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Du Opfer

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

(K)ein Opfer sein

Opfer

Tabu

Chance

Erlebt und gefiltert

Aufmerksamkeit und Gedächtnis

Emotion und Motivation

Bewusstes und Unbewusstes

Beschädigte Werkzeuge

Vorausgesetzt oder geschlussfolgert?

Voraussetzungen

Schlussfolgerungen

Sprachgebrauch

(Un)heilige Worte

Baha’i: Globale Einheit durch Vereinnahmung anstreben

Buddhismus: der sukzessive und erweiterte Suizid

Christentum: kein Platz für Stolz

Freimaurerei: nur noch hohle Mauern

Hinduismus: alles ist eins

Islam: Kein Platz für Koexistenz

Judaismus: erst mal für sich bleiben

Konfuzianismus: anständig bleiben

Säkularismus und Postmoderne: kein Platz für Götter

Taoismus: gut und schlecht sind untrennbar

United Religions: die ganz große Koalition anstreben

Was (nicht) öffentlich gesagt werden darf

Wer vom Wurm abstammt, bleibt ein Wurm

Geschlecht: vererbt, geprägt, gewählt?

Ehe, Familie und alternative Betriebseinheiten

Volk, Kultur und Lebensbedingungen

Religion oder spirituelle Einfalt?

Manipulation und Kontrolle

Ist krank wer anders denkt?

Gesellschaft der Opfer

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es

Nicht logisch! Aber auch nicht falsch!

Schöpfung

Schuld

Erlösung

Das Leben nach dem Tod

Gläubige und Ungläubige

Alltag

Nachwort

Abbildungsverzeichnis

Index

Vorwort

Vorworte lese ich grundsätzlich nicht. Fast immer sind sie langweilig und ich hätte schon manch gutes Buch vorschnell beiseitegelegt, wenn ich mit dem Vorwort begonnen hätte. Aber manche Bücher brauchen ein Vorwort – dieses auch. In dem Buch, das Sie gerade in den Händen halten, geht es um viele verschiedene Themen und Wissensgebiete. Nicht alles muss hintereinander gelesen werden; die meisten Kapitel haben eine gewisse Selbständigkeit. Das Vorwort gibt Ihnen einen Hinweis auf die Themen in den einzelnen Kapiteln. Sie können so ohne Umwege ein Kapitel oder Thema ansteuern, das Sie besonders interessiert. Allerdings, in einem Film ist die einzelne Szene besser zu verstehen, wenn die vorangegangenen Szenen ebenfalls angeschaut wurden. Und so ist es mit den Kapiteln dieses Buches auch. Zumindest theoretisch möchte ein jeder selbstbestimmt leben. Hierzu gehört auch, ohne Bedrohung über die eigene Meinung reden zu können und nicht von Einzelnen oder der Gesellschaft eingeschüchtert zu werden – doch leider geschieht häufig genau das. - (K)ein Opfer sein.

Um verantwortliche Entscheidungen treffen zu können, sollten wir wissen, wie wir zu unseren Entscheidungen und Bewertungen kommen. Erlebnisse, die wir haben, Informationen, die wir aufnehmen, und Gedanken, die wir denken, sind Verzerrungen unterworfen. Wie kommt es, dass zwei Menschen das gleiche Ereignis erleben und doch nicht das gleiche Ereignis erinnern? Können wir unseren Wahrnehmungen und unserem Gedächtnis trauen? – Erlebt und gefiltert.

Das Nervensystem ist ein Werkzeug, das Wissen speichert und Denken und Fühlen ermöglicht. Unabhängig aber von den Eigenschaften des Werkzeugs und der inneren Welt unseres Denkens, unseres Fühlens und unseres Erlebens gibt es Regeln, aus Voraussetzungen und Informationen Schlussfolgerungen abzuleiten: Logik, Statistik und Gesetze der Physik und der Biologie geben solche Regeln vor. Wie lange zum Beispiel wird sich die Erde noch weiterdrehen, wenn jeder Tag um Millisekunden länger ist als der gleiche Tag des Vorjahres? – Vorausgesetzt oder geschlussfolgert?

Das Denken findet statt auf dem Boden von Gedanken, Normen und Weltanschauungen. So sehr wir uns um Neutralität bemühen – unsere Kenntnis von Weltanschauungen reicht hinein in unser Denken und Fühlen zu jeder Zeit und in jeder Alltagssituation. Und bei den Menschen, mit denen wir kommunizieren, ist dies genau so, wenn auch die Weltanschauungen vielleicht anderen Inhalts sind als bei uns selbst. Daher werden einige große und kleine Religionen und Weltanschauungen kurz in ihrem Wesen geschildert – nicht vollständig, nicht abgewogen, nur auf ein paar Kernaussagen verkürzt und nach den Überzeugungen des Autors gefiltert: (Un)heilige Worte.

Informationen und Gedanken werden vernebelt, wenn die Sprache ungenau ist. Klare Gedanken lassen sich nicht mehr fassen, wenn Gedanken nicht mehr scharf formuliert werden können und im Wettkampf der Dialoge nicht noch weiter geschärft werden können. Wenn die Gesellschaft dann noch beschränkt, welche Äußerungen öffentlich gesagt werden dürfen, geht nicht nur die Freiheit der Worte, sondern auch die Freiheit der Gedanken verloren. Eine solche Gesellschaft fällt in einen Zustand vor der Aufklärung zurück und wird zu einer Gesellschaft der Opfer. Was (nicht) öffentlich gesagt werden darf.

Und dann darf in einem Buch über freie Meinungsäußerung natürlich ein Kapitel mit der eigenen Meinung nicht fehlen – Nicht logisch! Aber auch nicht falsch!

Quellen sind nach bestem Wissen in den Fußnoten angegeben – schauen Sie nach und prüfen Sie selbst! Und wenn Sie einmal anfangen, finden Sie vielleicht noch mehr und noch bessere Quellen und Zitate – Ihre Verantwortung! Für die häufigeren Zitate aus der Bibel wurde als Quelle benutzt und für Zitate aus dem Koran

. Englischsprachige Zitate wurden im Original belassen, außer wenn der Fließtext nicht ohne die Zitate verstanden werden kann - dann wurde das Zitat auch übersetzt.

Angekommen sind Sie jetzt auf Seite 10 – ich bin gespannt, ob Sie auf der letzten Seite ankommen werden. Ich oder besser meine Gedanken werden Sie begleiten.

(K)ein Opfer sein

I’m trying to free your mind, Neo. But I can only show you the door. You’re the one that has to walk through it.

Ich versuche, Deinen Verstand zu befreien, Neo. Aber ich kann dir nur die Tür zeigen. Hindurchgehen musst Du alleine.

Morpheus im Film Matrix

If liberty means anything at all it means the right to tell people what they do not want to hear.

Falls Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen.

George Orwel!

Als der ältere meiner zwei Söhne seine Teenagerzeit in Berlin begann, war das nachhaltigste und die größte Verachtung ausdrückende Schimpfwort „Du Opfer“. Mehrere Bedeutungen waren darin enthalten: „Du bist schwach“, „Du bist feige“, „Du nimmst dir selbst die Möglichkeiten“, „Mach nicht andere für etwas verantwortlich, was du selbst ändern kannst“, „Heul nicht rum“, „Lass dich nicht klein machen und lass dir nicht die Verantwortung nehmen“, „Schau nach vorn und lass dich nicht von der Vergangenheit niederdrücken“, „Wehr dich“ – und schließlich: „Bestimme selbst, was du akzeptierst und was nicht!“. Und genau darum geht es in dem Buch, das Sie gerade in den Händen halten.

Machen Sie sich eigene Gedanken; entscheiden Sie selbst, welche der vielfältigen Meinungen und welchen Teil der sogenannten ‚öffentlichen Meinung‘ Sie auch wirklich zu Ihrer eigenen Anschauung des Menschen, der Welt und der Dinge machen wollen. Sie sind verantwortlich – auch wenn Sie es nicht wollen.

Sie sollten bereit sein, sich selbst, Ihrer Familie, Ihren Kindern und wem auch immer Rechenschaft geben zu können, warum Sie denken, was Sie denken, und warum Sie handeln, wie Sie handeln - jederzeit. Kein Kanzler, kein Präsident, kein Parteivorsitzender, kein Pfarrer, kein Imam, kein Redakteur, kein Philosoph, kein Dichter, kein Freund und keine Freundin, kein Mann und keine Frau kann Sie von dieser Verantwortung entbinden –Sie sind für sich selbst, Ihre Gedanken, Ihre Taten und Ihre Unterlassungen verantwortlich – keiner sonst.

