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Dreifach

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. PROLOG
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. 14
  21. 15
  22. 16
  23. 17
  24. 18
  25. EPILOG
  26. POSTSKRIPTUM

Über den Autor

Ken Follett, geboren 1949 in Cardiff, Wales, gehört zu den erfolgreichsten Autoren der Welt. Berühmt wurde er mit den Romanen Die Säulen der Erde und deren Fortsetzung Die Tore der Welt, die beide auch erfolgreich verfilmt wurden. Mit Kinder der Freiheit hat er nach Sturz der Titanen und Winter der Welt gerade seine groß angelegte Jahrhundertsaga abgeschlossen, in der er meisterhaft die spannende Chronik des 20. Jahrhunderts anhand der Geschichte von fünf miteinander verbundenen Familien aus Amerika, Deutschland, Russland, England und Wales erzählt. Neben seinem Interesse für Geschichte engagieren sich Ken Follett und seine Frau Barbara auch politisch. Außerdem spielt er zum Vergnügen Bass-Gitarre in einer Bluesband und setzt sich im Rahmen einer Stiftung für die Leseförderung ein.

 

Für Al Zuckerman

Man muss sich im Klaren sein,
dass die einzige Schwierigkeit bei der Herstellung
einer gleichwie gearteten Atombombe
darin besteht,
eine bestimmte Menge spaltbaren Materials
von angemessener Reinheit herzustellen;
die Konstruktion der Bombe selbst
ist relativ einfach …

Encyclopedia Americana

PROLOG

NUR EIN EINZIGES Mal waren sie alle zusammen gewesen, vor vielen Jahren, in ihrer Jugend, bevor all dies geschah. Aber diese Begegnung warf Schatten weit über die Jahrzehnte hinweg.

Es war der erste Sonntag im November des Jahres 1947, um genau zu sein. Jeder von ihnen lernte all die anderen kennen – ein paar Minuten lang waren sie sogar alle in einem Zimmer. Manche vergaßen sofort die Gesichter, die sie sahen, und die Namen, die bei der förmlichen Vorstellung genannt wurden. Manche vergaßen sogar jenen Tag, und als er 21 Jahre später so wichtig wurde, mussten sie so tun, als erinnerten sie sich, und »Ach ja, natürlich« murmeln.

Diese frühe Begegnung war ein Zufall, aber kein sehr verblüffender. Fast alle waren sie jung und begabt; waren dazu bestimmt, Macht zu besitzen, Entscheidungen zu fällen und Veränderungen zu bewirken – jeder auf seine Art, in seinem Land. Solche Menschen treffen sich in ihrer Jugend eben an Orten wie z.B. in der Universität Oxford. Davon abgesehen, wurden all jene, die anfangs nicht betroffen waren, in all diese Geschehnisse hineingezogen, einfach weil sie die anderen in Oxford kennengelernt hatten.

Allerdings ließ damals nichts an eine historische Begegnung denken. Es war nur eine von vielen Sherrypartys an einem Ort, an dem es zu viele Sherrypartys gab (und, wie die Studenten immer hinzufügten, nicht genug Sherry). Sie war kein Ereignis im Besonderen, diese Party – jedenfalls fast.

*

Al Cortone klopfte an und wartete im Flur darauf, dass ein Toter ihm die Tür öffnete.

Der Verdacht, dass sein Freund tot sei, hatte sich in den letzten drei Jahren zu einer Überzeugung verfestigt. Zuerst hatte Cortone gehört, dass Nat Dickstein in Gefangenschaft geraten war. Gegen Ende des Krieges verbreiteten sich Geschichten über das, was mit Juden in den Nazilagern angestellt wurde. Dann, ganz am Ende, wurde die bittere Wahrheit bekannt.

Auf der anderen Seite der Tür scharrte ein Geist mit einem Stuhl über den Fußboden und tappte durch das Zimmer.

Cortone wurde plötzlich nervös. Und wenn Dickstein verkrüppelt war, entstellt? Oder vielleicht verrückt geworden? Cortone hatte nie mit Krüppeln oder Geistesgestörten umzugehen verstanden. Er und Dickstein hatten enge Freundschaft geschlossen – für ein paar Tage, damals 1943 –, aber was war inzwischen aus Dickstein geworden?

Die Tür öffnete sich, und Cortone sagte: »Hallo, Nat.« Dickstein starrte ihn an, dann verzog sich sein Gesicht zu einem breiten Grinsen: »Mensch, ich kipp ins Kraut!«

Cortone grinste erleichtert zurück. Sie schüttelten einander die Hand, klopften sich auf den Rücken und ließen aus reiner Freude ein paar Soldatenflüche los. Dann gingen sie hinein.

Dickstein besaß ein Zimmer mit hoher Decke in einem alten Haus, das in einem vernachlässigten Teil der Stadt lag. Ein Einzelbett, säuberlich nach Kasernenart gemacht; daneben ein schwerer, alter Kleiderschrank aus dunklem Holz mit einem entsprechenden Frisiertisch; ein mit Büchern überhäufter Tisch vor einem kleinen Fenster. Auf Cortone wirkte der Raum kahl. Wenn er hier wohnen müsste, würde er einige Habseligkeiten verteilen, damit das Zimmer eine persönliche Note bekäme: Fotografien seiner Familie, Souvenirs von den Niagarafällen und Miami Beach, seinen Football-Pokal aus der Schulzeit.

»Ich möchte gern wissen, wie du mich gefunden hast«, sagte Dickstein.

»Das war keine Kleinigkeit.« Cortone zog seine Uniformjacke aus und legte sie auf das schmale Bett. »Es hat mich fast den ganzen gestrigen Tag gekostet.« Er musterte den einzigen Lehnsessel des Zimmers. Beide Armlehnen neigten sich in merkwürdigem Winkel zur Seite, eine Feder stach durch die verwaschenen Chrysanthemen des Stoffes, und ein Bein war durch ein Exemplar von Platos Theaitetos ersetzt worden. »Können Menschen darauf sitzen?«

»Nur, wer es nicht weiter als bis zum Sergeant gebracht hat, aber …«

»Die anderen sind sowieso keine Menschen.«

Beide lachten. Es war ein alter Witz. Dickstein zog einen Thonet-Stuhl vom Tisch heran und setzte sich rittlings darauf. Er betrachtete seinen Freund einen Moment lang von oben bis unten und sagte: »Du wirst dick.«

Cortone tätschelte die leichte Wölbung seines Bauches. »Wir leben gut in Frankfurt. Durch deine Entlassung hast du wirklich etwas verpasst.« Er beugte sich vor und senkte die Stimme, als habe er etwas Vertrauliches mitzuteilen. »Ich habe ein Vermögen gemacht. Juwelen, Porzellan, Antiquitäten – alles für Zigaretten und Seife gekauft. Die Deutschen sind am Verhungern. Und was das Beste ist: Die Mädchen lassen sich für ein Paar Nylonstrümpfe auf alles ein.« Er lehnte sich zurück und wartete auf ein Lachen, doch Dickstein verzog keine Miene. Aus der Fassung gebracht, wechselte Cortone das Thema. »Du bist jedenfalls nicht dick.«

Er war zunächst so erleichtert darüber gewesen, dass Dickstein unversehrt war und immer noch so grinste wie früher, dass er ihn nicht genauer betrachtet hatte. Nun merkte er, dass sein Freund nicht nur schlank, sondern geradezu ausgemergelt war. Nat Dickstein war immer klein und schmal gewesen, aber jetzt schien er nur noch Haut und Knochen zu sein. Die totenbleiche Haut und die großen braunen Augen hinter den von Kunststoff eingefassten Brillengläsern verstärkten den Eindruck. Zwischen seiner Socke und dem Umschlag seiner Hose zeigten sich ein paar Zentimeter seines blassen, spanartigen Schienbeins. Vier Jahre vorher war Dickstein braun und sehnig gewesen und so hart wie die Ledersohlen seiner britischen Armeestiefel. Wenn Cortone von seinem englischen Kumpel erzählte, was er oft tat, sagte er immer: »Der zäheste, gerissenste Kämpfer, der mir je mein verdammtes Leben gerettet hat – ohne Flachs.«

»Dick? Nein«, entgegnete Dickstein. »Dieses Land ist immer noch auf eiserne Rationen gesetzt, Alter. Aber wir schaffen’s schon.«

»Du hast schon Schlimmeres erlebt.«

Dickstein lächelte. »Und Schlimmeres gegessen.«

»Du bist gefangen genommen worden?«

»Bei La Molina.«

»Wie, zum Teufel, konnten sie dich bloß schnappen?«

»Kein Problem.« Dickstein zuckte die Achseln. »Eine Kugel zerschlug mir das Bein, und ich wurde bewusstlos. Als ich zu mir kam, lag ich auf einem deutschen Lastwagen.«

Cortone musterte Dicksteins Beine. »Es ist wieder gut zusammengeheilt?«

»Ich hatte Glück. Auf meinem Gefangenenzug war ein Arzt – er richtete den Knochen ein.«

Cortone nickte. »Und dann das Lager …?« Vielleicht hätte er nicht fragen sollen, aber er wollte mehr wissen. Dickstein wandte den Blick ab. »Nichts Besonderes, bis sie herausfanden, dass ich Jude bin. Möchtest du eine Tasse Tee? Whisky kann ich mir nicht leisten.«

»Nein.« Cortone wollte, er hätte den Mund gehalten. »Morgens trinke ich sowieso keinen Whisky mehr. Das Leben kommt mir nicht mehr so kurz vor wie früher.«

Dicksteins Augen schwenkten zu Cortone zurück. »Sie beschlossen, zu prüfen, wie oft man ein Bein an derselben Stelle brechen und wieder heilen lassen kann.«

»Jesus.« Cortones Stimme hatte sich zu einem Flüstern gesenkt.

»Das war noch das Beste«, sagte Dickstein tonlos. Er blickte wieder zur Seite.

»Die Schufte.« Cortone fiel nichts anderes ein. Dicksteins Gesicht zeigte einen seltsamen Ausdruck, den Cortone noch nie an ihm gesehen hatte – etwas, was, wie er gleich darauf erkannte, an Furcht erinnerte. Merkwürdig. Schließlich war doch jetzt alles vorbei. »Tja, wenigstens haben wir gewonnen, oder?« Er knuffte Dicksteins Schulter.

