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Dreizehn Stufen abwärts

Alfred J. Schindler

Dreizehn Stufen abwärts

Mysterymärchen





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Alfred J. Schindler

 

 

Dreizehn Stufen

abwärts

 

 

Mysterymärchen

 

von

 

Alfred J. Schindler

 

 

 

 

 

Vorwort

 

 

Kinder haben ein unheimliches Gespür für geheimnisvolle Orte und Plätze. Klammheimlich – und unbeobachtet - ziehen sie sich in ihre dunklen Verstecke zurück und leben dort ihre meist unschuldigen Phantasien aus. Sie schaffen sich ihre eigenen, kleinen Welten, in denen sie zu versinken scheinen...

 

xxx

 

Martin, der es immer wieder schafft, seinen Vater Steffen an die unmöglichsten Orte zu schleifen, bleibt stehen und blickt seitlich nach oben:

 

„Papa! Schau mal dort! Diese schönen Felsen!“

 

Steffen ist schon etwas erledigt. Seit mehr als zwei Stunden sind die Beiden nun schon zu Fuß unterwegs. Hier an der schönen, blauen Donau fühlt Martin sich wohl, Steffens kleiner Freund und Stammhalter. Wenn es nach ihm ginge, würden sie noch Stunden weiterlaufen, entgegen dem Strom der Donau. Ruhig und gelassen liegt das breite, schimmernde Band des Flusses in ihrem Blickwinkel.

 

„Martin. Ich steige mit dir jetzt zu diesen Felsen hinauf, und wenn du alles besichtigt hast, machen wir uns auf den Rückweg. Und eines sage ich dir: Die Steine, die du wieder mitnimmst, trägst du!“

„Wir wollen jetzt schon zurückgehen, Papa?“

„Ja.“

 

Gut, dass Steffen vor ihrer Abfahrt mitgedacht hatte. In seinem kleinen Rucksack befinden sich noch zwei Flaschen Cola. Es ist nämlich sehr warm heute. Der Oktober bäumt sich gegen die bevorstehende Gewalt des Winters auf.

 

Martin läuft voraus. Steffen kann mit ihm beim besten Willen nicht mehr mithalten. Schon hat er ihn aus den Augen verloren. Er läuft zwischen den Bäumen hindurch, die zum Teil sehr dicht beieinander stehen. Wenn wenigstens zu diesen Felsen ein halbwegs vernünftiger Weg hinaufführen würde! Aber es gibt sicherlich niemanden, der sich die Mühe machen würde, diese uralten Felsblöcke und -wände näher besichtigen zu wollen.

 

Außer Martin.

 

Jetzt hört er ihn schreien: „Papa! Ich bin an den Felsen!“

 

Der kleine Wald lichtet sich, und Steffen schaut nach oben. Er kann ihn aber nirgends sehen, den kleinen Indianer.

 

„Wo bist du?“

„Hier!“ - Steffen fragt sich ernsthaft, wo „hier“ ist.

 

Endlich erreicht er ihn. Es war schwierig, ihn überhaupt zu finden, denn der Platz, an dem Martin steht, ist zwischen diesen Felsspalten vollkommen eingebettet. Er wartet schon ungeduldig und verschwindet plötzlich in einer schmalen Spalte, die nicht breiter als einen Meter ist. Sein Vater bleibt stehen, greift in seinen Rucksack und öffnet eine Flasche Cola. Ah! Wie wohl das tut! Langsam geht er seinem Sohn hinterher. Wo ist er denn jetzt schon wieder?

 

„Martin!“

Gedämpft hallt es zurück: „Hier bin ich, zwischen den Felsen!“

 

Steffen geht in die enge Spalte hinein. Es wird von einer Sekunde auf die andere ziemlich düster. Die Sonnenstrahlen haben keine Chance, bis hierher durchzudringen. Als er Martin erreicht (er wirkt völlig ausgeruht), deutet dieser auf eine bestimmte Stelle. Aber er sagt nichts.

 

„Was ist denn da, Junge?“

„Ein Weg.“

„Ein Weg?“

„Ja, er führt nach unten, Papa!“

 

Ohne zu fragen, läuft er los. Sein Vater hinter ihm her. Dieser sieht, wie der Kleine plötzlich ins Rutschen kommt. Er setzt sich auf den Hintern, und seine unfreiwillige Fahrt geht hurtig weiter. Steffen wird automatisch schneller. Die Sorge um Martin treibt ihn unweigerlich voran. Hoffentlich verletzt er sich nicht, überlegt er. Ulla würde mich... - Martins Rutschpartie ist zu Ende. Gott sei Dank. Steffen schwört sich insgeheim, dass er bei unserem nächsten Ausflug seine festen Turnschuhe anziehen wird. Besorgt schaue er Martin an:

 

„Hast du dir weh getan?“

Er lacht: „Nein. Habe ich nicht. Aber ich habe diese Höhle entdeckt!“

 

Tatsächlich! Ein etwa quadratmetergroßes Loch tut sich vor ihren Augen auf. Es ist halb rund und mit Unmengen von Unkraut umgeben. Wenn man nicht direkt davor steht, kann man es gar nicht sehen. Es, dieses schwarze Loch, wirkt etwas grotesk in dem sonst so makellosen Fels. Es sieht wie das halbgeöffnete Maul eines riesigen Frosches aus.

