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Drum küsse, wer sich ewig bindet

Susan Mallery

Drum küsse, wer sich ewig bindet

Roman

Aus dem Amerikanischen von Gabriele Ramm

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

PROLOG

Vor fünfzehn Jahren …

Patience McGraw legte sich die Hand auf die Brust und überlegte, ob man wohl wirklich vor Angst sterben konnte. Oder vielleicht vor gespannter Erwartung? Die Gedanken wirbelten ihr durch den Kopf, ihre Kehle war wie zugeschnürt und sie stand hier, an dem vermutlich bedeutendsten Tag ihres Lebens, und bekam keine Luft mehr. Wie jämmerlich.

„Der Schnee schmilzt schon“, sagte Justice und deutete zu den Bergen, die sich im Osten hinter der Stadt erhoben.

Patience blickte in die Richtung und nickte. „Es wird wärmer.“

Es wird wärmer? Sie unterdrückte ein Stöhnen. Ging es noch geistloser? Warum war sie so nervös? Das hier war doch Justice, ihr bester Freund, seit er Anfang Oktober letzten Jahres nach Fool’s Gold gezogen war. Sie hatten sich in der Schulcafeteria kennengelernt, als sie gleichzeitig nach dem letzten Cupcake gegriffen hatten. Großzügig hatte er ihr den Kuchen überlassen, woraufhin sie angeboten hatte, ihn zu teilen. Da Justice älter war als sie, war sie davon ausgegangen, dass er ablehnen würde, doch stattdessen hatte er lächelnd zugestimmt, und am selben Tag waren sie Freunde geworden.

Sie kannte ihn. Sie unternahmen viel zusammen, spielten zusammen Videospiele, gingen gemeinsam ins Kino. Es machte Spaß. Es war völlig unkompliziert. Jedenfalls war es das bis vor ein paar Wochen noch gewesen, bis sie plötzlich in Justice’ dunkelblaue Augen geschaut und etwas empfunden hatte, was sie vorher noch nie verspürt hatte.

Ihre Mom hatte ihr versichert, dass das völlig normal sei. Patience war vierzehn, Justice sechzehn, und es war unwahrscheinlich, dass sie für immer Freunde bleiben würden. Aber Patience war sich nicht sicher, ob sie diese Veränderung begrüßen sollte oder nicht. Bisher hatte sie nie darüber nachdenken müssen, was sie sagen wollte. Hatte sich keine Sorgen darüber machen müssen, was sie anzog oder wie ihr Haar saß. Jetzt war sie ständig am Grübeln, was es sehr viel schwieriger machte, einfach nur zusammen rumzuhängen.

Nachdem sie jetzt seit zwei Monaten bei jedem Wort, jedem Gedanken, jeder Aktion ins Schwitzen geraten war, hielt sie es einfach nicht länger aus. Sie würde Justice die Wahrheit sagen. Dass sie ihn mochte. Dass sie mehr sein wollte als nur eine gute Freundin. Wenn er sie ebenfalls mochte, na ja, sie wusste nicht so genau, was dann wohl passierte, aber sie war überzeugt davon, dass es wunderbar werden würde. Wenn nicht, dann würde sie vermutlich an gebrochenem Herzen sterben.

Nebeneinander gingen sie durch die ruhigen Straßen von Fool’s Gold. Die kleine Stadt lag am Fuße der Sierra Nevada, und da der Frühling dabei war, den Winter zu vertreiben, zeigten sich bereits kleine Knospen an den Bäumen, und die ersten Narzissen und Tulpen der Saison schwankten in der leichten Nachmittagsbrise. Was alles absolut nichts damit zu tun hatte, dass Patience schreckliche Angst hatte. Denn auch wenn es sehr kitschig und extrem nach Stolz und Vorurteil – dem Lieblingsbuch ihrer Mutter – klang, über ein gebrochenes Herz zu reden, war es im wahren Leben vermutlich eine ziemlich schmerzhafte Angelegenheit.

Aber sie wollte es endlich wissen. Musste es wissen. Darum sollte sie es endlich hinter sich bringen und es ihm sagen. Sie musste sich endlich Gewissheit verschaffen und aufhören, sich darüber Gedanken zu machen. In zwei Wochen fand der Schulball statt, und sie wollte unbedingt mit Justice hingehen.

Sie war sich ziemlich sicher, dass er niemanden anders gern mochte. Obwohl er zwei Jahre älter war als sie, hatte er keine Freundin, sondern verbrachte seine Mittagspausen immer mit ihr. Allerdings hatte er noch nie versucht, sie zu küssen. Ganz sicher war sie sich nicht, was sie vom Küssen hielt. Wenn sie sich allerdings von einem Jungen küssen lassen würde, dann nur von Justice. Oh Gott, warum hatte sie auf einmal solche Bauchschmerzen?

„Patience?“

Sie zuckte zusammen. „Was?“

„Alles okay bei dir?“

Sie blieb stehen und presste sich ihre Bücher an die Brust. „Alles gut. Wieso fragst du?“

„Du bist so still. Ist irgendetwas nicht in Ordnung?“

Seine Augen sind so schön, dachte sie. Dunkel, dunkelblau. Kleine Fältchen erschienen in den Augenwinkeln, wenn er lachte, was leider nicht allzu häufig war. Er hatte ein umwerfendes Lächeln. Zwar war er noch immer ziemlich schlaksig, so als wäre er zu schnell gewachsen, trotzdem sah er toll aus. Und er war immer so süß zu ihr.

„Justice, ich muss dich was fragen.“

Er nickte und wartete, während er sie anschaute. „Sicher. Was denn?“

Sie öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Vor lauter Angst und Panik bekam sie keinen Ton heraus und …

„Hey, Justice.“

Sie drehten sich um und sahen Ford Hendrix über die Straße auf sie zukommen. Patience atmete tief durch, einerseits erleichtert über die Unterbrechung, andererseits frustriert.

Ford war eins von sechs Geschwistern. Dunkle Haare, dunkle Augen. Sämtliche Mädels fanden, dass er richtig heiß aussah, doch Patience hatte nur Augen für Justice.

„Diese Arbeit in Geschichte war doch wohl echt nicht zu glauben, oder?“, meinte Ford. Er und Justice waren im selben Alter und hatten eine Reihe von Unterrichtsfächern gemeinsam. „Hallo, Patience.“

„Hi.“

Gemeinsam setzten sie den Weg nach Hause fort, und die Chance für Patience, ihr Herz zu offenbaren, war vertan.

„Mann, warum müssen wir diesen Kram überhaupt wissen?“, fragte Ford. „Der Erste Weltkrieg ist doch nun echt schon seit hundert Jahren oder so vorbei. Und dieser Aufsatz ist …“

„Echt brutal“, beendete Justice den Satz für ihn.

Patience blickte zu ihm hinüber und sah, wie Justice sie mit fragender Miene beobachtete. Sie schluckte, als ihr bewusst wurde, dass er sie womöglich darauf ansprechen würde, worüber sie mit ihm hatte reden wollen. In Fords Gegenwart konnte sie aber auf gar keinen Fall darüber sprechen. Er war ja ganz nett, aber das ging nun wirklich nicht!

„Ich, ähm, muss schnell nach Haus“, sagte Patience. „Ich nehme heute die Abkürzung. Bis morgen.“

„Patience, warte.“

Sie ließ Justice stehen und flüchtete eilig, indem sie um eine Hausecke bog und durch einen Nachbargarten lief.

Am nächsten Morgen war Patience entschlossen, keine Sekunde länger zu warten. Sie musste Justice endlich die Wahrheit sagen. Sie hatte eine schreckliche Nacht hinter sich, hatte sich im Bett hin und her gewälzt und nicht schlafen können, weil sich ihr vor Angst der Magen verkrampfte. Das konnte sie nicht länger aushalten. Sie würde mutig sein. Sie würde ehrlich sein. Und wenn wirklich alles total schieflaufen sollte, dann, davon war sie überzeugt, würde ihre Mom notfalls auch bereit sein umzuziehen.

Wie jeden Morgen seit ein paar Monaten machte sie sich auf den Weg zu dem Haus, in dem Justice wohnte. Nur dass sie heute vor Aufregung kaum schlucken konnte. Er wohnte ein paar Straßen näher an der Stadt, sodass sie auf dem Weg zur Schule sowieso bei ihm vorbeikam. Während sie den Bürgersteig entlangging, schaute sie zu dem kleinen Haus, das er zusammen mit seinem Onkel bewohnte. Normalerweise saß Justice immer schon auf den Verandastufen und wartete auf sie. Heute Morgen nicht.

Ahnte er etwas? Hatte er herausgefunden, was sie ihm sagen wollte? Fand er das total bescheuert? Hielt er sie für eine Vollidiotin? War ihm das alles so absolut peinlich, dass er nicht einmal mehr mit ihr reden wollte?

Voller Panik eilte sie die Stufen hoch. Wenn es so schlimm war, dann wollte sie es wenigstens schnell hinter sich bringen. Er sollte ihr einfach die Wahrheit sagen, damit sie sich keinerlei Hoffnungen mehr zu machen brauchte. Dann würde ihr das Herz brechen, und sie könnte darüber hinwegkommen und …

Abrupt blieb sie auf der Veranda stehen, als ihr auffiel, dass die Haustür einen Spaltbreit offen stand. So als wenn jemand vergessen hatte, sie zu schließen, nachdem er hinausgeeilt war. Patience runzelte die Stirn und machte noch einen Schritt auf die Tür zu.

„Justice? Alles in Ordnung?“

Sie klopfte einmal, und die Tür schwang auf.

Schon Dutzende von Malen war sie in dem kleinen Haus gewesen. Es gab ein Wohnzimmer mit einem angrenzenden winzigen Essbereich und einer Küche dahinter. Im hinteren Teil des Hauses befanden sich zwei Schlafzimmer und ein Badezimmer. Sie erinnerte sich an ein Sofa und ein paar Stühle sowie irgendeine Art von Couchtisch.

Doch davon war jetzt nichts mehr zu sehen. Das Wohnzimmer war genauso leer geräumt wie das Esszimmer dahinter. Es war absolut nichts mehr vorhanden – weder ein Kissen noch eine Umzugskiste oder auch nur ein Stück Papier. Es sah so aus, als hätte hier überhaupt nie jemand gewohnt.

Langsam ging Patience durch das Haus. In der Stille, die hier herrschte, klang sogar ihr Atem laut. Sie begriff das alles nicht. Wie konnte es angehen, dass alles verschwunden war?

Die Küche sah genauso unbewohnt aus wie der Rest des Hauses. Die Schränke standen offen, auf den Regalen lag nichts mehr herum. Kein Geschirr stand in der Spüle, in den Schubladen lag kein Besteck. Und auch in Justice’ Schlafzimmer fand sich keine Spur davon, dass er überhaupt je hier gelebt hatte.

Sie ging zurück ins Wohnzimmer und blinzelte gegen die plötzlich aufsteigenden Tränen an. Langsam drehte sie sich im Kreis, während die Angst in ihr wuchs.

Das alles war irgendwie unheimlich. Menschen verschwanden nicht einfach über Nacht. Irgendetwas musste passiert sein. Etwas Schlimmes.

Sie rannte aus der Tür und lief den ganzen Weg zurück nach Hause. Schon als sie zur Hintertür hereinstürmte, rief sie nach ihrer Mom.

„Justice ist weg! Er ist weg, und sein Onkel ist weg und all ihr Zeug auch!“

Ihre Mutter kam ins Wohnzimmer. „Wovon redest du?“

Patience erzählte ihr, was passiert war. Ava schnappte sich eine Jacke und folgte ihrer Tochter aus der Hintertür. Zehn Minuten später blickte sie sich entgeistert in dem leeren Haus um. Weitere fünfzehn Minuten später war die Polizei da.

Patience beobachtete das Geschehen und lauschte der Unterhaltung. Niemand wusste, was hier geschehen war. Niemand hatte etwas gehört oder gesehen. Aber sie waren sich alle einig, dass es sich um eine äußerst merkwürdige Angelegenheit handelte. Justice und sein Onkel waren verschwunden. Es war fast so, als wären sie niemals da gewesen.

1. KAPITEL

Stutzen Sie mal meine Augenbrauen“, meinte Alfred und wackelte mit seinen weißen, buschigen Brauen, während er sprach. „Ich will sexy aussehen.“

Patience McGraw musste sich ein Lächeln verkneifen. „Oho, Sie haben wohl einen aufregenden Abend mit Ihrer Frau geplant, was?“

„Sie sagen es.“

Das hätte sich durchaus romantisch angehört, wenn Alfred und seine bezaubernde Frau einen Tick jünger, als, na ja, fünfundneunzig gewesen wären. Patience musste sich sehr beherrschen, um ihm nicht lautstark zu raten, in seinem Alter lieber vorsichtig zu sein. Andererseits vermutete sie, dass die viel wichtigere Lektion hieß, dass wahre Liebe und Leidenschaft ein ganzes Leben lang halten konnten.

„Da werde ich ja direkt neidisch“, sagte sie zu ihrem Kunden, während sie ihm sorgfältig die Augenbrauen stutzte.

„Sie haben sich ja auch einen absoluten Dreckskerl von Mann ausgesucht“, meinte Alfred und zuckte mit den Schultern. „Wenn Sie meine Ausdrucksweise entschuldigen wollen.“

„Ich kann mich wohl kaum darüber beschweren, dass Sie die Wahrheit sagen“, erwiderte Patience und überlegte sich, wie es wohl wäre, in einer größeren Stadt zu leben, wo nicht jeder sämtliche Einzelheiten aus dem Leben des anderen kannte. Aber sie war in Fool’s Gold geboren worden. Sie war damit aufgewachsen, dass es zwischen Freunden und Nachbarn so gut wie keine Geheimnisse gab.

Was bedeutete, dass die ganze Stadt auch über ihr Privatleben Bescheid wusste. Sie war bereits mit achtzehn schwanger geworden, und der „Dreckskerl von Mann“, der Vater des Babys, hatte sich schon nach nicht einmal einem Jahr aus dem Staub gemacht.

„Sie finden schon noch jemanden“, versprach Alfred ihr und tätschelte ihren Arm. „Bei einem hübschen Mädchen wie Ihnen müssten die Männer doch meilenweit Schlange stehen.“

Sie lächelte. „Wie lieb von Ihnen, das zu sagen. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glatt annehmen, Sie flirten mit mir.“

Alfred zwinkerte ihr zu.

Trotz seiner Komplimente musste sie leider zugeben, dass weit und breit kein Mann für sie in Sicht war. Fool’s Gold bot in der Hinsicht keine allzu große Auswahl, und als alleinerziehende Mutter musste sie besonders vorsichtig sein. Hinzu kam die Tatsache, dass die meisten Männer, die sie traf, nicht daran interessiert waren, sich um das Kind eines anderen zu kümmern.

Während Patience nach der Schere griff, um noch ein paar abstehende Haare zu kürzen, redete sie sich ein, dass sie mit ihrem Leben ganz zufrieden war. Wenn sie die Wahl hätte, würde sie viel lieber ihr eigenes Geschäft aufmachen, als sich zu verlieben. Aber hin und wieder sehnte sie sich doch nach einer Schulter zum Anlehnen. Nach einem Mann, dem sie ihre Liebe schenken konnte und der für sie da war.

Jetzt trat sie einen Schritt zurück und begutachtete Alfreds Spiegelbild. „Sie sehen ja noch besser aus als vorher“, sagte sie und legte die Schere beiseite, bevor sie ihm den Frisierumhang abnahm.

„Kaum zu glauben“, erwiderte Alfred grinsend.

Sie lachte.

„Patience?“

Die männliche Stimme war ihr nicht vertraut, doch sie drehte sich trotzdem um. Ein Mann stand im Eingang des Salons.

Gleich mehrere Dinge auf einmal schossen ihr durch den Kopf. Alfred war ihr letzter Kunde für heute. Wenn der Mann nur Laufkundschaft wäre, würde er sie nicht mit Namen ansprechen. Er war groß, hatte dunkelblondes Haar und tiefblaue Augen. Seine Schultern waren breit, und er hatte die Art von Gesicht, das sich auch gut auf einer Kinoleinwand machen würde. Nett, aber Patience hatte nicht die geringste Ahnung, wer er sein …

Ihr glitt der Frisierumhang aus den Händen, als sie noch einmal genauer hinschaute, während der Mann auf sie zukam. Er war einige Zentimeter größer, sehr viel muskulöser, aber seine Augen … Die waren noch genau dieselben. Noch immer bildeten sich kleine Fältchen in den Augenwinkeln, wenn er, so wie jetzt, lächelte.

„Hallo, Patience.“

Auf einmal war sie wieder vierzehn und stand, so verängstigt wie noch nie in ihrem Leben, in dem leeren Haus. Man hatte keine Antworten gefunden. Weder damals noch seitdem. Das Rätsel war niemals gelöst worden. Geblieben waren nur Fragen und das bedrückende Gefühl, dass etwas ganz furchtbar schiefgelaufen war.

„Justice?“, fragte sie mit einer Stimme, die nur ein Hauch war. „Justice?“

Er hob nur leicht die Schulter. Die vertraute Geste genügte, und schon lief Patience durch den Salon und warf sich Justice an den Hals, entschlossen, ihn diesmal festzuhalten.

Er fing sie auf und drückte sie fast genauso fest an sich, wie sie sich an ihn klammerte. Er war warm und stark und real. Sie presste ihren Kopf an seine Schulter und atmete tief ein. Es war ein frischer, maskuliner Duft, der ihr dabei in die Nase stieg, und der hatte nichts mehr gemein mit dem Jungen, an den sie sich erinnerte. Das kann doch alles gar nicht wahr sein, dachte sie noch immer völlig benommen. Justice konnte doch nicht zurück sein.

Und dennoch stand er hier. Aber aus dem Jugendlichen war ein Mann geworden, und daher wurde ihr die Situation im nächsten Augenblick auch etwas unangenehm. Patience trat einen Schritt zurück und stemmte die Hände in die Hüften.

„Was ist passiert? Du hast mich verlassen! Wohin, zum Teufel, bist du verschwunden? Ich hatte solche Angst um dich. Die ganze Stadt hat sich Sorgen um dich gemacht. Ich habe sogar die Polizei angerufen.“

Justice sah sich im Salon um. Patience brauchte seinem Blick gar nicht zu folgen, um zu wissen, dass sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit standen. Sie war daran gewöhnt, dass man in einem Friseursalon neugieriges Interesse bekundete, aber Justice fand das vermutlich eher unangenehm.

„Wann kannst du Pause machen?“, fragte er.

„In fünf Minuten. Alfred ist mein letzter Kunde für heute.“

„Ich warte draußen auf dich.“

Damit drehte er sich um und verließ den Salon. Seine ganze Haltung strahlte Kraft und Entschlossenheit aus.

Kaum war die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen, stürmten Patience’ Kolleginnen und die Hälfte der Kundinnen auch schon auf sie zu.

„Wer ist das?“, wollte Julia, ihre Chefin, wissen. „Was für ein gut aussehender Mann.“

„Ich hab’ ihn schon mal hier in der Stadt gesehen“, warf eine andere Frau ein. „Mit dieser Balletttänzerin, letzten Herbst. Er war ihr Leibwächter.“

„Ist er hierhergezogen?“

„Ist das ein Exfreund von dir?“

Alfred räusperte sich. „Lassen Sie es gut sein, meine Damen. Lassen Sie Patience doch wenigstens ein wenig Platz zum Atmen.“

Patience lächelte ihn dankbar an. Er bezahlte und gab ihr ein Trinkgeld von fünfzig Cent. So werde ich nie reich, dachte sie, als sie ihn zur Tür begleitete und ihn zum Abschied auf die Wange küsste.

Nachdem Alfred gegangen war, kehrte sie zu ihrem Arbeitsplatz zurück und räumte schnell auf. Julia beobachtete sie mit unverhohlener Neugier.

„Morgen erzählst du mir aber alle Einzelheiten, okay?“, meinte sie.

„Natürlich.“

Von seinem Leben zu erzählen gehörte genauso zum Leben in Fool’s Gold wie der Brauch, mit einem Auflauf oder Eintopf aufzukreuzen, wenn jemand geboren, gestorben oder ernsthaft krank war. Auch wenn Patience vielleicht nicht alle Details ihrer bevorstehenden Begegnung mit einem Mann aus ihrer Vergangenheit preisgeben wollte, letztlich war das gar nicht ihre Entscheidung.

Sie verschwand noch einmal schnell auf der Toilette, um sich davon zu überzeugen, dass sie nicht auf ihr schwarzes T-Shirt gekleckert hatte. Nachdem sie ihr langes braunes Haar aus dem Pferdeschwanz gelöst hatte, dachte sie kurz darüber nach, dass sie sich schon längst mal wieder hätte Strähnchen machen lassen sollen, dass es nicht schlecht gewesen wäre, wenn sie geschminkt gewesen wäre und vielleicht ein wenig aufregender und nicht ganz so durchschnittlich aussehen würde. Doch dann zuckte sie nur mit den Schultern. Sie war, wer sie war, und daran konnte sie jetzt auch nichts mehr ändern, es sei denn, sie unterzöge sich einer Schönheits-OP und/oder einer totalen Runderneuerung.

Also begnügte sie sich damit, ein wenig Lipgloss aufzutragen und noch ein letztes Mal über ihr „Chez Julia“-T-Shirt zu streichen. Zwei Minuten später hatte sie sich ihre Handtasche geschnappt und trat hinaus auf den Bürgersteig.

Justice war noch da. Die gesamten ein Meter achtzig von ihm. Er trug einen dunklen Anzug, ein strahlend weißes Oberhemd und eine graue Krawatte.

„Vor fünfzehn Jahren hast du dich nicht so schnieke gekleidet“, meinte sie.

„Gehört zum Beruf.“

„Was zu der Frage führt, was ist das für ein Beruf? Aber das kann warten.“ Sie musterte ihn und versuchte, diesen Mann mit dem Teenager in Einklang zu bringen, den sie gekannt und geliebt hatte. Na ja, vielleicht nicht wirklich geliebt, aber den sie sehr gemocht hatte. Er war im Grunde ihr erster großer Schwarm gewesen. Sie hatte es ihm sagen wollen, hatte mit ihm gehen wollen, aber dann war er auf einmal verschwunden gewesen. „Was ist passiert?“

Er blickte sich um. „Kann ich dich zu einem Kaffee einladen?“

„Sicher.“ Sie deutete zum anderen Ende der Straße. „Da hinten gibt es einen Starbucks.“

Gemeinsam gingen sie den Bürgersteig entlang. Tausend Fragen schwirrten Patience durch den Kopf, doch irgendwie schaffte sie es nicht, auch nur eine davon zu formulieren. Sie war sowohl neugierig als auch schüchtern – eine Mischung, die eine Unterhaltung nicht gerade einfach machte.

„Wie lange bist du …“

„Ich hätte gedacht, dass du …“

Sie hatten beide gleichzeitig geredet.

Patience seufzte. „Wir haben unseren Rhythmus verloren. Das ist wirklich traurig.“

„Der kommt schon wieder“, versicherte er ihr. „Gib uns eine Minute Zeit.“

Inzwischen waren sie vor dem Starbucks angekommen, und Justice hielt ihr die Tür auf. Bevor sie an ihm vorbeiging, blieb sie kurz stehen.

„Willst du hierbleiben?“, fragte sie. „Für immer oder zumindest für eine Weile?“

„Ja.“

„Kein plötzliches Verschwinden mitten in der Nacht?“

„Nein.“

Sie nickte. „Ich wusste wirklich nicht, was ich davon halten sollte. Es hat mir solche Angst gemacht.“

Sein Blick ruhte auf ihrem Gesicht. „Es tut mir leid. Ich wusste, dass du dir Sorgen machen würdest. Ich hätte dich gern informiert, aber das konnte ich nicht.“

Als sie ein paar ältere Frauen näher kommen sah, huschte Patience schnell ins Café. Während sie zum Tresen ging, zog sie ihre Starbucks-Karte heraus, doch Justice bedeutete ihr, sie wieder einzustecken.

„Ich lade dich ein“, sagte er. „Das ist das Mindeste, was ich tun kann, nach allem, was geschehen ist.“

„Ha. Statt mich zur Entschuldigung auf ein Steak einzuladen, gehst du mit mir Kaffee trinken.“

Das Lächeln, das er ihr als Erwiderung schenkte, war so vertraut, dass Patience einen Stich ins Herz verspürte. Gleichzeitig verspürte sie ein sehr ausgeprägtes „Wow – was für ein toller Typ“-Kribbeln im Bereich unterhalb ihres Bauchnabels. Es war schon so lange her, dass sie eine Sekunde brauchte, ehe sie begriff, dass es sich um sexuelle Anziehungskraft handelte.

Wie jämmerlich, dachte sie, als sie wie üblich einen großen Latte macchiato Vanille bestellte. Dieses Treffen mit Justice war das Date-Ähnlichste, was sie in den letzten fünf oder sechs Jahren zustande gebracht hatte. Sie musste wirklich mal öfter ausgehen. Und sobald sie ein bisschen mehr Freizeit hatte, würde sie definitiv daran arbeiten.

„Einen großen Kaffee, schwarz“, bestellte Justice.

Patience verdrehte die Augen. „Sehr maskulin. Was mich natürlich überhaupt nicht überrascht.“

Er warf ihr noch ein strahlendes Lächeln zu. „Was? Sehe ich etwa nicht wie ein Soja-Chai-Typ aus?“

„Nein, aber ich würde glatt dafür bezahlen, zu sehen, wie du einen trinkst.“

„So viel Geld gibt es auf der ganzen Welt nicht.“

Sie gingen einen Schritt zur Seite und warteten auf ihre Bestellung, die sie dann zu einem Tisch in einer Ecke trugen.

„Du willst wahrscheinlich mit dem Rücken zur Wand sitzen, richtig?“, fragte sie und setzte sich auf den Platz, der ihm erlaubte, genau das zu tun.

„Wie kommst du darauf?“

„Jemand hat erzählt, du wärst ein Bodyguard. Stimmt das?“

Er setzte sich ihr gegenüber, und seine breiten Schultern und die muskulöse Figur schienen den Raum um ihn herum geradezu herauszufordern.

„Ich arbeite für eine Firma, die Personenschutz anbietet“, gab er zu.

An ihrem Kaffee nippend, meinte sie: „Kannst du nicht einfach Ja sagen?“

„Was?“

„Die Antwort lautet Ja. Wäre das nicht einfacher, als mir zu erzählen, dass du für eine Firma arbeitest, die Personenschutz anbietet?“

Er beugte sich vor. „Warst du damals, als wir noch Kinder waren, auch schon so eine Nervensäge?“

Sie grinste. „Ich bin mit dem Alter weicher geworden.“ Sie hob ihren Becher. „Willkommen zurück, Justice.“

Patience’ braune Augen funkelten vor Vergnügen, genauso wie Justice es in Erinnerung hatte. Sie war ein wenig größer geworden und hatte faszinierende weibliche Kurven bekommen, aber ansonsten war sie noch immer dieselbe. Keck, dachte er. Das war kein Wort, das er als Teenager benutzt hätte, aber eins, das jetzt perfekt zu ihr passte. Die Patience, an die er sich erinnerte, hatte immer vehement ihre Meinung vertreten und diese auch ohne zu zögern verkündet. Wie es aussah, hatte sich daran nichts geändert.

Sie blickte sich in dem Café um und seufzte. „Es gibt, na, wie viele hiervon im ganzen Land? Fünf Millionen? Wir brauchen etwas anderes.“

„Gefällt dir Starbucks nicht?“

„Doch, doch“, erwiderte Patience, während sie an ihrem Latte nippte. „Ich liebe Starbucks. Aber findest du nicht, dass eine Stadt wie Fool’s Gold auch ein eigenes Café haben sollte? Ich würde zu gern mein eigenes eröffnen. Alberne Idee, oder?“

„Warum ist das albern?“

„Es ist kein großer Traum. Sollten Träume nicht großartig sein? Zum Beispiel, dass man davon träumt, den Hunger auf Erden zu bekämpfen?“

„Jeder hat das Recht auf eigene Träume.“

Sie musterte ihn. „Wovon träumst du?“

Er war kein Träumer. Er wünschte sich das, was andere Menschen für selbstverständlich hielten. Die Chance, so zu sein wie alle anderen auch. Nur würde das leider niemals Wirklichkeit werden.

„Den Hunger auf Erden zu bekämpfen.“

Sie lachte. Dieses fröhliche Lachen katapultierte ihn zurück zu der Zeit, als sie noch Teenager gewesen waren. Er war gezwungen gewesen, jeden Tag, jede Sekunde zu lügen. Man hatte ihm geraten, möglichst keine Freundschaften zu schließen oder sich zu sehr einzuleben, aber er hatte sich nicht daran gehalten, sondern Patience für sich allein haben wollen. Selbst damals hatte er gewusst, dass er anders war, und dennoch hatte er sich nichts sehnlicher gewünscht, als dazuzugehören. Die Freundschaft zu ihr war der einzig „normale“ Teil seines Lebens gewesen. Er hatte sie gebraucht, um überleben zu können.

Seine Entscheidung war egoistisch gewesen, und sie hatte den Preis für diese Entscheidung zahlen müssen. Als er hatte verschwinden müssen, hatte er ihr nicht sagen können, warum. Später dann war ihm bewusst gewesen, dass er sie in seine Welt hineinziehen würde, wenn er wieder Kontakt zu ihr aufnähme. Er hatte Patience zu gern gehabt, um sie dem auszusetzen.

Was hatte er also jetzt für eine Entschuldigung? Während er ihr in die Augen schaute, wurde ihm klar, dass er einmal mehr das gewählt hatte, was er wollte, anstatt darauf Rücksicht zu nehmen, was gut für sie wäre. Aber er hatte dem Ruf der Vergangenheit einfach nicht länger widerstehen können. Vielleicht hatte er insgeheim gehofft, dass Patience nicht so toll war, wie er sie in Erinnerung hatte. Nun musste er sich mit der Tatsache anfreunden, dass sie sogar noch besser war.

Sie beugte sich zu ihm vor. „Du bist mir jetzt lange genug ausgewichen, Justice. Was ist vor all den Jahren passiert? Du bist praktisch von einer Sekunde auf die andere verschwunden.“

Noch immer trug sie ihr braunes Haar lang. Er erinnerte sich daran, dass es auch früher schon leicht gewellt gewesen war und beim Gehen hin und her geschwungen war. Sexy.

Er war damals zu alt für sie gewesen. Jedenfalls hatte er sich das eingeredet, wann immer er in Versuchung geraten war, sie zu küssen. Ein Achtzehnjähriger, der sich als Sechzehnjähriger ausgab, um den Mann auszutricksen, der ihn umbringen wollte.

„Ich war im Zeugenschutzprogramm.“

Ihre Augen weiteten sich und sie starrte ihn mit offenem Mund an.

Justice ließ die Worte sacken und nutzte den Moment, um sich die cartoonmäßig gezeichnete Friseurin auf ihrem schwarzen „Chez Julia“-T-Shirt anzuschauen. Die Haarkünstlerin schwang ihre Schere mit komischer Hingabe.

„Soll das ein Witz sein?“, fragte Patience. „Ernsthaft? Hier?“

„Gibt’s einen geeigneteren Ort als Fool’s Gold?“

„Das kann doch nicht wahr sein. Das hört sich wie ein Thriller aus dem Kino an.“

„Es war leider ziemlich real.“ Er trank einen Schluck Kaffee und dachte an seine Vergangenheit, über die er nur selten sprach. Selbst seinen engsten Freunden hatte er keine Einzelheiten anvertraut.

„Mein Vater war ein Berufsverbrecher“, begann er langsam. „Er gehörte zu der Sorte Männern, die glauben, die Gesellschaft schulde ihnen ihren Lebensunterhalt. Er hat ein Ding nach dem anderen gedreht. Wenn er auch nur halb so viel Mühe in einen richtigen Job gesteckt hätte, hätte er ein Vermögen verdienen können, aber das war nicht seine Art.“

Patience sah ihn entgeistert an und umklammerte ihren Kaffeebecher. „Bitte, bring mich mit deiner Geschichte nicht zum Weinen.“

Er hob eine Schulter. „Ich werde mich bemühen, es bei den schlichten Fakten zu belassen.“

„Weil die mich nicht zu Tränen rühren werden?“ Sie holte tief Luft. „Okay, schlechter Vater. Und dann?“

„Als ich siebzehn war, haben er und ein paar Kumpel von ihm einen Lebensmittelladen überfallen. Der Eigentümer und ein Angestellter wurden dabei getötet, und mein Dad war derjenige, der die Schüsse abgefeuert hatte. Die Freunde wurden geschnappt und verrieten meinen Dad. Bart. Sein Name war Bart Hanson.“ Justice war als Bart Hanson Junior geboren worden, doch diesen Namen hatte er schon vor Jahren abgelegt. Er hatte ihn ganz legal ändern lassen, weil er nichts mehr mit seinem Vater zu tun haben wollte.

„Die Polizei hat ein Sondereinsatzkommando geschickt, um ihn festzunehmen. Dad hatte jedoch nicht vor, sich kampflos zu ergeben. Er hatte alles genau geplant und wollte so viele Polizisten wie möglich mit in den Tod reißen. Ich habe erkannt, was er vorhatte, und bin ihm auf den Rücken gesprungen. Dadurch habe ich ihn lange genug abgelenkt, damit die Polizei ihn verhaften konnte. Er war nicht glücklich über mein Verhalten.“

Eine Untertreibung, dachte er. Sein Vater hatte ihn verflucht und geschworen, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um Rache an seinem Sohn zu üben. Jeder, der Bart Hanson kannte, war davon überzeugt, dass der durchaus in der Lage wäre, sein einziges Kind zu töten.

„Das ist ja furchtbar. Wo war denn deine Mutter?“

„Sie war schon Jahre vorher gestorben. Bei einem Autounfall.“

Er machte sich nicht die Mühe zu erwähnen, dass die Bremsleitungen ihres Wagens durchgeschnitten worden waren. Die Polizei hatte vermutet, dass Bart dahintersteckte, doch sie waren nicht in der Lage gewesen, es ihm zu beweisen.

„Als ich gegen meinen Vater ausgesagt habe, wurde aus seiner Verärgerung pure Wut. Direkt nach der Verurteilung ist er aus dem Gefängnis ausgebrochen und hat sich auf die Suche nach mir gemacht. Man brachte mich im Zeugenschutzprogramm unter und schaffte mich hierher. Da haben wir uns getroffen.“

Patience schüttelte den Kopf. „Das ist unglaublich und beängstigend. Ich fasse es nicht, dass du das alles durchstehen musstest. Du hast nie irgendwelche Andeutungen gemacht oder …“ Sie schaute ihn erstaunt an. „Siebzehn? Du warst siebzehn? Ich dachte, du wärst fünfzehn gewesen. Wir haben doch sogar deinen sechzehnten Geburtstag zusammen gefeiert.“

„Ich habe gelogen.“

„Über dein Alter.“

„Das gehörte zum Schutzprogramm. Ich war zwei Jahre älter, als du geglaubt hast. Das bin ich noch immer.“

An ihrer Miene konnte er ablesen, dass sie diesen Witz nicht lustig fand. „Ich war erst vierzehn.“

„Ich weiß. Deshalb habe ich auch nie …“ Er griff nach seinem Kaffee. „Wie auch immer, mein Dad wurde hier in der Gegend gesichtet. Damals lebte ich mit einem Marshal zusammen, der sich als mein Onkel ausgab. Es wurde die Entscheidung getroffen, mich sofort von hier wegzubringen. Ich hätte es dir gern erzählt, Patience. Aber das konnte ich nicht. Bis mein Dad dann endlich gefangen genommen und eingesperrt wurde, verging eine lange Zeit. Ich war mir nicht sicher, ob du dich noch an mich erinnern würdest.“

Und auch nicht sicher, ob er sich mit ihr in Verbindung setzen sollte. Sogar jetzt war die bereinigte Version seiner Vergangenheit noch schwer für sie zu verkraften. Sie sah ziemlich benommen aus. Er hatte das alles erlebt und konnte selbst manchmal nicht glauben, dass es wirklich passiert war.

„Was ist aus deinem Vater geworden?“, wollte sie wissen. „Sitzt er immer noch hinter Gittern?“

„Er ist tot. Im Gefängnis brach ein Feuer aus, bei dem er starb.“

Bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, dachte er. Bart hatte anhand zahnärztlicher Abdrücke identifiziert werden müssen. Ein furchtbarer Tod, dachte Justice, noch immer in dem Bewusstsein, dass er für den alten Herrn nichts empfand. Nichts weiter als Erleichterung darüber, dass sein Vater tot war.

Die Frage, wie viel von seinem Vater in ihm selbst steckte, war eine, die er nicht mit Patience zu diskutieren gedachte. Das sparte er sich für einsame Nächte auf, wenn die Dämonen anrückten. Patience gehörte nicht zu diesen Schattenseiten. Sie war das Licht in seinem Dunkel, und er wollte nicht, dass sich daran etwas änderte.

„Mir schwirrt der Kopf“, gab sie zu und stellte ihren Kaffeebecher ab. „Weißt du, was das Verrückteste an der ganzen Sache ist? Dass mich die Tatsache, dass du achtzehn und nicht sechzehn warst, tatsächlich weit mehr überrascht als der Umstand, dass du in einem Zeugenschutzprogramm warst, weil dein Vater dich umbringen wollte. Das bedeutet wohl, dass mit mir etwas nicht stimmt. Dafür entschuldige ich mich.“

Er lächelte sie an. „Zumindest weißt du Prioritäten zu setzen.“

Einen Moment lang musterte sie ihn, bevor sie den Blick senkte. „Ich kann mir nicht vorstellen, was du durchgemacht haben musst. Und hier war ich, voller Selbstmitleid, weil ich so schrecklich in dich verknallt war. Ich wollte dir das sagen. An dem letzten Tag, aber dann kam Ford dazwischen.“

Er redete sich ein, dass diese Information interessant, aber nicht wichtig war. Trotzdem verspürte er ein gewisses Gefühl der Befriedigung, dem ein Gefühl des Verlustes folgte. Schon oft hatte er sich gefragt, was geschehen wäre, wenn er einfach nur ein normaler Junge gewesen wäre, der in Fool’s Gold aufgewachsen war. Leider war ihm dieses Glück nicht vergönnt gewesen.

Tief im Inneren wusste er, wäre er ein halbwegs anständiger Mensch, würde er sofort wieder von hier verschwinden. Ein Mann wie er hatte in Patience’ Leben keinen Platz. Aber er konnte jetzt nicht gehen, genauso wenig wie er die Zeit hier in Fool’s Gold hatte vergessen können.

„Ich erinnere mich an den Tag“, gab er zu. „Du hast so gewirkt, als würde dir etwas auf der Seele liegen.“

„Stimmt. Du. Mit vierzehn begann mein kleines, mädchenhaftes Herz jedes Mal zu zittern, wenn ich in deiner Nähe war.“

Das gefiel ihm. „So schlimm?“

Sie nickte. „Die Tatsache, dass du an niemand anderem Interesse gezeigt hast, hat mir Hoffnung gemacht, aber ich befürchtete, dass du mich nur als gute Freundin siehst. Also war ich entschlossen, dir endlich die Wahrheit zu sagen. Was mich in Angst und Schrecken versetzt hat. Denn was wäre gewesen, wenn du meine Gefühle nicht erwidert hättest?“

„Ich mochte dich. Aber ich war zu alt für dich.“

„Das ist mir jetzt auch klar.“ Sie grinste. „Achtzehn. Wie kann das angehen? Ich bin völlig perplex. Bestimmt erhole ich mich davon, aber ich brauche noch ein bisschen Zeit.“ Ihr Lächeln schwand. „Justice, als du weg warst, das war … Na ja, wir haben dich alle vermisst und uns Sorgen um dich gemacht.“

Er griff über den Tisch und berührte sacht ihre Hand. „Ich weiß. Es tut mir leid.“

„Es war so, als wärst du überhaupt nie da gewesen. Ganz lange bin ich noch an dem Haus vorbeigegangen und habe gehofft, dass du auf genauso rätselhafte Weise wieder auftauchen würdest, wie du verschwunden warst.“

Natürlich hatte er gehofft, dass sie das tun würde. Zumindest sich selbst gegenüber konnte er das zugeben. Sehr häufig hatte er an Patience gedacht und sich gefragt, ob sie sich wohl an ihn erinnerte. An manchen Tagen waren es allein die Erinnerungen an sie gewesen, die ihm geholfen hatten, den Tag zu überstehen.

„Bist du wirklich im letzten Herbst hier gewesen?“, fragte sie.

„Ganz kurz. Ich habe eine Auftraggeberin begleitet.“

„Dominique Guérin. Ich weiß. Ich bin mit ihrer Tochter befreundet.“ Patience neigte den Kopf. „Warum bist du damals nicht zu mir gekommen?“

Ehe er sich eine Entschuldigung ausdenken konnte, die besser klang als: „Ich hatte Bedenken“ – was zugegebenermaßen nur eine milde Umschreibung für die Tatsache war, dass er Schiss gehabt hatte –, kam ein Mädchen ins Café. Sie war vielleicht zehn oder elf Jahre alt, hatte langes braunes Haar und vertraut wirkende braune Augen. Sie schaute sich um und schlängelte sich dann zu ihrem Tisch durch.

„Hallo, Mom.“

Patience drehte sich um und lächelte. „Hey, Baby. Woher wusstest du, dass ich hier bin?“

„Julia hat mir gesagt, dass du Kaffee trinken gehen wolltest.“ Ihr Blick wanderte zu Justice. „Mit einem Mann.“

Patience seufzte. „Die Leute in dieser Stadt lieben Klatsch und Tratsch.“ Sie legte einen Arm um das Mädchen. „Lillie, das ist Justice Garrett. Er ist ein Freund von mir. Justice, das ist meine Tochter Lillie.“

2. KAPITEL

Kaum hatte Patience das Wort Tochter ausgesprochen, ahnte sie schon, dass es Probleme geben könnte. Wie sollte sie in Gegenwart ihrer Tochter lässig erwähnen, dass sie nicht verheiratet war, während Justice’ Blick direkt zu ihrem Ringfinger wanderte? Genauso verwirrend war das drängende Verlangen, geradeheraus zu verkünden: „Ich bin Single.“ Ein Verlangen, dem sie jedoch nicht nachgab. Justice mit Informationen zu versorgen war eine Sache. Komplett verzweifelt zu klingen eine völlig andere.

„Hallo“, sagte Lillie. Sie lehnte sich an Patience und wirkte sowohl schüchtern als auch neugierig. „Woher kennen Sie Mom?“

„Ich kannte sie schon, da war sie kaum älter als du jetzt.“

Lillie drehte sich zu ihr herum. „Stimmt das, Mom?“

„Mhm. Ich war damals vierzehn. Justice hat eine Weile hier gewohnt. Dann musste er jedoch wegziehen. Wir sind alte Freunde.“

Mehr Freunde als alt, dachte sie. Jedenfalls hoffte sie das.

Sie behielt einen Arm um ihre Tochter gelegt. „Lillie ist zehn und das cleverste, talentierteste und schönste Mädchen in ganz Fool’s Gold.“

Ihre Tochter kicherte. „Das sagt Mom immer.“ Sie beugte sich zu Justice hinüber und senkte die Stimme. „Es stimmt natürlich nicht, aber sie liebt mich, deshalb glaubt sie das wirklich.“

„Das ist die beste Art von Liebe, die man bekommen kann.“

Patience war drauf und dran, damit herauszuplatzen, dass sie nicht verheiratet war, als ihr einfiel, dass sie auch nichts über Justice’ Privatleben wusste. Sie holte tief Luft und kämpfte gegen die Hitze an, die ihre Wangen glühen ließ. Was war, wenn er die eine Hälfte eines glücklichen Paares war, zu dem womöglich ein Dutzend bezaubernder Kinder gehörte?

Oh, warum nur hatte sie so spontan zugegeben, dass sie mal in ihn verknallt gewesen war, ohne vorher ein paar Fakten einzuholen? Sie musste wirklich endlich anfangen, erst zu denken und dann zu reden. In den Abendnachrichten wurden immer wieder Geschichten von Achtzigjährigen gezeigt, die noch einen Highschool-Abschluss gemacht oder das Lesen gelernt hatten. Da würde sie es doch wohl noch schaffen, sich beizubringen, vor dem Reden erst einmal nachzudenken.

„Justice ist wieder hierher nach Fool’s Gold gezogen“, erklärte Patience. „Er wird …“ Sie hielt inne. „Ich habe keine Ahnung, was du hier machen willst.“

„Ich eröffne eine Trainingseinrichtung für Bodyguards. Meine Partner und ich haben noch nicht alle Details ausgearbeitet, aber wir wollen Sicherheitstraining für Profis anbieten sowie Teambildungskurse und Survival-Training für Manager.“

„So was macht man draußen, oder?“, fragte Lillie.

„Zum Teil, ja.“

„Mom mag nicht gern nach draußen gehen.“

Justice schaute sie fragend an.

„Ich bin kein großer Fan von schlechtem Wetter und Dreck“, erklärte Patience. „Aber es ist nicht so, dass ich in einer Seifenblase leben muss.“ Sie lächelte schwach. „Also, ähm, dann ziehst du also mit deiner Familie hierher?“

„Sie haben Familie?“, hakte Lillie nach. „Auch Kinder?“

„Nein. Ich bin allein.“

Ein Punkt für mich, dachte Patience erleichtert. „Lillie ist die Einzige, die ich habe“, sagte sie und hoffte, dass das ganz beiläufig klang. „Ihr Dad und ich haben uns schon vor langer Zeit getrennt.“

„Ich kann mich nicht einmal an ihn erinnern“, erklärte Lillie. „Ich sehe ihn auch nie.“ Sie sah aus, als wollte sie noch etwas hinzufügen, schwieg dann jedoch.

Patience hatte gehofft, dass Justice irgendeine Art von Reaktion zeigen würde, wenn er erfuhr, dass sie nicht verheiratet war. Eine Siegerfaust wäre natürlich perfekt gewesen, aber seine Miene verriet überhaupt nichts darüber, was er dachte. Immerhin war er nicht sofort davongelaufen. Das konnte man vielleicht schon mal als gutes Zeichen werten. Und es war schließlich nicht so, dass sie ihn gesucht hätte oder sie sich einfach nur zufällig über den Weg gelaufen waren, sondern er hatte sie extra aufgesucht.

Andererseits war er vermutlich schon seit Jahren nicht mehr im Zeugenschutzprogramm, hatte aber keinerlei Anstalten gemacht, sich mit ihr in Verbindung zu setzen. Es war immer dasselbe, sämtliche Männer in ihrem Leben neigten dazu, zu verschwinden. Ihr Vater. Lillies Dad. Justice. Okay, Justice war nicht freiwillig gegangen, aber er hatte auch nichts unternommen, um sie wiederzusehen. Jedenfalls bis jetzt nicht.

Patience holte tief Luft. Sie brauchte ein wenig Distanz, um alles im richtigen Licht betrachten zu können. Justice war ein alter Freund. Es war nicht erforderlich, dass sie jetzt und hier ein Urteil über seinen Charakter fällte. Sie hatte noch Besorgungen zu erledigen und musste sich um tausend andere Dinge in ihrem Leben kümmern. Doch sie wollte gern mehr Zeit mit ihm verbringen, wollte den Mann kennenlernen, zu dem er geworden war. Aber nicht hier, nicht mitten in der Stadt.

„Komm doch zum Abendessen vorbei“, sagte sie, ehe sie lange darüber nachdenken konnte. „Bitte. Ich würde gern mehr über dich erfahren, und ich weiß, dass Mom dich auch gern wiedersehen würde.“

Seine Miene wurde weicher. „Lebt sie immer noch hier in der Gegend?“

„Wir wohnen alle zusammen“, erklärte Lillie ihm. „Mom und ich und Grandma. Es ist ein Frauenhaus.“

Patience lachte. „Das ist ganz offensichtlich ein Wort, das sie schon öfter gehört hat.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich wohne wieder zu Hause. Nach meiner Heirat bin ich natürlich ausgezogen, dann aber mit Lillie wieder zurückgezogen. Es ist für uns alle die beste Lösung.“ Ava hatte Gesellschaft, Patience hatte Unterstützung, sodass sie sich nicht ganz so sehr wie eine Alleinerziehende fühlte, und Lillie bekam die Beständigkeit, nach der Kinder sich sehnten.

In seinen dunklen, blauen Augen entdeckte sie kein Anzeichen dafür, dass er sie in irgendeiner Weise verurteilte, wofür sie dankbar war. „Wie geht es deiner Mom?“

„Ganz gut. Sie hat gute und schlechte Tage.“

„Heute Abend gibt es Lasagne“, erzählte Lillie ihm. „Mit Knoblauchbrot.“

Justice schenkte ihr ein nettes Lächeln. „Na dann. Wie kann ich dazu Nein sagen?“ Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Patience. „Um welche Uhrzeit?“

„Passt dir sechs Uhr?“

„Ja.“

Sie stand auf. „Wunderbar. Bis nachher dann. Weißt du noch, wo das Haus ist?“

Er erhob sich ebenfalls und nickte. „Ja. Dann bis um sechs.“

Patience zwang sich, ganz normal zu gehen. Am liebsten wäre sie jedoch gelaufen oder wenigstens gehüpft oder gesprungen. Aber das hätte einer Erklärung bedurft und wahrscheinlich zu diversen Anrufen besorgter Mitbürger bei der Polizei geführt.

Lillie erzählte munter von ihrem Schultag. Patience gab sich große Mühe, ihr zuzuhören, doch es fiel ihr schwer. Immer wieder kehrten ihre Gedanken zu der unerwarteten Begegnung mit Justice zurück. Sie konnte es kaum fassen, dass er ohne Vorwarnung hier aufgetaucht war. Wie ein Schatten aus der Vergangenheit.

Sie bogen auf die Einfahrt zum Haus, und einen Moment lang blieb Patience stehen und betrachtete es kritisch, während sie sich fragte, was Justice wohl sehen würde.

Die Fassadenfarbe war eine andere als früher. Ein helles Gelb statt Weiß. Der Winter war spät hereingebrochen und hatte erst am Heiligabend Schnee gebracht, doch der war dann lange liegen geblieben. Narzissen, Krokusse und Tulpen waren erst Mitte März aus dem Boden geschossen und hatten endlich wieder Farbe in den Garten gebracht. Die letzten dieser Blüten leuchteten noch in voller Pracht, bevor sie schon bald in den wärmeren Frühlingstagen dahinwelken würden. Der Rasen sah nicht allzu schlecht aus, und die Veranda wirkte einladend. Am letzten Wochenende hatte Patience die Bank und zwei Stühle rausgestellt.

Das Haus selbst verfügte über zwei Stockwerke. Wie so viele andere Häuser in diesem Stadtteil auch, war es aus den 1940er-Jahren, und an den großen Fenstern und den kleinen Details wie den Einbauten und den hübschen Verzierungen konnte man erkennen, dass es mit viel handwerklichem Geschick erbaut worden war.

Lillie lief die Treppen hinauf und war als Erste an der Tür.

Innen hatte sich, abgesehen von einem anderen Sofa und ein paar neueren Geräten in der Küche, nicht viel verändert. Als Patience kurz nach ihrer Scheidung wieder hierhergezogen war, hatte ihre Mutter ein paar Neuerungen vornehmen lassen. Von den drei Schlafzimmern im Obergeschoss hatte man die beiden kleineren Räume zu einem vernünftig großen Raum ausgebaut. Ein weiteres großes Schlafzimmer war bereits im Erdgeschoss angebaut worden. Der Anbau, der angesichts von Avas Gesundheitszustand notwendig geworden war, ragte in den Garten hinein.

Als Patience dreizehn gewesen war, hatte man bei ihrer Mutter Multiple Sklerose diagnostiziert. Wenn es eine gutartige Form dieser Krankheit gab, dann hatte Ava sie. Die Symptome verschlimmerten sich nur langsam, und sie war noch immer mobil. Aber es gab auch harte Tage, und das Treppensteigen war inzwischen für sie zu anstrengend geworden. Aufgrund des zusätzlichen Schlafzimmers im Erdgeschoss war es aber auch nicht mehr nötig.

„Grandma, Grandma, weißt du, wen ich heute getroffen habe?“, rief Lillie, als sie ins Haus stürmte.

