Logo weiterlesen.de
drink, play, f@#k

ANDREW GOTTLIEB

drink
        play
    f@#k

Roman

Übersetzung aus dem
amerikanischen Englisch von
Claudia Geng

BASTEI ENTERTAINMAENT-Logo

BASTEI ENTERTAINMENT

 

Die Wahrheit ist mächtig und
wird siegen. Daran gibt es
nichts auszusetzen,
außer, dass es nicht stimmt.1

Mark Twain

0 oder

Einleitung oder

Wie dieses Buch funktioniert oder

Die siebenunddreißigste und
die achtunddreißigste Nummer

Der französische Mathematiker Blaise Pascal, der im siebzehnten Jahrhundert lebte, gehört zu denen, die lange vor allen anderen fast alles erfunden haben, allerdings nur indirekt. Computer, Toilettenspülung, Armbanduhr … Pascal hat es knapp versäumt, all diese wunderbaren Errungenschaften der modernen Welt zu vermachen. Er war zwar auf dem richtigen Weg, kam aber nie im Bahnhof an. Abgesehen von ein paar mathematischen Lehrsätzen und Dreiecken und solchem Zeug war seine größte echte Erfindung nur das Nebenprodukt eines weiteren Fehlschlags. Bei dem erfolglosen Versuch, ein Perpetuum mobile zu entwickeln, schuf Pascal unbeabsichtigt das Rouletterad – ein fantastisches Gerät mit sechsunddreißig Zahlen und sechsunddreißig Möglichkeiten, ein Vermögen zu gewinnen oder sein ganzes Geld zu verlieren.

In Hunderten Casinos, von Reno in Nevada über Atmore in Alabama bis zu Coconut Creek in Florida, kann man an den Roulettetisch gehen, auf eine der Zahlen setzen und das Fünfunddreißigfache einsacken. Wenn man ein Casino gefunden hat, in dem hohe Einsätze erlaubt sind, kann man aus 6250 Dollar in wenigen Sekunden 218750 Dollar machen, bloß weil man früher im Baseballteam die Rückennummer siebzehn hatte und morgens mit dem Gefühl aufwachte, einen Glückstag zu haben.

Ich habe viel Zeit in Casinos verbracht, und ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung versichern, dass es fast nichts Schöneres gibt – Sex, Drogen, Sport, Partys, Alkohol, Liebe, Nachtisch, frische Bettlaken, frisches Obst und Religion inbegriffen –, als beim Roulette zu gewinnen. Und ich kann Ihnen außerdem versichern, wenn man beim Roulette baden geht, fühlt sich das an, als ob einem ein wütender Biker mit Riesenfäusten in die Eier haut.

Früher hatte ich nicht so eine differenzierte Ansicht von der hohen Kunst des Glücksspiels. Mein Name ist Bob Sullivan2, und ich war nur einer von vielen überbezahlten Kundenbetreuern, der Stunde um Stunde in einer großen Werbeagentur in Manhattan absaß, während ich mich durch ein Leben voller Komfort, Zukunftsperspektiven und – nennen wir das Kind beim Namen – Langeweile treiben ließ. Die Langeweile endete jedoch schlagartig, als meine Frau nach acht Jahren Ehe beschloss, mich wegen eines anderen zu verlassen, während sie lautstark die Mutter aller Lebenskrisen durchlitt. Manch einer vermutet jetzt vielleicht, dass diese Ereignisse mich ebenfalls in eine stürzten.

Kann sein, dass ich mich zu weit aus dem Fenster lehne, aber nach allem, was ich hinter mir habe, nach dem ganzen Trennungsschmerz und dem Spaß, den ich danach hatte, den merkwürdigen Dingen, die ich sah, den bizarren Situationen, die ich erlebte, und all den schrägen und faszinierenden Leuten, die ich kennenlernte, bin ich zu einem einfachen Schluss gekommen: Das Leben ist nicht nur wie Roulette, das Leben ist Roulette. Und da dieses Buch vom Leben handelt – beziehungsweise von einem Jahr in meinem Leben –, habe ich beschlossen, es wie ein Rouletterad in sechsunddreißig Kapitel zu unterteilen, die das Jahr beschreiben, in dem ich unterwegs war. »Unterwegs« ist in diesem Fall ein Euphemismus für »überall, wo ich dem gnadenlosen Liebeskummer entkommen konnte, den meine Frau verursacht hatte, indem sie mir plötzlich ein Messer in den Rücken stieß«.

