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Du bringst mein Herz zum Schmelzen

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1. KAPITEL

„Er ist hier!“

Sunny sah von den Papieren und Büchern auf, die sich vor ihr auf dem Schreibtisch türmten. Ihr Chef arbeitete an einem schwierigen Fall. Dafür musste sie sämtliche Unterlagen abheften und Fachbücher mit Präzedenzfällen für sehr komplexe Steuerfragen durchsehen.

Die Arbeit ließ ihr kaum Zeit, zwischendurch einen Happen zu essen. Trotzdem entging ihr nicht, wie sich die Stimmung im Büro von Marshall, Jones und Jones gerade drehte. Seit bekannt geworden war, dass Stefano Gunn ihre Kanzlei für einen Auftrag engagieren wollte, herrschte eine fast fieberhafte Aufregung.

Marshall, Jones und Jones hatten ihre Anwaltskanzlei in London erst vor kurzer Zeit eröffnet. Und auch wenn sie einigen größeren Kanzleien den einen oder anderen bedeutenden Klienten abgeworben hatten, waren sie doch nicht mehr als eine kleine Firma ohne die jahrzehntelange Erfahrung, auf die ein Mann wie Stefano Gunn bestimmt Wert legte. Und doch hatte er sich für sie entschieden.

Sunny saß in einem winzigen Zimmerchen am Ende des Flurs, und obwohl sie sich nicht einmal für Klatsch und Tratsch interessierte, waren die Gerüchte auch bis zu ihr gedrungen.

Man munkelte, Gunn hätte ihre Kanzlei nur wegen Katherine gewählt, einer Juniorpartnerin von Marshall, Jones und Jones. Angeblich gefiel sie ihm, und durch ein paar Aufträge wollte er sie sich gewogen stimmen.

Sunny hielt dieses Gerücht für ausgesprochen dumm. Warum in aller Welt sollte der Mann so etwas tun? Wenn Katherine ihm gefiel, konnte er sie schließlich einfach anrufen und fragen, ob sie mit ihm ausgehen wollte. Wie jeder andere normale Mensch auch. Auch wenn Stefano Gunn, soweit sie wusste, alles andere als ein normaler Mensch war. Normale Menschen hatten üblicherweise nicht schon im zarten Alter von dreißig Jahren Londons Geschäftswelt in der Hand.

Nicht, dass sie sich groß um dieses ganze Theater gekümmert hätte. Die Hauptsache für sie war, dass die Kanzlei neue Aufträge bekam, selbst wenn Gunn ihnen bestimmt keinen wichtigen Fall überlassen würde. Aufträge bedeuteten volle Lohntüten, und für ein junges Unternehmen war jede Arbeit gute Arbeit.

Sunny stützte ihr Kinn in die Hand und sah Alice an, mit der sie sich das Büro teilte. Alice war klein, mollig und redete gern – und sie konnte kaum längere Zeit still sitzen bleiben. Im Moment betrachtete sie es als ihre Pflicht, durch die Abteilungen zu laufen und so viel wie möglich über den Milliardär herauszufinden.

Seit zwei Wochen brachte sie jede Akte und jeden einzelnen Bericht höchstpersönlich zu den wichtigen Leuten in den übrigen zwei Etagen des Gebäudes, und jedes Mal erfuhr sie dort wieder etwas Neues über Stefano Gunn.

„Und – hast du es geschafft, einen Blick auf den großen Boss zu werfen?“, fragte Sunny jetzt.

„Nun ja …“

„Ja oder nein?“

„Nun sei doch nicht so ein Spielverderber, Sunny.“ Alice zog sich einen Stuhl vor Sunnys Schreibtisch. „Du musst dich doch wenigstens ein kleines bisschen für diese Sache interessieren.“

„Du interessierst dich genug für uns beide zusammen“, erwiderte Sunny, aber sie erwiderte das Lächeln. Alice verkörperte alles, was Sunny normalerweise zur Weißglut brachte. Sie sprach mit einem glasklaren englischen Oberschichtakzent, lief mit dem unerschütterlichen Selbstbewusstsein von jemandem herum, zu dem das Leben immer nur freundlich gewesen war, und vor allem hatte sie den Job nur durch Beziehungen ihres Vaters bekommen – was sie auch überall ganz offen zugab.