 

„Und jetzt willst du natürlich auch hinein, oder?“

„Aber sicher! Jetzt gleich, und sofort!“

„Lass mich vorausgehen, Martin.“

„Nein. Gib mir deine Taschenlampe. Ich habe dieses Loch entdeckt!“

Er reicht sie ihm mit gemischten Gefühlen: „Pass bloß auf! Es kann ja sein, dass es hinter der Öffnung steil nach unten geht!“

„Ja, ja, Papa.“

 

Steffen sieht aus seiner Position, wie Martin in das Loch krabbelt. Es ist – wie gesagt - nicht so groß, als dass man aufrecht hineingehen könnte. Aber auch für Steffen wird es wohl kein Problem sein, Martin in den dunklen, kalten Fels zu folgen. Natürlich auf allen Vieren. Er sieht, wie der etwas schwache Lichtschein der kleinen Taschenlampe groteske Schatten an die Wände wirft.

 

„Alles klar?“, ruft Martin seinem Sohn zu.

„Ja, du kannst hereinkommen, Papa. Man kann hier gut stehen.“

 

Er krabbelt hinter ihm her. Als Steffen endlich drinnen ist, richtet er sich vorsichtig auf. Die Höhle ist ungefähr drei Meter hoch. Und er sieht Martin, wie er am hinteren Ende der Höhle steht und irgendetwas – für ihn noch Undefinierbares – beleuchtet.

 

„Papa! Da steht eine weiße Kutsche!“

 

Mein Gott. Was hat der Junge doch für eine ausgeprägte Phantasie. Woher hat er bloß diese unglaublichen Einfälle? Steffen geht langsam zu ihm. Und jetzt sieht er sie auch. Diese...

 

... wunderschöne, weiße Kutsche.

 

Phänomenal. Unfassbar. Wie prachtvoll sie vor den Beiden steht! Unberührt und genial. Martins Augen blitzen. Das kann Steffen trotz der schlechten Lichtverhältnisse erkennen. Aber auch er ist völlig überrascht.

 

„Papa, wie kommt diese Kutsche hierher?“

„Frage mich bitte etwas Leichteres.“

„Das ist aber keine normale Kutsche!“

„Wieso?“

 

Martin hat sich an die offene Seitenwand der Kutsche geklammert. Er jauchzt:

 

„Da steht ja ein Sarg!“

„Ein Sarg?“

„Ja, und er ist geöffnet.“

„Aber er ist doch hoffentlich leer?“

„Ja, natürlich.“

Steffen geht noch näher heran: „Du hast recht. Es ist ein...

 

... weißer Leichenwagen!

 

„Ein weißer Leichenwagen!“, haucht Martin voller Ehrfurcht.

Steffen legt seine Hand um die kleine Schulter seine Sohnes: „Junge, du hast da etwas gefunden, was nicht hierher gehört.“

Er ist völlig aus dem Häuschen: „Wollen wir den Leichenwagen aus dieser Höhle herausholen?“

„Ja, Martin. Das werden wir.“

 

Sie machen sich auf den Heimweg. Es ist schon Nachmittag... - Ulla empfängt ihren Mann Steffen und ihren Sohn Martin überaus freundlich:

 

„Wo bleibt ihr denn so lange? Ich habe den Braten schon zum Warmhalten in die Röhre gestellt!“

„Ulla, wir wurden etwas aufgehalten.“, antwortet Steffen.

„Wie sieht denn der Junge aus? Was habt ihr denn getrieben?“

Martin strahlt: „Wir haben etwas ganz Tolles gefunden!“

„Was denn, Martin?“

„Einen Leichenwagen.“

Ihr Gesichtsausdruck ist köstlich. Einfach umwerfend: „Einen - was?“

„Einen weißen Leichenwagen, Mama. Eine alte Kutsche!“

„Eine Leichenkutsche?“, fragt sie mit einem leichten Zittern in der Stimme.

„So könnte man es wohl auch nennen, Ulla.“, antwortet Steffen.

„Und? Wo ist sie?“

„In einer Höhle, unten an der Donau.“

„Willst du sie etwa zu uns holen, diese Kutsche, Steffen?“

„Aber natürlich. Dieses Stück ist einzigartig!“

„Was wollen wir denn mit einer alten Kutsche?“

„Ich werde sie herrichten. Sie aufarbeiten, und polieren.“

„Um sie dann zu verkaufen, ja? Wem gehört dieses Ding eigentlich?“

„Ulla, wie sie aussieht, steht sie schon Jahrzehnte in dieser kleinen, dunklen Höhle. Ich frage mich sowieso, wie sie da hineingeraten konnte.“

„Vielleicht hat sie dort jemand versteckt?“

„Ja, das könnte sein.“

„Sicherlich schon vor dem Zweiten Weltkrieg.“

„Ja, bestimmt.“

„Tu, was du nicht lassen kannst, Steffen. Aber du hättest eigentlich wichtigere Dinge zu tun, als diese alte Karre zu uns zu holen. Wo willst du sie denn hinstellen? Auf den Dachboden?“

„Lass das mal meine Sorge sein, Ulla.“

„Der Wohnzimmerschrank, der halb fertig ist, muss Ende nächster Woche ausgeliefert werden! Herr Schmid hat schon angerufen und nachgefragt!“

„Ja, ja, er soll sich nicht so anstellen. Er wird wohl noch ein paar Tage warten können.“

„Wie du meinst, Steffen.“

 

Martin ist glücklich. Sein Vater sieht es ihm deutlich an. Er freut sich ungemein, dass sich sein Vater gegen seine Mutter durchgesetzt hat. Schließlich ist es seine Kutsche!

 

xxx

 

Am Montagmorgen geht Steffen – wie immer – in seine Schreinerwerkstatt, die direkt neben dem Haus der kleinen Familie liegt. Gerhard, sein Schreinergehilfe, ist bereits da. Er ist ein zuverlässiger und pünktlicher Mitarbeiter, der schon einige Jahre bei Steffen beschäftigt ist. Ja, er mag ihn, diesen großen schlaksigen Burschen. Er arbeitet bereits an dem halbfertigen Wohnzimmerschrank, der aus Eiche ist.