Ich werde zudem zwei Kapitel voranstellen, analog zu den beiden Zahlen, die erst später in Pascals Rouletterad eingefügt wurden, die Null und die Doppelnull. Die Null und die Doppelnull sind hinterhältige Biester. Wenn sie kommen, dann grundsätzlich unerwartet, als hätte jemand diese bösartigen grünen Zahlen auf das Rad geschmuggelt, als es sich zu schnell drehte, um das wahrzunehmen. Und wenn sie kommen, führt das gewöhnlich zu dem brutalen Schlag in die Eier, den ich vorhin erwähnt habe.

Das Buch gliedert sich in drei Teile, die sich jeweils auf einen der Orte konzentrieren, an denen ich besagtes Jahr verbrachte und verzweifelt versuchte, meinen Kopf und mein Herz wieder auf die Reihe zu kriegen, nachdem meine Frau so großzügig Batteriesäure darübergekippt hatte. Von den Pubs in Irland über die Casinos in Las Vegas zu den genussvollen Freudentempeln in Thailand sammelte ich während meiner zwölf Monate der Isolation, Erniedrigung, seelischen Verwüstung, Trunkenheit, Schwallerei, Masturbation, Verwirrung und Euphorie jede Menge Erfahrungen. Eine der wichtigsten Lektionen, die ich gelernt habe, war, die Nullen nicht zu fürchten. Ja, sie sind unfair. Und ja, sie schmälern die Gewinnchancen und stärken den ohnehin beträchtlichen Vorteil der Bank. Aber sie machen die ganze Sache auch spannender. Die großen Siege im Leben sind immer unsicher. Gegen ein Kleinkind kann jeder gewinnen, vor allem, wenn es schläft. Aber als Buster Douglas an jenem kalten Februarabend in Tokio Mike Tyson ausknockte, schrieb er Geschichte. Und er erbrachte eine Quote von 42:1.

Ich bin ein einfacher Mann. Ich glaube nur an wenige Dinge, aber da ich sie auf die harte Tour gelernt habe, glaube ich felsenfest an sie. Ich betrachte mich nicht als einen spirituellen Menschen. Entweder war ich immer zu beschäftigt, um über so etwas nachzudenken, oder es kam mir blöd vor, das zu tun. Aber ich sage Ihnen eine Sache, an die ich wirklich glaube: Wenn Sie dem Rouletterad zuhören, wird es mit Ihnen sprechen. Und manchmal flüstert es sogar die Zahl, die gleich fallen wird.

00 oder

Das zweite der zwei Extra-Kapitel oder

Könnte sein, dass dieser
Roulette-Vergleich nicht funktioniert

Ich hatte einmal einen Plan. Es handelte sich nicht um einen brillanten Entwurf von begabten deutschen Bauhaus-Architekten, sondern um einen simplen Grundriss, wie ich mein Leben leben wollte. Und ohne wie ein Angeber klingen zu wollen, finde ich, es war ein solider Plan: mich in jungen Jahren austoben, nach dem Studium hart arbeiten, ein paar Frauen kennenlernen, eine davon heiraten, einen Haufen Geld verdienen, einen dicken Wagen fahren, ein paar Kinder in die Welt setzen, mich wegen meiner schwindenden Haare sorgen, viel Sport im Fernsehen schauen, sterben. Ein hübscher, einfacher Plan, nicht wahr? Und anfangs ging er prächtig auf. Ich war gerade mitten in Stufe sechs und völlig ahnungslos, was für eine Scheiße auf mich zukam, als alles zusammenbrach. Also meine Ehe. Der dicke Wagen nicht.

Wenn ich ganz ehrlich bin, lief mein Plan bereits nicht ganz rund, bevor meine Frau unser gemeinsames Leben mit einer Atombombe in die Luft jagte. Gut möglich, dass ich zu viel Zeit im Büro verbracht habe. Ich hätte wohl auch ein paar Frauen mehr kennenlernen können, bevor ich eine von ihnen heiratete. Und ich hätte mich definitiv querstellen sollen bei den ganzen italienischen Kochkursen, Ballettaufführungen und Dichterlesungen, in die mich meine Frau mitschleifte. Und die regelmäßigen Besuche von Shakespeare in the Park erwiesen sich auch nicht als Lösung für die Probleme, die ich damals schon hatte. Aber den Wagen habe ich heiß geliebt.

Mittlerweile bin ich ziemlich geheilt von solchen Planungen. Verstehen Sie, früher hielt ich mich für jemanden, der wie so viele andere die hüpfende weiße Kugel beobachtete und hoffte, dass sie auf seiner Zahl liegen bliebe. Ich spürte, dass ich nicht die Kontrolle über das hatte, was in meinem Leben passierte, und das machte mich nervös und ängstlich. Aber dann wurde mir klar, dass ich nicht so ein Hoffender bin, der mit dem Bauch über dem grünen Tuch hängt und mit weit aufgerissenen Augen hilflos zusieht, wie eine weiße Kugel willkürlich über sein Schicksal entscheidet. Ich weiß inzwischen, dass ich über das, was mir widerfahren wird, nicht die absolute Kontrolle habe oder jemals haben werde. Aber das ist okay. Denn ich weiß auch, dass ich nicht einfach die weiße Kugel beobachte, sondern dass ich die weiße Kugel bin. Und es spielt keine Rolle, wo ich lande, weil jede Zahl etwas Wunderbares und Magisches hat. Besonders die Neunundzwanzig.