In manchen Situationen ist es schwerer, Entscheidungen zu treffen, als in anderen Situationen. Vielleicht gibt es für manche falschen Entscheidungen mildernde Umstände – aber jede Unterlassung und jede Handlung wird begangen von einem Menschen, der grundsätzlich auch anders hätte handeln können. Wird diese Freiheit des Denkens und Handelns in Frage gestellt, wird auch die Würde des Menschen in Frage gestellt. Und ist die Würde des Menschen in Frage gestellt, behandeln die Menschen einander würdelos. Und dann entwickeln sich schließlich auch Gesellschaften, die Menschen würdelos behandeln.

Würdelos ist es, wenn gesellschaftlich nur bestimmte Denk- und Verhaltensnormen erlaubt sind, von denen nicht abgewichen werden darf. Das ist die eine Seite. Würdelos ist es aber auch, sich an eine äußere Normensetzung zu halten, wenn diese nicht mit den eigenen Normen übereinstimmt. Jede Entscheidung bleibt auch bei widrigen gesellschaftlichen Bedingungen unausweichlich eine Entscheidung, für die der Einzelne die Verantwortung trägt, und für die er die Verantwortung nicht ohne einen Verlust von Würde ablegen kann.

Die sogenannten ‚Stützen der Gesellschaft ‘ und die sogenannten ‚Meinungsbildner‘ stützen eine Weltanschauung und eine Gesellschaftsordnung – diese ist jedoch nicht die einzig mögliche. Andere Weltanschauungen und andere Entwürfe einer Gesellschaft und des Zusammenlebens von Menschen brauchen andere Stützen, andere Meinungen und das Erzählen anderer Geschichten. Kein vorschneller Respekt vor den jetzigen ‚Stützen der Gesellschaft‘ – sie sind nicht unersetzbar. Auf neuen Stützen können auch neue Gebäude stehen – Gebäude, in denen es sich möglicherweise viel bequemer, viel gerechter, viel sorgenfreier, viel sicherer oder viel freier leben lässt.

Sie, Ihre Kinder, Ihre Verwandten, Ihre Freunde, Ihre Arbeitskollegen, ausnahmslos alle, sind tagaus und tagein Kräften ausgesetzt, die auch auf die Gesellschaft und die gesamte Berufs- und Lebenswelt einwirken. Die Gesellschaft, oder besser ein Teil der Gesellschaft, trifft Entscheidungen, die die Ausbildung betreffen und die Gesundheitsversorgung, den Arbeitsmarkt und die Steuern, die Regeln des Miteinanders und die Regeln des Gegeneinanders. Die Folgen erlebt jedes Mitglied der Gesellschaft; genauer: Jedes Mitglied der Gesellschaft muss mit den Auswirkungen im täglichen Leben zurechtkommen. Kann ich mir etwas leisten, fürchte ich um mein künftiges Einkommen, muss ich mir Sorgen um Verbrechen machen, ist die Umwelt sauber, bleibt das Klima ohne nachhaltige Auswirkungen auf meine Existenz, werden meine Kinder sicher leben können und wird mein eigenes Leben im Alter gesichert sein – und was wird passieren, wenn ich eine Meinung äußere, die sich gegen den aktuellen gesellschaftlichen Mainstream, gegen den Zeitgeist, richtet?

Wie langfristig ist die Agenda der handelnden Akteure in der Gesellschaft und gibt es ein Ziel, auf das ihre Handlungen zusteuern? Oder treffen die heutigen Akteure auch immer nur Entscheidungen aus einer Situation heraus und reagieren ohne langristigen Plan auf Veränderungen in der Welt? Und wenn es einen solchen Plan gibt: Wie sieht er aus und wer hat das Ziel formuliert?

Wie auch immer die Richtung ist, in die die Kräfte wirken – möglicherweise ist die Richtung nach Ihrer Einschätzung nicht zu Ihrem Besten und dem Besten Ihrer Angehörigen. Was tun Sie dagegen? Oder ziehen Sie es vor, ein Opfer zu sein?

Opfer

Vielleicht denken Sie, ein Einzelner könne ja doch nichts bewegen. Dieser Gedanke macht Sie zum Opfer. Die Übernahme einer passiven Rolle, einer Opferrolle, resultiert vielleicht bei Ihnen aus Ängsten vor der Übernahme von Verantwortung oder aus Ängsten davor, mit schuldig zu werden, wenn andere sich durch eine abweichende Meinung verletzt fühlen könnten. Oder vielleicht trauen Sie sich nicht, weil Sie denken, Sie hätten ohnehin nichts beizutragen. Oder Sie fürchten, Sie bekämen Nachteile zu spüren, wenn Sie eine von der Mainstream-Meinung abweichende Auffassung vertreten. All dies aber entbindet Sie nicht von der Verantwortung, die zu Ihnen gehört wie Ihr Herzschlag.

Manche Menschen haben einen so niedrigen Selbstwert, dass sie verlernt haben, sich eine eigene Meinung zu bilden oder gar eine eigene Meinung zu äußern. Sie leiten ihre Bedeutung aus der Zustimmung zur Mehrheitsmeinung und der Meinung von Vorbildern ab.

Niedriger Selbstwert trägt häufig dazu bei, dass ein Mensch in seiner Opferrolle verharrt. Je länger aber ein Mensch in einer Opferrolle verharrt, desto geringer wird sein Selbstwertgefühl. Ängstliche Gedanken, ein niedriger Selbstwert und fehlendes Aufbegehren lähmen und führen zu weiterer Resignation und verfestigen die Opferrolle immer weiter. Und hierdurch entstehen nun wiederum vermehrte Ängste und ein weiterer Selbstwertverlust – ein wahrer Teufelskreis.

Opfer bleiben eingeschränkt und unfrei, wenn sie ihre Opferrolle annehmen, statt sich dagegen zu wehren, Opfer zu sein. Die Chronifizierung der Opferrolle und die damit einhergehenden Ängste, der fortschreitende Selbstwertverlust und die immer wieder erlebte Hilflosigkeit führen zu Hoffnungslosigkeit und Resignation und können dadurch Depressionen auslösen.

Jeder aber, so die Botschaft des vorliegenden Buches, jeder einzelne Mensch hat Würde und ist wertvoll in seiner Individualität und aus sich selbst heraus. Jeder Mensch ist einzigartig und hat etwas Einzigartiges in Familie, Freundeskreis und Gesellschaft beizutragen. Jeder Mensch steht in der Verantwortung, sich einzubringen in Partnerschaft, Familie und Gesellschaft. Jeder Mensch trägt das Miteinander von Menschen durch seine offen vorgebrachten Handlungen oder sein Stillschweigen und die Duldung der Geschehnisse - oder er widersteht und widerspricht und trägt zu einer Änderung des Miteinanders bei. Tragen oder widerstreben ist nicht beschränkt auf die großen Taten, die in Fernsehen und Zeitungen berichtet werden – tragen oder widerstreben findet erst einmal statt im eigenen Umfeld von Familie, Beruf und Freundeskreis.

Seit Menschen zusammenleben, wandeln sich die Bedingungen des Zusammenlebens. Immer schon wurden gesellschaftliche Bedingungen von Einzelnen oder Gruppen aktiv gestaltet. Die Gestalter tun dies, um Lebensbedingungen nach ihren Vorstellungen und meist zu ihrem eigenen Vorteil zu formen, auch wenn es auf Kosten des Wohlergehens anderer geht.

Die gesellschaftlichen Gestaltungsmöglichkeiten waren in der Vergangenheit aufgrund der begrenzten Möglichkeiten der Einflussnahme auf die Gedanken der Menschen durch die zur Verfügung stehenden Medien nur langsam und in der Reichweite und Wirkmächtigkeit begrenzt. Die Situation heute ist anders. Die Möglichkeiten zur Lenkung des Informationsflusses in den sozialen Netzwerken und den Medien sind mächtig und umfassend und mit nichts vergleichbar, was in früheren Jahrhunderten an Propaganda und den Versuchen, Menschen zu beeinflussen und zu lenken, eingesetzt werden konnte. Heute gibt es für die Meinungsbildner die Möglichkeit, geballter und vollständiger und andauernder als jemals zuvor Meinungen zu vertreten und als öffentliche Meinung der Mehrheit der Bevölkerung darzustellen.

