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Du bringst Lachen in mein Leben

1. KAPITEL

„Mr. Braeburn? Sind Sie noch dran?“

„Ja, ja …“ Grant atmete tief durch und rieb sich die Augen. „Ich bin noch dran.“ Blinzelnd schaute er auf die verregnete Landschaft, die sich vor dem Fenster seines Arbeitszimmers erstreckte, und beobachtete gedankenverloren, wie sich die zwanzig Meter hohen Pinien im Sturm bogen. „Woher …“ Er räusperte sich. „Woher haben Sie meine Nummer?“

„Mrs. Braeburkn hat angegeben, wer im Notfall verständigt werden soll. Sie hatte eine Karte in ihrer Tasche. Und im Handschuhfach.“ Der Arzt zögerte. Grant vermutete, dass ihm solche Anrufe noch immer schwerfielen. „Und im Aktenkoffer.“

Grant lächelte bitter. Dann riss er sich zusammen und ließ sich in einen Sessel am Fenster sinken. „Entschuldigung.“

„Unter Schock reagiert man anders als sonst“, sagte der Arzt verständnisvoll. „Das ist ganz normal. Es hilft, den Schmerz zu verkraften.“

„Ich …“ Der Regen prasselte gegen die Scheibe. „Justine und ich wurden vor über einem Jahr geschieden.“

„Aha. Ja. Natürlich.“ Der Arzt machte eine Pause. „Sie haben eine gemeinsame Tochter?“

Grant schloss die Augen. „Ja. Sie ist hier. Es ist mein Wochenende.“

„Also … werden Sie es ihr sagen?“

„Natürlich“, erwiderte Grant. Wie zum Teufel bringt man einer Dreijährigen bei, dass ihre Mutter tot ist? Er holte Luft. „Justine … war sie allein? Im Wagen?“

„Ja.“

„Wie ist es passiert?“

Der Arzt zögerte erneut. „Offenbar hat sie eine Kurve zu schnell genommen und ist auf nassem Laub ins Schleudern gekommen. Vielleicht hat sie mit ihrem Handy telefoniert.“

Typisch, dachte Grant. Justine war früher beinahe in Panik verfallen, wenn sie länger als fünf Minuten keinen Kontakt zur Außenwelt hatte. „Ich nehme an, ich muss mich um … alles kümmern?“

„Es gibt keine anderen Angehörigen?“

„Nicht dass ich wüsste.“

„Mr. Braeburn, ich könnte Ihnen ein paar Namen nennen, falls Sie … oder Ihre Tochter … mit jemandem reden möchten.“

„Danke. Aber ich kenne selbst jemanden. Falls wir Hilfe brauchen.“

„Natürlich. Kann ich sonst noch etwas …“

„Nein. Nein, warten Sie.“

„Ja?“

Grant rang mit sich. „Ihr Gesicht?“

Der Arzt antwortete nicht sofort. „Sie war eine sehr hübsche Frau, nicht wahr?“

Noch lange nach dem Anruf starrte Grant in den trüben Spätnachmittag hinaus, das Telefon in der Hand. Er stellte sich vor, wie Justines Seele – wenn sie eine hatte – über ihrem leblosen Körper schwebte und darüber klagte, wie er jetzt aussah. Schließlich hatte sie Unsummen in ihr Äußeres investiert.

„Mr. B.? Ist alles in Ordnung?“

Grant drehte sich um. Das rundliche Gesicht seiner Haushälterin war noch faltiger als sonst, die hellbraunen Augen blickten besorgt. Etta Bruschetti entsprach nicht ganz dem Bild, das man sich in diesem Teil der Welt von Frauen machte, die sich rund um die Uhr um das Privatleben und Haus ihres Arbeitgebers kümmerten. Aber die spitzzüngige Brünette half ihm, ehrlich zu bleiben und nicht an das zu glauben, was über ihn in den Zeitungen stand. Außerdem kochte sie himmlisch.

Er schaute wieder aus dem Fenster. „Haleys Mutter ist vor ein paar Stunden bei einem Autounfall getötet worden“, sagte er leise.