Sein Freund grinste. »Stimmt. Aber was treibst du hier in England? Und wie hast du mich gefunden?«

»Ich bin auf der Rückreise nach Buffalo, konnte in London Zwischenstation machen. War beim War Office …«

Cortone zögerte. Er war zum War Office gegangen, um sich zu erkundigen, wie und wann Dickstein gestorben war. »Man gab mir eine Adresse in Stepney«, fuhr er fort. »Als ich hinkam, stand nur noch ein einziges Haus in der ganzen Straße. Darin fand ich – unter ein paar Zentimetern Staub – einen alten Mann.«

»Tommy Coster.«

»Richtig. Nachdem ich neunzehn Tassen schwachen Tee getrunken und mir seine Lebensgeschichte angehört hatte, schickte er mich zu einem anderen Haus um die Ecke. Dort traf ich deine Mutter, trank noch mehr schwachen Tee und hörte mir ihre Lebensgeschichte an. Als ich endlich deine Adresse hatte, war es für den letzten Zug nach Oxford zu spät. Deshalb wartete ich bis heute Morgen, und da bin ich. Ich habe nur wenig Zeit – mein Schiff legt morgen ab.«

»Bist du schon entlassen?«

»In drei Wochen, zwei Tagen und vierundneunzig Minuten.«

»Was willst du machen, wenn du zu Hause bist?«

»Mich um das Familiengeschäft kümmern. Ich habe in den letzten ein, zwei Jahren gemerkt, dass ich ein erstklassiger Geschäftsmann bin.«

»Womit befasst sich deine Familie? Du hast mir nie davon erzählt.«

»Mit Transporten«, sagte Cortone kurz angebunden. »Und du? Was, um Himmels willen, willst du denn an der Universität Oxford? Was studierst du?«

»Hebräische Literatur.«

»Du machst Witze.«

»Ich konnte schon hebräisch schreiben, bevor ich zur Schule ging. Habe ich das nie erwähnt? Mein Großvater war der reinste Gelehrte. Er wohnte in einem muffigen Zimmer über einem Pastetenladen in der Mile End Road. Ich besuchte ihn jeden Samstag und Sonntag, seit ich mich erinnern kann. Aber zur Klage hatte ich keinen Anlass – es machte mir Spaß. Außerdem, was sollte ich denn sonst studieren?«

Cortone zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung, vielleicht Atomphysik oder Betriebswirtschaft. Warum willst du überhaupt studieren?«

»Um glücklich, klug und reich zu werden.«

Cortone schüttelte den Kopf. »Verrückt wie immer. Gibt’s hier viele Mädchen?«

»Sehr wenige. Außerdem habe ich zu tun.« Dickstein schien zu erröten.

»Lügner. Du bist verliebt, du Dummkopf. Mir machst du nichts vor. Wer ist es?«

»Nun, um ehrlich zu sein …« Dickstein war verlegen. »Sie ist unerreichbar. Die Frau eines Professors. Exotisch, intelligent, die schönste Frau, die ich je gesehen habe.«

Cortone verzog zweifelnd das Gesicht. »Das klingt nicht aussichtsreich, Nat.«

»Ich weiß, aber trotzdem …« Dickstein stand auf. »Du wirst sehen, was ich meine.«

»Ich werde sie kennenlernen?«

»Professor Ashford gibt eine Sherryparty. Ich bin eingeladen. Als du ankamst, wollte ich gerade los.« Dickstein zog seine Jacke an.

»Eine Sherryparty in Oxford«, sagte Cortone. »Mann, wenn das die in Buffalo hören!«

Es war ein kalter, heller Morgen. Bleicher Sonnenschein ergoss sich über den cremefarbenen Stein der alten Gebäude. Sie schritten in behaglichem Schweigen durch die Stadt, die Hände in den Taschen, die Schultern hochgezogen gegen den beißenden Novemberwind, der durch die Straßen pfiff. Cortone murmelte immer wieder: »Träumende Türme. Mist.«

Nur wenige Menschen waren unterwegs, aber nachdem sie ungefähr eine Meile zurückgelegt hatten, deutete Dickstein über die Straße hinweg auf einen hochgewachsenen Mann, der sich einen College-Schal um den Hals gelegt hatte. »Da ist der Russe.« Er rief: »He, Rostow!« Der Russe blickte auf, winkte und kam auf ihre Straßenseite. Er hatte einen Armeehaarschnitt und war zu groß und zu schlank für seinen Anzug von der Stange. Cortone begann zu glauben, dass jeder in diesem Land zu schlank war.

Dickstein stellte vor: »Rostow studiert in Balliol, demselben College wie ich. David Rostow, Alan Cortone. Al und ich waren eine Zeit lang zusammen in Italien. Gehen Sie auch zu Ashford, Rostow?«

Der Russe nickte würdevoll. »Für einen Drink bin ich zu allem bereit.«

»Interessieren Sie sich auch für hebräische Literatur?«, fragte Cortone.

»Nein, ich bin hier, um die bourgeoise Wirtschaftslehre zu studieren.«

Dickstein lachte laut. Er erläuterte, da Cortone die Pointe nicht verstand: »Rostow stammt aus Smolensk. Er ist Mitglied der KPdSU.«

Cortone begriff die Pointe immer noch nicht. »Ich dachte, dass niemand Russland verlassen darf«, sagte er. Rostow gab eine lange und komplizierte Erklärung ab, die darauf hinauslief, dass sein Vater bei Kriegsausbruch als Diplomat in Japan gewesen sei. Er hatte einen ernsten Gesichtsausdruck, der gelegentlich von einem listigen Lächeln verdrängt wurde. Obwohl sein Englisch mangelhaft war, brachte er es fertig, auf Cortone herablassend zu wirken. Cortone schob den Gedanken an Rostow beiseite und begann, darüber nachzudenken, wie man einen Mann lieben konnte, als wäre er der eigene Bruder, nachdem man Seite an Seite mit ihm gekämpft hatte. Dann aber verschwand dieser Mann plötzlich, um hebräische Literatur zu studieren, und man begriff, dass man ihn eigentlich nie richtig gekannt hatte. Schließlich wandte Rostow sich an Dickstein. »Haben Sie sich schon entschieden, ob Sie nach Palästina wollen?«

»Palästina? Wozu?«, erkundigte sich Cortone. Dickstein schien besorgt. »Ich habe mich noch nicht entschieden.«

»Sie sollten hinfahren«, sagte Rostow. »Eine nationale Heimstätte der Juden wird dazu beitragen, die letzten Reste des Britischen Imperiums im Nahen Osten zu zerstören.«

»Ist das die Parteilinie?«, fragte Dickstein mit einem schwachen Lächeln.

»Ja«, antwortete Rostow unbeeindruckt. »Sie sind Sozialist …«

»In Grenzen.«

»… und der neue jüdische Staat muss unbedingt sozialistisch sein.«

Cortone konnte es nicht fassen. »Die Araber bringen eure Leute dort um. Mensch, Nat, du bist doch gerade erst den Deutschen entwischt!«

»Ich habe mich noch nicht entschieden«, wiederholte Dickstein. Er schüttelte gereizt den Kopf. »Ich weiß nicht, was ich tun soll.« Offenbar wollte er nicht darüber sprechen.

Ihre Gangart war flott. Cortones Gesicht fror, aber er schwitzte unter seiner Winteruniform. Die beiden anderen begannen, über einen Vorfall zu diskutieren: Ein Mann namens Mosley – der Name sagte Cortone nichts – war überredet worden, in einem Lastwagen nach Oxford zu fahren und am Märtyrer-Ehrenmal eine Rede zu halten. Mosley war ein Faschist, schloss er einen Moment später. Rostow argumentierte, der Vorfall beweise, dass die Sozialdemokratie dem Faschismus näher stehe als dem Kommunismus. Dagegen behauptete Dickstein, dass die Studenten, die die Sache organisiert hatten, sich nur »schockierend« hatten aufführen wollen.

Cortone hörte zu und beobachtete die beiden Männer. Es war ein seltsames Paar: der hochgewachsene, mit langen Schritten dahinstürmende Rostow mit dem Schal, der wie eine gestreifte Bandage wirkte, und den wie Fahnen flatternden, zu kurzen Hosenbeinen, und der winzige Dickstein mit seinen großen Augen und runden Brillengläsern, der einen typischen Nachkriegsanzug trug und aussah wie ein dahineilendes Skelett. Cortone war kein Akademiker, aber er war sich sicher, dass ihm Redequatsch in keiner Form entgehen würde. Er wusste, dass die Worte keines der beiden ehrlich waren: Rostow plapperte irgendein offizielles Dogma nach, und Dicksteins spröde Gleichgültigkeit verdeckte eine andere, tiefer gehende Einstellung. Wenn Dickstein über Mosley lachte, hörte es sich an, als wenn ein Kind nach einem Albtraum lachte. Beide debattierten geschickt, aber ohne Emotion – es war wie ein Gefecht mit stumpfen Säbeln. Schließlich schien Dickstein zu merken, dass Cortone nicht in die Diskussion einbezogen war, und fing an, über ihren Gastgeber zu sprechen. »Stephen Ashford ist ein bisschen exzentrisch, aber ein bemerkenswerter Mann«, sagte er. »Er hat den größten Teil seines Lebens im Nahen Osten verbracht. Er machte ein kleines Vermögen und verlor es wieder, wie man hört. Er tat immer wieder verrückte Dinge, zum Beispiel durchquerte er die Arabische Wüste auf einem Kamel.«

»Das ist vielleicht die am wenigsten verrückte Methode, sie zu durchqueren«, entgegnete Cortone.

»Ashford hat eine libanesische Frau«, warf Rostow ein. Cortone schaute Dickstein an. »Sie ist …

»Sie ist jünger als er«, unterbrach Dickstein hastig. »Er brachte sie kurz vor dem Krieg mit nach England und wurde hier Professor für Semitische Literatur. Wenn er einem Marsala statt Sherry anbietet, weiß man, dass es Zeit ist, sich zu verabschieden.«

»Kennt denn jeder den Unterschied?«, fragte Cortone.

»Das hier ist sein Haus.«

Cortone hatte fest mit einer Villa im maurischen Stil gerechnet, aber das Haus der Ashfords war im imitierten Tudorstil gebaut, weiß bemalt mit grünem Holzwerk. Der Vorgarten bestand aus einem Sträucherdschungel. Die Haustür war offen; sie betraten einen kleinen quadratischen Flur. Irgendwo im Haus lachten Menschen: Die Party hatte begonnen. Eine Doppeltür schwang auf, und die schönste Frau der Welt kam heraus.

Cortone war wie gebannt. Er stand da und starrte sie an, während sie über den Teppich schritt, um die Männer zu begrüßen. Er hörte Dickstein sagen: »Das ist mein Freund Al Cortone«, und plötzlich berührte er ihre lange braune Hand, warm und trocken und feingliedrig. Am liebsten hätte er sie nie wieder losgelassen.

Sie wandte sich um und geleitete ihre Gäste zum Salon. Dickstein tippte Cortones Arm an und grinste. Ihm war nicht entgangen, was in seinem Freund vorging.

Cortone fasste sich so weit, dass er hervorbrachte: »Eine Wucht!«

Kleine Sherrygläser waren mit militärischer Präzision auf einem kleinen Tisch aufgereiht. Sie reichte Cortone eines, lächelte und sagte: »Übrigens, ich bin Eila Ashford.«

Cortone musterte sie eingehend, während sie die Drinks verteilte. Sie trug keinen Schmuck, ihr bezauberndes Gesicht war ohne Make-up, ihr schwarzes Haar war glatt, sie hatte ein weißes Kleid und Sandalen an – doch die Wirkung war so, als wäre sie nackt. Die sinnlichen Gedanken, die Cortone durch den Kopf schossen, während er sie betrachtete, ließen ihn verlegen werden.

Er zwang sich dazu, sich abzuwenden und seine Umgebung in Augenschein zu nehmen. Das Zimmer hatte die unvollkommene Eleganz von Räumen, in denen Leute wohnen, die etwas über ihre Verhältnisse leben. Der dicke Perserteppich wurde von einem Streifen brüchigen grauen Linoleums begrenzt; jemand hatte am Radio herumrepariert, und die Einzelteile lagen über einen Nierentisch verstreut; dort, wo man Bilder abgenommen hatte, zeigten sich ein paar helle Rechtecke auf der Tapete, und einige Sherrygläser passten nicht ganz zu den übrigen. Ungefähr ein Dutzend Menschen hielt sich im Zimmer auf.

Ein Araber, der einen teuren perlgrauen Anzug trug, stand am Kamin und betrachtete eine Holzschnitzerei auf dem Sims. Eila Ashford rief ihn zu sich. »Ich möchte Sie mit Yasif Hassan bekannt machen, einem Freund meiner Familie von zu Hause. Er ist am Worcester College.«

»Ich kenne Dickstein«, sagte Hassan. Er schüttelte allen die Hand.