Schon seit langem ist bekannt, dass Wiederholungen von Botschaften den Inhalt dieser Botschaften wahrer erscheinen lassen, auf Englisch: ‚truth effect‘1. Wer die Macht hat, Botschaften zu wiederholen, hat damit auf die Dauer auch die Macht, das zu prägen, was die Empfänger dieser Botschaften für wahr halten – unabhängig davon, ob es tatsächlich wahr ist. Diesem Effekt können Menschen zum Opfer fallen. Werden nur noch bestimmte Botschaften verbreitet zu Klimawandel oder einem beliebigen anderen Thema, dann besteht die Gefahr, diese Botschaften für wahr zu halten einfach aus dem Grund, dass sie die einzigen sind, die zu hören sind. Wer nichts unternimmt, um andere Meinungen zu hören, wird letztlich zum Opfer der eigenen Bequemlichkeit und hält auf die Dauer einfach nur die Meinungen für wahr, die fortwährend verbreitet werden. Dies ändert aber nichts an der Verantwortlichkeit jedes Einzelnen.

Manches, was über Jahrhunderte gewachsen ist, wird heute in Frage gestellt, soll umgestoßen werden und wird vielleicht, wenn die Entwicklung so weitergeht, innerhalb weniger Jahrzehnte oder sogar kürzerer Zeit zerstört werden und nicht mehr sein. Wenn Sie dereinst mit den Folgen der Umgestaltung möglicherweise einmal werden leben müssen, so sollen Sie zumindest einsehen, dass es keine Entschuldigung ist, zu sagen: „Ich bin ein Opfer!“. Denn letztlich sind Sie selbst verantwortlich, wenn Sie sich zum Opfer machen oder machen lassen und keinen Widerspruch leisten. Und letztlich sind Sie dann auch mitverantwortlich, wenn andere zum Opfer werden.

Jeder Mensch sollte selbst bestimmen können, was er denkt und wie er seine Gedanken äußert. Dieser bisher so selbstverständliche Ansatz der freien Meinungsäußerung wird zunehmend in Frage gestellt. Aufgrund der heterogener werdenden Gesellschaft werden zunehmend rigidere Regeln für den gesellschaftlichen Dialog gefordert (s. unten). Außerdem fordern Gruppen mit Sondermerkmalen Anerkennung der Sondermerkmale. Hierzu gehört auch die Forderung, dass die Forderungen nach Ausleben der Sondermerkmale nicht in Frage gestellt werden. Es wird heute in der Gesellschaft nicht mehr vorrangig Schutz für den gefordert, der seine Meinung äußert. An diese Stelle ist das Verlangen nach Schutz für die gerückt, die einer Meinungsäußerung, die ihrer eigenen Meinung zuwiderläuft, ausgesetzt sein könnten. Es steht im Vordergrund, dass sich Menschen in ihren Überzeugungen oder gar als Person ‚verletzt‘ fühlen könnten.

Die Äußerung einer Meinung wird zunehmend als eine Tat bewertet, die andere verletzen kann. Die freie Meinungsäußerung wird unter diesem Blickwinkel als mögliche Gefahr für andere betrachtet und einige Gruppen in der Gesellschaft streben daher an, freie Meinungsäußerung generell zu begrenzen. Hierbei wird nicht bedacht, dass diejenigen, die daran gehindert werden, ihre Meinung zu äußern, zu Opfern gemacht werden.

Zwei Gruppen von Menschen profitieren von der Beschränkung der freien Meinungsäußerung. Die eine Gruppe von Menschen ist diejenige, die die Gesellschaft aktiv in eine Richtung lenken will und deshalb anstrebt, andere Meinungen nicht zu Wort kommen zu lassen. Klare und überzeugende und gut vorgebrachte Meinungen können Menschen verändern. Durch starke Gedanken und Meinungen motiviert haben Menschen Revolutionen begonnen – ‚Stützen der Gesellschaft‘ wollen jedoch keine Revolution. Die Stützen der Gesellschaft wollen die weitere Verfestigung und Verstetigung bestehender Herrschaftsstrukturen, ihrer Herrschaftsstrukturen.

Vorgeschobene Begründung der Forderung nach einer Einschränkung der Meinungsfreiheit mag das Ziel sein, einen oberflächlichen gesellschaftlichen Frieden zu bewahren. Das Resultat aber ist, dass nicht die Fülle der Meinungen geäußert wird - und dadurch natürlich auch diejenigen Meinungen nicht, die sich gegen die ‚Stützen der Gesellschaft‘ richten. Von der Forderung nach einer Begrenzung der freien Rede profitieren daher die ‚Stützen der Gesellschaft‘.

Die zweite Gruppe von Menschen, die an einer Begrenzung der freien Meinungsäußerung Interesse hat, ist eine Gruppe von Menschen, die leicht gekränkt ist und in der Selbstwahrnehme ein Opfer dadurch ist, dass andere ihren Wunsch nach Anerkennung ihrer Wünsche nicht fraglos hinnehmen. Diese Gruppe kultiviert die Rolle als Opfer, um Ziele zu erreichen, ohne jedoch die langfristigen Folgen für sich und andere Mitglieder der Gesellschaft zu bedenken. Dies sind oft Mitglieder von gesellschaftlichen Gruppen mit Sondermerkmalen. Die Mitglieder solcher Gruppen weisen diesen Sondermerkmalen eine überwertige, oft geradezu religiöse Bedeutung zu, und wollen unterbinden, dass Kritik an der Allgemeinverbindlichkeit der Anerkennung dieser Sondermerkmale geäußert wird. Diese Sondermerkmale können sich beziehen auf politische Inhalte, z.B. Tier- oder Umweltschutz, auf weltanschauliche Inhalte, z.B. Religion, oder auch auf Merkmale aus dem persönlichen Leben, z.B. sexuelle Präferenz. Widersprüchlich ist hierbei, dass die uneingeschränkte Anerkennung der Sondermerkmale gefordert wird und ausgeschlossen werden soll, dass Kritik an der Berechtigung eines besonderen Schutzes der Sondermerkmale geäußert wird. Es findet daher keine symmetrische Kommunikation mit gleichen Rechten mehr statt. Bei genauerer Betrachtung verletzt dieses Vorgehen die grundlegende Regel demokratischer Gesellschaften, die Forderung nach gleichberechtigter Meinungsäußerung jedes Mitglieds der Gesellschaft und die Forderung nach einer herrschaftsfreien gesellschaftlichen Diskussion.

Jeder, der erwartet, dass eine Eigenschaft seiner selbst oder seine Meinung in dem Sinne akzeptiert wird, dass diese Meinung geäußert werden darf, sollte auch bei anderen Menschen der Gesellschaft Eigenschaften oder Meinungen akzeptieren, auch wenn sie nicht mit den eigenen übereinstimmen – außer vielleicht, dass grundsätzlich eine Nichtvereinbarkeit der Meinungen vorliegt. Dann kann es besser sein, Gebiete zu trennen in denen eine der nichtvereinbaren Meinungen geäußert und gelebt werden kann und Gebiete, in denen die andere der nichtvereinbaren Meinungen geäußert und gelebt werden kann.

Konsequent zu Ende gedacht ist asymmetrische Kommunikation und die Forderung, Meinungen nicht äußern zu dürfen, ein Merkmal totalitärer Strukturen. Paradoxerweise verwandelt sich damit ein falsch verstandener Schutz von Gruppen mit Sondermerkmalen in eine totalitäre Struktur mit der Unterdrückung von Andersdenkenden.

Hierzu trägt auch bei, dass das starke Sendungsbewusstsein bei den Mitgliedern von Gruppen mit Sondermerkmalen häufig gepaart ist mit einem niedrigen Selbstwert. Diese Dissonanz zwischen überwertiger Idee und fehlender Anerkennung durch andere wird von Menschen mit niedrigem Selbstwert nicht ertragen, so dass versucht wird, die Kritik an der eigenen Meinung und den eigenen Merkmalen nicht zuzulassen und zu unterbinden.

