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Dreißig Nächte und ein Leben

1. KAPITEL

„Hunter“, murmelte Nathan Barrister nun, als er seinen Blick über das gigantische Landhaus am Lake Tahoe wandern ließ. „Wenn du jetzt hier wärst, dann würde ich dich umbringen.“

Aber natürlich war Hunter Palmer nicht hier, und Nathan konnte seinen besten Freund nicht umbringen, da er bereits tot war.

Er spürte die Kälte, die jedes Mal in ihm aufstieg, wenn er daran dachte, dass er Hunter für immer verloren hatte. Doch er war geübt darin, diese Gefühle zu verdrängen. Nostalgie war reine Zeitverschwendung.

„Und der nächste Monat ist ebenfalls für die Katz“, konstatierte Nathan, stieg aus dem Mietwagen und landete mit beiden Füßen im Schneematsch.

Angewidert kickte er den schmutzigen Schnee von seinen auf Hochglanz polierten Schuhen. Ich hätte auf die Sachbearbeiterin der Leihwagenfirma hören sollen, dachte er. Sie hatte ihm geraten, einen Geländewagen zu mieten. Stattdessen hatte er auf einem sportlichen Flitzer bestanden.

Aber wer kam schon auf die Idee, dass es im März noch Schnee gab?

Er lächelte grimmig. Ich hätte auf diese Idee kommen sollen, schimpfte er stumm. Er war im Osten der USA aufgewachsen und hätte daran denken sollen, dass es hier jederzeit und überall schneien konnte, besonders so hoch oben in den Bergen. Allerdings hatte er sein ganzes Leben damit verbracht, seine Vergangenheit zu vergessen. Daher überraschte es ihn kaum, dass ihm selbst die Wetterverhältnisse fremd geworden waren.

Die Luft war kühl und sauber, und der Himmel war so blau, dass es den Augen fast wehtat. Ein scharfer Wind fegte durch die großen Bergkiefern. Die Äste knarrten, und ab und zu wurde Schnee hinuntergeweht.

Nathan fröstelte und zog den Kragen seiner braunen Lederjacke höher. Er hatte nicht das geringste Interesse daran, an diesem Ort zu sein, schon gar nicht für einen ganzen Monat. Er blieb grundsätzlich nirgendwo länger als ein paar Tage. Außerdem erinnerte ihn Hunters Haus an Dinge, an die er seit Jahren nicht mehr gedacht hatte.

Zögernd ging er zum Haus hinüber und ließ sein Gepäck vorerst im Auto. In der Stille hier oben war das Knirschen seiner Schritte das einzige Geräusch. Es war, als hielte die Welt den Atem an … Großartig, Nathan, dachte er entnervt. Eine Viertelstunde in dieser Umgebung genügt, und du wirst poetisch!

Er wünschte, er wäre nicht hier. Er wünschte, er wäre immer noch auf Tahiti, um in seinem Luxushotel nach dem Rechten zu sehen. Es gab immer etwas zu tun. Streitigkeiten schlichten, Verbesserungen planen, Ausschau nach Expansionsmöglichkeiten halten. Nächsten Monat würde er auf Barbados sein, danach in Jamaika. Nathan war immer unterwegs, hielt nie inne, gab sich nie die Chance, zur Ruhe zu kommen, sich niederzulassen. Ein paar Tage am selben Ort – dann trieb es ihn weiter.

Und jetzt?

Wenn es irgendeine Möglichkeit gegeben hätte, aus der Sache herauszukommen – Nathan hätte sie genutzt. Er hatte alles versucht, um eine undichte Stelle im Testament seines Freundes zu finden. Doch die Familienanwälte der Barristers hatten ihm mitgeteilt, dass die Verfügung seines Freundes absolut wasserdicht war. Hunter Palmer hatte sichergestellt, dass seine Freunde keine andere Wahl hatten, als sich seinem letzten Willen zu beugen.

„Das macht dir richtig Spaß, nicht wahr?“, flüsterte Nathan und dachte an seinen verstorbenen Freund. Der Wind fuhr in die Äste der Nadelbäume und ließ sie rascheln. In Nathans Ohren hörte es sich an wie höhnisches Gelächter.

