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Du bringst mein Herz in Gefahr

Susanne James

Du bringst mein Herz in Gefahr

1. KAPITEL

Ria fuhr langsam auf das große viktorianische Gebäude zu. Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie das Knirschen der gekiesten Einfahrt unter den Reifen ihres Wagens wahrnahm und das Gebäude beeindruckt musterte. Ein Paradebeispiel einer Schule, die einen schon bei ihrem Anblick in Angst und Schrecken versetzt, dachte sie und stellte sich die unzähligen blassen Kinder vor, die mit klopfendem Herzen und trockenen Mündern zum ersten Mal dieses Internat zu Gesicht bekommen hatten.

Es war ein lang gezogenes, zweistöckiges Gebäude, das aus zwei Komplexen bestand, getrennt durch einen Glockenturm. Obwohl es vor mehr als einem Jahrhundert errichtet worden war, wirkte es äußerst gut erhalten. Der Rasen, der sich zu beiden Seiten des Weges erstreckte, war gepflegt und ordentlich. Weiße Steine säumten in regelmäßigen Abständen die Auffahrt, damit niemand unerlaubterweise dort parken konnte. Zur Linken befanden sich vier Tennisplätze, deren Netze so fest gezurrt waren, dass man fast meinte, sie seien erstarrt in ängstlicher Erwartung der vierhundert Jungen, die zum Sommerhalbjahr zurückkommen würden.

Ein angenehmes Gefühl der Vertrautheit erfüllte Ria. Sie parkte neben dem Eingang mit den erhabenen Steinsäulen und stieg aus. Einen großen Teil ihrer Kindheit hatte sie selbst in Internaten verbracht, und obwohl sie noch nie einen Fuß in Highbridge Manor gesetzt hatte, wusste sie, dass sie nichts Neues erwartete. Auch hier würde es nach Reinigungsmitteln und Holzpolitur riechen, nach dem unverkennbar staubigen Duft von Büchern und Papier und irgendwo in weiterer Entfernung unverwechselbar nach Gemüseeintopf. Allerdings rechnete sie nicht damit, dass heute schon jemand in der Küche war. Die Schüler würden erst nächste Woche eintreffen. Ria erreichte den Eingang und betätigte die Türglocke.

Die schwere Tür wurde geöffnet, und eine hochgewachsene, elegant gekleidete Frau in grauem Rock und Twinset stand ihr gegenüber. Sie hatte die Lesebrille auf den Kopf geschoben und betrachtete Ria eingehend mit ihren intelligenten blauen Augen. Ihr selbstbewusstes Auftreten ließ darauf schließen, dass sie schon sehr lange hier sein musste.

„Ria Davidson?“

Ihr Lächeln war seltsam zurückhaltend, sodass Ria hastig antwortete: „Ja. Ich habe einen Termin mit Mr. Trent um zehn Uhr dreißig.“

Es folgte kurzes Schweigen. „Wir haben Sie erwartet. Kommen Sie doch bitte herein.“ Sie machte Ria ein Zeichen einzutreten. „Ich heiße Helen Brown und bin die Schulsekretärin“, fügte sie hinzu.

Natürlich bist du das, dachte Ria. Du hättest nichts anderes sein können. Ihre Erfahrung hatte gezeigt, dass Schulsekretärinnen eine ganz eigene Spezies waren – kompetent, penibel auf ihre Rechte achtend und einschüchternd.

Sie folgte Helen den Korridor hinunter und in einen kleinen Raum mit Blick auf die Tennisplätze.

„Das ist mein Reich, mein Arbeitszimmer“, verkündete Helen. „Setzen Sie sich bitte einen Moment. Ich teile Mr. Trent Ihre Ankunft mit.“ Sie nahm den Hörer vom Telefon und wählte. „Miss Davidson ist da“, sagte sie. „Soll ich sie jetzt zu Ihnen bringen?“ Und dann: „Oh. Ja, gut. Wir kommen also in zehn Minuten.“

Mit einem Blick auf die kleine Uhr an der Wand ihr gegenüber stellte Ria fest, dass es erst zwanzig nach zehn war. Heute war sie überpünktlich. Und Mr. Trent hielt sich fest an die Verabredung – zehn Uhr dreißig, nicht zehn Uhr zwanzig! Sie seufzte verstohlen. So einer ist er also, dachte sie, ein langweiliger Kleinkrämer.

