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Du bist die schönste, Darling

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1. KAPITEL

Brady Spencer kam nur abends zu Eden. Dann schwieg das Telefon, die Ladentür war verschlossen und der letzte Kunde schon lange gegangen. Nur im Schaufenster schimmerte das Licht der Kühlanlage. Und die Blumen dufteten stärker.

Edens Blick glitt über die Sachen, die vor ihr auf dem Tisch lagen: Schaumstoff, Blumenband, feinmaschiger Draht, Bänder, Blumen. Sie griff nach einer blühenden Lilie und sah, dass ihre Hand zitterte. Wie albern! Als es leise an der Hintertür klopfte, schloss sie die Augen. Er kam immer durch die Hintertür. Sie hörte, wie sich die Klinke nach unten bewegte und die Tür aufschwang. Eden schloss nie ab. Die Hände auf die kühle Tischplatte gestützt, öffnete sie die Augen.

Noch ehe er die Tür aufmachte, spürte er die Frische, die sich so sehr von dem durchdringenden Geruch der Desinfektionsmittel im Operationssaal unterschied. Er war einer der geschätztesten Chirurgen des Stadtkrankenhauses von Tyler. Nachdem er eingetreten war, schloss er die Tür hinter sich und holte tief Luft. So ähnlich musste es im Paradies duften.

„Eden?“

„Doktor?“ Sie erschien im Türbogen des Hinterzimmers. In der Hand hielt sie eine langstielige Blume, die ihre Blütenblätter geschlossen hatte, als fürchtete sie, ihre Geheimnisse zu enthüllen.

„Komm herein!“ Mit der Blume in der Hand winkte sie ihn heran. „Ich binde gerade einen Strauß für das Schaufenster.“

Brady lächelte. Edens prachtvoll gestalteten Schaufenster waren legendär. Morgen würden die Leute staunend davor stehen bleiben, wie Kinder vor einer Konditorei.

Er folgte ihr. Die Bänder der dunklen Schürze hingen lose herab. Darunter trug sie ein leichtes Kleid, das ihre Hüften umschmeichelte. Irgendwie störte es Brady, dass er wie gebannt auf Edens verführerische Rundungen starrte.

Er blickte zur Seite. In Töpfen und Krügen standen Blumen in allen Formen und Farben. Draußen hatte der Frühling gerade erst begonnen, hier hörte er nie auf.

„Du möchtest wieder einen Strauß bestellen?“, unterbrach Eden das Schweigen. „Wer ist diesmal der nichts ahnende Empfänger?“

Er sah in ihr Gesicht. Keine Spur von Make-up. Ihr dunkles Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, wodurch die ausgeprägten Wangenknochen und die ungeschminkten, fein geschwungenen Lippen noch betont wurden. Sie trug eine Schürze über dem Kleid, das ihr bis an die schmalen Fesseln reichte. Pfefferminzgrüne Socken ringelten sich über den flachen Halbschuhen.

Sein Blick wanderte zurück zu ihren Händen, die im Gegensatz zu den Blumen blass wirkten. Ihre zierlichen Handgelenke strahlten eine Verletzlichkeit aus, die Eden jünger erscheinen ließ, als sie war. Zugleich ging eine Ruhe von ihr aus, die sie älter machte. Beides hielt ihn davon ab, mit ihr zu flirten. Dennoch verspürte er den Drang, sich hinzuhocken und ihr die Socken hochzuziehen.

Sie vertiefte sich erneut in ihre Arbeit, band grünes Zierkraut an ein dünnes Stöckchen, rückte es zurecht und fügte eine weiße Blume hinzu. Dann sah sie ihn wieder an.

Er blickte in ihre großen Augen. Sie waren das Auffälligste an ihr. Diese Augen faszinierten ihn. Die Farbe war wunderbar. Ein Violett, das nur schwer zu beschreiben war: dunkler als das Lila der Schwertlilie, aber heller als das tiefe Blau einer Traube. Es war eine Farbe, die ganz allein Eden gehörte.

Sie lächelte. „Oder hat sich das Blumen-Phantom etwa dazu entschlossen, seine Identität zu enthüllen?“

Das Blumen-Phantom. Gina Eber hatte in ihrer Kolumne im Tyler Citizen diesen Ausdruck geprägt, als sie über die anonymen Blumenlieferungen berichtet hatte. Außerdem hatte es noch andere Geschenke gegeben: Kleine motorisierte Jeeps, die krebskranke Kinder zur Chemotherapie fuhren.

Eden knipste ein Stück Draht ab. „Gina ist nämlich eine gute Freundin von mir. In letzter Zeit ist sie häufiger bei mir aufgetaucht.“ Fragend sah sie Brady an.

„Glaubst du, dass sie Bescheid weiß?“

„Ein oder zwei Mal hat sie davon angefangen.“ Eden band eine Schleife. „Ich habe ihr gesagt, dass es für mich so etwas wie ein Berufsgeheimnis gibt.“

Er registrierte den scherzhaften Unterton in ihrer Stimme. Fragend sah er sie an, und sie erwiderte seinen Blick. Dann wandte sie sich wieder den Blumen zu, deren Blüten bläulich violett schimmerten.

„Welche Farbe haben deine Augen?“

Sie wurde rot, was ihre Augenfarbe zu verändern schien. Es tat ihm Leid, dass er gefragt hatte. Er hatte sie nicht verlegen machen wollen.

„Die Leute sagen, dass sie violett sind.“ Sie senkte den Blick und beschäftigte sich wieder mit den Blumen.

Violett. Unwillkürlich musste er an den Mädchennamen denken – Violet –, den er seit seinem elften Lebensjahr nicht in den Mund nehmen durfte. Eines Tages würde ihm der Name vielleicht gleichgültig sein. Doch so weit war es noch lange nicht.

Er konzentrierte sich wieder auf Eden. „Deine Augen sind … irgendwie ungewöhnlich.“

Unsicher, ob das ein Kompliment oder eine Diagnose sein sollte, hob sie den Kopf. Sie wusste, dass sie weder schön noch hässlich war. Sie sah einfach normal aus. Bis auf ihre Augen.

„Was für einen Strauß möchtest du verschicken?“, kam sie wieder zum Geschäftlichen.

Er sah sich um: Eukalyptuszweige und Narzissen, Rittersporn und Osterglocken, die sich unter der Last ihrer ungeöffneten Knospen bogen.

„Ich möchte etwas Exotisches. Etwas Aufregendes.“

Erst als er sie forschend anblickte, kam ihr zu Bewusstsein, dass sie geseufzt hatte. Sie setzte ein strahlendes Lächeln auf. „Wollen wir das nicht alle?“

„Ja, kann sein.“ Er ging auf die Wandregale zu, in denen Vasen und verschiedene Krüge und Schalen aufgereiht waren.

Eden war seit ihrem achten Lebensjahr in Brady verliebt. Damals war sie auf dem Weg in den Park über den Bordstein gestolpert und hingefallen. Statt sie auszulachen wie die anderen Jungen, hatte er ihr beim Aufstehen geholfen und gefragt, ob alles in Ordnung sei. Schon damals, als er ihr Knie untersuchte, hatte er ernst und erwachsen gewirkt. Von dieser Sekunde an hatte sie ihr Herz an ihn verloren, auch wenn ihr der gesunde Menschenverstand sagte, dass ihre Träume nie in Erfüllung gehen würden.

Dann war er eines Abends vor einem Monat in ihren Blumenladen gekommen.

Er erkundigte sich nach einer Vase, und Eden ging zu ihm hinüber.

„Diese hier?“ Sie nahm die Vase aus dem Regal. „Sie hat eine schöne Form, nicht wahr? Wie gemacht für einen exotischen Strauß.“

Er nickte zustimmend.

„Diese aufregenden Blumen sind hoffentlich nicht für eine Patientin mit Herzproblemen oder hohem Blutdruck bestimmt?“, meinte sie scherzhaft. Immerhin waren sie Freunde. Und das musste genügen.

Er lächelte. Das tat er leider viel zu selten. Oft lagen tiefe Sorgenfalten auf seiner Stirn. Und zwischen den Augen hatten sich zwei tiefe Furchen eingegraben, so dass er ständig ernst wirkte. An manchen Abenden allerdings, wenn sie ein paar Scherze gemacht und angeregt mit ihm geplaudert hatte, glätteten sich diese Furchen.

„Diese Blumen sind nicht für eine Patientin.“

„Ach so.“ Mit der Vase in der Hand ging sie zum Arbeitstisch hinüber. Vielleicht für eine Frau? Warum nicht? Brady und seine Brüder ließen in Tyler wahrscheinlich mehr Frauenherzen höher schlagen als irgendein Schauspieler. Doch seine beiden Brüder waren jetzt verheiratet. Nur Brady war noch zu haben. Für Eden bestand kein Zweifel, dass seine Tage als Junggeselle gezählt waren, so gut, wie er aussah.

„Dann sind die Blumen wohl für eine Krankenschwester.“

„Für Cece Baron.“

„Cece Baron?“

„Du kennst doch Jeffs Frau.“

Natürlich. Eden kannte sie. Cece war die Oberschwester im Worthington House und mit Jeff, dem Chefarzt, verheiratet. Sie hatten sieben Jahre alte Zwillingstöchter.

„Glaubst du nicht, dass dein Chef sich Gedanken machen wird, wenn seine Frau Blumen von einem stillen Verehrer erhält?“

„Das hoffe ich doch!“

Sie runzelte die Stirn. „Du weißt aber, was du tust?“

„Absolut. Heute habe ich Cece in Jeffs Büro beobachtet. Während sie auf ihn wartete, sah sie sich ein Familienfoto an, das auf seinem Schreibtisch stand. Und dabei hat sie geweint.“

Edens Stirnrunzeln verstärkte sich.

„Als sie mich erblickte, setzte sie ein Lächeln auf. Doch sie wusste genau, dass ich sie beobachtet hatte. Also sagte sie achselzuckend, man könne eben nicht erwarten, alles unter einen Hut zu bringen: Jeffs Terminplan, ihre Arbeit und die Zwillinge. Es sei eben anders als früher.“

„Als früher?“

„Ja. So verrückt und voll glühender Leidenschaft, sagte sie. Du weißt schon, was ich meine.“ Brady redete wie ein Arzt.

Obwohl Eden nicht verstand, was er meinte, nickte sie.

„Schließlich hat mir Cece erzählt, dass Jeff und sie sich zum Lunch verabredet hatten, nur sie beide. Sie wollten etwas vom früheren Zauber in ihre Ehe zurückbringen. Eine dreiviertel Stunde hat sie auf ihn gewartet. Vor lauter Hektik hatte er ihre Verabredung schlicht vergessen. Allerdings musste ich ihr versprechen, Jeff nichts davon zu erzählen. Sie meinte, dass es ihn nur aufregen würde.“

Edens Gesichtszüge entspannten sich. „Aber sie hat dir nicht das Versprechen abgenommen, keinen anonymen Blumenstrauß zu schicken, den sie vielleicht für eine Entschuldigung ihres Mannes halten könnte?“

Brady lächelte etwas befangen, was sie unwiderstehlich fand. „Schicken wir doch Jeff auch einen. Das wird ihre Ehe wieder etwas aufregender machen.“

„Das ist eine schöne Idee“, meinte Eden.

„Natürlich ohne Absender.“

„Natürlich.“ Sie fragte sich, ob ihm jemals klar werden würde, dass seine Verletzlichkeit ihn nicht schwach, sondern menschlich machte.

„Du kannst dir sicher vorstellen, was es bedeuten würde, wenn der Chefarzt erführe, dass einer seiner Chirurgen den Cupido spielt.“

„Natürlich.“ Sie stimmte ihm immer zu. Das war Teil ihres Rituals.

Mit den forschen Schritten des Mannes, der alles im Griff hatte, durchquerte er den Laden. Vor der durchsichtigen Scheibe der Kühlanlage blieb er stehen und tippte auf das Glas. „Was sind das für weiße Blumen da hinten in der Ecke?“

„Das sind Calla-Lilien. Sie sind heute frisch hereingekommen. Schön, nicht wahr?“

„Sie sehen jedenfalls exotisch genug aus.“

„Oh ja. Mit ein paar Kamelien und Lorbeerzweigen bekommt man ein wunderschönes Bukett.“ Sie betrachtete die riesigen Blüten. „Auch mit weißen Tulpen sehen sie toll aus.“

Brady nickte. „Nimm eine große Schleife zur Verzierung“, sagte er mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. Man konnte seinem Tonfall entnehmen, dass er es gewohnt war, von seiner Umgebung einiges zu verlangen. Am meisten verlangt er aber wohl von sich selbst, dachte Eden.

„Ja, natürlich. Ich nehme immer eine große Schleife.“

„Gut.“ Zufrieden lächelte er. „Zieh den Betrag von meiner Karte ab.“

Das Geschäftliche war erledigt, und er wandte sich zum Gehen. Er war ein viel beschäftigter Mann. Viel zu beschäftigt, dachte Eden. Am ersten Abend war er länger geblieben, hatte ganz unwichtige Fragen gestellt. Es hatte so ausgesehen, als ob er mit jemandem sprechen müsste. Irgendwann würde sie ihn dazu überreden, sich mit ihr zu unterhalten. Bei einer Tasse Tee. Aber heute Abend nicht. Heute Abend war sie einfach nicht mutig genug. Ihr fehlte die innere Ruhe.

„Eden?“ Er drehte sich um und bemerkte gerade noch, dass sie ihn musterte.

„Ja?“ Sie senkte den Blick und tat so, als ob sie mit dem Blumenstrauß beschäftigt wäre.

„Danke.“

Sie sah ihn an.

„Du bist …“ Er räusperte sich. „Du bist toll.“ Damit drehte er sich um und verschwand durch den Türbogen.

Toll? Eden starrte auf den Durchgang. Dann ging ihr Blick zurück zu den Blumen auf dem Tisch. Um die Symmetrie zu wahren, drehte sie eine Pfingstrose nach links.

„Toll?“ Sie sprach zu den Blumen. Wie zur Bestätigung fiel der schwere Blütenkopf nach vorne.

„Hat er das auch zu der eleganten Blonden gesagt, mit der er vor ein paar Wochen zum Essen aus war? Und wie war das mit der langhaarigen Brünetten mit dem großen Busen, die ihn zwei Tage später im Restaurant mit Apfelkuchen fütterte? Ich nehme an, die war auch toll, oder?“

Die Blumen schwiegen, als wüssten sie genauso gut Bescheid wie sie selbst. Brady sah aus wie ein Filmstar, und bei seinem weltmännischen Auftreten und seinem Charme war es kein Wunder, dass nicht nur die Patienten des Stadtkrankenhauses von diesem fähigen Arzt behandelt werden wollten. Sein Erfolg bei allein stehenden Frauen war ebenso bekannt wie sein Ansehen als Arzt.

Doch Eden wusste, dass sie die Einzige war, mit der er das Geheimnis seiner guten Taten teilte. Bei diesem Gedanken musste sie lächeln. Brady gab ihr das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Sie war zwar nicht so schön und aufregend wie die Blumen, die er aussuchte, oder die Frauen, mit denen er ausging. Aber sie war diejenige, die eine Seite von Brady Spencer kannte, von der niemand etwas ahnte. Natürlich war es keine Liebe. Davon konnte überhaupt keine Rede sein. Aber es war besser als gar nichts.

Sie besprühte die Blumen und trug sie zu einem dekorierten Gestell im Schaufenster. „Machen Sie sich keine Sorgen, Dr. Spencer! Bei mir sind Ihre Geheimnisse gut aufgehoben.“

Toll? Brady ging durch die schmale Seitenstraße zwischen dem Blumenladen und dem Frisörsalon. Warum hatte er das gesagt? Der Ausdruck passte eigentlich gar nicht zu ihm, gehörte nicht in sein Vokabular. Als er auf die Hauptstraße einbog, ging er auf das Gebäude mit Eigentumswohnungen zu, wo er ein Apartment besaß.

Es musste an Eden liegen. An ihrer unschuldigen Art, ihrem offenen Lächeln. Er brauchte nur ihren Laden zu betreten, und schon war er in einer anderen Welt, fern von allen Alltagssorgen. Dann fühlte er sich um Jahre zurückversetzt. Hinter der Fassade des fähigen, weltgewandten Chirurgen war er wieder unsicher, verwirrt und liebebedürftig.

An der Ecke blieb er stehen, um die Straße zu überqueren. Vor seinem geistigen Auge sah er sich schon ruhelos in seiner praktisch eingerichteten Eigentumswohnung bis zum Morgengrauen auf und ab laufen. Sein Apartment lag unweit des Krankenhauses, und oft ging er den Weg zu Fuß, gleichgültig, wie das Wetter war. In diesem Jahr war der Frühling schon im März gekommen. Die Rekordwärme hatte den Schnee geschmolzen und die Menschen auf die Straßen gelockt.

Es kam kein Auto, aber er überquerte die Straße nicht. Seufzend wandte er sich beinah automatisch wieder in Richtung Krankenhaus. Vielleicht würde er ruhiger, wenn er die Krankenakten aufarbeitete.

Der Wachmann blickte auf, als sich die Doppelglastüren des Krankenhauses öffneten, und nickte Brady zu. „Ich dachte, Sie seien für heute fertig, Doktor.“

„Papierkram“, sagte Brady nur.

Wieder nickte der Wachmann. „Der Fluch des modernen Menschen.“

Am Ende des Ganges nahm Brady den Aufzug in den zweiten Stock, schob seine Schlüsselkarte in die Tür und betrat den Wartebereich. Er ging am Empfang, an Untersuchungsräumen und den Zimmern der anderen Ärzte vorbei, bis er in seinem Büro ankam. Auf einem Aktenschrank in der Ecke stapelten sich Karten und Papiere. Auf Drahtbügeln hingen weiße Laborjacken. Die Jalousien waren heruntergezogen. Unterhalb des einzigen Fensters stand ein Sofa, auf dem er sich noch nie ausgeruht hatte.

Er stellte seine Aktentasche ab und griff sich eine Hand voll Karteikarten. Dann setzte er sich an seinen Schreibtisch und nahm einen Minikassettenrekorder und einige Bleistifte und Kugelschreiber aus der Schublade.

Nachdenklich betrachtete er die Karten und holte tief Luft. Wieder nahm er den Geruch von Desinfektionsmitteln wahr.

Er hatte geglaubt, er würde sich an die Krankenhausatmosphäre gewöhnen. Doch das war nie geschehen. Jedes Mal war es aufs Neue ein Schock, einerlei ob in seinem Büro oder im Operationssaal. Die starken Gerüche, der lautlose Schnitt in Haut, das leichte Knacken von Knochen machten ihm Angst. Aber am meisten setzte ihm seine eigene Furcht zu, verletzbar zu sein und vielleicht die Kontrolle zu verlieren.

Er klappte eine Karte auf, sah sie sich jedoch nicht näher an, sondern dachte an den Blumenladen mit seinen lebendigen, frischen Farben. Plötzlich sehnte er sich nach der Ruhe, die dort herrschte. Es war nicht die unheimliche Stille des Krankenhauses, sondern ein Schweigen, das sich selbst genügte. So ruhig und friedlich musste es im Paradies sein, im Garten Eden.

Aus einer Laune heraus war er das erste Mal hingegangen. Es war im öden Monat Februar gewesen. Müde und frustriert hatte er sich auf dem Weg nach Hause gefragt, ob es nicht irgendwo eine Welt ohne Februar gebe. Er hatte über eine Patientin nachgedacht, die allein, alt und hinfällig war. Die Arthritis hatte ihr die Finger so gekrümmt, dass es für sie eine Riesenleistung bedeutete, eine Tasse zu halten.

Sie war mit einem Hüftbruch eingeliefert worden. Vorher hatte sie schon ein paar kleine Schlaganfälle gehabt. Sobald sich ein freies Bett für sie fand, war sie in ein Pflegeheim gekommen. Den ganzen Tag über hatte Brady an die alte Frau denken müssen, wie sie allein auf ihrem Bett saß und die Wände anstarrte, während ihr Tod immer näher rückte. Medizinisch war alles für sie getan worden. Dennoch wollte er noch mehr für sie tun. Einige wären sicher der Meinung gewesen, dass er schon genug tat: Er schrieb Rezepte, vernähte Wunden und hatte immer ein freundliches Lächeln bereit. Doch ihm reichte das nicht mehr.

An jenem Abend war er auf dem Weg vom Krankenhaus am Garden of Eden vorbeigekommen. Im Schaufenster standen Blumen in allen Farben: Die Palette reichte von schneeweiß über blasse Pastelltöne bis zu leuchtenden Sommerfarben und berauschend satten Tönen. Wie gebannt war er stehen geblieben. Ohne zu wissen, warum. Vielleicht waren es die roten Spitzen an den Blütenblättern der gelben Tulpen. Vielleicht war es lediglich die Fülle der Farben und das Leben, das sie ausstrahlten. Als er die Klinke herunterdrückte, hatte er sich gesagt, dass er sich nur kurz umsehen wolle. Die Tür war abgeschlossen gewesen, und er wollte gerade wieder gehen, als geöffnet wurde. Eden hatte ihn durch das Schaufenster gesehen und aufgeschlossen.

Schließlich hatte er im Garden of Eden gestanden. Die verlockenden Düfte erweckten in ihm eine tiefe Sehnsucht. Und Eden war da gewesen mit ihrer sanften Art und den außergewöhnlichen Augen. Und er, der sonst nie etwas preisgab, hatte ihr von der alten Frau erzählt, die allein in dem leeren Zimmer mit den grauen Wänden lag. Bevor er ging, hatte er für sie einen besonders schönen Strauß bestellt. Anonym. Hinterher hatte er sich so gut gefühlt wie nie.

Am nächsten Tag war er wieder in den Laden gegangen und hatte einen besonders großen Strauß ausgesucht. Dann jeden Tag wieder einen, bis sich das Zimmer der alten Frau immer mehr mit Blumen füllte und die anderen Patientinnen, Besucher und Schwestern staunend vor so viel Pracht stehen blieben.

Am Ende der Woche war die Frau gestorben – an Lungenentzündung. Aber Brady wusste, dass sie mit dem Gedanken gestorben war, dass jemand sie geschätzt hatte. Sie war nicht so gestorben wie seine Mutter, deren Lächeln die Menschen nicht mehr erreicht hatte, die es am meisten gebraucht hätten.

Nun kaufte Brady fast jeden zweiten Tag Blumen. Es gab immer jemanden, der allein, krank oder traurig war. Immer ohne Absender. Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, das Vertrauen seiner Patienten oder die Achtung der Ärzteschaft zu erschüttern, indem er sich als etwas anderes entpuppte als der vernünftige und selbstsichere Chirurg, den alle kannten. Schon im Alter von elf Jahren hatte er gelernt, seine Schwächen zu verbergen. Und das hatte er immer getan … bis er zu Eden gegangen war.

2. KAPITEL

Der Duft von Plätzchen, Lavendel und Rose hüllte Brady ein. Außerdem duftete es nach Sandelholz, Gardenien, Zimt und geschmolzenem Zucker. Eine wahre Sinfonie von Wohlgerüchen umgab ihn.

„Eden!“ Seine Stimme klang gedehnt.

„Hallo, Brady!“

Er blickte nach rechts, vorbei an der Spüle und den Regalen zur Treppe, die in den zweiten Stock führte. Auf dem Treppenabsatz begrüßten ihn zwei pelzige Hummeln mit wippenden Fühlern: Edens neckische Hausschuhe. Edens nackte Beine steckten darin. Brady ließ den Blick daran hinaufwandern zu den Shorts und dem weiten Baumwollhemd. Das Haar hatte Eden zurückgekämmt und im Nacken zusammengebunden. Zwei widerspenstige Strähnen standen in die Höhe wie Hasenohren, die kleine Kinder auf Fotos hinter den Köpfen anderer zu ...

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