„Was? Oh mein Gott, das ist nicht Ihr Ernst!“ Etta presste eine breite Hand an die Brust. „Wie schrecklich. Die arme Frau!“

Grants Mundwinkel zuckte. „Ach, kommen Sie, Etta … ich weiß, wie Sie über Justine gedacht haben.“

„Na gut, vielleicht war ich nicht gerade erschüttert, als Sie beide sich getrennt haben. Aber so etwas wünsche ich niemandem, wenn Sie wissen, was ich meine.“

Er nickte. Etta schob die Hände in die Taschen der praktischen weißen Schürze, die sie über dem Sweatshirt und den Jeans trug. Nur wenn Grant Gäste empfing, kleidete sie sich so, wie es sich in seinen Kreisen für Hauspersonal gehörte. Doch seit der Scheidung hatte er niemanden mehr eingeladen. „Ich nehme an, das bedeutet, dass das Kind ab jetzt immer hier lebt, oder?“

So weit hatte er noch gar nicht gedacht. Aber jetzt traf ihn die Erkenntnis wie ein Schlag, dass Justines Tod ihn zu einem alleinerziehenden Vater machte.

Und dabei war er als Vater bisher ein kompletter Versager gewesen.

„Ja“, sagte er schließlich. „Stimmt.“

Einige Minuten später stieg er die Treppe zum Kinderzimmer hinauf, wo seine Tochter an den Besuchswochenenden stundenlang mit ihren vielen Plüschtieren und Puppen spielte. Zu Anfang hatte er einfach angenommen, dass Haley die Kontaktfreudigkeit ihrer Mutter nicht geerbt hatte. Inzwischen war ihm klar, dass das Kind lieber mit seinen „Freunden“ als mit ihm zusammen war.

Mit heftig klopfendem Herzen lauschte er. Durch den Türspalt drang das unaufhörliche Geplapper seiner Tochter. Wie ihre Mutter war auch sie nie um ein Wort verlegen. Eine wichtige Eigenschaft für eine Rechtsanwältin, dachte Grant. Mit trockenem Mund klopfte er leise an und schob die Tür auf.

Schlagartig verstummte Haley. Sie hielt einen nicht besonders intelligent aussehenden Stofflöwen in den Armen – Justines letztes Geschenk, dachte Grant mit einem mulmigen Gefühl im Bauch. Sie hob den Kopf, und in ihrem Gesicht spiegelte sich eine irritierende Mischung aus Wachsamkeit und Gleichgültigkeit. Immer wieder hatte Grant sich gefragt, ob ein offeneres, fröhlicheres Kind ihm geholfen hätte, ein besserer Vater zu werden.

Auch wenn er nicht das fühlte, was die meisten Väter für ihre Kinder empfanden, war er doch nicht immun gegen die atemberaubende Schönheit seiner Tochter. Sie hatte große braune Augen mit dichten Wimpern, dunkelblonde Locken und eine helle, fast rosige Haut. Und für ein Kind, das erst in einigen Wochen vier Jahre alt wurde, war sie erschreckend klug. Aber was wusste er schon darüber, wie Kinder sich entwickelten?

„Hat Mommy angerufen?“, fragte Haley mit ihrer gewohnten Direktheit, und Grant spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. Justine hatte es nie versäumt, Haley anzurufen, wenn sie übers Wochenende bei ihm war. Was immer zwischen ihm und seiner Exfrau geschehen war, sie hatte ihre Tochter über alles geliebt.

Und zwar seit dem Moment, an dem der Arzt ihr das schreiende Kind in die Arme gelegt hatte. Grant dagegen hatte nur verwirrt zugesehen und sich sofort ausgeschlossen gefühlt – aus der liebevollen Einheit, die die beiden vom ersten Tag an bildeten. Seine Frau und seine Tochter hatten immer in ihrer eigenen Welt gelebt, und ihm selbst war das Passwort verborgen geblieben, das ihm Zugang verschafft hätte.

Nervös überquerte Grant den Teppich, auf dem Dutzende bunter Schmetterlinge durch einen hellblauen Himmel flogen, und setzte sich auf die Spielzeugtruhe. Haley schien zu spüren, dass heute etwas anders war, und ließ ihn nicht aus den Augen.

Grant starrte auf seine gefalteten Hände, und plötzlich wurde ihm klar, dass er keine Ahnung hatte, was er jetzt tun sollte. Vor ihm saß die kleine Haley, die sich früher die Augen ausgeweint hatte, wenn sie ihre Mutter nur ein paar Sekunden nicht gesehen hatte – wie um alles auf der Welt würde sie jetzt reagieren?

