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Du bist die Einzige für mich

1. Kapitel

 

"Kate, stell dir vor, was John uns heute Morgen erzählt hat, als du beim Zahnarzt warst. Die Firma ist verkauft worden. Morgen kommt der neue Besitzer, um mit den Mitarbeitern zu sprechen", verkündete Laura.

Mit der Neuigkeit musste Kate Vincent erst einmal zurechtkommen. Sie senkte die Lider mit den beneidenswert dichten dunklen Wimpern. Sie war erst seit sechs Monaten bei dem Unternehmen angestellt. Zuvor hatte sie nur stundenweise gearbeitet, weil sie noch studiert und ihr Examen gemacht hatte. Nach Abschluss des Studiums hatte sie sich um Stellen bewerben können, die früher für sie nicht infrage gekommen wären.

"Wer ist denn der neue Besitzer?" fragte sie und strich das lange kastanienbraune Haar nach hinten. Draußen war es ziemlich heiß, doch die Temperatur, die dank der Klimaanlage im Büro herrschte, empfand sie als sehr angenehm.

"Das wollte John nicht verraten", antwortete Laura. Sie beneidete Kate, die in dem weißen T-Shirt und dem braunen Leinenrock sehr elegant aussah, um ihre herrliche Figur. "Offenbar soll es bis morgen noch geheim gehalten werden. Wir hätten es uns denken können, dass John die Firma früher oder später verkauft. Er hat oft genug angedeutet, er würde sich gern zurückziehen. Aber ich habe nicht damit gerechnet, dass er es wirklich tun würde. Andererseits haben er und Sheila keine Kinder. Deshalb brauchen sie auf niemanden Rücksicht zu nehmen und können den Ruhestand in ihrem Haus in Miami genießen."

Kate hörte aufmerksam zu, während sie den Computer einschaltete. John Loames belieferte mit seinem Unternehmen Baufirmen mit Spezialausrüstungen und war bisher sehr erfolgreich gewesen. Doch ihr war aufgefallen, dass John in der letzten Zeit immer weniger Interesse daran gehabt hatte, sich um neue Kunden zu bemühen. Das fand sie schade, denn es hätte sich auf jeden Fall gelohnt. Dass John die Firma verkauft hatte, überraschte Kate eigentlich nicht.

"Alle sind beunruhigt und fragen sich, wie es weitergeht", fuhr Laura fort. "Keiner von uns will den Job verlieren."

"Es muss kein Nachteil sein, dass es einen neuen Besitzer gibt", wandte Kate ruhig ein. "Vielleicht will er das Unternehmen vergrößern und die Umsätze steigern, und dann ist mehr als genug Arbeit für uns alle da. Schlimmer wäre es natürlich, wenn der neue Inhaber aus derselben Branche kommt und Johns Firma nur schlucken will, um einen Konkurrenten loszuwerden."

"Oh, mal den Teufel nicht an die Wand." Laura war wirklich beunruhigt. "Roy und ich haben gerade erst eine neue Hypothek aufgenommen, um anzubauen. Wir möchten bald ein Kind haben und brauchen mehr Platz. Deshalb bin ich auf den Job angewiesen. John hat gesagt, alle Mitarbeiter sollten morgen um acht da sein. Offenbar kommt der neue Besitzer schon sehr früh."

"Um acht?" wiederholte Kate und runzelte die Stirn. "Bist du ganz sicher, dass John das angeordnet hat?"

"Ja."

Kate wurde blass. Sie konnte unmöglich um acht im Büro sein. Aber vor acht konnte sie ihren Sohn Oliver gar nicht in den Kindergarten bringen. So früh war dort noch niemand. Ihr verkrampfte sich der Magen.

Es war schon schwierig genug, als Mutter den ganzen Tag zu arbeiten. Aber für eine allein erziehende Mutter, die sich bemühte, dem Kind auch noch den Vater zu ersetzen, war es noch schwieriger. Hinzu kam, dass Kate ihrem Arbeitgeber die Existenz ihres Kindes verschwiegen hatte.