Nicht der Machterhalt steht hierbei hinter dem Wunsch, die freie Meinungsäußerung zu begrenzen, sondern der Wunsch nach Anerkennung und widerspruchsloser Umgestaltung der Gesellschaft. Bewusstseinsnah oder bewusstseinsfern wird dabei in Kauf genommen, dass so erworbene Anerkennung und so erworbene Einflussnahme auf gesellschaftliche Abläufe auf der Unterdrückung anderer beruht. Dies führt letztendlich ebenso zu einer totalitären Umwandlung der Gesellschaft wie die Unterdrückung der freien Meinungsäußerung zur Vermeidung der Kritik an den machthabenden ‚Stützen der Gesellschaft‘.

Ein Sprichwort, noch aus der Zeit, als die freie Meinungsäußerung als vorrangig betrachtet wurde, sagt: „Worte sind schärfer als ein Schwert und die Feder ist mächtiger als eine Kugel.“ Die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen zielen darauf, dem geschriebenen und dem gesprochenen Wort die Schärfe und die Macht zu nehmen. Aber gibt es im Leben ein Recht darauf, keine Worte mehr hören zu müssen, die den Hörer verletzen können?

Immer wieder kommen im täglichen Leben Situationen vor, in denen Worte fallen, die einen anderen verletzen. „Nein“, sagt ein Trainer, wenn der Spieler nicht gut genug ist, um in die Mannschaft zu kommen. „Nein“, sagt ein Lehrer, wenn der Schüler nicht in der Lage war, sich genug des Lernstoffs anzueignen, um in die nächste Klasse versetzt zu werden. „Nein“, sagt der Bankberater, wenn der Kredit zu hoch ist für die Sicherheiten, die dahinterstehen. „Ja“, sagt der Arzt, „leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Ihre Lebensgewohnheiten das Risiko für eine psychische Erkrankung erhöhen“. Und: „Ich liebe dich nicht“ sagt ein Mensch einem anderen, auch wenn dieser andere meint, im Ersten die Liebe seines Lebens gefunden zu haben. Verletzungen durch Worte muss zum einen oder anderen Zeitpunkt jeder im Leben aushalten – das tägliche Leben ist kein Ponyhof, kein Kinderfasching und kein Paradies.

Das Reifen eines Menschen geschieht vorwiegend im Umgang mit Widrigkeiten und im Widerspruch zu anderen Meinungen und anderen Menschen. Dies beginnt bei dem Erlernen des Umgangs mit nicht erfüllten Wünschen in der Kindheit und setzt sich fort bis zum Ende des Lebens mit immer wieder vorkommenden Situationen, in denen die eigenen Wünsche und Vorstellungen mit denen anderer in Konflikt geraten und in deren Folge bei einer der Konfliktparteien dieser Konflikt in einem nicht erfüllten Wunsch endet.

Nicht erfüllte Wünsche führen zu Unwohlsein und Angst – besonders dann, wenn schon von Beginn an ein niedriger Selbstwert und eine hohe Kränkbarkeit vorlagen. Das Vorliegen von Unwohlsein durch das Hören kritischer Worte heißt aber nicht, dass solche möglicherweise verletzenden Worte von anderen unterbleiben müssen. Wenn ich durch Worte verletzt werden kann, heißt das nicht zwangsläufig, dass die Ursache der Verletzung das von außen kommende Wort ist, es kann auch eine von innen kommende übermäßige Verletzbarkeit sein, die einen harmlosen Reiz als Schmerz und Bedrohung empfinden lässt. Eine Analogie hierfür gibt es Nervensystem an anderer Stelle und unabhängig von weltanschaulichen, moralischen oder religiösen Fragen. Bei einer bestehenden Nervenverletzung kann eine sogenannte Allodynie vorliegen, das heißt, dass ein eigentlich nicht schmerzhafter Reiz als Schmerz empfunden wird. Die eigentliche Ursache der Schmerzempfindung ist aber nicht der äußere Reiz, sondern der vorbestehende innere Zustand, auf den ein gewöhnlicher und alltäglicher Reiz trifft.

Worte zwischen erwachsenen Menschen, die bei einem von beiden Widerspruch hervorrufen oder die von einem als verletzend empfunden werden, sind keine Verbrechen. Sie können nicht verglichen werden mit tätlicher Gewalt oder der Beraubung von Freiheit. Sie beschreiben nur, dass zwei Auffassungen nicht zueinander passen. Keine der Meinungen jedoch sollte unterdrückt werden, wenn wir in einer Gesellschaft der Freiheit leben wollen.

Widersprüche sollten mir Anreiz sein, meine eigene Argumentation so zu verbessern, dass ich im Wettstreit der Meinungen und Überzeugungen immer klarer Stärken und Schwächen begreife und lerne, gegenüber anderen die eigene Meinung möglichst überzeugend zu vertreten – oder aber von einer anderen Meinung überzeugt zu werden – oder bei der grundsätzlichen Unvereinbarkeit von Meinungen eine separierte Region aufzusuchen.

Meinungen unterdrücken möchten Menschen mit einer gezielten Agenda und selbstunsichere und selbstverliebte Menschen mit niedrigem Selbstwert. Die zweite Gruppe besteht aus Menschen, die sich nicht der wirklichen Vielfalt des Lebens stellen möchten oder stellen können. Sie sind sich weder ihrer selbst sicher genug noch ihrer Sache. Sie fordern allgemeine Zustimmung und die ständige Bestätigung, dass ihre Meinungen kostbar und wertvoll und wahr sind und erwarten eine Sonderbehandlung. Ihre Meinungen sollen, so der Wunsch, nicht in Frage gestellt oder angegriffen werden. Dahinter steckt das Bedürfnis, innere Leere mit äußerer Anerkennung zu füllen. Unsichere oder unreife Menschen brauchen ständige und wiederkehrende Bestätigung. Sie ertragen eine fehlende Bewunderung ihrer selbst und ihrer Meinungen nicht. Letztendlich aber sind sie damit Opfer ihrer eigenen psychischen Unzulänglichkeit. Und aus der Unsicherheit ihrer Angst streben sie danach, nicht nur abweichende Meinungen zu unterdrücken, sondern auch die Menschen, die solche Meinungen äußern. Sie halten die Unsicherheit von Widersprüchen nicht aus und sind bereit, andere mundtot zu machen und für ihr eigenes Wohlbefinden zu opfern.

Wer andere Meinungen nicht aushalten kann, sollte an sich selbst arbeiten und nicht andere unterdrücken und daran hindern, eine Meinung zu äußern. Wer keinen Partner oder keine Partnerin findet, kann nicht verlangen, dass kein Mensch sich paart oder eine Behörde einen Partner für jeden bereitstellt. Wer seine Meinung nicht überzeugend formulieren kann, kann nicht von anderen verlangen, darauf zu verzichten, Meinungen zu äußern.

Viel halten heutige Menschen davon, sich mit unbewussten Befindlichkeitsstörungen und innerseelischen Konflikten des Einzelnen zu beschäftigen. Eine der Wurzeln liegt in der Definition von Gesundheit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sie geprägt und sie ist eine der Grundlagen des Übels der heutigen Gesellschaft: „Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheiten und Gebrechen.“2

In diesem Sinn wird kaum ein Mensch auf Dauer gesund sein. Oder sind Sie andauernd in einem Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens? Spätestens ab dem dreißigsten Lebensjahr hört das dauerhafte und völlige körperliche Wohlbefinden auf - so sagt man. Da schmerzt es mal hier und mal dort. Sehen oder Hören sind oft beeinträchtigt durch die im Alter häufige Sehschwäche oder durch Hörstörungen. Einzelne Organe funktionieren kurzzeitig nur unvollkommen, besonders in Belastungssituationen, wie nach einer durchgemachten Nacht. Und mit dem älter werden merkt der Einzelne in vielen Bereichen eine gewisse Abnahme der vollkommenen körperlichen Leistungsfähigkeit. Und soziales Wohlbefinden kann durch so viele externe Einflüsse gestört sein, dass „Gesundheit“ schier unerreichbar ist. Zu viele Menschen haben Interessen, die mit den eigenen Interessen in Konflikt stehen. Zu groß und zu häufig sind die Grenzen im privaten und beruflichen, im finanziellen und sozialen und in jedem anderen Bereich.

Weil die so verstandene Gesundheit dennoch als Ziel formuliert wird, der Einzelne dieses Ziel aber nicht erreichen kann, kommt die Forderung nach staatlicher Intervention zum Ausgleich des individuellen Mangels auf. Es soll staatliche Dienste geben, die die Gesundheit fördern. Eine Maßnahme im Netz einer solchen allumfassenden gesellschaftlichen Gesundheitsfürsorge ist dann auch die Verhinderung der Äußerung von Meinungen, die das soziale Wohlbefinden stören. Wenn Meinungen für Mitglieder der Gesellschaft mit Sondermerkmalen anstößig sind, sie nicht bekräftigen, und sie damit in ihrem Wohlbefinden stören, dürfen sie nicht geäußert werden, so der Wunsch und die Anwendung der oben genannten Definition von Gesundheit auf den Alltag.