Während meiner Reisen und Abenteuer in Irland, Las Vegas und Thailand traf ich außergewöhnliche Menschen. Manche davon waren außergewöhnliche Spinner. Manche wurden zu meinen Vorbildern. Andere wurden zu engen Freunden. Und einer wurde mein persönlicher Guru. Nicht, was Sie denken. Es gab weder Yoga noch Weihrauch noch einen schaurigen Glatzkopf im Trainingsanzug, der mir half, meine Chakras neu auszurichten. Rick war eher eine Art Lehrer oder Mentor oder Schutzengel oder Golfkumpel oder wie zur Hölle man ihn auch immer nennen mag. Vielleicht ist »Guru« auch nicht die passende Bezeichnung. Denn wie viele Gurus schlafen schon auf dem Boden des Duschraums der Jugendherberge in der 23. Straße, nachdem sie das Big Game im Bellagio bei einem Einsatz von hundert Riesen gewonnen haben?

Ich verwende Ricks richtigen Namen, genau wie die richtigen Namen einiger anderer wichtiger Menschen, die ich unterwegs kennengelernt habe. Andere Namen und Orte habe ich aus Rücksicht auf die Privatsphäre Einzelner und meinen oben erwähnten Wunsch, nicht verklagt zu werden, geändert. Abgesehen davon habe ich versucht, alles so wiederzugeben, wie es sich zugetragen hat – oder wie ich es jedenfalls in Erinnerung habe. Und wie viel mehr kann man realistischerweise von einer hüpfenden Keramikkugel erwarten?

BUCH EINS

Irland oder

»Trink viel, oder koste nicht vom
Pierischen Quell.«

Alexander Pope

oder
12 Geschichten, wie man sich
volllaufen lässt

1  Ich wollte, Giovanna würde mich küssen.

Es gibt viele Gründe, warum das eine schlechte Idee ist. Giovanna ist eine Austauschstudentin aus Mailand, die in Dublin Marketing studiert. Ich bin ein amerikanischer Geschäftsmann Ende dreißig, der sich in Irland versteckt und versucht, derart betrunken zu werden, dass der Betrug meiner Frau aufhört, in meinem Inneren wie Lava zu brennen. Giovanna ist eine schöne, junge italienische Göttin mit einer pechschwarzen Löwenmähne, und ich bin ein vollkommen durchschnittlich aussehender Neu-Engländer mit dem ersten Hüftspeck, an dessen Schläfen sich Grau ausbreitet. Giovanna ist also fast zwanzig Jahre jünger als ich. Sie ist in Italien mit einem Teodoro verlobt. Sie ist süß, unschuldig und tief katholisch. Aber der wahre Grund, warum es eine schlechte Idee wäre, wenn Giovanna mich küssen würde, liegt darin, dass sie gerade dermaßen betrunken ist, dass sie sich beim Küssen wahrscheinlich in mein Gesicht übergeben würde.

Irland ist ein faszinierendes Land. An keinem der Orte, die ich bisher bereist habe, war exzessives Trinken derart als normales, alltägliches Verhalten akzeptiert. Früher dachte ich, Texaner trügen überhaupt keine Cowboyhüte – das sei nur ein Klischee, das durch Filme und Fernsehen verbreitet würde. Aber eines Tages sah ich bei einer Zwischenlandung in Houston einen ganzen Schwung Leute, die ohne jedes Anzeichen von Ironie tatsächlich Cowboyhüte trugen. Nun, mit Irland verhält es sich genauso, bloß sind es hier nicht die Cowboyhüte, sondern das Komasaufen. Und das betrifft nicht nur ein paar erprobte Kampftrinker, die sich über 50-Liter-Fässer hermachen, sondern die ganze Nation kippt sich Schnaps auf Schnaps und Bier auf Bier hinter die Binde, und das von morgens bis nachts, um dann von vorne anzufangen.

Als weiteren Beweis dafür, dass Irland eine Kultur auf der Grundlage von Alkoholika pflegt, möchte ich anführen, dass eins der beliebtesten Viertel Dublins, in dem richtig was abgeht und wohin die ganzen Touristen kommen, »Temple Bar« heißt. Das Wort »Bar« steckt also bereits im Namen ihres bekanntesten Viertels! Das wäre so, als würden die Pariser das Quartier Latin in Quartier Escargot umbenennen oder die Leute in Los Angeles Beverly Hills in Cocaineville.

