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Du hast Augen wie ein Engel

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1. KAPITEL

Während Leslie in der Klosterküche abwusch und in den Ausguss starrte, wanderten seltsame Gedanken durch ihren Kopf. Seltsam wie die Dinge, die in der trüben Abwaschbrühe daherschwammen.

Wie viele Male hatte sie schon hier gestanden, Berge von schmutzigen Tellern gespült, einfach, weil Schwester Imaculata an ihr verzweifelt war, an ihrem rebellischen Herzen und ihrem unabhängigen Geist. Als Säugling hatte man Leslie auf dem „torno“ beim Eingang gefunden, jenem steinernen Rad, auf dem ungewollte Kinder ausgesetzt wurden, damit sie Aufnahme im Kloster fänden. Und dort blieben sie dann. Wenn sie alt genug waren, legten einige der Mädchen das Gelübde der Keuschheit ab und traten dem Orden bei.

Ein Teller entglitt Leslies Händen. Fettiges Spülwasser spritzte ihr ins Gesicht. Mit dem Handrücken wischte sie es fort. In ihren Augen lag ein Ausdruck innerer Auflehnung, der Schwester Imaculata sicher veranlasst hätte, ihr weitere, unangenehme Aufgaben zu übertragen, um sie Demut zu lehren. Die Tatsache, dass das Mädchen nichts als Arbeit und Disziplinierung gekannt hatte, seit sie in einen groben Schal gewickelt hier abgegeben worden war, half wenig, die Haltung der Schwester zu mildern. Leslie sollte lernen, sich selbst zu verleugnen, anspruchslos zu sein und der Autorität ehrfürchtigen Respekt entgegenzubringen.

Das Nonnenkloster war auf den Grundmauern eines sehr alten Gotteshauses errichtet worden. Der Orden praktizierte eine äußerst strenge Zucht. Die Sage ging, dass in alten Zeiten eine Nonne bei lebendigem Leibe begraben worden sei. Sie hatte sich einer der Sünden schuldig gemacht, über die die Mädchen im Klassenzimmer oder Schlafsaal nur zu flüstern wagten, aus Angst, Schwester Imaculata könne in ihrer raschen, argwöhnischen Art den Raum betreten. Sie war eine Frau, die aus tiefstem Herzen an die Erbsünde glaubte, und daran, dass alle Mädchen damit behaftet seien – besonders Leslie.

Vielleicht, weil Leslie irischer Abstammung war, keine Spanierin wie die anderen Mädchen. Als die Nonnen sie fanden, an jenem finsteren Tag vor siebzehn Jahren, hatte sie ein kleines Medaillon getragen, mit ihrem eingravierten Namen und einem Kleeblatt, dem irischen Nationalzeichen. In dem Medaillon waren zwei kleine Bilder. Eines davon zeigte einen Mann, der keinerlei romanische Züge trug.

Dieses Medaillon war alles, was Leslie auf der Welt besaß. Zu ihrem siebzehnten Geburtstag vor zwei Wochen hatte die Mutter Oberin gestattet, dass sie das Schmuckstück an sich nahm. Es hatte keine Geburtstagsparty gegeben, aber Schwester Prudencia hatte einen Kuchen gebacken, und die älteren Mädchen hatten alle ein Stück bekommen. Leslie war glücklich gewesen über das Medaillon, bis Schwester Imaculata gesagt hatte, da sie ein Findling sei, habe das abgebildete Paar sehr wahrscheinlich in Sünde gelebt und deshalb wäre es besser, sie würde das Schmuckstück verkaufen und mit dem Erlös ihren Lebensunterhalt bestreiten.

Das Stück Kuchen war Leslie im Hals stecken geblieben. In dem Moment hatte ein Entschluss Gestalt angenommen.