Erwarte ich wirklich Gesundheit in dem oben genannten Sinn als einen dauerhaften vollkommenen Zustand, werde ich in enttäuschte Hoffnung geführt und werde zu einem Opfer meiner fehlgeleiteten Erwartungen. Klaffen Erwartungen und Wirklichkeit auseinander, muss eine Anpassung vorgenommen werden, um eine Opferrolle zu vermeiden, und um zu verhindern, dass ich ständige Unterstützung benötige, um mich dem Zustand der utopischen ‚Gesundheit‘ anzunähern.

Man hat heute manchmal den Eindruck, dass manche die Erwartung haben, aus Gründen des psychischen Wohlbefindens keine kontroverse Meinung zu den eigenen Lebensentwürfen hören zu müssen. Diese Menschen erwarten, dass andere die Kritik unterlassen und verlassen damit die Grundsatz gleichberechtigter Teilhabe an Gesellschaft für alle. Ganz sicher erzeugt ein Widerspruch in Bezug auf eine Lebensform eine Beeinträchtigung des „vollkommenen, körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“. Wenn aber in Folge einer utopischen Definition von Gesundheit staatliche Stellen oder andere gesellschaftliche Akteure potentiell anstößige Reden im Sinne präventiver gesellschaftlicher Gesundheitsmaßnahmen einschränken, zerstören sie Gleichberechtigung und Freiheit in der Gesellschaft. In der Einbeziehung des sozialen Wohlbefindens in die Definition von Gesundheit liegt der Keim zur totalitären Umgestaltung der Gesellschaft.

Der Prozess der Umgestaltung der Gesellschaft erfolgt in mehreren Schritten. Mit der Begründung des Minderheitenschutzes wird im ersten Schritt Kritik an ‚progressiven‘ sozialen Rollen verhindert. In einem zweiten Schritt, wenn sich ‚progressive‘ soziale Rollen zunehmend etabliert haben, wird vorgebracht, dass eine Kritik daran den sozialen Frieden und die öffentliche Gesundheitsfürsorge für die psychische Gesundheit störe. Wenn dadurch die Vertreter herkömmlicher sozialer Rollen in die Minderheit geraten, scheint jedoch eine Kritik an herkömmlichen Vorstellungen nur umso stärker zu werden, statt dann in ähnlicher Weise den Schutz für die bereits in die Minderheit geratene Position herkömmlicher sozialer Rollen zu fordern.

Es braucht in diesem gesellschaftlichen Klima Mut, den Konsens und den gesellschaftlichen Mainstream zu verlassen. Es braucht Mut, eine eigene Meinung zu äußern, unabhängig davon, wie viele andere Menschen im eigenen Umfeld eine konträre Meinung vertreten. Aber an dieser Stelle ist der Mensch am weitesten davon entfernt, ein Opfer zu sein. An dieser Stelle kann er nur zum Opfer werden, wenn er sich von anderen unterdrücken lässt. An dieser Stelle kann er selbstbestimmt sein und an dieser Stelle kann er frei sein, so frei, wie er nur werden kann.

Die kreisende Beschäftigung mit tatsächlichen, möglichen oder eingebildeten Beeinträchtigungen einer utopischen Vorstellung von Gesundheit führt nicht zu einer Normalisierung des Befindens – von Heilung oder Gesundung möchte ich an dieser Stelle nicht sprechen, denn diese Störungen des Befindens begründen, von Ausnahmefällen abgesehen, keine Krankheit im engeren Sinn, so dass man davon auch nicht gesunden kann; diese empfundenen gesundheitlichen Beeinträchtigungen sind eher Verhaltensstörungen und können und müssen aus eigenem Antrieb und mit eigener Anstrengung überwunden werden.

Nicht selten wird sogar die Störung der eigenen Befindlichkeit bewusstseinsfern oder bewusstseinsnah genutzt, um einen Opferstatus zu kultivieren. Für eine kurze Zeit ist damit ein sekundärer Opfergewinn verbunden. Ein Opfer kann durch Appell an Mitleid und Nachsicht andere zu Handlungen erpressen oder manipulieren, um so diesen sekundären Opfergewinn zu erhalten – auf Kosten der Erpressten oder Manipulierten.

Berufsgruppen, die den von der Weltgesundheitsorganisation zu Grunde gelegten Gesundheitsbegriff verwenden, verstetigen selbst eingenommene Opferrollen dadurch, dass eine im Alltag offensichtliche Diskrepanz im Wohlbefinden des Einzelnen als Grundlage genommen wird, von anderen die Erfüllung der Wünsche und die Rücksicht auf die Befindlichkeiten des Einzelnen einzufordern . Für Menschen, die sich an der Gesundheitsdefinition der WHO orientieren, erscheint es dann aufgrund des unerreichten Ziels so, dass Menschen eben beständig Hilfen und Unterstützung benötigen. Und derjenige, der am lautesten und nachhaltigsten auf seinen Opferstatus verweist, erhält die meiste Aufmerksamkeit und Unterstützung. Es ist dann nicht mehr das Ziel, dass Menschen mit Defiziten und Einschränkungen, mit ‚gesundheitlichen Beeinträchtigungen‘, umzugehen erlernen, sondern dass eine dauernde Annäherung an einen Zustand der „Gesundheit“ angestrebt wird.

Folgenreicher noch ist, dass es im Sinne der Allgemeinheit der Gesundheitsfürsorge ein Ziel ist, alle Menschen darauf zu verpflichten, Äußerungen zu unterlassen, die bei anderen den Gesundheitszustand beeinträchtigen könnten. Damit beinhaltet dieser Ansatz der allgemeinen psychosozialen Gesundheitsfürsorge eine Begrenzung der freien Meinungsäußerung. Vermeintliche und doch nur in ihrer Selbstbezogenheit gekränkte subjektiv Beeinträchtigte machen die Vielfalt der Menschen durch das Unmaß ihrer Forderungen und die Einschränkung der Gedanken-, Meinungs- und Redefreiheit zum Opfer.

Tabu

Sinngemäß wird über den Naturforscher und Wissenschaftler Konrad Lorenz berichtet, er habe empfohlen, schon vor dem Frühstück eine Lieblingsgewohnheit oder einen Lieblingsgedanken in Frage zu stellen. Und Lieblingsgedanken haben wir ja alle.

Ich kenne Menschen, die behaupten, dass nur Butter ein gesundes Fett für das Marmeladenbrot am Morgen sei. Und ich kenne Menschen, die nur Margarine für gesund halten oder nur Olivenöl (ja, das könnte schwierig werden mit dem Marmeladenbrot zum Frühstück). Ich kenne Menschen, die behaupten, dass Homöopathie eine effektive Behandlung von Krankheiten erlaubt, und ich kenne Menschen, die denken, dass Homöopathie nicht wirksam ist und die scheinbaren Wirkungen nur auf der Einbildung der (an die Homöopathie) Glaubenden beruhen. Ich kenne Menschen, die sind von der Theorie eines durch den Menschen verursachten Klimawandels nicht überzeugt (Haben sich gerade Ihre Nackenhaare aufgestellt?), und ich kenne Menschen, die es schon für ein Verbrechen halten, wenn Zweifel geäußert werden, dass ein menschenverursachter Klimawandel zu beobachten ist (Normal, oder nicht?).

Alle diese Gedanken sind Lieblingsgedanken – aber einige dieser Lieblingsgedanken schließen sich gegenseitig aus. Einige dieser Lieblingsgedanken müssen daher verworfen werden – und es muss so lange diskutiert werden und es müssen so lange Argumente ausgetauscht werden bis auch der Vertreter anderslautender Lieblingsgedanken überzeugt und nicht einfach überredet oder mundtot gemacht ist. Es spricht für einen Mangel an Selbstvertrauen und Mangel an Vertrauen in die eigenen Argumente, das Äußern anderer Meinungen nicht zuzulassen.