Helen legte auf. „Er wird noch vom Hausmeister aufgehalten. Aber es wird nicht lange dauern.“

Froh über die Gelegenheit, ein wenig mehr herauszufinden, lehnte Ria sich entspannt zurück. „Die Agentur hat sich erst gestern wegen dieser Position mit mir in Verbindung gesetzt“, begann sie und wurde sofort von Helen unterbrochen.

„Ich weiß. Es war eine einzige Katastrophe. Eine unserer Englischlehrerinnen hat uns ganz unerwartet kurz vor Ende des vorigen Halbjahrs verlassen. Was sicher bedauerlich war, aber ganz ehrlich …“, Helen senkte vertraulich die Stimme, als fürchtete sie, jemand würde sie belauschen, „in Wirklichkeit war es ein Segen. Der Frau haben wir keine Träne nachgeweint, das können Sie mir glauben.“ Sie seufzte. „Wir haben bereits mit drei Kandidatinnen gesprochen, von der nur eine passend gewesen wäre – und ausgerechnet die sagte uns dann ab! Also befinden wir uns im Moment in einem ziemlichen Schlamassel.“

„Ja, dass es sich um eine Art Eilauftrag handelt, habe ich schon gemerkt.“ Ria lächelte.

„Es ist sowieso nur eine zeitlich begrenzte Stelle bis zum Ende des Halbjahrs, wie Sie sicherlich wissen“, fuhr Helen fort. „Im September sollte es uns leichterfallen, jemand fest einzustellen.“

„Sind Sie schon seit Langem hier?“

Helen lächelte und betrachtete einen Moment ihre perfekt manikürten Fingernägel. „Etwa fünfzehn Jahre.“

„Wenn ich es richtig verstanden habe, ist es immer ein privates Internat gewesen?“, fragte Ria.

„Oh ja. Und seit der Gründung im Besitz und unter der Leitung der Familie Trent, was schon einen Rekord für Tradition und Beständigkeit darstellt, finde ich.“ Abrupt stand Helen auf. „So, kommen Sie jetzt bitte mit.“ Sie warf einen Blick auf die Uhr. Es war genau zehn Uhr achtundzwanzig.

Gemeinsam gingen sie den langen Korridor entlang, bis sie eine Tür erreichten, auf der ein Schild mit großen Buchstaben das Büro des Direktors auswies. Helen klopfte zaghaft und wartete.

Im nächsten Moment war eine kräftige Stimme zu hören. „Herein.“

Ria folgte Helen in den Raum und musste im ersten Moment die Augen vor dem grellen Sonnenlicht zusammenkneifen, das durch die Fenster drang. Doch sobald ihre Augen sich an die Helligkeit gewöhnt hatten, wurde sie von dem atemberaubenden Anblick von Mr. Jasper Trent regelrecht überwältigt.

Er war jung, ganz und gar nicht so alt, wie sie angenommen hatte. Wahrscheinlich war er erst Ende dreißig und mindestens einen Meter neunzig groß, breitschultrig und gut gebaut. Er sah umwerfend aus in seinem strengen dunklen Anzug und der dezent gestreiften Krawatte. Das schwarze Haar trug er modisch kurz geschnitten. Was sein attraktives Gesicht mit den starken, kühnen Zügen aber vor allem dominierte, waren die dunklen Augen. Ria war noch nie einem Mann mit einem so klugen, durchdringenden Blick begegnet. Du liebe Güte, dachte sie, natürlich gibt es an dieser Schule kein Problem mit der Disziplin. Würde jemand freiwillig einen Streit mit Mr. Jasper Trent riskieren? Die kühle, recht herrische Stimme, mit der er sprach, ließ nur ein klares Nein auf ihre Frage zu.