Sie war keine Spanierin. Sie gehörte nicht wirklich zum Orden der „Virgen de la Soledad“. Nicht nur, dass ihr Name Fleet war, ein Blick auf den Mann im Medaillon genügte, und sie wusste, wie sehr sie ihm ähnelte. Niemals würde sie eine gute, heilige Nonne werden! Der Mann hatte rotbraunes Haar, graugrüne Augen mit langen Wimpern, was seinem Aussehen etwas Verführerisches verlieh. Doch für Leslie war es der Blick eines Menschen mit verborgenen Träumen und Hoffnungen, die sie nicht in Worte zu kleiden vermochte.

Ihr eigenes Haar war flammend rot. Eine Farbe, die Schwester Imaculata für so unanständig hielt, dass sie ihr die Haare ständig kurz schnitt, wie bei einem Jungen. Als könne sie so verhindern, dass Leslies Schopf in der Sonne leuchtete, wie Schwester Prudencias Kupferkessel in der Küche.

Seufzend blickte Leslie hinaus in den ummauerten Küchengarten. Die Kartoffeln und das Gemüse, das hier angebaut wurde, bereicherte die einfache Kost der Nonnen und der vierzig Mädchen in ihrer Obhut.

Nicht, dass Leslie sich nach Hummer und Cremetorte gesehnt hätte wie Floralia, eines der Mädchen, das demnächst das Kloster verlassen würde um ihren „novio“ zu heiraten. Nein, Leslie verzehrte sich nach etwas weitaus Wertvollerem – sie sehnte sich nach Freiheit.

Und diese Sehnsucht spiegelte sich in ihren Augen wider. Nur mit Mühe konnte sie ihre Gefühle vor dem scharfen, immer wachsamen Blick der Schwester verbergen, die jetzt die Küche betrat.

Schweigend betrachtete die große Frau einen bedrückenden Augenblick lang das Mädchen am Ausguss. „Du träumst schon wieder, Kind! Das Geschirr sollte längst abgetrocknet und in den Schränken verstaut sein!“

Sie sprach Spanisch. Leslie beherrschte die Sprache seit ihrer Kindheit. Allerdings hatte ihr die Mutter Oberin gestattet, auch Englisch zu lernen. Eine der älteren Nonnen war in der Lage gewesen, sie zu unterrichten. Sie entstammte einer jener alten spanischen Adelsfamilien, deren Kinder häufig dreisprachig aufwuchsen, sodass sie Leslie auch die Grundzüge der französischen Sprache hatte lehren können.

Leslie Fleet besaß einen wachen Verstand, der nicht zufrieden sein konnte mit dem, was ihm hinter Klostermauern geboten wurde, die mit ihren Eisengittern wirkten wie ein solides Gefängnis.

Ein Gefängnis, aus dem es anscheinend kein Entrinnen gab. Sie hatte keine Familie; und anders als andere Mädchen, war sie nicht hier, um Unterricht zu bekommen. Auch wartete sie nicht auf einen Bräutigam, in dessen Obhut sie entlassen werden würde.

Sie war hier für alle Zeit. Und den panischen Schrecken, der sie bei diesem Gedanken durchfuhr, musste sie vor Schwester Imaculata verbergen, während sie ihren Blick vom Fenster ab- und dem Geschirr zuwandte.

„Antworte mir, Mädchen!“ Die Schwester packte Leslie bei den Schultern. Kräftige Finger, die an harte Arbeit gewöhnt waren, pressten die zarten Knochen des Mädchens. „Setzt du wieder deinen Trotzkopf auf?“

Sie starrte auf Leslie herab, als wolle sie ihr auch die langen Wimpern mit einer Küchenschere abschneiden, wie sie es mit den Haaren gemacht hatte.

