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Du bist der Einzige, Nick

PROLOG

Unwillkürlich schrie er auf. Die Sea Eagle schlug mit voller Wucht gegen die turmhohe Wasserwand, durchbrach die sich überschlagende Schaumkrone und stürzte in den gähnenden Abgrund hinab. Wie ein Wasserfall ergoss sich die aufgewühlte See über das Teakdeck. Ein vernünftiger Mensch hätte sich bei diesem Wetter niemals aufs Meer hinausgewagt, aber er war schon lange nicht mehr vernünftig. Im Grunde genommen seit über zwanzig Jahren nicht mehr. Nach den scheußlichen Ereignissen des vergangenen Jahres hatten die Sturmböen und die brandenden Wasserwände auf ihn eine reinigende Wirkung und wuschen die Schmach der Niederlage von ihm ab.

Der tropische Zyklon Reva hatte ihn auf Kurs gebracht. Unablässig hämmerte der Monsunhurrikan, der die Korallensee peitschte, gegen Nordqueensland und die gesamte Ostküste. Er hatte die Entscheidung vor zwei Tagen getroffen, während er sich im Bad seiner Firmensuite im Spiegel betrachtete. Schrecklich hatte er ausgesehen, die Haut aufgedunsen, die Augen stumpf. Das einstmals lockige Haar klebte ihm schlaff und glanzlos am schmerzenden Kopf. Er hatte nie viel getrunken, doch in den letzten Monaten hatte er Whiskey wie Wasser in sich hineingeschüttet, ohne Rücksicht auf seine Gesundheit.

Früher hatten sie ihn Supermann genannt. Den Industriekapitän, dessen verrückteste und gewagteste Unternehmungen stets erfolgreich waren. Jetzt war er fertig, gebrochen, entehrt. Auf dem Weg ins Gefängnis, wenn er so dumm war, darauf zu warten. Vom kometenhaften Überflieger war nichts mehr übrig. Er war ein Krimineller, der es geschafft hatte, ein Firmenimperium weitgehend zu ruinieren. Aber eigentlich hatte er immer gewusst, dass es so kommen würde. Selbst als er ganz oben gewesen war, hatte er sich nie sicher gefühlt. Das lag an seiner Kindheit, die die Hölle gewesen war, an dem Vater, der ihn bis zu seinem sechzehnten Geburtstag immer wieder erbarmungslos verprügelt hatte. An dem Tag hatte er erkannt, dass er zu allem fähig war – selbst zu Mord.

Jetzt war er sechsundfünfzig. Und er hatte nicht den leisesten Wunsch, siebenundfünfzig zu werden, selbst wenn es ihm irgendwie gelungen wäre, sich aus dem Schlamassel zu befreien. Die Sea Eagle würde ihn dorthin bringen, wohin er wollte.

Einen Moment lang schloss er die Augen. Als er sie wieder öffnete, sah er eine neue Schreckensvision vor sich.

Natalie!

Sie stand nur wenige Schritte von ihm entfernt. Ihre Augen, die zu Lebzeiten so unvergleichlich schön gewesen waren, wirkten wie leere Höhlen, das einst atemberaubende rotgoldene Haar schimmerte weißlich, wie von einem schaurigen Brautschleier bedeckt. Sie trug etwas Hauchdünnes, Leichtes, er konnte richtig durch sie hindurchsehen. Nein, sie war kein Geist, das wusste er, nur eine Ausgeburt seiner verwirrten Fantasie. Natalie, die Erscheinung, die ihn erbarmungslos verfolgte. Sie war zurückgekommen, um Zeugin seines Todes zu werden. Er hatte immer gewusst, dass sie es tun würde.

Nur Natalie hatte ihm je etwas bedeutet. Das verstanden die Leute nicht. Sein spektakulärer Erfolg beruhte auf einer grausigen Tat. Nie würde er rückgängig machen können, was an jenem schrecklichen Tag geschehen war. Nie würde er das dunkle Geheimnis einem Menschen anvertrauen können. Er konnte nur versuchen, die Hölle zu ändern, in die er hinabgestiegen war. Wie ein Pferd hatte er geschuftet, um Erleichterung zu finden. Jahrelang. Rund um die Uhr. Oft zu verängstigt, um die Augen zu schließen.