Das Allgemeine ist schwerer auszuschließen als das Spezielle. Es ist zweifellos einfacher, nachzuweisen oder zu widerlegen, dass sich die jährliche Durchschnittstemperatur im Isartal in den letzten 150 Jahren geändert hat (oder dass das Klima im Isartal gleichgeblieben ist – ich habe diese Frage nicht recherchiert und nicht empirisch zu untermauern versucht), als nachzuweisen, dass sich das globale Klima in den letzten 500 Jahren aufgrund des Einflusses der Menschen verändert hat. Hat es sich verändert? Und war der Mensch daran schuld?

Wenn die großen Fragen wissenschaftlich (noch) nicht eindeutig bewiesen sind, und auch nicht widerspruchsfrei geklärt werden können, sollten alle Meinung geäußert werden dürfen. Und selbst wenn Meinungen falsch sind, sollten sie geäußert werden dürfen. Eindeutig falsche Meinungen können auch eindeutig widerlegt werden. Wenn eine Meinung aber nur aus bestimmten Blickwinkeln als „falsch“ eingeschätzt wird gibt es keinen Grund, der es rechtfertigt, die Äußerung dieser Meinung zu unterdrücken. Wenn diese Toleranz von den Mitgliedern der Gesellschaft akzeptiert werden würde, dann wäre einiges gewonnen für eine würdevolle und freie Diskussion unter gleichberechtigten Mitgliedern der Gesellschaft. Jeder könnte nüchtern seinen Lieblingsgedanken formulieren und jeder könnte die Lieblingsgedanken anderer in Frage stellen. Jeder könnte seine Lieblingsgedanken in Wettbewerb treten lassen mit den Lieblingsgedanken anderer. Das ist Freiheit ohne Angst und Freiheit, ohne Opfer zu sein!

Nicht selten haben sich wissenschaftliche Theorien, die vom wissenschaftlichen Mainstream vertreten wurden, nach einiger Zeit als falsch herausgestellt (s. unten). Skepsis gegenüber der Gültigkeit einer wissenschaftlichen Theorie muss also immer erlaubt sein oder zumindest so lange, bis zweifelsfrei, wirklich zweifelsfrei und in einem widerspruchsfreien mathematischen Sinn, bewiesen werden kann, dass eine Behauptung falsch ist.

Wie schwierig die skeptische Offenheit umzusetzen ist, wirklich die eigenen Lieblingsgedanken in Frage zu stellen, zeigt sich an eben dem letzten Beispiel der Diskussion um Veränderungen des Klimas. Hier ist bei vielen die emotionale Beteiligung so stark, dass wenig Bereitschaft besteht, dieses Thema mit Andersgläubigen zu diskutieren – ja, Andersgläubigen. Ein so umfassender Lehrsatz wie der, dass globaler Klimawandel durch vom Menschen verursachte Belastung der Umwelt hervorgerufen wird, ist, anders als es in der veröffentlichten Meinung berichtet wird, noch längst nicht so unstrittig von wirklich allen Wissenschaftlern akzeptiert und ohne Lücken bewiesen wie es die Laienpresse suggeriert. Es bleiben Fragen an die Validität der Messung von Temperaturdaten3 und selbstverständlich an die Interpretation dieser Daten4. Auch historisch betrachtet gab es in früheren Zeiten über einen Zeitraum der Größenordnung von Hunderten von Jahren Schwankungen der atmosphärischen CO2-Konzentration um circa den Faktor 2 und dies wurde von großen Temperaturschwankungen begleitet5. Über die unterschiedliche Interpretation von Daten hinaus ist aber ähnlich wie in der Bilderfälschung von Ernst Haeckel zur Begründung seiner biogenetischen Grundregel (s. unten) in der Darstellung von Daten zur Zusammensetzung der Atmosphäre und der Temperatur selbst Datenmanipulation nicht ausgeschlossen6 und auch nicht die Unterdrückung von Daten von Wissenschaftlern, die nicht mit der Mehrheitsmeinung der ‘führenden Wissenschaftler’ übereinstimmen7.

Die Geschichte lehrt Zurückhaltung dem gegenüber, was Wissenschaftler, die Öffentlichkeit oder die ‚Stützen der Gesellschaft‘ als gesichertes Wissen betrachten. Zwei historische Beispiele: Die Mehrheit der Wissenschaftler glaubte über lange Jahre an die Gültigkeit der Theorie der Abiogenese und an die Miasmentheorie.

Von der Antike und der Zeit der für viele Jahrhunderte führenden wissenschaftlichen Leitfigur Aristoteles bis in das 18. Jahrhundert galt die Hypothese der Abiogenese als wissenschaftliche Tatsache. Die Abiogenese wurde von Aristoteles als dritte Möglichkeit der Entstehung von Leben betrachtet, neben der sexuellen Fortpflanzung und der Vermehrung der Pflanzen. Abiogenese bezeichnete die Entstehung von Leben aus unbelebter Materie ohne göttlichen Schöpfungsakt. Erst im 19. Jahrhundert wurde diese allgemein akzeptierte Vorstellung abgelöst durch den seither geltenden und von Louis Pasteur formulierten Lehrsatz, dass alles Leben nur aus Leben entsteht.8 Zugrunde lag dem Wechsel des Paradigmas ein stichhaltiges experimentelles Vorgehen. Die Hypothese von Pasteur war, dass sich Leben in unbelebter Materie nur vermehrt, wenn belebte Bausteine von außen hinzukommen. Um dies zu beweisen, teilte er abgekochte Fleischbrühe auf zwei Gefäße auf und sorgte dafür, dass in einen der Kolben keine Schwebeteilchen aus der Luft gelangen konnten. Die Bildung von Leben in diesem Kolben blieb aus, wohingegen sich in dem anderen Kolben Hefen und Pilze entwickelten. In diesen Kolben hatten Keime über die Luft in das Gefäß gelangen können. Damit, und mit den im Laufe der Jahre erfolgten weiteren Wiederholungen dieses Experimentes unter geänderten Bedingungen, wiesen Pasteur und andere nach, dass Leben nicht ohne Leben entstehen kann. Dieses Experiment hat Allgemeingültigkeit, soweit man das mit einer induktiven Weise der Schlussfolgerung behaupten kann – jeder Leser dieses Buches, jeder hinreichend geschickte Mensch, kann dieses Experiment in seiner Küche durchführen. Und durch diese Experimente gilt die Theorie der Abiogenese, die so viele Hunderte von Jahren als unumstößlich wahr galt, als widerlegt.

Ob der Lehrsatz, dass Leben nur aus Leben entstehen kann, Allgemeingültigkeit besitzen wird, werden wohl erst die nächsten Jahre zeigen. Wissenschaftler strengen sich an, einfache Organismen ohne göttlichen Schöpfungsakt aus biologischen Bausteinen zu erschaffen. Gelungen ist es noch nicht – aber die Anstrengung ist da, einen Schöpfungsakt aus unbelebter Materie zu versuchen.

Vielleicht werden wir unser Verständnis von ‘Leben’ als einer Eigenschaft eines biologischen Systems auch korrigieren. Es gibt Arbeitsgruppen, die sich damit beschäftigen, Erinnerungen und Persönlichkeit in einem elektronischen System widerzuspiegeln. Wenn sich Trans- und Posthumanismus (s. unten) weiter durchsetzen, wird die Bestrebung entstehen, dass Menschen sich vor ihrem biologischen Tod in eine elektronische Daseinsform überführen lassen. Ein Traum oder ein Albtraum? In dem Ansatz, dies probieren zu wollen, ist ein Reduktionismus des Menschlichen zu erkennen. Die Vielfalt der Reaktionsmöglichkeiten des Menschen, die Mannigfaltigkeit seiner genetischen Grundlagen und die Vielfalt der posttranslationalen Änderungen auf Proteinebene lassen es unmöglich erscheinen, dass entsprechende Variablen in Schaltkreise überführt werden können und gleichzeitig die ursprüngliche Individualität aufrechterhalten bleibt. Sicher können mit künstlicher Intelligenz komplexe Verhaltensweisen, die an menschliche Verhaltensweisen erinnern, programmiert werden – aber wie ein bestimmter Mensch in einer bestimmten Situation tatsächlich reagiert, kann nicht letztlich vorherberechnet werden – nicht einmal ein Mensch weiß über sich selbst mit Sicherheit, wie er in einer künftigen Entscheidungssituation handeln wird. Damit ist es auch unmöglich, die Verhaltensweise zu programmieren und in einen elektronischen Organismus zu überführen, der so auf zukünftige Ereignisse reagiert, wie es der Mensch, der als Grundlage für den elektronischen Organismus diente, getan hätte.