„Miss Davidson? Bitte kommen Sie doch herein und setzen Sie sich“, bat er und erlaubte sich ein knappes Lächeln, bevor er wieder ernst wurde. Er kam auf Ria zu und schüttelte ihr kräftig die Hand. Dann folgte ein knappes: „Danke, Helen.“

„Danke, Jasper“, erwiderte die Sekretärin und schloss leise die Tür hinter sich.

Während Mr. Trent ihr einen großen Ledersessel anbot und selbst hinter seinem Schreibtisch Platz nahm, gab Ria sich alle Mühe, ihr wild klopfendes Herz zu beruhigen. Doch der unbewegte Blick, mit dem er sie bedachte, hielt sie regelrecht in seinem Bann.

Zwei Gedanken gingen Jasper unwillkürlich durch den Kopf, während er sie intensiv musterte, ohne sich etwas anmerken zu lassen – zum einen, dass er sich zu seiner eigenen Verwunderung eingestehen musste, von der Frau ihm gegenüber völlig verzaubert zu sein, und zum anderen, dass er darüber nicht wenig verärgert war. Sie war ganz und gar nicht das, was er erwartet hatte. Mit einem Stirnrunzeln studierte er die Papiere vor sich auf dem Schreibtisch.

„Sie werden mir verzeihen, Miss Davidson, dass ich als Erstes auf Ihr Alter zu sprechen komme“, hob er kühl an, „aber mir wurde gesagt, Sie seien … fünfundfünfzig Jahre alt.“ Er hielt kurz inne. „Was Sie allerdings offensichtlich nicht sind.“

Ria musste lächeln. Also waren sie heute Morgen beide in ihrer Erwartung getäuscht worden. „Nein“, gab sie zu. „Ich bin fünfundzwanzig.“

„Dann ist das schon mal geklärt“, bemerkte er trocken.

Bei dem wenig ermutigenden Ausdruck auf seinem Gesicht packte Ria unwillkürlich die Armlehne ihres Sessels fester, um das Zittern ihrer Hände zu unterdrücken. Sie hatte Vorstellungsgespräche schon immer gehasst. Das hier heute bildete keine Ausnahme. Hätte sie nicht jemand davor warnen können, was sie – nein, wen sie zu erwarten gehabt hatte? Warum hatte sie geglaubt, der Schulleiter wäre ein netter, väterlicher Herr mit grauem Haar und Brille und einem Körper, an dem der Zahn der Zeit deutliche Spuren hinterlassen hatte?

„Also“, fuhr er fort, „ist Miss Davidson fünfundzwanzig Jahre alt. Ihrem Lebenslauf zufolge haben Sie ein Englischstudium abgeschlossen, weisen drei Jahre Lehrtätigkeit auf und haben auch als Aushilfs- und Privatlehrerin gearbeitet?“

„Das stimmt.“

„Und Ihnen ist klar, dass diese Stellung nur bis zum Ende dieses Schuljahrs andauern wird – vorausgesetzt, beide Seiten sind einverstanden?“ Insgeheim dachte er, dass sie die Position auch länger haben könnte, wenn sie sich als tüchtige Lehrerin erwies. Doch sein Instinkt riet ihm, diese Möglichkeit lieber gar nicht erst in Betracht zu ziehen. Miss Ria Davidson war nicht nur jung, sie war hinreißend in ihrem makellosen cremefarbenen Hosenanzug. Das volle kastanienbraune Haar hatte sie mit einer Schildpattspange hochgesteckt, was die zarte milchweiße Haut und die schönen, großen braunen Augen noch betonte. Genau die Art von Frau, die ich hier nicht gebrauchen kann, sagte er sich mit Nachdruck.

„Ja, das ist mir bekannt“, antwortete sie. „Und es passt auch in meine Pläne … vorausgesetzt, beide Seiten sind einverstanden“, fügte sie ernst hinzu.

