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Du graue Stadt am Meer

Jochen Missfeldt

Du graue Stadt
am Meer

Der Dichter Theodor Storm
in seinem Jahrhundert

Biographie

Carl Hanser Verlag

Abbildungen mit freundlicher Genehmigung

des Theodor-Storm Archivs, Husum und der Theodor-Storm-Gesellschaft:

Lucie Storm geb. Woldsen

Bertha von Buchan

Theodor Storm 1852

Constanze Storm geb. Esmarch

Theodor Storm 1864

Doris Storm geb. Jensen

Theodor Storm 1879

Gertrud Storm

Inhalt

Erste Husumer Periode 1817–1835

Wolken über Land und Meer – »Lewer duad üs Slaav« – Sonntagskind – Herkommen – Am Lagedeich – Vaters Wurzeln – Die Hohle Gasse 3 – Die Familie – Mutter Lucie – Kindheit und Verklärung – Haus und Hof, Stall und Garten – Klippschulzeit – Zwischen Schauder und Behagen: Geschichten – Sängers Abendlied – Magere Kost für den jungen Poeten – Theaterdonner

Lübeck, Kiel und Berlin 1835–1842

Von den Buddenbrooks zu Bertha von BuchanDr. Magister Antonio Wanst – Das Projekt Bertha – Berlin – Lieder dreier Freunde und ein Heiratsantrag – Kinderliebespaare

Zweite Husumer Periode 1842–1853

Untergerichtsadvocat StormStorm gründet den »Singverein«High Noon in HusumLiebe und Religion, Gott und das HoheliedEifersuchtMittagszauberStorms starkes Stück: Die HauscopulationTrümmerhaufen: Erste EhejahreEin grünes BlattEin unpolitisches Tier im Exil

Exil in Potsdam 1853–1856

Storm im Militär-Kasino Potsdam Lessing gegen Tannhäuser, ein SängerwettstreitKugler und Co: Calau lässt grüßenStorm gegen Fontane, Fontane gegen StormKennwort BibberFür meine SöhneGott helfe zur ewigen Seeligkeit durch Jesus Christus. Amen!Im SonnenscheinSei du unser Gast

Exil in Heiligenstadt 1856–1864

Richterjahre: Hilf Himmel, welch eine Stadt! Es ist hier gar schön und gut seinConstanzes Liebesleid: SchwangerschaftenAuf dem Staatshof: Anne Lene, die UnerreichbareDas Heiligenstädter Parkett: Adel, römischer Abend, SingvereinStörmchen, Störmchen, es ist zum VerzweifelnConstanze: Freue Dich, ich komme nicht doppelt nach HausVeronica, du musst dein Leben ändernKörperlich verliere ich meine letzten Haare. Und die Söhne? Auf Weihnachten 1862 zuUnter dem Tannenbaum: Der Duft der ErinnerungConstanze ausnahmsweise wohl und kräftig, Cäcilie aber todeskrankDie StrumpfbandgeschichteVon Kindern und Katzen, Käfern und Märchen

Dritte Husumer Periode 1864–1880

Kehrte ich auf Wunsch meiner Landsleute in meine Heimat zurückDas Sagen aber haben die SiegerEin kleines Endchen für uns, ganz für unsStorms Düppel ist Fontanes PreußenDänisch Westindien in HusumIch werde fett und melancholischAll mein Glück begrabenGehorsam ist eine HundetugendFäden ins Leben spinnen: Drei FrauenBravo, Herr Storm!WachrufenIn der Wasserreihe oder Die Piefkes kommenGesanglos und beklommenIm Poetenstübchen oder als wir jüngst in Regensburg warenSolange der Sabel arbeitet, soll der Schnabel schweigenIm ProduktionsfieberEine Halligfahrt»Draußen im Heidedorf«Klang und Nachklang: LeopoldskronNun aber »Viola Tricolor«!Was nun?Über die HeideDrei Brüder»Ein stiller Musikant«Trüffelhund sucht Carsten Curator»Carsten Curator«Taugenichts HansVater, Töchter und SöhneNun strammen Schrittes weiterDie Söhne des Senators

Altersjahre in Hademarschen 1880–1888

Blick durch das Poetenfenster: Eichendorffsche Wald- und Wiesengründe»Der Herr Etatsrat«Spuk im AmtsrichterhausLucies Kissinger PhantasieDer freche Jude Ebers?Fährt die Zeit fort, uns leise zu verschlingenVon Grieshuus zu den Königskindern»Ein Fest auf Haderslevhuus«»Es waren zwei Königskinder«Es ist ein schlimmes Jahr, das 1886»Bötjer Basch« – Reise an den schwarzen Seen vorbei»Ein Bekenntnis«Waldkauz und schwarzer Kater

Epilog

Anhang

Literaturverzeichnis

Anmerkungen

Personenregister

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Erste Husumer Periode
1817–1835

Wolken über Land und Meer

Im Sommer auf dem Deich bei Husum: Der Himmel über der Nordsee glänzt seit heute Morgen, ein blaues Gewölbe ohne Wolken. Die Sonne steht über Eiderstedt im Süden, die Luft ist klar, der Horizont zieht weit hinten im Westen einen deutlichen Strich über das Wasser. Zu Füßen liegt das Watt. Auf den Halligen stehen strohgedeckte Häuser, wie von der Warft gehoben. So hat auch Theodor Storm diese Meereslandschaft vom Deich aus gesehen.

An der Westküste von Schleswig-Holstein ist der August der wärmste Monat. Hier oben, zwischen zwei Meeren, im äußersten Norden Deutschlands, am südlichen Rand Dänemarks, folgt die größte Hitze auf den höchsten Sonnenstand. Hier, auf dem Deich, weht aus westlicher Richtung ein kräftiger, warmer Wind über die Nordsee, streicht über Halligen und Wattenmeer, Salzwiesen und Schafe. So hat auch Storm den Wind gespürt und den Meer- und Schafgeruch in der Nase gehabt.

Wenn der Wind über die Küste weht, bremst ihn das Land, und die von der Sonne beheizte Erde erwärmt die Luft weiter. Man sieht sie über windstillen Plätzen, sie flimmert und steigt, und im Steigen kühlt sie langsam wieder ab: In tausend Meter Höhe entstehen die wunderbaren Wolken. So hat auch Storm die Wolken gesehen.

Landeinwärts von der tiefen Marsch liegt höhere, sandige Geest, vom Deich aus nur ein paar Kilometer ostwärts. Sie liefert noch mehr Temperatur, und die liefert noch mehr Turbulenz. Die weißen, sich höher und höher türmenden und quellenden Haufenwolken färben sich an der Unterseite schwarz bis blauschwarz. Hier sammelt sich der Wasserdampf, kurz bevor er kondensiert. Irgendwann öffnet sich irgendwo ein Schleusentor und lässt Regen auf die Geest fallen. Auch das hat Storm so gesehen, wenn er auf der Geest war: hoch oben segelnde Wolkengiganten, Figuren und Bilder, Raumteiler der Lüfte, die Licht und Schatten geben und dem Himmel Tiefe.

Dort, an der Unterseite der großen, dunklen Wolken, ist es für den Segelflieger am besten. Dort kann sein Flugzeug von der Turbulenz profitieren und stundenlang in der Luft bleiben. Dort oben, gleich unter der dicken, dunklen Wolke, wird er getragen von einer aus Sonnenenergie errichteten, unaufhörlich von unten nach oben strömenden Luftsäule. Da oben dreht er seine Kreise und blickt aus tausend Meter Höhe hinab.

Da unten ziehen sich die gelben Weizenfelder und die grünen Weidewiesen der Marsch bis an den Geestrand. Die Wiesen und Felder sind große und kleine Rechtecke und liegen da wie mit Lineal auf einem Zeichenbrett gezeichnet. Auf der Geest wachsen Kartoffeln, Mais, Raps und kleine Wälder. Geest heißt »unfruchtbares Land«. Der Begriff stammt aus dem Altfriesischen und Urgermanischen, in ihm steckt noch das Wort »gähnen«, und das bedeutet für die Geest: Sie sperrt das Maul auf und schluckt jede Menge Regenwasser. Nirgendwo in Schleswig-Holstein regnet es so viel wie auf der Geest.

Die Geest ist das verkehrsfreundliche Gelände und eignet sich bestens für den Wegebau. Seit uralter Zeit haben sich die Menschen hier ihre Wege eingerichtet, um von Norden nach Süden und von Süden nach Norden zu gelangen. Pilger pilgerten nach Rom, Viehtreiber trieben ihr Vieh nach Husum und Altona, Krieger kämpften hier ihre Kriege. Und hier und da am breiten, sandigen Wegesrand lag ein Wirtshaus, das »Utspann« oder »Nobiskrug«, »Gläserkrug« oder »Carlsburg«, »Petersburg« oder »Engelsburg« hieß. Das waren logistische Zentren, wo die Viehtreiber ihr Vieh versorgten, hier vermietete der Wirt Pferd und Wagen, Personal und Unterkunft. Speis und Trank servierten Mägde, die auch Verwundete versorgten, wenn die Kneipe als Lazarett gebraucht wurde. Hier wurden seriöse Geschäfte verabredet, nach Feierabend gab es Bier und Schnaps und Lug und Trug. Bei flackerndem Licht, das »Unschlittkerzen« aus Rindertalg spendeten, redeten die Gäste in verschiedenen Sprachen, sie erzählten Spukgeschichten auf Plattdeutsch, Plattdänisch, Hochdeutsch, Niederländisch, Dänisch und Friesisch.

Husum liegt am Meer als Brückenkopf der Geest. Wie ein Komet stürzt sich die Stadt in die Nordsee, so mag der Segelflieger es von seiner Warte aus sehen. Im Süden, gleich hinter der Husumer Au, liegt lang und breit die fette, verkehrs- und kriegsfeindliche Südermarsch. Nördlich von Husum berührt die Geest noch die Nordsee. Am Brückenkopf Husum enden die uralten, alten und neuen Verkehrsverbindungen, von Norden aus Niebüll und Tondern, von Nordosten aus Flensburg, von Osten aus Schleswig, von Südosten aus Rendsburg via Kropp und von Süden aus Tönning und Heide. Aus der Vogelperspektive sieht man deutlich: Vom Zentrum aus, das Markt und Marienkirche markieren, fällt die West-Ost-Achse ins Auge. Norderstraße und Süderstraße entspringen dem Zentrum, nehmen die Marienkirche, Theodor Storms Grab und das St. Jürgenstift wie zwischen die Schenkel einer Zuckerzange und führen hinaus in alle Richtungen des östlichen Halbkreises.

Nördlich und außerhalb des Zentrums steht das Husumer Schloss. Es lag lange allein wie ein Vorposten, auf Distanz zur Stadt. »Schloss vor Husum« sagt man seit Jahrhunderten, und dabei wird es bleiben. Südlich vom Schloss und unmittelbar am Zentrum beginnt das Hafengebiet mit dem Binnenhafen. Hier mündet auch die Husumer Au. Von einem »Bächlein helle« kann keine Rede sein: Müde, lustlos und grau fließt das Wasser bei Ebbe aus einem großen Kanalrohr in den Hafenschlick. Ebbe setzt den Restaurantdampfer, der hier an der Schiffbrücke liegt, auf Grund, Flut lässt ihn wieder schwimmen. Hier, an der Hafenspitze, hat sich die Stadt das neue Rathaus gebaut. Die Architektur des Gebäudes und die einbezogene, denkmalgeschützte Slipanlage erinnern an die Werft, die hier stand.

Hinter den beiden neuen Zugbrücken liegt der Außenhafen. Dort geht der Hafenbetrieb von heute seinen gemäßigten Gang: Fisch- und Krabbenfang, Ausflugsbetrieb für die Insel- und Halligwelt, Küstenmotorschiff-Fahrt. Segel- und Motoryachten liegen am Kai, kirchturmhohe Silos stehen gegenüber. Die Schiffe fahren zur Schleuse hinaus, am Schöpfwerk vorbei, schippern ein Stück Husumer Au abwärts, dann erreichen sie über den Heverstrom, der sich wie die verlängerte Husumer Au als Fluss durch das Wattenmeer schlängelt, die offene Nordsee.

Einst war Husum eine blühende Handelsstadt, schreibt Theodor Storms Tochter Gertrud in ihrem Erinnerungsbuch über ihren Vater. Am Anfang von Husums Geschichte standen Mord und Totschlag: Aufständische Friesen erschlugen 1252 den dänischen König Abel auf der »Husumbro«, der Husumer Brücke. Wo lag diese Brücke? Man weiß es nicht genau, vielleicht dort, wo heute die Straße, von Mildstedt und Ostenfeld kommend, die Husumer Mühlenau überquert? König Abel war mit seinen Mannen plündernd und mordend durch das Friesenland gezogen, nachdem er zwei Jahre zuvor seinen Bruder, König Erich IV. von Dänemark, ermordet hatte. Der Name Husum wird in diesem Bruderzwist-Zusammenhang erstmals urkundlich erwähnt, und damit beginnt auch Husums geschriebene Geschichte.

Hundert Jahre später begann die Blütezeit der Stadt. Mit der Sturmflut von 1362, der »großen Manndränke«, ging die sagenhaft besungene Hafenstadt Rungholt unter. Den Volksglauben über diesen im Dunkel der Geschichte liegenden Ort hat Detlev von Liliencron, ein Verehrer Storms und persönlich mit ihm bekannt, befördert mit seinem Gedicht »Trutz blanke Hans«. Der auch darin behauptete Reichtum Rungholts ist ohne Beweise, und ins Reich der Fabel gehört die spannende Erzählung vom gotteslästerlichen Leben der Bewohner, die zur Strafe von einer Sintflut heimgesucht werden und mit ihrer Stadt untergehen.

Husums große Zeit währte knapp dreihundert Jahre und ließ die Stadt mit Viehmarkt, Getreide- und Salzhandel und Wirtshäusern blühen und gedeihen. Vierzig hochseegängige Schiffe von Husumer Reedern und mit Husumer Besatzung befuhren die Meere, kamen mit Kostbarkeiten, Seide, Spitzen, Porzellan, Tuch und Tee zurück. Was nicht in Husum selber Käufer fand, das fuhren die Spediteure auf dem Ochsenweg weiter nach Flensburg, wo es umgeladen wurde und per Schiff weiter in die Ostseeländer gelangte.

1634 wendete die große Sturmflut das Glück, nachdem das Schicksal schon 1615 und 1625 an die Tür gepocht hatte. Die Insel Strand, Husums Kornkammer für Brotgetreide und Braugerste, wurde zerstört. Übrig blieben drei Inselreste: Nordstrand, Pellworm und Nordstrandischmoor. So wie die erste große Manndränke – von hunderttausend Toten an der Nordseeküste ist die Rede – Husums Blütezeit begründete, so nahm die zweite große Manndränke von 1634 – neuntausend Tote soll es allein in Nordfriesland gegeben haben –, was die erste gegeben hatte. Man hätte sie verhindern können, wenn nicht Deich und Deichbau während des Dreißigjährigen Krieges vernachlässigt worden wären.