 

„Guten Morgen, Steffen!“

„Hallo, Gerhard! Du bist schon wieder fleißig am arbeiten!“

„Ja, der Schrank muss fertig werden!“

„Gerhard, wir beide fahren jetzt dann zusammen zur Donau hinunter, etwa fünfzehn Kilometer von hier entfernt.“

„Holen wir Holz?“

„So könnte man es auch nennen. Hast du deine festen Turnschuhe hier?“

„Ja, wieso?“

„Das wirst du dann schon sehen!“

 

Sie nehmen den kleinen Lkw mit Anhänger, allerlei Werkzeug und einige Packungen große Kerzen mit. Ihre Fahrt beginnt. Auf der Hinfahrt erzählt Steffen seinem Mitarbeiter die sonderbare Geschichte...

 

„Ich möchte auch einmal so ein Glück haben, und ein solch rares Stück finden!“, murrt er.

„Martin hat die Kutsche gefunden. Nicht ich.“

„Und somit gehört sie auch ihm.“

„Es ist mir zwar schleierhaft, Gerhard, wie dieses einzigartige Gefährt in diese Höhle gekommen ist, aber wahrscheinlich haben die Eigentümer sie zuvor zerlegt, und drinnen wieder zusammengebaut.“

„Eine tierische Arbeit für jemanden, der kein Handwerker ist.“

„Ja, bestimmt.“

 

Glücklicherweise findet Steffen die Stelle wieder. Gerhard, der von den Beiden der bessere Fahrer ist, manövriert das Fahrzeug bis an den kleinen Wald heran. Dann ist Schluss. Hier geht es nur zu Fuß weiter. Sie schleppen die nötigen Werkzeuge nach oben. Eine harte Arbeit. Es fällt Steffen nicht leicht, genau die Felsspalte zu finden, hinter der sich die Höhle befindet. Doch dann stehen sie vor ihr. Mühsam krabbeln sie hinein, die Werkzeuge hinter sich herziehend. Gerhard kann es gar nicht fassen, als sie dann in der kleinen Höhle stehen, die von den Beiden jetzt gut beleuchtet wird:

 

„Unglaublich, Steffen! Unglaublich! Dieses wunderschöne Holz! Diese Verarbeitung! Einzigartig, würde ich sagen.“ Er beleuchtet die rechte Tür etwas genauer. Und er fährt fort: „Da steht...

 

... Undertaker Miller Miller!

 

Die Kutsche war tatsächlich eine Leichenkutsche, Steffen!“

 

Erst jetzt sieht auch er das kleine, silberne, ovale Schildchen mit den schwarzen, geschwungenen Lettern.

 

„Undertaker! Ein schöner Name, Gerhard!“

 

Er geht um die wunderbare Kutsche herum, die natürlich völlig verdreckt ist.

 

„Steffen!“

„Ja, was ist?“

„Auf der Vorderseite – direkt über der Deichsel – steht ihr Name!“

„Und? Wie heißt sie?“

 

LIGHT HEARSE“.

 

„Light Hearse? Weißt du, was das heißt, Gerhard?“

„Ja. Wortwörtlich übersetzt heißt es: Heller Leichenwagen.“

 

Steffen betrachtet dieses Schmuckstück von Kutsche und hat plötzlich das Gefühl, als ob von ihr eine gewisse Kraft ausströmen würde. Dieser Leichenwagen strahlt etwas Ungewöhnliches, Unheimliches aus. Er will ihm etwas sagen, aber er versteht seine Sprache nicht. Der Sarg ist nicht allzu groß.

 

„Hast du auch das Gefühl, Gerhard, dass Light Hearse eine ungewöhnliche Ausstrahlung hat?“

„Ja, der Wagen fasziniert mich, je länger ich bei ihm bin.“

 

Er geht um den offenen Wagen herum, klettert an einem der Räder hoch und blickt hinein:

 

„Schau dir diesen einzigartigen, weißen Sarg an! Er ist geöffnet und mit schwerem, schwarzen Samt ausgeschlagen!“

„Ja, ich habe ihn schon gesehen“, sagt Steffen.

Er grinst: „Er lädt so richtig zu einem Nickerchen ein.“

 

Diese Idee kann ja nur von Gerhard kommen.

 

Die Beiden beginnen mit ihrer eigentlichen Arbeit. Währenddessen – und sie brauchen fast drei Stunden, um Light Hearse in all seine Bestandteile zu zerlegen – fühlen sie sich gar nicht wohl. Sowohl Gerhard, als auch Steffen haben das Gefühl, als ob er es spüren würde, dieser Leichenwagen, dass sie an ihm arbeiten.

 

Ihn zerlegen.

Ihn von hier fortbringen...

 

Ob wir ihn doch besser hier lassen, überlegt Steffen. Ob es vielleicht vernünftiger wäre, ihn in seiner gewohnten Umgebung, stehen zu lassen? Unsinn. Holzteile haben keine Seele! Das ist einzig und alleine unsere Phantasie, die mit uns durchgeht! Sonst nichts, sagt er sich.

 

Als sie später die komplette Kutsche auf unserem Fahrzeug haben, ist ihnen schon etwas wohler. Die unheimliche Höhle liegt hinter ihnen, und sie atmen tief durch.

 

„Die großen Teile, wie zum Beispiel die Räder, passten zentimetergenau durch die Öffnung!“, sagt Gerhard.