„Ich frage mich bloß“, antwortete Leslie, „warum ausgerechnet ich immer den ganzen Abwasch machen muss.“

„So, das fragst du dich also! Nun, es ist gut für deine aufrührerische Seele. Außerdem brauchst du keine zarten Hände, um einem Bräutigam zu gefallen, oder! Wir hoffen, Leslie, dass du in einiger Zeit das erste Gelübde ablegen wirst. Aber du machst mir Kummer, Kind. Man braucht ein demütiges, bereitwilliges Herz, um Novizin im Orden der Jungfrau in der Einsamkeit zu werden. Es ist das einzig mögliche Leben für dich. Ein Weg, für die Sünden deiner Eltern und deine eigenen zu büßen.“

„Meine Sünden?“, wiederholte Leslie. „Was habe ich je getan? Mein Leben lang war ich hinter hohen Mauern eingesperrt. Der einzige Mann, zu dem ich je gesprochen habe, war Vater Orazio.“

„Es besteht kein Grund unverschämt zu sein!“ Schwester Imaculata schüttelte sie unsanft. „Deine Sünde ist, dass du außerehelich geboren wurdest, von einer unkeuschen Mutter …“

„Wagen Sie es nicht, so über meine Mutter zu reden!“ Leslie riss sich los. Ihr junges Gesicht war gequält und zornig zur gleichen Zeit. „Zumindest wurde sie geliebt – hat Sie jemals ein Mann geliebt?“

Sie wusste, dass sie nicht in diesem Ton mit einer Frau reden durfte, die die besten Jahre ihres Lebens im Dienst am Nächsten verbracht hatte. Doch es war so unfair, dass immer nur auf ihr herumgetrampelt wurde. Hermosa zum Beispiel, das große, ewig blasse Mädchen, war ebenfalls unehelich geboren. Aber sie wurde in Ruhe gelassen. Ihr Vater war ein wohlhabender Kaufmann und zahlte für die Erziehung seiner Tochter.

Nein, sie war eine Fremde hier. Ein Fremdkörper, der anders aussah und anders empfand – das schwarze Schaf, das sich nirgends einfügte, das in seine Rolle hineingezwängt werden sollte durch diese Frau, die in Leslies Augen wirkte wie ein weiblicher Racheengel.

Hart schaute die Schwester auf Leslie herab. Mit einem Rascheln der Haube und ihrer schwarzen Tracht ging sie zur Tür. „Ich werde der Mutter Oberin berichten, dass du wieder einmal aufsässig warst“, sagte sie. „Und ich werde ihr vorschlagen, dich dieses Mal auf eine Art und Weise zu strafen, dass dein Stolz gebrochen wird! Diesmal wirst du für vierundzwanzig Stunden in die Gebetszelle eingesperrt. In der Abgeschiedenheit der Zelle hast du Zeit und Muße über deine unverschämten Worte nachzudenken! Hast du mich verstanden?“

Leslie wurde leichenblass. Die Gebetszelle hatte dicke Wände, die nicht der leiseste Laut durchdrang. Außerdem lag sie im alten Teil des Klosters – dem verwunschenen Teil, wie die Mädchen ihn nannten. Der Geist der lebend begrabenen Nonne sollte hier umhergehen, sobald die Dunkelheit hereinbrach.

Schwester Imaculata verließ die Küche. Leslie machte sich keine Illusionen. Die Frau würde ihre Ansicht nicht ändern auf dem Weg zur Äbtissin. Sie würde darauf bestehen, dass das fremde Mädchen angemessen bestraft wurde, für ihren Mangel an Respekt und ihren übermäßigen Stolz. Und da das Beten für die Nonnen etwas Gutes darstellte, konnte sich die Mutter Oberin bestimmt nicht vorstellen, dass ein Mädchen in Panik versetzt wurde bei dem Gedanken, einen Tag und eine Nacht in einer Zelle verbringen zu müssen, allein mit einem Geist. Die guten Schwestern glaubten nicht an Geister. Aber Leslie hatte irisches Blut in ihren Adern und eine Menge Fantasie.

Was als Nächstes geschah, hätte vom Schicksal persönlich gefügt sein können oder von jener schemenhaften Gestalt, von der diese eingesperrten Mädchen träumten, einer Mischung aus Don Juan und heiligem Antonius, der die Tore öffnet für Freiheit und Liebe.