„Na gut. Ich bin hier. Und ich versuche, einen Monat lang zu bleiben“, murmelte er. Sobald er Hunters letzten Wunsch erfüllt hatte, würde sein alter Freund hoffentlich aufhören, ihm Albträume zu verursachen.

An der Eingangstür aus massivem Holz steckte ein großer weißer Umschlag, auf dem in krakeliger Handschrift sein Name stand. Nathan stieg die wenigen Stufen hoch, nahm den Umschlag und riss ihn auf. Darin befanden sich die Hausschlüssel, die an einer verschnörkelten Kette hingen, sowie ein Blatt Papier.

Hallo, ich bin Meri, Ihre Haushälterin. Ich habe immer sehr viel zu tun, deshalb bin ich leider nicht hier, um Sie zu begrüßen. Wahrscheinlich werden wir uns während Ihres Aufenthaltes nur selten sehen. In der Küche finden Sie frische Vorräte. Das Städtchen Hunter’s Landing erreichen Sie in zwanzig Minuten mit dem Auto, falls Sie noch etwas brauchen sollten. Ich hoffe, dass Sie und die anderen, die noch kommen werden, Ihren Aufenthalt hier genießen werden.

Nathan zerknüllte den Zettel in der rechten Hand und ballte sie zur Faust.

Die anderen.

Er dachte an das letzte Jahr in Harvard und an die Sieben Samurai. So hatten sich die Freunde und er genannt. Kindisch, doch damals schien es ihnen nicht so. Sie hatten vier harte Studienjahre hinter sich und waren unzertrennlich. Ihre Zukunft schien ihnen wie der gerade Weg zum Erfolg. Bei der äußerst feuchtfröhlichen Abschlussfeier schworen sich die Samurai, zusammen ein Haus zu bauen und sich in zehn Jahren wiederzutreffen. Jeder von ihnen sollte einen Monat in dem Haus verbringen. Im siebten Monat wollten sie sich alle dort treffen und die erfolgreichen Karrieren feiern, die sie dann alle – davon gingen sie selbstverständlich aus – vorzuweisen haben würden.

Es war alles genau geplant. Und dann …

Nathan schüttelte den Kopf und verscheuchte die Erinnerungen. Schnell öffnete er die Haustür und blieb in der Eingangshalle stehen. Von dort fiel sein Blick auf einen riesigen holzgetäfelten Raum mit einem offenen Kamin, in dem bereits ein Feuer prasselte. Breite, bequem aussehende Polstermöbel luden zum Verweilen ein.

Na gut, dachte Nathan. Immerhin ist das Gefängnis angenehm möbliert. Die Haushälterin und die nahegelegene Stadt fielen ihm ein. Er konnte nur hoffen, dass die Leute ihn in Ruhe ließen. Es war schon schlimm genug, hier festzusitzen. Da brauchte er nicht auch noch die Gesellschaft von fremden Menschen.

Er hatte nicht vor, hier Freundschaften zu schließen. Alles, um was es ging, war, einem verstorbenen Freund die letzte Ehre zu erweisen.

Eine Stunde später parkte Keira Sanders ihren Truck vor Hunter’s Lodge, nahm den großen Korb vom Beifahrersitz, sprang aus dem Wagen und schlug die Fahrertür zu. Beinah wäre sie im Schneematsch ausgerutscht, doch sie fing sich im letzten Moment. Ein schmutziger Hosenboden bei der ersten Begegnung mit dem Gast der Lodge hätte ihr gerade noch gefehlt.

„Das würde einen super Eindruck machen“, murmelte sie, während sie das große Landhaus näher betrachtete.

In der hereinbrechenden Nacht leuchtete es wie ein Juwel. Im ganzen Haus brannte Licht und warf einen goldenen Schimmer auf den Schnee. Aus dem Schornstein stieg Rauch, der sich im eisigen Wind verflüchtigte. Das tiefe Dach war schneebedeckt wie auch die Kiefern und Espen, die das Haus umstanden. Es war lange Winter hier oben in den Bergen, aber Keira hätte es gar nicht anders haben wollen.

