lügnerin!«

Tränen schießen mir in die Augen. Keine Ahnung, wo die jetzt herkommen. »Hör endlich auf! Lass mich in Ruhe, lass mich in Ruhe, lass mich in Ruhe!« Mittlerweile schluchze ich, versuche die kleine, beharrliche Stimme in meinem Kopf zu ignorieren.

»Finde heraus, was wirklich passiert ist.«

»Ich weiß, was passiert ist!«

»Wirklich?«

»Ja! Nein … ich … Keine Ahnung.« Meine Gedanken schwirren durcheinander und machen mir schreckliche Angst.

»Du musst es herausfinden. Wenigstens das bist du mir schuldig.«

Sie hat recht. Ich will nur nicht, dass sie recht hat.

»Dann sag mir, was ich tun soll«, gebe ich mich geschlagen.

»Warum sprichst du nicht mal mit deiner Lesbenfreundin?«

»Sie ist nicht … Nenn sie nicht so!« Ich hasse dieses Wort.

»Na, wenn du das sagst. Sprich einfach mit ihr.«

Ein Schrei von unten lässt mich zusammenfahren. Aber es ist nur Dad, der mich zum Essen ruft. Jetzt rieche ich auch den zwiebeligen Knoblauchduft, der ins Zimmer wabert. Normalerweise würden meine Speicheldrüsen sofort auf Hochtouren laufen, aber heute dreht sich mir der Magen um. Ob ich das Abendessen ausfallen lassen kann? Fraglich. Dad hat ein noch schärferes Auge auf mich als sonst, passt auf, dass ich ordentlich esse. Kocht mir lauter Sachen, die ich gerne mag. Er findet nämlich, ich wäre zu dünn. Manchmal hat er wirklich keine Ahnung. Sieht er denn nicht meinen Hüftspeck, der über diese doofen Jeans quillt?

Tara ist weg. Natürlich. Ich könnte nicht sagen, wann genau sie verschwunden ist. Sie hat sich nicht in Rauch aufgelöst oder ist durch die Wand geglitten. Sie ist einfach weg. Nächstes Mal muss ich besser aufpassen. Aber vielleicht gibt es gar kein nächstes Mal. Vielleicht ist mein Wahnsinn überstanden. Bitte lass es vorüber sein.

3

Sonntags mache ich eigentlich immer was mit Cass. Meistens hängen wir in ihrem Zimmer ab und schauen DVDs oder so. So sollte mein Leben aussehen: mit meiner besten Freundin abhängen, zum Shoppen in die Stadt fahren und vielleicht mal mit einem Jungen ins Kino gehen. Nicht auf Beerdigungen gehen (oder zu Gedenkgottesdiensten). Nicht mit toten Mädchen sprechen. Nicht das Undenkbare denken.

Ich habe Cass gesagt, dass ich vielleicht später noch vorbeikomme. Aber irgendwie kommt es mir nicht richtig vor, einfach so zur Tagesordnung überzugehen. Wie soll es jemals wieder sein wie vorher? Sollen wir einfach so tun, als wäre nichts passiert?

Dad hat mir beim Mittagessen noch eine Extraportion Bratkartoffeln aufgedrückt. Danke, Dad. Mein Bauch ist total aufgebläht.

Vollgefressen liege ich auf meinem Bett und versuche – vergeblich – nicht an Tara zu denken. Warum will sie, dass ich mit Cass spreche? Was könnte Cass mir schon groß sagen, was ich nicht bereits weiß?

Ich war dabei. Ich weiß, was passiert ist.

Nur dass ich im entscheidenden Moment eben nicht dabei war. Als Tara Chambers ihr Leben ausgehaucht hat.

Mein Telefon klingelt und reißt mich aus meinen Gedanken. Hm. Keine Nummer, die ich kenne.

»Hallo?«

»Ah … hallo. Ist da Alice?« Ein Junge. Ein Junge ruft mich an! Mich rufen nie Jungs an.

»Ja …?«

»Hi. Hier ist Jack. Taras Bruder.«

Eine Sekunde stockt mir der Atem. Und das Herz. »Hi.« Meine Stimme könnte nicht tonloser klingen.

»Ich hoffe, es macht dir nichts aus, dass ich einfach so anrufe. Ich habe dich gestern gesehen, nach …«

»Es tut mir so schrecklich leid wegen deiner Schwester. Ich … ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.«

Er lacht, aber nicht so, als wäre es witzig. »Das weiß keiner.«

»Tut mir leid, ich …«

»Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Ich kann es nur einfach nicht mehr hören. Mir haben so viele Leute ihr Beileid ausgesprochen, dass ich langsam durchdrehe.«

»Tut mir leid.«

Jetzt lacht er wirklich, und ich mag es, wie sein Lachen klingt. Dunkel und warm, wie die allerbeste heiße Schokolade – das teure Zeug, das Mum immer gekauft hat.