Ist das Meer, die Natur also, herausgefordert worden? Greift das Meer schicksalhaft in das Wohl und Wehe der Menschen ein? Herrscht es über Leben und Tod? Verlangt das Meer Opfer? Hält es die Menschen im Glauben, das Gute müsse mit dem Schlechten bezahlt werden und das Unglück folge dem Glück auf dem Fuße, damit sich alles die Waage halte wie Ebbe und Flut? Fragen, die Theodor Storm lebenslang auf den Nägeln brannten und neue aufwarfen, die noch mehr brannten: Wer fängt mich auf, wenn ich falle? Wer nimmt mir die Angst vor dem Tod?

Kein Gott; denn an einen Gott glaubte der Dichter nicht. Und schon gar nicht glaubte er an den gnädigen Gott, dessen Gnade dem Menschen kostenlos in den Schoß fällt. Storm glaubte an das Meer und an die Liebe. Das Meer konnte er sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen wie die Liebe. Das Meer war ihm Natur wie die Liebe. Der Natur würde man irgendwann durch Denken, Forschen und Schaffen auf die Schliche kommen, man würde bessere Deiche bauen, man würde dann auch in Zeiten des Krieges wachsam sein und am richtigen Ort zur richtigen Zeit Deiche bauen und das Meer in Schach halten. Man würde irgendwann hinter die Geheimnisse von Sonne, Mond und Sternen kommen, überhaupt würden irgendwann keine offenen Fragen mehr sein. Und die Frage »Gibt es einen Gott, der auch ohne Opfer Gutes tut, der also nichts als gnädig ist?« würde dann keine offene mehr sein. Die Antwort würde lauten: Es gibt keinen.

»Lewer duad üs Slaav«

1721 wurde der dänische König Friedrich IV. Landesherr. Die für die Herzogtümer so bedeutsame Herrschaft der Gottorfer Herzöge war am Ende. Im September leistete der alte Adel dem neuen Landesherrn auf Schloss Gottorf den Huldigungseid, und der neue König senkte die Steuern. Das kam gut an. Für die nächsten einhundertdreißig Jahre lagen Nordfriesland und Husum unter dänischem Dach und Fach. Wer jetzt das Licht der Welt erblickte, wurde als dänischer Staatsbürger geboren.

Die Wirtschaft kam in Schwung, und man sieht und hört: Tausende Stück Vieh stehen auf dem Viehmarkt von Husum und wechseln den Besitzer. Mathias Brinkmann, der reiche Husumer Zoll- und Schlossverwalter, der auch im Hause von Storms Urgroßvater mütterlicherseits, Jochim Christian Feddersen, verkehrt, geht jeden Abend mit seinem schwarzen Diener aus, um Karten zu spielen. Landvermesser kutschieren mit ihren Messgeräten übers Land, Walfänger fahren aus mit ihren Walfangschiffen, dänische Kolonien in der Karibik locken Abenteurer und Geschäftsleute. Tischler, Böttcher, Stellmacher arbeiten in Stadt und Land an ihrem Handwerk, neue Deiche werden gebaut und tausende Hektar Koogland gewonnen, der Deichvogt ruft auf Plattdeutsch: De nich will diken – mutt wiken.

Wenn auch Napoleon eine neue, unbekannte Gangart einlegte und am Rad des Weltgeschehens heftig drehte, wenn auch am Ende seiner Ära der Staat Dänemark der große Mitverlierer war und (1813) Bankrott anmelden musste, wenn auch Wirtschaft und Wohlstand auf Talfahrt gingen, so lagen vor der neuen Zeit des neunzehnten Jahrhunderts trotz Sturmflut, Krieg und Pest doch über fünfhundert Jahre politische Stabilität in relativer Freiheit, das heißt in erträglicher Abhängigkeit vom Landesherrn.

An der Westküste Schleswig-Holsteins hatte es keine Leibeigenschaft gegeben wie im Osten des Landes. Einer der Gründe lag im Selbstbehauptungswillen der Bauern, die ihre Eigenständigkeit in der verkehrsungünstigen Marsch besser bewahren konnten. Ihren Freiheitswillen brachten sie mit dem Spruch »Lewer duad üs Slaav« auf den Punkt. Ein weiterer Grund lag im praktisch-vernünftigen Toleranzdenken der regierenden Fürsten, die nur drei wesentliche Anliegen nicht aus den Augen verloren: Steuern und Finanzen, Justiz und Verwaltung, Krieg und Frieden. So florierten Handel und Wandel, so schuf die Wirtschaft den Wohlstand, den die Kunst zu ihrer Entfaltung braucht.

Freiheit und Selbstbehauptungswille haben den Grund gelegt, und darum ist es kein Zufall, dass Schleswig-Holsteins große Persönlichkeiten aus Kunst und Wissenschaft an der Westküste geboren wurden: die Dichter Friedrich Hebbel 1813 in Wesselburen und Klaus Groth 1819 in Heide, der Historiker und erste deutsche Nobelpreisträger für Literatur Theodor Mommsen 1817 in Garding, der Begründer der Soziologie Ferdinand Tönnies 1855 in Oldenswort. (Heinrich und Thomas Mann aus Lübeck bilden die Ausnahme; aber ihr Herkommen hat ebenfalls zu tun mit jahrhundertelang entwickelter politischer Unabhängigkeit, wirtschaftlicher Stabilität und Freiheit).

Auch Theodor Storm gehört in die Reihe der großen Künstlerpersönlichkeiten von der schleswig-holsteinischen Westküste. Sein manchmal von Eigensinn nach Starrsinn verrückter Kopf war geprägt von strengem, unnachgiebig-rechthaberischem Denken, von eisernem Unabhängigkeitswillen und ichbezogenem Freiheitsempfinden. Das konnte er in den Herzogtümern Schleswig und Holstein, die seit Jahrhunderten durch den Vertrag von Ripen (1460) »up ewig ungedeelt« verbunden waren und locker am Zügel des dänischen Staates hingen, ohne Gefahr für seine beruflich-bürgerliche Existenz leben. Zu Ende ging diese alte Zeit mit den neuen nationalen Ideen des 19. Jahrhunderts, mit den Kriegen, Niederlagen und Siegen, die um 1850 auf dem Fuße folgten, mit Besatzung und Unterdrückung. Diese Zeit hat Storm für sein ganzes Leben geprägt, sie hat ihm das Exil aufgezwungen und die Heimatliebe wach gehalten.

Sonntagskind

Ob der 14. September 1817, Storms Geburtstag, in Husum ein schwüler Tag gewesen ist? Kann gut sein, denn In der Mitternachtsstunde zwischen dem 14. und 15. September 1817 war ein stark Gewitter über Husum, schreibt der Dichter in seinen Erinnerungen »Aus der Jugendzeit«. Entweder hatte dieses Naturereignis seine Ursache in einer von West nach Ost durchziehenden Kaltfront – eher unwahrscheinlich für diese Jahreszeit –, oder es hatte sich eingenistet in den tagsüber aufquellenden, größer und größer werdenden Haufenwolken, die schließlich, von Wasser dunkelblau gefärbt, wie gebannt über der Stadt gestanden haben müssen, möglicherweise am oberen Wolkenrand mit Ambosskopf, der seinen Platz unterm Himmel in neun Kilometern Höhe hatte.

Über allem glänzte der Sternenhimmel mit dem Sommerdreieck Wega, Deneb, Atair. Der zunehmende Mond stand als dünne Sichel drei Tage vor dem ersten Viertel. Die Milchstraße zog sich vom Südwesthorizont bei Tönning herkommend steil über den Zenit und den Husumer Marktplatz, dann legte sie sich hoch oben ins Kreuz und verschwand über das kleine Olderup hinweg, dem nordöstlichen Horizont zu.

Deutlich sichtbar und beachtlich hoch steht im September das Sternenviereck »Pegasus« und sieht von oben herab. Das geflügelte Ross war auf seinem Flug zum Olymp zu tief gekommen und hatte Bodenberührung. Kurz darauf sprudelte eine Quelle hervor, die Unfallstelle wurde zur heiligen Stätte. Aus dem Quellwasser schöpfen die Dichter immer noch ihre Verse, Pegasus ist das Sinnbild für Dichter und Dichtung geblieben, er lebt immer noch auf dem Olymp und hatte auch am 14. September 1817 seine Hand im Spiel.

Wer jetzt, kurz vor Mitternacht, als neuer Erdenbürger ins Leben trat, der wurde geboren im Sternzeichen der Jungfrau, mit dem Krebs als Aszendenten, mit dem Mond im Zeichen des Skorpion. Diese Zeichenkombination gilt als »nicht sehr vorteilhaft« und beschreibt die Persönlichkeit als stolz, selbstsicher, willensstark, hartnäckig, gelehrsam, ernsthaft und klug, als einen Charakter, der kaum jemals die Vorstellungen anderer Menschen akzeptiert und bei Kränkung zu heftigen Reaktionen neigt. Der neue Erdenbürger ist leicht verletzbar und launisch, gleicht das aber mit seiner inneren Weichheit aus. Familie, Haus und Garten sind für ihn von großer Bedeutung. Die Privatsphäre ist ihm heilig. Kindererziehung bedenkt er in ungewöhnlicher Weise. Geschäftsverbindungen pflegt er intensiv. Mit der Liebe geht er zärtlich, phantasievoll und einfallsreich um. Seine Gefühle sind stark und ständig auf der Suche nach Erfüllung. In der Sexualität zeigt er seine leidenschaftliche Natur. Hier haben Beziehungen, die nicht der Norm entsprechen, für ihn einen besonderen Reiz. Seine Schwächen sind: Depression, Angst und Härte. So weit das amtliche Horoskop.

In Husum war nachmittags um 15.30 Uhr Hochwasser, Niedrigwasser abends um 21.40 Uhr. Nun lief das Wasser also wieder auf zum nächsten Hochwasser, das am frühen Morgen des 15. September um 3.55 Uhr erwartet wurde.

Jetzt öffneten die dicken blauen Wolken ihre Schleusentore und schütteten das Wasser auf Husums Markt und Straßen; auch das Haus »Markt 9«, das Storms Vater 1816 gekauft hatte, wurde kräftig begossen. Da lag im ersten Stock, im letzten Zimmer links, Lucie Storm, geborene Woldsen, in Wehen und brachte ihr erstes Kind zur Welt, den Sohn Hans Theodor Woldsen Storm. Der Ehemann und werdende Vater Johann Casimir Storm hatte in seiner Angst um Frau, Wehen und Geburtsschmerzen das Weite gesucht und lag irgendwo in der Gasse auf irgendeines Bürgers Kellerluke, schreibt der Dichter in seinen Erinnerungen. Da soll nun der gute Mann gelegen haben, womöglich im Regen? Blitz und Donner über sich? Irgendwann wird der frischgebackene Vater zurückgekehrt sein und seinen Sprössling zum ersten Mal gesehen haben.

Die Namensgebung folgte Vernunft, Phantasie und Vätersitte: »Hans«, so hießen immer die erstgeborenen Söhne der Familie Storm, so nennt auch der Dichter später seinen Erstgeborenen, der Name »Theodor« wurde lediglich seiner Zierlichkeit wegen aus dem Kalender herausgesucht. »Woldsen« kam zu »Storm«, weil der männliche Zweig der Familie Woldsen, der Storms Mutter entstammte, ausgestorben war und der Name erhalten werden sollte.

Im Kirchenbuch von St. Marien notierte der zuständige Propst Johann Tycho Hartz (1756–1827) als Taufdatum den 5. November und als Geburtsdatum: den 15. September zwischen 11 und 12 Uhr nachts. Für das Horoskop spielt dieser eine Tag Unterschied keine Rolle. Tierkreiszeichen, Aszendent, Mond bleiben gleich.

Meine Mutter behauptete – sie müsse es doch am besten wissen – energisch den vierzehnten; und der Sohn glaubte der Mutter mehr als dem Propst. Der 14. September war ein Sonntag. Theodor Storm war und wollte Sonntagskind sein, denn Ein Sonntagskind ist immer der Poet, heißt ein Vers in seinem Gedicht »Märchen«. So gilt der 14. September als das richtige Datum. An diesem Tag wird Storms Geburtstag gefeiert.

Herkommen

August Friedrich Woldsen (1792–1868), der später Ehrenbürger von Husum wurde – er hatte der Stadt ein Vermögen von 96 000 Talern Reichsmünze vermacht –, war ein entfernter Verwandter von Storms Mutter. Er hat sich 1841, nach dem Studium der Kirchenbücher, zum Herkommen der Woldsen-Familie schriftlich geäußert.

Seine Aufzeichnungen berichten vom ersten auffindbaren Woldsen: Wold Nommensen (Wold = Wald), geboren in Padelack, einem Dorf in der Marsch südlich von Husum, das bei der großen Sturmflut von 1634 untergegangen war. Von Padelack ist nichts übrig geblieben. Auf den Messtischblättern (Maßstab 1:25 000) der ersten »Königl. Preuss. Land-Aufnahme von 1878« ist »Padelacks-Hallig« südwestlich von Husum aufgedruckt, verloren in einem großen weißen Fleck auf der Landkarte. Irgendwo im heutigen Simonsberger Koog, der erst 1862 gewonnen wurde, hatten Kirche und Dorf gelegen. Postadressen wie »Padelackhallig« erinnern heute daran.

Wold Nommensen gab seinem Sohn den Vornamen Ingwer und den Nachnamen Woldsen. Diese (patronymische) Methode der Namensbildung war an Nord- und Ostsee seit Jahrhunderten Sitte: Dem Taufnamen des Sohnes wurde der Vorname des Vaters mit der Endung »sen« (= Sohn) beigefügt. Ingwer Woldsen gilt als der Stammvater der Woldsens. Er soll bey der großen Sturmfluth, worin Padelek untergegangen ist, in einer Wiege bei Arlewatt angetrieben seyn, schreibt August Friedrich. Das erinnert an das Schicksal des Führers, Propheten und Gesetzgebers Mose, der als Wickelkind in einem Rohrkörbchen im Nil-Schilf ausgesetzt, dann von der Königstochter gefunden wurde und als Adoptivsohn am ägyptischen Königshof aufwuchs. Storm schreibt in seinen Erinnerungen »Aus der Jugendzeit« nichts von »Wiege«, sondern von einem Halligenschiff, einem Schiff, das für den Verkehr im flachen Wattenmeer geeignet war. So hätten die Woldsens sich ans Festland gerettet.

Stammvater Ingwer wurde herzoglicher Verwalter auf dem Gut Arlewatthof, das unmittelbar an der Hattstedter Marsch und am äußersten Rande der Geest liegt. Als »Grieshuus« wird dieser Adelshof in Storms Novelle »Zur Chronik von Grieshuus« (1884) zum zentralen Ort.