Und sein Kind? Camilla? Er konnte es nicht ertragen, es anzusehen. Die Leute hatten es als Trauer ausgelegt. Nur er wusste, dass die Augen des Kindes, die denen Natalies so unglaublich glichen, ihn anklagten, ein Mörder zu sein. Das konnte er nicht ertragen. Doch er hatte für Camilla gesorgt. Seiner Meinung nach sogar überreichlich. Sie hatte alles gehabt. Teure Kleider. Die besten Schulen. Für die Welt war er ein Vater, der seine Tochter vergötterte. Nur wenige hatten die wahre Geschichte gekannt, und sie würden nicht reden.

Lediglich Lombard und seine Kumpane hatten es gewagt, ihn offen anzugreifen. Und schließlich hatten sie ihn zu Tode gehetzt, ihn wie eine Meute Bluthunde niedergerissen. Hatte er nicht immer gewusst, sich stets davor gefürchtet, dass es so kommen würde?

Natalie war seine Traumfrau gewesen. Er hatte sie so verzweifelt begehrt wie nichts auf der Welt. Sie ihrer Familie, ihren Freunden, dem Schwachkopf wegzunehmen, der sie geliebt hatte, war die größte Herausforderung seines Lebens gewesen. Meisterhaft hatte er alles gehandhabt. Alles aus Liebe. Ein rücksichtsloser Fiesling war er gewesen. Dennoch hatte er nichts mehr gewollt, als mit ihr zusammen zu sein. Er war von dieser Frau besessen gewesen.

Das Meer hämmerte gegen den Stahlrumpf der Sea Eagle. Die Wogen türmten sich jetzt so hoch, dass er fast damit rechnen musste, sie würden das Schiff zerschmettern. Ohne den Whiskey wäre er jetzt erfroren. Er griff nach unten und packte die Flasche. Nur mühsam gelang es ihm, sie an den Mund zu führen. Betrunken, wie er war, erwischte er nur einen Schluck, das meiste rann ihm übers Kinn, ehe ihm der Sturm die Flasche aus den blutenden Fingern riss und sie in die aufgepeitschten Fluten schleuderte.

Sein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen. Es war Zeit. Doch das war ihm egal. Das Schlimmste, was ihm passieren konnte, hatte ihn schon vor Jahren getroffen. Die Sea Eagle hob sich über den nächsten Wellenkamm. Er ließ das Steuer los, sodass das Schiff ungezügelt auf Natalie zuschoss, als wollte er sie erneut zerstören. Er hatte ein Recht dazu. Sie war immer noch seine Frau.

Genau in dem Augenblick, als er sie erreichte, verschwand die Erscheinung. Seine Arme griffen ins Leere.

Er spürte endlose Liebe und Trostlosigkeit, eine Fortsetzung der Trauer, die ihn seit über zwanzig Jahren erfüllte. Für ihn gab es keine Erlösung. Natalie war ihm entkommen, genau wie an jenem schrecklichen Tag, als er den letzten Rest seines Verstandes verloren hatte. Es galt nur noch, den Schlussakt des Dramas zu Ende zu bringen.

Tosende Wassermassen ergossen sich über das Deck und schleuderten ihn auf die Knie. Er glitt auf die Planken, machte nicht den geringsten Versuch, irgendwo Halt zu finden. Es ging nur noch darum, zu wissen, wann er sich geschlagen geben musste. So ließ er sich von den wirbelnden schwarzen Strudeln mitreißen. Das Meer und die Fische konnten ihn haben.

1. KAPITEL

Im Herrenhaus der Guilfords war der Menschenandrang so groß, dass Camilla sich zu fragen begann, ob die Leute die Gemälde tatsächlich zu sehen bekommen würden. Denn deswegen waren sie ja gekommen, die Sammler, die Damen der Gesellschaft, die Presse, die Kunstwelt, um eine Vorschau auf die international anerkannte Kunstsammlung ihres Vaters zu erhalten, die in Kürze versteigert werden sollte. Erst die Kunstwerke, dann die Antiquitäten und schließlich das Haus, ein prächtiger neoklassizistischer Bau, den Harry Guilford am Ufer des Hafens von Sydney hatte errichten lassen, der als der schönste der Welt galt.