„Ja, als ob man den Leichenwagen diesem Loch angepasst hätte.“

„Oder, umgekehrt.“

„Er kommt aus England!“

„Ja, Steffen. Es ist mir unerklärlich, wie er hierher gekommen ist.“

„Mir auch.“

„Bauen wir ihn noch heute zusammen?“

„Ich würde sagen, ja.“

 

Gerhard wirkt geschafft. Erledigt und ausgelaugt. Hat ihm diese Bergung denn so viel ausgemacht? Wahrscheinlich, so sagt sich Steffen, ist er sensibler, als er selbst. Jedoch: Es war für die beiden Männer wirklich ein hartes Stück Arbeit, all die zum Teil sehr schweren Teile, wie die Räder und die doppelte Deichsel, von der Höhle hierher zum Fahrzeug zu schaffen.

 

Zuhause angekommen, beschließen die Zwei, sich sofort an die Arbeit zu machen. Martin ist außer sich – vor Freude – als Steffen mit Gerhard in die Hofeinfahrt fährt:

 

„Papa! Papa! Habt ihr alles?“

„Ja, mein Sohn.“

 

Er springt wie verrückt um den Wagen herum und will wissen, ob er mitarbeiten darf. Jedoch sein Vater lehnt dankend ab.

 

„Lass uns das machen, Junge.“

„Wann fangt ihr an, die Kutsche zusammenzubauen, Papa?“

„Jetzt.“

Ulla steht in ihrer Küchenschürze da und schüttelt nur den Kopf: „Du bist doch ein verrückter Kerl, Steffen.“

 

Neben der Schreinerei befindet sich eine kleine, offene Holzhütte, in der noch genügend Platz ist. Genau dort laden die beiden Männer alles aus und fangen an...

 

... den weißen Leichenwagen...

... in seinen Originalzustand zu versetzen.

 

Und wieder haben sie das Gefühl, als ob er etwas Unerklärliches ausstrahlen würde. Jedoch empfinden sie jetzt anders, als in der Höhle zuvor. Es ist ein angenehmes Gefühl, das die Beiden bei der Arbeit begleitet. Freut sich der Leichenwagen etwa, endlich aus dieser garstigen Höhle befreit worden zu sein?

 

Es ist schon später Abend, als sie ihr Werk vollendet haben. Sie sind von Kopf bis Fuß verdreckt: Der Schmutz der Zeit hatte sich überall festgesetzt. Steffen holt einen Wasserschlauch und spritzt die Kutsche ab.

 

„Sie ist wieder perfekt, Gerhard.“

„Ja, ich bin froh, dass alles so gut geklappt hat.“

„Ulla muss sie morgen putzen.“

„Da wird sie sich aber freuen!“, meint er lachend.

„Wenn sie mir nicht helfen will, mache ich es selber.“

„Ich arbeite natürlich mit, Steffen.“

„Nein, du kümmerst dich besser um den Wohnzimmerschrank für die Schmids, Gerhard.“

„Wie du meinst.“

 

Gerhard, Martin und Steffen stehen vor Light Hearse und betrachten ihn genau. Der Leichenwagen ist ungefähr zwei Meter hoch, etwas mehr als zwei Meter breit, und vier Meter lang. Das sündhaft teuere Holz ist weiß gestrichen und lackiert. Die Doppeldeichsel ist schwarz lackiert.

 

„Die Kutsche wurde sicherlich von zwei weißen Schimmeln gezogen!“, sagt Martin mit funkelnden Augen.

„Ja, bestimmt!“, antwortet Gerhard.

 

Die großen Räder sind aus Holz mit silbernen Beschlägen. An den oberen vier Ecken des Aufbaues befinden sich aufgesteckte Zwirbeltürmchen, die ebenfalls aus Holz sind. Jedoch sie sind versilbert. An den Seiten hängt schweres, schwarzes Samt, an dem sich viele silberne Kordeln befinden. Dieser Samt, in Verbindung mit den schmalen Seitenteilen, die man nach oben klappen kann, schirmte damals die Blicke der Leute Richtung Innenseite ab. Die Samtauflage an den Seiten beschreibt einen Bogen nach innen. Aber das Allerschärfste ist die kleine Treppe, die an der rechten Seite des Wagens heraus klappt, wenn man in den Wagen (oder auch in den Sarg) steigen will. Ein leichter Kick gegen einen Hebel genügt, und das Treppchen schwingt nach außen, bzw. herunter. Steffen fragt sich ernsthaft, welche Leiche eine solche Treppe brauchte.

 

„Wahrscheinlich war dieses Treppchen für die Leichenträger gedacht!“, sagt Gerhard und zündet sich eine Zigarette an.

„Ja, mit Sicherheit. Denn ich kenne keine Leiche, die sich selbständig hineinlegen könnte.“, antwortet Steffen.

„Darf ich mich in den Sarg legen, Papa?“, fragt Martin aufgeregt.

„Ja, warum denn nicht?“

 

Martin, der ja nun der eigentliche Besitzer dieser Kutsche ist, steigt vorsichtig die drei Stufen hoch. Dann legt er sich in die Kiste und jubelt laut:

 

„Ach, wie herrlich! Man liegt hier sehr weich!“

Im selben Moment kommt Ulla hinzu: „Wo ist denn Martin, Steffen?“

„Im Sarg.“

„Sag mal, spinnst du? In welchem Sarg denn?“

„In dem weißen Sarg, der in der Kutsche steht!“

„Du hast dem Jungen erlaubt, sich in einen Sarg zu legen?“ Sie ist empört.