Doch seltsamerweise hatte Sunny Alice gern. Darum nahm sie sich jetzt ihr zuliebe ein wenig Zeit, auch wenn sie eigentlich lieber mit ihrer Arbeit vorangekommen wäre.

„Nein. Ich konnte heute nicht einmal aus Ellie etwas über ihn herausbekommen“, seufzte Alice und zog einen Schmollmund. „Dort oben verhalten sich alle plötzlich so vorbildlich. Dabei weiß doch jeder, wie gerne Ellie tratscht. Als hätte sie plötzlich eine Gehirnwäsche bekommen …“

„Vielleicht hat sie einfach nur eine Menge zu tun und dachte, Viertel nach zehn morgens wäre nicht die richtige Zeit, um über einen wichtigen neuen Klienten zu klatschen“, erwiderte Sunny sanft.

„Nicht irgendein Klient …“

„Ich weiß, ich weiß. Wir haben alle schon von dem großartigen Stefano Gunn gehört …“

„Und du bist wirklich nicht beeindruckt?“, fragte Alice neugierig. „Wie kann das sein?“

„Ich bin eben schwer zu beeindrucken.“ Sunny lächelte, aber sie spürte, wie sie sich innerlich anspannte. Wann hört es endlich auf, dass ich erstarre, sobald mir jemand eine persönliche Frage stellt? fragte sie sich. Alice war nicht neugierig gewesen, sie hatte ihr nicht einmal eine wirklich persönliche Frage gestellt. Und doch konnte Sunny nicht anders, als sich zurückzuziehen.

Sie wusste selbst, dass sie zugeknöpft war, und sie wusste auch, dass die meisten Menschen sie sympathisch, aber sehr verschlossen fanden. Wahrscheinlich redeten die Kollegen hinter ihrem Rücken über sie. Aber sie war nun mal so, wie sie war. Sie kannte die Gründe dafür, und sie konnte einfach nicht anders – auch wenn sie es sich manchmal wünschte, so wie jetzt.

Alice sah sie über den Schreibtisch hinweg an, so eifrig wie ein Hundewelpe, und wartete darauf, dass Sunny etwas mehr preisgab.

„Jemand wie er ist einfach nicht der Typ Mann … äh … den ich jemals … nun ja, wie soll ich sagen … nur, weil er reich und gut aussehend ist, finde ich ihn noch lange nicht interessant“, beendete Sunny ihren Satz etwas lahm. Dann zeigte sie auf den Papierstapel auf ihrem Schreibtisch. „Es ist schön, dass er uns ein paar Aufträge gibt, und die Partner sind bestimmt begeistert, aber wie auch immer …“

„Wen interessieren denn die anderen Partner?“ Alice grinste. „Wenn Gunn hinter Katherine her ist, ist sie bestimmt nicht nur von dem neuen Auftrag begeistert. Ich wette, wenn sie heute Abend ihre Zusammenarbeit feiern, wird er sich etwas ganz Besonderes für sie einfallen lassen. Obwohl …“ Sie ließ den Blick über Sunny gleiten. „Wenn es ihm ums Aussehen geht, kommt keine an dich ran. Du bist total sexy … du müsstest dich nur ein bisschen anders anziehen. Aber jetzt gehe ich lieber, bevor du mich erschießt.“ Sie stand schnell auf. Immer noch grinsend, strich sie ihren sehr kurzen Rock glatt. „Haben wir vielleicht noch ein paar Unterlagen, die ich in den dritten Stock bringen könnte? Nein? Na gut, ist vielleicht auch besser, ich sollte sowieso mal wieder ein bisschen arbeiten …“

Sunny sah Alice zu, wie sie sich an ihren Schreibtisch setzte, aber jetzt konnte sie sich nicht mehr auf die Arbeit konzentrieren. Als würde ein Mann wie Stefano Gunn sich jemals für sie interessieren. Lächerlich. Jeder hatte schon von Stefano Gunn gehört. Die ganze Welt hatte von ihm gehört. Der Mann war schon lächerlich erfolgreich und gut aussehend. Kein Tag verging, ohne dass sein Name im Finanzteil irgendeiner Zeitung erschien, weil er wieder ein neues großartiges Geschäft abgeschlossen hatte.