Diese Tore öffneten sich für Leslie in Form von ein paar langen Hosen. Sie waren versehentlich an der Küchentür hängen gelassen worden von dem ziemlich einfältigen Burschen, der zwei Mal die Woche kam, um im Küchengarten zu graben. Leslie schnappte sich die schmutzigen Jeans und rannte hinaus in den dunklen Garten. Hinter einer der Zypressen befand sich eine kleine Höhle. Vor einigen Tagen hatte sie dort ein Hemd versteckt, das der Gärtnerjunge in der heißen Mittagssonne ausgezogen hatte. Damals war sie sich noch nicht klar gewesen, was sie damit anfangen wollte, doch heute sah sie den Weg sehr deutlich, der vor ihr lag.

In weniger als einer Minute hatte sie ihren schmalen Körper aus der grauen Klosteruniform geschält, die ihr aufs Äußerste zuwider geworden war. Das herzförmige Medaillon blinkte auf ihrer weißen Haut. Sie klammerte ihre Finger darum und betete inbrünstig, das Kleeblatt möge ihr Glück bringen. Dann schlüpfte sie in die Jeans. Die Hosenbeine waren ein Stück zu lang. Das ließ sich rasch ändern, indem sie sie aufkrempelte. Sie zog das Hemd über und knöpfte es zu.

Sie zitterte, aber die Angst verlieh ihr Kraft, als sie auf einen der Bäume an der Klostermauer kletterte. Wann immer sich die Gelegenheit bot, hatte sie diesen Kraftakt in ihrer grauen Tracht geübt. Hinter der Mauer lag eine Allee und dahinter Felder und Freiheit. Ihr Problem bestand darin, unbeschädigt auf den Boden zu gelangen. Wenn sie sich ein Bein brach, war ihr die Gebetszelle sicher. Und wenn sie sich den Hals brechen sollte … Nun, Leslie war Irin. Sie wusste zwar nicht, ob ihr Vater ein Spieler gewesen war, jedoch vertraute sie auf ihr Glück.

Mit geschlossenen Augen und einem Gebet auf den Lippen, sprang sie von der über drei Meter hohen Mauer in die Tiefe. Ein scharfer Luftzug strich ihr übers Gesicht, als sie fiel. Schließlich der Aufschlag auf die Grasnarbe am Fuße der Mauer.

In dem Moment, als sie unten landete, wusste sie, dass es der heilige Antonius sein musste, der an ihrer Seite war. Obwohl ihre Fußsohlen in den flachen Schuhen brannten und der Stoß ihr durch alle Knochen gefahren war, hatte sie sich weder Hals noch Bein gebrochen. Das Gras hier stand dicht und dick. Es hatte den Sprung aufgefangen. Während sie neuen Atem schöpfte, blickte sie, hoffentlich ein letztes Mal, auf die Klostermauern, in denen sich seit über siebzehn Jahren ihr Leben abgespielt hatte. „Vaya con Dios“, murmelte sie und dachte an die Mädchen, die ihre Freunde gewesen waren. „Adíos und passt auf euch auf!“

Dann floh sie leichtfüßig in die sich herabsenkende Abenddämmerung. Ungehindert durch einen Rock und schlank wie sie war, durch ihre Arbeit mit der Kondition eines Windhundes ausgestattet, kam sie schnell voran. Noch hatte sie keine Angst vor dem, was kommen würde. Die Angst lag hinter ihr. Dort in den engen Klostermauern hatte sie sich gefürchtet vor dem Geist der Vergangenheit und einem Phantom der Zukunft. Schon lange war ihr bei dem Gedanken an ein Gelübde, das sie auf Lebenszeit hinter hohen Mauern einsperren würde, bang geworden.

Manchmal hatte sie sich gewünscht, lieber tot zu sein, bis sie zu der Überzeugung gelangte, dass nichts sie aufhalten könne, bei der nächsten Gelegenheit davonzulaufen.

Es war unwichtig, dass sie weder Geld noch Nahrung noch einen Schlafplatz für die Nacht hatte. In diesem Augenblick war sie trunken von dem Gefühl, frei zu sein.