Die Kälte und die vom Schnee gedämpften Geräusche hatten für sie immer etwas Magisches. Am liebsten hätte sie sich jetzt in ihrer gemütlichen Wohnung in Hunter’s Landing aufs Sofa gekuschelt, mit einem Buch und einem Glas Wein.

Stattdessen war sie hier, um den ersten jener sechs Männer zu begrüßen, die jeweils einen Monat in dem Haus am See verbringen würden. Keira kämpfte gegen ihre Nervosität an. Das, was heute hier begann und in den nächsten Monaten fortgeführt würde, war zu wichtig. Für das Städtchen Hunter’s Landing, aber ebenso für sie selbst.

Vor zwei Wochen hatte sie ein förmliches Schreiben erhalten. Es kam vom Anwalt eines Mannes, der Hunter Palmer hieß. In dem Brief erläuterte der Anwalt die ungewöhnlichen Klauseln des Vermächtnisses.

In den kommenden sechs Monaten würden sechs verschiedene Männer nach Hunter’s Landing kommen, um jeweils dreißig Tage in Hunter’s Lodge zu verbringen. Falls jeder dieser Männer einen ganzen Monat blieb, erhielt die Stadt zwanzig Millionen Dollar, das sie für wohltätige Zwecke verwenden konnte. Das Landhaus selbst sollte danach Krebspatienten zur Erholung dienen.

Keira atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Sie war Bürgermeisterin von Hunter’s Landing. Es war ihre Aufgabe, die sechs Gäste dazu zu bringen, die Klausel in Hunter Palmers Testament zu erfüllen. Sie konnte es sich nicht leisten, eine solch gewaltige Spende zu verlieren. Das Geld würde es ihr ermöglichen, das Krankenhaus zu erweitern, das Gefängnis zu modernisieren, die städtische Verwaltung besser auszustatten und, und, und …

Sie lächelte, als sie merkte, wie ihre Gedanken sich überschlugen. Keira packte den Henkel des Korbes fester und vergewisserte sich, dass der Deckel geschlossen war. Dann strich sie den Kragen ihrer Jacke glatt, straffte die Schultern, setzte ein Willkommenslächeln auf und bereitete sich darauf vor, den ersten Gast in Hunter’s Lodge kennenzulernen.

Es fiel ihr leicht, auf Menschen zuzugehen. Und sie war entschlossen, jede Chance zu nutzen, um ihrer Stadt das Geld zu sichern. Sie würde dafür sorgen, dass alle sechs Männer dreißig Tage in dem Landhaus verbrachten. Dazu musste sie den Gästen klarmachen, wie wichtig die Sache für Hunter’s Landing war.

Entschlossen marschierte sie los, Richtung Eingangstür. Ihre Schritte knirschten im Schnee, und als sie auf eine vereiste Stelle trat, die unter dem Schnee verborgen gewesen war, schlidderte sie trotz der festen Schuhsohlen und drohte, die Balance zu verlieren. „Oh nein.“

Entsetzt umklammerte sie den Korb und ruderte wild mit dem anderen Arm. Doch ihre Füße fanden keinen Halt. Keira wusste, dass sie kurz davor war, sowohl die Balance als auch ihre Würde zu verlieren.

„Au!“, rief sie, als sie zu Boden ging. Sie ließ den Korb los und hoffte, dass der Deckel fest genug geschlossen war, damit der Inhalt blieb, wo er war. Entnervt seufzte sie. „Großartiger Auftritt, Keira.“

Die Haustür wurde mit einem Ruck geöffnet. Licht fiel nach draußen. Keira blinzelte und sah die Silhouette eines Mannes im Türrahmen.

Verflixt, dachte sie. So wollte ich Nathan Barrister nicht begrüßen.

„Wer sind Sie?“, fragte er, machte dabei aber keine Anstalten, die Treppe herunterzukommen und ihr zu helfen.

„Mir geht es gut, danke der Nachfrage.“ Sie spürte, wie der eiskalte Schneematsch ihre Hose durchnässte. Toller Eindruck, den ich mache, grollte sie im Stillen. Vielleicht sollte ich zurück zum Auto kriechen und noch mal von vorn anfangen?