„Wieso denn nicht? Er wollte es doch unbedingt ausprobieren!“

 

Sie geht an die Kutsche heran und wirft einen Blick hinein. Gerhard und Steffen stehen hinter ihr und grinsen sich an.

 

„Mama! Hier bin ich!“, jubelt Martin.

 

Sie reckt ihren Kopf und Steffen sieht ihren entsetzten Blick: Der Bengel liegt auf dem Rücken, die Hände gefaltet, und die Augen geschlossen, in dem Sarg. Er hat seinen Mund etwas geöffnet. Natürlich absichtlich, um seine Mutter zu erschrecken. Es ist ein merkwürdiger Anblick. Und plötzlich versteht Steffen Ulla.

 

„Komm sofort aus diesem Sarg heraus, Martin!“, keift sie aufgeregt.

„Nur noch ein bisschen. Man liegt hier sehr bequem, Mama.“

„Sofort kommst du da heraus!“

„Ja.“

Er dreht sich, und sie hilft ihm heraus: „Du wirst ab sofort nicht mehr in diese Kiste steigen, Martin!“

„Ja, Mama. Möchtest du es nicht auch ausprobieren?“

„Da komme ich noch früh genug hinein!“, meckert sie und zieht die Augenbrauen hoch.

 

Der Junge ist richtig aufgedreht. Ja, er wirkt auf seinen Vater, als ob er unter Strom stehen würde. Hat es ihm denn wirklich so gut gefallen?

 

„Man kann dich mit dem Jungen einfach nicht alleine lassen, Steffen!“

„Ich bin mit Papa sehr gerne alleine!“, lästert Martin.

„Ja, weil er dir alles durchgehen lässt! Ab ins Bett!“

 

Er schmollt. Er will natürlich noch nicht in sein Bett, obwohl es doch schon fast einundzwanzig Uhr ist. Als Ulla und Martin im Haus verschwunden sind, unterhält sich Steffen noch kurz mit Gerhard:

 

„Glaubst du, dass der Eigentümer des Wagens noch lebt, Gerhard?“

„Nein. Ich denke, dass er schon längst verstorben ist. Aber ich finde es merkwürdig, dass er diese Kutsche damals in diese enge Höhle gepresst hat!“

„Ja, es gibt schon komische Leute. Ach, übrigens: Du brauchst morgen erst um zehn Uhr zu kommen – wegen der heutigen Überstunden.“

„Geht klar. Dann kann ich ja heute Abend mit Sabrina weggehen.“

„Na siehst du.“

 

xxx

 

Gerhard fährt mit seinem VW Polo nach Hause. Er wohnt, zusammen mit seiner Freundin Sabrina, in einer kleinen Wohnung in einem Häuschen direkt an der Donau. Sabrina ist hell erfreut, als er ihr mitteilt, dass er sie heute Abend zum Eisessen nach Passau einlädt. Er erzählt ihr von der unglaublichen Kutsche, und sie kann es gar nicht glauben:

 

„Eine weiße Kutsche habt ihr aus dieser Höhle geholt?“

„Ja, eine weiße Kutsche, in der ein weißer Sarg, der mit schwarzem Samt ausgeschlagen ist, steht. Aber er ist nicht allzu groß, dieser Sarg.“

„Die Menschen waren früher nicht so groß, wie heute.“

„Ja, das stimmt.“

„Und Martin hat sich hineingelegt?“

„Ja, der Boss hat es ihm erlaubt.“

„Ulla war sicherlich hoch erfreut darüber, oder?“

„Das kannst du aber laut sagen, mein Schatz!“

„Und du hattest ein merkwürdiges Gefühl im Bauch, als ihr sie zerlegt habt?“

„Ja, ich sage dir: Ich hatte ein ganz mulmiges Gefühl dabei.“

„Das lag sicher an diesem Sarg.“

„Ja, bestimmt.“

„Aber wer ist denn so verrückt, Gerhard, und versteckt eine Kutsche in einer Höhle?“

„Frage mich etwas Leichteres.“

„Ich glaube, dass es mit dieser alten Kutsche eine besondere Bewandtnis auf sich hat.“

„Wie meinst du das, Sabrina?“

„Ich weiß auch nicht. Aber ich würde sie doch gerne mal sehen.“

„Das dürfte kein Problem sein. Du brauchst ja nur vorbeizukommen!“

„Ja, ich werde sie mir mal ansehen, diese Kutsche.“

 

xxx

 

Ulla verspricht Steffen beim Abendessen (Martin hat keinen Hunger), die Kutsche morgen Vormittag gründlich zu putzen. Er muss ihr aber versprechen, dass sich der Junge nicht mehr in den Sarg legen darf.

 

Spätabends geht Steffen noch einmal aus dem Haus. Irgendwie zieht es ihn hin - zu der neuen, alten Anschaffung. Als er schließlich – in völliger Dunkelheit – in der Eingangstür der kleinen Scheune steht und sich eine Zigarette anzündet, sieht er, dass das Holz der Kutsche hintergründig leuchtet. Ist es dieses Weiß der Farbe, oder was kann es sonst sein? Besonders die Kanten und Ecken des Gefährts schillern. Es sieht phantastisch aus, dieses unwirkliche Glimmen. Ja, es erinnert ihn an das Leuchten eines Glühwürmchens. Besser gesagt, an Hunderte von Glühwürmchen.

 

Light Hearse...

 

Einzigartig, und ungemein schön. Steffen bewundert die Leute, die solch herrliche Kutschen gebaut hatten. Wie viele Leichen lagen wohl darin? Weich gebettet, auf diesem wunderbaren Samt, das den Zahn der Zeit überstanden hat? Waren es reiche Leute, Herrschaften in gehobenen Kreisen, die in solchen Fahrzeugen zu ihrem letzten Ruheort gebracht worden waren? Ja, sicher waren es keine einfachen Menschen, die in dieser Kutsche befördert wurden. Befördert ins...