»Hör mal, Alice, ich hoffe, es macht dir nichts aus, also, dass ich dich einfach so anrufe. Es ist nur … Ich würde wirklich gern mit dir reden.«

»Nein, natürlich macht es mir nichts aus, aber … hm, ja. Worüber willst du denn mit mir reden?« Die Antwort dürfte auf der Hand liegen, aber ich klammere mich an die vage Hoffnung, dass es doch um etwas anderes gehen könnte. Irgendwas anderes.

»Du hast dir doch auf der Klassenfahrt mit Tara eine Hütte geteilt, oder?«

»Ja. Aber da waren auch noch andere.« Ein kläglicher Versuch, zugegeben. Aber egal. Vielleicht merkt er ja nicht, wie defensiv ich klinge.

»Ja, klar, aber ich muss wissen, was passiert ist. Ich meine, ich weiß natürlich, was die Polizei sagt. Aber … ich würde es gern von jemandem hören, der dabei war. Und du warst doch mal so gut mit ihr befreundet … Tut mir leid, das ist für dich bestimmt auch nicht leicht. Aber vielleicht hilft es dir ja auch, darüber zu reden.«

Nein. Sag nein. Sag, dass es dich zu sehr aufregt, darüber zu sprechen. »Okay.« Was? Nein!

»Danke, Alice. Ich weiß das wirklich zu schätzen.« Er macht eine kurze Pause. »Weißt du, ich habe dich irgendwie vermisst, als du nicht mehr zu uns gekommen bist. Du warst die Einzige von ihren Freundinnen, die mich nicht wie Luft behandelt hat.«

»Ich … danke.« Das ist natürlich Schwachsinn. Ich habe ihn wie Luft behandelt. Immer.

Wir machen aus, uns Dienstag nach der Schule zu treffen, dann legen wir auf.

Scheiße. Was soll ich denn jetzt machen? Ich kann ihm nicht gegenübertreten. Ich kann es einfach nicht. Dad und in der Schule allen was vorzumachen ist das eine. Aber er ist ihr Bruder. Ich kann ihm nicht einfach ins Gesicht lügen. Er wird merken, dass irgendwas nicht stimmt. Und es wäre auch nicht richtig. Er hat es verdient, die Wahrheit zu erfahren. Wird er aber nicht. Niemals. Das haben wir uns versprochen. Wir haben es alle versprochen.

*

Später kommt eine SMS von Cass: Sooo langweilig hier! Wann kommst du?

Es dürfte leichter sein, einfach hinzugehen, als ihr zu erklären, warum ich nicht will. Meine wäre bestimmt auch nicht sehr glaubwürdig … Tut mir leid, ich bin ziemlich fertig, weil mich der Geist eines toten Mädchens verfolgt. Weißt du, es will unbedingt herausfinden, wie es gestorben ist und aus irgendeinem Grund will es, dass ich deshalb mit dir spreche, und darauf habe ich wirklich überhaupt keine Lust.

Also springe ich in die U-Bahn und komme gerade bei Cass an, als sie mit dem Abendessen fertig sind. Ihr Bruder ist übers Wochenende von der Uni nach Hause gekommen. Ich war mal total in Matt verknallt, was ich Cass aber nie gesagt habe. Sie hätte mich für bescheuert erklärt. Egal, jetzt ist es sowieso vorbei. Er riecht komisch und mir gefällt nicht, wie er mich ansieht. Er glotzt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er früher nie so blöd geglotzt hat. Oder so komisch gerochen.

Cass schleppt mich gleich nach oben auf ihr Zimmer und legt sofort los: wie nervig ihre Brüder seien, und dass sie es kaum erwarten könne, endlich von zu Hause auszuziehen, und dass sie es kaum erwarten könne, dass Matt morgen wieder an die Uni verschwindet und warum er überhaupt so oft nach Hause kommen müsse. Fast tut sie mir leid. Drei Brüder hat wirklich niemand verdient. Wobei Tom eigentlich ganz in Ordnung ist; soweit ich das beurteilen kann, verlässt er fast nie sein Zimmer. Und Jeremy ist total niedlich. Aber der wird auch nicht immer süße sechs Jahre alt bleiben. Nur eine Frage der Zeit, bis er zu einem stinkenden, glotzenden Deppen wie Matt herangewachsen ist. Trotzdem. Manchmal hätte ich ganz gern einen nervigen Bruder. Oder eine nervige Schwester. Auf meiner Beerdigung wird niemand so eine Rede halten, wie Jack sie für Tara gehalten hat. Überhaupt, soll ich Cass jetzt von Jack erzählen oder nicht?