Diesen Teil des Landes kannte sie aus den Wanderungen, die sie und die Mädchen ihrer Klasse hatten machen müssen: Stets waren sie im Gleichschritt nebeneinander hermarschiert, begleitet von zwei Schwestern. Und wehe dem, der nicht den Blick artig senkte, sobald ein Mann vorüberkam. Nicht, dass sie etwa jemals einem aufregenden Menschen begegnet wären. Alles, was sie zu sehen bekamen, waren dann und wann ein Bauer oder ein Schweinehirt mit seiner Herde.

Leslie blickte hinauf zu den ersten Sternen. Vor ihr nichts als Felder, die sich noch etwa zehn Kilometer bis zu dem kleinen Hafen Santa Flavia erstreckten. Was sie dort wollte, wusste sie im Augenblick noch nicht genau. Doch ihre Absichten würden sich klären, so wie sich in Kürze die Sterne deutlich vom pflaumenblauen Hintergrund des Abendhimmels abheben mussten.

Sie rannte eine Strecke, dann ging sie wieder langsamer. Der Ausbruch hatte ihre Nerven zu sehr angespannt, als dass sie auch nur den Anflug von Müdigkeit verspürte. „Lieber Sankt Antonius“, betete sie leise, „bitte, bleib bei mir und befreie mich aus den Händen Schwester Imaculatas! Sie meint es gut, glaube ich, aber ich wäre die schlechteste Nonne auf der Welt. Und obwohl ich keinen fetten, ältlichen Bräutigam haben möchte, wäre es schön, wenn – wenn ich einen Menschen hätte auf der Welt!“

Wer dieser Jemand sein sollte, konnte sie sich selbst noch nicht vorstellen. Eine schwache Vermutung sagte ihr, dass er dem Bild des Don Juan ähneln müsse, das sie in einer alten Filmillustrierten gesehen hatte. Einem der Mädchen war es gelungen, das Magazin ins Kloster zu schmuggeln. Natürlich war das ein Schauspieler gewesen, der diese Rolle spielte, doch sie hatte sich den echten Don Juan so vorstellen können: groß, ungeheuer attraktiv, mit einem kleinen Oberlippenbart und den längsten Beinen der Welt.

Leslie war sicher, sterben zu müssen, falls sie zurückgeholt würde in jenes Leben bestehend aus neunundneunzig lateinischen Gebeten, Ozeanen voll schmutzigem Spülwasser, in denen sich Karotten- und Zwiebelstückchen tummelten, roten, wunden Händen vom Schrubben der Steinflure mit scharfer Lauge. Sie würde sich das Herz aus dem Leibe weinen, das wusste sie. Hier draußen unter einem Baldachin aus Sternen am nachtblauen Himmel war sie zum ersten Mal allein in der Welt außerhalb des Klosters. Der Wind, der durch ihr zerschlissenes Hemd blies, brachte einen schwachen Seegeruch mit.

Wieder lief sie ein Stück, um bald darauf ihren Schritt zu verlangsamen. Die Sterne glitzerten strahlender. Ihre knabenhafte Gestalt hob sich gegen die Silhouette der Hügel ab, deren ginsterbestandene Hänge sie am Wegesrand begleiteten. Ab und an stieg ihr ein starker Lavendelduft in die Nase.

Und jedes Mal begann ihr Herz vor Schreck zu rasen. Schwester Prudencia hatte immer kleine Lavendelbeutel gemacht und sie in die Taschen ihrer Tracht gesteckt. Stets war sie von einer Lavendelwolke umgeben gewesen.

Angeblich, um den Zwiebelgeruch zu übertönen. Aber Leslie hatte immer vermutet, dass, Schwester Prudencias Platz im Leben eher an einem eigenen Kochherd hätte sein sollen, mit einer ganzen Schar eigener Kinder, die sie versorgen und lieben konnte. Die Liebe, die diese Schwester den Mädchen gegeben hatte, war die einzige, die Leslie je erfahren hatte. Sie wusste nicht, was oder wie Liebe wirklich war. Doch sie fühlte im Innern, dass es mehr sein musste, als das Minimum an Zuneigung, das den Mädchen zugemessen wurde, die hinter Klostermauern aufwuchsen, bis sie alt genug waren, von einem älteren Bräutigam geheiratet zu werden.