Er hob eine Augenbraue. „Darf ich Sie fragen, wie Ihre Pläne aussehen?“

Darauf zuckte sie nur leichthin die Schultern. „Warum nicht? Es ist nichts Besonderes, fürchte ich. Ich bin seit meinem vierten Lebensjahr ständig auf die eine oder andere Weise im Schulbetrieb aktiv und habe plötzlich das Bedürfnis zu fliehen. Also habe ich mir für den September vorgenommen, zu so vielen ungewöhnlichen Orten in der Welt zu reisen, wie ich nur kann. Ich habe genügend gespart, um mich für etwa ein Jahr über Wasser zu halten. Und sollte ich doch zwischendurch Geld nötig haben, findet sich bestimmt irgendwo ein Job.“ Sie machte eine kleine Pause. „Ich möchte es nicht noch weiter hinauszögern, weil ich dann vielleicht nicht mehr den Mut dazu aufbringe.“

„Wollen Sie allein reisen?“, fragte er überrascht, und sein Blick ging unwillkürlich zu ihren langen, schlanken Beinen, die sie lässig übereinandergeschlagen hatte.

„Ja, weil keiner meiner Freunde sich freinehmen kann, also werde ich wohl allen Mut zusammennehmen müssen. Wie auch immer“, fuhr sie fort, „bestimmt begegne ich vielen Menschen, die genau wie ich allein unterwegs sind.“

Eine kleine Weile verging, während der er tief in Gedanken versunken zu sein schien. Erst dann sprach er wieder.

„Sie sollen die kleineren Jungen unterrichten“, kam er zum Thema zurück, „und deren Kurs bis zum Sommer beenden. Der Fachleiter für Englisch, Tim Robbinson, wird Ihnen natürlich hilfreich zur Seite stehen.“

Ria hatte das Gefühl, dass der Job bereits ihr gehörte, wenn sie ihn haben wollte. Und sie musste zugeben, dass sie ihn sogar sehr wollte.

„Wenn Sie mit dem Gehalt, das wir anbieten, nicht zufrieden wären, wären Sie heute wahrscheinlich gar nicht erst gekommen. Richtig?“ Er schob einige Papiere auf seinem Schreibtisch zur Seite.

Ria wurde überrascht bewusst, wie sie seine starken, sonnengebräunten Hände mit den langen, wohlgeformten Fingern fasziniert betrachtete. Alles an dem Mann war vollkommen!

„Nein. Ich meine, ja. Ihre Bedingungen sind annehmbar“, antwortete sie hastig.

Es folgte ein kaum merkliches Zögern, bevor er entgegnete: „Dann freue ich mich, Ihnen den Posten anzubieten, Miss Davidson.“ Mr. Trent legte den Füller hin, den er in die Hand genommen hatte, und lehnte sich zurück. „Falls Sie akzeptieren wollen, haben Sie sicher selbst einige Fragen an mich.“

Ein heftiges Glücksgefühl durchströmte Ria. Sie hatte es geschafft! Zwar ging es nur um eine Stellung auf Zeit. Aber zumindest war es ihr gelungen, den Leiter dieser Schule davon zu überzeugen, dass sie ein großzügiges Gehalt wert sein würde. Zum ersten Mal in diesem Gespräch fühlte Ria sich entspannt genug, um ihm ein strahlendes Lächeln zu schenken.

„Vielen Dank … und ich nehme gern an. Die Agentur hat mir eine Ihrer Broschüren gegeben, also glaube ich nicht, dass ich Sie noch etwas fragen muss. Jedenfalls im Moment.“ Jetzt, da sie tatsächlich hier anfangen durfte, würde sie sich die Zeit nehmen und alle Informationen über dieses traditionsreiche Internat nachlesen.

Er stand auf, offensichtlich erleichtert. „Ich zeige Ihnen jetzt Ihre Unterkunft. Der Hausmeister hat dafür gesorgt, dass alles zu Ihrer Zufriedenheit ist.“

Was Ria vor allem an diesem Posten interessiert hatte, war die Tatsache, dass man ihr ein Zimmer zur Verfügung stellte. Zurzeit hatte sie kein eigenes Zuhause. Der Vertrag für die Wohnung, die sie mit ihrer Freundin Sara geteilt hatte, lief schon bald aus, und Sara wollte in Kürze heiraten. Also gab es für Ria nur eine gültige Adresse, und zwar die ihrer Eltern in Nordlondon. Dort hatte sie ein eigenes Zimmer für alle Fälle, aber richtig zu Hause gefühlt hatte sie sich bei ihren Eltern nie. Warum auch? Sie war so selten bei ihnen gewesen, und jetzt, da ihr Vater mit seiner zweiten Frau Diana dort wohnte, fühlte Ria sich fremder denn je.