Das Herrenhaus war der ganze Stolz der Familie, doch nichts im Vergleich zu dem Firmenimperium, über das Camillas Vater einst geherrscht hatte. Viele Jahre hatte er an seiner Spitze gestanden und alle anderen überragt. Wie Supermann, der alles, was er anfasste, zu Gold machte. Kein Wunder, dass selbst seine zahlreichen Feinde nicht glauben konnten, dass er alles verloren hatte. Fast eine Milliarde Dollar, verpufft wie Rauch.

Viele waren auch jetzt noch überzeugt, dass er seinen Selbstmord auf hoher See nur vorgetäuscht hatte, um wie der berüchtigte Lord Lucan unterzutauchen. Trümmerstücke seiner Jacht, der Sea Eagle, waren gefunden worden, Harrys Leiche allerdings nie. Sie lag auf dem Meeresgrund. Ebenso gut könnte Guilford jedoch auch in Argentinien sein, meinten die Zweifler.

Camilla und die wenigen, die Harry nahegestanden hatten, glaubten an seinen Selbstmord. Das passte zu ihm – auch die Art, wie er es getan hatte. Keine Nachricht für seine Tochter. Kein Wort der Trauer oder des Bedauerns. Kein Geheimkonto in der Schweiz. Keine versteckten Ersparnisse, nur traurige Berühmtheit und ein erdrückender Schuldenberg. Seit der Unglücksnacht war aus Camilla, der reichen Erbin, der glücklichen Verlobten eines gut aussehenden jungen Geschäftsmannes, eine Frau geworden, der nur noch ihre Jugend, ihre Gesundheit und Intelligenz sowie die legendäre Schönheit ihrer auf tragische Weise umgekommenen Mutter geblieben waren.

Dennoch bewegte sich die junge Frau im trägerlosen apfelgrünen Chiffonkleid selbstsicher in der Menge. Es war ihre Aufgabe, die Gäste zu begrüßen, sie miteinander bekannt zu machen, herumzugehen und Auskünfte über die Sammlung zu geben, die sie nur zu gut kannte. Sie war damit aufgewachsen, hatte sich im Lauf der Jahre sogar einen gewissen Ruf als Kunstkennerin erworben. Aber natürlich war da stets Claude Janson gewesen, der bekannte Kunstkritiker, -händler und Autor, der ihr bei allem wie ein Onkel und Mentor zur Seite gestanden hatte. Claude war an diesem Abend ebenfalls da, als Treuhandverwalter der Bankrottmasse. Und auch Bruce Barnard, der Seniorpartner der Wirtschaftsprüferfirma Brooks Barnard. Alle Gemälde waren mit Mindestpreisen versehen, doch Bruce hatte das letzte Wort. Camilla war froh, dass er so ein netter Mann war, der sie höflich und rücksichtsvoll behandelte. Was weitaus nicht alle taten. Viele wollten sich an dem Namen Guilford rächen. Obwohl sie an der Entwicklung der Dinge unschuldig war, hatte Camilla das bereits erfahren müssen.

Von der Galerie im ersten Geschoss aus verfolgte sie, wie Philip Garner, ihr Exverlobter, erschien, den Arm locker um Robyn Mastermans Taille gelegt. Durchs geöffnete Eingangsportal bahnten sie sich einen Weg in die weiße Marmorhalle mit der dreigeschossigen Rotunde, deren Kuppel dem Dom von Florenz nachempfunden war. Philip, der sich im Haus bestens auskannte, blickte nach oben und machte seine gelangweilt dreinblickende Begleiterin auf Einzelheiten der Kuppel aufmerksam.

Wo kann ich mich verstecken, dachte Camilla. Doch hier gab es für sie nirgends einen Zufluchtsort.