Zur Verteidigung der Dubliner muss gesagt werden, dass das »Bar« in Temple Bar nicht ein Lokal meint, in dem man Getränke bestellen kann. Aber es ist auch nicht so, als wüssten die Iren nicht Bescheid über ihren internationalen Ruf als Säufer. Würden sie sich gegen das Klischee sträuben, dass sie alle hinter dem Fusel her sind, hätten sie das Viertel Old Dublin genannt oder Southbank oder Liffeytown oder irgendwie sonst. Aber diese Rotschöpfe sind verrückt nach allem, was auch nur annähernd mit Alkohol zu tun hat. Aus diesem Grund nennen sie das kulturelle Zentrum ihrer Hauptstadt seit vierhundert Jahren Temple Bar.

Es gibt einen Grund, dass die Grüne Insel keinen einzigen weltberühmten Maler, Bildhauer oder Architekten hervorgebracht hat: Kein Ire kann einen Pinsel, einen Meißel oder einen Stift ruhig genug halten, um damit was hinzukriegen. Die Dichter konnten ihre Verse und Romane zwischen den einzelnen Pints in zittriger Schrift auf Papierservietten kritzeln, und die Sänger konnten jaulen und stöhnen, während sie kurz vor der alkoholbedingten Bewusstlosigkeit standen – aber damit erschöpfen sich Irlands künstlerische Beiträge bereits. Dieses Volk ist wirklich trinkfest, finde ich. Wenn man einen irischen Bluter anritzte, bekäme man Bier vom Fass, bis das arme Schwein ausgeblutet wäre.

Ich sollte erwähnen, dass ich, während ich Giovannas hinreißendes Gesicht, ihre glänzende Haarpracht und ihre wahnsinnsgrünen Augen anstarre, wahrscheinlich sogar noch betrunkener bin als sie. Hier ein schneller Überblick über die Getränke, die ich während der letzten drei Stunden konsumiert habe und die zu meinem jetzigen Gefühlsdilemma führten: sechs Pint Guinness, sechs Inishowen-Whiskey, drei große Bacardi Breezer, zwei Gläser Rotwein, ein halbes Glas Wasser. Im Moment ist völlig offen, wer von uns beiden zuerst den anderen vollkotzen wird, Giovanna mich oder ich sie. Aber gestatten Sie mir, während ich in Giovannas wunderschöne, wenn auch ziemlich glasige grüne Augen starre, dass ich kurz zu einer anderen Situation zurückkehre, in der ich einer Frau in die Augen starrte. Nämlich in die Augen meiner Frau – ebenfalls grün –, aber in dem Augenblick, an den ich mich erinnere, sind sie eher rot als grün, weil sie zuvor eine Stunde lang hysterisch im Badezimmer rumgeschluchzt hat.

2  Es gibt ungefähr ein Dutzend möglicher Erklärungen dafür, warum meine Frau eine Stunde lang hysterisch rumschluchzen kann. Der Bedeutung nach in aufsteigender Reihenfolge hier ein paar Beispiele, die meine Frau unkontrolliert in Tränen ausbrechen ließen: der Hunger in der Welt, versehentlich das Frühstück verpassen, einen Schlussverkauf bei Barney’s verpassen, nicht genügend Frauen im Supreme Court, eine neue Falte auf der Stirn, politische Verfolgung in weit entfernten Ländern, der Gedanke, sie sei nicht so hübsch wie ihre Schwester, die U-Bahn, alles, was mit mir zu tun hat.

Ich vermute, dass die Tränenflut hauptsächlich durch Letzteres ausgelöst wurde – aber wer weiß? Als wir einmal im Four Seasons Resort in Punta Mita, Mexiko, wohnten, verließ sie zwei volle Tage lang das Zimmer nicht, weil sie nicht wollte, dass jemand ihre geschwollenen Augen sähe, die das direkte Resultat einer Heulattacke aus Angst vor geschwollenen Augen waren. Für jene Leser, die gerne informiert sind: Das Four Seasons Resort in Punta Mita, Mexiko, ist ein sehr teures Hotel. Und eine hochneurotische, von sich selbst besessene Frau ist kein Reisemangel, der einen Kostenerstattungsanspruch begründet.