„Daddy?“

Das Wort klang nüchtern und sachlich. Ebenso gut hätte sie ihn Tisch, Teller oder Baum nennen können. Sie blieb auf Distanz, drückte den Löwen an sich und musterte ihren Vater misstrauisch. „Bist du böse?“

„Nein“, erwiderte Grant, erstaunt darüber, dass sie sein Zögern so deutete. „Aber ich muss dir etwas sagen. Und ich weiß nicht genau, wie ich anfangen soll.“

Haley wartete mit gerunzelter Stirn. Eher neugierig als vertrauensvoll, fand er. Grant holte tief Luft.

„Mommy hatte einen Unfall“, begann er leise und fühlte den rasenden Herzschlag an seinen Rippen. „Mit ihrem Auto. Und sie hat sich dabei sehr, sehr wehgetan. So sehr, dass die Ärzte sie nicht wieder gesund machen konnten. Und … und sie ist gestorben.“

Seine Tochter erstarrte, dann schaute sie auf den Löwen, kraulte seine Mähne und strich mit den Fingern durch das goldene Haar. Erst nach einem langen Moment schaute sie Grant mit gesenkten Wimpern an. „Gestorben? Wie Opa?“

Sie war noch ein Baby gewesen, als Grants Vater gestorben war. Viel zu jung, um zu begreifen, was passiert war. Und Justines Eltern lebten schon lange nicht mehr, als sie und Grant heirateten. Ihm ging auf, dass Sterben für das kleine Mädchen nur ein Wort war, dessen Bedeutung es nicht verstand.

„Ja, wie Opa.“

Einige Sekunden verstrichen. „Mommy sagt, dass der Doktor einen immer wieder gesund macht.“

„Sie haben alles versucht, wirklich …“

„Dann kommt Mommy wieder. Sie kommt immer wieder. Immer.“

„Dieses Mal nicht“, sagte Grant und wehrte sich gegen die Übelkeit, die in ihm aufstieg. „Sie kann nicht.“

Haley umarmte den Löwen noch fester und schaute ihrem Vater in die Augen, bevor sie sich vor ihr Puppenhaus setzte und mit einer Hand darin aufräumte. Grant fragte sich, ob er zu ihr gehen sollte. Sie trösten sollte. Was auch immer.

„Haley? Möchtest du … mit mir reden?“

Sie strich sich durch die Locken, wie ihre Mutter es immer getan hatte. „Nein danke. Ich rede mit Mommy, wenn sie kommt.“

Oh Gott.

„Haley, Mommy kommt nicht wieder …“

Sie schüttelte den Kopf. „Doch, sie kommt wieder, und wir gehen in den Spielzeugladen, wenn wir zu Hause sind, das hat sie versprochen.“ Sie schaute Grant an, mit trockenen Augen und trotzigem Blick. „Sie hat es versprochen.“

„Haley, Liebes …“

Grant streckte die Arme nach ihr aus, aber sie wich zurück, stolperte über einen Stoffhund und landete auf dem Po.

„Nein!“, rief sie und kroch weiter, um sich unter einem Fenster, zwischen zwei weißen Regalen voller Kinderbücher, Spiele und Puzzles an die Wand zu drücken. „Ich will dich nicht! Ich will Mommy!“

Hilflos hockte Grant sich vor seine Tochter, die sich mit den Füßen abstieß und noch fester gegen die Wand presste. „Es wird alles gut“, sagte er, als sie zu weinen begann. „Ab jetzt kümmere ich mich um dich …“

Nein!“, schrie sie und warf ihm den Löwen gegen die Brust. „Ich will nach Hause! Ich will sofort mit Mommy reden!“

Er sprang auf, ging auf die andere Seite des Zimmers, fuhr sich durchs Haar und versuchte, tief durchzuatmen. Der Regen prasselte noch immer gegen die Scheiben und hämmerte aufs Dach, doch das beruhigende Geräusch ging in Haleys Weinen fast unter. Mit Millionen von Dollars zu jonglieren, die anderen Menschen gehörten, und dabei Risiken einzugehen, die jeder andere scheuen würde … kein Problem. Aber wie sollte er seine Tochter trösten? Ihr begreiflich machen, was passiert war? Er hatte nicht die leiseste Ahnung.