Viele Gäste auf der Galerie waren bereits an die Balustrade getreten, um das Schauspiel zu genießen. Es war wie der große Auftritt in einem Theaterstück. Und es tröstete Camilla nur wenig, dass die alte Garde der Gesellschaft sich missbilligend abwandte. Am liebsten hätte sie die beiden aus dem Haus gewiesen, stattdessen atmete sie tief durch und wandte sich ab.

Ein vornehm wirkendes Paar kam auf Camilla zu. Es schien bemerkt zu haben, dass sie in diesem schrecklichen Augenblick Hilfe brauchte. Sir Marcus Kershaw war Richter am Obersten Gerichtshof, seine Frau Julia, eine gut aussehende Frau mit bemerkenswerten Augen und stahlgrauem Haar, war eine brillante Anwältin und Verfechterin der Frauenrechte. Ihnen war nicht entgangen, dass sich mit dem Auftritt des jungen Paares eine gespannte Atmosphäre unter den Anwesenden verbreitete.

Lady Kershaw nahm Camillas Arm und drückte ihn leicht. “Unmögliche Leute! Kopf hoch, meine Liebe. Etwas anderes bleibt Ihnen gar nicht übrig.”

So ermutigt, hielt Camilla sich tapfer. Jetzt war nicht der richtige Augenblick, schockiert zu sein. Das würde später kommen, wenn sie allein war. Nicht alle waren so freundlich wie die Kershaws. Eine große, in Chiffon gehüllte Frau begann, den Wert der Gemälde lautstark anzuzweifeln, sodass die Gäste abgelenkt wurden. Vor einem Charles Conder in leuchtenden Farben blieb sie stehen und begutachtete die Signatur des berühmten Malers kritisch durch ein Vergrößerungsglas. Schließlich wusste jeder, dass Harry Guilford ein notorischer Schwindler gewesen war.

Lady Kershaw machte eine ironische Bemerkung, und gegen ihren Willen musste Camilla lachen.

Bald kamen andere Gäste zu ihnen herüber, weltgewandte Leute, die es verstanden, die peinliche Situation zu überspielen.

Es geht vorbei, dachte Camilla. Ich muss nur durchhalten.

Doch wo blieb Linda? Sie brauchte sie dringend. Linda war mit Stephen Carghill verheiratet und erwartete ihr erstes Kind. Seit der Internatszeit war sie Camillas beste Freundin. Linda wusste besser als jeder andere, wie fürchterlich ihr an diesem Abend zumute war. Diesmal hatte selbst Linda sich geirrt. Sie war überzeugt gewesen, weder Philip noch Robyn würde so unverfroren sein, heute hier aufzutauchen. Doch Robyn ließ sich nicht so leicht beirren. Sie genoss es, Skalpe zu sammeln und sich damit zu brüsten. Möglichst direkt vor den Augen des Verlierers.

Erneut riskierte Camilla einen Blick nach unten. Das Paar bewegte sich auf die breite, geschwungene Treppe mit dem ebenholzfarbenen schmiedeeisernen Geländer zu und begrüßte links und rechts Gäste. Es war nicht zu übersehen, dass Robyn die Situation genoss.

Es folgte ein Blitzlichtgewitter, und das Paar, das für solche Auftritte lebte, schien sichtlich entzückt. Robyn, eine dramatisch gestylte Rothaarige, trug ein langes rotes paillettenübersätes Kreppkleid mit Spaghettiträgern, dessen Rock an einer Seite bis zur Hüfte geschlitzt war. Camilla erkannte, dass es sich um ein sündhaft teures Originalmodell von Valentino handelte. Dazu trug Robyn ein funkelndes Diamanthalsband und ausgefallene Ohrgehänge, die ihr kaskadenartig bis fast auf die Schultern fielen. Ihr Haar war streng zu einem französischen Zopf geflochten, der ihr hohlwangiges Gesicht unterstrich.

Erst jetzt wagte Camilla es, Philip zu betrachten. Einst war sie völlig vernarrt in ihn gewesen. Es schmerzte, zu erkennen, dass sie sich da nur verzweifelt etwas vorgemacht hatte. Inzwischen wusste sie, wie Philip wirklich war.