An dem besagten Abend wusste ich jedoch einfach, dass alles meine Schuld war – dass ich ihre geschwollenen Tränensäcke verkörperte. Mittlerweile war ich mit dieser Heulerei vertraut, die ich schon so oft erlebt hatte. Ich spürte dasselbe Unbehagen, wie wenn ich irgendwelche unwichtigen Jahrestage vergaß oder wenn ich meine Frau auf der Weihnachtsfeier im Büro nicht »schnell genug« den Kollegen vorstellte.

Ich lag im Bett und versuchte verzweifelt so zu tun, als würde ich nicht nur schlafen, sondern so tief schlafen, dass nicht einmal lautes Katzengejaule mich aufwecken könnte, während ich mir das Gehirn darüber zermarterte, was ich falsch gemacht haben könnte. Meine Checkliste war ziemlich kurz. Ich hatte sie nie betrogen, ich hatte sie nie geschlagen, ich war immer nett zu ihrer Verwandtschaft gewesen, ich hatte alles für sie bezahlt. Unterm Strich betrachtet: Was kann man von einem anständigen Ehemann mehr erwarten?

Die korrekte Antwort auf diese Frage ist »nicht viel«. Ihre Antwort auf diese Frage war »sehr viel«. Das fand ich heraus, als sie schließlich meinen vorgetäuschten Schlaf beendete, indem sie aus dem Bad stürmte und eine bissige Bemerkung über mein Geschirr machte. Ich glaube, ihre genauen Worte lauteten: »Du hast wohl nicht alle Tassen im Schrank!« Zu diesem Zeitpunkt spürte ich, dass nicht einmal der größte Schauspieler der Welt diese Schlafshow hätte weiter durchziehen können, also setzte ich mich auf und fragte sie, was das Problem sei.

Wie sich herausstellte, lag ich mit meiner anfänglichen Einschätzung richtig. Ich war das Problem. Aus irgendeinem Grund war ich für die unzähligen Enttäuschungen in ihrem Leben verantwortlich. Ich stand dem Welthunger und der politischen Verfolgung gleichgültig gegenüber. Ich zeigte nicht genug Engagement bei der Unterstützung der Frauenrechte. Ich zwang meine Frau zu oft, mit der U-Bahn zu fahren. Ich schaute an Thanksgiving ihrer Schwester auf den Hintern. Die Schleusen öffneten sich, und ich ertrank in meiner großen Schuld.

Zu meiner Verteidigung möchte ich darauf hinweisen, falls ich ihrer Schwester an Thanksgiving auf den Hintern geschaut haben sollte, dann nur, um den atemberaubenden Effekt von Bulimie zu bewundern. Ich schwöre, diese Frau wiegt höchstens 45 Kilo. In meinem Blick war keine Spur von Lust. Vielmehr hatte ich Mitleid mit ihr, und ich staunte über ihre Minderwertigkeitsgefühle. Sie ist eine kluge, hübsche Frau – warum isst sie dann nie was?

Und was die Frauenrechte betrifft, ich habe sogar Werbung für die verdammte Hillary Clinton eingetütet! Ich fand die Alte sogar gut! Es war nicht meine Schuld, dass sie verkackt hat.

Und ich stand auch den Problemen der Welt nicht gleichgültig gegenüber. Ich verschwendete nur meine Zeit nicht mit Jammern. Ich versuchte zu helfen, wann immer ich konnte. Aber ich sah einfach keinen Sinn darin, ständig darüber zu reden.

Was die U-Bahn betrifft – in diesem Punkt muss ich mich schuldig bekennen. Ich weiß, sie hasst es, mit der U-Bahn zu fahren, aber Taxis sind einfach lachhaft. Es ist nicht der Preis, der mich stört, sondern der Straßenverkehr. Lieber riskiere ich es, mir in einer U-Bahn, die flott vorankommt, eine Tuberkulose einzufangen, statt eine Stunde lang dumpf durch eine dreckige Fensterscheibe auf eine verstopfte Vorstadtkreuzung zu starren, während der schwitzende Taxifahrer auf Russisch flucht.

Ich wusste, dass sie die U-Bahn hasste. Und ich wusste, dass sie es mir übelnahm, wenn ich darauf bestand, dass wir da runtergingen. Aber wenn eine Ehe auf Kompromissen basiert, warum war ich dann der Einzige, der Kompromisse einging? Wenn sonntags das Guarneri String Quartet in der Avery Fisher Hall genau zur selben Zeit spielte, wie der Super Bowl stattfand – raten Sie mal, wo ich den Nachmittag verbrachte? Richtig: Beethoven 1, Football 0. Natürlich habe ich das Spiel auf DVD aufgezeichnet, aber das ist nicht dasselbe. Ein Sportfinale ist wie Sex – da sollte man persönlich anwesend sein.