Grant schaute zu seinem kleinen Mädchen hinüber. Haley hatte das Gesicht in der Löwenmähne vergraben. Nach einem Moment setzte er sich auf die Bettkante. Irgendwann hob sie den Kopf, warf ihm einen abweisenden Blick zu, drehte sich zur Seite, um ihm den Rücken zuzukehren, und wischte sich mit dem Handrücken die tropfende Nase ab.

„Geh weg.“

„Das kann ich nicht.“

„Warum nicht?“

„Weil Mommy nicht wollen würde, dass ich dich allein lasse.“

Haley zog die Knie an die Brust, eine winzig, zutiefst verzweifelte Gestalt in Cordrock und Pullover. Und Grant, der wahrlich kein religiöser Mensch war, ertappte sich dabei, wie er zu beten begann. Sag mir, was ich tun soll.

Etta erschien in der Tür, das Telefon in der Hand, die Stirn in Falten. Sie winkte Grant zu sich. „Es ist diese Freundin von Justine. Mia Vaccaro? Sie sagt, dass sie und Justine sich heute Nachmittag treffen wollten, Justine aber nicht an ihr Handy geht. Sie will wissen, was los ist.“

Grant nahm das Telefon. Das war der Grund, warum er nie viel vom Beten gehalten hatte.

Denn allzu oft bekam man ausgerechnet die Antwort, die man nicht wollte.

„Wo ist sie?“, fragte Mia die Haushälterin, noch während sie durch die Tür stürmte und sich dabei Schal und Tweedjacke auszog.

„Oben in ihrem Zimmer“, antwortete Etta und nahm ihr die Sachen ab. „Aber …“

„Danke.“

Mia eilte durch die Eingangshalle und würdigte all den Luxus, der sie umgab, keines Blickes. Allein, dass sie es heil bis hier oben geschafft hatte, war ein Wunder. Am liebsten hätte sie sich in irgendeine Ecke verkrochen und gewartet, bis der Schock vorüber war.

„Mia. Warte.“

Die tiefe Stimme ließ sie abrupt stehen bleiben. Am Fuß der geschwungenen Treppe wirbelte sie herum, und ihre Blicke trafen sich. Erst jetzt hörte sie sich selbst so laut keuchen, als wäre sie den weiten Weg von Manhattan gerannt. Nach dem Telefonat mit Grant hatte sie sich nicht einmal umgezogen. Sie trug noch immer die zerknitterten Jeans und die uralte Kapuzenjacke, in der sie das unechte Herbstlaub für die Party der Chins zum Schiffsanleger getragen hatte. Und der Perlmuttclip fiel ihr vermutlich jeden Moment aus dem langen Haar.

Bestimmt sah sie aus wie der Wirrkopf, für den Grant sie zweifellos hielt.

„Grant! Tut mir leid, der Verkehr auf der Henry Hudson war höllisch. Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte.“

Einer seiner Mundwinkel zuckte. Das war Grant Braeburns Version eines Lächelns. „Offensichtlich. Danke. Bevor du nach oben gehst …“ Er zeigte auf eine Tür. Die zu seinem Arbeitszimmer, wenn sie sich recht erinnerte. Sie war schon hier gewesen – zur Hochzeit und zu dem Abendessen mit Christopher, das sie niemals vergessen würde. Aber sie war nicht hier, um mit Justines Ex zu plaudern, sondern um das kleine Mädchen zu trösten, das seit dem Tag seiner Geburt einen festen Platz in ihrem Herzen hatte.

„Mia!“, sagte er scharf, als sie die Treppe betrat. „Wir müssen reden!“

„Später!“

Sie war schon oben, als sie seine Hand an ihrem Arm fühlte. Eine andere Frau hätte der feste Griff vielleicht eingeschüchtert oder – unter anderen Umständen – erregt, zumindest aber einen leisen Überraschungslaut ausgelöst. Nicht bei Mia. Sie begnügte sich mit einem Blick, der mindestens so zornig wie Grants ausfiel.

„Verdammt, Mia! Ich will nicht, dass du vor Haley die Fassung verlierst.“

„Keine Angst.“ Sie riss sich los und marschierte über einen Orientteppich, der schätzungsweise eine Million Dollar wert war, zu Haleys Zimmer. Was immer Grant an ihr auszusetzen hatten, oder sie an ihm, es musste warten. Am besten bis sie beide unter der Erde waren.