Sunny las keine Boulevardzeitungen, aber sie war sicher, dass auch diese voll von Berichten über ihn waren. Lächerlich reiche und gut aussehende Männer lebten niemals einsam und bescheiden. Sie führten das Leben von Playboys, mit Barbiepuppen-Frauen, die wie Kletten an ihnen hingen.

Aber das alles ging sie nichts an. Normalerweise hielt sie solche Grübeleien gut unter Kontrolle. Doch Alice hatte mit ihrem Gerede in ein Wespennest gestochen, und Sunny spürte, wie diese giftigen Gedanken aus ihren dunklen Ecken hervorkamen.

Sie starrte auf den Computer und die Akte mit dem Bericht, den sie lesen musste. Doch vor sich sah sie ihr eigenes Leben – ihre Kindheit bei Pflegeeltern, all den Schmerz und Kummer, das Internat, für das sie ein Stipendium bekommen hatte, und die Mädchen dort, die sie jeden Tag hatten spüren lassen, dass sie nicht zu ihnen gehörte.

Selbstmitleid drohte sie zu überfluten. Sunny atmete tief ein und aus. Sie musste den Kopf wieder klar bekommen, sich auf all das Positive in ihrem Leben konzentrieren, auf all die Chancen, die sie ergriffen hatte, all die Möglichkeiten, die sie schließlich in diese aufstrebende Kanzlei geführt hatten. Hier konnte sie schon Berufspraxis sammeln, während sie ihr Jurastudium beendete.

Ganz tief in ihrem Inneren waren die alten Wunden noch immer nicht verheilt, aber sie war jetzt vierundzwanzig Jahre alt und erwachsen genug, um mit dem vertrauten Schmerz umzugehen, wenn er wieder mal an die Oberfläche kam.

Wie jetzt.

Gerade hatte sie sich wieder auf ihren Bericht konzentriert und ihre dunklen Gedanken fast vergessen, da klingelte ihr Telefon. Ein Hausanruf. Als sie auf die Uhr sah, stellte sie fest, dass es bereits halb eins war.

„Sunny!“

„Hallo Katherine.“ Sunny sah Katherine vor sich. Sie war eine der jüngsten Partnerinnen in einer Anwaltsfirma in der ganzen Stadt, eine hochgewachsene, schlanke junge Frau mit einem perfekt geschnittenen dunklen Pagenkopf und einem offenen, klugen Blick aus braunen Augen. Ihre makellose Herkunft hatte sie auf ein erfolgreiches Leben vorbereitet, und bisher hatte sie jede einzelne Erwartung erfüllt.

Hin und wieder ging sie nach der Arbeit mit den weniger erfolgreichen jungen Frauen der Kanzlei etwas trinken. Wie sie selbst einmal gesagt hatte, machte es auch nicht glücklich, allein in einem Elfenbeinturm zu leben. Bei einer dieser seltenen Gelegenheiten hatte sie den Kolleginnen anvertraut, dass ihr nur ein Ehemann und Kinder zu einem perfekten Leben fehlten. Doch keiner glaubte ihr.

Katherine war durch und durch Karrierefrau – und genau deshalb war sie Sunnys Vorbild. Was Sunny betraf, gab es nur eine verlässliche Sache im Leben – Arbeit. Wenn man hart genug für seinen Beruf arbeitete, zahlte sich das immer aus. Enttäuscht wurde man nur von den Menschen.

„Ich weiß, du hast Mittagspause, und es tut mir schrecklich leid, dich zu belästigen, aber ich möchte dich um einen kleinen Gefallen bitten, Sunny … Würdest du bitte in den Konferenzraum kommen?“

„Geht es um die Akten, die ich für Phil Dixon durchgehen soll? Ich fürchte, ich bin noch nicht ganz fertig …“ Sunny hörte selbst, wie panisch sie klang. Dabei sollte die Arbeit eigentlich erst in einer Woche fertig sein.