Ich war wirklich überzeugt, mehr in die Ehe zu investieren als nur meinen gerechten Anteil. Aber meine Frau hatte nicht das geringste Interesse daran, meine Gefühlsmathematik aufzudröseln. Das Einzige, was sie aufdröseln wollte, war ich. Sie war zu einer weitreichenden Erkenntnis gelangt, als sie ihre Tränen ins Klobecken vergossen hatte – nein, nicht, dass das Klopapier alle war. Meine Frau wollte die Scheidung.

Das Klopapier war übrigens trotzdem alle – was sich auch wieder als meine Schuld herausstellte.

3  Meinen ersten Rausch hatte ich mit dreizehn. Meine Schwester feierte ihren sechzehnten Geburtstag, und irgendjemand ließ die Bar unbeaufsichtigt. Ich füllte einen Cognacschwenker mit einer Mischung aus Rum, Wodka, Jack Daniel’s, Mountain Dew und Cointreau und machte mich darüber her. Ein Video, aufgezeichnet von meinem Onkel, dokumentiert deutlich die Tatsache, dass ich mich danach komplett auszog, den Hund unseres Nachbarn schlug und mich in den Swimmingpool übergab. Ich erinnere mich zwar nicht an diese Vorkommnisse, aber der visuelle Beweis ist unwiderlegbar. Ich wurde hart bestraft, und es war mir unendlich peinlich, andererseits bin ich bis zum heutigen Tag ziemlich stolz darauf, dass ich nie richtig das Bewusstsein verlor (und dass ich einen deutschen Schäferhund mit einem einzigen Schlag niederstreckte).

Danach hielt ich meinen Genuss von Getreide- und Traubenprodukten ziemlich unter Kontrolle. Hin und wieder gönnte ich mir einen Ausflug ins Reich von Dionysos, aber ich schlug nie über die Stränge. Hier mal ein Bier, da mal einen Tequila. Das einzige Mal, dass ich den Golfplatz mit einer Zweiundachtziger-Runde verließ, feierte ich mit einem halben Dutzend Jägermeister. Danach kam ich in einem Bunker wieder zu mir, ein 5-er Eisen um meine Taille gebogen wie einen Gürtel. Offenbar hatte, anders als mein dreizehnjähriges Ich, die zweiundzwanzigjährige Version von mir die Fähigkeit entwickelt, ohnmächtig zu werden.

Meine Frau hielt nicht viel vom Trinken. Oder, um genauer zu sein, sie hielt nicht viel vom Betrunkensein. Sie faselte gern von Rotwein und dessen Nase, Beinen, Körper, Bouquet, Schenkeln, Brust und diesem Hauch von Dattelpflaume. Aber wenn man tatsächlich mehr als ein Glas von dem Zeug trinken wollte, starrte sie einen an, als hätte man soeben in den Kartoffelsalat gefurzt.

In den acht Jahren, die meine Ehe dauerte, war ich also auf einer ziemlich durchgängigen Diät aus Fruchtsäften, Mineralwasser und winzigen Schlucken Pinot Noir, die hastig in Zinnschalen gespuckt wurden.

Als ich die Neuigkeit vernahm, dass meine Heulsuse die Scheidung wollte, spürte ich plötzlich einen enormen Durst auf den tollen Geschmack von Rum, Wodka, Jack Daniel’s, Mountain Dew und Cointreau. Nur gut, dass alle Kneipen in der Nähe zu waren, sonst hätte es dieses Mal vielleicht einen anderen erwischt als den Nachbarshund.

Aber ich unterdrückte mein Bedürfnis. Ich war absolut nüchtern, während meine Frau meine unendlichen Fehler aufzählte. Ich war völlig klar im Kopf, als sie ihre Sachen packte und aus dem Haus stürmte. Ich blieb auch gelassen, als der Anwalt, den sie bereits engagiert hatte, mich am nächsten Tag wegen der Scheidungsformalitäten anrief. Aber als ich am darauffolgenden Tag mitbekam, dass sie bereits bei einem Typen namens David eingezogen war, ging ich los und besoff mich.

Es gibt viele verschiedene Arten des Besoffenseins. Es gibt fröhlich besoffen, melancholisch besoffen, wütend besoffen oder geil besoffen – aber die schlimmste Art des Besoffenseins ist unglücklich besoffen. Ich erreichte diesen bemitleidenswerten Zustand in einer Bar in Manhattan, deren Name – mit Rücksicht auf gesetzliche Auflagen und den allgemeinen guten Geschmack – hier besser ungenannt bleiben soll.