 

Jenseits.

Ins Reich der Toten.

 

Er wundert sich, was ihm bei dem Anblick dieses Schmuckstücks so alles einfällt: Der Tod, diese verstorbenen Leute, das Jenseits. Und das Leben nach dem Tod. „Au!“ Er verbrennt sich an der Kippe die Finger. Er war dermaßen in Gedanken vertieft, dass er gar nicht gemerkt hatte, dass die Zigarette längst abgebrannt war. „Gute Nacht, Light Hearse!“, sagt er, und dreht sich um. Und plötzlich hat er das Gefühl, dieses unglaubliche Gefühl, dass er, dieser Leichenwagen...

 

... lebt.

 

xxx

 

Frühmorgens macht sich Ulla an die Arbeit. Martin, der mit dem Bus in die Schule nach Passau gefahren ist (es sind 15 km bis dorthin), wollte schon wieder an bzw. in seine Kutsche. Aber seine Mutter drängte ihn, endlich zum Bus zu gehen. Nun ist sie am Reinigen. Sie schrubbt und putzt die weiße Kutsche mit Hingabe. Steffen beschäftigt sich derweil mit dem Schrank für die Schmids, und Steffen kommt ja, wie vereinbart, erst um zehn Uhr.

 

Ulla ist wie immer gründlich. Sie fängt oben, am leicht abfallenden Holzdach an, und arbeitet sich systematisch nach unten. Irgendwann ruft sie:

 

„Steffen! Hebe doch mal den Sarg herunter! Ich möchte auch darunter putzen!“

„Ach, lass es doch.“

„Nein. Wenn, dann mache ich es gründlich.“

 

Er lässt seine Arbeit liegen und versucht, den herrlichen Sarg einfach wegzuschieben. Er legt sich unter die Kutsche und löst die sechs Schrauben, an die er gar nicht mehr gedacht hatte. Jetzt kann er den Sarg bewegen. Er schiebt ihn einfach zur Seite, denn er ist ungeheuer schwer. Der Aufsatz, auf dem der Sarg stand, ist natürlich völlig verdreckt. Ulla braucht eine halbe Stunde, um ihn sauber zu kriegen.

 

„Steffen!“

„Ja?“

„Schau dir mal diesen Holzaufsatz an!“

Er lässt seine Arbeit liegen und läuft zu ihr hinüber. „Was ist denn daran?“

„Ich weiß auch nicht. Aber sieh nur! Diese seltsamen Zeichen an, die ins Holz eingearbeitet sind!“

„Das ist eine Inschrift, Ulla. Eine uralte Schrift, die uns sicherlich nicht mehr bekannt ist.“

„Und hier ist eine Leiste!“

„Eine Leiste? Ja, das wird sicherlich eine Zierleiste sein.“

„Du kannst den Sarg jetzt wieder hineinstellen, Steffen.“

„O. k.“

 

Er schiebt den Sarg zurück in seine ursprüngliche Position. Er befestigt die sechs Schrauben wieder. Die Kutsche sieht aus, als ob sie neu wäre. Ulla und Steffen betrachten ihr Werk und sind mit der Sauberkeit des Wagens und dessen Aussehen sehr zufrieden.

 

„Steffen, ich möchte nicht, dass dieser Leichenwagen jetzt Martins liebstes Spielzeug wird!“

„Er wird das Interesse daran bestimmt schon bald verlieren.“

„Meinst du?“

„Ja. Ich denke, schon.“

 

xxx

 

Martin kann sich heute in der Schule (er geht in die dritte Klasse) nicht konzentrieren. Sein Banknachbar Michael will von ihm wissen, was denn mit ihm los sei:

 

„Hör mal, was ist denn mit dir?“

„Ich lag gestern Abend in einem Sarg.“

„Du spinnst.“

„Ich spinne nicht. Ich habe jetzt eine Kutsche, in der ein Sarg steht.“

„Die will ich sehen.“

„Kein Problem. Du kannst ja heute Nachmittag zu mir kommen. Dann zeige ich sie dir.“

„Hallo! Ihr Beiden! Hört sofort auf, zu schwätzen!“, ruft Frau Oberlehrerin Gunda Glitter.

„Was ist das denn für eine Kutsche, Martin?“, wispert Michael neugierig.

„Eine englische, weiße Leichenkutsche.“

„Klingt ja ekelhaft.“

„Ist es aber nicht. Sie ist grandios!“

„Und sie gehört dir?“

 

Ja, Michael. Sie gehört mir.“

 

xxx

 

Am frühen Nachmittag erscheint Michael auf seinem Mountainbike bei den Schäfers, besser gesagt, bei dem Anwesen von Martins Eltern. Er ist sehr neugierig und ein wenig aufgeregt. Martin begrüßt ihn mit stolzgeschwellter Brust. Seine Mutter ist glücklicherweise zum Friseur nach Passau gefahren. Ihre Aktion verspricht also, etwas länger zu dauern. Sie sind ungestört.

 

„Komm mit in den Schuppen, Michael.“

 

Der schmale, zierliche Junge folgt ihm auf den Fuß. Steffen und Gerhard arbeiten in der großen Halle, und der Lärm der kreischenden Sägen ist enorm. Die Jungen stehen nun vor dem kleinen Schuppen und Michael erstarrt.

 

„Wahnsinn!“, haucht er.