„Nein, nein, damit hat es nichts zu tun. Komm bitte direkt in den Konferenzraum und bring mit, woran du gerade arbeitest. Und du brauchst dir keine Gedanken um das Mittagessen zu machen. Ich lasse dir bringen, worauf du Appetit hast.“

Draußen vor den Fenstern schien die Sonne von einem wolkenlos blauen Himmel, doch dank der Klimaanlage war es im Gebäude kühl. Während Sunny nach oben in den Besprechungsraum ging, bemerkte sie, dass die meisten Büros halb leer waren. Das lag wahrscheinlich daran, dass der St. James Park nur fünf Minuten entfernt lag. Und wer wollte an einem schönen Sommertag schon lieber drinnen am Schreibtisch essen?

Schließlich erreichte Sunny die dritte Etage. Zuerst suchte sie die luxuriösen Waschräume auf, um sich frisch zu machen. Ihr Spiegelbild beruhigte sie. Sie sah so ordentlich aus wie immer. Ihre langen silberblonden Locken waren im Nacken zu einem strengen Knoten festgesteckt. Die weiße Bluse war makellos, genau wie der knielange graue Rock. Sie brauchte die Pumps nicht anzuschauen, um zu wissen, dass sie glänzten wie neu.

Sie war eine Karrierefrau, und jeden Morgen, bevor sie die Wohnung verließ, überzeugte sie sich davon, dass sie auch so aussah.

Ihre Schönheit hatte ihr noch nie etwas Gutes gebracht, und es tat ihr nicht leid, sie zu verstecken. Ganz im Gegenteil.

Alice hatte sie sexy genannt. Bei dem Gedanken zuckte Sunny zusammen. Das war das Letzte in der Welt, was sie sich wünschte. Sie tat ihr Bestes, damit keiner sie sexy fand.

Aber sie hatte keine Zeit, noch länger hier herumzustehen, Katherine wartete schon auf sie. Nach einem letzten Blick in den Spiegel verließ Sunny das Bad und ging in den Konferenzraum hinüber. Der Saal war schlicht: keine leuchtenden Farben, keine ins Auge springenden Bilder, keine auffälligen Pflanzen. An dem großen Tisch aus Walnussholz fanden zwanzig Leute Platz, und vor den bodentiefen Fenstern waren Jalousien angebracht.

Und neben Katherine saß …

Ein kleines Mädchen mit trotzig verschränkten Armen. Vor ihr lag eine Auswahl an technischem Spielzeug – iPad, iPhone und das neueste Modell eines schicken Computers.

„Sunny, das ist Flora …“, sagte Katherine.

Flora machte sich nicht die Mühe aufzublicken, aber Sunny starrte das Kind mit offenem Mund an.

„Ich weiß, du bist wahrscheinlich überrascht, aber ich habe ein Meeting mit ihrem Vater, und ich möchte dich bitten, währenddessen auf Flora aufzupassen.“ Katherine murmelte Sunny etwas Unverständliches über den Kopf des Kindes hinweg zu. Als Sunny sie nur verständnislos ansah, nahm Katherine sie beiseite und sagte leise: „Eigentlich sollte ihre Großmutter auf sie aufpassen, aber ihr ist etwas dazwischengekommen.“

„Ich soll babysitten?“, fragte Sunny entsetzt. Sie hatte nie zu den Mädchen mit einem mütterlichen Instinkt gehört. Sie besaß keine nennenswerte Erfahrung mit Kindern, und sie hatte auch nicht den geringsten Wunsch, das zu ändern. In ihrem Leben war nie Raum zum Spielen gewesen, vor allem nicht mit kleinen Kindern. Was zum Teufel sollte sie jetzt mit diesem anfangen?

Katherine lächelte. „Sie ist wohl kaum ein Baby, Sunny“, stellte sie richtig. „Außerdem brauchst du gar nichts zu tun. Darum habe ich ja auch gesagt, du sollst dir Arbeit mitbringen. Hier ist es gemütlich, und bis halb sechs sollte der Termin mit Mr. Gunn unter Dach und Fach sein.“

„Das ist sein Kind?“ Sunny bekam den Mund nicht wieder zu.

Katherine grinste. „Falls er sich keinen Scherz mit uns erlaubt hat. Und glaub mir, er ist nicht der Typ, der Witze macht.“ Sie ging zurück zu Flora, doch dann überlegte sie es sich offensichtlich anders und eilte stattdessen zur Tür. Sunny bekam den Eindruck, dass die andere Frau mit Kindern offensichtlich genauso wenig anfangen konnte wie sie.