Schon Ingwer Woldsens Sohn Christian Albrecht brachte es zu Ansehen und Reichtum. Er machte sein Geschäft mit »Import/Export«. Die nachfolgenden Woldsens übernahmen das Geschäft des Vaters. Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen. Der Satz aus Goethes »Faust« war damals noch nicht in der Welt; aber er lag längst in der Luft.

Ansehen und Wohlstand scheinen den Woldsens auch Verpflichtung und Ansporn gewesen zu sein. Der Bedeutendste dieses Geschlechts, schreibt Storm, war mein Urgroßvater mütterlicherseits, Senator Friedrich Woldsen (1725–1811), der vor meiner Geburt in Husum verstorben ist; der letzte große Kaufherr, den die Stadt gehabt hat, der seine Schiffe in See hatte und zu Weihnachten einen Marschochsen für die Armen schlachten ließ. Ruhig und besonnen, mit einem strengen Zug um den Mund, mit freundlichen blauen Augen und gepudertem Haar, so sieht Storm seinen Urgroßvater auf einem vergoldeten Medaillon.

Storms Großvater Simon Woldsen (1754–1820) hatte nicht das kaufmännische Großtalent geerbt. Stille und Milde kennzeichneten sein Wesen. Sein Vater schickte ihn auf Bildungsreise nach Frankreich, er übernahm die väterliche Zuckerfabrik und wurde Senator in Husum. Er heiratete Magdalene Feddersen, Storms Großmutter.

Magdalene und ihre Schwester Christine waren Töchter des hoch geachteten Kaufmanns und Senators Joachim Christian Feddersen (1740–1801). Sein Haus Ecke Schiffbrücke/Twiete zeugte vom erwirtschafteten Wohlstand und von Ansehen. Er war ein Liebhaber und Kenner von Kupferstichen, die in seinem Hause an den Wänden hingen. Hier versammelte sich die »Vereinigte freundschaftliche Gesellschaft«, wenn die Reihe an ihn als Gastgeber gekommen war. Dann gab es Kaffee und Kuchen, keinen Tee. Abends tranken die Männer Punsch, sie sangen Trinklieder wie am Stammtisch; wer aber fluchte oder unpünktlich war, wurde zur Kasse gebeten für die Armen der Stadt. Mutter Elsabe, die Töchter Magdalene und Christine hielten sich im Hintergrund.

Storm beschreibt dieses Haus und seine Bewohner in den »Zerstreuten Kapiteln«. Der Garten seiner Urgroßmutter lag abseits an der Husumer Au; dorthin ging der kleine Storm an Urgroßmutters Hand, schritt mit ihr über mit Muscheln belegte weiße und weißblaue Gartensteige, saß mit ihr im Gartenhaus, das von Jelängerjelieber überwachsen und über die Au hinausgebaut worden war. Garten – hier, bei Urgroßmutter Feddersen (1741–1829), liegt er wie eine erste Familienfundsache in der Stormschen Chronik; der Garten wurde Storm wichtig, ja lebensnotwendig. Garten – das war ihm ein sicher tragender Grund und Boden, ein Element, in dem auch der sprachliche Ausdruck seiner Novellen ruhen konnte; dieses Stück Erde war ein überschaubares Areal, es war Ergebnis menschlicher Bearbeitung, also ein Stück Kultur, keine bedrohliche, chaotische Wildnis. Der Garten hatte einen Zaun, einen Rahmen, eine Grenze, die ihm maßvolle Größe gab und gesicherte Existenz bot.

Ähnlich wie der Garten gehört auch das Klavier zu den früh erwähnten Fundsachen. Im Feddersenhaus stand im Zimmer der Töchter ein grün lackiertes Klavier, das war damals noch eine große Seltenheit, schreibt Gertrud Storm. Wie der Garten, so bedeutete auch das Klavier für Storm Heimat, gehörte zum Lebensnotwendigen. Es war das Instrument, mit dem er seinem Empfinden Ausdruck verleihen und darin versinken konnte. Das Klavier im Feddersenhaus ist auch ein Fingerzeig auf Storms musikalische Veranlagung; vermutlich Großmutter Magdalenes Erbteil, die ihrer Tochter Lucie das Musikalische in die Wiege gelegt hatte, die wiederum ihrem Sohn Theodor denselben Gefallen tat.

Als Simon Woldsen, Magdalenes Ehemann und Großvater Theodor Storms, 1820 gestorben war und in einem mit schwarzem Tuch bezogenen Sarg lag, sagte einer seiner Schwiegersöhne, sein weinendes Kind emporhebend […]: Heule nicht, Junge! So sieht ein braver Mann aus, wenn er gestorben ist. Und der alte Kutscher sprach gut über seinen ehemaligen Herrn: Dat is min ol’ Herr; dat weer een guden Mann. Storms Mutter, die jüngste unter den drei Woldsen-Schwestern Magdalene (1793–1873), Elsabe (1795–1873) und Lucie (1797–1879), rief eines Tages, übermannt von der Erinnerung an ihren Vater, in die Familienrunde: So wie du hat Keiner mich doch geliebt.

Am Lagedeich

Eine Reise mit Pferd und Wagen nach Westermühlen bei Rendsburg, wo Storms väterliche Verwandtschaft seit Generationen lebte, hätte durch die Südermarsch über Friedrichstadt führen können. Das wäre allerdings ein Umweg gewesen. Man hätte hier die Reise zwecks eines anderen Verwandtenbesuchs in einem hochherrschaftlichen Haus unterbrechen können: Hier lebte »Tante Lene«, Mutter Lucies Schwester Magdalene, die mit dem Großkaufmann und Senator Nicolaus Stuhr (1784–1834) verheiratet war. Stuhr betrieb in Friedrichstadt eine Ölmühle und Salzsiederei und handelte mit Essig und Kartoffelbranntwein. Sohn Friedrich Gustav (1813–1880) war Storms geschätzter »Vetter Fritz«. In Friedrichstadt hätte man ein Dampfboot besteigen können, man wäre auf der kurvenreichen Fluss-Strecke der Eider nach Rendsburg geschifft, um von dort aus mit der Pferdekutsche nach Westermühlen zu gelangen.

Schneller und bequemer war der Weg nach Westermühlen über den südöstlich von Husum gelegenen »Lagedeich«, der auch heute noch Geest und Südermarsch voneinander trennt, eine über der Marschebene gelegene, befestigte Straße mit einem unmittelbar anliegenden Wassergraben, die die Südermarsch gegen das Regenwasser von der Geest schützt.

Wer heute diese schmale Chaussee entlang radelt, der hat den weiten Blick auf Landschaft und Himmel wie zu Storms Zeiten: die gemächlich ansteigende Geest mit ihren Kornfeldern im Norden, die tief liegende, flache Südermarsch mit den Viehweiden im Süden. Wie zu Storms Zeiten zeigen sich in nördlicher Ferne die Kirchtürme von Mildstedt und Ostenfeld. Dort, wo der Lagedeich ein paar Kilometer vor Schwabstedt die Südermarsch im Süden und die Oldersbek-Niederung im Norden hat, sieht man in östlicher Ferne den Wald von Lehmsiek auf einer Geestinsel, an deren südlichem Rand das Städtchen Schwabstedt an der Treene liegt. Hinter dem Wald, unsichtbar, erstreckt sich das »Wilde Moor«, das in Storms Novelle »Draußen im Heidedorf« eine besondere Rolle spielt. Der Erzähler ist ein »Amtsvogt«, der einen ungelösten Todesfall aufzuklären hat. Er lässt sich in seiner Dienstkutsche in den kleinen Ort am Rande des Wilden Moores fahren und nimmt seine Ermittlungen auf.

Nach Schwabstedt, das Storm von seinen Reisen aus der Kinderzeit kannte, das er später auf Dienstfahrten von Husum aus aufsuchte, verlegt er den Schauplatz seiner Novellen »Renate« (1877) und »Zur Wald- und Wasserfreude« (1878). In Schwabstedt hätte die Treene-Fähre das Stormsche Fuhrwerk übersetzen können und wenige Kilometer weiter östlich die Huder Fähre. Hätte man mit der Fresendelfer Fähre die Treene überquert, wäre man danach durch die Sorgeniederung gefahren, eine schwierige Etappe. Im Winter dürften Überschwemmungen die Reise ganz unmöglich gemacht haben. Man muss annehmen, dass der Kutscher den Weg wählte, der je nach Straßen- und Wettergegebenheiten der günstigste war. So oder so dürfte Storms Reiseweg von Husum nach Westermühlen etwa 48 Kilometer lang gewesen sein.

Zu Storms Jugendzeit waren Schleswig-Holsteins Straßen unbefestigte Naturwege, sie galten als die miserabelsten in ganz Europa und verliefen, je nach Jahreszeit und Ackerbau, mal hier, mal dort; es gab weder Ortsschilder noch Wegweiser. Und doch wurde hier auf den Reisen ein Faden gesponnen, ein Faden für das Lebensnetz, an dem Storm sein Leben lang weiter spann: inspizierte, reparierte, hegte und pflegte.

Vaters Wurzeln

Storms Vater Johann Casimir war der Sohn von Erbpachts- und Eigentums-Müller Hans Storm und der Tochter des Pastors Johann Casimir Claus (genannt Claussen) zu Hohn. Das berichtet Storm in seinen Erinnerungen. Erste Erbpächterin der Wassermühle in Westermühlen war Storms Ururgroßmutter Margarethe Storm gewesen; sie übernahm den Betrieb 1708, nachdem ihr Ehemann gestorben war. Die »Topographisch Militärische Charte des Herzogtums Holstein (1789–1796)« verzeichnet die Stormsche Wassermühle an der Stelle, wo die »Elsdorf Aue« die Dorfstraße von Westermühlen kreuzt.

Wer auf »Erbpacht« wirtschaftete, verwaltete staatliches Eigentum. Wenn dem Staat die Bewirtschaftung eigener Grundstücke zu teuer erschien, dann verpachtete er neben Mühlen auch Schäfereien, Fährbetriebe und Bauernhöfe. Der Erbpächter zahlte Grundsteuern an den Staat und trug alle laufenden Kosten. Die Einnahmen gehörten ihm, und er konnte seine Erbpacht weiter vererben.

So blieb die Wind- und Wassermühle von Westermühlen durch Vererbung in der Storm-Familie. Jeweils der älteste Sohn, der immer Hans hieß, übernahm den Betrieb. Als Theodor Storm geboren wurde, befand sich die Mühle in der Hand seines Großvaters Hans Storm III (1739–1820).

Vater Johann Casimir (1790–1874) war das vierte Kind von Hans Storm III und seiner Frau Brigitta Cäcilia. Um den außergewöhnlichen Namen »Casimir« spann sich eine kleine Schauergeschichte, die Storm am 13. August 1873 in einem Brief an den Wiener Literaturkritiker Emil Kuh erzählt. Darin äußert er die Befürchtung, sein Urgroßvater, der Pastor Johann Casimir Claussen aus dem Nachbardorf Hohn, sei womöglich polnischer Abstammung, und sein richtiger Name sei unbekannt. Zwei Brüder, 2 polnische Offiziere, seien aus der alten Heimat angereist und hätten sich bei einem Besuch durch ungeheures Saufen ausgezeichnet. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass Storm polnische Vorfahren hat. Johann Casimir Claus wurde am 21. Oktober 1729 in Moringen bei Hannover geboren. Das wissen wir von Storm selber.

Hinter alledem steckt vermutlich Storms lebenslange Angst vor der Vererbung ungünstiger Charakteranlagen. Als er diesen Brief schrieb, sah er womöglich vor seinem geistigen Auge die fetten Alkoholgestalten, wie er sie in einem Brief an seinen jugendlichen Freund Ferdinand Tönnies (15. Mai 1872) beschrieben hatte. Ekel und Abscheu empfand er, wenn er sah, wie Menschen sich selber und ihre Nächsten von »König Alkohol« zu Grunde richten ließen. In der Novelle »Der Herr Etatsrat« (1880) schildert er voller Hass und Verachtung einen Alkoholiker, den Etatsrat Sternow. Als Storm den Brief an Emil Kuh verfasste, könnte auch die Frage seine Gedanken begleitet haben, ob die Alkoholsucht seines ältesten Sohnes Hans (1848–1886) etwa der polnischen Verwandtschaft entsprungen sei.

Storms Großvater aus Westermühlen war ein kluger, vielseitig interessierter Müllersmann; ihn beschäftigten nicht nur Wind und Wasser, die Energielieferanten für den Mühlenbetrieb, sondern auch Sonne, Mond und Sterne, und er wollte wissen, welche Antworten die astronomische Wissenschaft geben konnte. Bald fiel ihm der gescheite Kopf seines Sohnes Johann Casimir auf; den schickte er nach der Dorfschule aufs Gymnasium nach Rendsburg, dann weiter auf die Gelehrtenschule nach Husum. Hier schloss der Junge Freundschaft mit Ernst Esmarch (1794–1875), dem späteren Bürgermeister von Bad Segeberg, der später sein Schwager wurde und noch später der Schwiegervater seines Sohnes Theodor.

Casimir Storm und Ernst Esmarch studieren zusammen in Heidelberg Jura; sie besuchen Johann Heinrich Voß, den Übersetzer der »Odyssee« und »Hainbund«-Freund von Esmarchs Vater, der ihnen dann im Reblaubgange seines Hauses im Schlafrock und mit der spitzen Schlafmütze, seine lange Pfeife rauchend, entgegenkam – wie mein Vater meinte, ein etwas griesgrämiger Herr. Nach dem Studium in Heidelberg und Kiel besteht Johann Casimir 1814 sein juristisches Examen. Er wird Gerichtssekretär beim Amthauptmann von Levetzow in Husum. 1815 lässt er sich hier als Advokat nieder, 1816 heiratet er Lucie Woldsen.

Ein ganzes Wald- und Mühlenidyll sieht Theodor Storm, wenn er an Westermühlen denkt. Es rauschte und klapperte in der Wassermühle, die er sich zu seinem Hauptquartier erkoren hatte. Bienen summten im Immenhof, Obstbäume standen im Garten, in der dunklen Küche staunte er, wie Möddersch Marieken den in der Pfanne prasselnden Pfannkuchen plötzlich in die Höhe schleuderte. Ein weißes Teegeschirr von roten Blumen bemalt stand im Schrank. Er durchstreifte die nahebei liegenden Wälder, die Osterham und Mittelham und Westerham (Ham=Wald) hießen; Westermühlen lag mittendrin.