„Geil, was?“

„Und die habt ihr aus dieser Höhle herausgeholt?“

Martin wirft sich in die Brust: „Ja, Haben wir. Papa und ich.“

„Toll.“

„Es war nicht leicht, aber wir haben es gemeinsam geschafft.“

„Darf ich mich auch in den Sarg legen, Martin?“

Er sagt gönnerhaft: „Ich weiß nicht. Na gut, meinetwegen. Aber nur ganz kurz.“

 

Martin kickt mit dem Fuß an den kleinen Hebel, und das Treppchen schwingt herunter. Michael ist sehr überrascht und steigt die drei Stufen hinauf. Er legt sich vorsichtig in den Sarg.

 

„Liegst du gut?“

„Ja!“, antwortet Michael zaghaft.

„Es ist doch ein Supergefühl, oder?“

„Ja, Martin.“

„Hast du Angst?“

„Nein, nein.“ Man hört ihm deutlich an, wie er innerlich zittert. Aber er will es seinem Freund natürlich nicht zeigen.

„Jetzt reicht es schon wieder. Komm heraus.“

„Ja.“ (Er hätte beinahe gerne gesagt!)

 

Er steigt aus der Kiste und klettert die Treppe hinab. Michael fragt neugierig, wie kleine Jungen nun mal sind:

 

„Was ist denn unter diesem Sarg?“

„Keine Ahnung. Was soll dort schon sein? Ich denke, da ist nur dieser Holzaufsatz, auf dem der Sarg steht.

 

Sie klappen die beiden Seitenteile, sozusagen die Kutschenwände, nach oben. Dann bücken sie sich und untersuchen den Aufsatz.

 

„Da ist eine Schrift, Martin!“

„Ja, ja, habe ich schon gesehen.“

 

Der kleine Michael fährt mit seinen zarten Fingern unter den Aufsatz, sprich, unter den Kutschenboden. Und er spürt eine winzige Erhebung...

 

„Du, da unten ist eine Art von kleinem Knopf!“, stellt Michael fest.

„Lass mich mal fühlen.“

 

Martin geht auf alle Viere und drückt auf besagten Knopf, der von oben unmöglich zu sehen ist. Langsam, ganz langsam, schwingt die seitliche Holzwand des Aufsatzes nach außen.

 

„Geh zur Seite, Michael!“ Martin schaut unbewusst auf seine Armbanduhr. Es ist exakt vierzehn Uhr vierzig. Normalerweise schaut er ja nur dann auf seine Uhr, wenn er unter Zeitdruck steht. - Nun ist die Seitenwand des Aufsatzes, die nicht höher als vierzig Zentimeter ist, geöffnet. Dahinter muss ein hohler Raum sein. Eben der Raum, auf dem der Sarg steht.

 

„Was ist denn da drinnen, Martin?“

„Ich schaue mal.“

 

Er klettert – fast waagrecht, in die dunkle Öffnung, und er spürt, dass die Kutsche ganz leicht vibriert.

 

Er sagt: „Michael! Hier sind Stufen!“

„Das kann doch nicht sein.“

„Doch! Ich kann hier stehen!“

„Du spinnst, Martin.“

„Komm herein! Los, komm!“

 

Auch Michael klettert in das lange, rechteckige Loch. Das Vibrieren irritiert ihn etwas, aber er sagt nichts. Martin ist tatsächlich nicht mehr in dem langen Hohlraum. Es fällt Michael nicht schwer, auch in den Hohlraum hineinzuklettern, denn auch er ist sehr schlank. Er kann sich aber trotzdem nicht so recht erklären, wieso sein bester Freund dort drinnen stehen kann. Er dreht sich etwas, halb liegend, und tastet mit den Füßen den Boden ab. Und er merkt, dass Martin ihn nicht angelogen hat. Langsam richtet er sich in dem Unterbau auf:

 

„Martin! Wo bist du?“

„Hier!“, tönt es etwas tiefer.

„Wie kannst du unter mir sein? Dort ist doch der Boden der Kutsche!“

„Eben nicht! Ich verstehe es auch nicht.“

„Aber hier ist es so furchtbar dunkel!“

 

Wie auf ein Geheimzeichen hin wird es plötzlich geringfügig heller. Und Michael sieht Martin auf einer Steintreppe stehen. Dieser winkt ihm aufmunternd zu:

 

„Komm! Lass uns hinunter gehen!“

„Hast du die Holzseitenwand des Aufsatzes wieder geschlossen, Michael?“

„Ja, habe ich.“

 

Michael folgt seinem Freund. Es geht eine schmale Treppe hinab. Links, rechts und über ihnen ist wunderschön-schimmerndes Gestein. Auch sind silberne Tropfen zu sehen, die langsam an den Wänden hinuntergleiten. Eine solche Art von Stein hatten sie bisher noch nie gesehen. Kurz darauf stehen sie, eng beieinander und etwas ängstlich, am Fuß der Treppe und Martin sagt leise:

 

Es sind 13 Stufen, Michael.“

13 Stufen abwärts.“, antwortet dieser leise.

 

Und sie sind sehr beeindruckt.

 

xxx

 

Sie blicken sich forschend um. Der Gang, in dem sie sich befinden, ist indirekt beleuchtet. Aber sie können sich nicht erklären, woher die Lichtquellen kommen. Phosphoreszierendes Licht ist überall. Und es ist sehr warm hier unten.