Mr. Trent öffnete ihr die Tür, um Ria den Vortritt zu lassen, und gemeinsam gingen sie den Korridor hinunter. Er warf ihr einen flüchtigen Blick zu und bemerkte, wie die Sonne ihr glänzendes Haar golden aufschimmern ließ.

„Es ist hier sehr ruhig, wenn die Kinder nicht da sind“, sagte er, um sich von den erregenden Gefühlen abzulenken, die ihre Nähe in ihm hervorrief. „Nächste Woche wird sich das ändern.“ Am Ende des Gangs bogen sie rechts ab und stiegen eine breite Steintreppe hinauf.

„Wer schon einmal unterrichtet hat, lernt, Lärm und Chaos mit Gleichmut zu ertragen. Allerdings habe ich noch nie in einem reinen Jungeninternat gearbeitet, also werde ich vielleicht ab und zu um Rat bitten müssen.“ Als sie aufsah, ertappte sie ihn dabei, wie er sie nachdenklich betrachtete. Sie errötete verlegen. „Aber ich bin sicher, ich werde mich bald einleben“, fügte sie schnell hinzu.

Er nickte nur. „Jeder braucht von Zeit zu Zeit einen Ratschlag.“

Mehr sagten sie nicht, und gleich darauf schloss er auch schon eine Tür am Ende des Gangs auf. Ria ging hinein, sah sich um und konnte ihr Glück kaum fassen. Es war kein Zimmer, sondern eine kleine, gepflegte Wohnung! Mr. Trent zeigte ihr das winzige Wohnzimmer, ausgestattet mit zwei Sesseln, einem runden Kaffeetisch, einem Schreibtisch, Bücherschrank und Fernseher. Davon ab ging eine schmale Kochnische, eine Art Pantryküche. Sie wies ein Minispülbecken mit zwei Kochplatten auf, einen Kühlschrank und eine Arbeitsfläche, auf der ein Kessel, ein Toaster und eine Mikrowelle standen. Perfekt für eine Person. Ria wusste instinktiv, dass sie sich hier wohlfühlen würde. Das kleine Schlafzimmer mit angrenzendem Bad versetzte sie insgeheim in Begeisterung. Das alles gehörte ihr ganz allein! Was brauchte ein Mensch mehr? Sie sah dankbar auf.

„Es ist wunderhübsch. Viel netter, als ich erwartet hatte“, fügte sie ehrlich hinzu.

Er zuckte die Achseln.

„Es ist sehr wichtig für uns, den Kollegen den Aufenthalt hier so angenehm wie möglich zu machen“, erklärte er. „Übrigens ist es allgemein Brauch, dass die Lehrer gemeinsam im Speisesaal zu Abend essen. Aber wenn Sie natürlich noch Arbeit zu erledigen haben und es vorziehen, allein in Ihrem Zimmer zu essen, ist das in Ordnung. Dafür gibt es schließlich die kleine Küche hier.“

„Wohnen alle Lehrer im Internat?“ Ria trat an das Fenster und bewunderte den Blick auf die friedvolle Landschaft.

„Nein, nur die Hälfte“, antwortete Mr. Trent. „Die übrigen leben in der näheren Umgebung, sodass sie keine weite Anfahrt haben.“

Sie machten sich wieder auf den Weg nach unten und erreichten gerade den Eingang, als Helen Brown aus ihrem Zimmer trat.

„Ah, Helen. Miss Davidson wird nächste Woche ihre Stellung bei uns antreten“, sagte er, woraufhin die Schulsekretärin ein wenig seltsam lächelte, wie Ria fand.