Cortone stufte ihn als recht gut aussehend – für einen »Nigger« – und arrogant ein, so, wie sie eben waren, wenn sie etwas Geld verdient hatten und in die Häuser von Weißen eingeladen wurden.

»Sie sind aus dem Libanon?«, fragte Rostow.

»Palästina.«

»Ah!« Rostow wurde lebhaft. »Und was halten Sie vom Teilungsplan der Vereinten Nationen?«

»Irrelevant«, antwortete der Araber träge. »Die Briten müssen verschwinden, und mein Land wird eine demokratische Regierung haben.«

»Aber dann werden die Juden in der Minderheit sein.«

»Sie sind auch in England in der Minderheit. Sollte man ihnen allein schon deshalb Surrey als nationale Heimstätte geben?«

»Surrey hat ihnen nie gehört, Palästina dagegen schon.« Hassan zuckte mit lässiger Eleganz die Achseln. »Stimmt – als den Walisern England, den Engländern Deutschland gehörte und die normannischen Franzosen in Skandinavien lebten.« Er wandte sich an Dickstein. »Sie haben Sinn für Gerechtigkeit – wie denken Sie darüber?«

Dickstein nahm seine Brille ab. »Hier spielt Gerechtigkeit keine Rolle. Ich möchte etwas haben, was ich meine Heimat nennen kann.«

»Sogar, wenn Sie meine stehlen müssen?«

»Sie können den Rest des Nahen Ostens haben.«

»Den will ich nicht.«

»Diese Diskussion beweist, dass eine Teilung notwendig ist«, sagte Rostow.

Eila Ashford reichte eine Schachtel Zigaretten herum.

Cortone nahm eine und gab ihr Feuer. Während die anderen über Palästina debattierten, fragte Eila: »Kennen Sie Dickstein schon lange?«

»Wir sind uns 1943 begegnet«, antwortete Cortone. Er beobachtete, wie sich ihre braunen Lippen um die Zigarette schlossen. Sogar beim Rauchen war sie vollendet schön. Mit graziöser Bewegung streifte sie ein Stück Tabak von ihrer Zungenspitze.

»Ich bin schrecklich neugierig, was ihn betrifft«, erklärte sie.

»Wieso?«

»Alle sind es. Er ist noch ein Junge, und trotzdem scheint er so alt. Außerdem merkt man, dass er ein Cockney ist, aber all diese Engländer der Oberklasse schüchtern ihn nicht im Geringsten ein. Doch er redet um keinen Preis über sich selbst.«

Cortone nickte. »Mir wird klar, dass ich ihn eigentlich auch nicht kenne.«

»Mein Mann sagt, er ist ein brillanter Student.«

»Er hat mir das Leben gerettet.«

»Mein Gott.« Sie schaute ihn eindringlicher an, so, als frage sie sich, ob er bloß sentimental sei. Dann schien sie sich zu seinen Gunsten zu entscheiden. »Ich würde gern mehr darüber hören.«

Ein Mann mittleren Alters in ausgebeulten Kordhosen berührte ihre Schulter und fragte: »Alles in Ordnung, meine Liebe?«

»Es könnte nicht besser sein. Mr. Cortone, darf ich Ihnen meinen Mann, Professor Ashford, vorstellen?«

»Freut mich«, sagte Cortone.

Ashford war ein kahl werdender Mann in schlecht sitzender Kleidung. Cortone hatte Lawrence von Arabien erwartet. Er dachte: Vielleicht hat Nat doch noch eine Chance.

»Mr. Cortone wollte mir gerade erzählen, wie Nat Dickstein ihm das Leben rettete«, erläuterte Eila.

»Tatsächlich!«, sagte Ashford.

»Es ist keine lange Geschichte«, begann Cortone. Er warf einen Blick zu Dickstein hinüber, der nun in das Gespräch mit Hassan und Rostow vertieft war. Ihm fiel auf, dass die drei Männer ihre Einstellung durch die Art, wie sie dastanden, preisgaben: Rostow hatte die Beine gespreizt und deklarierte seine unerschütterliche Überzeugung mit erhobenem Zeigefinger; Hassan hatte sich an einen Bücherschrank gelehnt, hatte eine Hand in die Tasche gesteckt, rauchte und gab vor, dass die internationale Diskussion über die Zukunft seines Landes von rein theoretischem Interesse sei; Dickstein hatte die Arme fest verschränkt, die Schultern hochgezogen und beugte konzentriert den Kopf, sodass seine Stellung die Leidenschaftslosigkeit seiner Bemerkungen Lügen strafte. Cortone hörte den Ausspruch: Die Briten haben den Juden Palästina versprochen, und die Antwort: Man hüte sich vor den Geschenken eines Diebes. Er drehte sich wieder den Ashfords zu und sprach weiter.

»Es war in Sizilien, in der Nähe von Ragusa, einem Bergstädtchen. Ich war mit einem Erkundungstrupp um die Außenbezirke gefahren. Nördlich der Stadt trafen wir auf einen deutschen Panzer in einer kleinen Mulde, am Rande einer Baumgruppe. Der Panzer sah verlassen aus, aber ich warf eine Granate hinein, um sicherzugehen. Als wir vorbeifuhren, knallte ein Schuss – nur einer –, und ein Deutscher mit einem Maschinengewehr fiel aus einem Baum. Er hatte sich dort oben versteckt, um uns in Ruhe abzuknallen. Nat Dickstein hatte ihn erschossen.« Eila schien aufgeregt – ihre Augen glänzten –, aber ihr Mann war bleich geworden. Offenbar hatte der Professor keinen Geschmack an Geschichten von Leben und Tod. Cortone dachte: Wenn dich das schon nervös macht, alter Knabe, hoffe ich, dass dir Dickstein nie eine von seinen Geschichten erzählt.

»Die Briten hatten die Stadt von der anderen Seite umgangen«, fuhr Cortone fort. »Nat hatte wie ich den Panzer gesehen und eine Falle gerochen. Er hatte den Scharfschützen entdeckt und hielt nach weiteren Ausschau, als wir auftauchten. Wenn er nicht so verdammt clever gewesen wäre, wäre ich jetzt tot.«

Die beiden anderen schwiegen einen Moment lang, dann fasste Ashford sich. »Es ist noch gar nicht lange her, aber man vergisst so schnell.«

Eila erinnerte sich an ihre Gäste. »Ich möchte mich noch etwas mit Ihnen unterhalten, bevor Sie gehen«, sagte sie zu Cortone. Danach durchquerte sie das Zimmer und näherte sich Hassan, der versuchte, eine Flügeltür zu öffnen, die zum Garten hinausführte. Ashford strich sich nervös über den Haarflaum hinter den Ohren. »Die Öffentlichkeit hört von den großen Schlachten, aber ich nehme an, dass sich der Soldat an diese kleinen persönlichen Vorfälle erinnert.«

Cortone nickte. Ashford hatte offensichtlich keine Vorstellung vom Krieg. War die Jugend des Professors wirklich so abenteuerlich gewesen, wie Dickstein behauptet hatte? »Später nahm ich ihn mit, als ich meine Cousins besuchte – meine Familie kommt aus Sizilien. Wir aßen Pasta, tranken Wein, und sie feierten Nat als Helden. Wir waren nur ein paar Tage zusammen, aber wir fühlten uns wie Brüder.«

»Wirklich?«

»Als ich hörte, dass er gefangen genommen worden war, glaubte ich, dass ich ihn nie wiedersehen würde.«

»Wissen Sie, was mit ihm passierte?«, fragte Ashford. »Er spricht nicht viel …

Cortone zog die Schultern hoch. »Er hat die Lager überlebt.«

»Er hat Glück gehabt.«

»Meinen Sie?«

Ashford blickte Cortone einen Augenblick lang verwirrt an, wandte sich ab und sah sich im Zimmer um. Dann sagte er: »Dies ist keine sehr typische Party für Oxford, wissen Sie. Dickstein, Rostow und Hassan sind etwas ungewöhnliche Studenten. Sie sollten Toby kennenlernen – er ist das Urbild unserer Schüler.« Er machte einen rotgesichtigen Jungen mit Tweedanzug und einer sehr breiten, getupften Krawatte auf sich aufmerksam. »Toby, darf ich Sie mit Dicksteins Waffengefährten bekannt machen – Mr. Cortone.«

Toby schüttelte ihm die Hand und fragte abrupt: »Haben Sie einen Tipp aus erster Hand? Wird Dickstein gewinnen?«

»Was gewinnen?«

»Dickstein und Rostow werden eine Partie Schach spielen. Beide sollen unheimlich gut sein«, erklärte Ashford. »Toby glaubt, dass Sie Geheiminformationen haben könnten. Wahrscheinlich will er eine Wette abschließen.«

»Ich habe immer geglaubt, dass Schach ein Spiel für alte Männer ist«, gab Cortone zurück.

»Ah!«, machte Toby ziemlich laut und leerte sein Glas. Er und Ashford schienen verblüfft über Cortones Bemerkung.

Ein kleines Mädchen von vier oder fünf Jahren kam aus dem Garten; es trug einen alten grauen Kater. Ashford stellte es mit dem scheuen Stolz eines Mannes vor, der im mittleren Alter Vater geworden ist.

»Das ist Suza.«

»Und das ist Hezekiah«, sagte das Mädchen.

Suza hatte die Haut und das Haar ihrer Mutter; auch sie würde schön werden. Cortone fragte sich, ob sie wirklich Ashfords Tochter war. Nichts an ihrem Äußeren erinnerte an ihn. Sie streckte die Pfote des Katers vor. Cortone schüttelte sie pflichtgemäß und sagte: »Sehr erfreut, Hezekiah.«

Das Mädchen ging zu Dickstein hinüber. »Guten Morgen, Nat. Möchtest du Hezekiah streicheln?«

»Ein süßes Kind«, sagte Cortone zu Ashford. »Ich muss mit Nat reden. Würden Sie mich entschuldigen?« Er näherte sich Dickstein, der sich niedergekniet hatte und den Kater streichelte.

Nat und Suza schienen gut miteinander auszukommen. »Das ist mein Freund Alan«, erklärte er.

»Wir kennen uns schon«, erwiderte sie und ließ die Wimpern flattern. Cortone dachte: Das hat sie von ihrer Mutter gelernt.

»Wir waren zusammen im Krieg«, fuhr Dickstein fort.

Suza blickte Cortone ins Gesicht. »Hast du Menschen getötet?«

Er zögerte. »Ja, natürlich.«

»Tut es dir leid?«

»Nicht allzu leid. Es waren böse Menschen.«

»Nat tut es leid. Deshalb möchte er nicht gern davon sprechen.«

Das Kind hatte mehr aus Dickstein herausgeholt als alle Erwachsenen zusammengenommen.

Der Kater sprang mit überraschender Gewandtheit aus Suzas Armen. Das Mädchen lief ihm nach, und Dickstein stand auf.

»Ich würde nicht sagen, dass Mrs. Ashford unerreichbar ist«, begann Cortone ruhig.

»So?«

»Sie kann nicht mehr als fünfundzwanzig sein. Er ist mindestens zwanzig Jahre älter, und ich wette, dass er sein Pulver längst verschossen hat. Wenn sie vor dem Krieg geheiratet haben, ist sie damals ungefähr siebzehn gewesen. Und sie scheinen nicht gerade zärtlich miteinander umzugehen.«

»Wenn ich dir nur glauben könnte«, sagte Dickstein. Er war nicht so interessiert, wie er hätte sein sollen. »Komm und sieh dir den Garten an.«

Sie gingen durch die Terrassentür hinaus. Die Sonne war kräftiger geworden und die Luft nicht mehr so von klirrender Kälte erfüllt. Der Garten dehnte sich als grüne und braune Wildnis bis hinab zum Flussrand. Sie ließen das Haus hinter sich.