Laura spürte, wie angespannt Kate plötzlich war. "Was hast du?" fragte sie.

"Ach, nichts." Kate hatte auch mit ihren Kolleginnen und Kollegen nie über Ollie geredet. Sie wusste, wie problematisch es immer noch für Frauen mit Kindern war, eine gute Stelle zu bekommen. Deshalb hatte sie sich entschlossen, ihren Sohn nicht zu erwähnen. Während ihrer ersten Tage in der Firma hatte sie erfahren, dass John noch eine ziemlich veraltete Einstellung gegenüber berufstätigen Müttern mit kleinen Kindern hatte. Doch da ihr die Arbeit Spaß machte und John sehr zufrieden mit ihr war, hatte sie weiterhin ihr Kind nie erwähnt. Das hatte ihr natürlich schon viele schlaflose Nächte bereitet. Da sie von Natur aus ehrlich war, hatte sie ein schlechtes Gewissen. Um sich selbst etwas zu beruhigen, hatte sie sich eingeredet, für sie als allein erziehende Mutter sei es besonders wichtig, einen gut bezahlten Job zu haben, auf den sie schon ihrem Sohn zuliebe nicht verzichten durfte.

Sie war eine hoch qualifizierte Fachkraft und wollte es ihrem Sohn an nichts fehlen lassen. Er sollte nach Möglichkeit all das haben, was sein Vater ihm hätte bieten können.

Als Kate an Ollies Vater dachte, verspürte sie Verzweiflung und Zorn zugleich. Sie hatte das Gefühl, daran zu zerbrechen. Der Vater ihres Kindes hatte sie im Stich gelassen, und der Schmerz darüber saß noch sehr tief.

Aber sie gestand sich ein, dass es ihr und Oliver wahrscheinlich ohne ihn besser ging, wenn auch nicht in finanzieller Hinsicht. Ihr Gehalt reichte dafür aus, die Hypothek für das Cottage zu bezahlen, das sie sich in dem kleinen Ort einige Meilen außerhalb der Stadt gekauft hatte. Auch für Olivers Betreuung, für Lebensmittel und andere notwendige Anschaffungen reichte es. Sie konnte jedoch keine großen Sprünge machen.

Ihr war natürlich klar, dass ihr Sohn nach dem Kindergarten bei ihr am besten aufgehoben wäre. Doch das konnte sie sich finanziell nicht leisten.

Sie hatte gerade erst angefangen, sich eine Karriere aufzubauen, und war entschlossen, sich hochzuarbeiten. In zwei Jahren würde der Abteilungsleiter in den Ruhestand gehen. Kate hatte gehofft, sich um die Stelle bewerben zu können.

Bald würde sie fünfundzwanzig sein und Ollie fünf. Und genau fünf Jahre waren sie allein und ohne … Rasch verdrängte Kate die quälenden Gedanken. Sie wollte sich den mühsam errungenen Seelenfrieden nicht zerstören lassen.

Sie musste sich auf die Zukunft konzentrieren und die Vergangenheit vergessen. Durch die Übernahme der Firma konnten Kates Aufstiegschancen sinken. Es bestand aber auch die Möglichkeit, dass sie stiegen. Diese Gedanken gingen ihr durch den Kopf, während sie die grafischen Darstellungen auf dem Bildschirm betrachtete, die sie selbst entwickelt hatte.

 

Als Kate vor der offenen Tür der Kinderkrippe des kleinen Ortes stand, lief ihr Sohn ihr entgegen und strahlte übers ganze Gesicht. Liebevoll beugte sie sich zu ihm hinunter und umarmte ihn. Wie hart auch immer ich arbeiten und welche Opfer ich bringen muss, für Ollie tue ich alles, nahm sie sich wieder einmal fest vor.

Dann sah sie sich in dem leeren Raum um und runzelte leicht die Stirn. Sie hatte sich dafür entschieden, im Dorf zu leben, damit ihr Sohn eine schönere Kindheit hatte als sie. Da sie in der Stadt arbeitete, war sie täglich relativ lange unterwegs. Und das bedeutete, dass Ollie länger als die anderen Kinder darauf warten musste, abgeholt zu werden.