Bei dem Gedanken wäre sie fast gestolpert, fing sich jedoch, bevor Grant es bemerkte. Das hoffte sie jedenfalls. Trotz des mörderischen Sodbrennens, das sie quälte, würde sie nicht zusammenbrechen.

Noch nicht.

Grant stand viel zu dicht hinter ihr, als sie durch Haleys offene Tür spähte und das kleine Mädchen still auf dem Bett sitzen sah, in ihrem Teddybär-Schlafanzug, den Daumen im Mund. Diese Angewohnheit hatte sie eigentlich schon vor Monaten aufgegeben. Mia schluckte, als ihr Blick auf den Löwen fiel, den Haley an die schmale Brust presste. Es war der, den Justine ihr gerade erst geschenkt hatte.

„Hallo, meine Kleine“, sagte sie leise, und Haleys Kopf fuhr hoch. Eine Sekunde später rannte die Kleine durchs Zimmer und schlang die Arme um Mias Beine.

Dann schaute sie nach oben, mit Hoffnung, Angst und Verwirrung in den Augen. „Hast du Mommy mitgebracht?“

Oh nein. Mia warf Grant einen Blick zu. Seine Miene war nicht mehr finster, sondern besorgt.

Sie ließ sich auf ein Knie nieder und strich Haley die Locken aus dem Gesicht. „Nein, Kleine. Mommy ist nicht hier.“

Haley löste sich von ihr und packte den Löwen noch fester. „Nimmst du mich mit zurück in die Stadt?“

Langsam schüttelte Mia den Kopf. „Nein, Süße. Du bleibst jetzt bei deinem Daddy.“

Das kleine Mädchen runzelte die Stirn. „Daddy hat gesagt, dass Mommy sich wehgetan hat und der Doktor sie nicht gesund machen konnte.“

„Das stimmt.“ Mia kämpfte gegen die Tränen an.

Haley schaute von ihr zu Grant und wieder zurück. „Wo ist sie?“

Verzweifelt schaute Mia zur Zimmerdecke. Soweit sie wusste, war Justine nicht besonders religiös gewesen, und woran Grant glaubte, war ihr schleierhaft. Aber da sie keinen Rat von oben bekam, besann sie sich auf ihre katholische Erziehung. „Deine Mommy ist im Himmel. Bei den Engeln.“

„Was ist der Himmel?“

Aha. Das Thema war Haley offenbar neu. „Dort gehen gute Menschen hin, wenn sie gestorben sind.“

„Ist das weit weg?“

„Ja, sehr weit.“

Haley tastete nach Mias Haar. „Kann man mit einem Taxi hinfahren?“

„Nein.“

„Und mit einem Flugzeug?“

„Auch nicht.“

Fast ausdruckslos starrte Haley sie an, bevor sie wieder ihren Löwen betrachtete. Eine Sekunde später streckte sie ihn Mia entgegen.

„Wer ist das?“, fragte Mia und schüttelte dem Stofftier eine weiche Tatze.

„Das ist Henry. Mommy hat ihn mir geschenkt.“

„Ich weiß. Ich war dabei, als sie ihn für dich gekauft hat.“

„Wirklich?“

„Ja.“

Haley überlegte kurz, dann beugte sie sich vor. „Ich muss auf die Toilette“, flüsterte sie. „Okay“, wisperte Mia zurück, und das kleine Mädchen hopste davon, Henry unter dem Arm. Mia stand auf, schob die Hände in die Kapuzenjacke und schaute besorgt zur Tür des Badezimmers.

„Du hast zehn Mal mehr erreicht als ich“, sagte Grant leise. Mia drehte sich zu ihm um. Das wundert mich überhaupt nicht, dachte sie. Von Justine wusste sie, dass der Mann gar nicht erst versucht hatte, um ein gemeinsames Sorgerecht zu kämpfen. Nicht, dass Jus sich darauf eingelassen hätte, aber trotzdem.

Doch jetzt war kaum der richtige Zeitpunkt, ihm das vorzuwerfen. Sie ging an ein Regal und überflog die Titel der Kinderbücher. „Seltsam, nicht wahr?“, begann sie. „Dass es ein Alter gibt, in dem wir keine Vorstellung davon haben, was Tod bedeutet.“

„Haben wir die je?“, entgegnete Grant sanft.