Hier betritt er ein Stück Landschaft, das es in Wirklichkeit gar nicht gibt, sondern nur in seiner Vorstellung, die sich erinnert. Hier sah ich zum ersten und letzten Mal in meinem Leben eine von den großen smaragdgrünen Eidechsen. Sie saß auf einem Baumstumpf und sah mich wie verzaubert mit ihren goldnen Augen an, schreibt er weiter an Mörike. Zauber eines Sommermittags, in dem sich die Eidechse sonnt. Der Mittagsgott verrückt die Lösung
ins Rätsel und die Wirklichkeit ins Märchen. In der Eidechse steckt der Schreckenszauber des Mittagsgottes, sie verwandelt Raum und Zeit zu imaginären Größen, in denen die Realität gleich null und nichts ist und die Vorstellung unendlich und alles. Der Eindruck, den diese Eidechse hinterlässt, ist darum tief und unvergesslich. In seiner Novelle »Im Schloß«, die er 1861 in Heiligenstadt schreiben wird, schildert er noch einmal das Abenteuer mit der Eidechse; fast wörtlich überträgt er die Briefpassage in den Novellentext. Ob Storm sich eine Kopie angefertigt hatte? Die smaragdgrüne Eidechse verwandelt er in der Novelle in eine glänzend grüne. Hier wie dort aber steht am Ende die fassungslose Frage nach dem Ort des Geschehens: Wo aber bin ich damals denn gewesen?

In Westermühlen schoss der junge Storm einen Storch vom Baum herunter, hier ging ich mit des Onkels großem Hund zu Walde und lag dort
dem Krammetsvogelfang [Wacholderdrosseln] ob (siehe in meinen Gedichten ›Waldweg‹). Kam dann mein Vater mich abzuholen, so wurde ein Krammetsvogelschmaus gehalten.
Dem Vater, der hier, in Wald und Feld, namentlich als Vogelsteller, eine so anmuthige Jugend verlebt hat, widmet Storm auch ein frühes Gedicht (ca. 1840), das mit diesen zwei Versen beginnt: Die Heimat hier, und hier Dein erster Traum, / Das Mühlrad rauscht, es stäubt der Silberschaum.

Abends saß der junge Storm mit seinem Onkel vor dem Haus unter Lindenbäumen und flocht Dohnen (Vogelschlingen) aus Weidenzweigen. Aber Obstgarten, Stallungen, Mühle und Brücke, alles – wenn mich meine Erinnerung nicht trügt – lag unter den Wipfeln ungeheurer Eichbäume, wie ich sie nie zuvor zu Haus gesehen hatte. Das klingt nach Märchenwald, nach deutscher Romantik und nach Eichendorff, den Storm bewunderte und verehrte, dessen Poesie Storm mitten ins Herz traf und der neben Heine schon in meiner Jugend den größten Einfluss auf mich gehabt hat.

Die Hohle Gasse 3

Nach dem Tod des Großvaters mütterlicherseits, Simon Woldsens, (9. Oktober 1820) zog das Ehepaar Storm im Sommer 1821 mit Sohn Theodor und der inzwischen geborenen Tochter Helene (14. Januar 1820 bis 10. November 1846) in das großelterliche Haus Hohle Gasse 3. Das zweistöckige Gebäude ist bis heute erhalten, und wenn man davor steht und es vergleicht mit einem farbigen Bild auf einer alten Porzellanmalerei, dann fehlt heute nur der in Richtung Hafen unpassend angefügte südliche Seitenflügel, der unter das Dach des Hauses kam und damit die Architektur ins Schiefe und Unförmige rückte. Hier war die Toreinfahrt, und hinter den zwei Fenstern rechts daneben richtete sich Johann Casimir die Anwaltskanzlei ein, seine alte dunkle Advokatenhöhle, so schreibt Storm in einem Brief an Emil Kuh. Das große, verräucherte Gemach, in dem der harte Schlag der Wanduhr pickt, so steht es in der Novelle »Unterm Tannenbaum«. Dort saß Vater Storm den ganzen langen Arbeitstag im langen Gehrock bis abends um neun Uhr, eine goldene Schnupftabaksdose in ständiger Bereitschaft, und der Schreiber und Sekretär Clausen saß im Zimmer nebenan in Clausens Comptoir. »De ole Storm«, wie Storms Vater bald respektvoll in Husum genannt wurde, hat sich sein Leben lang weder malen noch photographieren lassen. Erzählt wird von seinem dunklen, vollen, braunen Haar, von seinen grauen Augen und von seinem kleinen, schwächlichen Körper. Er war ein Rosenliebhaber und Vogelfreund; in den Arbeitspausen, die er sich leistete, ging er hinaus in den Garten, der hinter dem Haus lag. Da begutachtete er die Rosen und sah nach Tauben und Taubenhaus und nach Spreen (Staren) und Spreenkästen.

Er ist ein Mann ohne alle Selbstsucht, als Advocat – er war namentlich in Administrativsachen von Bedeutung – von einer keuschen Ehrenhaftigkeit; kein gelehrter Jurist, aber berühmt wegen seiner klaren Auffassung der Sachlage, schreibt Storm über seinen Vater. Johann Casimir arbeitete in seinem Advokaten-Beruf lebenslang hart und fleißig, nahm seine Berufs- und Familienpflichten ernst und erwirtschaftete sich und den Seinen ein beträchtliches Vermögen. In Husum lebte ich gleichsam in einer Atmosphäre ehrenhafter Familientradition, schreibt Storm aus dem Potsdamer Exil.

Seinen Theodor und Familie hat Vater Johann Casimir, insbesondere in den entbehrungsreichen Jahren der Emigration, immer wieder unterstützt und beschenkt. Ähnlich wie die Woldsen-Vorfahren seiner Frau Lucie fühlte auch er sich dem öffentlichen Wohl verpflichtet. Im Frühjahr 1836 wurde er bei der erstmals im Herzogtum Schleswig stattfindenden Wahl zur Ständevertretung als Husumer Abgeordneter gewählt. In diesem neuen Parlament war er einer von zwei Sekretären der Ständeversammlung in Schleswig und gehörte somit zum Präsidium.

Diese erste und auch die folgenden Wahlen hatten noch wenig mit Demokratie zu tun. Sie waren weder geheim noch schriftlich, sondern öffentlich und mündlich. Gewählt wurde per Zuruf. Das Wahlrecht blieb auf Männer und auf große Steuerzahler beschränkt. Als gut verdienender Advokat und »Koogschreiber«, der für die Vermittlung und Ausarbeitung von Pachtverträgen einträgliche Honorare kassierte, gehörte Vater Storm zu
den größten Steuerzahlern der Stadt. Johann Casimir wurde 1840 zum
»Ritter vom Danebrog« durch den dänischen König berufen, und darauf war er stolz.

In die Geschichte Nordfrieslands ging Storms Vater ein, weil er sich 1842 in der Ständeversammlung weigerte, die erste in dänischer Sprache gehaltene Rede zu protokollieren. Diesen Traditionsbruch wollte und konnte er nicht akzeptieren, und er zeigte Zivilcourage. Das kam schon immer gut an. Er war in den kräftigsten Zeiten seines Wirkens der angesehenste Mann in Stadt und Land, schreibt Storm noch drei Jahrzehnte später an Emil Kuh.

Das war der tüchtige und rechtschaffene Anwalt Johann Casimir Storm durch seine Geradheit und Standfestigkeit, seine Treue zu eigenen Überzeugungen, sein Empfinden für Tradition in Familie und Gesellschaft und überlieferte Ordnung. Dazu gehörten auch sein Herzogtum Schleswig und der dänische König, sein oberster Landesherr. Dazu gehörte auch seine deutsche Sprache. Der nationale Wind, der zu seiner Zeit auch in und um Husum her-
um immer kräftiger blies, schied Dänisches und Deutsches, das lange friedlich nebeneinanderher gelebt hatte. Deutsch fühlende Schleswig-Holsteiner betonten nun immer mehr das Deutsche, so wie dänisch fühlende Schleswig-Holsteiner immer mehr das Dänische betonten. Als im März 1848 die Husumer Schuljugend mit diesem Zweizeiler durch die Straßen zog: Ritsch, ratsch, rideldum, / De Frischärlers bringt de Dänen um!, da war Johann Casimir sicherlich froh, wenn er in seiner dunklen Advokatenhöhle redlicher Arbeit nachgehen konnte. Als im Oktober 1849 Husumer Bürger gegen die »Landesverwaltung als eine ungesetzliche Gewalt« schriftlich protestierten, hat Johann Casimir nicht unterschrieben, Sohn Theodor aber steht da zu Buche mit »Woldsen-Storm, Advokat« unter dem Protestschreiben der zweihundertvierundfünfzig Unterzeichnenden. Johann Casimir schreibt anderthalb Jahrzehnte später an seinen Sohn: Von einem Kriege erhoffe ich nichts, fürchte aber nach den bisherigen Erfahrungen alles.

Die Familie

Für Johann Casimir stand die Familie ganz oben an. Auch da musste alles seine Ordnung haben. Vater Storm kommt im Rückblick des Sohnes nicht gut weg, denn er hat uns und seiner so sehr geliebten Frau doch oftmals weh getan. Nach dem Gesetz war Johann Casimir als Familienoberhaupt so etwas wie ein Disziplinarvorgesetzter für Ehefrau, Kinder und Gesinde. Er durfte von ihnen Folgsamkeit verlangen und seine Untertanen bestrafen und begnadigen. Mit dem Eheversprechen gab die Ehefrau alle Rechte in die Hand des Ehemannes. Sie diente dem Mann, und alles, was sie tat, tat sie in seinem Auftrag. Auch die Kinder musste sie im Sinne des Vaters erziehen. Sein Erziehungsrecht schloss auch die Berufswahl für die Kinder ein. Wer nicht hören wollte, den konnte er mit dem Stock Waffen waren ausdrücklich verboten fühlen lassen.

Wie aber sah die Wirklichkeit in Johann Casimirs Familie aus? Sicher ist ihm mal die Hand »ausgerutscht«, denn er hatte ein jähzorniges Temperament, das auch Erbteil seines Sohnes Theodor werden sollte. Storm beklagt, sein Vater sei ein Mann ohne jeden Humor gewesen. Hier dürfen Zweifel angebracht sein, denn Vater Storm verfügte sehr wohl über eine gewisse Portion Hintersinn und Humor. Wenn er seinen Geburtstag am 26. April im Familienkreis feierte, war er an diesem Tage immer besonders heiter, schreibt die Enkelin Gertrud Storm. Die Geburtstagsgesellschaft verzehrte einen Puter, den ein Freund des Großvaters jedes Jahr von der Insel Nordstrand schickte; den beiliegenden Begleitbrief begann der gebefreudige Mann stets mit den Worten »Anbei ein Huhn«. Das war für Vater Storm immer Stoff für vergnügliche Stunden.

Er war nicht gefühllos, aber er mochte sich nicht von seinen Gefühlen überwältigen lassen. Das geschah hin und wieder doch, wie eines Abends: Beim Abendessen brachte der alte Mann bewegten Herzens einen Trinkspruch auf Kinder und Eltern aus […]. Dabei übermannte ihn die Rührung so, dass er die Tränen nicht zurückzuhalten vermochte. Sein Sohn Theodor setzte sich ans Klavier und begann zu spielen, um die Rührung zu verdecken.

Ich entsinne mich nicht, schreibt Storm über seine Eltern, daß ich derzeit jemals von ihnen umarmt oder gar geküßt worden. Gleichzeitig aber erklärt er: Wir im Norden gehen überhaupt nicht oft über den Händedruck hinaus. Das klingt, als wenn er sich selber den Zurückhaltenden und Sparsamen zugeordnet hätte. In Wahrheit ist körperliche Nähe Storm lebenslang wichtig gewesen. Er fühlte sich schnell abgewiesen und gekränkt. Menschliche Zu- und Abwendung registrierte er bis zuletzt überempfindlich, hypochondrisch. Er beklagt über fehlende Elternnähe. Für Umarmen und Küssen, Schmusen und Streicheln verteilt er die Note »mangelhaft«. Ist aber tatsächlich alles mangelhaft gewesen? Das darf bezweifelt werden.

Natürlich ging die Schilderung der Kindheitserinnerungen an den Wiener Literaturkritiker Emil Kuh durch einen Filter: Emil Kuh brauchte biographisches Material, um über Storm schreiben und veröffentlichen zu können, er war die Instanz, von der aus Storms Informationen den Weg ins Publikum antraten. Auch die anderen Bilder, die Storm über Eltern und Kindheit entwirft, sind durch verschiedene Filter gegangen: der Erfahrung und des Alters, der Stimmung und der Poesie. Sie sind in verschiedenen Farben gemalt, das Spektrum ist breit und bunt. Einzeln auf die Goldwaage legen sollte man Storms Worte nicht. Insgesamt aber bieten sie Hinweise auf Charakter und Persönlichkeit, auf den »echten«, »authentischen« Storm. Aufschlussreich und bedeutsam sind die Briefe an seine Freunde, an Vater und Mutter, besonders aber die Briefe an seine Frau Constanze und an seine Kinder. Hier bringt er sich ohne stilisiertes Interesse selber zur Sprache, hier finden
wir den bis auf die Seele entkleideten und bis aufs Blut gepeinigten Storm, und man hört heraus: An ihm zerrten narzisstische Kräfte, die ihn zwischen Selbstherrlichkeit und Selbstanklage, Herrschsucht und Demutsgeste, Todesangst und Lebensfreude schwanken ließen. In diesem Schwanken reagierte er besitzergreifend, konnte Menschen, die ihm nahestanden, nicht loslassen, er reagierte überempfindlich, wenn er Widerstand fühlte. Dass diese für Storm charakteristischen Persönlichkeitsmerkmale auch Ausdruck in seinem Werk fanden, ergab sich zwangsläufig. Poesie, so schrieb er am 9. November 1881 an seinen Hamburger Freund Heinrich Schleiden, sei ein concentrirter Spiegel des Lebens.

Man muss bedenken: Storm wurde in eine Familie hineingeboren, die
sich rasch vergrößerte. Nach ihm brachte Mutter Lucie noch sechs Kinder
zur Welt: Helene (1820–1847), Lucie (1822–1829), Johannes (1824–1906), Otto (1826–1908), Cäcilie (1829–1863), Aemil (1833–1897). Hinzu kamen vermutlich sechs weitere Schwangerschaften, die ein trauriges Ende nahmen. Und das Schicksal meinte es mit den Storm-Schwestern nicht gut: Lucie, die mit Bruder Theodor in einem Bett schlief, starb als Sechsjährige; Helene, ähnlich musikalisch begabt wie Theodor, Lieblingskind von Johann Casimir, starb im Kindbett mit siebenundzwanzig, ihr Neugeborenes folgte ihr ein paar Tage später in den Tod; Cäcilie starb in der Landesirrenanstalt Schleswig.