Es war nicht geplant gewesen, dass ihr Kind als Einzelkind bei ihr als allein erziehender Mutter aufwuchs. Sie hatte mehrere Kinder haben wollen und war davon überzeugt gewesen, dass ihr Mann denselben Wunsch hatte. Und sie hatte daran geglaubt, dass er sie liebte und begehrte.

Das alles war fünf Jahre her. Doch immer noch empfand sie tiefen Schmerz über die Untreue ihres Mannes und seine Zurückweisung. Er hatte ihr ewige Liebe und Treue geschworen und ihr immer wieder versichert, er hätte dieselben Träume und Ziele wie sie. Sie hatte ihm vertraut und ihn geliebt. Sie war völlig unerfahren und ziemlich naiv gewesen. Als er zum ersten Mal mit ihr geschlafen hatte, hatte er ihr zugeflüstert, er wünsche sich ein Kind mit ihr, und das Kind solle geliebt und behütet aufwachsen.

Aber er hatte sie belogen, ihr das Herz gebrochen und sie verlassen. Sie war enttäuscht und ernüchtert gewesen. Seinetwegen hatte sie sich mit ihrer Tante und ihrem Onkel, die sie großgezogen hatten, überworfen. Daraufhin hatten sie sie enterbt.

Kate hätte sowieso den beiden ihren Sohn nicht anvertraut. Sie hatten sie aufgenommen, als sie ihre Eltern verloren hatte, jedoch eher aus Pflichtgefühl als aus Liebe. Kate hatte die Liebe ihrer Eltern sehr vermisst.

"Ollie war schon beunruhigt", erklärte in dem Moment die Betreuerin leicht vorwurfsvoll.

"Es tut mir Leid, dass ich mich verspätet habe", entschuldigte Kate sich schuldbewusst. "Ich stand in einem Stau, der sich nach einem Unfall gebildet hatte."

Die etwas ältere Frau hatte schon Enkelkinder, und ihre Schützlinge liebten und respektierten sie. Immer wieder musste Kate sich von Ollie anhören, was Mary gesagt oder gemacht hatte.

Zehn Minuten später schloss sie die Tür zu ihrem Cottage auf, das mitten im Dorf stand. Hinter dem Haus hatte sie einen größeren Garten.

Ollie war ein kräftiger Junge mit gelocktem dunklem Haar, das er von seinem Vater geerbt hatte. Doch das wusste Ollie natürlich nicht.

Für Kate existierte dieser Mann nicht mehr, und er sollte keinen Platz in ihrem und dem Leben ihres Sohnes haben. Bis vor kurzem war Ollie damit zufrieden gewesen, dass er keinen Vater hatte. Das hatte sich leider geändert, denn George, sein neuer bester Freund, hatte natürlich einen Vater. Jetzt wollte Ollie mehr wissen. Mit den Antworten, die sie ihm gegeben hatte, hatte er sich vorerst begnügt. Doch Kate war aufgefallen, wie sehnsüchtig er zuschaute, wenn Tom Lawson mit seinem Sohn George spielte.

 

Sean Howard stieg aus seinem Mercedes und betrachtete sekundenlang das Gebäude, vor dem er geparkt hatte.

Sein eleganter Designeranzug saß perfekt. Er betonte seine breiten Schultern, und man ahnte, wie muskulös Seans Körper war. Er hatte sich seinen Lebensunterhalt jahrelang als Bauarbeiter verdient. Schon damals, als ungebildeter Teenager, hatte er sich geschworen, eines Tages selbst Anweisungen zu erteilen, statt sie zu befolgen.

Als Kind hatte er buchstäblich um das Essen kämpfen müssen. Seine Mutter hatte ihn verlassen, als er fünf gewesen war, und er war zu Pflegeeltern gekommen. Später verdiente er sich sein Geld auf Baustellen. Nachts lernte er, um sein BWL-Studium erfolgreich abzuschließen. An seinem einunddreißigsten Geburtstag verkaufte er das Bauunternehmen, das er aus dem Nichts aufgebaut hatte, mit hohem Gewinn. Er hätte sich zur Ruhe setzen und von dem Kapital leben können. Doch das lag ihm nicht. Ihm war klar, welches Potenzial in solchen Firmen wie Johns Unternehmen steckte. Deshalb hatte er sogleich zugegriffen, als sich die Gelegenheit zur Übernahme geboten hatte. Jetzt war er fünfunddreißig.

Er hatte große Pläne mit dem Unternehmen, das er gerade erst erworben hatte. Aber dafür war er auf Mitarbeiter angewiesen, die ehrgeizig, voller Energie und zuverlässig waren und sich begeistern ließen. An diesem Morgen würde er die Leute kennen lernen. Er würde sich in den nächsten Wochen persönlich mit jedem Einzelnen unterhalten und sich eine eigene Meinung bilden. So hatte er es immer gemacht. Erst nach den Gesprächen würde er die Personalakten durchlesen.

Sean war ein ungemein gut aussehender Mann. Die harten Linien um Nase und Mund, die von der Morgensonne betont wurden, verrieten, dass er ein entschlossener Mensch war und nur selten lächelte. Dass er eine starke erotische Ausstrahlung hatte, nahm er mit einem gewissen Zynismus hin. Als ihn eine junge Frau im Vorbeigehen bewundernd musterte, blitzte es in seinen blauen Augen spöttisch auf.

Seit er Millionär war, wurde er von schönen Frauen geradezu verfolgt. Ihm war jedoch klar, dass sie sich verächtlich abwenden würden, wenn sie alles über ihn, seine Kindheit und Jugend wüssten.

Er hatte einen weiten Weg zurückgelegt. Was wollte er als Nächstes erreichen? Er schloss den Wagen ab und ging auf das Gebäude zu.

 

Kate wurde immer nervöser, während sie im Stau darauf wartete, dass die Ampel endlich Grün zeigte.

Am Abend zuvor hatte sie ihren Stolz überwunden und Carol, ihre Freundin und die Mutter von Ollies bestem Freund, um Hilfe gebeten. Sie hatte Carol gefragt, ob sie Ollie ausnahmsweise ab halb acht beaufsichtigen und ihn mit ihrem Sohn George in den Kindergarten bringen würde. Natürlich war Carol einverstanden gewesen. Doch Kate gefiel es nicht, ihren Sohn einfach irgendwo abzugeben wie eine Ware.

Warum hatte der neue Firmeninhaber darauf bestanden, alle Mitarbeiter sollten um acht im Büro sein? War er rücksichtslos, oder handelte er nur gedankenlos? Jedenfalls verhieß es nichts Gutes für die zukünftige Zusammenarbeit.

Als es weiterging, sah sie, was den Stau verursacht hatte: Ein Wagen war mit einer Panne am Straßenrand liegen geblieben. Es war schon zehn nach acht, und sie brauchte mindestens noch zehn Minuten bis ins Büro.

 

Um halb neun eilte Kate in das Bürogebäude. Sie hoffte, ohne allzu sehr aufzufallen, in Johns Büro gelangen zu können, in dem sich alle versammelt hatten. Aber auf dem Flur kamen ihr schon die Kollegen und Kolleginnen entgegen.

"Du kommst zu spät", sagte Laura leise. "Was ist passiert?"

In Gegenwart der anderen wollte Kate nicht mit Laura reden. "Das erzähle ich dir später, sobald …" Sie verstummte und stand wie erstarrt da, als sie die beiden Männer erblickte, die als Letzte aus dem Raum kamen.

Der eine war John – der andere ihr Exmann.

"Erzähl es mir bitte jetzt!" forderte er sie kühl auf.

Die anderen sahen sie erstaunt an. Kate war schockiert und kämpfte gegen die aufsteigende Übelkeit an.

John stand mit gequälter Miene da. "Sean, ich glaube … Ich bin sicher, dass …", begann er unbehaglich.

Sean ignorierte ihn und forderte Kate auf: "Komm bitte herein." Er hielt ihr die Tür auf und ließ sie an sich vorbei in das Büro gehen. Sekundenlang begegneten sich ihre Blicke.

Mein Exmann ist der neue Besitzer, wie kann das Schicksal mir so einen Streich spielen? dachte sie deprimiert. Als Sean sie verlassen hatte, um mit seiner neuen Freundin zusammenzuleben, hatte Kate gehofft, ihn nie wiederzusehen. Sie hatte ihm alles gegeben, was eine Frau einem Mann geben konnte. Sie hatte sich ihrer Tante und ihrem Onkel gegenüber durchgesetzt, die gegen die Verbindung gewesen waren. Sie hatte ihn geliebt, ihm geholfen und ihn in schwierigen Situationen ermutigt. Offenbar war das nicht genug gewesen. Nach dem Erfolg, den er nicht zuletzt dank ihrer Hilfe erzielt hatte, war sie nicht mehr gut genug für Sean gewesen.

Sie befürchtete, jeden Moment anzufangen zu zittern, und hielt den Atem an. Niemals würde sie Sean gegenüber irgendeine Schwäche zeigen.

Allzu gut erinnerte sie sich an seinen harten, herausfordernden Blick. Bei der ersten Begegnung hatte er sie genauso angesehen und sie praktisch gezwungen, ihn zu beachten. Es würde sowieso niemand wagen, ihn zu ignorieren.

"Kate ist eine sehr qualifizierte Mitarbeiterin und …", wollte John sie verteidigen.

"Danke, John", unterbrach Sean ihn und ging in den Raum. Dann machte er die Tür hinter sich zu. Dass er John vor den Kopf stieß und ihn aus seinem eigenen Büro ausschloss, war Sean offenbar egal.

"Offenbar lässt du dich jetzt Kate nennen", stellte Sean fest. "Warum nicht mehr Kathy?"

Schmerzliche Erinnerungen wurden wach. Als sie sich kennen gelernt hatten, war sie noch Kathy gewesen. Er hatte sie spöttisch gefragt, ob sie sich zu fein sei, mit einem Mann wie ihm zu tanzen. Sie war auch noch Kathy gewesen, als er sie umarmt, geküsst und ihr gezeigt hatte … Rasch verdrängte sie diese Gedanken.

Entschlossen hob sie den Kopf und erwiderte kühl: "Diese Kathy bin ich schon lange nicht mehr, Sean. Sie hat aufgehört zu existieren, als du mich verlassen hast."

"Und wie lautet jetzt dein Familienname?" fragte er angespannt und bemühte sich, sich nicht anmerken zu lassen, wie schockiert er war. Ahnte sie, weshalb er so zornig war?

"Vincent, ich heiße jetzt Kate Vincent", antwortete sie kühl.

"Vincent?" wiederholte er.

"Ja. Es wäre dir sicher nicht recht gewesen, wenn ich deinen Namen behalten hätte, oder? Den Familiennamen meiner Tante und meines Onkels wollte ich nicht wieder annehmen. Sie haben mich genauso wenig geliebt wie du."

"Hast du etwa nur deshalb wieder geheiratet, um einen neuen Familiennamen zu bekommen?" Seine Stimme klang verächtlich. "Warum bist du zu spät gekommen?" wechselte er unvermittelt das Thema. "Wollte er dich nicht früher aus dem Bett lassen?"

Kate errötete vor Zorn, und in ihren Augen blitzte es ärgerlich auf. "Nur weil du …" Sie verstummte, denn Erinnerungen stürzten auf sie ein. Sean hatte sie jeden Morgen zärtlich und liebevoll geküsst, bis sie wach gewesen war. Und dann …

Sie versteifte sich. Sie durfte sich den Erinnerungen nicht hingeben. Viel wichtiger war, dass sie nicht vergaß, was Sean ihr angetan hatte. Er hatte die Liebe, die sie für ihn empfunden hatte, brutal und absichtlich zerstört. Kate war froh, dass er glaubte, sie wäre mit einem anderen Mann zusammen. Hatte er etwa die Frau geheiratet, deretwegen er sie, Kate, verlassen hatte?