„Falls Sie Schadenersatz fordern wollen, sollten Sie wissen, dass ich nicht der Besitzer des Anwesens bin“, sagte Nathan.

„Wow.“ Keira vergaß für einen Moment, dass dieser Mann nebst fünf weiteren entscheidend für die Zukunft ihrer Stadt war. Stattdessen saß sie nur da und starrte ihn an wie ein seltenes Tier. „Sie sind wirklich ein Idiot.“

„Wie bitte?“

„Habe ich das laut gesagt?“

„Ja.“

„Tut mir leid.“ Das stimmte sogar. Mehr oder weniger. Nichts lief wie geplant.

„Haben Sie sich verletzt?“

„Verletzt ist nur mein Stolz“, gab sie zu, obwohl ihr Po wehtat und das schmelzende Eis sein Übriges tat, um die Lage zu verschlimmern. Trotzdem nahm Keira sich vor, das Beste daraus zu machen. Sie wedelte mit der Hand in Nathans Richtung. „Könnten Sie mir bitte helfen?“

Er murmelte etwas Unverständliches. Sie nahm an, dass es nichts Freundliches war. Aber dann kam er immerhin zu ihr, ergriff ihre Hand und zog Keira mühelos hoch, sodass sie wieder auf die Füße kam.

Seine Finger fühlten sich warm an. Warm, kräftig … und irgendwie gut. Es war ein unerwartetes Gefühl. Nathan ließ ihre Hand los, als habe er sich verbrannt, und sie fragte sich, ob er ebenfalls dieses Prickeln gespürt hatte, als sich ihre Finger berührten.

Sie klopfte sich den Hosenboden ab, während sie zu dem Mann vor ihr aufsah. Seltsamerweise hatte sie einen älteren Mann erwartet. Aber er war nicht alt. Er war groß und schlank, breite Schultern, schmale Hüften und lange Beine. Zog sie die Mühelosigkeit in Betracht, mit der er ihr aufgeholfen hatte, dann war er außerdem kräftig. Nicht dass sie besonders schwer war. Aber sie war sicher nicht der magersüchtige Modeltyp, der zurzeit als schick galt.

Normalerweise hätte ihr ein Mann wie Nathan Barrister sofort Schmetterlinge im Bauch verursacht. Die Art jedoch, wie er sie grollend betrachtete, ließ Keira erst einmal Abstand halten. Er trug sein schwarzes Haar relativ lang und in einem modischen Schnitt. Aus kühlen blauen Augen sah er misstrauisch auf sie hinab. Ein Muskel zuckte an seinem markanten Kinn, und seine sinnlichen Lippen bildeten jetzt eine schmale Linie, die Keira verriet, wie unwillkommen sie hier war.

„Haben Sie schlechte Laune, oder liegt es an mir?“, fragte sie geradeheraus.

„Wer auch immer Sie sind“, erwiderte er mit einer tiefen, rauen Stimme, die ihr einen heißen Schauer über den Rücken sandte, „ich habe Sie nicht eingeladen. Ich habe kein Interesse daran, meine Nachbarn kennenzulernen.“

„Das trifft sich gut“, gab Keira zurück und lächelte zufrieden, als sie sah, dass er irritiert war. „Sie haben nämlich keine Nachbarn. Das nächste Haus am See ist ein paar Meilen weiter nördlich.“

Er runzelte die Stirn. „Und wer sind Sie dann?“

„Keira Sanders“, antwortete sie und streckte ihm die Hand hin. In dieser Position wartete Keira, bis er sich seiner guten Manieren erinnerte.

Wieder war da dieses angenehm prickelnde Gefühl, als sich ihre Hände berührten. Ob er es wohl auch empfand? Falls ja, schien er darüber nicht erfreut. Keira dagegen genoss den Moment. Es war schon verdammt lange her, seit sie einen Mann attraktiv gefunden hatte. Ihr Bedarf an Romantik war seit ihrer letzten gescheiterten Beziehung gedeckt.

Trotzdem war das, was sie gerade spürte, eine nette Abwechslung.