Leslie hatte sich nie entscheiden können, was schlimmer war: gezwungen zu werden, eine Nonne zu sein, oder gezwungen zu werden, einen fremden Mann zu heiraten. Beides war ihr vorgekommen wie die Fallen, in denen der Gärtnerjunge die Karnickel für den wöchentlichen Eintopf fing.

Die junge Ausreißerin traf gegen neun Uhr in Santa Flavia ein. Müde zwar und hungrig, aber noch in einer triumphalen Hochstimmung, die die körperlichen Missempfindungen nach dem langen Marsch einfach hinwegwischte.

Als sie in das kleine Küstendorf kam, sah sie sofort, dass eine Fiesta in Gang war. Am Hafen hatte man Lichterketten gespannt. Kleine Fähnchen flatterten im Wind. Gruppen lachender Menschen versammelten sich um die diversen Buden, an denen heiße churros, gebackener Fisch, Süßkartoffeln und jede Menge verschiedener Süßigkeiten verkauft wurden.

Leslie schnupperte die verlockenden Düfte. Sie hatte nicht eine Peseta, um etwas zu kaufen. Während sie durch die Menschenmassen schlenderte, krampfte sich ihr Magen zusammen von dem Geruch der appetitanregenden Aromen, und dem Anblick der Leute, die knuspriges Spritzgebäck verzehrten oder ihre Hände in Tüten voller Leckereien tauchten.

Luftschlangen wickelten sich um ihren dürren Leib. Konfetti fiel auf ihr kurzgeschorenes Haar. Drei Mädchen in Rüschenkleidern und mit Blumen in den langen Haaren starrten auf die wunderliche Gestalt und lachten, als sie vorbeigingen. Eines der Mädchen winkte. Leslie wurde klar, dass man sie für einen seltsamen Jungen hielt, vielleicht für einen Bauerntölpel, der zu arm war, sich ein Festkostüm zuzulegen.

Zu arm, sich ein Mandelbrötchen zu kaufen, um ihren Hunger zu stillen. Ihr Gesicht wirkte noch weißer, die großen Augen noch riesiger in der farbigen Beleuchtung, dem Glitzern der Diademe und Juwelen. Ein Fest der Farben und der Fröhlichkeit, der Gitarrenmusik, des Flamenco und des Paso Doble, getanzt von einer jungen Frau im Spitzenkleid und einem Mann im eleganten dunklen Anzug. Ein schwarzer Hut mit steifer Krempe beschattete seine Augen.

Leslie stand am Rande der Menschentraube und beobachtete die Tänzer. Das Blut schien heiß in den Adern dieses Paares zu strömen, während sie sich rhythmisch und graziös zu den Klängen der Musik drehten. Das Spitzenkleid raschelte und wirbelte herum. Jeder Takt war untermalt vom Klappern der Kastagnetten. Die goldenen Ohrringe der jungen Frau funkelten im Licht, und die Augen des Mannes leuchteten unter dem Rand seines andalusischen Hutes.

Gerade in dem Moment taten Hunger, die Aufregung der Flucht und das irisierende Licht über ihrem Kopf ihre Wirkung. Leslie fühlte sich urplötzlich schwach und schwindelig, als stürze sie in einen Abgrund. Sie griff nach dem nächstbesten Gegenstand, um sich festzuhalten. Dieser Gegenstand war zufällig ein dicklicher Mann, der neben ihr stand. Da dieses ein Fest war und die Taschendiebe Hochkonjunktur hatten, dachte der Mann blitzschnell Böses. „Dieb!“, schrie er, packte Leslie beim Ohr und schüttelte sie, dass sie wimmerte. „Hab’ ich dich erwischt, Halunke! Auf frischer Tat!“

Der Mann schlug auf sie ein, bis eine große Gestalt im dunklen Anzug und schwarzem Hut sich durch die Menge zwängte und dem Treiben Einhalt gebot. „Sie bringen ihn um, wenn Sie so weitermachen!“ Die Stimme des Mannes war schneidend, autoritär und befehlsgewohnt. „Was, zum Teufel, soll er denn angestellt haben?“

Der dicke Mann hielt Leslie fest und schaute verdutzt auf den hoch gewachsenen Neuankömmling. Die hübsche junge Frau, mit der der Fremde eben noch getanzt hatte, war ihm durch die Menge gefolgt. Ihre Kastagnetten gaben noch keine Ruhe. Ihre Augen strahlten. Sie schmiegte sich an den Tänzer, der sie mit einem ironischen Zug um den Mund beiseiteschob.