Dann schloss sich die Tür hinter Katherine. Sunny ging zu Flora und sah sie für einige Sekunden schweigend an.

Die Kleine war bildhübsch. Das lange dunkle Haar hing ihr offen über den Rücken, und ihre Wimpern waren so lang, dass sie die Wangen berührten. Sie starrte Sunny aus riesigen dunklen Augen zurück an. „Ich will auch nicht hier sein.“ Flora legte die Stirn in grimmige Falten. „Es ist nicht meine Schuld, dass meine Großmutter keine Zeit hat.“

Sunny seufzte. „Hast du dein ganzes Spielzeug mitgebracht?“ Sie fragte sich, wie viele andere Neunjährige wohl mit elektronischen Geräten für Tausende von Euro herumliefen. Ihre neue Aufgabe ließ ihr keine Zeit, sich zu wundern, dass der Milliardär Stefano Gunn eine Tochter hatte. Er tauchte zwar oft in den Zeitungen auf, aber über sein Privatleben war nicht viel bekannt, auch nichts über ein Kind. Er war offenbar diskret. Wenigstens dafür musste sie ihm Respekt zollen.

„Das Zeug ist langweilig.“ Flora gähnte ausgiebig, ohne die Hand vor den Mund zu legen.

„Wie alt bist du?“

„Wieso willst du das wissen?“

„Du denkst vielleicht, du kannst mich schocken, aber das klappt so nicht. Ich bin hart im Nehmen. Bestimmt härter als du“, sagte Sunny ehrlich. „Also, wie alt bist du?“

„Fast neun.“

„Gut.“ Sunny lächelte breit und wandte sich den Akten zu, die sie mitgebracht hatte. „Dann kannst du mir bei meiner Arbeit helfen, wenn dir langweilig ist …“

Stefano streckte seine langen Beine aus und tat sein Bestes, um ein Gähnen zu unterdrücken. Diese Angelegenheit hätte einer seiner Angestellten regeln können, und eigentlich sollte er gar nicht hier sein.

Seine eigenen Anwälte waren ausgesprochen kompetent, es gab keinen Grund, einen Auftrag an eine auswärtige Kanzlei zu vergeben. Und wenn seine Anwälte einmal nicht in der Lage waren, einen Fall zu übernehmen, dann ging er normalerweise damit direkt zu der besten und größten Anwaltsfirma in ganz London.

Stattdessen war er hier. Auf Drängen seiner Mutter saß er im Büro einer Anwaltskanzlei, die so neu war, dass kaum jemand ihren Namen kannte.

„Du erinnerst dich doch an meine Freundin Jane, nicht wahr?“, hatte seine Mutter gefragt. „Janes Tochter arbeitet in dieser neuen Kanzlei.“

Nein, er erinnerte sich nicht. Aber er konnte sich genau denken, was seine Mutter im Sinn hatte und welche Rolle Janes Tochter – wer auch immer das sein mochte – in ihrem geheimen Plan spielte.

Nicht zum ersten Mal versuchte Angela Gunn ihn zu verkuppeln. Nachdem seine Exfrau nach zu vielen Drinks mit ihrem Sportwagen in Neuseeland tödlich verunglückt war, versuchte sie eifrig, für ihren Sohn eine passende Frau zu finden. Immer wieder sagte sie ihm, wie gut ein verlässlicher mütterlicher Einfluss für seine Tochter wäre.

„Ein Mädchen braucht eine Mutter“, teilte sie ihm regelmäßig mit. „Flora kennt dich kaum, und sie vermisst Alicia … darum fällt es ihr so schwer, sich hier einzuleben.“

Zumindest in einer Sache musste Stefano seiner Mutter recht geben: Er kannte seine Tochter kaum. Obwohl er sich hütete, dies gegenüber seiner Mutter zuzugeben.

Seine Ehe mit Alicia war kurz und schrecklich gewesen. Sie hatten sich jung kennengelernt, und ihre Beziehung hätte ein kurzer Flirt bleiben sollen. Stattdessen war Alicia schwanger geworden, und sie hatten geheiratet.

War die Schwangerschaft Absicht gewesen? Die Frage hatte er nie direkt gestellt. Aber wozu hätte das auch gut sein sollen?