Sie ließ seine Hand nicht los und sah ihn lächelnd an. Er sah wirklich toll aus. Schade, dass er so grantig war. Aber sie hatte oft genug mit seltsamen Leuten zu tun. Und seine schlechten Manieren waren kein Grund, die Chance auf eine Millionenspende zu vertun.

„Ich bin Bürgermeisterin von Hunter’s Landing und hergekommen, um Sie zu begrüßen.“

„Das ist nicht notwendig“, sagte er und ließ ihre Hand los.

„Das Vergnügen ist ganz meinerseits“, erwiderte sie überaus höflich, bückte sich und hob den großen Korb auf. „Und“, fuhr sie fort, während sie mit festem Schritt zur Haustür ging, „ich habe Ihnen einen Geschenkkorb mitgebracht, sozusagen als Willkommensgruß der Stadtverwaltung.“

„Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen …“, wehrte er ab und eilte ihr nach.

„Aber gern doch“, sagte Keira, betrat das Haus und blieb in der Eingangshalle stehen. „Ich gebe zu, dass ich vor Neugier auf das Haus fast geplatzt bin. Ich bin gespannt, wie es innen aussieht.“

Es dauerte einen Moment, doch schließlich hörte sie, wie Nathan ebenfalls eintrat und entnervt seufzend die Tür hinter sich schloss. Er war offenbar nicht nur ein bisschen, sondern außerordentlich grantig.

Na schön, dachte sie. Soll er doch. Ich werde ihn schon auftauen.

Schließlich musste sie dafür sorgen, dass er und die anderen fünf, die in den nächsten Monaten hier wohnen würden, sich an die Testamentsklausel hielten. Nur so konnte die Stadt profitieren.

„Ms. Sanders …“

„Nennen Sie mich Keira“, forderte sie ihn mit einem Lächeln auf.

„Gut.“ Er schob beide Hände in die Hosentaschen und musterte Keira ungeduldig.

Offenbar wollte er tatsächlich keinen Besuch.

„Keine Sorge“, sagte sie und betrat das große Wohnzimmer. „Ich bleibe nicht lang. Ich wollte Sie nur begrüßen und Ihnen mitteilen, dass Sie nicht mutterseelenallein hier sind.“

„Ich bevorzuge das Alleinsein“, entgegnete er. Keira, die begonnen hatte, den riesigen, wandvertäfelten Raum mit dem steinernen Kamin zu erkunden, blieb stehen und wandte sich um. Nathan stand immer noch im Foyer.

„Warum nur?“, fragte sie mit einem leicht spöttischen Unterton.

Er wirkte von einem Moment zum anderen noch missmutiger, falls das überhaupt möglich war. Kein besonders geselliger Mensch, entschied Keira und zuckte die Achseln.

„Egal“, sagte sie, um nicht länger über sein abweisendes Verhalten nachdenken zu müssen, und stellte den Korb auf einen handgeschnitzten Wohnzimmertisch, der unter Garantie mehr gekostet hatte als ihre monatliche Miete. „Hier drin sind ein paar Sachen, die Ihnen den Aufenthalt bestimmt angenehmer machen werden.“

„Ich bin sicher, ich kann auch ohne den Inhalt leben.“

Sie ignorierte das und begann, in dem Korb zu kramen. Eins nach dem anderen kam zum Vorschein, von Keira jedes Mal kurz kommentiert. „Hier haben wir einen Gutschein für dreißig Mal kostenloses Frühstück im Diner. Sie wissen schon: Croissants, frischer Kaffee, Orangensaft oder auch deftig, wenn Sie das lieber mögen. Dann ein Glas selbst gemachte Marmelade von Margie Fontenot. Sie ist die Witwe des letzten Bürgermeisters und kocht die beste Marmelade im ganzen Land. Außerdem eine Flasche Wein aus Stans Liquor Shop, frisches Brot aus der Bäckerei, eine Packung frisch gemahlener Kaffee …“ Sie hielt inne und schnupperte mit einem Laut des Entzückens an der Kaffeepackung, ehe sie fortfuhr: „Hier ist ein Glas eingelegte Meeresfrüchte aus dem Clearwater Restaurant. Sie sollten dort mal essen gehen, solange Sie hier wohnen. Von der Terrasse aus haben Sie einen wundervollen Blick auf den See, und nirgendwo kriegen Sie einen schöneren Sonnenuntergang geboten …“