Im dunklen Abendanzug sah er blendend aus – mittelgroß, schlanke Gestalt, sehr elegant. Das Licht ließ sein blondes Haar schimmern, die leuchtend blauen Augen noch eindrucksvoller erscheinen. Er wirkte wie ein Aristokrat. Das war seine Tarnung.

Philip, dachte Camilla ernüchtert. Über Nacht hatte er sie verlassen, war buchstäblich davongelaufen.

Es war Philip leichtgefallen, sie zu erobern. Nachdem sie ihr Leben lang nach Liebe gehungert hatte, war da endlich jemand gewesen, der sich zu ihr bekannte.

Während Robyn die Situation unübersehbar genoss, wirkte Philip etwas nervös. Camilla beobachtete ihn. Was erwartete er? Dass sie zu ihm stürzte und ihn mit Vorwürfen überschüttete? Sie dachte nicht daran.

Sie war die Eisprinzessin. Die australische Erbin. So hatte die Presse sie getauft, und das Etikett haftete ihr an. Selbst jetzt noch.

Kurz nach dem Tod ihres Vaters war Philip zu ihr gekommen und hatte sie getröstet, um ihr dann behutsam klarzumachen, dass sie mehr verdiene, als er ihr bieten könne. In diesem Moment hatte sie, die sonst gegen jede Gewalt war, mit der beringten Hand ausgeholt und seine schöne gerade Nase getroffen.

Camilla lächelte verbittert. Letztlich hatte Philip sie nur des Geldes wegen heiraten wollen.

Linda erschien und riss sie aus ihren düsteren Überlegungen.

“Hast du sie gesehen?”, flüsterte die zierliche Brünette und sah Camilla besorgt an.

“Wer hätte das nicht?”, erwiderte Camilla spöttisch.

“Haben die beiden denn kein Taktgefühl?”

“Offenbar nicht.”

“Gleich sind sie bei uns”, warnte Linda.

“Ich werde mich nicht verstecken.”

“Er war nicht gut genug für dich”, sagte Linda und spürte, wie sie sich erneut ärgerte. “Er ist ein Schwindler. Das war er immer.”

“Ich wünschte, ich hätte ihn gleich zu Anfang durchschaut.” Camilla versuchte, das Thema zu wechseln. “Das Kleid steht dir fantastisch.”

Linda blickte an ihrem kostbaren gold-blauen Sari herunter und lächelte. “Ein Geistesblitz. Genau das Richtige für eine Schwangere. Aber lenk mich nicht ab, Milly. Diesmal sind Philip und Robyn zu weit gegangen. Es macht mich wahnsinnig, dass du ausgerechnet auf ihn reingefallen bist. Dabei hättest du jeden haben können. Wieso Philip?”

Seufzend sagte Camilla: “Weil ich meiner selbst nicht sicher war. Ich brauchte jemanden, der mich liebt, und dachte, er täte es.”

“Er hat dich geliebt, falls er dazu überhaupt fähig war.”

“Mich und mein Vermögen. Vor allem Letzteres.”

“Wahrscheinlich”, musste Linda zugeben. “Komisch … Harry schien mit ihm einverstanden gewesen zu sein.”

“Ich glaube, es war ihm egal, solange er glaubte, alles unter Kontrolle zu haben.” Camilla lächelte traurig. “Außerdem standen mein Vater und ich uns nie sehr nah. Harry hat mich nicht gewollt, aber ich war nun mal da. Und was Philip betrifft, er hat mir nichts vorgemacht. Das habe ich selbst getan.”

Eine halbe Stunde später waren alle Namen auf der Gästeliste abgehakt. In der Eingangshalle, auf der Galerie und in den prächtigen, von schweren Kristalllüstern erhellten Empfangsräumen drängten sich die Leute.

Viele waren schon zahllose Male am Herrenhaus der Guilfords vorbeigekommen, doch nur wenige waren dort eingeladen gewesen. Bei Harry Guilfords Millionen hätte man erwarten können, der Hausherr würde seinen Reichtum protzig zur Schau stellen. Das Gegenteil war der Fall. Die Räume waren bemerkenswert zurückhaltend und in erlesen klassischem Stil eingerichtet.