Ein anderes Beispiel ist die Miasmentheorie. Diese auf Hippokrates, den Begründer der Heilkunst, zurückgehende Theorie, ging davon aus, dass giftige Ausdünstungen des Bodens über die Luft verbreitet werden und zur Entstehung von Seuchen beitragen. Die Vorstellung von Miasmen war der Grund dafür, dass die Pestärzte des Mittelalters Gesichtsmasken trugen. Die Hypothese war, dass diese Gesichtsmasken vor den Miasmen schützten. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Bakterien und Viren als Ursachen der Infektionskrankheiten und Seuchen identifiziert und seither gilt die Miasmentheorie, die zuvor lange Jahrhunderte von führenden Wissenschaftlern im wissenschaftlichen Konsens als wahr gegolten hatte, als widerlegt. Wissen, auch Wissen, das von ‘führenden Wissenschaftlern’ vermittelt wird, hält nur so lange, bis es widerlegt wird.

Wenn selbst in den Wissenschaften immer das Bewusstsein vorhanden sein sollte, nicht im endgültigen Besitz der Wahrheit zu sein, so sollte erst recht die Bereitschaft da sein, alles jenseits des wissenschaftlichen Bereiches möglichst offen zu diskutieren und die möglichen Grenzen auszuloten. Gerade für die Fragen von weitreichender Bedeutung sollte doch freizügig und immer wieder und immer wieder und immer wieder eine offene Diskussion angestrebt werden. Denn dies sind ja die Fragen, die für unser Leben von größter Bedeutung sind.

Allerdings ist oft das Gegenteil der Fall: die Fragen, die die umfassendsten und weitestreichenden Themen adressieren, führen zu der stärksten emotionalen Beteiligung. Die emotionale Beteiligung setzt tolerantes und vernünftiges Denken außer Kraft. Wenn wir den Eindruck haben, dass unsere Existenz oder gar unser Leben in Gefahr ist, bestimmt unser ‘Angstgehirn’ den weiteren Ablauf – und das Angstgehirn ist nicht für seine rationalen Überlegungen bekannt, sondern für ‚Flucht oder Kampf‘. Und dies führt dazu, dass die als bedrohlich empfundenen Gedanken anderer ohne Rücksicht auf Verluste oder intellektuelle Skrupel bekämpft werden, oft einschließlich desjenigen, der diese Gedanken äußert. Wirkliche Weiterentwicklung und Reifung als Mensch ist jedoch nur möglich, wenn der Mensch sich seinen eigenen Ängsten stellt – und dadurch mit der Zeit eben auch wieder lernen kann, mit anderen zu reden, ohne die Schere im eigenen Kopf anzusetzen und andere Meinungen von vornherein von der Diskussion auszuschließen.

Leider herrscht die Angst nicht nur im persönlichen Dialog. Auch im Wissenschaftsbetrieb werden abweichende Meinungen unterbunden und Wissenschaftler verhindern, dass gegen die vorherrschende Meinung argumentierende Arbeiten anderer Wissenschaftler veröffentlicht werden – und Angst vor negativen Auswirkungen auf das eigene Ansehen ist einer der Gründe dafür.

Veröffentlichungen sind die Währungseinheiten, die im Wissenschaftsbetrieb zählen – möglichst viele Veröffentlichungen in möglichst prestigeträchtigen Journalen. In wissenschaftlichen Zeitschriften ist es üblich, dass die Arbeit, die ein Wissenschaftler zur Veröffentlichung vorlegt, von Fachkollegen, den Gutachtern, geprüft wird (Englisch: peer-review). Nur wenn die Gutachter eine positive Bewertung abgeben, entscheidet in aller Regel der Herausgeber, dass die eingereichte Arbeit auch tatsächlich veröffentlicht wird. So eröffnet sich aber leider für Wissenschaftler auch eine Möglichkeit, ihre wissenschaftlichen Konkurrenten und Gegner auf Abstand zu halten, in dem sie die Veröffentlichungen, die nicht mit den eigenen Forschungsergebnissen in Einklang zu bringen sind, nicht zur Veröffentlichung empfehlen.

Je prestigeträchtiger das Journal, desto kleiner und konstanter ist der Kreis der Gutachter. Wenn sich daher erst einmal eine Kernmeinung, ein allgemein akzeptierter ‚Konsens der vernünftigen Wissenschaftler‘ gefunden hat, dann ist es schwierig, Ergebnisse, die nicht zu dem ‚allgemeinen Konsens‘ passen, in einem renommierten Journal zu veröffentlichen.

Hat ein Wissenschaftler eine Reihe von wissenschaftlichen Arbeiten unter Anwendung einer bestimmten Methode veröffentlicht, z.B. der Anwendung von Fragebögen zur Einschätzung von Gedächtnisleistungen bei Patienten mit einer Alzheimer-Erkrankung, so würde diesem Wissenschaftler eine Veröffentlichung, die zu dem Ergebnis kommt, dass Fragebögen ungeeignet sind, nicht gut taugen. Es besteht daher eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass dieser Wissenschaftler beim zweiten Lesen des eingereichten Manuskriptes ganz besonders auf Schwachstellen achtet, aufgrund derer die Qualität der vorgebrachten Ergebnisse in Frage gestellt werden kann.

Bei jeder wissenschaftlichen Arbeit lassen sich genug Argumente finden, die so bewertet werden können, dass eine Veröffentlichung nicht empfohlen wird. Die untersuchte Stichprobe wird vom Gutachter als zu klein eingeschätzt oder als nicht allgemein genug. Es kann bezweifelt werden, dass die Einordnung in den wissenschaftlichen Kontext gelungen ist, oder es wird geurteilt, dass eine andere Methode der Datenerhebung oder Datenauswertung anzuwenden gewesen wäre, und vieles mehr. Das zusammenfassende Ergebnis wird sein, dass die eingereichte Arbeit einer unzureichenden Qualität bezichtigt wird und daher vom Gutachter nicht zur Veröffentlichung empfohlen wird. Mehr oder weniger bewusstseinsfern ist der Grund aber nicht selten, dass der begutachtende Wissenschaftler ungern die Ergebnisse eigener Arbeiten in Frage gestellt oder nicht ausreichend gewürdigt sieht, da sie ja die Grundlage seiner eigenen möglichen weiteren Karriere sind.

Die Zahl der Veröffentlichungen bestimmt nicht nur das wissenschaftliche Renommee, sondern auch die Karriere des einzelnen Wissenschaftlers. Die eigenen Interessenkonflikte nicht ausblenden zu können, ist daher wie ein Diebstahl des persönlichen Eigentums anderer – nehme ich doch Einfluss auf die Karriere, die Aufstiegschancen und die Verdienstmöglichkeiten des anderen Wissenschaftlers. Und mehr noch als in einem Bereich, in dem es zumindest theoretisch überprüfbare Zahlen und Arbeitsmethoden gibt – in der Wissenschaft – sind andere Veröffentlichungen der Tagespresse und der politischen und gesellschaftspolitischen Journale noch viel mehr der Subjektivität des Entscheidenden ausgeliefert. Die Bewertung einer Arbeit in diesen Bereichen ist viel subjektiver und der Einfluss des eigenen weltanschaulichen Hintergrunds ist viel größer, die möglichen Interessenkonflikte aber sicher nicht kleiner. Besteht nicht auch bei einem Angestellten einer Umweltschutzorganisation die Gefahr eines Interessenkonfliktes, wenn es um die Beurteilung der Folgen der Luftverschmutzung in den Städten geht? Sicher nicht mehr und nicht weniger als bei einem Angestellten der Autoindustrie oder einem Kraftwerksbetreiber – nur eben in entgegengesetzter Richtung. Keiner kann sich freimachen von der Gefahr des erkenntnisleitenden Interesses9.