„Ms. Sanders …“

„Keira.“

„Keira, wenn es Ihnen nichts ausmacht …“

„Und“, redete sie einfach weiter, als hätte er nichts gesagt, „es gibt in diesem Korb noch weitere Kleinigkeiten, aber die sollen Sie selbst auspacken.“

„Danke“, sagte er knapp.

Sie sah zu ihm hinüber. „Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, um Ihnen den Aufenthalt hier interessanter zu machen?“

„Wie wär’s mit gehen?“, fragte er.

Keira schüttelte den Kopf, als sei sie sehr enttäuscht. Sie setzte ihre Erkundungstour durch den Raum fort, strich über den geschnitzten Kaminsims und genoss für einen Augenblick die Wärme, die das prasselnde Feuer verströmte. Sie schaute dabei aus dem Panoramafenster auf den See. Der Mond ging gerade auf und warf den ersten silbernen Schein auf das schwarze Wasser.

Himmel, ist dieser Nathan Barrister unhöflich, dachte sie und versuchte, ihr Temperament unter Kontrolle zu halten. Ihn zu beleidigen kam absolut nicht infrage. Seine Anwesenheit in diesem Haus war die Voraussetzung für die positive Entwicklung ihrer Stadt. Gleichzeitig fragte Keira sich, weshalb er sich so unmöglich benahm. Sie sah zu ihm hinüber und stellte fest, dass er immer noch in der Eingangshalle stand. Offenbar glaubte er, er könne sie dadurch zum Gehen bewegen.

Doch sie fragte sich noch etwas anderes. Weshalb zog dieser Mann sie körperlich so an, wenn seine Unhöflichkeit Grund genug gewesen wäre, ihn unsympathisch zu finden?

Und wie sollte sie es jemals schaffen, ihn für die Stadt und ihre Bewohner zu interessieren, wenn er so offensichtlich nicht das geringste Interesse an ihnen besaß?

2. KAPITEL

Nathan reichte es.

Er war gerade mal eine Stunde in diesem Haus am See, und der erste ungebetene Gast suchte ihn bereits heim.

Dazu kam, dass Keira Sanders offensichtlich immun gegen Beleidigungen war und kein Problem damit zu haben schien, dass sie hier nicht willkommen war.

Er musterte sie von oben bis unten. Vorhin, als sie im Schnee saß, war dazu keine Zeit gewesen. Sie trug enge, ausgeblichene Jeans, dazu einen überlangen schwarzen Pullover, der ihre Figur seltsamerweise mehr zu enthüllen als zu verbergen schien. Vielleicht lag es an dem weichen Material, das ihre Rundungen betonte. Nathan genoss den Anblick durchaus, obwohl er Keira gleichzeitig zur Hölle wünschte.

Ihr rotblondes Haar fiel in weichen Wellen bis auf ihre Schultern und umspielte ihr hübsches Gesicht, wann immer sie sich bewegte. Und das geschah oft. Nathan hatte noch nie eine Frau erlebt, die so aktiv war. Es fiel ihr schwer, auch nur zwei Sekunden lang stillzustehen. Interessiert erkundete sie das große Wohnzimmer, berührte ein paar Möbelstücke und strich hin und wieder über eine glänzende Oberfläche. Er fragte sich unwillkürlich, wie sich ihre Finger wohl auf seiner Haut anfühlen würden.

Im gleichen Moment wurde ihm nur zu bewusst, dass er alles daransetzen musste, Keira aus dem Haus zu vertreiben. Er hatte nicht das geringste Interesse an einer Affäre für einen Monat. Ein Monat – mehr als jede andere Frau in den letzten zehn Jahren von ihm bekommen hätte.

Also, nichts wie raus mit ihr. Wenn das bedeutete, dass er noch unhöflicher sein musste, als er bereits gewesen war, dann gern.