Viele vermuteten dahinter einen führenden Innenarchitekten, doch die Ausgestaltung war Camillas Werk. Ihr Vater hatte ihr freie Hand gelassen. So etwas war Frauensache.

Doch jetzt war Harry tot und die Regelung seines Nachlasses eine schmerzliche Aufgabe. Von jeher hatte Camilla unter seiner Zurückweisung gelitten. Er hatte sich einfach nicht für sie interessiert. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn er einen Sohn gehabt hätte.

Es war ein leitender Angestellter gewesen, der Harry schließlich geraten hatte, Camilla einen Posten in seinem Firmenimperium zu übertragen. Daraufhin war sie aufgeblüht und hatte gehofft, ihr Vater würde sie nun endlich anerkennen.

Doch er hatte es nicht getan. Und jetzt konnte er es nicht mehr. Niemand außer seiner Frau hatte ihm etwas bedeutet. Natalie. Camillas Mutter.

Sie war gestorben, als Camilla sechs war – kein Baby mehr, aber ein Kind, das verzweifelt trauerte. Die tragische Geschichte erschütterte sie selbst jetzt noch. Natalie Guilford war ertrunken, nachdem sie auf der Jacht ihres Mannes von einem Orkanbrecher über Bord gespült worden war. Harry hatte sie vergöttert und war vor Kummer und Entsetzen fast wahnsinnig geworden.

Während ihrer einsamen Kindheit hatte Camilla mit Gott gehadert. Alle Kinder, die sie kannte, hatten Mütter, die sie liebten und umsorgten. Natalies plötzlicher Tod hatte im Leben des Kindes eine Lücke hinterlassen, die nichts und niemand schließen konnte. Was alles noch schlimmer machte: Natalie war schwanger gewesen, sodass Camilla auch noch einen Bruder oder eine Schwester verloren hatte. Darüber zu sprechen war tabu gewesen, es wurde nie erwähnt. Dann hatte ihr Vater sie ins Internat abgeschoben. Sein Herz schien verhärtet gewesen zu sein, er hatte sich ausschließlich auf den Aufbau seines Firmenimperiums konzentriert.

Das zuckende Blitzlicht einer Kamera rief Camilla in die Gegenwart zurück. Gleich darauf wurde sie gebeten, vor ihrem Porträt für die Fotografen zu posieren. Es war lebensgroß und das einzige Gemälde, das ihr gehörte. Harry hatte es anlässlich ihres einundzwanzigsten Geburtstags vor vier Jahren in Auftrag gegeben. Nicht weil er sie liebte, sondern weil das besonders publicitywirksam war. Die Presse hatte Harry als liebenden Vater gefeiert, der seine Tochter mit fantastischen Geschenken überhäufte. Camilla hatte nie etwas geäußert, das diesen Glauben hätte infrage stellen können.

In den nächsten Minuten war sie dem Blitzlichtgewitter der Kameras ausgesetzt, während sie pflichtschuldigst vor ihrem über zwei Meter hohen Porträt posierte. Darauf trug sie ein teures Kleid aus Spitze und Taft. Ihr schimmerndes rotgoldenes Haar hob sich eindrucksvoll gegen den dunkelgrünen Hintergrund ab. Es floss ihr in seidigen Wellen und Locken über die Schultern und rahmte wie ein Heiligenschein ihr schönes Gesicht, das von großen, lebendigen Augen und einem vollen Mund beherrscht wurde. Der Maler hatte den Ton ihrer samtigen Haut genau getroffen, die zarten, leicht geneigten Schultern und den etwas gewagten Ausschnitt, den er bei diesem Porträt für unerlässlich gehalten hatte. Die Finger schmückte ein einziger Ring – ein in Diamanten eingebetteter Smaragd.

Es war das faszinierende Gemälde einer zauberhaften jungen Frau … die unverkennbar Natalie Guilfords legendäre Schönheit geerbt hatte.