Dr. Wülfke, der langjährige Hausarzt der Familie Storm, spricht von der Mutter als von einer früher blühend schönen und trefflichen Frau von kindlichem Gemüthe, die aber an mannigfacher und öfteren Beschwerde von großer Nervenreizbarkeit gelitten habe. Sie sei selten hübsch, noch mit sechsundsiebzig Jahren, bescheinigt ihr der Sohn Theodor; jugendliche Frische der Seele habe sie sich bewahrt, auch ihre Gestalt sei fein und jugendlich und die eigenthümliche Schönheit ihrer graublauen Augen frappirt noch jetzt Jeden, der sie zum ersten Male sieht. Sie hat einen guten klaren Verstand, sehr viel Interesse für Kunst u. Natur, ist aber ohne hervorragende geistige Begabung, schreibt Storm. Dreißig Jahre davor hatte er an seine Verlobte Constanze geschrieben, die Mutter sei bei all ihrem guten thätigen Willen, mir unbequem durch ihren ängstlich behuthsamen Sinn, zumal aber durch ihre zähe langsame Auffassungsgabe. Zärtlichkeit habe nie zwischen der Mutter und ihren Kindern stattgefunden, nur vielleicht zu Aemil, dem jüngsten Kind, teilt er Constanze mit. Er beschreibt auch teilnahmsvoll, dass sie leider an ihrem alten Uebel zu Bett gelegen und Visiten genommen habe. Ebenso teilnahmsvoll berichtet er vom Vater, wie sehr er sich über Mutters Gesundheitszustand quält; er kann des Nachts gar nicht davon schlafen. Storms Verhältnis zum Vater ist zweifellos schwierig gewesen: Im Herzensgrunde sind wir uns gegenseitig so recht durch und durch zuwider, schreibt er, und zwei Monate später: Du glaubst nicht, welche Freundschaft zwischen uns herrscht. Johann Casimir sei galant und liebenswürdig. Andrerseits: gestern Mittag ließ Vater seine Haustyrannenlaunen wieder so an Mutter aus, dass sie nachher stumm und krank die Hände rang. Trotz alledem vergisst Storm nicht seines Vaters Fürsorglichkeit, er betont den Familiensinn der Eltern, kritisiert aber gleichzeitig ihr unerquickliches Verhältnis, das er für die eigene Ehe mit Constanze für ganz ausgeschlossen hält. Voraussetzung für eine Ehe ist für Storm rücksichtslose Offenheit und Freiheit in jeder Beziehung, das ist die liebliche Morgendämmerung der Jugend.

Mutter Lucie

Welche Gefühle Mutter Lucie entfalten konnte, wie viel Liebe und Leidenschaft in ihrem Mitleid steckte und mit welcher Erzählkraft sie ihrem Schmerz Ausdruck verlieh, darüber gibt ein Brief Auskunft, in dem es um das tragische Schicksal von Storms Schwester Cäcilie geht. Cäcilie wird als zart und nervenschwach beschrieben; schon als junges Mädchen litt sie unter Ess-Störungen. Andauerndes Brechübel, so schreibt Storm darüber an Constanze. Mit dreiundzwanzig Jahren wurde sie schwanger von einem dänischen Offizier. Darüber schreibt der Hausarzt der Familie Storm in seiner »Krankengeschichte v. Ørstedt, geb. Storm« am 14. Januar 1858: Als uns im Kriege die dänische Armee auch hier einrückte, wurde dem Auditeur (Militärrichter) Ørsted, Sohn des berühmten dänischen Naturforschers, Quartier im Hause der Eltern angewiesen, und dieser benutzte mehr als leichtsinnig die Neigung der jungen Dame.

Mit Beihilfe von Bruder Theodor, der das Verhältnis entdeckte, zwang die Familie Cäcilie, Ørsted zu heiraten; sie gebar das Kind 1853; es starb ein halbes Jahr nach der Geburt. Danach wurde die Ehe geschieden. »Cile«, so wurde sie in der Familie genannt, lebte nun die nächsten Jahre im Elternhaus und litt zunehmend unter Zwangs- und Wahnvorstellungen. Im Januar 1858 wurde sie in die Landesirrenanstalt nach Schleswig gebracht. Lucie schreibt an Theodor und Constanze nach Heiligenstadt, wo Storm mit seiner Familie im Exil lebte und als Richter am Kreisgericht arbeitete:

Lieben Kinder

die Ahnung, die stille Furcht langer Jahre ist in seiner ganzen Furchtbarkeit und Trostlosigkeit erfüllt! Unser armes Kind hat umsonst gegen den Wahnsinn gekämpft mit der ganzen Kraft ihres Willens; aber umsonst, der Dämon, wie sie ihn selbst nannte, hat sie gepackt und hält sie umfangen mit seinen Krallen. Furchtbar, furchtbar. Wie unzählige Male hat sie mich gefragt: Bin ich nun ruhig, Mutter, bin ich noch anders als die andern Menschen? – Du armes rettungsloses Kind warst vielleicht schon vor deiner Geburt dem Wahnsinn als Opfer verfallen. Jetzt ist sie im Irrenhause bei Schleswig. Johannes und Tine, unsere treue Freundin, von ihr so besonders geliebt, brachten sie kommenden Sonnabend vor 14 Tagen hin. Gott sei gedankt nicht mit Gewalt. […] Am Abend vorher war sie sehr unruhig ging im Dunklen zuletzt mit aufgelöstem Haar trotz alles Bittens auf dem Hofe auf und ab, kam zeitweilig herein, um immer wieder Brausepulver zu nehmen. Rathlos schickten wir zum Doctor, der sie so weit brachte, daß sie auf ihrer Stube blieb und sich zu Bette legte. Er verschrieb ihr Schlaftropfen von denen sie auch zweimal ein nahm und schon müde wurde. Rinke und Stehrsche wachten. Kaum waren Tine und ich im Bette so kam sie schon halb schlaftrunken und bat ganz sanft und rührend: Mein Mutter darf ich nicht bei dir schlafen, ich bin so ängstlich. Wie ein Kind legte sie sich in meinen Arm, bat noch Line nach der Lampe zu sehen, es mögte sonst gefährlich sein, sagte noch die »Die Danner ist gut« und schlief dann die ganze Nacht. Beim Erwachen den Morgen bat sie mich bei ihr im Bette zu bleiben, nein sagte sie bald darauf, stehe auch nur auf, es ist so am Besten. Späterhin kam der volle Wahnsinn wieder über sie; in diesem kamen Ausbruche der Liebe und Herzensgüte, die uns zu Thränen rührten. Sie hat den Wahnsinn an sich herankommen sehen. Otto hat es Euch wohl erzählt. O lieben Kinder das war ein Jammer, Gott schütze jedes Aelternpaar davor, nicht allein am Tage, in der Nacht kam sie vor unser Bett und jammerte, ich werde verrückt, vielleicht bin ich es schon, vielleicht ist mir noch zu helfen; ich will nach Hornheim. Oder auch: Es giebt für mich nur zwei Wege, entweder muß ich verhungern oder nach Hornheim, ein Selbstmörder will ich nicht werden, so will ich nach Hornheim. Ich kann Euch nicht alle Stufen zum völligen Ausbruch erzählen, mündlich wird dieses Thema unerschöpflich sein. In 6–8 Wochen wird uns nichts über sie berichtet, wie soll man diese Spannung ertragen. – – Mit den nothwendigsten versehen kam sie erst dahin. Uebermorgen gehen die letzten Sachen nach. Zwei Tage nach ihrer Abreise erlag ich und war bis vorgestern bett lägrig. – Nun wandere ich wieder umher und sorge für Alle, doch mein Herz, meine Gedanken sind fortwährend und im Traum nur bei ihr, meinem unglücklichen, irren Kinde. Sie wurde namentlich nach der Scheidung stiller und von der äußeren Welt mehr abgezogen, bald nachdem kamen wir zu Euch. Lange schon konnte sie mich drei, ja vier mal um eine Sache fragen, und dann diese ängstlichen Ideen und das Mißtrauen. Zum Weihnachten stickte sie Vater noch recht schwierige Schuhe. Weihnachtsabend kaufte sie für mich noch Geschenke den Sonntag war es ganz vorbei. Die Gedanken schweiften aus, der Tiefsinn, die Angst vor dem Wahnsinn stellte sich ein, wenn sie las, sie nahm ein Buch nach dem andern, bis sie aufgethürmt um sie herum lagen, verwirrten sich die Gedanken. So kam sie zu dem verzweiflungsvollen Resultat über sich selbst, daß sie verrückt werde und sprach dies auch in den herzzerreißendsten Tönen aus.
O dieser Jammer und nicht helfen zu können, Gott bewahre alle gute Menschen davor, er ist grenzenlos …

Ich habe keine Tochter mehr, die letzte ist geistig todt, schreibt Lucie im März 1858 an Schwiegertochter Constanze nach Heiligenstadt. Sie gedenkt ihrer beiden verstorbenen Töchter Lucie und Helene. Angesichts dieses Schicksals ruft sie sich selber zu: Nun nicht mehr klagen. Muth, Muth, ich will ihn mir beweisen.

Die Briefe, die Lucie von Husum an Sohn Theodor, Schwiegertochter Constanze und deren Kinder schrieb, bezeugen nicht nur ihr mitleidendes, fürsorgliches Denken und Empfinden, ihre Erzählkraft und das Erzähltalent, sondern sind Dokumente einer Frau mit großem Herzen, die bewegenden Anteil nimmt am Schicksal ihrer Kinder. Könnten wir uns nur einmal in der Woche sehen, wünscht sie sich ebenso wie Sohn Theodor, um dessen beständige Schwäche sie in Sorge lebt. Ihren Ehemann, Johann Casimir, vergisst sie bei alledem nicht, sein Gemüth leidet freilich in dieser trüben gespannten Zeit, schreibt sie, nachdem das Schicksal Tochter Cäcilie so unerbittlich aus der Bahn geworfen hat. Sie registriert aber auch seinen schönen gesunden Schlaf, erfreut sich an dessen ruhigen Athemzügen und wünscht: Gott erhalte ihn noch lange, lange nach mir. Sie selber kämpft immer wieder mit der anfälligen eigenen Gesundheit, die will nicht stand halten und vergällt mir die Freude des Zusammenlebens. Mutter Lucies vorbildliches Lebensprogramm heißt: nicht unterkriegen lassen, nicht verzagen, tapfer bleiben.

Kindheit und Verklärung

Storm sieht das Familienleben der Kinderzeit aus der Distanz von fünfundvierzig Jahren: Großvater und der alte Clausen in ihren Comptoiren, drei Mägde in Küch’ und Keller und Kinderstube, auf dem Hof oder im Stall der Kutscher mit zwei fetten Rappen, im Hause Großmutter und Mutter wirtschaftend; wir Kinder, Schwestern – wo sind sie geblieben? – und Brüder, überall auf Treppen und in Stuben, in Garten und Hof, in den Bäumen, mitunter auch auf den Dächern. Als er dieses schrieb – Mutter Lucie war 1879 gestorben, Vater Johann Casimir 1874 –, so geht sein Brief weiter, überfiel ihn ein vernichtendes Gefühl der Vergänglichkeit.

Eine ergreifende Erinnerung, die den Verlust von Eltern, Kindheit und Jugend beklagt. Wenn auch Storm hier angesichts des eigenen Familienschicksals, das nach dem Tod seiner ersten Frau Constanze (1865) härter und härter zupackte, möglicherweise verklärend und beschönigend auf die Kinderzeit zurückblickt, so kann kein Zweifel darüber bestehen, dass Johann Casimirs Haus und Hof, Stall und Garten voller Leben und Unterhaltung, Spannung, Spaß und Spiel gewesen sind.

Das Familienleben in Storms Elternhaus war Großfamilienleben. Drei Generationen und die Kanzlei unter einem Dach, reichlich Gesinde, der Schreiber in seiner Schreibstube, der Kutscher mit den Pferden in Hof und Stall. Verwandtschaft und Freunde waren in der Nähe. Man lief sich über den Weg, man suchte und fand sich, man saß beisammen und aß und trank, und Johann Casimir erzählte ab neun Uhr abends aus der Kindheit in Westermühlen, von Schwester Gretchen (1792–1866), die als Ältere über ihn wachte und ihn liebte. Die Erzählungen des Vaters haben Sohn Theodor offensichtlich beeindruckt. In so einem Familienbetrieb kann das Kind sich die Streicheleinheiten nebenbei holen, das Angebot ist groß, die Gelegenheiten sind günstig.

Theodor wird neugierig gelauscht haben, wenn erzählt oder musiziert wurde. Er wird selber gesungen und das Klavier ausprobiert haben. Die musikalische Begabung war neben seiner sprachlichen das zweite große Pfund, mit dem er wuchern konnte. Er wird Angst vor dem Allein- und Einsamsein gehabt haben. Er wird Geborgenheit in menschlicher Nähe gesucht und da auch gefunden haben. Er wird jähzornig und halsstarrig gewesen sein, wenn Wünsche nicht so schnell in Erfüllung gingen. … ich bin leicht zur Heftigkeit geneigt, gesteht er seiner Verlobten Constanze. Meisterhaften Ausdruck findet er in seinen Novellen für jähzornige Temperamente: Bei Junker Hinrich hat an den Schläfen sich das Haar gleich einem dunklen Gefieder aufgesträubt, so dass man ihn mit seinen grauen, oft jähe Funken werfenden Augen einem Adler soll verglichen haben, heißt es in »Zur Chronik von Grieshuus« über einen der adeligen Zwillingsbrüder.

Schnell von seinen Gefühlen übermannt und verletzt, nicht so schnell wieder geheilt – so kann man sich das Kind Theodor vorstellen, interessant und aufgeweckt, klug und neunmalklug, immer mal wieder »beleidigte Leberwurst«, seine Selbstsicherheit stand auf wackligen Füßen.

Ich liebe das Leben grenzenlos. Ich möchte immer leben. Das hat der jugendliche Freund Ferdinand Tönnies an einem Sommerabend des Jahres 1870 den Dichter mit leuchtenden Augen sagen hören, gerade war der Deutsch-Französische Krieg ausgebrochen. Storm wiederholt das noch einmal zehn Jahre später in einem Brief an Erich Schmidt: Wie köstlich ist es, zu leben, bloß zu leben!

Ohne Zweifel: Lebensfreude und Lebensliebe ziehen nachhaltig, unauslöschlich, immer vernehmbar und mit eindringlicher Stimme durch sein Werk; sie sind die Poesie, die Chemie im Werkstoff, die den teilnehmenden Leser nicht völlig trostlos zurücklassen angesichts der meist furchtbaren Schicksale, die Storms Figuren erleiden. Ohne Zweifel auch: Lebenshunger und Liebeshunger, die den ästhetischen Willen nie erlahmen lassen, die mit diesem Willen ihr poetisches Spiel treiben und ihm Ausdruck und Würde verleihen.

Haus und Hof, Stall und Garten

Die Familie, Haus und Hof, Stall und Garten sind für Theodor Zuflucht und Heimat gewesen, sicherer, fester Boden unter den Füßen, Ort der Erholung, Freiheit und Raum für Kindheit und Jugend. Abenteuerspielplatz Großfamilie, wie man ihn heute gern für die eigenen Kinder hätte.