Gegen zehn Uhr früh lief ich zu meinem Büro, als ich die folgende SMS erhielt: »Hol mor Schmuck. Lmz. @ David. Ihd.« Zuerst dachte ich, mein Handy wäre von einem geistig Behinderten gehackt worden. Dann fiel mir auf, dass die SMS von meiner Frau war, und mit Hilfe eines in der Nähe herumstehenden Achtjährigen gelang es mir, den Code zu knacken. Jene Leser, deren Gehirne von der modernen Welt noch nicht weichgekocht sind, mögen mir erlauben zu übersetzen: »Hole morgen meinen Schmuck ab. Lass mich zufrieden. Bin bei David. Ich hasse dich.«

Um 10.03 Uhr war ich in der einzigen offenen Kneipe, die ich finden konnte, und wies den Barkeeper an, ein Bierglas mit Bourbon zu füllen. Um 10.26 Uhr war ich beim dritten Glas. Um 10.34 Uhr schmiss ich alle drei leeren Biergläser an die Wand. Um 10.35 Uhr bekam ich von besagtem Barkeeper einen Schlag in die Fresse.

Gegen 10.50 Uhr, als ich mein Gesicht mit Eis kühlte und zusammen mit Kevin (dem Barkeeper) »The Gypsy Rover« sang, kam ich zu dem Schluss, dass »unglücklich besoffen« es bei mir nicht brachte. Ich hatte zwar nach wie vor das dringende Bedürfnis, mich zu betrinken und betrunken zu bleiben, aber ich wusste, es musste einen gesünderen, sichereren und amüsanteren Weg geben, das zu erreichen.

Ich musste mein Herz dorthin zurückkatapultieren, wo es früher gewesen war. Nicht dorthin, wo es gewesen war, als meine Frau auf mir herumhackte und mich einengte. Und auch nicht dorthin, wo es gewesen war, als ich über Schulaufgaben schwitzte und mich in Prüfungen abquälte. Ich wollte – nein, ich musste – dieses Gefühl wiedererlangen, das ich als Dreizehnjähriger hatte, kurz nachdem ich den Schäferhund k. o. geschlagen hatte und kurz bevor ich meine Erinnerung verlor. Ich musste wieder lernen, mich zu amüsieren. Und da kam mir zum ersten Mal die Idee, mich ein Jahr lang aus meinem Leben auszuklinken und nach einem besseren zu suchen. Und ich beschloss, mein Jahr unbedarften Lebens damit zu beginnen, in Irland fröhlich besoffen zu sein.

4  Als ich meinen Plan von einem alkoholischen Irland-Urlaub rumerzählte, bekamen viele meiner Freunde auch Lust auf so was. Aber sie sind alle verheiratet, und so musste einer nach dem anderen einräumen, dass er die Tour nicht mitmachen konnte. Keiner von ihnen machte seine Frau dafür verantwortlich, aber es war klar, was lief. Sie kamen mir alle vor, als hätten ihnen ihre Mütter verboten, im Regen Skateboard zu fahren.

Meine »Mutter« jedoch lebte bei einem Typen namens David in Williamsburg. Ich konnte also mit dem Skateboard fahren, wohin ich wollte. Außerdem wollte ich eigentlich auch gar nicht, dass jemand mitkam.

So ziemlich mein ganzes Leben lang hatte ich immer jemanden um mich herum gehabt. Zuerst meine Eltern, dann meine Zimmergenossen im College, dann meine Freundinnen und dann meine Frau. Die einzige Zeit, die ich je für mich alleine hatte, war die auf dem Klo – was womöglich erklärt, warum sich meine Frau immer darüber beschwerte, dass ich dort so verdammt lange brauchte.

Auf einen Schlag änderte sich mein Leben von niemals allein zu viel zu allein. Wenn ich im Haus herumlief und mich fragte, was sie gerade tat und warum sie es tat, dann zerfraß mich das innerlich immer mehr. Ich musste raus aus diesem Trott, weil mich alles an sie erinnerte. Zur Arbeit gehen, Orangen kaufen, den Gastank auffüllen – all das gehörte zu meinem Alltag, und mein Alltag war unwiderruflich mit ihr verknüpft. Und sich durch all das ohne sie durchzuwurschteln, machte es nur noch schlimmer, dass sie weg war.

Aus diesem Grund erschien mir ein Ortswechsel absolut sinnvoll. Aber es würde nicht wieder bloß ein zweiwöchiger Urlaub werden, sondern der Beginn eines ganzen Jahres Urlaub. Das heißt, eigentlich würde es gar kein Urlaub werden. Ich wollte mich selbst für ein Jahr als Unterhalter für mich mieten. Ähnlich wie das englische Paar, das Mary Poppins als Kindermädchen engagierte, bloß dass ich dieses Mal Mary Poppins war. Und ich war die Kinder. Und ich schätze, genau genommen war ich auch das englische Paar. Der Punkt ist: Ich beschloss, ein Jahr lang herauszufinden, was zum Teufel in meinem Leben schiefgelaufen war. Ich würde aus dem Teufelskreis von Monotonie, Selbstbezichtigung und Trauer ausbrechen – und der erste Schritt dazu war, mich auf der Grünen Insel genüsslich volllaufen zu lassen.