»Du hältst nicht viel von diesen Leuten«, sagte Dickstein.

»Der Krieg ist vorbei«, antwortete Cortone. »Du und ich, wir leben jetzt in verschiedenen Welten. All das – Professoren, Schachpartien, Sherrypartys … ich könnte genauso gut auf dem Mars sein. Für mich geht es darum, Geschäfte zu machen, Konkurrenten auszutricksen, ein paar Dollars zu verdienen. Ich wollte dir einen Job bei mir anbieten, aber ich nehme an, dass ich meine Zeit verschwenden würde.«

»Alan …«

»Ach, zum Teufel. Unser Kontakt wird jetzt wahrscheinlich abreißen – ich bin kein großer Briefschreiber. Aber ich werde nicht vergessen, dass ich dir mein Leben verdanke. Wenn ich einmal meine Schuld begleichen kann, weißt du, wo du mich finden kannst.«

Dickstein öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, dann hörten sie die Stimmen.

»Oh … nein, nicht hier, nicht jetzt …« Es war eine Frau.

»Doch!« Ein Mann.

Dickstein und Cortone standen neben einer dichten, kastenförmigen Hecke, die einen Winkel des Gartens abschnitt: Jemand hatte angefangen, ein Labyrinth zu pflanzen, und die Arbeit nicht beendet. Ein paar Schritte von ihnen entfernt öffnete sich eine Lücke, dann knickte die Hecke im rechten Winkel ab und führte am Flussufer entlang. Die Stimmen waren deutlich von der anderen Seite des Laubwerks zu hören.

Die Frau wieder, leise und mit heiserer Stimme. »Hör auf, verdammt, oder ich schreie.«

Dickstein und Cortone traten durch die Lücke.

Cortone würde nie vergessen, was er sah. Er starrte die beiden Menschen an und warf Dickstein neben sich einen entsetzten Blick zu. Dicksteins Gesicht war grau vor Schreck, er wirkte krank; sein Mund öffnete sich, während er voll Abscheu und Verzweiflung zusah. Cortone richtete den Blick wieder auf das Paar.

Die Frau war Eila Ashford. Ihr Kleid war bis zur Taille hochgeschoben, ihr Gesicht war vor Lust gerötet, und sie küsste Yasif Hassan.

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DIE LAUTSPRECHERANLAGE IM Flughafen von Kairo machte ein Geräusch wie eine Türklingel, dann wurde die Ankunft des Alitalia-Fluges aus Mailand auf Arabisch, Italienisch, Französisch und Englisch angekündigt. Tofik el-Masiri verließ seinen Tisch am Büfett und bahnte sich einen Weg zur Aussichtsterrasse. Er setzte seine Sonnenbrille auf, um über die glänzende Betonbrüstung zu blicken. Die Caravelle war schon gelandet und rollte heran.

Tofik war eines Telegramms wegen gekommen. Es war am Morgen von seinem »Onkel« in Rom eingetroffen und verschlüsselt gewesen. Jedes Unternehmen konnte für internationale Telegramme einen Code benutzen, vorausgesetzt, dass es den Schlüssel beim Postamt hinterlegte. Solche Codes wurden immer öfter benutzt, mehr um Geld zu sparen – indem einfache Sätze auf ein Wort reduziert wurden – als um Geheimnisse zu bewahren. Das Telegramm von Tofiks Onkel, das nach dem registrierten Code verschlüsselt war, teilte Einzelheiten über das Testament seiner verstorbenen Tante mit. Tofik hatte jedoch einen anderen Schlüssel, und danach lautete die Botschaft:

PROFESSOR FRIEDRICH SCHULZ BEOBACHTEN UND BESCHATTEN EINTRIFFT KAIRO AUS MAILAND MITTWOCH 28. FEBRUAR 1968 FÜR MEHRERE TAGE. ALTER 51 GRÖSSE 180 CM GEWICHT 150 PFUND HAAR WEISS AUGEN BLAU NATIONALITÄT ÖSTERREICHISCH BEGLEITET NUR VON EHEFRAU.

Die Passagiere kamen der Reihe nach aus der Maschine, und Tofik entdeckte seinen Mann fast sofort. Nur ein einziger hochgewachsener, schlanker weißhaariger Mann war mitgeflogen. Er trug einen hellblauen Anzug, ein weißes Hemd und eine Krawatte; bei sich hatte er eine Plastikeinkaufstasche aus einem Duty-Free-Shop und eine Kamera. Seine Frau war viel kleiner; sie trug einen modernen Minirock und eine blonde Perücke. Während sie die Rollbahn überquerten, schauten sie sich um und schnupperten die warme, trockene Wüstenluft wie die meisten Leute, die zum ersten Mal in Nordafrika landen.

Die Passagiere verschwanden im Ankunftsgebäude. Tofik wartete auf der Aussichtsterrasse, bis das Gepäck aus dem Flugzeug geladen wurde. Dann ging er hinein und mischte sich unter die kleine Gruppe von Menschen, die jenseits der Zollschranke warteten.

Er musste oft warten. Das war etwas, was einem nicht beigebracht wurde. Man lernte, mit Waffen umzugehen, sich Karten einzuprägen, Safes aufzubrechen und Menschen mit bloßen Händen zu töten – alles in den ersten sechs Trainingsmonaten; aber es gab keine Vorlesungen über Geduld, keine Übungen für schmerzende Füße, keine Seminare über Langeweile. Und das Irgend-etwas-stimmt-nicht-Gefühl meldete sich. In der Menge war noch ein Agent.

Tofiks Unterbewusstsein hatte Alarm geschlagen, während er über Geduld nachdachte. Diejenigen in der Gruppe, die auf Verwandte, Freunde und Geschäftspartner auf den Flug von Mailand warteten, waren ungeduldig. Sie rauchten, verlagerten ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen, reckten die Hälse und zappelten nervös. Zu ihnen gehörten eine Mittelstandsfamilie mit vier Kindern, zwei Männer in den traditionellen gestreiften Galabiya-Gewändern aus Baumwolle, ein Geschäftsmann in einem dunklen Anzug, eine junge weiße Frau, ein Chauffeur mit einem Schild, das die Aufschrift FORD MOTOR COMPANY trug, und – und ein geduldiger Mann.

Wie Tofik hatte er dunkle Haut und kurzes Haar und trug einen europäisch geschnittenen Anzug. Auf den ersten Blick schien er die Mittelstandsfamilie zu begleiten, genauso wie Tofik für einen flüchtigen Betrachter den Geschäftsmann im dunklen Anzug zu begleiten schien. Der andere Agent stand lässig da, mit den Händen auf dem Rücken; er hatte das Gesicht dem Ausgang der Gepäckhalle zugewandt und sah unauffällig aus. Neben seiner Nase zog sich ein Streifen hellerer Haut – wie eine alte Narbe – entlang. Er berührte ihn einmal mit einer vielleicht nervösen Geste und legte die Hand dann wieder auf den Rücken.

Die Frage war, ob er Tofik im Visier hatte.

Tofik sprach den Geschäftsmann neben sich an: »Ich begreife nie, warum es so lange dauern muss.« Er lächelte und sprach leise, sodass sich der Geschäftsmann näher zu ihm neigte, bevor er das Lächeln erwiderte. Die beiden wirkten wie Bekannte, die sich oberflächlich unterhielten.

Der Geschäftsmann sagte: »Die Formalitäten dauern länger als der Flug.«

Tofik schaute verstohlen zu dem anderen Agenten hinüber. Der Mann hatte seine Position nicht verändert und beobachtete den Ausgang. Er hatte nicht versucht, sich zu tarnen. Bedeutete das, dass Tofik unbemerkt geblieben war? Oder hatte er Tofik durchschaut und beschlossen, dass ein Tarnungsversuch seinerseits ihn verraten würde? Die Passagiere begannen aufzutauchen, und Tofik wurde klar, dass er in keinem Fall etwas unternehmen durfte. Er hoffte, dass die Leute, die der Agent abholen wollte, vor Professor Schulz herauskommen würden.

Es sollte nicht sein. Schulz und seine Frau waren unter dem ersten kleinen Pulk von Passagieren, die erschienen.

Der andere Agent trat auf sie zu und schüttelte ihnen die Hand. Natürlich, natürlich.

Der Agent war hier, um Schulz zu empfangen. Tofik sah zu, wie der Agent Gepäckträger herbeiwinkte und die beiden fortführte; dann ging er durch einen anderen Ausgang zu seinem Wagen. Bevor er einstieg, zog er sein Jackett aus, löste seine Krawatte und setzte eine Sonnenbrille und eine weiße Baumwollmütze auf. Nun würde er nicht mehr ohne Weiteres als der Mann zu erkennen sein, der am Treffpunkt gewartet hatte. Er nahm an, dass der Agent seinen Wagen im Parkverbot direkt vor dem Haupteingang abgestellt habe, und fuhr dorthin. Es stimmte. Er sah, wie die Träger das Gepäck von Schulz und seiner Frau in den Kofferraum eines fünf Jahre alten grauen Mercedes luden, und rollte weiter. Tofik steuerte seinen schmutzigen Renault zu der Hauptverkehrsstraße, die von Heliopolis, wo der Flugplatz liegt, nach Kairo führt. Er fuhr sechzig Kilometer pro Stunde und blieb auf der rechten Spur. Der graue Mercedes überholte ihn zwei oder drei Minuten später, und Tofik gab Gas, um ihn nicht aus dem Blickfeld zu verlieren. Da es immer nützlich ist, die Autos des Gegners zu kennen, prägte er sich die Nummer ein.

Der Himmel begann, sich zu bewölken. Während er über die gerade, von Palmen umsäumte Straße raste, fasste Tofik das zusammen, was er bisher herausgefunden hatte. Das Telegramm hatte ihm, abgesehen von dem Äußeren des Mannes und der Tatsache, dass er ein österreichischer Professor war, nichts über Schulz verraten. Der Empfang am Flughafen hatte jedoch eine Menge zu bedeuten. Es war eine Art heimlicher VIP-Behandlung gewesen. Tofik hielt den Agenten für einen Einheimischen. Darauf wies alles hin – seine Kleidung, sein Auto, die Art und Weise, wie er gewartet hatte. Schulz war also vermutlich auf Einladung der Regierung hier, aber entweder er oder die Leute, die er besuchte, wollten sein Eintreffen nicht bekannt werden lassen.

Es war wenig genug. In welchem Fach war Schulz Professor? Er konnte ein Bankier, ein Waffenproduzent, ein Raketenexperte oder ein Baumwollaufkäufer sein. Er konnte sogar zur Al Fatah gehören. Was aber Tofik sich schwerlich vorstellen konnte, war, dass der Mann ein wiederauferstandener Nazi war. Doch alles war möglich. Jedenfalls stufte Tel Aviv Schulz nicht als wichtig ein. Hätte man es getan, wäre nicht Tofik, der jung und unerfahren war, zu seiner Überwachung eingesetzt worden. Es war sogar nicht undenkbar, dass die ganze Sache nichts als ein weiterer Teil seines Trainings war.

Sie fuhren auf der Shari Ramses nach Kairo ein. Tofik schloss die Lücke zwischen seinem Wagen und dem Mercedes, bis nur noch ein Fahrzeug sie trennte. Das graue Auto bog an der Corniche-al-Nil nach rechts ab, überquerte dann den Fluss an der Brücke des 26. Juli und rollte in den Samalek-Bezirk der Insel al-Gasira.

In dem reichen, langweiligen Vorort herrschte weniger Verkehr, und Tofik wurde nervös, weil er fürchtete, von dem Agenten am Steuer des Mercedes entdeckt zu werden. Zwei Minuten später bog der andere Wagen jedoch in eine Wohnstraße in der Nähe des Offiziersklubs ein und hielt vor einem Apartmentgebäude mit einem Jakarandabaum im Garten. Tofik bog sofort nach rechts in eine Seitenstraße ein und war außer Sicht, bevor die Türen des anderen Autos sich öffnen konnten. Er parkte, sprang hinaus und eilte zur Ecke zurück. Von dort aus sah er gerade noch, wie der Agent, Schulz und seine Frau, gefolgt von einem Hausverwalter in der Galabiya, der sich mit ihrem Gepäck abmühte, im Haus verschwanden.

Tofik erfasste die Straße mit einem Blick. Es gab keine Stelle, an der sich ein Mann, ohne aufzufallen, herumdrücken konnte. Er kehrte zu seinem Wagen zurück, setzte ihn rückwärts um die Ecke und parkte zwischen zwei anderen Autos auf derselben Straßenseite wie der Mercedes.

Eine halbe Stunde später kam der Agent allein heraus, stieg in seinen Wagen und fuhr davon.

Tofik machte es sich bequem und wartete.

*

Es dauerte zwei Tage, bis etwas Ungewöhnliches geschah.

Bis dahin verhielten Schulz und seine Frau sich wie Touristen und schienen Spaß daran zu haben. Am ersten Abend aßen sie in einem Nachtklub und sahen einer Truppe von Bauchtänzerinnen zu. Am nächsten Tag besichtigten sie die Pyramiden und die Sphinx, nahmen ihr Mittagessen bei Groppi und ihr Abendessen im Nile Hilton ein. Am Morgen des dritten Tages standen sie früh auf und fuhren mit einem Taxi zur Ibn-Tulun-Moschee.

Tofik ließ sein Auto am Gayer-Anderson-Museum zurück und folgte ihnen. Sie sahen sich flüchtig in der Moschee um und wandten sich danach auf der Shari-al-Salibah nach Osten. Sie bummelten, betrachteten Brunnen und Gebäude, spähten in winzige, dunkle Läden, beobachteten Baladi-Frauen, die Zwiebeln, Paprika und Kamelfüße an Ständen kauften.

Die beiden machten an einer Kreuzung halt und betraten ein Teegeschäft. Tofik überquerte die Straße zum Sebil, einem gewölbten Brunnen hinter Fenstern aus Eisengeflecht, und studierte das barocke Relief an seinen Wänden. Er bewegte sich weiter die Straße hinauf, ohne das Teegeschäft aus den Augen zu verlieren, und verbrachte einige Zeit damit, an einem Stand vier unförmige Riesentomaten von einem barfüßigen Verkäufer mit weißer Mütze zu erwerben.

Schulz und seine Frau kamen aus dem Teegeschäft und schlenderten nach Norden – hinter Tofik her – zum Straßenmarkt. Hier fiel es Tofik leichter, bald vor ihnen, bald hinter ihnen zu spazieren. Frau Schulz kaufte Pantoffeln und einen goldenen Armreif und zahlte einem halbnackten Kind zu viel für einen Minzezweig. Tofik war so weit vor ihnen, dass er es sich leisten konnte, eine kleine Tasse starken, ungesüßten türkischen Mokka unter der Markise des Café Nasif zu trinken.

Sie ließen den Straßenmarkt hinter sich und betraten einen überdachten Suk, der sich auf Sattlerei spezialisiert hatte. Schulz warf einen Blick auf seine Armbanduhr und sprach mit seiner Frau, was Tofik zum ersten Mal leichte Besorgnis verursachte. Dann gingen sie ein wenig schneller, bis sie bei Bab Suwela herauskamen, dem Tor zu der ursprünglichen, von Mauern umgebenen Stadt. Ein paar Sekunden lang wurde Tofik die Sicht durch einen Esel verstellt, der einen Karren mit Ali-Baba-Gläsern – ihre Öffnungen waren mit zerknülltem Papier verstopft – hinter sich herzog. Als der Karren vorbeigefahren war, sah Tofik, dass Schulz sich von seiner Frau verabschiedete und in einen alten grauen Mercedes stieg. Tofik fluchte verhalten.

Die Tür schlug zu, und das Auto setzte sich in Bewegung. Frau Schulz winkte. Tofik las das Nummernschild – es war der Wagen, dem er von Heliopolis gefolgt war – und beobachtete, wie er nach Westen fuhr und bald in die Shari Port Said einbog.

Ohne auf Frau Schulz zu achten, wirbelte er herum und lief hastig davon.

Sie waren ungefähr eine Stunde unterwegs gewesen, hatten aber nur eine Meile zurückgelegt. Tofik rannte durch den Suk mit den Sattlereien und durch den Straßenmarkt, wich den Ständen aus und prallte gegen Männer in langen Gewändern und Frauen in Schwarz, ließ seine Tüte Tomaten bei einem Zusammenstoß mit einem nubischen Straßenkehrer fallen und erreichte endlich das Museum und sein Auto.

Er zwängte sich auf den Fahrersitz, schwer atmend, und verzog das Gesicht über den Schmerz an seiner Seite. Dann ließ er den Motor an und fuhr auf kürzestem Weg zur Shari Port Said.

Der Verkehr war spärlich, deshalb vermutete er, hinter dem Mercedes zu sein, als er auf die Hauptstraße kam. Er fuhr weiter nach Südwesten, über die Insel Roda und die Gisa-Brücke zur Gisa-Straße. Schulz hatte nicht bewusst versucht, seinen Verfolger abzuschütteln. Wenn der Professor vom Fach gewesen wäre, hätte er Tofik entschlossen und endgültig hinter sich gelassen. Nein, er hatte einfach einen Morgenspaziergang über den Markt gemacht, bevor er jemanden an einem Orientierungspunkt traf. Aber Tofik zweifelte nicht daran, dass der Agent den Treffpunkt und den Spaziergang vorgeschlagen hatte.

Sie hätten jede beliebige Richtung einschlagen können, aber wahrscheinlich verließen sie die Stadt – denn sonst hätte Schulz einfach ein Taxi am Bab-Suwela-Tor nehmen können, und dies war die Hauptverkehrsstraße nach Westen. Tofik fuhr sehr schnell. Bald lag außer der pfeilgeraden grauen Straße nichts vor ihm, und zu beiden Seiten war nichts als gelber Sand und blauer Himmel.

Er erreichte die Pyramiden, ohne den Mercedes eingeholt zu haben. Hier gabelte sich die Straße; sie führte nördlich nach Alexandria oder südlich nach Fayum. Von dort, wo der Mercedes Schulz abgeholt hatte, wäre es eine unwahrscheinliche, umständliche Route nach Alexandria gewesen. Deshalb entschied Tofik sich für Fayum. Endlich bekam er den anderen Wagen wieder zu Gesicht – er sah ihn im Rückspiegel auf sich zurasen.

Bevor der Mercedes ihn jedoch erreicht hatte, bog Tofik nach rechts von der Hauptstraße ab. Er bremste schlagartig und setzte den Renault zu der Abzweigung zurück. Das andere Auto war schon eine Meile vor ihm auf der Nebenstraße. Er verfolgte es.

Jetzt wurde es gefährlich. Die Straße führte wahrscheinlich tief in die westliche Wüste, vielleicht sogar bis zum Ölfeld von Kattara. Sie schien selten benutzt zu werden, und jeder starke Wind konnte sie unter einer Sandschicht verschwinden lassen. Der Agent im Mercedes würde mit Sicherheit merken, dass er verfolgt wurde. Wenn er ausgekocht war, konnte der Anblick des Renaults sogar Erinnerungen an die Fahrt von Heliopolis auslösen.

Hier wurde jedes Training überflüssig. Alle sorgfältigen Tarnungen und einschlägigen Tricks wurden sinnlos; es galt, sich einfach jemandem an die Fersen zu heften und sich nicht abschütteln zu lassen, ob man gesehen wurde oder nicht, denn vor allem musste herausgefunden werden, welches Ziel der andere hatte. Wenn man das nicht fertigbrachte, taugte man nichts.

Er schlug also jede Vorsicht in den Wind und folgte dem anderen. Trotzdem verlor er den Anschluss.

Der Mercedes war schneller und besser für die schmale, holprige Straße gebaut. Nach einigen Minuten war er außer Sicht. Tofik fuhr weiter. Er hoffte, ihn einzuholen, falls er anhielt, oder wenigstens auf etwas zu stoßen, das sein Ziel sein konnte.

Nach sechzig Kilometern, tief in der Wüste und etwas beunruhigt über seinen Benzinvorrat, erreichte er ein winziges Oasendorf an einer Straßenkreuzung. Ein paar knochige Tiere grasten in der spärlichen Vegetation um einen schlammigen Teich. Ein Glas Fava-Bohnen und drei Fanta-Dosen auf einem behelfsmäßigen Tisch vor einer Hütte zeigten das örtliche Café an. Tofik stieg aus dem Wagen und wandte sich an einen alten Mann, der einen mageren Büffel tränkte.

»Haben Sie einen grauen Mercedes gesehen?«

Der Bauer starrte ihn verständnislos an, als redete er in einer fremden Sprache.

»Haben Sie einen grauen Wagen gesehen?«

Der alte Mann streifte sich eine große schwarze Fliege von der Stirn und nickte einmal.

»Wann?«

»Heute.«

Mit einer genaueren Antwort konnte Tofik wahrscheinlich nicht rechnen. »Wohin ist er gefahren?«

Der alte Mann deutete nach Westen, in die Wüste.

»Wo kann ich Benzin bekommen?«

Der alte Mann deutete nach Osten, in Richtung Kairo. Tofik gab ihm eine Münze und kehrte zu seinem Auto zurück. Er ließ den Motor an und betrachtete die Treibstoffanzeige. Sein Benzin reichte gerade noch, um zurück nach Kairo zu kommen; wenn er weiter nach Westen fuhr, würde er die Rückfahrt nicht mehr schaffen. Er hatte getan, was er konnte. Erschöpft wendete er den Renault und fuhr zur Stadt zurück.

*

Tofik liebte seine Arbeit nicht. Wenn sie eintönig war, langweilte er sich, wenn sie aufregend war, hatte er Angst. Aber man hatte ihm gesagt, dass wichtige, gefährliche Aufgaben in Kairo zu erfüllen seien und dass er die nötigen Eigenschaften für einen guten Spion habe. Es gebe nicht genug ägyptische Juden in Israel, sodass man nicht einfach einen anderen mit den erforderlichen Qualitäten finden könnte, wenn Tofik sich weigerte. Daraufhin hatte er natürlich zugestimmt. Es war nicht Idealismus, der ihn bewog, sein Leben für sein Land aufs Spiel zu setzen. Er hatte eher sein eigenes Interesse im Auge: Die Vernichtung Israels würde seine eigene Vernichtung sein; wenn er für Israel kämpfte, kämpfte er für sich selbst; er riskierte sein Leben, um sein Leben zu retten. Es war nur logisch. Trotzdem freute er sich auf die Zeit in fünf Jahren? Zehn? Zwanzig? – wenn er zu alt sein würde für den Außeneinsatz. Dann würde man ihn nach Hause zurückholen und ihn an einen Schreibtisch setzen. Er würde ein nettes jüdisches Mädchen finden, es heiraten und sesshaft werden können, um sich an dem Land zu erfreuen, für das er gekämpft hatte.

Inzwischen aber folgte er Frau Schulz, da er den Professor aus den Augen verloren hatte.

Sie besuchte weiterhin Sehenswürdigkeiten, begleitet von einem jungen Araber, den die Ägypter vermutlich bereitgestellt hatten, damit er sich in Abwesenheit ihres Mannes um sie kümmere. Am Abend führte der Araber sie zum Essen in ein ägyptisches Restaurant, brachte sie nach Hause und küsste sie unter dem Jakarandabaum im Garten auf die Wange.

Am nächsten Morgen ging Tofik zum Hauptpostamt und schickte ein verschlüsseltes Telegramm an seinen Onkel in Rom:

SCHULZ AM FLUGHAFEN VON MUTMASSLICH EINHEIMISCHEM AGENTEN ABGEHOLT. ZWEI TAGE SEHENSWÜRDIGKEITEN BESICHTIGT. VON ERWÄHNTEM AGENTEN RICHTUNG KATTARA GEFAHREN. ÜBERWACHUNG FEHLGESCHLAGEN. BEOBACHTE NUN SEINE FRAU.

Um 9.00 Uhr war er wieder in Samalek. Um 11.30 Uhr sah er Frau Schulz auf einem Balkon Kaffee trinken und konnte folgern, in welchem Apartment sie wohnte.

Bis zum Mittag war es im Renault sehr heiß geworden. Tofik aß einen Apfel und trank lauwarmes Bier aus einer Flasche.

Professor Schulz traf spätnachmittags in demselben grauen Mercedes ein. Er sah müde und ein wenig zerknittert aus, wie ein Mann mittleren Alters, der zu weit gereist ist. Schulz verließ den Wagen und ging ins Gebäude, ohne sich umzusehen. Danach fuhr der Agent an dem Renault vorbei und musterte Tofik einen Moment. Tofik konnte es nicht ändern.

Wo war Schulz gewesen? Er hatte den Großteil eines Tages benötigt, um an sein Ziel zu kommen, spekulierte Tofik; dort hatte er eine Nacht, einen vollen Tag und eine zweite Nacht zugebracht; und er hatte für die Rückfahrt fast den ganzen heutigen Tag gebraucht. Kattara war nur eine von mehreren Möglichkeiten. Die Wüstenstraße hatte Matruh an der Mittelmeerküste zum Ziel; eine Abzweigung führte nach Karkur Tohl im fernen Süden; wenn sie das Auto gewechselt und einen Wüstenführer getroffen hatten, wäre sogar ein Rendezvous an der libyschen Grenze möglich gewesen.

Um 21.00 Uhr kamen Schulz und seine Frau wieder heraus. Der Professor wirkte erfrischt. Sie waren zum Abendessen angezogen. Nach einem kurzen Spaziergang stoppten sie ein Taxi.

Tofik entschloss sich, ihnen nicht zu folgen.

Er stieg aus dem Auto und betrat den Garten des Gebäudes. Auf dem staubigen Rasen fand er hinter einem Busch einen Aussichtspunkt, von dem aus er durch die offene Vordertür in den Flur blicken konnte. Der nubische Hausverwalter saß auf einer niedrigen Holzbank und bohrte in der Nase.

Tofik wartete.

Zwanzig Minuten später verließ der Mann seine Bank und verschwand im hinteren Teil des Hauses.

Tofik eilte durch den Flur und lief mit leisen Schritten die Treppe hinauf.

Er hatte drei Dietriche für Yale-Schlösser, aber keiner von ihnen passte für Apartment drei. Schließlich gelang es ihm, die Tür mit einem biegsamen Plastikstück zu öffnen, das er von einem Zeichendreieck abgebrochen hatte.

Tofik betrat das Apartment und schloss die Tür hinter sich.

Nun war es draußen recht dunkel. Das schwache Licht einer Straßenlaterne drang durch die Fenster. Tofik holte eine kleine Taschenlampe hervor, knipste sie aber noch nicht an.

Das Apartment war groß und luftig, mit weiß getünchten Wänden und Möbeln im englischen Kolonialstil. Es hatte das karge, frostige Aussehen einer Wohnung, in der niemand lebt. Es umfasste einen großen Salon, ein Esszimmer, drei Schlafzimmer und eine Küche. Nach einer raschen allgemeinen Prüfung begann Tofik, gründlich herumzuschnüffeln.

Die beiden kleineren Schlafzimmer waren leer. In dem größeren durchsuchte Tofik hastig alle Schubladen und Schränke.

Ein Kleiderschrank enthielt die recht geschmacklose Garderobe einer Frau, die ihre Blüte hinter sich hatte: helle Baumwollröcke, mit Flitter besetzte Kleider, türkis-, orangefarben und rosa. Die Etiketten waren amerikanisch. Das Telegramm hatte Schulz als österreichischen Staatsbürger bezeichnet, aber vielleicht lebte er in den USA. Tofik hatte ihn nie sprechen hören. Auf dem Nachttisch lagen ein englischer Reiseführer für Kairo, ein Exemplar von Vogue und der Korrekturabzug einer Vorlesung über Isotope.

Schulz war also Wissenschaftler.

Tofik blätterte die Abhandlung durch. Das meiste überstieg seinen Horizont. Schulz musste ein prominenter Chemiker oder Physiker sein. Wenn er hier war, um im Waffenfach zu arbeiten, musste Tel Aviv unterrichtet werden.

Persönliche Papiere waren nicht zu finden – Schulz hatte seinen Pass und seine Brieftasche offenbar eingesteckt. Die Aufkleber der Fluggesellschaft waren von der Garnitur brauner Koffer entfernt worden.

Zwei leere Gläser auf einem niedrigen Tisch im Salon rochen nach Gin. Die beiden hatten einen Cocktail getrunken, bevor sie ausgegangen waren.

Im Badezimmer fand Tofik die Kleidung, die Schulz bei seiner Fahrt in die Wüste getragen hatte. In den Schuhen hatte sich viel Sand gesammelt, und auf den Hosenumschlägen entdeckte er kleine, staubige graue Flecken, die von Zement herrühren konnten. In der Brusttasche der zerknüllten Jacke war ein blauer Plastikbehälter, etwa vier Zentimeter im Quadrat und sehr flach. Er enthielt einen vor Licht schützenden Umschlag, wie sie für fotografische Filme benutzt wurden.

Tofik steckte das Plastikkästchen in die Tasche.

Die Gepäckaufkleber lagen in einem Papierkorb auf dem kleinen Flur. Der Wohnort von Schulz und seiner Frau war Boston, Massachusetts, was wahrscheinlich bedeutete, dass der Professor in Harvard, am MIT oder an einer der weniger bedeutenden Universitäten der Gegend lehrte. Tofik stellte ein paar rasche Berechnungen an. Schulz musste während des Zweiten Weltkriegs zwischen zwanzig und dreißig gewesen sein; er konnte leicht zu den deutschen Raketenexperten gehören, die nach dem Krieg in die USA gegangen waren.

Oder auch nicht. Man brauchte kein Nazi zu sein, um für die Araber zu arbeiten.

Nazi oder nicht, Schulz war ein Geizhals: Seine Seife, Zahnpasta, Schaumbad und sein Rasierwasser stammten ohne Ausnahme aus Flugzeugen und Hotels.

Auf dem Boden neben einem Rohrstuhl, nicht weit von dem Tisch mit den leeren Cocktailgläsern, lag ein linierter Notizblock, dessen obere Seite leer war. Auf dem Notizblock befand sich ein Bleistift. Vielleicht hatte Schulz Aufzeichnungen über seine Reise gemacht, während er seinen Gin schlürfte. Tofik durchsuchte das Apartment nach Seiten, die der Professor aus dem Block herausgerissen hatte. Er fand sie auf dem Balkon; sie waren in einem großen gläsernen Aschenbecher zu Asche verbrannt.

Die Nacht war kühl. Zu späterer Jahreszeit würde die Luft warm sein und nach Blüten des Jakarandabaums im Garten duften. Der Stadtverkehr röhrte in der Ferne. Tofik wurde an die Wohnung seines Vaters in Jerusalem erinnert. Er fragte sich, wie lange es noch dauern würde, bis er Jerusalem wiedersah.

Er hatte getan, was er hier tun konnte. Aber er nahm sich vor, den Notizblock noch einmal zu prüfen, um zu sehen, ob Schulz’ Bleistift einen Abdruck auf der Seite hinterlassen hatte. Er wandte sich von der Brüstung ab und ging über den Balkon zu der Fenstertür, die in den Salon führte.

Er hatte die Hand auf den Türgriff gelegt, als er die Stimmen hörte.

Tofik erstarrte.

»Tut mir leid, Liebling, ich konnte einfach kein zu stark gebratenes Steak mehr vertragen.«

»Aber wir hätten doch irgendetwas essen können, um Himmels willen.«

Schulz und seine Frau waren zurück.

Tofik überlegte eilig, wie er die Räume hinterlassen hatte: Schlafzimmer, Badezimmer, Salon, Küche … Alles, was er angefasst hatte, war wieder an seinem Platz, außer dem kleinen Plastikkästchen. Das musste er ohnehin behalten. Schulz würde hoffentlich annehmen, dass er es verloren hatte.

Wenn Tofik nun ungesehen verschwinden konnte, würden sie von seinem Besuch vielleicht nie etwas ahnen.

Er schob sich über die Brüstung und hing in voller Länge nur an seinen Fingerspitzen. Es war so dunkel, dass er den Boden nicht erkennen konnte. Er ließ sich fallen, landete leichtfüßig und schlenderte davon.

Es war sein erster Einbruch gewesen, und er war mit sich zufrieden. Die Sache war so glatt abgelaufen wie eine Trainingsübung, obwohl die Bewohner zu früh zurückgekehrt waren und der Spion sich plötzlich über eine vorher bedachte Notroute hatte empfehlen müssen. Er grinste. Vielleicht würde er doch noch lange genug leben, um zu seinem Schreibtischposten zu kommen.

Tofik stieg in seinen Wagen, startete den Motor und schaltete die Scheinwerfer an.

Zwei Männer tauchten aus dem Schatten auf und standen zu beiden Seiten des Renault.

Wer …?

Er nahm sich nicht die Zeit, den Dingen auf den Grund zu gehen, sondern rammte den Schalthebel in den ersten Gang und fuhr an. Die beiden Männer sprangen zur Seite.

Sie machten keinen Versuch, ihn anzuhalten. Weshalb waren sie da gewesen? Um sicherzugehen, dass er im Auto blieb …?

Er trat voll auf das Bremspedal und blickte auf den Rücksitz. Dann erkannte er mit unendlicher Trauer, dass er Jerusalem nie wiedersehen würde.

Ein großer Araber in einem dunklen Anzug lächelte ihn über die Mündung einer kleinen Pistole an.

»Weiterfahren«, sagte der Mann auf Arabisch, »aber nicht ganz so schnell, bitte.«

F: Wie heißt du?

A: Tofik el-Masiri.

F: Beschreibe dich selbst.

A: Alter sechsundzwanzig, einen Meter fünfundsiebzig, hundertachtzig Pfund, braune Augen, schwarzes Haar, semitische Züge, hellbraune Haut.

F: Für wen arbeitest du?

A: Ich bin Student.

F: Was für ein Tag ist heute?

A: Samstag.

F: Deine Nationalität?

A: Ägyptisch.