Ava saß in ihrem Arbeitszimmer. Ein offener Bereich mit einem Schreibtisch, drei Computerbildschirmen und Tastaturen. Ein technisches Wunderwerk, das sogar die NASA neidisch gemacht hätte. Offenbar übersprangen solche Begabungen immer eine Generation. Lillie konnte fast alles mit einem Computer anstellen, während Patience schon Probleme hatte, ihr Smartphone zu bedienen.

„Wen hast du getroffen?“, fragte Ava und breitete die Arme aus.

Lillie lief auf sie zu und bekam ihre nachmittägliche Umarmung. Sie hielten sich ein paar Sekunden lang fest in den Armen, ein tägliches Ritual, das Patience immer wieder mit Freude erfüllte.

„Justice Garrett“, sagte Patience, die im Türrahmen des Arbeitszimmers stehen geblieben war.

Ihre Mutter starrte sie an. „Der Junge, der verschwand?“

„Genau der. Er ist wieder in der Stadt, und er ist kein Junge mehr.“

Ava lächelte. „Na, das will ich doch wohl auch hoffen. Aber er hat so einiges zu erklären. Was ist damals passiert? Hat er gesagt, wohin er gegangen ist?“

„Er war in einem Zeugenschutzprogramm.“

Ava riss die Augen auf. „Ehrlich?“

Patience warf einen Blick zu Lillie, um ihrer Mutter zu bedeuten, dass sie jetzt nicht darüber reden mochte. Ihre zehnjährige Tochter brauchte nicht zu wissen, dass es Eltern gab, die so schrecklich waren, dass sie ihre eigenen Kinder umbringen wollten.

„Wir haben ihn zum Abendessen eingeladen“, verkündete Lillie. „Er hat Ja gesagt, nachdem ich ihm erzählt habe, dass es Lasagne gibt.“

„Natürlich“, meinte ihre Großmutter. „Wer kann einer Lasagne schon widerstehen?“

Lillie lachte.

„Er kommt um sechs.“ Patience schaute auf ihre Armbanduhr. Das hieß, sie hatte gerade noch genug Zeit, um zu duschen, sich zu schminken und sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was sie anziehen sollte.

Ava musterte sie vergnügt. „Du willst dich vermutlich fertig machen.“

„Ich dachte, ich ziehe mir nur schnell was anderes an. Ist ja keine große Sache.“

„Natürlich nicht.“

„Er ist nur ein alter Freund.“

„Ja, das ist er.“

Patience grinste. „Mach nicht mehr draus, als es ist.“

„Als ob ich so etwas tun würde.“

„Ohne mit der Wimper zu zucken.“

Um zwanzig Minuten vor sechs stand Patience in ihrem Schlafzimmer. Sie hatte geduscht, sich ihr langes, gewelltes Haar geföhnt, bis es glatt war, und ihr Arbeits-T-Shirt gegen ein hellgrünes Twinset und die schwarze Jeans gegen eine schmal geschnittene dunkelblaue Hose ausgetauscht. Dann hatte sie ein Kleid angezogen, anschließend eine Bluse, bevor sie sich schließlich für eine Jeans und ein langärmliges T-Shirt entschieden hatte, das sie zur Königin von allem ernannte. Sie war alleinerziehende Mutter einer Zehnjährigen und wohnte im selben Haus, in dem sie aufgewachsen war, mit ihrer Mutter zusammen. Es gab auf der ganzen Welt kein Outfit, das diese Tatsachen vertuschen konnte. Was nicht hieß, dass sie irgendetwas an ihrem Leben ändern würde. Oder sich dafür entschuldigen wollte. Sie hatte für sich und ihre Tochter ein schönes Leben aufgebaut. Es waren nur die Gedanken an Justice, die sie nervös machten. Entweder würde er ihre Entscheidungen, seien sie nun gut oder schlecht gewesen, akzeptieren, oder er würde wieder verschwinden.

Sie ging nach unten und fand ihre Mutter und Lillie bereits in der Küche. Der Tisch war gedeckt und darauf standen die letzten Tulpen aus dem Garten. Der Duft nach Lasagne und Knoblauch durchströmte das Haus.

„Entspann dich“, riet ihre Mutter ihr.

„Ich bin entspannt. Aufgekratzt und entspannt. Eine tolle Mischung.“

Ava lächelte amüsiert. „Okay, kommt Justice denn allein?“

„Ja. Er hat gesagt, dass er nicht verheiratet ist.“

„Und er hat keine Kinder“, warf Lillie ein. „Er sollte eine Familie haben.“

Patience wandte sich an ihre Mutter. „Wehe, du machst irgendwelche Bemerkungen.“

„Ich? Ich freue mich doch nur, dass ein alter Schulfreund von dir wieder in der Stadt ist. Mehr nicht.“

„Haha. Vergiss das nur nicht.“

„Ich bin allerdings ziemlich neugierig, was seine Vergangenheit angeht.“

Patience unterdrückte ein Stöhnen. „Bitte, Mom, tu’s nicht.“

„Ich bin die Mutter“, erinnerte Ava sie zwinkernd. „Ich darf so ziemlich alles tun.“

Justice stand auf dem Bürgersteig und starrte auf das so vertraut wirkende Haus. Es hatte sich nur sehr wenig verändert. Die Farbe, vielleicht der Garten, aber sonst war alles noch wie früher. An der Seite entdeckte er eine neue Rollstuhlrampe, aber die führte zur Hinter- und nicht zur Vordertür. Für Ava, dachte er.

Als er die Treppen hinaufstieg, wappnete er sich, gespannt, was ihn wohl erwartete. Patience’ Mutter hatte ihn immer in ihrem Heim willkommen geheißen. Sie war nett und mütterlich gewesen. Als ein Kind, das in einer Atmosphäre der Angst aufgewachsen war, hatte er die Zuneigung, die sie ihm entgegengebracht hatte, geradezu aufgesogen. Sie war für ihn fast so etwas wie ein emotionaler Hafen gewesen, und er hatte sie beinahe genauso vermisst wie Patience, als er damals verschwinden musste.

Er wusste nicht viel über Multiple Sklerose, außer, dass es eine erbarmungslose, grausame und unheilbare Krankheit war. Er redete sich ein, dass er bestimmt schon Schlimmeres gesehen hatte. Dass es sein Job war, nicht auf Äußerlichkeiten zu reagieren. Nachdem er noch einmal tief durchgeatmet hatte, klingelte er.

Lillie öffnete ihm schon Sekunden später strahlend die Tür. „Hallo“, sagte sie fröhlich. „Wie schön, dass Sie da sind. Ich bin schon fast verhungert, und das Knoblauchbrot riecht so lecker.“ Sie trat zurück, damit er reinkommen konnte, und drehte sich dann um und brüllte: „Mom, Mr Garrett ist da.“

Patience kam in den Flur. „Im Haus wird nicht gerufen, weißt du noch?“ Sie schaute ihn an. „Hallo.“

„Auch hallo. Danke für die Einladung.“

Sie sah gut aus. Ihr Haar war lang und glatt und glänzte verführerisch. Beinahe hätte er die Hand ausgestreckt, um es zu berühren. Sie trug Jeans und ein T-Shirt, auf dem ein Mädchen mit einer Krone auf dem Kopf abgebildet war. „Queen of Everything“ stand darunter. Ihr Körper hatte Kurven an den genau richtigen Stellen, und wenn sie ihn anlächelte, fühlte es sich an wie ein Boxhieb in den Magen. Die vierzehnjährige Patience hatte seine Stimme dazu gebracht, sich zu überschlagen. Die erwachsene Patience war körperlich attraktiv, emotional wunderschön und intellektuell herausfordernd. Eine sehr gefährliche Mischung.

Schon immer hatte er sich bemüht, nicht so wie sein Vater zu sein. Wenn er mal nicht wusste, was er tun sollte, überlegte er, was Bart getan hätte und entschied sich für das Gegenteil. Jetzt wurde ihm bewusst, dass es das Anständigste wäre, schnell wieder zu verschwinden. Nur leider wollte er das gar nicht.

„Gern geschehen“, erwiderte Patience. „Ich freue mich drauf, zu hören, was du in den letzten Jahren so getrieben hast.“

Er reichte ihr die Flasche Wein, die er mitgebracht hatte. Ein guter kalifornischer Cabernet, von dem der Verkäufer gemeint hatte, dass er gut zu Pasta passen würde. Ihre Finger berührten sich, und Justice spürte die sexuelle Anziehungskraft, die sofort wieder aufloderte. Innerlich fluchend, machte er ganz bewusst einen Schritt zurück. Auf keinen Fall. Nicht mit Patience. Er weigerte sich, eine der wenigen erfreulichen Erinnerungen, die er in seinem Leben hatte, zu zerstören. Sie war eine gute Freundin, mehr nicht.

„Da bist du ja. Und so erwachsen.“

Er drehte sich zu der Stimme um und sah Ava ins Zimmer kommen.