Nach dem Fototermin schlenderten die Gäste zu Camilla herüber und machten ihr Komplimente bezüglich des gelungenen Abends und des schönen Hauses. Einige Damen erkundigten sich nach dem Innenarchitekten und waren überrascht zu hören, dass Camilla die Ausgestaltung des Hauses selbst übernommen hatte. Eine Frau hätte sie sogar gern als Beraterin engagiert. Im Geist setzte Camilla diese Möglichkeit auf ihre Liste beruflicher Einstiegschancen, falls sie ihre Stellung bei Comtek verlieren sollte, einer der wenigen Firmen der Guilford Corporation, die sich noch über Wasser hielten.

Während Camilla sich mit einigen Gästen unterhielt, hatte sie plötzlich das Gefühl, beobachtet zu werden. Sie konnte den Blick förmlich spüren. Die Schwingungen waren so stark, dass sie den Faden verlor. Als jemand aus der Gruppe das Wort ergriff, konnte sie sich unauffällig umsehen.

Zwischen zwei Marmorsäulen an einer Seite des Saals stand ein Mann, der zu ihr herüberblickte.

Nick Lombard.

Ihr schoss das Blut in die Wangen. Wie konnte er es wagen herzukommen?

Am ganzen Körper bebend, verließ Camilla die Gruppe. In erster Linie war es Nick Lombard gewesen, der das Guilford-Imperium zu Fall gebracht hatte. Mit seinen Anschuldigungen hatte er die Untersuchungen der Geschäftsmethoden Harry Guilfords vor einem Jahr ins Rollen gebracht. Danach waren seine Firmen wie Sandburgen eingestürzt. Und während über Harry Guilford immer neue Skandalmeldungen laut wurden, war Nick Lombard zum neuen Vorstandschef der Orion Group aufgestiegen. Ein Global Player, wie er im Buch stand. “Mann aus Stahl” nannten die Medien ihn. Mit unerhörter Rücksichtslosigkeit war er vorgegangen, um seine Ziele zu erreichen.

Jemand, der neben Lombard stand, winkte Camilla zu.

Es war Claude. Wieder winkte er. Hatte er etwa Nick Lombard mitgebracht?

“Camilla, Liebling!” Claude kam ihr entgegen, als wollte er sie abfangen. Dabei stieß er fast mit einem Ober zusammen. Nach einer kurzen Entschuldigung wandte Claude sich Camilla zu, die wie versteinert dastand.

“Liebes!” Claude, der etwas übergewichtig war, nahm ihre Hände. “Nick Lombard ist hier. Du kennst ihn, glaube ich.”

“Leute, die er geschädigt hat, tun das normalerweise”, erwiderte Camilla eisig und blickte zu dem großen, beherrschenden Mann, der nur wenige Schritte entfernt stand. Lombard neigte leicht den Kopf, um eine Begrüßung anzudeuten. Mit seinen dunklen Augen musterte er sie so eindringlich, dass sie unwillkürlich die Fingernägel in die Handflächen bohrte. Sie hatte Nick Lombard schon unzählige Male im Fernsehen und in den Zeitungen gesehen, doch die Aufnahmen wurden dem Mann in keiner Weise gerecht.

Claude umarmte Camilla und küsste sie auf beide Wangen. “Mädchen, zeig, dass du wie immer vernünftig bist.”

“Sag, dass du ihn nicht hergebracht hast”, flehte sie.

Seine rosige Haut färbte sich rot. “Nein, Liebling. Ich bin mit Dulcie hier. Aber Lombard ist ein wichtiger Mann und ein bekannter Kunstsammler. Schon deshalb musste er eine Einladung erhalten. Es ist schwer für dich, Liebes, aber wir müssen die böse Vergangenheit vergessen.”

Das war zu viel für Camilla. “Hast du vergessen, dass Nick Lombard uns alle ruiniert hat?”

Aufstöhnend strich Claude sich durch das gelichtete Haar. “Harry hat sich selbst ruiniert, Liebes. Er war völlig skrupellos. Unverzeihlich, wie hart er dir gegenüber war. Und jetzt schlage ich vor, du lernst Lombard erst mal kennen, ehe du ihn als Bösewicht abstempelst.”

“Wenn die Gäste nicht hier wären, hätte ich ihn achtkantig rausgeworfen.”

...

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