F: Wie viel sind zwanzig minus sieben?

A: Dreizehn.

Die oben aufgeführten Fragen dienen dazu, die Feineinstellung des Lügendetektors zu erleichtern.

F: Du arbeitest für die CIA.

A: Nein. (WAHR)

F: Für die Deutschen?

A: Nein. (WAHR)

F: Für Israel also.

A: Nein. (UNWAHR)

F: Du bist wirklich Student?

A: Ja. (UNWAHR)

F: Erzähl mir von deinem Studium.

A: Ich studiere Chemie an der Universität Kairo. (WAHR) Ich interessiere mich für Polymere. (WAHR) Ich möchte Petrochemieingenieur werden. (UNWAHR)

F: Was sind Polymere?

A: Komplexe organische Verbindungen aus langen Kettenmolekülen – das häufigste ist Polyäthylen. (WAHR)

F: Wie heißt du?

A: Das habe ich doch gesagt, Tofik el-Masiri. (UNWAHR)

F: Die Kontakte an deinem Kopf und deiner Brust messen Puls, Herzschlag, Atmung und Transpiration. Wenn du die Unwahrheit sagst, verrät dich dein Stoffwechsel – du atmest schneller, schwitzt stärker und so weiter. Diese Maschine, die wir von unseren russischen Freunden erhalten haben, zeigt mir an, wenn du lügst. Außerdem weiß ich zufällig, dass Tofik el-Masiri tot ist. Wer bist du?

A: (Schweigt)

F: Der Draht, der an die Spitze deines Penis geheftet ist, gehört zu einer anderen Maschine. Er ist mit diesem Knopf hier verbunden. Wenn ich auf den Knopf drücke …

A: (Schreit)

F: … fährt ein elektrischer Stromstoß durch den Draht und versetzt dir einen Schock. Wir haben deine Füße in einen Eimer Wasser gestellt, um die Wirkung des Apparates zu erhöhen. Wie heißt du?

A: Avram Ambash.

Der elektrische Apparat stört die Funktionen des Lügendetektors.

F: Eine Zigarette?

A: Danke.

F: Ob du es glaubst oder nicht, ich hasse diese Arbeit. Das Problem ist, dass Leute, die Spaß daran haben, sie nie sehr gut beherrschen – man braucht Sensibilität, musst du wissen. Ich bin ein sensibler Mensch … ich hasse es, andere leiden zu sehen. Du auch?

A: (Schweigt)

F: Du versuchst, dir etwas einfallen zu lassen, um mir Widerstand zu leisten. Spar dir die Mühe. Es gibt keinen Schutz gegen moderne … Befragungsmethoden. Wie heißt du?

A: Avram Ambash. (WAHR)

F: Wer ist dein Führungsoffizier?

A: Ich weiß nicht, was Sie meinen. (UNWAHR)

F: Ist es Bosch?

A: Nein, Friedman. (ANZEIGE UNGENAU)

F: Es ist Bosch.

A: Ja. (UNWAHR)

F: Nein, es ist nicht Bosch, sondern Krantz.

A: Also gut, es ist Krantz – wie Sie wollen. (WAHR)

F: Wie nimmst du Kontakt auf?

A: Ich habe ein Funkgerät. (UNWAHR)

F: Du belügst mich.

A: (Schreit)

F: Wie nimmst du Kontakt auf?

A: Ein toter Briefkasten in einem Vorort.

F: Du glaubst, dass der Lügendetektor nicht richtig funktioniert, wenn du Schmerzen hast, und dass die Qual dir deshalb Sicherheit bietet. Du hast nur teilweise recht. Dies ist eine sehr raffinierte Maschine, und ich habe viele Monate darauf verwendet, ihre korrekte Benutzung zu erlernen. Wenn ich dir einen Schock verabreicht habe, dauert es nur Sekundenbruchteile, bis die Maschine auf deinen schnelleren Stoffwechsel eingestellt ist. Und dann kann ich wieder erkennen, ob du lügst. Wie nimmst du Kontakt auf?

A: Ein toter – (Schreit)

F: Ali! Er hat seine Füße losgerissen – diese Krämpfe sind sehr stark. Binde ihn wieder fest, bevor er zu sich kommt. Nimm den Eimer und schütte mehr Wasser hinein.
(Pause)
In Ordnung, er wacht auf. Verschwinde. Kannst du mich hören, Tofik?

A: (Undeutlich)

F: Wie heißt du?

A: (Schweigt)

F: Ein kleiner Stich wird dir helfen –

A: (Schreit)

F: – nachzudenken.

A: Avram Ambash.

F: Welcher Tag ist heute?

A: Samstag.

F: Was haben wir dir zum Frühstück gegeben?

A: Fava-Bohnen.

F: Wie viel sind zwanzig minus sieben?

A: Dreizehn.

F: Was ist dein Beruf?

A: Ich bin Student. Nein, bitte nicht – und ein Spion. Ja, ich bin ein Spion. Den Knopf nicht berühren, bitte. Oh Gott, oh Gott –

F: Wie nimmst du Kontakt auf?

A: Durch verschlüsselte Telegramme.

F: Eine Zigarette. Hier … oh, du scheinst sie nicht zwischen den Lippen halten zu können – warte, ich helfe dir … na also.

A: Vielen Dank.

F: Du musst versuchen, ganz ruhig zu sein. Vergiss nicht, solange du die Wahrheit sagst, wirst du keine Schmerzen haben.
(Pause)
Fühlst du dich besser?

A: Ja.

F: Ich mich auch. Jetzt erzähl mir von Professor Schulz. Warum bist du ihm gefolgt?

A: Ich hatte den Befehl dazu. (WAHR)

F: Aus Tel Aviv?

A: Ja. (WAHR)

F: Von wem in Tel Aviv?

A: Das weiß ich nicht. (ANZEIGE UNKLAR)

F: Aber du kannst raten.

A: Von Bosch. (ANZEIGE UNKLAR)

F: Oder von Krantz?

A: Vielleicht. (WAHR)

F: Krantz ist ein guter Mann. Zuverlässig. Wie geht’s seiner Frau?

A: Sehr gut, ich … (schreit)

F: Seine Frau starb 1958. Warum zwingst du mich, dir wehzutun? Was hat Schulz unternommen?

A: Zwei Tage lang Sehenswürdigkeiten besichtigt, dann ist er in einem grauen Mercedes in der Wüste verschwunden.

F: Und du bist in sein Apartment eingebrochen?

A: Ja. (WAHR)

F: Was hast du erfahren?

A: Er ist Wissenschaftler. (WAHR)

F: Sonst noch etwas?

A: Amerikaner. (WAHR) Das ist alles. (WAHR)

F: Wer war dein Ausbilder?

A: Ertl. (ANZEIGE UNKLAR)

F: Aber das war nicht sein richtiger Name.

A: Ich weiß nicht. (UNWAHR) Nein! Nicht den Knopf. Lassen Sie mich nachdenken; es war einmal, nur ganz kurz, ich glaube, jemand sagte, dass sein richtiger Name Manner ist. (WAHR)

F: Oh, Manner. Eine Schande. Er gehört zu der altmodischen Sorte. Glaubt immer noch, man könne Agenten so ausbilden, dass ihr Widerstand bei einem Verhör nicht zu brechen ist. Es ist seine Schuld, dass du so leiden musst. Und deine Kollegen? Wer wurde mit dir zusammen ausgebildet?

A: Ich kannte ihre wirklichen Namen nicht. (UNWAHR)

F: Nein?

A: (Schreit)

F: Die wirklichen Namen.

A: Nicht alle –

F: Nenne mir diejenigen, die du kanntest.

A: (Schweigt) – (Schreit)
Der Gefangene verliert das Bewusstsein.
(Pause)

F: Wie heißt du?

A: A … Tofik. (Schreit)

F: Was hast du zum Frühstück gegessen?

A: Weiß ich nicht.

F: Wie viel sind zwanzig minus sieben?

A: Siebenundzwanzig.

F: Was hast du Krantz über Professor Schulz gemeldet?

A: Besichtigungen … westliche Wüste … Überwachung gescheitert …

F: Mit wem zusammen wurdest du ausgebildet?

A: (Schweigt)

F: Mit wem wurdest du ausgebildet?

A: (Schreit)

F: Mit wem wurdest du ausgebildet?

A: Ja, wenn ich auch durch das Tal des Todesschattens wandle –

F: Mit wem wurdest du ausgebildet?

A: (Schreit)

Der Gefangene stirbt.

*

Wenn Kawash um ein Treffen bat, zögerte Pierre Borg nicht. Zeit und Ort wurden nicht diskutiert: Kawash sandte eine Botschaft, in welcher der Treffpunkt genannt wurde, und Borg verpasste das Rendezvous nicht. Kawash war der beste Doppelagent, den Borg je gehabt hatte – alles andere war unwichtig.

Der Chef des Mossad stand an einem Ende des Bahnsteigs der Bakerloo-Linie – Richtung Norden – in der U-Bahn-Station Oxford Circus, las ein Plakat, das für eine Vortragsreihe über Theosophie warb, und wartete auf Kawash. Er hatte keine Ahnung, weshalb der Araber London für dieses Treffen gewählt hatte; er wusste nicht, welche Gründe Kawash seinen Vorgesetzten für den Aufenthalt in der Stadt genannt hatte; er wusste nicht einmal, weshalb Kawash ein Verräter war. Aber dieser Mann hatte den Israelis geholfen, zwei Kriege zu gewinnen und einen dritten zu vermeiden. Borg brauchte ihn. Borg blickte den Bahnsteig entlang und hielt nach einem hochstirnigen braunen Schädel mit großer, schmaler Nase Ausschau. Er glaubte zu ahnen, worüber Kawash sprechen wollte, und hoffte, dass sich seine Ahnung bestätigen würde.

Er machte sich große Sorgen über die Sache mit Schulz. Sie hatte als ganz normale Überwachung begonnen, genau der richtige Auftrag für seinen neuesten, unerfahrensten Agenten in Kairo: Ein hochqualifizierter amerikanischer Physiker, der in Europa Urlaub macht, beschließt, nach Ägypten zu reisen. Die erste Warnung war gekommen, als Tofik Schulz aus den Augen verloren hatte. In jenem Moment hatte Borg die Aktivitäten für dieses Projekt verstärkt. Ein freier Journalist in Mailand, der gelegentlich Erkundigungen für deutsche Geheimdienste einzog, hatte festgestellt, dass Schulz’ Flugkarte nach Kairo von der Frau eines ägyptischen Diplomaten in Rom bezahlt worden war. Dann hatte die CIA routinemäßig einen Satz Satellitenfotos der Gegend um Kattara, die Zeichen von Bauarbeiten aufzuweisen schien, an den Mossad weitergereicht – und Borg war eingefallen, dass Schulz in Richtung Kattara gefahren war, als Tofik den Kontakt verloren hatte.

Irgendetwas ging vor. Aber er wusste nicht, was, und das beunruhigte ihn.

Er war immer beunruhigt. Wenn es nicht an den Ägyptern lag, dann an den Syrern; wenn nicht an den Syrern, dann an den Feddajin; wenn nicht an seinen Feinden, dann an seinen Freunden und an der Frage, wie lange sie noch seine Freunde sein würden. Er hatte eine beunruhigende Arbeit. Seine Mutter hatte einmal gesagt: »Arbeit? Unsinn – es ist dir angeboren wie deinem armen Vater. Wenn du Gärtner wärst, würdest du dir auch über deine Arbeit Sorgen machen.« Sie könnte recht gehabt haben, aber trotzdem: Paranoia war die einzig vernünftige Geisteshaltung für einen Spionagechef.