Hinterm Haus in der Hohlen Gasse standen Lagergebäude einer Zuckerfabrik, die Storms Großvater Simon Woldsen gehörte. Nach dessen Tod wurde die Zuckerfabrik 1821 verpachtet, der Pächter zog in die Großstraße, um dort den »Zucker en gros und en détail« zu verkaufen. Nun gab es leer stehende Hallen und interessante Dachböden mit Staub und Plunder. Dort oben, in der Gewürzstube, trocknen Lavendel und Hagebutten, verströmen ihren Duft wie in einem Garten der Vergangenheit, beflügeln die Phantasie des Knaben. Ein Schrank, der da in feierlichem Schweigen steht, birgt in seinen Schubladen seltsame Fundsachen: Perücken und Haarbeutel, einen Buckelkratzer aus Mahagoni, eine große getrocknete Kröte, das Reiseglas, ein Stehaufmännchen, mit der Aufschrift »Trink’ mich aus, leg’ mich nieder! Steh’ ich auf, füll’ mich wieder.« Pokale und Kelche, insbesondere zwei gräuliche chinesische Pagoden, die Storm im »Hinzelmeier«-Märchen von 1850 auftreten lässt: Dort stand der Urgroßmutterschrank mit den wackelköpfigen Pagoden.

Wer denkt da nicht an Fontanes »Effi Briest« und das Instetten-Haus in Kessin, an den Staub und Plunder dort, den Kapitän Thomsen von seinen Seereisen mitbrachte: den ausgestopften Haifisch, der als Ungeheuer in Storms Novelle »Im Nachbarhause links«, auch Mitbringsel eines Kapitäns, auftaucht; an das Krokodil, an den Chinesen, der offenbar noch oben im Saal des Hauses zwischen Staub und Plunder herumspukt und Effi mit wohldosiertem Terror in Angst und Schrecken hält.

Im Garten hinter dem Haus in der Hohlen Gasse standen große Obstbäume und ein Ahornbaum, der mit seinen Zweigen ein zierliches Lusthaus überschattete und mit der Krone das mächtige Dach des Hauses überragte, schreibt Gertrud Storm in der Biographie über ihren Vater. Storm erinnert sich im Heiligenstadt-Exil an diesen Baum: Was gäbe ich drum, auch dann und wann unter dem Schatten des Ahorns sitzen zu können, euch kommen und gehen zu sehen, eure Stimmen zu hören und meine stillen Träume zu spinnen, heißt es in einem Brief an Bruder Aemil. Sie kletterten aufs Dach und jagten sich um die Schornsteine herum, schreibt Tochter Gertrud. Der nicht mehr ganz so junge Storm bestätigt das in Briefen an seine Verlobte und Kusine Constanze. Baumklettern und Dachspaziergänge spielen eine wichtige Rolle in Storms Novellen.

Der Erzähler der Novelle »Im Nachbarhause links« steht an der »Grenzplanke«, sieht in den Nachbargarten und entdeckt in seiner Phantasie ein Mädchen, die Kinderliebe seines Großvaters: Wie lebendig trat mir jetzt alles vor die Seele! Jener Efeu, der die Mauer des Gartenhäuschens überzog, war schon damals dort gewesen; an seinen Trieben war der kleine wilde Schwarzkopf auf und ab geklettert. In »Von Jenseit des Meeres« flüchten die Kinder Jenni und Alfred vom Dachboden eines mehrstöckigen Lagergebäudes über einen Birnbaum in den Hof zurück. In »Aquis Submersus« erklettert Kunstmaler Johannes, auf der Flucht vor bissigen Hunden, einen »Epheubaum«, gelangt so zum Fenster und ins Schlafzimmer seiner Liebsten, und in »Ein Fest auf Haderslevhuus« besteigt Junker Rolf eine Pappel, um ins Zimmer seiner geliebten Dagmar zu gelangen.

Ziemlich ausgeschlossen, dass der junge Storm ein Stubenhocker war.

Anders denkt darüber der zwanzig Jahre jüngere, in Kiel geborene Dichterkollege Wilhelm Jensen: Ich glaube, dass er, cum grano salis aufzufassen, das typisch Jugendliche niemals, weder in der äußeren Erscheinung, noch im Wesen besessen hat; ich kann ihn mir deutlich als einen schmächtigen, still in sich gekehrten Schulknaben vorstellen, unmöglich als einen »forschen«, übermütigen, geschweige denn tollen Studenten. Was er als eigenstes in sich trug und was ihn bewegte, kann sich niemals laut nach außen kundgegeben haben.

Als Wilhelm Jensen Theodor Storm 1867 kennen lernte, lagen schicksalsschwere Jahre hinter dem Husumer Dichter, das Exil in Potsdam und Heiligenstadt, vor allem aber der Tod seiner Ehefrau Constanze 1865. Ihr Verlust zeichnete Storms Persönlichkeit schwer für den Rest des Lebens. Kein Wunder, wenn Jensen, den Storm als Lyriker schätzte, nicht das »typisch Jugendliche« in dem von ihm verehrten Dichter fand.

Klippschulzeit

Der Knabe Storm sieht in Husum noch den Schinderknecht auf seinen brutalen Streifzügen durch die Gassen wandern. Der ist auf der Suche nach Hunden, die frei herumlaufen. In der Faust trägt er einen Knüppel, unterm Arm einen schmutzigen Sack mit verreckten Kötern. Man merkt Storm aus der Erinnerungsdistanz von über vierzig Jahren den Schauder und Ekel an.

Husum – rauhe und graue Stadt am Meer? Spätabends, wenn die Störche schlafen, ruft der Nachtwächter: Bewahr die Stadt, o Herr, Dir sei Lob, Preis und Ehr’. Störche und Storchennester prägen Husums Stadtbild noch nach Storms Tod. Den Storch lässt Storm auch als Figur des Adebar-Aberglaubens auftreten: Nicht allein, dass allezeit ein Storch auf dem Kirchturm steht, wenn ein Ratsherr sterben will…, sagt der Erzähler in einer Gespenstergeschichte der Novelle »Am Kamin«. Der Storch ist jedoch auch Segensbringer und bekannt und geliebt als Bote, der das neugeborene Kind durch den Schornstein wirft und der frischgebackenen Mutter in die Arme fliegen lässt: Wenn dir der Storch noch so ein Brüderchen brächte, sagt in »Viola Tricolor« die Alte zum Kind Nesi. Die Kleine ist nicht auf den Kopf gefallen und glaubt der Alten nicht. In der Novelle »Immensee« ist der Storch ein lustiger Geselle: Er fliegt vom Schornstein auf, kreist zunächst über dem Wasser und landet schließlich im Garten wie der Storch im Salat zwischen den Gemüsebeeten, wo er als hochbeiniger Ägypter umherstolziert. Storm selber lässt auch eine Portion Adebarglauben in seine eigenen Gedanken: Vor etwa acht Wochen hat der Storch uns wieder einbeschert, und zwar endlich eine Lisbeth, berichtet er dem verehrten Mörike im August 1855 aus Potsdam. Seiner Braut Constanze hatte der verliebte Verlobte zehn Jahre vorher von Husum nach Segeberg brieflich mit einem Gedicht zugewinkt:

Ins liebe Städtlein unversehrt
Sind nun die Störche heimgekehrt
Und bauen um des Schornsteins Rand
Ihr Nest hoch über allem Land.
Du weißt ja, welch besondres Heil
Durch solche Gäste wird zu Theil.

Was ist auf unserm künftgen Haus
Das Storchenpaar geblieben aus?
Erräthst du wohl den tiefen Sinn? – –
Ein Wittwer einsam wohnt darin;
Doch denk ich über Jahr und Tag
Giebt’s lustig Klappern auf dem Dach.

Zwei Tage später schrieb er seiner Constanze: Die Sonne scheint so warm in meine Stube; draußen klappern auf den Schornsteinen die Störche. Nirgendwo aber sind Storms Störche so populär geworden wie in dem Gedicht »Herbst«, das viele Menschen an die eigene Schulzeit erinnert, an den Deutschunterricht, an das Auswendiglernen und was es mit einem Versmaß auf sich hat. Im Oktober 1845 schickte der Dichter seine mit »Herbstlied« betitelten Verse an Constanze. Die beiden ersten sind geflügelte Worte geworden: Schon ins Land der Pyramiden / Flohn die Störche übers Meer …

Mit vier Jahren kam ich in eine Klippschule, erzählt Storm in seinen Erinnerungen »Aus der Jugendzeit«. In den Klippschulen ging es »klipp und klar« zu. Die Lehrer wurden ohne Fachausbildung auf die Kinder losgelassen. Und trotzdem schickten Eltern ihre Kinder auf diese behördlich nicht anerkannten, privat organisierten Schulen – und zahlten dafür noch Schulgeld. Dass die Klippschullehrer Grundkenntnisse in Lesen, Schreiben und Rechnen
per Auswendiglernen und Prügelstrafe vermittelten, wurde von den Eltern akzeptiert. Beides gehörte zum pädagogischen Pensum. Als Storm mit vier Jahren zu Mutter Amberg in die Klippschule kam, empfand er zunächst große Abneigung gegen sie. Johann Casimirs Schreiber gab darum folgenden Rat: Er sollte nur tüchtig schreien, und das tat Theodor. »Pfui«, sagte die alte Hamburger Dame, »Schrei nicht so. Das tun ja die Ochs und Eslein in dem Stalle«. Storm scheint es bei Mutter Amberg gut ergangen zu sein. Er nannte sie allerdings nicht »Mutter Amberg« wie seine Mitklippschüler, sondern »Madame Amberg«. Das spricht für einen ins Vornehme gehobenen Umgangston im Hause Storm, und den ließ auch Mutter Amberg sich wohlgefallen. Von Prügelstrafen erzählt Storm nichts. Was er dort gelernt hat, liegt im Klippschul-Dunkel. Seltsam und erstaunlich ist das Resümee, das der Dichter aus der Distanz von gut fünfzig Jahren über seine Klippschulzeit zieht: Das war der Beginn meiner literarischen Bildung.

Fünf Jahre lang lernte Storm bei seiner Madame Amberg, Ostern 1826 wurde Storm – Klippschule hin, Klippschule her – mit neun Jahren in die Quarta der Husumer Gelehrtenschule aufgenommen.

Von Storms Elternhaus in der Hohlen Gasse war die Schule in zehn Minuten zu Fuß zu erreichen, sie lag in der Nähe der alten Marienkirche. Die hat Storm in seinen jungen Jahren nie gesehen. Vielleicht sah er noch Trümmer und Mauerreste, wenn er zur Schule ging, zunächst den spannenden Weg an der Schiffbrücke entlang, vorbei an Schiffen, Werft und Hafen, dann durch die Krämerstraße bis zum Marktplatz, wo die Marienkirche einst gestanden hatte. Die Husumer ließen den alten gotischen Backsteinbau mit dem hohen Turm im Jahre 1807 abbrechen; das schwärzeste Jahr der Husumer Kirchengeschichte, so heißt es in einem Faltblatt. Wertvolles »Tafelsilber« wurde verhökert, Kunstschätze gingen verloren: Verschleudert und verschwunden, Storms letzte drei Worte in seiner Novelle »Aquis Submersus«. Immer wieder hat er von der Kirche erzählt und Hohn und Spott über den Husumer Kirchenstreich ausgegossen. Hohn und Spott hatte er auch übrig für die neue, im klassizistischen Stil erbaute Marienkirche: An Stelle des altehrwürdigen Baues stand nun ein gelbes Kaninchenhaus mit zwei Reihen viereckiger Fenster, einem Turm wie eine Pfefferbüchse und einem abscheulichen, von einem abgängigen Pastor verfaßten Reimspruch über dem Eingangstore, einem lebendigen Protest gegen alles Heidentum der Poesie. Was dem Dichter gegen den poetischen Strich ging, lautete so: Dies ist Gottes Haus, tritt ein! Andachtsvoll doch mußt Du sein!

Zwischen Schauder und Behagen: Geschichten

Dem jungen Dichter, der als Zwölfjähriger in tief brüderlicher Trauer Verse auf seine 1829 verstorbene Schwester Lucie schreibt, ist der Hunger nach Geschichten kaum zu stillen. Ein Mensch aber kann das: Lena Wies, um die dreißig, die ältere Schwester seines Kindermädchens Katharina. Wann der junge Storm sie zum ersten Mal in der nahebei gelegenen Langenharmstraße besuchte, liegt im Dunkeln. Storm mag zehn Jahre alt gewesen sein, gerade war er Gelehrtenschüler geworden. Bäckerei und Milchhandel, damit verdiente Familie Wies ihr Geld. Lenas Stiefvater und sie selber besorgten Vieh und Melken, Lenas Mutter arbeitete am Backtrog. Wenn es im Herbst und Winter abends schon dunkel war, wenn die Bratäpfel in der Stube dufteten und die Heimchen in ihren Verstecken sangen, wenn Mutter Wies am Spinnrad saß und Vater Wies im Lehnstuhl, dann erzählte Lena auf Plattdeutsch, in andachtsvoller Feierlichkeit, wie Storm in den Erinnerungen an diese Frau schreibt. In ihren Erzählungen tauchte, wie Storm meinte, auch die Sage von dem gespenstischen Schimmelreiter auf. Anscheinend verbreitete Lena auch Selbsterfundenes, auch Nachrichten aus dem Wochenblatt, die sie auf ihre Weise ausschmückte.

Dass Lena Wies die Sage vom »gespenstischen Reiter« in ihrem Vorrat hatte, enthält mehr Dichtung als Wahrheit. Storms Erinnerung ist hier ungenau; verständlich, denn er schrieb das Gedenkblatt für Lena Wies erst 1870, zwei Jahre nach ihrem Tod, vierzig Jahre nach seinen Besuchen in der Langenharmstraße. Storm hat die Sage vom »gespenstischen Reiter«, der auf dem Weichseldeich in Ostpreußen reitet, erst 1838 kennen gelernt in der Zeitschrift »Lesefrüchte vom Felde der neuesten Literatur des In- und Auslandes«. Da Storm jedoch mit Lena Wies bis zu ihrem Tod in Verbindung blieb und er sie nach wie vor besuchte oder ihr wohl das eine oder andere Buch schickte, ist es denkbar, dass er davon erzählte, möglicherweise sogar den Zeitschriftentext überbrachte; denn der passte gut zu ihren anderen Geschichten und musste das neugierige Interesse dieser mündlich dichtenden Poetin treffen.

In ihren Geschichten schwebte er zwischen Schauder und Behagen, es war gemütlich und ungemütlich, am Ende der Geschichten waren viele offene Fragen, mehr Wachheit als Müdigkeit und eine Portion Angst vor Spuk und Gespenstern, die ihn verfolgten. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Diese Erlösung wie am Märchen-Ende gab es bei Lena Wies sicher nicht. Wenn um zehn Uhr abends die Zeit gekommen war, fiel dem Knaben der Abschied schwer, denn nun musste er hinein in die Dunkelheit und das Gruseln im Nacken spüren.