Darauf hatte sie keine Antwort.

Es erschien ihr wie eine Ewigkeit, bis sie die Spülung rauschen hörten. Eine Minute später kam Haley aus dem Bad. „Henry musste auch Pipi machen“, erklärte sie und kletterte wieder auf ihr Bett. „Jetzt geht es ihm besser. Aber er ist traurig.“

„So?“ Mia setzte sich zu ihr. „Warum ist er traurig?“

„Weil er seine Mommy vermisst.“

Mia rang sich ein Lächeln ab. „Aber er hat doch dich, oder? Du kümmerst dich um ihn, und vielleicht ist er bald nicht mehr so traurig.“

Haley sah zu Grant hinüber und wieder zurück. „Aber ich bin nicht so gut wie Mommy. Sie liest ihm Geschichten vor, kauft ihm Eiscreme und Spielsachen und so, damit es ihm besser geht, wenn er Spritzen bekommen hat. Wer soll ihm denn jetzt etwas vorlesen, wenn Mommy nicht zurückkommt?“

Mia fragte sich, ob das hier normal war. Dass „Henry“ traurig war, Haley aber eher verwirrt als unglücklich. Sie strich die zerzauste Löwenmähne glatt. „Na ja, du kannst ihm doch auch etwas vorlesen“, schlug sie vor, aber die Kleine schüttelte den Kopf.

„Ich kenne noch nicht alle Wörter. Meistens sehe ich mir nur die Bilder an.“

„Ach so. Aber weißt du, ich wette, Henry würde sich gern mit dir zusammen die Bilder ansehen. Oder vielleicht …“ Sie warf Grant einen vielsagenden Blick zu. „Vielleicht könnte Henrys Daddy ihm etwas vorlesen?“

Erneut schüttelte Haley den Kopf, diesmal heftiger als zuvor.

„Warum nicht?“

„Ich glaube, das kann er gar nicht.“

„Du glaubst nicht, dass sein Daddy lesen kann?“, fragte Mia und beobachtete, wie Haleys Antwort auf Grant wirkte.

Seine Tochter drückte das Plüschtier fester an sich. „Ich glaube nicht, dass er Henry was vorlesen kann.“

„Nun ja … vielleicht kann Henry es ihm zeigen.“

Haley schien darüber nachzudenken, bevor sie mit den Schultern zuckte. „Vielleicht“, erwiderte sie zaghaft. Dann gähnte sie und rieb sich die Augen mit den Fingerknöcheln. Das arme kleine Mädchen, dachte Mia mitfühlend. Die Mutter ist tot und der Vater eine einzige Enttäuschung.

„Komm schon“, sagte sie behutsam und zog die Bettdecke unter Haley hervor. „Zeit zum Schlafen.“

Ohne zu protestieren schlüpfte Haley darunter und nahm Henry in die Arme. „Bist du hier, wenn ich aufwache?“

Die Frage brach Mia fast das Herz. „Oh, Süße … Ich würde so gern bei dir bleiben, aber ich muss morgen arbeiten. Bald komme ich wieder.“

Haley schaute ihr in die Augen. „Versprichst du es?“

Verdammt. Wie wahrscheinlich war es, dass sie so kurz nach Justines Tod von einem Straßenräuber erschossen oder von einem herabstürzenden Blumentopf erschlagen wurde? Mia holte tief Luft. „Ich verspreche es“, sagte sie und nahm Haley in die Arme. „Ich drücke dich ganz doll!“, flüsterte sie, und Haley legte die Arme um Mias Hals und zog sie an sich. Dann rieben sie die Nasen aneinander, bis Mia die Kleine unter die Decke packte und ihr etwa zwanzig Küsse gab. Endlich gelang es ihr, sich langsam loszumachen.

Mia stand auf und schaute über die Schulter. „Du bist dran“, formte sie mit den Lippen. Grants Blick wurde panisch. Nach kurzem Zögern trat er ans Bett … und drehte sich mit halb bedauernder, halb erleichterter Miene zu Mia um.

„Sie ist eingeschlafen“, flüsterte er.

Das glaubst auch nur du, dachte Mia, sagte aber nichts.