Alicia war aus Neuseeland zur Ausbildung als Krankenschwester hergekommen. Anschließend hatte sie sich entschieden, länger in England zu bleiben und in einem Londoner Krankenhaus zu arbeiten. Sie hatten sich kennengelernt, als Stefano nach einem Rugbyspiel mit drei gebrochenen Rippen eingeliefert wurde. Der Rest war Geschichte.

Er erinnerte sich genau daran, was er damals bei der Trauung in der Kirche empfunden hatte. Ihm war, als würde er zu seiner eigenen Hinrichtung gehen. Sie waren kaum verheiratet gewesen, als ihm klar wurde, welchen Fehler er begangen hatte. Alicia hatte sich über Nacht komplett verändert. Sobald sie über mehr Geld verfügte, als sie sich je erträumt hatte, gab sie es mit vollen Händen aus. Dann verlangte sie, dass er mehr Zeit mit ihr verbrachte, und sobald er zwei Minuten zu spät kam, machte sie eine Szene.

Jedes Mal biss er die Zähne zusammen und sagte sich, die Hormone in der Schwangerschaft wären an ihren Stimmungen schuld. Aber insgeheim wusste er genau, dass das nicht stimmte.

Nach Floras Geburt wurde es nur noch schlimmer. Sie verlangte rund um die Uhr seine Aufmerksamkeit, und je mehr seine Londoner Villa zu einem Schlachtfeld wurde, desto weniger verspürte er Lust, nach Hause zu gehen.

Und weil er nie nach Hause kam und sie sich langweilte, suchte sie sich schließlich eine andere Beschäftigung. Was für ein Zeitvertreib das war, fand er heraus, als er eines Nachmittags früher nach Hause kam und sie mit einem anderen Mann in seinem Bett fand. Doch die Scheidung wollte er vor allem deshalb, weil er nicht den geringsten Anflug von Eifersucht verspürte.

Alles hätte eigentlich schnell und sauber über die Bühne gehen sollen. Um seiner Tochter willen war Stefano bereit gewesen, ihren unmäßigen Forderungen nachzugeben. Stattdessen begann ein sechsjähriger Albtraum.

Alicia war nach Neuseeland geflüchtet. Von dort aus bestimmte sie über sein Besuchsrecht. Stefano tat alles, was in seiner Macht stand, um das Sorgerecht für Flora zu bekommen. Ohne Erfolg. Als Alicia verunglückte, hatte er seine Tochter nur wenige Male gesehen.

Nun lebte Flora bei ihm, aber er kannte sie kaum, und sie verabscheute ihn und schmollte die ganze Zeit. Selbst nach einem knappen Jahr hatte sich daran nicht viel geändert. Lag das wirklich daran, dass sie eine Mutter brauchte?

Er sah Katherine Kerr an. Die junge Anwältin betrachtete stirnrunzelnd die Akten, die er mitgebracht hatte. Als sie seinen Blick bemerkte, sah sie auf und lächelte warm. „Sie brauchen sich keine Sorgen um Ihre Tochter zu machen. Ich habe sie in den fähigen Händen unserer besten Mitarbeiterin gelassen.“

Katherine Kerr war attraktiv, und sie schien intelligent und mitfühlend zu sein. Seine Mutter hoffte garantiert, dass es Klick machte und er sie sofort zum Abendessen einlud.

Das würde nicht passieren.

„Ich mache mir keine Sorgen um Flora“, erwiderte er gedehnt. „Ich mache mir Sorgen, dass ich mein Meeting im Savoy Grill verpasse, wenn wir nicht langsam zum Ende kommen.“

„Ich sehe bei dem Fall keine Probleme.“ Katherine schloss die Akte und lehnte sich zurück. „Ich versichere Ihnen, wenn Sie sich entscheiden, uns mit dem Fall zu beauftragen, werden wir ausgezeichnete Arbeit für Sie leisten, Mr. Gunn.“

Stefano sah auf seine Uhr und stand auf. Falls die Frau sich mehr als einen Auftrag von ihm erhoffte, würde sie enttäuscht werden. „Wenn Sie mir sagen, wo ich meine Tochter finde, Miss Kerr, werde ich Sie jetzt nicht länger aufhalten. Ich denke, Sie haben alle relevanten Informationen, um uns zu vertreten.“

Ja, das hatte sie. Ja, es war ein Vergnügen, mit ihm Geschäfte zu machen. Sie hoffte, dass er bei Rechtsfragen auch in Zukunft an ihre Firma denken würde.