„Oh, gut.“

Ria wusste nicht recht, was sie von ihr halten sollte. War sie ihr freundlich gesinnt oder nicht? Noch war es wohl zu früh, um das zu entscheiden.

„Ich kümmere mich um die Einzelheiten mit der Agentur“, fuhr Helen fort und verschwand wieder in ihrem Büro.

Mr. Trent begleitete Ria bis zu ihrem Wagen. Das Wetter war heute angenehm warm, und sie blickte sehnsüchtig zu den Tennisplätzen hinüber. Wie sehr sehnte sie sich jetzt nach einem Match. Es hätte ihr dabei geholfen, den Kopf freizubekommen, da sie sich seit ihrer Begegnung mit Mr. Trent ein wenig schwindlig fühlte.

Höflich hielt er ihr die Tür auf und fragte: „Müssen Sie weit fahren? Ich glaube nicht, dass man mir gesagt hat, wo Sie wohnen.“

„Im Moment bin ich eigentlich obdachlos“, antwortete sie leichthin. „Aber eine Freundin hat mich für ein paar Tage in ihrem Haus in Salisbury aufgenommen.“ Sie lächelte. „Wahrscheinlich wird sie froh sein zu hören, dass ich nun für eine Weile woanders unterkommen werde.“

Als er keine Anstalten machte, sich von ihr zu trennen, sondern einfach neben dem Auto stehen blieb, sah Ria ihn unsicher an. Er hatte einen Arm lässig auf die offene Wagentür gelehnt und schien noch etwas sagen zu wollen.

„Und“, begann er schließlich, „kehren Sie sofort wieder nach Salisbury zurück?“

„Ich weiß nicht.“ Sie hatte heute noch nicht weiter als bis zu ihrem Vorstellungsgespräch geplant.

„Dann essen wir vielleicht erst einmal zu Mittag“, schlug er vor. „Es gibt mehrere anständige Restaurants hier in der Nähe, und Sie müssen schließlich auch ein wenig die Gegend kennenlernen.“

„Danke“, antwortete sie freudig überrascht. „Das ist sehr freundlich von Ihnen.“

Er trat beiseite. „Dann kommen Sie. Wir nehmen meinen Wagen.“

Ria stieg aus und schloss die Tür ihres Autos, bevor sie gemeinsam zur Rückseite des Gebäudes gingen, wo er offenbar seinen Wagen geparkt hatte.

„Übrigens“, sagte er mit einem Seitenblick auf sie, „in der Schule nennen wir uns immer beim Vornamen, wenn die Kinder nicht in Hörweite sind. Ich heiße Jasper. Was Sie wahrscheinlich schon wissen.“

„Und wie Sie sicher schon wissen, heiße ich Ria“, erwiderte sie fröhlich.

Jasper seufzte insgeheim. Er hatte mit einer reifen, nüchternen Frau gerechnet, nicht mit diesem Inbegriff begehrenswerter Weiblichkeit. Plötzlich sehnte er sich danach, von hier verschwinden zu können, die Leitung des Internats seinem Bruder zu überlassen und wieder seinen Geschäften nachzugehen. Als Carl ihn ganz unerwartet um diesen Gefallen gebeten hatte, waren Jasper alle möglichen Ausreden eingefallen, die es ihm unmöglich machten, darauf einzugehen – zum Beispiel, dass er nicht hierher passte. Carl war ein so außergewöhnlicher Schulleiter. Er, Jasper, wirkte im Vergleich zu ihm sicher nur wie ein blasses Abziehbild. Doch schließlich brachte ihn sein Gerechtigkeitssinn dazu, zuzustimmen. Es war immerhin Carl, der sich stets durch sein Pflichtbewusstsein ausgezeichnet hatte. Er verdiente eine kurze Auszeit so sehr wie sonst keiner.

Jaspers naturwissenschaftliches Studium qualifizierte ihn zwar dafür, am Internat zu lehren und es zu leiten, trotzdem war er immer entschlossen gewesen, andere Dinge zu tun. Sehr zur großen Enttäuschung seines Vaters, der von beiden seiner Söhne erwartet hatte, der Tradition zu folgen. Jasper hatte ihn einfach darauf hingewiesen, dass es in jeder Familie ein schwarzes Schaf gab und er nur zu gern bereit war, diese Rolle zu übernehmen.