„Er hat meine Taschen durchwühlt“, sagte der Dicke. Er wirkte in hohem Maße verletzt und rachelüstern. „So was passiert immer wieder heutzutage – ehrliche Leute können nicht mehr zur Fiesta gehen, ohne ausgeraubt zu werden. Ich bringe den Bengel zur Guardia Civil …“

„Ach, was soll’s. Er ist nur ein schmächtiges Bürschchen.“ Der große Mann entzog Leslie entschlossen dem Zugriff ihres Peinigers. „Sie wollen doch nicht, dass ein Kind in eine Zelle gesperrt wird. Was hat der chico denn genommen? Haben Sie Beweise, dass er ihre Taschen ausräumen wollte?“

„Ich habe seine Hand gespürt“, rief der Dicke und schnappte wütend nach Luft. Leslie fühlte sich indessen sicherer in der Obhut des „Señor“. Ihr Ohr schmerzte und Zorn stieg in ihr auf, vor allen Leuten ein Dieb geschimpft zu werden.

„Ich … ich bin gestolpert“, stammelte sie mit tränenerstickter Stimme. „Ich wollte sein Geld nicht … ich bin kein Taschendieb! Ich nicht!“

Der Mann, der sie fest im Griff hatte, starrte herab auf Leslie. In dem schillernden Licht wirkte sein Gesicht wie gemeißelt, wie das gelungene Werk eines Künstlers. Und diese Augen – eigenartig! Eines war ganz dunkel, das andere golden. Und die Augenbrauen darüber tiefschwarz.

„Ich glaube dir, chico“, sagte er schließlich. „Du siehst ein bisschen abgerissen und verhungert aus. Aber in deinem Blick ist etwas Ehrliches. Sieh mich nicht so an! Ich werde nicht zulassen, dass man dich in der Nacht der Fiesta in eine Zelle steckt! Hier, nimm das!“ Der Mann stopfte eine Hand in die Hosentasche und holte eine Hand voll Münzen hervor, die er Leslie hinstreckte. „Geh und kauf dir etwas zu essen. Und lass dich nie wieder in Versuchung bringen.“

„Ich habe nichts gestohlen. Und Sie können Ihr Geld behalten!“ Es war das Einfachste und zugleich Schwerste, das Leslie je getan hatte. Sie wies Almosen zurück, das der Mann ihr so zwanglos angeboten hatte. Die paar Münzen taten ihm wahrscheinlich nicht weh. Dem Schnitt seiner Kleidung, dem Klang seiner Stimme und auch seiner leicht arroganten Art entnahm sie, dass er ein „hombre rico“ war. So hatte sie sich immer einen reichen Mann vorgestellt. Er verteilte Rat und Tadel, als sei es ein angeborenes Privileg.

Mit einem letzten Blick in diese merkwürdigen Augen schüttelte sie seine Hand ab und schlängelte sich wie ein Aal durch die Menschenmassen. Halb beglückwünschte sie sich, das Geld nicht genommen zu haben, halb ärgerte sie sich, dass ihr Stolz wieder einmal stärker gewesen war und sie somit um ein Abendessen gebracht hatte.

Der Hunger setzte ihr immer mehr zu. Sie musste einen Weg finden, ein paar Pesetas zu verdienen, um sich etwas zu essen kaufen zu können. Während sie noch grübelte, stand sie vor dem Hintereingang eines Restaurants. Das war’s! Sie würde fragen, ob es etwas zum Abwaschen gab.

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