„Danke, dass Sie hergekommen sind“, begann er und wartete, bis sie mit der Begutachtung der Bücher im Regal fertig war. Als sie sich ihm zuwandte, fuhr er fort: „Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich Sie jetzt bitten zu gehen.“

Nun war es heraus. Deutlicher konnte man kaum werden.

„Wow“, erwiderte sie sanft. Ihre grünen Augen reflektierten das Licht des Kaminfeuers. „Hat Ihnen nie jemand beigebracht, was Gastfreundlichkeit ist?“

Er schluckte und versuchte, nicht daran zu denken, was seine Großmutter zu seinem groben Verhalten gesagt hätte. „Sie sind nicht mein Gast“, gab er gepresst zurück. Schließlich war das eine Tatsache, auch wenn sie sie vergessen zu haben schien. „Sie sind hier eingedrungen.“

Keira lachte spontan. „Ja, aber nur, um Ihnen Geschenke zu bringen!“

Nathan wurde klar, dass es offenbar nicht reichte, untätig im Flur stehen zu bleiben, um ihr klarzumachen, dass sie in seinem Wohnzimmer nichts verloren hatte. Jemanden wie Keira hatte er noch nie kennengelernt. Sie schien unempfindlich gegen Grobheit. Sie überging Unhöflichkeit einfach und plauderte fröhlich weiter, als ob nichts geschehen sei. Er nahm an, dass sie mit diesem Verhalten auch sonst ihre gesamte Umwelt nervte.

„Hören Sie“, sagte er und kam auf sie zu. Seine Schritte klangen laut auf dem glatt polierten Steinboden. „Ich habe versucht, höflich zu sein.“

Sie sah zu ihm auf und blinzelte verwundert. Dann lächelte sie breit. „Wirklich? Das war ein Versuch, höflich zu sein?“

Er runzelte die Stirn und erwiderte: „Ich weiß die Geschenke zu schätzen. Danke, dass Sie die Zeit gefunden haben, sie herzubringen. Aber ich wäre jetzt wirklich gern allein.“

„Oh, natürlich. Sie wollen sich sicher ein wenig einleben“, antwortete sie und wies mit einer weit ausholenden Armbewegung auf das Wohnzimmers, ohne dabei Anstalten zu machen, aufzubrechen. „Ich werde auch gar nicht mehr lange bleiben. „Ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass wir in Hunter’s Landing bereit sind, Sie und die anderen, die noch kommen werden, auf jede erdenkliche Art und Weise zu unterstützen.“ Sie schlenderte zu dem überdimensionalen Fernsehapparat, nahm die Fernbedienung und studierte neugierig die Tasten.

Nathan fürchtete, er würde diese Frau nie wieder los, wenn sie erst den Fernseher eingeschaltet hatte. Er eilte auf sie zu, nahm ihr die Fernbedienung ab und legte sie auf einen Tisch. Keira wandte sich mit einem Achselzucken ab und ging zum Panoramafenster, von dem aus man einen wundervollen Blick auf den See hatte. Sie stand da und genoss den Anblick, der sich ihr bot.

Nathan beobachtete sie, und für einen Augenblick genoss er den Anblick, den sie bot. Das glänzende Haar, das ihr auf die Schultern fiel. Das hübsche Profil mit dem energischen Kinn. Der knackige Po. Als sie sich zu ihm umdrehte, trafen sich ihre Blicke. Es war ein elektrisierender Moment.

„Sie bleiben nur einen Monat“, sagte Keira ruhig. „Und vielleicht haben Sie noch nicht begriffen, wie wichtig Ihr Aufenthalt und der der anderen Männer für Hunter’s Landing ist.“

Nathan seufzte und machte sich auf weitere Minuten nutzloser Konversation bereit. Ihm wurde klar, dass Keira Sanders erst dann gehen würde, wenn sie alles losgeworden war, was sie sich vorgenommen hatte. „Mir ist bewusst, dass Ihre Stadt vom Testament Hunter Palmers profitiert“, bemerkte er kühl.

„Aber was Sie nicht wissen können, ist, wie viel uns dieses Vermächtnis bedeutet“,

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