In den ersten Jahren holte Vaters Kutscher ihn ab; später, denn alles dies hat viele Jahre gedauert, ging er den Weg nach Hause allein. Glücklich, wenn Lena Wies ihn wenigstens bis ans Ende der bösen Plankenstrecke begleitete. Diese Abende haben Storm tief beeindruckt und nachhaltig beschäftigt. Er suchte und sammelte Sagen und Märchen aus Norddeutschland und sein atheistischer Glaube und seine Kirchengegnerschaft mögen von dieser starken Frau bekräftigt worden sein. Eine jener Krankheiten ergriff sie, die dem Menschen anhaften, wie ein fressendes Tier, schreibt Storm. Die seelsorgerischen Besuche des Pastors ließ sie an ihrem Sterbebett geschehen, doch bis an ihr Ende ließ sie sich nicht zum lieben Gott und zum christlichen Glauben bekehren. Dem Husumer Propst sagte sie als Sterbende ins Gesicht: Herr Propst! Se kriegen mi nich!

Die schönsten Geschichten seines Lebens will Storm allerdings in einer Tonne gehört haben. Mit einem Freund ging er da hinein, wenn ich aus den Privatstunden kam. Das Einstiegsloch musste mit einem Brett verschlossen werden, eine kleine Laterne brannte auf dem Schoß. Storm erwähnt in seinen Jugenderinnerungen »Geschichten aus der Tonne«, anders als bei Lena Wies, bekannte Märchen: »Schneewittchen« und »Frau Holle«, er spricht von Prinzen und Prinzessinnen. Hier in der Tonne, einem abgeschlossenen Raum im elterlichen Hause, Großmutter, Vater, Mutter, Geschwister und Angestellte in sicherem Abstand, war eine Gegenwelt mit Nestwärme, Beschirmung und Geborgenheit.

Sängers Abendlied

Vater Storm verbreitet eine nüchterne Atmosphäre von Arbeitsamkeit, Pünktlichkeit und Ordnung, ein Gegengewicht schafft die musische Begabung der Mutter. Sie singt gerne und horcht auf, wenn Sohn Theodor singt, dessen Stimme einen beachtlichen Tenor entwickelt. Alles riecht nach Freiheit, Freizügigkeit und Großzügigkeit. Ihm droht nicht, wie den meisten nach der Konfirmation, eine Arbeit suchen zu müssen, um Geld zu verdienen, ein ärmliches Leben zu führen und Frau und Kinder mühsam durchzubringen. Irgendwann wird sich Storm seiner privilegierten Lage bewusst werden.

Die Bewegungsfreiheit, die er außerhalb der familiären Verbote und Gebote hatte, kostete er aus. Sie hat in ihm Mut und Motivation gestiftet für Anliegen seines ureigensten Interesses. »Sängers Abendlied« könnte so ein Anliegen heißen. Dieses Gedicht ist höchstwahrscheinlich Storms erste Gedichtveröffentlichung. Sie erschien mit seinem Namenskürzel »St.« am 17. Juli 1834 im »Husumer Wochenblatt«. Sicher hat der junge Autor zufrieden und stolz auf die drei Strophen dieses Gedichtes geblickt und auf den Platz, der ihm vom Herausgeber und Drucker des »Wochenblatts« Heinrich August Meyler eingeräumt worden war. Vielleicht war Storms Schulkameradschaft mit Meylers Sohn für die Veröffentlichung hilfreich. Vielleicht halfen auch die bezahlten Anzeigen, die Storms Vater immer wieder im Blatt aufgeben musste. Ob die Eltern den öffentlichen Auftritt ihres Sohnes kommentierten?

Sängers Abendlied

Meiner Leier frohe Töne schweigen
Bald in stille Todesnacht gehüllt;
Dort, wo sich die Zweige trauernd neigen,
Find ich Ruh; mein Sehnen ist gestillt.

Wenn des Lebens zarte Fäden reißen,
Streut Zypressen auf des Sängers Grab,
Singt noch einmal mir die alten Weisen,
Senkt mir meine Leier mit hinab.

Dort entfliehen eitle Erdensorgen,
Unsre Seele strebt dem Höhern nach. –
Sieh’ es dämmert schon der Morgen,
Doch mein Morgen ist erst jenseits wach.

Wenn auch Storm, der Dichter des 19. Jahrhunderts, hier mit epigonalen Begriffen und Blicken arbeitet und in die Dichter-Mottenkiste des 18. Jahrhunderts greift – Sänger und Leier, Zypresse und Grab – und mit eitle Erdensorgen Barockes hervorholt, so ist das Gedicht doch handwerklich einwandfrei gearbeitet. Als sei hier etwas im Handumdrehen, mit großer Erfahrung und Könnerschaft, mit Leichtigkeit und wie auf Zuruf geschaffen worden. Es ist aber nicht das Auffällige und Eigene, was hier gültig und dauerhaft ins Auge fällt. Es ist vor allem das für Storm im Laufe der Jahre wichtiger werdende Todesmotiv, das der Dichter hier – schon wieder – berührt. Es klang bereits an in den ersten, dem Tode seiner Schwester Lucie folgenden Versen und wurde dann, zusammen mit dem Liebesmotiv, zu den beiden entscheidenden Dichtungs- und Lebensmotiven. Beide stehen – ähnlich wie in der Musik Basso ostinato und Cantus firmus – über- und untereinander, wirken neben- und miteinander und sind nicht voneinander zu trennen. Storm hat sie nie auseinandergehen lassen. Doch mein Morgen ist erst jenseits wach – der Dichter spricht im letzten Vers zwar nicht das Wort »Liebe« aus, doch er meint sie hier, und es ist, als widerspreche er mit diesem Vers und mit der unausgesprochenen Liebe allem, was gestern gesagt worden ist, als widerspreche er auch der Dichtung von gestern, als verweise er auf den Standort, der noch von ihm einzunehmen sein wird. Erstaunlich ist nicht nur der Mut des Sechzehnjährigen – der hier nebenbei auch den selbstverliebten Willen des Poeten vorführt –, mit einem Gedicht an die Öffentlichkeit zu treten, erstaunlich ist auch die über jeden Zweifel erhabene Selbstgewissheit und die kraftvolle Lehre von der eigenen dichterischen Mission. Das ist allerdings vorläufig noch mehr Ahnung als Wissen.

Magere Kost für den jungen Poeten

Storm hatte in späteren Jahren keine gute Meinung von der Husumer Gelehrtenschule. Als ich mit 17 Jahren von der schlechten Husumer Schule nach Lübeck kam, rief mein Freund Röse mir einmal zu: Du bist doch geistig todt! Wach auf! Du denkst nicht!, schrieb er an seine Verlobte Constanze. Ich besuchte die Gelehrtenschule meiner Vaterstadt, wo von deutscher Literatur außer Schiller und den Dichtern des Hainbundes uns nicht viel bekannt war, schrieb er ein Menschenleben später an seine junge Schriftstellerkollegin Ada Christen, und an den Literaturkritiker Emil Kuh: Gelernt habe ich niemals etwas Ordentliches; und auch das Arbeiten an sich habe ich erst als Poet gelernt. Noch auf der Feier seines siebzigsten Geburtstags, neun Monate vor seinem Tod, meinte er: Man sagt von jungen Rossen, dass sie knappes Futter haben müssen, wenn sie werden sollen, was sie können. Gilt das auch von Menschen, so bin ich in der Kunst der Poesie glücklich dran gewesen. Die Gelehrtenschule meiner Vaterstadt wußte nichts von dieser Kunst.

Fachleute bestätigen Storms Einsichten in die Aufzucht junger Pferde. Er hat oft genug bei seinen Dienst- und Lustfahrten über Land den Pferde- und Pferdeäpfelgeruch in der Nase gehabt und einen Kutscher im Wagen, der ein Berufsleben lang mit Pferden umging, den Storm jede Menge fragen konnte. Wenn also aus jungen Rossen später ordentliche Pferde werden sollen, dann soll man ihnen in der Jugend die Rippen ansehen, dann sollen sie kaum Fett unterm Fell haben. Die Gelehrtenschule in Husum wusste nichts vom Fett unterm Fell, sie hat aber doch, auch gegen die spätere Sicht und aus der Sicht des Pferdekenners Storm, die richtigen Grundlagen gelegt für den Dichter und Juristen, ihm solides Handwerkszeug vermittelt. Die deutsche Literatur kam wenig, die neuere deutsche kam hier überhaupt nicht zum Zug. Storm »verschlang« Schiller in der Stille eines Dachwinkels oder Heubodens, ein Band Goethe-Gedichte kursierte einmal unter uns. Kein Heine und kein Eichendorff, kein Uhland und kein Mörike. Deren Gedichte lernte Storm erst später auf dem Lübecker Katharineum und in Kiel während des Studiums kennen, und er nahm sie auf mit brennender Neugierde wie etwas lange Ersehntes, das nun in fassbarer Gestalt vorlag. Er verfiel ihnen mit einer Leidenschaft, die ihn wie eine Liebe niederzwang. Die Lübecker Erfahrung hat Storms Blick auf die Husumer Gelehrtenschulzeit getrübt. Sein Urteil folgt einer Selbsttäuschung, ein Storm-typisches Verhaltensmuster.

Vor allem die Klassik sollte der Gelehrtenschüler verstehen lernen, Homer und Horaz, Lukian und Livius. Griechisch und Latein standen obenan. Odysseus’ Wagemut und Penelopes Treue, Großes und Schönes sollten ihm einleuchten. Und das Einleuchten konnte besser und tiefer greifen, wenn Auswendiggelerntes vorgetragen wurde. Storm erinnert sich: Ob droben in der Tertia der nun abgesetzten »Gelehrtenschule« das halbzerschnittene Pult noch steht, vor dem ich einst »Üb immer Treu‘ und Redlichkeit« so weltvertrauend deklamierte? Nach vorne kommen, sich umdrehen, mit dem Gesicht zur Klasse stehen und ein Gedicht aufsagen ist nicht jedermanns Sache. Der Schüchterne wird sich zurückhalten, dem Ängstlichen wird es die Sprache verschlagen. Wer die Stirn hat und sich traut, wird sich melden und den Gang nach vorne gehen. Storm hat sicher die Stirn gehabt, er stand gern im Blickpunkt der anderen.

Näher als die antiken Verse gingen ihm sicher die beiden ersten Verse in Höltys Gedicht »Der alte Landmann«; sie waren noch nicht so alt und leuchteten auf besondere Weise ein, denn sie hätten auch dem Geistesvorrat eines anderen »Landmannes« entstammen können: Vater Storm. Sie passen in sein Denken und in seine menschliche Haltung. Möglich, dass er selber Sohn Theodor die Verse ans Herz gelegt hat: Üb immer Treu und Redlichkeit / Bis an dein kühles Grab. Ob Theodor, als er da vorn am Pult stand und deklamierte, auch seines Vaters Stimme hörte?

Dichten und Denken waren also gängige Lehr- und Lernpraxis. Der Schüler Theodor sollte die grammatischen Systeme der alten Sprachen und damit seine eigene Muttersprache begreifen. Er übersetzte schriftlich ins Deutsche und musste Wörter und Reime, Sprache und Form für das uralte Vorbild finden. Äsops Fabel »Der Fuchs und die Traube« ist ein Beispiel für Storms Talent als Nach-Dichter. Er trug das Gedicht als Nr. 43 ein in seine handschriftliche Sammlung »Meine Gedichte«. Neben der Muttersprache standen Französisch und Dänisch. Dänischunterricht hatte Storm während der ganzen Gelehrtenschulzeit. Die Landesherrensprache wurde für den späteren Juristen im Herzogtum Schleswig wichtig und unerlässlich. Zu Hause sprachen die Storms Hochdeutsch, nebenbei auch Plattdeutsch, das Vater Storm flott von der Zunge ging, und auch Theodor sprach oft Plattdeutsch mit seinen Freunden. Storm ging mit seinem Schulkameraden Klander zu einer alten Madame, um Französisch sprechen zu lernen. Wenn er gegenüber Paul Heyse einmal äußerte, dass er nur das Hochdeutsche und Plattdeutsche beherrsche, dann war das eine starke Untertreibung.

Wieweit er das Französische beherrschte, erfährt man aus einem Brief, den er, gerade fünfzehn Jahre alt geworden, im Dezember 1832 an seinen »geschätzten« Vetter Fritz Stuhr (1813–1880) aus Friedrichstadt schrieb. Mit ihm, dem Sohn seiner Tante Lene, Mutter Lucies Schwester, hat Storm sich seit Kinderzeiten gut verstanden, so manchen Streich haben die beiden ausgeheckt und gespielt, Erinnerungen an die gemeinsame Zeit an der Gelehrtenschule verbanden sie. Als Storm den Brief an den vier Jahre älteren Stuhr schrieb, weilte der in Altona, wo er eine Ausbildung zum Handelskaufmann absolvierte.

Lieber Fritz

Endlich setze ich mich einmal, um Dir auch einige Nachrichten aus Husum mitzuteilen, und Dir zu sagen, daß ich mich sehr wohl befinde und mit großem Heißhunger der Abendmahlzeit entgegensehe. Fürs erste muß ich Dir sagen, daß Deine Mutter Dich grüßen läßt und daß sie Dir bald schreiben wird. Daß Mutter einige Tage bettlägerig gewesen ist, wirst Du wohl schon wissen, auch ist sie jetzt wieder ziemlich gesund. Wir haben seit ungefähr einem Jahr hier einen neuen Kollaborator an der gelehrten Schule und dieser Kerl nun ist ein ganzes Ideal; er ist in den 20; hat braune struppige Haare, eine blässe Gesichtsfarbe, eine große bläuliche schiefe Nase, kleine Augen und was ihn am Ende ganz vollkommen macht, ist ein entsetzlicher Buckel. Dieser Kerl hat nun gar keinen Respekt und wir spielen ihm tüchtig auf die Nase. Man preparirt sich nicht und nimmt auch oft gar kein Buch mit, so, daß oft nur 3–4 Bücher in der ganzen Schule sind. Einmal warfen wir ihn mit einem Futjen (Weihnachtskuchen) an den Kopf, ein andermal war in der Classe ein ganz unmenschlicher Spektakel (der eine trommelt mit den Fingern auf den Tisch, der andere pfeift, der dritte singt »schöner grüner Jungfernkranz«, als ob gar kein Wolf – dies ist sein so sehr auf ihn passender Name – da wäre…) in der Classe statt fand, bat er uns, wir möchten doch ein wenig stille seyn, so sagte einer ganz treuherzig zu ihm: »Ach Herr Kollaborator, das ist die liebe Jugend!« »Ja, ja«, schrie ein andrer ganz über laut ihm zu: »Jugend kennt keine [Tugend]!«, worauf er denn mit einem gnädigen Lächeln erwiederte; einandermal sagte ihm jemand, daß es dummer Schnack wäre, was er gesagt hätte et. cet. Nun will ich Dir nur vermelden, daß ich zur Konfirmation gehe. Fritz Schmidt ist jetzt auf der Insel Föhr und lernt dort die Steuermannskunst. Sonnabend nimmt der Organist Abel (oder Apel) unsre neue Orgel ab und am Abend wird dieser ausgezeichnete Künstler ein Orgelkonzert in der Kirche geben. Klander und ich haben jetzt französische Stunden bei einer alten Madam et nous parlon toujours francois, toujours, c’est, que vous pouves croire, mon cher cousin! Nun noch eine Bitte, willst Du nicht die Güte haben, mir 3 Kragenknöpfe a Stück 20 ß (Schilling) zu besorgen und sie Alsen mitgeben, von dem Du auch ja nur das Geld fodern kannst; denn er kann es ja wieder erhalten, sobald er in Husum kömmt. Die Wahl derselben überlasse ich ganz Deinem Geschmack: In Husum gehts immer auf’n hauen und stechen los. Du wirst vermuthlich in Hamburg dies auch nicht unterlassen haben! Schreibe mir recht bald einen langen Brief und erzähle mir recht viel von Deinem Treiben und Wogen da. Grüße Tante Alsen, Otto und Friederike. Vergesse es nicht. Nun für dießmal: Gute Nacht Herr Vetter: Ich empfehle mich hiemit

Dein

Freund und Vetter Storm

Psc.