Mit der Zeit setzt sich eine Meinung innerhalb einer Zeitschrift und Zeitung durch und je länger eine Zeitschrift oder Zeitung existiert, desto klarer ist dem Leser, welche Inhalte in dieser Zeitschrift oder Zeitung veröffentlicht werden. Dies ist so lange kein Problem für die wissenschaftliche oder gesellschaftliche Auseinandersetzung, wie es immer neue Zeitungen und Zeitschriften gibt, die auch Ergebnisse und Meinungen veröffentlichen, die nicht dem Mainstream entsprechen. Neue Printmedien werden in heutiger Zeit jedoch kaum noch gegründet, zu sehr haben sogar angesehene und traditionsreiche Printmedien angesichts der digitalen Konkurrenz ums Überleben zu kämpfen. Kritisch wird es besonders dann, wenn auch die digitalen Plattformen sich dazu entschließen, Plattform nur für eine Auswahl an Meinungen zu sein. Aufgrund der technischen Voraussetzungen gibt es nur eine geringe Zahl solcher digitalen Plattformen und die Einschränkung der Meinungsfreiheit auf diesen digitalen Plattformen hat daher umso größere negative Auswirkungen auf die Meinungsfreiheit in einer Gesellschaft.

Der Vorstandsvorsitzende von einer dieser Plattformen, Facebook, hat sich in einem Interview zur Regulierung von Inhalten geäußert. Für ihn, so antwortete er, sei nicht die Frage, ob man regulieren solle, sondern wie. Er formuliert in diesem Interview außerdem deutlich, dass für unterschiedliche Länder unterschiedliche Regeln angewendet werden10. Dies lässt befürchten, dass in Folge einer Tabuisierung von Meinungen in einer Gesellschaft auch die Möglichkeit genommen wird und werden wird, diese Meinungen über elektronische Medien zu äußern.

Im Vorfeld einer solchen Zensur von Meinungen nimmt in der öffentlichen Diskussion die Häufigkeit und die Intensität der emotionalen Reaktion auf eine ungewünschte Meinung zu. Empörung und emotionale Betroffenheit nehmen so schnell überhand, dass ein Dialog ohne Beleidigungen oder persönliche Verurteilungen nicht mehr möglich ist und zum Erhalt des gesellschaftlichen Friedens wird gefordert, Meinungen, die eine solche heftige Reaktion auslösen, zu unterlassen.

Teils geschieht eine solche emotionale Überflutung ohne bewusste Steuerung. Dies ist eine einengende, aber doch noch gutartigere Situation, als wenn die emotionale Überflutung gezielt eingesetzt wird, um Meinungen bewusst und zielgerichtet zum Verstummen zu bringen. Im ersten Fall besteht zumindest die Chance, Fakten und Sachverhalte zu erörtern – und was könnte für den Anhänger einer Meinung eigentlich schöner sein, als wenn er dann doch seine Argumente so vorbringen kann, dass die andere Seite überzeugt wird. Das Gegenüber wird dann nicht durch lautstarkes Übertönen und Einschüchterung gezwungen, ein Dogma zu glauben, sondern kann in mündiger Weise überzeugt werden. Nur so kann ja eigentlich eine aufgeklärte Gesellschaft mit ihren eigenen Mitgliedern umgehen.

Oft zeigt die Praxis aber den zweiten Fall. Die emotionale Überflutung einer Diskussion wird als Instrument eingesetzt. Gegner einer unwillkommenen Meinung sollen dann einfach nur zum Schweigen gebracht werden. Es ist dann gar nicht mehr der Wunsch vorhanden, einen Sachverhalt gleichberechtigt zu erörtern, sondern nur die gegenteilige Meinung zum Schweigen zu bringen. Es wird nur ein Scheindialog geführt und vom Gegenüber wird erwartet, bestimmte Dogmen anzuerkennen und sich nicht zu weit vom ‚Mainstream‘ zu entfernen - und damit implizit auch Zensur anzuerkennen. Ein Zweifel an der gesellschaftlich akzeptierten Lesart von Ereignissen, Gedanken oder Meinungen wird als unverzeihliches Sakrileg betrachtet und mit sozialer Ächtung bestraft. Mit Menschen, die die Gemeinschaft der (an dieses Dogma) Gläubigen verlassen (weil sie eine andere Meinung haben), darf kein offizieller Umgang mehr gepflegt werden. Der Mensch, der abweichende Meinungen vertritt, wird für unwert gehalten, an einem Gespräch teilzunehmen, und der soziale Umgang mit der Gemeinschaft der Rechtgläubigen soll unterbunden werden.

Als Beispiel eines solchen entarteten Dialogs und gesellschaftlicher Zensur kann die Auseinandersetzung um das globale Klima und die Verursachung des Wandels gelten. Es soll an dieser Stelle nicht um die inhaltlichen Aspekte gehen, sondern darum, wie die emotionale Überflutung eingesetzt wird, um eine Ausgrenzung anderer herbeizuführen. Der prominente Politiker Al Gore vertritt die Meinung, Leugner eines Klimawandels sollten bestraft werden11. Unbedachtere Exponenten dieser Meinung setzen die Leugnung eines menschenverursachten Klimawandels mit Mord gleich12 und fordern gar die Todesstrafe für die Leugnung eines menschenverursachten Klimawandels13.

Ein anderes Beispiel für das Überhandnehmen emotionaler Reaktionen ist die Diskussion um die Mohammed-Karikaturen. Im Islam ist es verboten, den Propheten Mohammed in satirischem Kontext zu erwähnen. Von muslimischer Seite wird dies nicht als eine religiöse Pflicht ausschließlich für Muslime betrachtet, sondern von allen Menschen gefordert. Als eine Zeitung in Dänemark Karikaturen mit dem Propheten Mohammed veröffentlichte, kam es von muslimischer Seite in vielen Ländern zu gewaltsamen Ausschreitungen und Bedrohungen für die Karikaturisten und die Zeitung, die die Karikaturen veröffentlichte, und alle, die die freie Meinungsäußerung auch für solche Karikaturen unterstützten14. Nach freiheitlichem Verständnis ist es nicht nachzuvollziehen, wie eine totalitäre Minderheit in der Lage ist, so starken Einfluss auf eine gesellschaftliche Auseinandersetzung in einem demokratischen Land zu nehmen und nicht eine einheitliche Ablehnung des Versuchs solcher totalitären Einflussnahme besteht. Die Forderung nach Unterlassung einer solchen satirischen Auseinandersetzung mit einer Religion, um gesellschaftlichen Frieden zu bewahren, ist eine Kapitulation vor Einschüchterung und Gewalt. Über viele andere Religionen werden Karikaturen gemacht und die Forderung nach Unterlassung von Satire gegen diese Religionen unterbleibt, weil anders als im Fall der Mohammed-Karikaturen von den Anhängern anderer Religionen keine Gewalt gegen die Satiriker angedroht wird.

Problematisch wird ein wissenschaftlicher Dialog besonders dann, wenn sich religiöse Autoritäten direkt in den Dialog einbringen. Papst Franziskus, das derzeitige Oberhaupt der katholischen Kirche, formuliert in der Enzyklika Laudato si, dass die Erderwärmung die Folge des Anstiegs der Konzentration von Treibhausgasen ist und hierdurch die durch das Sonnenlicht erwärmte Luft nicht die Erdatmosphäre verlassen könne15. Mit solchen Äußerungen durch religiöse Führer verlässt der Dialog den wissenschaftlichen Bereich und die Inhalte werden zu nicht diskutierbaren Glaubenssätzen. Das letzte Mal jedoch, als ein Papst sich direkt in die wissenschaftliche Diskussion eingemischt hatte und versuchte, wissenschaftliche Ergebnisse zu beurteilen, war dem kein Erfolg beschieden. Der Astronom Galileo Galilei hatte wissenschaftliche Daten gesammelt, die zeigten, dass die Erde sich um die Sonne dreht. Dies widersprach der gültigen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Meinung, dass sich die Sonne um die Erde bewegt. Die neue Erkenntnis widersprach dem erkenntnisleitenden Interesse der damaligen wissenschaftlichen, weltlichen und religiösen Autoritäten. Letztendlich verlangte der damalige Papst Urban der VIII. von Galileo den Widerruf seiner Lehre. Galileo verlas daraufhin am 22.06.1633 ein Dokument, in dem er dieser Lehre abschwor – auch wenn er später gemurmelt haben soll „…und sie bewegt sich doch“16.

Galileo Galilei wird heute für seine Rolle im Kampf gegen die wissenschaftliche Meinung des Papstes (die auf einer religiösen Fehlinterpretation beruhte) belobigt. Erst mit einer Verzögerung von mehr als 350 Jahren wurde Galileo durch einen späteren Papst, Johannes Paul II, auch offiziell von der Institution rehabilitiert, die ihm so große Schwierigkeiten bereitet hatte - das Vergehen an der Person Galileo lässt sich damit aber nicht mehr aus der Welt schaffen.

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