 

„Ich habe Angst, Martin.“

„Ich auch.“

„Kehren wir wieder um?“

„Nein, Michael. Ich will sehen, wohin dieser schmale Tunnel führt.“

„Ich will aber zurück.“

„Möchtest du mich etwa alleine lassen?“

„Nein. Natürlich nicht.“

 

Sie laufen vorsichtig, mit eingezogenem Genick, und auf alles Mögliche gefasst, den unheimlichen Gang entlang, in dem sie gerade so gehen können, ohne sich den Kopf zu stoßen. Ein Erwachsener müsste wohl den Kopf einziehen und gebückt laufen. Am liebsten würden sie sich ja an den Händen nehmen, aber jeder von ihnen sagt sich, dass dies zu mädchenhaft wäre. Ein Ding der Unmöglichkeit! Der Gang macht eine leichte Drehung nach links. Und plötzlich hören sie eine weibliche Stimme, die eine wunderschöne Melodie summt. Zuerst ganz leise, aber dieses Summen wird nach und nach immer lauter.

 

„Michael, da ist jemand!“

„Ja, wahrscheinlich eine Frau.“

„Oder ein Mädchen.“

 

Sie sind ungeheuer aufgeregt, denn damit hatten sie nicht gerechnet. Sie dachten wohl an Ratten, Spinnen und sonstiges Getier, aber an eine menschliche Stimme dachten sie nicht.

 

„Wie kann hier unten eine Frau sein, Martin?“

„Keine Ahnung. Mir ist sowieso rätselhaft, was hier abläuft.“

 

Sie gehen einige Meter weiter. Sie sind aufs Äußerste angespannt. Was wird wohl hinter der nächsten Biegung, die sanft nach rechts führt, sein? Als sie diese zweite Biegung durchlaufen haben, endet der schmale Gang, der so sehr auf ihr Gemüt einwirkte, vor einer schweren Tür, die mit Silber beschlagen ist.

 

„Horch! Diese Frau ist hinter der Tür!“

„Ja, Martin. Du hast recht.“

 

Michael drückt zaghaft die schwere Klinke der Tür herunter. Jedoch sie ist verschlossen. Nun versucht Martin sein Glück, aber auch ohne Erfolg. Gerade, als sie sich umdrehen und zurückgehen wollen, öffnet sich die Tür ganz leicht, jedoch mit einem unheimlichen Knarren.

 

„Kommt herein, Jungs!“

 

Ihre Stimme ist glockenhell. Sie war es, die so wunderbar gesummt hatte. Aber sie sehen sie natürlich immer noch nicht. Die Tür schwingt nun – wie von Geisterhand – ganz auf. Sie hatten sie nicht noch einmal berührt.

 

Der Raum, der sich vor ihren Augen auftut, hat ungefähr die Größe eines geräumigen Wohnzimmers. Ein wunderschöner Lüster mit tausend Lichtern, dicke Teppiche und herrliche Bilder umgeben die junge, blonde Frau. Es handelt sich bei den Bildern durchwegs um Kinderporträts. Ein weißes Klavier steht nicht weit von ihr entfernt. Auf ihm steht ein Globus. Der gesamte Raum ist von Bücherregalen umgeben, die aus Eiche gebaut sind. Und diese Regale sind voll. Voll mit alten, zum Teil in Leder gebundenen Büchern.

 

Sie ist wunderschön, diese junge Frau. In ihrem langen, glänzenden Haar steckt so etwas Ähnliches wie eine kleine Krone, die stark glitzert. Ihre Hände liegen auf gepolsterten Armlehnen, und an ihren feinen Fingern glänzen herrliche Ringe. Sie sitzt auf einem blauschimmernden Sessel mit geschwungenen Füßen, dessen Sitzfläche mit Samt überzogen ist. Ihr Kleid ist sehr kurz und ihre schönen Beine sind übereinandergeschlagen. Und sie summt erneut. Auf und ab. Ab und auf...

 

Ihr kleiner Thron, wie man ihn getrost nennen könnte, steht an der hinteren Wandseite, etwas in der Ecke. Der Raum ist sehr hell erleuchtet, und ein besonderer Duft schwebt im Raum.

 

Ist es Jasmin-Duft?

Es könnte sein.

 

Martin und Michael, die vollkommen sprachlos sind, betrachten diese anmutige Erscheinung. Und sie gehen langsam auf sie zu. Sie hat glasklare, grüne Katzenaugen und blickt die beiden Jungen intensiv an. Nun hört sie mit ihrem Summen wieder auf. Sie sagt mit ihrer zarten Stimme:

 

„Martin und Michael. Wie schön, euch hier zu sehen.“

 

Völlig perplex bleiben sie stehen und schauen sich an. Michael, der Kleinere der beiden, findet als erster zu seiner Stimme zurück:

 

„Hallo! Wer sind Sie denn?“

„Du möchtest wissen, wer ich bin? Oder möchtest du lieber wissen, was ich hier mache?“

„Ja, ja. Natürlich. Beides.“

Martin, der sich etwas gefangen hat, sagt: „Woher wissen Sie, wer wir sind?“

„Es gibt Leute, Martin, die wesentlich mehr wissen, als sie zu wissen scheinen. Merke dir diesen Satz!“

 

Etwas unterhalb ihres wunderschönen Sessels steht diagonal eine kleine Sitzbank, die, genau wie der Thron, mit diesem weichen, schwarzen Samt überzogen ist. Sie beugt sich etwas vor:

 

„Setzt euch zu mir, Jungs! Ich möchte mich gerne mit euch unterhalten.“

„Zuerst sagen Sie uns bitte, wer Sie sind!“, meint Martin beharrlich.

Sie lächelt zauberhaft: „Ja, sicher, Martin. Kommt, nehmt Platz. Möchtet ihr eine Zitronenlimonade?“

Und Martin antwortet: „Ja, gerne.“

 

Sie setzt sich wieder, schnippt mit dem Finger und von der hinteren Seite des Raumes erscheint ein kleines Mädchen.

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