Bald hätte ich die Hauptsache vergessen: Fröhliches Fest, Herr Vetter!

Der gewohnten Ordnung und den Alten geht es hier an den Kragen, neue Jugend winkt neuer Ordnung und einer neuen Zeit. Das Zitat schöner grüner Jungfernkranz und der Hinweis auf den Wolf als Namensgeber für die Wolfsschlucht verweisen auf die Oper »Der Freischütz« von Carl Maria von Weber, uraufgeführt 1821 in Berlin. (Storm schreibt »Wolf«, korrekt wäre ein doppeltes »f«.) Begeisterung und Jubel über diese Oper kannten keine Grenzen, darum wurde sie überall in deutschen Landen schnell verbreitet. Sie traf die Stimmung des Volkes, weil sie mit alten Traditionen brach und als Ausdruck des erstarkenden Nationalbewusstseins empfunden wurde. Im September 1817, Storms Geburtsmonat und Geburtsjahr, brachen die Studenten auf zum Wartburgfest, um verhasste Symbole zu verbrennen: Schnürbrust, Haarzopf und Korporalstock. Nieder mit Reaktion und Wiener Kongress. Irgendwie schallte das auch aus dem »Freischütz« heraus. Volksnähe, »einfache« Männer und Frauen, Bauern und Jäger, Naturbilder, Geister und Gespenster traten da auf. Wie ein Gruß von Lena Wies. Auch grüßten neue, unerhörte Klangfarben, überraschten und begeisterten. Die Melodien hatten sich längst herumgesungen. Storm muss die Oper schon damals gekannt haben, vielleicht hat er in einer konzertanten Aufführung fahrenden Sängern gelauscht. Denkbar auch, dass nicht irgendeiner, sondern er selber die Melodie vom schönen grünen Jungfernkranz dem Wolf ins Gesicht gepfiffen hat. Später, als Chorleiter, ließ Storm seine Gesangvereine Chöre und mehrstimmige Partien aus dem »Freischütz« singen, und er selber – Ich bin nämlich ungefähr soviel Tenorsänger, als ich Poet bin, schreibt er später an Mörike sang den Max.

Tollheit und Übermut der jungen Gelehrtenschüler werden von Storms Briefkunst wie von einem geschickten Reiter im Zaum gehalten. Jugend kennt keine Tugend, so schreit die liebe Jugend und will hinaus in einen neuen Morgen, der noch hinter dem altgewohnten dämmert: Doch mein Morgen wird erst jenseits wach (»Sängers Abendlied«). Respektlosigkeit und Anmaßung lassen auch das Französisch aus dem Ruder laufen. So ist es frech, ungehorsam und unterhaltsam. Und so geht es auch in der Gelehrtenschule zu. Storm hat davon zweifachen Spaß: Er hat am wirklichen Geschehen teilgenommen, und er hat noch das Vergnügen, diesen Brief zu schreiben. Einen Spaß wollte er sicher auch Vetter Fritz bereiten – das wäre für ihn selber sogar der dritte Spaß –, und nebenbei wollte er den Vetter beliefern mit Nachrichten aus Husum, mit Neuigkeiten aus Familie und Freundeskreis. Der Vetter in Altona war, wie Mozarts Bäsle, der richtige Adressat, den Storm für die Freiheit, sich ein saftiges Stück Komödientheater zu leisten, brauchte. Ob er geantwortet hat?

Theaterdonner

Das Theater hatte Storm schon früh für sich entdeckt und seine ganze Freizeit mit der Direction eines Puppentheaters ausgefüllt, erzählt er später seiner Verlobten Constanze. Die Aufführungen fanden statt in der Hohlen Gasse. Zwei nebeneinanderliegende Stuben dienten als Theater; in der einen saßen die Zuschauer – Familie, Dienstboten und Nachbarn –, in der anderen wurde das Puppenspiel mit den Freunden Ohlhues und Krebs vorbereitet und auf der Bühne, die in der offenen Tür zwischen beiden Stuben errichtet war, zur Aufführung gebracht. Mozarts »Zauberflöte« ging über die Bretter, die Liebesgeschichte einer Gräfin Sophie, auch selbst verfasste Puppentheaterstücke. Donner erzeugte die Technik mit Kupferplatten, und Blitze zuckten, wenn Bärlappsamen als Zündpulver dienten. Zwischen den Akten feuerte man eine kleine Kanone aus Messing ab, was die Feierlichkeit auf das höchste steigerte.

Wie die Truppe eines Tages wegen mangelhaften Übens im Text stecken blieb und nicht weiterwusste, auch davon erzählt Storm in seinem Brief an Constanze. Die Zuschauer lachten, der Vorhang musste fallen. Er, Storm, sei dann naß vor Angstschweiß vor das Publikum getreten und habe ersatzweise »Die Geschichte von Goliath und David in Reime gebracht« von Matthias Claudius aufgesagt. Sieben Strophen zu je sechs Versen, macht zweiundvierzig im Kopf abrufbare Verse. Eine Leistung, die Storm seiner Gelehrtenschule verdankte.

Von einem Theater-Drama ähnlicher Art aus der Kinderzeit erzählt ein Brief, den Storm im Alter von fünfundsechzig Jahren an Paul Heyse schrieb:

Hademarschen, 27. März 1883

Lieber Paul – ich muß Dich wieder bei Deinem Vornamen nennen –, ich will Dir eine Geschichte aus meiner Knaben- vielmehr Kinderzeit erzählen, denn ich mag damals nicht über sechs oder sieben Jahre gewesen sein; sie ist buchstäblich wahr.

Ich hatte mir aus einer alten Zuckerkiste auf unserem Hofe eine Jahrmarktsbude zusammengeklütert und bedurfte nun, als die schwierige Arbeit fertig war, auch der Waaren – Manufacturwaaren sollten es sein –, und bei der Größe meiner Bude einer ziemlichen Quantität, die ich darin feilhalten wollte. Meine bei uns lebende Großmutter war in ihrer Güte und Heiterkeit zwar stets zu aller Aushülfe bereit; aber die verschiedenen »Plünnen-Schiebladen« waren unter Herrschaft und Verschluß meiner Mutter. Da diese indeß an dem betreffenden Vormittage stark in Haushalts-Geschäften steckte, so wagte ich mich nicht recht heran. Endlich überwog die Begier, welche all die in Verschluß gehaltenen bunten Lappen vor meinen Augen tanzen ließ.

Zu meinem Erstaunen wurde ich nicht auf’s Warten verwiesen, sondern meine Mutter ließ alles Andere stehn und liegen und kniete bald im Saal, bald auf dem Hausboden unermüdlich mit mir vor allen Schubladen und Schränken und suchte mir selbst aufs freundlichste einen ganzen Haufen; eine ganze Welt von herrlichen Lappen zusammen; noch seh ich deutlich einen großen hell- und dunkelbraun gestreiften vor meinen alten Augen.

Es war eine gute Mutter, meine Mutter; aber sie hatte doch gegen die allzu überschwangliche Güte meiner Großmutter (ihrer Mutter) in gewisser Weise Stellung genommen; und daher wurde ich von dieser so augenblicklichen und Alles übersteigenden Erfüllung meiner Wünsche ganz betäubt in meinem Kindskopfe. Tagsüber, als ich mit dem Reichthum in meiner Bude wirthschaftete, vergaß ich zwar darum; aber als ich Abends oben allein in meinem Trallenbette [Gitterbett] lag, überkam es mich wieder: Diese unerhörte Güte musste eine ganz bestimmte Ursache haben; was konnte es sein? Und als ich weiter grübelte, hatte ich es endlich herausgefunden: meine Mutter wollte mich ermorden! Ein Entsetzen überfiel mich, und als meine Großmutter, wohl um, wie sie pflegte, noch einmal nach mir zu sehen, fand sie mich in Todesangst und Thränen über mein erbärmliches Geschick. Als ich ihr gebeichtet, holte sie auch meine Mutter, und beide Frauen konnten mich erst nach langer Zeit beruhigen.

Seltsam übrigens, daß ich meine Mutter, obgleich ich sie erst vor vier Jahren verlor, später niemals an diese Geschichte erinnert habe.

Lieber Paul, der Fall mit Dir liegt ähnlich; Du bist ebenso gut wie meine Mutter; aber Du überschüttest mich jetzt so mit Güte, daß ich trotz meiner reiferen – ach sehr – Jahre auf ähnliche schwarze Gedanken komme: Du willst mich nicht ermorden; nein, so kindisch bin ich nicht mehr, so etwas zu glauben; aber – Du hast es vor, mich zu verlassen. Thu das nicht, mein lieber Paul! Dein alter Th Storm

Angst vor dem Einsam-und-Verlassen-Sein plagte Storm wie die Angst vor Krankheit und Tod sein Leben lang. Er brauchte liebende, körperliche Nähe, um nicht seiner Angst ausgeliefert zu sein. Fehlte diese Nähe, dann flüsterte er sich heidnisch ein: Wenn dir etwas Gutes widerfährt, dann wirst du dafür bezahlen müssen, schlimmstenfalls mit dem Tod.

Auf Paul Heyse muss dieser Brief wie eine Zumutung gewirkt haben, er reagierte kurz und bündig: Da du aber, wenn ich so fortschwiege, am Ende noch glauben möchtest, es sei etwas daran mit »Ermorden« oder »Verlassen«, so will ich jedenfalls in aller Kürze zu Protokoll geben, dass Nichts derart von mir zu befürchten steht. Storm kam auf diese Kindergeschichte noch einmal am 2. Mai 1883 zurück, nahm ihr zwar Wind aus den Segeln, ließ sich aber immer noch vom Tod über die Schulter schauen: wenn ich von »Verlassen« sprach, so wollte ich meine »Besorgniß« ausdrücken, dass Ihr die freundliche Absicht, diesen Sommer auf einen reellen Logirbesuch zu uns zu kommen, könntet aufgegeben haben was mir bei der Unsicherheit und voraussichtlichen Kürze meines noch übrigen Lebensrestes bitter leid sein würde.

Am Ende seiner Husumer Schulzeit schlug Storms stets hin und her schwingendes Stimmungspendel vermehrt ins Positive aus. Ein neuer Lebensabschnitt stand bevor. Vater Storm hatte für den Sohn das Katharineum in Lübeck als weiterführende Schule für die nächsten eineinhalb Jahre im Auge. Der junge Storm winkte schon aus einer Kleinstadt mit 3800 Einwohnern einer Großstadt mit 25 000 Einwohnern zu. Die Gelehrtenschule stellte ein Abschlusszeugnis aus, weil Storm und sein Freund Johann Peter Ohlhues darum gebeten hatten. Rektor Friedrichsen lobt in seinem Zeugnis vom 30. September 1835 ihr sittliches Betragen und erklärt: Sie sind von Natur mit guten Anlagen ausgerüstet und haben sich durch ihren Fleiß gute Kenntnisse in den gewöhnlichen Schulwissenschaften, namentlich in den alten Sprachen, erworben. Mögen sie denn durch fortgesetzten Fleiß und ferneres gutes Betragen sich der Liebe ihrer künftigen Lehrer in eben dem Grade würdig zeigen, wie sie sich die meinige zu erwerben gewußt haben.

Dass Storm ein Poet war, wussten die Lehrer längst. Zur Feier des Schulabschlusses wurde er mit der Aufgabe betraut, Mattathias, den jüdischen Priester und Anführer des Aufstandes gegen Antiochus IV., zu »besingen«.

Storm saß im elterlichen Garten und bereitete seine Rede im Jamben-Versmaß vor. Ein schöner Septembertag muss es gewesen sein. Storm dichtete los: O Söhne Judas, rächt der Väter Schmach!, so lautete der erste Vers, an mehr erinnert sich der Dichter nicht.

Und endlich kam der große Tag, schreibt Storm in seinem Erinnerungsstück »Der Amtschirurgus – Heimkehr«. Er wurde im Rathaussaal begangen, weil die Gelehrtenschule keine Aula hatte, die das interessierte Publikum hätte beherbergen können. Draußen begannen die Vorbereitungen für den Michaelis-Markt. Drinnen, vor dem geschmückten Katheder saßen in den ersten Reihen festlich gekleidete junge und ältere Damen, die Männer hatten hinter den Damen Platz genommen. Hier sollten die entlassenen Gelehrtenschüler in einer Rede noch einmal vorführen, was sie gelernt hatten, was in ihnen steckte und zu welchen Hoffnungen sie Anlass geben mochten.

Musik begleitet das feierliche Geschehen. Storm hat sich für seine Mattathias-Rede einen Marsch als Ouvertüre bestellt. Anstiftung zu Begeisterung und Gemeinsamkeit, Erhaltung, wenn möglich Steigerung der Kampfkraft, das soll Musik hier leisten. Nach einem heroischen Akkord, dem Tusch, tritt der junge Poet vor. Der Tusch in der Musik ist der Doppelpunkt in der Sprache: Und oben auf dem Katheder stand ich in dem lautlosen Saale, die erwartungsvolle Menge unter mir. Jetzt noch eine effektvolle Pause, dann legt Storm mit seiner Rede los, die ihm Rektor Friedrichsen freundlich und ohne Korrektur zurückgab. Das hatte Storm schon gehoben, nun hoben ihn Musik und Stille, Publikum und die eigene Rede. Vielleicht hob ihn noch mehr, vielleicht der Blick einer Dame, die ihn anhimmelte, weil sie seine leuchtenden, blauen Augen so mochte.

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