In dem Moment läutete sein Handy, und er nahm den Anruf entgegen. Dann runzelte er die Stirn und forderte Kate mit einer Handbewegung auf, das Büro zu verlassen.

Beim Hinausgehen hörte sie eine weibliche Stimme sagen: "Sean, mein Liebling …"

Kate hatte schon den halben Schreibtisch ausgeräumt, als Laura hereinkam.

"Was machst du da?" fragte sie.

"Wonach sieht es wohl aus?" erwiderte Kate angespannt.

"Willst du gehen?" Laura war schockiert. "Hat er dir etwa gekündigt, nur weil du zu spät gekommen bist?"

Kate lächelte leicht verbittert. "Nein, das hat er nicht getan. Aber ich möchte ihm zuvorkommen."

"O nein, Kate", protestierte Laura. "Mir ist klar, dass es keinen guten Eindruck gemacht hat, doch …" Sie biss sich auf die Lippe.

Kate spürte, wie unbehaglich sich ihre Kollegin plötzlich fühlte. "Was ist los, Laura?"

"Mir ist etwas eingefallen, was vielleicht gar nichts zu bedeuten hat. Aber Sean hat John gefragt, wo du seist", berichtete Laura zögernd. "Er hat bestimmt Verständnis für alles, Kate. Er ist ein Schatz und sehr attraktiv."

Am liebsten hätte Kate laut gelacht. Sean war alles Mögliche, aber ein Schatz war er ganz sicher nicht. Das war er auch nicht gewesen, als sie sich kennen gelernt hatten. Damals war er hart, rau und grob gewesen. Und er hatte genau gewusst, wie man eine junge, unerfahrene Frau verführte.

Sie errötete, als ihr bewusst wurde, in welche Richtung ihre Gedanken wanderten. Rasch schaltete sie den Computer ein.

"Oh, du hast es dir anders überlegt", stellte Laura erleichtert fest. "Das freut mich."

Kate schüttelte jedoch den Kopf. "Nein. Ich schreibe nur die Kündigung."

"O Kate!" Laura sah sie bestürzt an.

Nachdem Kate den Brief hatte ausdrucken lassen, unterschrieb sie ihn, steckte ihn in ein Kuvert, beschriftete es und legte es zu der Ausgangspost. Dann stand sie auf und durchquerte den Raum.

"Was hast du jetzt vor?" fragte Laura beunruhigt.

"Ich habe meine Kündigung geschrieben und verlasse die Firma", erwiderte Kate geduldig.

"Kate, du kannst doch nicht einfach so verschwinden, ohne jemanden zu informieren", wandte Laura ein.

"Und ob ich das kann." Kate ging ruhig an ihr vorbei zur Tür. Dass ihre Gefühle in Aufruhr geraten waren, ahnte Laura glücklicherweise nicht.

 

Kathy arbeitet hier, dachte Sean, nachdem das Gespräch mit der Frau seines Steuerberaters beendet war. Sie hatte ihn zu einer Party eingeladen, aber Sean hatte die Einladung abgelehnt. Er verzog verbittert die Lippen. Ehe er Kathy kennen gelernt hatte, hatte er noch nicht einmal gewusst, in welcher Reihenfolge man beim Essen die Bestecke benutzte. Kathy hatte ihm sehr behutsam gute Umgangsformen beigebracht und ihm sanft die rauen Seiten abgeschliffen. Und er …

Er stellte sich ans Fenster und blickte hinaus. Absichtlich hatte er sich nach der Scheidung nicht darum gekümmert, herauszufinden, was sie machte und wo sie lebte. Das wäre sinnlos gewesen. Er hatte ihr eine großzügige Abfindung gezahlt, die sie jedoch nicht angenommen, sondern an seinen Rechtsanwalt zurücküberwiesen hatte. Wen hatte sie geheiratet? Und wann hatte sie wieder geheiratet?

Schließlich setzte er sich an den Schreibtisch und vertiefte sich in die Personalakten.

2. Kapitel

 

Als Kate aus dem Wagen stieg, zitterte sie am ganzen Körper. Sie gestand sich ein, dass sie gar nicht hätte fahren dürfen, und wusste nicht, wie sie es überhaupt geschafft hatte, nach Hause zu kommen. Alle möglichen Erinnerungen waren wach geworden. Nicht nur Zorn und Ärger waren in ihr aufgestiegen, sie war auch immer wieder in Panik geraten.

"Kate!" Carol, ihre Nachbarin und Freundin, lief ihr entgegen. "Weshalb bist du heute so früh dran? Ist das Gespräch mit deinem neuen Chef so gut verlaufen, dass er dir den restlichen Tag freigegeben hat?"

Kate versuchte zu lächeln und eine humorvolle Antwort zu geben. Doch zu ihrem Entsetzen drohten ihre Gefühle sie zu überwältigen. "Ich habe gekündigt", erklärte sie leise. "Das … musste ich tun, denn … mein neuer Chef ist mein Exmann." Tränen traten ihr in die Augen, und sie zitterte heftig. Wahrscheinlich stehe ich immer noch unter Schock, dachte sie und fühlte sich wie betäubt.

"Komm, wir gehen ins Haus." Carols Stimme drang wie aus weiter Ferne zu ihr. "Dann kannst du mir alles erzählen."

 

Nachdem Carol Kaffee gemacht und ruhig über neutrale Themen geplaudert hatte, stellte sie zwei Becher auf den Tisch und setzte sich neben Kate. "Ich will nicht neugierig sein, Kate. Doch wenn du es dir von der Seele reden willst, höre ich dir gern zu. Ich verspreche dir, ich werde mit niemandem darüber sprechen." Als Kate den Becher Kaffee umfasste und nur schweigend dasaß, fügte Carol hinzu: "Auch nicht mit Tom, wenn dir das lieber ist."

Kate drehte sich zu ihr und atmete tief ein. "Mit achtzehn habe ich Sean kennen gelernt", begann sie langsam und schmerzerfüllt. "Er hat den Anbau am Haus der Nachbarn meines Onkels und meiner Tante gebaut. Es war ein heißer Sommer, und er hatte außer alten, engen Jeans nichts an."

"Oh, ich kann mir gut vorstellen, wie sexy er gewirkt hat." Carol lächelte ermutigend. Zu ihrer Erleichterung erwiderte Kate das Lächeln.

"Ich habe immer einen Umweg gemacht, um ihn sehen zu können", gab Kate zu. "Natürlich habe ich nicht damit gerechnet, dass er mich bemerkte. Aber eines Abends hat er mich im Club des Ortes zum Tanz aufgefordert. Als ich ihn so vor mir stehen sah, war ich richtig eingeschüchtert." Kate zuckte die Schultern. "Als völlig unerfahrene Achtzehnjährige war ich von seiner sinnlichen Ausstrahlung überwältigt. Dummerweise hat er geglaubt, ich wollte nicht mit ihm tanzen." Sie schüttelte den Kopf. "Damals wusste ich noch nicht, dass er eine genauso unglückliche und einsame Kindheit hatte wie ich. Deshalb war er sehr verletzlich und entschlossen, Erfolg zu haben. Jetzt ist mir klar, dass es in gewisser Weise auch eine Herausforderung für ihn war, weil ich aus anderen Verhältnissen kam. Eine Zeit lang war ich gut genug für ihn, und wir haben geheiratet. Doch nachdem er immer erfolgreicher wurde, hatte er wahrscheinlich das Gefühl, mit so viel Geld könnte er jede andere Frau haben, die er haben wollte."

"Du hast ihn sehr geliebt, stimmt's?" fragte Carol.

Kate sah sie ihn. "Ja, das habe ich. Ich habe ihn von ganzem Herzen und geradezu abgöttisch geliebt. Jetzt weiß ich, wie dumm und naiv ich war. Ich habe geglaubt, er würde mich genauso sehr lieben wie ich ihn."

"O Kate."

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