Als ich mich wieder einklinke, stöhnt Cass gerade über schmutzige Unterhosen im Badezimmer und das Gerülpse vorhin beim Abendessen.

»Ha! Das sagt die Richtige – du bist auch nicht gerade zimperlich.«

Sie wirft mir ein Kissen an den Kopf. »Halt die Klappe. Du hast ja keine Ahnung. Manchmal könnte ich die drei umbringen, ehrlich.«

Darauf sind wir beide einen Augenblick still.

»Und … Was hast du seit gestern so gemacht?«

»Nicht viel. Dad lässt mich kaum aus den Augen. Ich glaube, er hat Angst, dass ich irgendwann zusammenklappe. Heute Morgen hat er mir ein großes Frühstück gebraten und zum Mittag gab es Brathähnchen. Mit Bratkartoffeln, doppelte Portion.« Und übrigens, Tara lässt grüßen, und ich soll dich fragen, was in der Nacht passiert ist, als sie gestorben ist.

»Klingt, als wäre dein Vater ein richtiger Fütterer. Aber ein bisschen Fleisch auf den Rippen könnte dir echt nicht schaden.«

Ich schmeiße das Kissen nach Cass, doch es verfehlt sie und reißt einen Bilderrahmen vom Nachttisch. Cass bückt sich und stellt ihn wieder an seinen Platz. Es ist ein Foto von uns beiden, auf der Klassenfahrt nach Frankreich vorletztes Jahr. Wir essen ein riesiges Eis und strecken unsere Zungen raus. Im Hintergrund sind ein paar andere Leute zu sehen. Tara war auch dabei. Ihr perfektes Profil ist direkt hinter meiner Schulter zu erkennen.

Ich muss es Cass erzählen, auch wenn ich genau weiß, was sie sagen wird. »Jack hat angerufen. Er will mit mir reden.«

»Jack? Wer ist … Was? Ihr Bruder?« Mir ist aufgefallen, dass Cass es neuerdings vermeidet, Taras Namen auszusprechen. Als ob das was ändern würde. Ich bin kurz davor, Cass daran zu erinnern, dass Tara nicht Lord Voldemort ist beziehungsweise war. Aber vielleicht merkt sie nicht einmal, dass sie es tut, und eigentlich kann es mir auch egal sein. Wenn sie sich damit besser fühlt.

»Ja. Er hat mich vorhin angerufen. Er will sich am Dienstag mit mir treffen.«

»Aber du gehst nicht hin, oder? Oder?« Cass ist sichtlich entsetzt.

»Ich … weiß nicht. Ich hab Ja gesagt, aber …«

»Das kannst du nicht machen! Bist du jetzt total bescheuert, oder was?«

»Nein, aber … Ich konnte ja wohl schlecht Nein sagen.«

»Warum denn nicht?! Geht ganz einfach. Sag ihm, dass du nicht darüber reden kannst. Sag, du bist traumatisiert. Genau. Totschlagargument.«

»Meinst du nicht, dass er es verdient hat …?«

»Was verdient hat? Die Wahrheit zu erfahren? Sag mal, hast du sie noch alle? Wie oft muss ich es dir noch sagen: Niemand darf je erfahren, was passiert ist. Niemand. Das ist dir schon klar, oder? Wenn es rauskommt, sitzen wir richtig tief in der Scheiße. Da sagt keiner: ›Oh, schon okay. Kein Problem. Das verstehen wir doch, dass es ein Unfall war und ihr Angst hattet und in Panik geraten seid und euch einfach falsch verhalten habt.‹ Dafür gehen wir in den Knast. Wir alle. Scheiße noch mal, Alice, ich glaub es nicht, dass du auch nur erwägen kannst, mit ihm zu sprechen!«

Mit so einer heftigen Reaktion habe ich nicht gerechnet. Ich weiß, dass sie Angst hat, dass sie deshalb so ausrastet, aber trotzdem ist es furchtbar, sie so zu sehen, ihr wutverzerrtes Gesicht. Ich merke, wie mir die Tränen kommen. Ich kann einfach nichts dagegen machen. »Ich … will ihm ja gar nichts davon erzählen. Das würde ich niemals tun.«

Ihre Miene entspannt sich. »Alice, wir müssen höllisch aufpassen. Wenn du dich mit Jack triffst, könntest du aus Versehen etwas verraten. Wir müssen ständig auf der Hut sein, wenigstens so lange, bis sich die ganze Aufregung etwas gelegt hat. Ich halte das für absolut keine gute Idee.«

»I

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