Sie sieht noch genauso aus wie früher, dachte er erleichtert. Es war kein Gefühl, das seinem Charakter zur Ehre gereichte, aber er akzeptierte es und konnte mit dem Makel leben. Es war ihm wichtig, dass Ava wohlauf war. Nicht nur, weil es für sie gut war, sondern auch seinetwegen. Damit er die Verbindung zur Vergangenheit aufrechterhalten konnte.

Sie war einige Zentimeter kleiner als Patience, hatte jedoch das gleiche braune Haar. Allerdings war ihres lockig und reichte ihr bis knapp zur Schulter. Sie besaß große braune Augen und ein fröhliches Lächeln. Als sie die Arme ausbreitete, ging er instinktiv auf sie zu.

Sie umarmte ihn fest. Er hatte ganz vergessen, wie es sich anfühlte, von Ava in den Arm genommen zu werden. Diese Mischung aus Akzeptanz und Zuneigung zu spüren. Sie hielt ihn so fest, als wollte sie ihn nie wieder gehen lassen, als würde sie immer für ihn da sein. Sie umarmte ihn wie eine Mutter, die wirklich alle Kinder liebte und wollte, dass sie es spürten. Als er noch ein Kind gewesen war, hatte Ava eine Art Offenbarung für ihn dargestellt. Die Marshals, die sich um ihn gekümmert hatten, hatten zwar ihr Möglichstes getan, um ihm ein stabiles Heim zu bieten, aber sie waren letztlich doch nichts weiter als Angestellte. Ava hingegen war die Mom seiner besten Freundin gewesen. Sie hatte Kekse für ihn gebacken und mit ihm darüber gesprochen, dass er aufs College gehen sollte. So als wäre er eines ihrer Kinder.

„Ich war ziemlich nervös, dich zu treffen“, gab er zu, sprach dabei aber so leise, dass nur sie es hören konnte.

Sie drückte ihn noch einmal fest an sich, bevor sie ihn losließ. „Ich habe gute und schlechte Tage.“ Sie deutete mit dem Kopf nach hinten.

Justice folgte ihrem Blick und sah den Rollstuhl in einer Ecke des Arbeitszimmers stehen.

„Heute ist definitiv ein guter Tag“, fuhr sie fort und sah ihn dabei direkt an. „Wir haben uns damals solche Sorgen um dich gemacht.“

„Ich weiß. Es tut mir leid. Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich euch Bescheid gesagt.“

„Du bist zurückgekommen. Das ist jetzt das Einzige, was zählt.“ Sie drehte sich zu ihrer Enkelin herum. „Du bist hungrig, oder?“

Aufgeregt herumhüpfend entgegnete Lillie: „Ja, und wie! Ich verhungere gleich.“

Ava reichte dem Mädchen die Hand. „Dann lass uns mal zusehen, dass wir den Salat auf den Tisch bringen. Patience, warum bittest du Justice nicht, die Weinflasche zu öffnen, die er mitgebracht hat?“

Patience wartete, bis die beiden in die Küche verschwunden waren, ehe sie sich zu ihm beugte. „Wie du siehst, ist sie noch immer diejenige, die hier das Sagen hat.“

„Sie ist wunderbar und sieht toll aus. Mit ihrer Krankheit …“ Er war sich nicht sicher, was er fragen wollte.

Patience nickte und führte ihn zu einer Anrichte im Esszimmer. Aus einer Schublade holte sie einen Korkenzieher heraus.

„Sie hatte ein paar üble Schübe, doch dann war die Krankheit rückläufig. Sie ist zwar nicht geheilt, aber im Moment ist das Krankheitsbild nicht aggressiv. Im Normalfall kann Mom keine Treppen steigen. Vermutlich könnte sie es, aber es kostet sie einfach viel zu viel Kraft. Hauptsächlich hat sie Probleme mit den Beinen, was aber bedeutet, dass sie problemlos arbeiten kann.“

Ava war Software-Designerin. Damit hatte sie schon begonnen, als Computer noch etwas Neues waren. Ihr Job gestattete es ihr, von zu Hause aus zu arbeiten – ein zusätzliches Plus angesichts der Tatsache, dass ihr Ehemann sie kurz nach der Diagnose ihrer Krankheit verlassen hatte. Als Patience ihm das damals erzählt hatte, war Justice klar geworden, dass ein Vater nicht eine Waffe ziehen oder seine Fäuste benutzen musste, um seiner Familie wehzutun. Schmerz konnte die unterschiedlichsten Formen annehmen.

Schnell schob er den Gedanken beiseite und machte sich daran, die Weinflasche zu entkorken, während Patience passende Gläser aus der Anrichte nahm.

„Sie ist der tapferste Mensch, den ich kenne“, fuhr sie fort. „Sie ist immer so fröhlich und fürsorglich. Ich würde angesichts der schreienden Ungerechtigkeit am liebsten in die Luft gehen, doch sie bleibt ganz gelassen.“ Sie lächelte. „Ich möchte gern so wie meine Mom sein, wenn ich einmal groß bin.“

„Sie hat auch mich inspiriert“, gab er zu. „Immer wenn ich mich in schwierigen Situationen befunden habe, habe ich an Ava gedacht und mich daran erinnert, wie gut es mir geht.“

Patience blinzelte ein wenig, so als müsste sie gegen die Emotionen ankämpfen. „Du bist ein gerissener Kerl, Justice Garrett. Du hättest mich mit bedeutungslosen Komplimenten bombardieren können, doch stattdessen überwindest du meine Schutzmauern, indem du so etwas über meine Mutter sagst.“

„Ich habe es ehrlich gemeint“, erwiderte er und schaute ihr in die Augen. Der Duft, den sie verströmte, hatte etwas Frisches, Blumiges. Doch es ist kein Parfum, dachte er und erinnerte sich. Es war einfach Patience’ Duft. „Ich bin nicht gerissen. Ich sage nur die Wahrheit. Ich weiß, was es braucht, um mutig zu sein, und deine Mom hat es.“ Er kannte die Gefahr von zu viel Nähe, doch er konnte nicht widerstehen und streckte die Hand aus, um sacht über Patience’ Wange zu streichen. „Ich bin es, Patience. Ich weiß, es ist lange her, aber du brauchst vor mir keine Schutzmauern zu errichten.“

Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, da bereute er sie auch schon und wünschte sich, er hätte den Mund gehalten. Patience hatte allen Grund, vor ihm auf der Hut zu sein.

In der Küche fiel etwas zu Boden. Patience drehte sich zu dem Lärm um, und Justice nutzte die Ablenkung, um den Wein in die Hand zu nehmen und auf diese Weise wieder Distanz zwischen ihnen zu schaffen.

Fünfzehn Minuten später saßen sie alle am Tisch. Lillie hatte am Weinglas ihrer Mutter gerochen und das Gesicht verzogen. Das rieche „eklig“, hatte sie erklärt. Die Lasagne stand auf der Arbeitsfläche und wartete nur darauf, serviert zu werden, doch zunächst gab es Salat.

Patience hob ihr Glas. „Willkommen zu Hause, Justice“, sagte sie.

„Danke.“

Nachdem alle einen Schluck getrunken hatten, stellte Lillie ihre Milch hin und wandte sich an ihre Großmutter.

„Mr Garrett ist Bodyguard.“ Sie zog die Nase kraus. „Wie im Fernsehen, oder?“

Patience hatte ihn als Mr Garrett vorgestellt, weil sie Wert auf eine gute Erziehung legte, und demzufolge hielt Lillie sich daran. „Wenn es für deine Mom okay ist, dann kannst du mich gern Justice nennen.“

Lillie strahlte. „Ist das okay, Mom?“

„Natürlich.“

Lillie setzte sich ein wenig aufrechter hin und räusperte sich. „Justice ist ein Bodyguard, Grandma.“

„Habe ich gehört.“ Ava schaute ihn an. „Das klingt gefährlich. Ist es das?“

„Manchmal. Doch meistens beschütze ich reiche Leute, die an gefährliche Orte reisen. Ich sorge dafür, dass ihnen nichts passiert.“

„Was machst du denn dann jetzt in Fool’s Gold?“, fragte Patience. „Unsere kleine Stadt ist ja nun wirklich alles andere als gefährlich. Hat das mit deiner neuen Firma zu tun?“

Er nickte und schaute Ava an. „Ich baue hier gemeinsam mit ein paar Kollegen eine Firma auf. Wir bieten Training für Sicherheitsfirmen an.“

Ava sah interessiert aus. „Eine Leibwächterschule?“

„Na ja, eigentlich ist es ein wenig umfangreicher. Wir bilden in Strategie, Schusswaffen und Ausrüstung aus. Dazu kommen tagesaktuelle Berichte zu den unterschiedlichsten Konflikten in verschiedenen Teilen der Welt. Und für größere Firmen bieten wir Teambildungskurse an, für die wir unseren Hindernisparcours und andere Aktivitäten einsetzen.“

Patience blinzelte. „Wow. Dagegen ist mein Traum von einem Café ja geradezu jämmerlich.

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