Während Stefano das Büro verließ, entschied er, seine Mutter noch einmal zu bitten, ihm keine Frau mehr zu suchen. Sie musste einfach akzeptieren, dass er, was Frauen betraf, mit seinem Leben zufrieden war. Hübsch, nicht anspruchsvoll und nicht allzu klug mochte er sie. Sie kamen und gingen und boten ihm entspannende Stunden. Ein bisschen Spaß und Sex, solange es ihm gefiel. Es funktionierte.

Als er an die Tür zum Konferenzraum klopfte, bereitete er sich innerlich schon auf die Begegnung mit seiner Tochter vor. Er bedauerte die Frau ein wenig, die das zweifelhafte Vergnügen gehabt hatte, sich um Flora zu kümmern. Flora besaß ein ganz besonderes Talent dafür, ihre Abneigung kundzutun, und Babysitter konnte sie grundsätzlich nicht leiden.

Er öffnete die Tür. Der Konferenzraum roch schwach nach Farbe und war genauso eingerichtet, wie er es mochte – dezent und schlicht. Er hätte sich diese Anwaltskanzlei nicht selbst ausgesucht, aber was er hier bisher gesehen und gehört hatte, gefiel ihm. Während er den Raum betrat, überlegte er, ob er dem Büro nicht weitere Aufträge geben könnte.

Sunny sah auf.

Ihr war, als hätte sie einen Schlag in den Magen bekommen, und einige Sekunden lang bekam sie keine Luft. Sie kannte Stefano Gunn aus dem Finanzteil der Zeitungen: ein großer, gut aussehender Mann mit schottischen Wurzeln, auch wenn man ihm die nicht ansah. Doch vor ihr stand ein Mann, der nicht einfach attraktiv war. Er war umwerfend. Und schwindelerregend sexy.

Sein maßgeschneiderter Anzug betonte den schlanken, muskulösen Körper. Das schwarze Haar fiel ihm bis auf den Kragen und lockte sich im Nacken. Und sein Gesicht war … dramatisch. Aus jeder Pore verströmte Stefano Gunn Erotik.

Sunny merkte, dass sie die Luft angehalten hatte.

Sie erstarrte vor Entsetzen. Hoffentlich hatte er nicht bemerkt, wie sie ihn anstarrte! Sie riss sich zusammen und erhob sich. Automatisch streckte sie die Hand aus. „Mr. Gunn. Ich bin Sunny Porter …“

Flüchtig berührten seine kühlen Finger ihre und schickten einen Stromstoß durch ihren Körper. Rasch zog sie die Hand zurück. „Flora …“, sie wandte sich an das Kind, das nicht aufgeschaut hatte und mit Textmarkern auf der Kopie herummalte, die Sunny ihm gegeben hatte, „… dein Vater ist hier.“

„Flora, es ist Zeit zu gehen“, ergänzte Stefano.

„Ich möchte lieber hierbleiben“, sagte Flora kühl und starrte Stefano herausfordernd an.

Einen Augenblick blieb es still, dann räusperte Sunny sich und räumte ihre Papiere zusammen.

„Sie haben offenbar das Interesse meiner Tochter gewonnen mit … was genau macht sie da?“

Widerstrebend blickte Sunny ihn an. Mit einsdreiundsiebzig war sie nicht gerade klein, aber sie musste dazu den Kopf in den Nacken legen.

Sie ist wunderschön, dachte Stefano, als er ihr ins Gesicht sah. Dabei schien sie eine Menge dafür zu tun, um das zu verstecken. Ihre dunkle Kleidung war eher billig und machte sie blass, doch sie minderte nicht die strahlende, verwirrende Schönheit ihres herzförmigen Gesichts und der riesigen grünen Augen, der schmalen, geraden Nase und der vollen, perfekt geformten Lippen.

Sunny war es gewohnt, dass Männer sie anstarrten, aber Stefanos dunkle Augen entzündeten ein Feuer in ihrem Inneren.

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