Grant folgte ihr nach unten. Was er wohl dachte? Was sie selbst dachte, wusste Mia genau – so ungern sie Haley jetzt alleine ließ, sie musste von hier fort, bevor sie wieder von dieser Schwäche gepackt wurde. Doch als sie ihre Sachen vom Tisch in der Eingangshalle nehmen wollte, spürte sie, wie dicht Grant hinter ihr stand.

„Geh noch nicht. Bitte“, sagte er.

Sie schuldete diesem Mann nichts. Nicht ihre Zeit und erst recht nicht ihre emotionale Energie. Der dafür zuständige Schalter in ihr war ohnehin seit Langem blockiert. Ohne es zu wollen, drehte sie sich um, und gegen ihren Willen empfand sie etwas wie Mitgefühl, als sie die Verletzlichkeit in Grants eisgrauen Augen sah.

„Ich muss wirklich zurück …“

„Zehn Minuten“, bat er. Seufzend deponierte sie ihre Sachen wieder auf dem Tisch und durchquerte das Foyer, vorbei an dem riesigen Gemälde von Jackson Pollock an der einen Wand, unter dem Kronleuchter hindurch, der von der sechs Meter hohen Decke herabhing und in jedes Opernhaus gepasst hätte, und über den Perserteppich, der größer als ihre erste Wohnung war.

Geld, Geld, Geld …

Grant ließ ihr den Vortritt in sein Arbeitszimmer und lud sie mit einer Geste ein, Platz zu nehmen. Wo sie wollte, offenbar. Gleich ein halbes Dutzend Sessel standen zur Verfügung, die meisten modern und aus braunem Leder. Zur Abwechslung gab es auch einen oder zwei mit Stoff bezogene. Seltsam, dachte Mia. Sie hatte viel Chrom und Glas erwartet, in verschiedenen Farbtönen oder ganz in Schwarz.

Und einen offenen Sarg aus Edelstahl, diskret in einer entfernteren Ecke aufgestellt. In dem der Hausherr schlief, wenn die Sonne schien.

Sie schloss die Augen und malte sich aus, wie die Nonnen der Welt tadelnd mit der Zunge schnalzten. Aber sie hatte die Wahl – entweder sie ließ ihrem schwarzen Humor freien Lauf und stellte sich Grant Braeburn als geldgierigen Dracula vor, oder sie versank in lähmender Trauer. Außerdem hätte sie schwören können, dass sie bei ihrem taktlosen Gedankenblitz über den offenen Sarg Justines Stimme gehört hatte, begleitet von einem bitteren Lachen.

Sie erinnerte sich an Justine bei ihrer letzten Begegnung – schön wie auf einem Laufsteg und sprühend vor Lebensfreude, mit verschmitzt funkelnden Augen, während sie beide Arm in Arm einen spontanen Einkaufsbummel über die Madison Avenue gemacht hatten. Mia verdrängte das Bild und ließ sich in einen der Ledersessel sinken.

Zehn Minuten, dachte sie, die Jeans rau unter den Handflächen, als sie über die Oberschenkel strich. Zehn Minuten halte ich noch durch …

„Hast du gegessen?“, fragte Grant leise. Mia schüttelte den Kopf. „Möchtest du etwas? Wenigstens ein Sandwich oder …“

„Nein, danke.“ Mias Mund fühlte sich an, als hätte sie einen eingeschalteten Fön geküsst. „Aber ein Glas Wasser wäre gut.“

Er nickte und ging zur Bar auf der anderen Seite des Zimmers. Selbst unter dem locker sitzenden schwarzen Pullover – edelster Kaschmir, nahm Mia an – und der Cordhose entging ihr seine athletische, durchtrainierte Figur von einsachtzig nicht. Grant war ein Mann, nach dem Frauen sich automatisch umdrehten, mit dunklem Haar und irgendwie unheimlichen grauen Augen, groß und breitschultrig. Ganz so, wie Männer in seiner Position aussehen müssen, dachte Mia bitter.

Hinzu kamen bei Grant Intelligenz – wie man sie brauchte, um aus Stroh Gold zu machen – und Geld, unverschämt viel davon, und … Na ja. Mia gestand sich ein, dass man ihn durchaus attraktiv finden konnte. Wenn man auf Männer stand, deren Lieblingsgetränk rot war und in menschlichen Adern floss.

Wieder schloss sie kurz die Augen. Geh direkt in die Hölle, geh nicht über „Los“, zieh keine zweihundert Dollar ein …

„Bitte.“

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