Jetzt war die Verbindung mit Tofik abgerissen, und das war das beunruhigendste Zeichen von allen.

Vielleicht hatte Kawash eine Erklärung.

Ein Zug donnerte herein. Borg wartete nicht auf einen Zug; er begann, die Namen der Mitwirkenden auf einem Kinoplakat zu lesen. Die Hälfte der Namen war jüdisch.

Vielleicht hätte ich Filmproduzent werden sollen, dachte er.

Der Zug setzte sich in Bewegung, und ein Schatten fiel auf Borg. Er blickte auf – und in das Gesicht von Kawash.

Der Araber sagte: »Vielen Dank, dass Sie gekommen sind.« Das tat er jedes Mal.

Borg ignorierte seine Worte; er wusste nie, wie er auf Dankesbezeigungen reagieren sollte. »Was gibt’s Neues?«

»Ich musste am Freitag einen Ihrer jungen Leute in Kairo aufgreifen.«

»Sie mussten es?«

»Der militärische Geheimdienst bewachte ein großes Tier. Sie merkten, dass der Junge sie beschattete. Das Militär hat kein Operationspersonal in der Stadt. Deshalb wurde meine Abteilung gebeten, ihn zu fassen. Es war ein offizielles Ersuchen.«

»Verflucht«, sagte Borg erbittert. »Was ist mit ihm geschehen?«

»Ich musste mich an die Vorschriften halten«, antwortete Kawash. Er wirkte betrübt. »Der Junge wurde verhört und getötet. Sein Name war Avram Ambash, aber er arbeitete als Tofik el-Masiri.«

Borg runzelte die Stirn. »Er hat Ihnen seinen richtigen Namen verraten?«

»Er ist tot, Pierre.«

Borg schüttelte gereizt den Kopf. Kawash wollte sich immer an persönlichen Einzelheiten aufhalten. »Warum hat er seinen Namen preisgegeben?«

»Wir benutzen die russische Ausrüstung – Elektroschock, kombiniert mit Lügendetektor. Ihr trainiert sie nicht so, dass sie damit fertig werden können.«

Borg lachte kurz. »Wenn wir davon sprächen, würden wir keinen gottverdammten Rekruten kriegen. Was hat er noch verraten?«

»Nichts, was wir nicht wussten. Er hätte es getan, aber ich brachte ihn vorher um.«

»Sie brachten ihn um?«

»Ich führte das Verhör, um sicherzugehen, dass er nichts Wichtiges sagte. All diese Vernehmungen werden jetzt auf Band aufgenommen, und die Abschrift kommt zu den Akten. Wir lernen von den Russen.« Der Kummer in seinen braunen Augen vertiefte sich. »Wieso – würden Sie es vorziehen, wenn ich Ihre Jungs von jemand anderem töten ließe?«

Borg starrte ihn an und wandte schließlich den Blick ab. Wieder musste er das Gespräch von Sentimentalitäten fortsteuern. »Was hatte der Junge über Schulz herausgefunden?«

»Dass ein Agent den Professor in die westliche Wüste brachte.«

»Sicher, aber wozu?«

»Das weiß ich nicht.«

»Sie müssen es wissen, Sie gehören zum ägyptischen Geheimdienst!« Borg unterdrückte seinen Ärger. Sollte der Mann sich doch Zeit lassen; letzten Endes würde er seine Informationen weitergeben.

»Ich weiß nicht, was sich dort draußen abspielt, weil sich eine Spezialtruppe damit befasst«, erklärte Kawash. »Meine Abteilung wird nicht unterrichtet.«

»Irgendeine Ahnung, weshalb?«

Der Araber zuckte die Achseln. »Ich würde sagen, sie wollen nicht, dass die Russen davon Wind bekommen. Heutzutage erfährt Moskau alles, was über uns läuft.«

Borg verbarg seine Enttäuschung nicht. »Ist das alles, was Tofik geschafft hat?«

Plötzlich klang Zorn aus der sanften Stimme des Arabers. »Der Junge ist für Sie gestorben.«

»Ich werde ihm im Himmel danken. Ist er umsonst gestorben?«

»Er hat dies aus Schulz’ Apartment geholt.« Kawash zog eine Hand aus der Manteltasche und zeigte Borg ein kleines quadratisches Kästchen aus blauem Kunststoff.

Borg nahm das Kästchen. »Woher wissen Sie, wem es gehörte?«

»Es trägt Schulz’ Fingerabdrücke. Und wir nahmen Tofik fest, nachdem er gerade in das Apartment eingebrochen hatte.«

Borg öffnete das Kästchen und betastete den vor Licht schützenden Umschlag. Er war unversiegelt. Der Israeli zog das Negativ hervor.

»Wir haben den Umschlag geöffnet und den Film entwickelt. Er ist leer«, erläuterte der Araber.

Mit einem Gefühl tiefer Befriedigung setzte Borg das Kästchen wieder zusammen und steckte es in die Tasche. Nun ergab alles einen Sinn; nun wusste er, was zu tun war. Ein Zug fuhr ein. »Nehmen Sie diesen?«, fragte er. Kawash runzelte leicht die Stirn, nickte bestätigend und trat an den Rand des Bahnsteiges, während der Zug anhielt und die Türen sich öffneten. Er stieg ein und blieb an der Tür stehen. »Ich weiß wirklich nicht, was mit dem Kästchen sein könnte.«

Du magst mich nicht, aber ich halte dich für großartig, sinnierte Borg. Er bedachte den Araber mit einem dünnen Lächeln, während die Türen der U-Bahn zuglitten. »Ich weiß es«, sagte er.

2

DAS AMERIKANISCHE MÄDCHEN war von Nat Dickstein sehr beeindruckt.

Sie jäteten und hackten Seite an Seite in einem staubigen Weingarten, während eine leichte Brise vom Galiläischen Meer herüberblies. Dickstein hatte sein Hemd ausgezogen und arbeitete in Shorts und Sandalen – mit jener Geringschätzung der Sonne, die nur in der Stadt Geborene besitzen können.

Er war ein schmächtiger Mann, feingliedrig, mit schmalen Schultern, einem flachen Brustkasten, knorrigen Ellbogen und Knien. Karen beobachtete ihn immer, wenn sie eine Pause machte, was oft geschah, während er sich nie auszuruhen schien. Zähe Muskeln bewegten sich wie knotige Taue unter seiner braunen, vernarbten Haut. Sie war eine sinnliche Frau, und am liebsten hätte sie die Narben mit den Fingern berührt und ihn gefragt, woher er sie hatte.

Manchmal blickte er auf und überraschte sie dabei, wie sie ihn anstarrte. Dann grinste er ohne Scheu und arbeitete weiter. Sein Gesicht war regelmäßig geschnitten und wies keine besonderen Merkmale auf. Er hatte dunkle Augen hinter billigen runden Brillengläsern von der Art, die Karens Generation gefiel, weil John Lennon sie trug. Sein Haar war ebenfalls dunkel und kurz; Karen wünschte sich, dass er es wachsen ließe. Wenn er sein schiefes Grinsen aufsetzte, sah er jünger aus. Aber es war stets schwer zu raten, wie alt er sein mochte. Er hatte die Kraft und Energie eines jungen Mannes, doch sie hatte die Tätowierung des Konzentrationslagers unter seiner Armbanduhr gesehen. Er konnte also nicht viel jünger als vierzig sein.

Er war im Sommer 1967, kurz nach Karen, im Kibbuz eingetroffen. Sie war mit ihren Deodorants und ihren Antibabypillen gekommen – auf der Suche nach einem Ort, wo sie ihre Hippie-Ideale ausleben konnte, ohne 24 Stunden am Tag unter Drogen zu stehen. Man hatte ihn in einem Krankenwagen gebracht. Sie nahm an, dass er im Sechstagekrieg verwundet worden war, und die anderen Kibbuzniks stimmten vage zu, dass es so etwas gewesen sei.

Seine Begrüßung hatte sich sehr von ihrer unterschieden. Karen war freundlich, aber vorsichtig empfangen worden: In ihrer Philosophie erkannten sie ihre eigene, mit gefährlichen Zusätzen. Nat Dickstein kehrte wie ein lange verlorener Sohn zurück. Sie scharten sich um ihn, fütterten ihn mit Suppe und hatten Tränen in den Augen, nachdem sie seine Wunden gesehen hatten.

Wenn Dickstein eine Art Sohn für diese Leute war, dann war Esther ihre Mutter. Sie war das älteste Mitglied des Kibbuz. Karen hatte einmal gesagt: »Sie sieht aus wie Golda Meirs Mutter«, und einer der anderen hatte geantwortet: »Ich glaube, sie ist Goldas Vater.« Und alle hatten liebevoll gelacht. Sie benutzte einen Spazierstock, stapfte durch das Dorf und gab ungebeten Ratschläge, von denen die meisten sehr weise waren. Sie hatte vor Dicksteins Krankenzimmer Wache gestanden und lärmende Kinder fortgescheucht, indem sie ihren Stock schwenkte und Prügel androhte, von denen selbst die Kinder wussten, dass sie nie ausgeteilt werden würden.

Dickstein hatte sich sehr schnell erholt. Schon nach einigen Tagen saß er draußen in der Sonne, putzte Gemüse für die Küche und erzählte den größeren Kindern derbe Witze. Zwei Wochen später arbeitete er auf den Feldern, und bald schaffte er mehr als alle, außer den jüngsten Männern.

Seine Vergangenheit lag im Dunkel, aber Esther hatte Karen die Geschichte seiner Ankunft in Israel im Jahre 1948, während des Unabhängigkeitskrieges, erzählt.

1948 war für Esther jüngste Vergangenheit. Sie hatte als junge Frau in den ersten beiden Jahrzehnten des Jahrhunderts in London gelebt und war an einem halben Dutzend radikaler linker Bewegungen, vom Suffragettentum bis zum Pazifismus, aktiv beteiligt gewesen, bevor sie nach Palästina emigrierte; aber ihre Erinnerung reichte noch weiter zurück, zu Pogromen in Russland, die vage in monströsen Albtraumbildern vor ihr standen.

Sie hatte in der Tageshitze unter einem Feigenbaum gesessen, einen Stuhl lackiert, den sie mit ihren eigenen knotigen Händen gemacht hatte, und von Dickstein erzählt wie von einem schlauen, aber boshaften Schuljungen.

»Sie waren acht oder neun Männer, einige von der Universität, andere Arbeiter aus dem East End. Wenn sie je Geld besessen hatten, war es ausgegeben, bevor sie Frankreich erreichten. Sie ließen sich von einem Lastwagen nach Paris mitnehmen und sprangen dann auf einen Güterzug nach Marseille auf. Von dort aus sind sie anscheinend den größten Teil der Strecke nach Italien zu Fuß gegangen. Danach stahlen sie ein riesiges Auto, einen Stabswagen des deutschen Heeres, einen Mercedes, und fuhren bis zur Stiefelspitze von Italien.« Esthers Gesicht war zu einem Lächeln zerknittert, und Karen dachte: Die Alte wäre damals gern bei ihnen gewesen.

»Dickstein war im Krieg in Sizilien gewesen und schien die Mafia dort zu kennen. Sie besaß alle Waffen, die noch vom Krieg übrig geblieben waren. Dickstein wollte Waffen für Israel, hatte aber kein Geld. Er überredete die Sizilianer, eine Schiffsladung Maschinenpistolen an einen Araber zu verkaufen und dann den Juden zu verraten, wo die Übergabe stattfinden würde. Sie wussten, was er vorhatte, und waren begeistert.

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