2. KAPITEL

Als sie neben ihm saß, die Hände im Schoß, dachte Ria unwillkürlich, wie gut der lange, geschmeidige, kraftvolle Wagen zu seinem Besitzer passte. Jetzt, da sie ihm so nahe war, fiel ihr zum ersten Mal eine schwache Narbe auf, die von seiner linken Schläfe knapp neben seinem Auge fast bis zur Oberlippe reichte. Wie es schien, hatte er einmal einen Unfall gehabt, doch die Narbe war so gut verheilt, dass sie sein unglaublich gutes Aussehen nicht beeinträchtigte. Im Gegenteil, er wirkte dadurch nur noch interessanter, noch anziehender – wenn vielleicht auch ein winziges bisschen gefährlich. Bis jetzt ließ allerdings nichts darauf schließen, dass Jasper Trent unfreundlich oder gar gemein sein könnte. Bald würde sie ja sicher herausfinden, wie er wirklich war, obwohl sie vermutete, dass sie nicht oft mit ihm zusammentreffen würde. Ein Mann in seiner Position verbrachte sicherlich die meiste Zeit einsam in seinem recht nüchternen Büro.

Die Nähe dieses attraktiven Mannes ließ Ria flüchtig an Seth denken. Werde ich es jemals schaffen, ihn völlig aus meinen Gedanken zu vertreiben? fragte sie sich. Aber wie sollte sie ein Unglück, das ihr das Herz gebrochen hatte, einfach so vergessen, als bedeutete es nichts? War Jasper genauso ein Mann wie Seth, genauso selbstbewusst, sicher und rücksichtslos in seinem Umgang mit Frauen? Zählten für Jasper Trent nur die eigenen Träume, Hoffnungen und Ziele, und ließ er die seiner Mitmenschen außer Acht?

Um sich abzulenken, konzentrierte sie sich auf die Umgebung und atmete tief durch. Zweifellos führte Jasper Trent seine Schule seit einer ganzen Weile und das wohl auch einwandfrei und kompetent. Doch wie war er privat? Auf sie machte er nicht den Eindruck eines Mannes, den zu Hause eine Frau und eine Schar Kinder erwarteten. Wie verbrachte er also seine Zeit, was unternahm er, um sich zu entspannen? Doch was er tat oder nicht tat, ging sie nicht das Geringste an.

Er warf ihr einen flüchtigen Blick zu. „Das war der Lehrerparkplatz, wo wir eben meinen Wagen abgeholt haben“, erklärte er. „Vielleicht haben Sie ja ab und zu sogar Glück und ergattern einen Platz in den Garagen.“

Ria lächelte. „Oh, mein Auto ist den Luxus einer Garage nicht gewohnt. Außerdem werde ich es in einigen Monaten verkaufen, wenn ich verreise.“ Sie zögerte kurz. „Und wer weiß, vielleicht komme ich gar nicht zurück. Womöglich sind die Kirschen woanders tatsächlich süßer als hier in England.“

„Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden“, erwiderte er ruhig, den Blick unverwandt auf die Straße gerichtet.

„Ja. Und ich möchte wissen, ob ich in einer fremden Umgebung gut zurechtkomme, ohne mich einsam zu fühlen“, sagte sie. Auf keinen Fall würde sie zugeben, dass sie schon jetzt den Augenblick ihrer Abreise fürchtete und fast wünschte, sie hätte sie nie geplant. Doch sie hatte so oft mit Freunden gesprochen, die ihr von aufregenden Abenteuern und schönen Orten im Ausland erzählten. Also war Ria am Ende entschlossen gewesen, es ihnen gleichzutun. Nun wusste jeder von ihrer Absicht, und Ria konnte nicht mehr zurück. Wie erbärmlich würde es aussehen, wenn sie plötzlich ihre Meinung änderte.

Das „Lamb“ war etwa fünf Minuten mit dem Auto vom Internat entfernt.

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