Ich kündigte in meiner Firma. Die Tatsache, dass niemand dort wirklich wissen wollte, warum, oder versuchte, mich zum Bleiben zu überreden, bestärkte mich noch mehr darin, dass es richtig war, was ich tat. Außerdem minderte dieser Umstand ganz erheblich meine Schuldgefühle wegen des ganzen Büromaterials, das ich hatte mitgehen lassen.

Ich kaufte ein One-Way-Ticket nach Dublin, überprüfte zweimal, ob mein Pass noch gültig war, packte eine Tasche und schwor mir, erst zurückzukommen, wenn ich davon überzeugt war, dass mein Leben nicht mehr beschissen war. Dann nahm ich ein Taxi zum John F. Kennedy Airport. Wie zu erwarten war, dauerte die Fahrt in dem miefigen Wagen zwei Stunden, während der Fahrer die ganze Zeit auf Russisch fluchte. Ich schwöre, ich fliege nie wieder irgendwohin, ehe nicht ein neuer Flughafen gebaut wird, der näher an Manhattan liegt.

5  Nun bin ich also in Irland, und Giovanna starrt mich mit ihren tollen grünen Augen und ihren vollen Jolie-Lippen an, und ich wünsche mir, sie würde mich küssen. Ich wünsche mir auch, ich hätte in den letzten zehn Stunden etwas gegessen, wenigstens ein Stück Brot oder irgendwas. Ich bin definitiv besoffen, aber es ist ein »glücklich besoffen« mit einem Hauch von Wehmut und vielleicht einer Prise Herzschmerz, aber nichts, womit ich nicht klarkommen würde.

Dieses Gefühl, selig zugedröhnt zu sein, bezeichnet mein Freund Colin mit dem Ausdruck »mit Sirup tanzen«. Er setzt Trinken bis zum Exzess mit der Verwendung einer Zeitmaschine gleich. Und zwar keiner, mit der man in die Vergangenheit oder in die Zukunft reist, sondern mit einer, die unsere Wahrnehmung von Zeit verändert und die Gegenwart unglaublich langsam ablaufen lässt.

Wenn man auf die »richtige« Art dicht ist, fühlt es sich an, als wären Körper und Geist mit Gaze umwickelt – mit einer netten, fröhlichen Gaze, nicht mit schauriger Mumiengaze. Es ist fast, als würde man in einem Pool voller geschmolzenem Käse schwimmen oder als hätte man eine Gehirnerschütterung, ohne vorher den schmerzhaften Schlag auf den Kopf zu erleiden.

Das Glas von der Theke zu nehmen kann bis zu fünfundvierzig Minuten dauern. Die Flugzeit des Dartpfeils, den man eben in Richtung Bull’s Eye geschleudert hat, kann irgendwo zwischen ein und vier Stunden betragen, je nach der Wurfkraft. Der bildhübschen Frau unter dem »Wenn du so glücklich bist, Ire zu sein, dann bist du glücklich genug«-Schild ein lautes »Hallo« zuzulallen, kann Tage in Anspruch nehmen. Colin behauptet, wenn man in der richtigen Umgebung und unter den richtigen Umständen betrunken genug sei, dann könne man, jedenfalls theoretisch, ewig leben.

Wie um Colins These zu bestätigen, dauert dieser Moment mit Giovanna – der, in dem sie lacht und ich lache und ihre Lippen nur wenige Zentimeter von meinen entfernt sind und ich sehen kann, dass sie einen lavendelfarbenen BH trägt und einen Leberfleck hinter dem linken Ohr hat – ungefähr schon so lange, wie meine Erinnerung zurückreicht. Und er scheint kein Ende zu nehmen. Ich glaube, ich erzähle ihr gerade die Geschichte, als ich Streifenbarsche angeln wollte und stattdessen einen Tigerhai fing.

Ich bin mir nicht sicher, ob es überhaupt diese Geschichte ist, weil mein Gehirn benebelt ist und mein Herz laut klopft und mir eine Million Gedanken gleichzeitig durch den Kopf gehen über den BH und den Leberfleck und meine Frau und David und die Tatsache, dass Alkohol eigentlich flüssiges Gift ist, aber ein angenehmes. Vermutlich erzähle ich aber doch die Haigeschichte, weil es eine sehr lustige Geschichte ist und Giovanna sich vor Lachen kringelt.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Drink, Play, F@#k" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen