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Drei nach Norden

Informationen zum Buch

Schwedischer wird´s nicht

Mitten in der Nacht brechen Greta, Cassady und der Halbe Belgier nach Schweden auf.

Ihr einziges Gepäckstück: eine geheimnisvolle Kiste, adressiert an zwei alte Menschen, bei denen Greta die glücklichste Zeit ihres Lebens verbracht hat. Was ganz harmlos beginnt, entwickelt sich schnell zu einem rasanten Roadtrip: Plötzlich geht es um die Sicherheit des schwedischen Königs, Elvis Presley schwingt die Hüfte, und ein einbeiniger Rennfahrer sorgt für Aufregung. Und dazu fließt viel Bier im nordischen Sommer.

Eine grandios komische Roadnovel über drei charmante Helden und den Mut, das Leben in die Hand zu nehmen.

PROLOG IM OSTEN

Zack, und Licht aus. Wie jetzt? Warum? Der Schalter lag doch innen gleich neben der Tür zu diesem schlauchartigen Raum, an dessen Ende leicht erhöht die Kloschüssel stand, auf der er saß: der Halbe Belgier. Gerade eben, als die nackt über dem Waschbecken hängende Glühbirne plötzlich erloschen war, hatte er sich gefragt, ob das der Spitzname war, den er schon immer hatte haben wollen: Halber Belgier. Wenn ja, dann sollte er sich freuen, hier zu sein, bei seinen neuen Freunden, die ihm so einen Namen gaben, doch es gelang ihm nicht.

Er war ganz sicher, dass der Schalter innen lag, neben der Tür mit ihrer rätselhaften Schließmechanik. Er hatte Licht gemacht und dann versucht, die Technik zu verstehen: Egal in welche Position er den kleinen Hebel stellte, das Schnappschloss ließ sich weiter öffnen. Daran erinnerte er sich. Trotzdem war es jetzt dunkel, wie früher zu Hause, wenn man jemanden ärgern wollte, der das Klo zu lange blockierte. Hier aber hätte man die alte Tür von außen öffnen müssen, um in den Raum hineinzufassen und den Schalter zu drehen. Das hätte er gesehen und gehört, auch auf die vier Meter Entfernung. Wäre der Raum nicht ganz so lang gewesen, wäre er mit den Hosen unten aufgestanden, um das Licht wieder anzumachen, das sicherlich nur aus Versehen ausgeschaltet worden war. Denn auch wenn er vorhin keinen zusätzlichen Außenschalter gesehen hatte, konnte er doch nicht ausschließen, dass es einen solchen gab, den jetzt jemand betätigt hatte.

Was aber, wenn ein technischer Defekt hinter dem plötzlichen Erlöschen der Lampe steckte? So ein Glühdraht hielt ja nicht ewig. Dann musste er jetzt etwas unternehmen, um auf sich aufmerksam zu machen. Rufen wollte er nicht. Nein, so kam er nicht weiter. Er musste selber handeln und suchte halbhoch rechts und links das Klopapier und fühlte Raufasertapete. Auch auf dem Boden seitlich fand er nichts, noch nichteinmal eine Bürste! Er war nicht gern allein im Dunkeln. Jetzt nur nicht panisch werden.

»Ist nur die Sicherung!«, hörte er Greta aus der Küche rufen. »Es war halt alles Schrott im Sozialismus.«

Erleichtert lehnte er sich zurück. Die Sicherung also.

Darauf hätte er kommen müssen, tadelte er sich streng, wobei er sich auch dafür lobte, nicht losgeschrien zu haben. Er kannte die beiden in der Küche ja kaum, die Madame und den Schnurrbärtigen, wie die Schwedin Greta und ihr amerikanischer Freund Cassady bei der Arbeit im Jüdischen Museum genannte wurden. Er wusste nur, dass er ihnen gefallen wollte, weil sie besonders waren. Dabei hätte er gar nicht sagen können, was genau ihre Besonderheit ausmachte, die sich äußerlich in seinem Oberlippenbart und ihren bunten Kleidern zumindest ansatzweise zeigte. Jedenfalls hatten sie schnell zueinandergefunden: erst Zigaretten vor und nach der Schicht geraucht, dann eine Menge Bier in Kneipen getrunken und heute endlich dieses Sabbatessen hier mit Schnitzel, Erbsen und Kartoffeln. Dumm nur, dass er aufs Klo gegangen war.

Im Hinterhof erklang Musik. Wahrscheinlich war ein Fenster in der Außenwand lichtundurchlässig abgeklebt. Er sah keinen Schimmer und hörte doch Mariah Carey. Beim Refrain war er sicher: Without You. Wo aber blieb der Strom? Musste sie etwa erst eine der alten Schmelzsicherungen besorgen? Kein Laut drang aus der Küche.

Als sich nach einigen Minuten immer noch nichts getan hatte, wollte er nicht noch länger warten. Er tastete im Dunkeln hinter sich und fand das Klopapier seitlich des Spülkastens zwischen Wasserzufluss und Wand geklemmt, dann vor sich rechts auch das kleine Waschbecken. Ein Handtuch suchte er vergeblich und nahm, schon auf dem Weg zur Tür, spontan die Hose. Unsinnigerweise drehte er dann den Lichtschalter.

Nichts.

Noch einmal.

Noch immer nichts.

Seine dank Mariah Carey tränenfeuchten Augen trocknete er mit dem T-Shirt, ehe er in den Flur trat und sich nach links in Richtung Küche wandte. Die beiden diskutierten.

»Aber er ist unser Freund«, sagte Greta. »Wir haben ihn zum Essen eingeladen.«

»Trotzdem kann man Spaß haben«, sagte Cassady.

»Gerade du am Leil Shabbat!«

»Du weißt, ich praktiziere nicht.«

»Mein Gott«, lachte sie. »Er dachte wirklich, dass es eine religiöse Sache wird.«

»Für einen Deutschen hat er es mit viel Humor genommen. Wir haben also nicht den Falschen eingeladen.«

Der Halbe Belgier musste grinsen, so sehr freute er sich über dieses Lob aus dem Munde des Amerikaners. Vorsichtig tastete er sich an der Wand entlang und wollte dann gerade auf sich aufmerksam machen, als er mit ahnungsloser Wucht gegen ein Hindernis stieß. Der Schmerz traf ihn im Dunkeln so völlig unerwartet, dass er laut aufschrie und das Gleichgewicht verlor. Er suchte Halt an der Wand, stolperte aber vorwärts gegen die Tür. Da die nur angelehnt war, schwang sie auf, und er fiel geradewegs in die nicht ganz so finstere Küche. Deutlich sah er das Schwarz und Weiß des PVC-Bodens im Dämmerlicht, das hier durchs Fenster fiel. Halt fand er nicht, doch er war schnell genug, sich mit den Händen abzufangen. Dann wurde es ganz plötzlich hell.

Vom Boden aus sah er die Deckenlampe, hundert Watt, glasklar. Darunter stand der Esstisch mit drei gepolsterten Stühlen. Die Wände waren kahl bis auf ein kleines Bücherbord. Greta und Cassady standen am Sicherungskasten neben der Wohnungstür, die direkt in die Küche führte – sie in blass geblümtem Sommerkleid und mit der strassbesetzten Brille von Chanel; er in Shorts und Rugby-Trikot. Ihre Hand lag am Sicherungskasten, seine unter ihrem Kleid. Von unten betrachtet, wirkte Cassadys tiefschwarzer Schnurrbart noch größer; wie frisch lackiert glänzten die ordentlich gestutzten Haare. Bei Eintritt in den Museumsdienst hatte er noch einen Kaiser-Wilhelm-Backenbart getragen, dessen gezwirbelte Enden auf Anweisung des Museumsdirektors aber bald hatten weichen müssen. Er opferte sie der Frau, wie er selbst sagte. Wäre Greta nicht gewesen, hätte er gleich gekündigt.

»Diese verdammte Kiste«, sagte die Madame jetzt.

Der Halbe Belgier blickte in den Flur, von dem Bad und Schlafzimmer abgingen. Aus der offen stehenden Toilettentür fiel Licht auf eine ziemlich große Kiste. Die hatte er vorhin nicht bemerkt.

»Oh, das Licht«, sagte er und machte noch einmal die wenigen Schritte an der Kiste vorbei zurück ins Bad.

Rasch versicherte er sich, dass er alles ordentlich hinterlassen hatte, und drehte schließlich noch einmal den Schalter. Dann schloss er die Tür und inspizierte die Kiste, über die er wirklich nicht hätte stolpern müssen: In eine Nische gerückt, ragte sie kaum eine Handbreit in den Raum hinein. Es handelte sich um eine sehr ordentliche und dabei einfache Kiste von etwa anderthalb Metern Länge. Sie war so dick verleimt, dass man die Spuren der Pinselborsten unterscheiden konnte. Die liefen ziemlich parallel, wie Furchen auf dem Acker. Unter den Streifen lag ungeschliffenes Holz, jeweils fünf Bretter nebeneinander, verbunden durch Querleisten. Die wiederum waren vernagelt, und das nicht zu knapp.

»Liegt die schon länger da?«, fragte Cassady, der mit Greta in den Flur getreten war.

»Seit gestern«, antwortete sie. »Sie stand vor der Tür. Ich habe mir die Arme ausgerissen, um sie reinzuziehen, weil du nicht bei mir schlafen wolltest.«

»Ich konnte nicht, weil ich telefonieren musste.«

»Du kannst deiner Mutter ruhig meine Nummer geben. Es ist doch lächerlich, dass du nicht bei mir schläfst, nur weil sie dich nachts anruft.«

»Willst du über die Zeitverschiebung diskutieren?«

»Die Adresse ist in Schweden«, sagte der Halbe Belgier. »Weißt du, was drin ist?«

»Keine Ahnung«, sagte sie.

»Und warum man sie dir vor die Tür gestellt hat?«, fragte Cassady.

Sie antwortete nicht.

»Dann sollte sie zurück zur Post. Der Zusteller hat sich vertan. Vielleicht kannst du’s auch telefonisch melden und sie abholen lassen.«

»Ja«, sagte der Halbe Belgier. »Man kann nicht erwarten, dass du das trägst und dich in die Schlange stellst. Du kannst schließlich nichts dafür.«

»Seltsam, dass du als Schwedin ein Paket für irgendjemanden in Schweden kriegst«, sagte Cassady nachdenklich. »Komischer Zufall.«

»Und dass sie’s einfach vor der Tür abstellen, obwohl da draußen sehr deutlich dein Name steht. Das müssen die abholen. Sonst zahlst du nachher noch das Porto, also, wenn du sie selbst zur Post bringst. Sie könnten denken, dass du dir die Geschichte ausdenkst, um Geld zu sparen. Pakete international sind teuer. Außerdem müsstest du den Inhalt deklarieren.«

»Klar, wegen Zoll.«

»Auf diesen grünen Zetteln.«

»Ja.«

»Wir könnten sie öffnen und nachsehen.«

»Das wäre nicht korrekt«, meinte die Madame.

»Ein klassisches Dilemma«, sagte der Schnurrbärtige, griff in Gedanken an die nur in seiner Erinnerung noch existierenden Bartspitzen und inspizierte die in großen, schwarzen Druckbuchstaben geschriebene Anschrift. »Wenn du sie schicken willst, musst du sie öffnen, aber wenn du sie öffnest, kannst du sie nicht mehr verschicken.«

Die Madame zuckte mit den Schultern. Dann setzte sie sich an den Küchentisch und rauchte eine Zigarette.

»Nimmst du erst mal ein Bier auf deinen neuen Namen?«, fragte Cassady den Halben Belgier.

Ohne dessen Antwort abzuwarten, holte er zwei Flaschen Augustiner aus dem Kühlschrank, biss die Kronkorken ab und stellte sie auf den Tisch. Dann reichte er seinem Freund die Hand, der immer noch neben der Kiste hockte. Sie setzten sich zur Madame und aßen schweigend die erkalteten Reste des Abendessens. Immer wieder blickten die beiden Männer in den Flur, dann zu Greta, dann wieder aufs Essen. Sie rauchte eine Zigarette nach der anderen.

»Verdammt«, sagte sie schließlich, als alle Schüsseln geleert waren. »Das Ding muss wirklich weg.«

»Sie könnte in den Keller«, schlug der Schnurrbärtige vor.

»Nein.«

»Wir machen das für dich.«

»Das mein ich nicht. Ich kann das nicht, weil ich die Leute kenne.«

»Die Leute?«

»Die auf der Kiste. Die Adressaten.«

Überrascht sahen die beiden Männer sie an.

»Was für ein Zufall!«, sagte der Halbe Belgier.

»Eher nicht«, sagte sie. »Schweden ist klein, aber so klein doch nicht. Und ich kenne sie gut. Von früher. Aus meiner Kindheit. Im Sommer am Meer.«

»Also kein Zufall.«

»Nein, sicher nicht. Sie haben sich bei mir gemeldet und gefragt, ob ich ihnen etwas nach Schweden bringen könne. Die Lieferung per Post scheint schwierig.«

»Sie haben bei dir angerufen?«, fragte der Halbe Belgier.

»Das klingt schon etwas weniger rätselhaft«, sagte Cassady.

»Sie haben mir geschrieben«, sagte Greta. »Aber das macht die Sache nicht leichter.«

»Und was hast du geantwortet?«

»Gar nichts, aber die Kiste kam trotzdem.«

Dann schwiegen sie wieder. Der Halbe Belgier trank Bier, die Madame starrte in den Flur, der Schnurrbärtige fummelte ein Stück Fleisch aus einem Zahnzwischenraum. Plötzlich lächelte er immer breiter, rückte näher an sie heran und griff nach ihrer Hand.

»Wir sollten ihnen das Ding einfach bringen«, sagte er.

Sie unterzog seinen dichtbehaarten Handrücken, unter dem sich ihre eigene Hand verbarg, einer genaueren Inspektion.

»Das würde ich lieber vermeiden«, sagte sie dann, ohne aufzublicken.

»Warum? Ich würde gerne mal nach Schweden.«

»Ich aber nicht. Sonst wäre ich nicht nach Berlin geflohen. Ich vertrage das Land und die Menschen nicht. Sie machen mich krank. Außerdem lässt man mich da vielleicht gar nicht rein.«

»Wen sollte man sonst reinlassen, wenn nicht eine Schwedin?«, fragte Cassady.

»Das ist ein bisschen kompliziert.«

»Das schätze ich an dir.«

Die Madame sah ihn an und musste wieder lächeln. Er hielt noch immer ihre Hand.

»Ich war einmal noch etwas komplizierter, also richtig verrückt, und habe versucht, mich mit dem König anzulegen.«

»Ein Attentat?«, fragte der Halbe Belgier.

»Nicht ganz. Ich habe der Presse Material zugespielt, intimes Material. Leider war alles nur gefälscht.«

»Und deshalb darfst du nicht zurück?«

»So deutlich sagen sie das nicht, aber bestimmt haben sie mich noch im Visier. Majestätsbeleidigung ist in Schweden kein Kavaliersdelikt.«

»Das klingt nicht gut«, sagte der Halbe Belgier.

»Wenn wir dabei sind, wird schon nichts passieren«, sagte Cassady. »Ich finde, dass wir drei die Reise machen sollten!«

»Wir drei?«

»Wir haben frei bis Montag. Das schaffen wir bestimmt.«

»Aber wir können doch nicht einfach so nach Schweden fliegen! Wer soll denn das bezahlen?«

»Da würden sie die Kiste kontrollieren«, sagte Cassady und ging zum Kühlschrank, um ihnen noch ein Bier zu holen. »Aber wenn wir noch heute Nacht einen Bus kriegen, sind wir Montag zur Frühschicht zurück. Gepäck in Bussen wird nicht streng kontrolliert.«

»Aber Menschen! Sie wird gesucht!«

»Das ist doch eher unwahrscheinlich.«

»Und wenn sie gar nicht da sind, diese beiden Alten?«

»Dann werden wir trotzdem etwas erleben.«

»Aber wer will etwas erleben? Wir könnten die Kiste doch röntgen lassen, um zu wissen, was wir auf diesen Zettel für den Zoll draufschreiben müssen.«

»So kann auch nur ein Deutscher denken.«

Die Madame verfolgte das Gespräch verwundert. Ja, sie teilte die Bedenken des Halben Belgiers und hätte selbst noch einige Einwände beisteuern können, zumal sie wirklich nichts nach Schweden zog. Schon damals war es immer eine große Sache gewesen, wenn eine Lieferung aus irgendeinem weit entfernten Erdteil bei Kerstin und Lars-Gunnar abgeliefert wurde, deren Herkunftsland er ihr dann auf dem kleinen, von innen beleuchteten Globus zeigte. Überall waren die beiden schon gewesen, und von überall her kamen die Kisten. Rätselhafte Dinge waren das gewesen, die immer auf dem Speicher landeten, zu dem sie keinen Zutritt hatte. Das war noch nichts für sie, hatten die beiden ihr gesagt. Heute würden sie es ihr sicher sagen. Und was mochte in dieser Kiste stecken? Warum hatten sie die nicht direkt nach Schweden liefern lassen?

Ihre Neugier und der Elan ihres Geliebten stimmten Greta nach und nach um. Ja, Cassady schien ihr so perfekt, dass sie schon fürchtete, völlig liebesdumm ins Verderben zu rennen. Andererseits glaubte sie nicht wirklich, dass sie in Schweden etwas zu befürchten hatte, und ihr gefiel die Vorstellung, die beiden Alten und das Dorf am Meer wiederzusehen. Und das mit Cassady an ihrer Seite. Wie würde es ihm dort gefallen? Zeit war jedenfalls genug, und wenn das Geld nicht reichen würde, könnte sie ihre Mutter fragen. Wann, wenn nicht jetzt, sollte sie sich der Heimat stellen? Es war doch nur ein Traum, alles für immer hinter sich zu lassen. Bessere Begleiter als diese beiden Männer würde sie jedenfalls nicht finden.

Der Schnurrbärtige hatte unterdessen schon zum Telefon gegriffen und ließ sich mit dem Busbahnhof verbinden. Der letzte Bus fuhr kurz vor Mitternacht.

»Ich finde nicht, dass man da viel nachdenken muss«, sagte er. »Danach können wir wieder ganz in Ruhe nichts tun.«

»Ich weiß nicht«, meinte der Halbe Belgier.

»Was würdest du sonst machen? Im Bett liegend von Frauen träumen. In Schweden findest du ganz sicher eine.«

»Das allerdings«, sagte Greta. »Ich habe da Freundinnen mit Bedarf.«

»Und du hast sicher schon gehört, was man von Schwedinnen erwarten kann.«

»Und das ist oft noch untertrieben.«

»Das darfst du dir nicht entgehen lassen. Wir sollten uns beeilen!«

Der Halbe Belgier hatte nicht die geringste Lust, Berlin zu verlassen, schon gar nicht in Richtung Norden, so verlockend das mit den Frauen auch klingen mochte. An seiner Bierflasche nuckelnd, blieb er am Tisch sitzen, während Greta und Cassady plötzlich ganz aufgeregt durch die Wohnung eilten. Zuletzt verschwanden sie durch den Flur ins Schlafzimmer. Wo, wenn nicht da, würden sie sich eines Besseren besinnen, wagte er zu hoffen, als sie schon wieder in die Küche traten: Sie schien zu schweben in einem rotschimmernden Abendkleid; ihn schmückte ein altertümlicher Seersucker, als käme er vom Fest des Großen Gatsby persönlich. Die Jeans des Halben Belgiers waren löchrig, sein T-Shirt schon lange nicht mehr weiß. Als Cassady ihn dazu aufforderte, mit anzupacken und die Kiste schoneinmal in den Flur zu tragen, fügte er sich in sein Schicksal.

Kaum eine Stunde nach dem Sturz im Dunkeln verließen die drei Reisenden die Wohnung und den Hinterhof. Vorneweg die Madame: In der Hand ihren schweinsledernen Reisekoffer mit Wechselwäsche, wies sie den beiden Männern den Weg, denen sich die etwa anderthalb Meter lange Kiste schmerzhaft in die Schultern drückte. Im Mauerpark brannten Lagerfeuer. Es roch nach Gegrilltem. Überall auf den Wiesen saßen junge Menschen und rauchten und tranken und spielten Gitarre. Hier hatte niemand Grund zur Eile.

»Wollen wir uns das nicht noch mal überlegen?«, keuchte der Halbe Belgier.

»Schau einfach geradeaus«, sagte der Schnurrbärtige. »Du würdest sowieso keine von ihnen kennenlernen.«

»Ja!«, rief die Madame aufgeregt. »Bis in den Westen ist es noch ein gutes Stück!«

Einige Augenpaare musterten sie skeptisch aus der Dunkelheit heraus. Jemand meinte, dass sie nur rechts unter der Brücke durchmüssten, wenn sie rüber in den Westen wollten, aber da eilten sie schon weiter, raus aus dem Park und ins Gedränge der feierfreudigen Masse auf der Schönhauser Allee. Laut rufend trieb die Madame die Menschen auseinander. Johlende Engländer applaudierten, einige Italiener bekreuzigten sich, die meisten sahen gar nicht hin – hier musste man mehr bieten, wenn man auffallen wollte. Auf der Treppe hoch zur Bahn rutschte der Halbe Belgier aus. Die hilfsbereiten Hände zweier Männer ganz in schwarzem Leder verhinderten den Sturz und halfen ihnen hoch bis auf den Bahnsteig. Der Zug nach Ruhleben fuhr wenige Minuten später ein.

Schon beim Verlassen der U-Bahn wussten sie, dass sie sich umsonst beeilt hatten: Sie waren fast eine Stunde zu früh. Dementsprechend ruhig folgten sie den Schildern zum Zentralen Omnibusbahnhof. Immer wieder setzten sie die Kiste ab, verwundert, wo sie da gelandet waren. Umringt von vielspurigen Straßen, betrachteten sie eine Stadt, die nichts mit der gemeinsam hatte, in der sie zu leben meinten: Anstelle der immer gleichen Altbauten ragten wild-moderne Gebäude in den Nachthimmel; der Fernsehturm mit seiner leuchtenden Kugel war einer Art Miniatur des Eiffelturms gewichen. Die Madame kannte die Örtlichkeiten noch von ihrer Ankunft vor knapp einem Jahr. Zielstrebig führte sie die beiden Männer über die letzte Hauptstraße und direkt zu einem Kiosk.

»Wenn ihr euch nicht arm rauchen wollt, versorgt euch hier mit Stoff«, sagte sie und kaufte für sich zwei Stangen Marlboro.

Der Schnurrbärtige rauchte wenig, und wenn, dann die Nat Sherman’s, die ein Freund ihm aus New York schickte.

»Wir brauchen Bier für die Fahrt«, sagte er.

»Ja«, antwortete der Halbe Belgier. »Das Rauchen lasse ich ab morgen sein.«

»Wehe, wenn nicht«, sagte Greta. »Ich brauche meine Zigaretten.«

»Ganz sicher. Das ist mein Reisevorsatz. Wollen wir uns rasieren?«

In einem kleinen Regal an der Kasse lagen diverse Pflegeprodukte in Reisegrößen aus, daneben auch einzelne Einwegrasierer. Eine Scheibe schützte das Sortiment vor gierigen Fingern.

»Du bist ein freier Mann«, sagte Cassady. »Ich erobere lieber neuen Lebensraum für meine Haare.«

Unsicher, was Cassady damit sagen wollte, konnte der Halbe Belgier sich nicht zu einer Entscheidung durchringen. Warum sollte er sich rasieren, nur weil man hier die Utensilien dazu verkaufte? Wie kam er auf die Idee, dass Cassady sich mit ihm gemeinsam rasieren würde? Der Verkäufer mahnte zur Eile, obwohl sie die einzigen Kunden waren. Der Halbe Belgier hatte sich noch nie gerne rasiert und sich genau mit diesen Einwegrasierern immer wieder am Kinn verletzt. Er war ja völlig durcheinander, blickte auf und schüttelte den Kopf. Dann zahlten sie und verließen den Kiosk.

Die Fahrsteige lagen im schmutzigen Licht flackernder Neonröhren, deren Hartplastikverschalungen verkrustet waren von Taubendreck und toten Insekten. Backpackerinnen aus Skandinavien und Großfamilien vom Balkan versuchten, sich zurechtzufinden an diesem zwielichtigen Tor zur Stadt. Auch nachdem sie die Fahrscheine gekauft hatten, blieb ihnen eine Menge Zeit. Der Schnurrbärtige wies auf eine freie Bank. Sie setzten sich.

Trinkend und rauchend verfolgten sie die Ankunft und Abfahrt der Busse: aus Paris, Bari und Maribor; nach Kiew, London, Warschau, Ulan Bator und Bad Segeberg. Alle stoppten sie kurz an der Schranke, als sollten sie es sich noch einmal überlegen, ob sie wirklich hier ankommen oder abfahren wollten.

»Ein Ort ist ein Ort«, sagte der Halbe Belgier. »Meinte ein portugiesischer Dichter.«

»Portugal ist fern«, antwortete Greta.

»Ich würde gern noch einen Döner essen«, sagte Cassady. »Wer weiß, ob es in Schweden so was gibt.«

»Gelegentlich«, sagte sie. »In den Zentren der großen Städte. Da wo wir hinfahren eher nicht, du Humboldt des Döners.«

So nannte sie ihn, weil er täglich ein oder zwei der gefüllten Brottaschen aß und jede einzelne klassifizierte: Fleisch, Soße, Brot, Salat, Konsistenz, Geschmack, Präsentation und allgemeiner Eindruck. All das bewertete er auf einer Skala von eins bis zwölf in einem ledern eingeschlagenen Notizbuch, welches er jetzt aus der Innentasche seines Sakkos holte und aufschlug.

»Seit gestern Mittag hatte ich keinen«, sagte er und sah sich um.

Neben dem Kiosk stand ein quadratischer Imbiss aus rotvergilbtem Kunststoff. Der Schnurrbärtige ging rüber und erkannte schnell, dass es sich um einen Griechen handelte. Bis jetzt hatte er Gyros nicht in seine Forschung einbezogen. Zu unterschiedlich war die Zubereitung, um eine übergeordnete Gattung zu definieren – Fleisch im Brot gab es in allzu vielen zu verschiedenen Formen. Nach einem Blick durchs Fenster beschloss er, diese Prämisse bis auf weiteres nicht in Frage zu stellen.

»Es ist ein Grieche«, sagte er, zurück an der Bank.

»Das tut mir leid«, sagte Greta.

»Das Gyros ist vorgefertigt und wird auf einer Bratfläche erhitzt.«

»Warte mal ab, was du in Schweden kriegen wirst.«

Dann schwiegen sie. Gemeinsam und jeder für sich genossen sie die Sommernacht, dieses Vibrieren des Aufbruchs, die Aussicht auf die Möglichkeiten einer Reise. Auch die Madame und der Halbe Belgier konnten sich dem nicht entziehen. Obwohl sie sich in dieser Stadt so passend eingerichtet hatten, in einem Leben, das alles erfüllte, wenn man nicht viel erwartete. Alle Bedenken waren in diesen gespannten Minuten vergessen. Sie waren unterwegs. Immer wieder blickten sie hoch auf die Uhr und die Anzeigetafel, die Ausfälle und Verspätungen verkündete, als läge dieser Bahnhof wirklich fern im Süden oder tief im Osten. Kaum ein Bus fuhr korrekt nach Fahrplan.

Als der Wagen der Säfflebussen angekündigt wurde und sogar einige Minuten früher als geplant in den Bahnhof einfuhr, sprangen sie auf und eilten an die Fahrsteigkante. Der Bus hielt. Die Passagiere stiegen aus und wollten ihr Gepäck. Der Busfahrer öffnete die großen Klappen zum Stauraum unterhalb des Fahrgastbereichs. In Hektik und Gedränge nahm sich jeder, was er fassen konnte, vom Fahrer unbeobachtet. Der spannte schon Gummibänder zwischen wacklige Ständer, um den tröpfelnden Strom der neuen Fahrgäste in geregelte Bahnen zu leiten. Die warteten geduldig. Erst als eine Lautsprecheransage verkündete, dass der Bus nach Oslo zum Einsteigen bereitstehe, sah der Busfahrer auf.

»Auf keinen Fall kommt die da unten rein«, widersprach Greta seiner entsprechenden Anweisung bezüglich der Kiste. »Da wird doch nur geklaut.«

»Mit dem Gepäckschein ist alles versichert.«

»Und deshalb gucken Sie erst gar nicht hin, wer sich was nimmt!«

»Bis jetzt ist noch nichts weggekommen.«

»Das glauben Sie ja selbst nicht.«

»Dann lösen Sie bei mir noch einen Fahrschein für einen vierten Platz«, sagte der Busfahrer nüchtern. »Über den Inhalt reden Sie gegebenenfalls mit dem Zoll. Sollte der Sitzplatz noch gebraucht werden, muss die Kiste nach unten. Der Preis kann aber nicht erstattet werden.«

»Sieht nicht so aus, als wären Sie ausgebucht«, sagte Cassady.

»Ich sage nur, wie wir es machen.«

Nach so kurzem wie sinnlosem Protest zahlte die Madame den geforderten Preis, als läge ein Mensch in der Kiste. Dann stiegen sie ein. Greta und Cassady setzten sich nebeneinander, eine Reihe vor ihnen der Halbe Belgier mit der Kiste, die er vorsichtshalber anschnallte, damit sie ihm nicht noch näher kam. Mit einer Handvoll weiterer Passagiere ging es los. Kurz hinter Tegel umfing sie das Dunkel der ostdeutschen Nacht.

ERSTER TAG

Das Stampfen der Maschinen verwob sich mit dem Rauschen der Klimaanlage zu einem herrlich kuscheligen Klangteppich. Nur ein Spieler im Automatencasino störte die Gemütlichkeit: Immer wieder fütterte er den einarmigen Banditen, der so in Endlosschleife den Anfang eines Weihnachtslieds dudelte. Der Halbe Belgier wollte aufstehen und ihn zum Schweigen bringen, doch er blieb unruhig sitzen. Neben ihm schliefen Greta und Cassady: Kopf an Kopf, Schulter an Schulter und Hand in Hand saßen sie in den Sesseln. Auch er wollte schlafen, musste aber schon wieder diese Dudelei ertragen. So konnte es nicht weitergehen. Er rutschte noch einige Male auf seinem Sessel hin und her, dann vergewisserte er sich, dass ihr Reisegepäck ordentlich unter den Sitzen verstaut war, und stand auf.

Der Mann am Automaten trug Lederweste, Kinnbart und die Haare unter einem Stirnband schulterlang; der Hals war bis kurz unterhalb des Kehlkopfs tätowiert. Ihm schien das Spiel gut zu gefallen. Der Halbe Belgier wandte sich ab, um die Waschräume zu suchen.

Im Sortiment des Automaten zwischen Herren- und Damentoilette fanden sich neben Damenbinden und Kondomen schon wieder Nassrasierer, als hätte der Kampf gegen den Bart für viele Menschen auf Reisen eine besondere Bedeutung. Selbst er hatte vorhin daran gedacht! Seine letzte Glattrasur lag Jahre zurück, in einem anderen Leben. Unter gar keinen Umständen würde er gesichtsnackt durch die Welt spazieren, genauso wenig wie sein schnurrbärtiger Freund.

Am Waschbecken angekommen, beschränkte er die Morgentoilette darauf, seine Wangen mit dem brackig riechenden Wasser zu benetzen. Dann inspizierte er den Zustand seines T-Shirts und grübelte: War ein normaler Tagesbeginn alleine am Küchentisch zu Hause mit Aussicht auf den kurzen Höhepunkt einer morgendlichen Dusche dieser aktuellen Situation nicht vorzuziehen? Da wüsste er genau, was ihn erwarten würde: das beglückende Gefühl, dass alles möglich ist, solange nur das kalte Wasser aus der Leitung schießt; Träume von Abenteuern, Visionen von Frauen an seiner Seite, die hier und jetzt keinen Platz hatten in der so ungewohnten Umgebung. Jedes Handeln, überlegte er, schloss womöglich allzu viele andere Optionen aus, und genau deshalb lebte es sich so gut in Berlin, wo man mit wenig Aufwand viel Zeit zum Nichtstun fand. Warum aber hatte er sich dann Hals über Kopf auf diese Reise eingelassen?

Zurück von den Toiletten, trat er ans Ende des Passagierdecks und blickte nach draußen. Die Glasfront war komplett verschlossen, dabei so ordentlich geputzt, dass man sie kaum bemerkte: Der Kühlturm am Rostocker Hafen verschwand in der Ferne und wurde zugleich im langsam zunehmenden Tageslicht sichtbar. So wie die Wasserstraße zwischen den Seitenstreifen der Gischt ins Meer hinein führte, um weiter hinten wieder zu verblassen. Er war selbst überrascht, wie gut ihm das gefiel: Es ging voran; etwas Neues entstand, anderes blieb zurück. Kurz vergaß er sogar seine oft panische Angst vor dem Wasser, so sicher wirkte diese Fähre. Zufrieden wandte er sich ab von den Fenstern und ging Richtung Bug zu seinen Mitreisenden. Die Kiste war an ihrem Platz. Er setzte sich in seinen Sessel und schlief ein. Das Automatengedudel hörte er nicht mehr.

Kaum hatte der Halbe Belgier die Augen geschlossen, begann die Madame leise zu singen.

Seemann, lass das Träumen

denk nicht an zu Haus

Seemann, Wind und Wellen

rufen dich hinaus …

Das hatten sie ihr beigebracht, als sie noch gar kein Deutsch verstand: die beiden Alten im Norden am Meer. Seit Auftauchen der Kiste musste sie immer wieder an Kerstin und Lars-Gunnar denken. An damals. Als Kind. Am Sund. Wo sie die Sommer verbrachten. Zwei so genügsame Menschen, die sich gemeinsam an ihre Jahre auf See erinnerten und die Zeit verstreichen ließen. Auf ihrem Sofa. Ohne Angst davor, was auch immer zu verpassen. Lange hatte sie die beiden nicht gesehen. Nicht gesprochen. Nicht an sie gedacht. Sie hatte ganz neu angefangen in Berlin. Den Brief aus Kyrkesund in den Händen, in dem die beiden Alten sie darum baten, ihnen etwas hoch nach Schweden zu bringen, hatte sie wirklich einen Moment gebraucht, um sich zu erinnern. Dann hatte sie ihn weggeworfen und erst wieder dran gedacht, als diese Kiste vor der Tür stand. Die ließ sich nicht mehr so leicht ignorieren, so gerne sie das wollte. Immer wieder gab es auch schöne Erinnerungen, wie die an dieses Lied. Tief in sich hörte sie die Stimmen und sang weiter mit.

Deine Heimat ist das Meer

Deine Freunde sind die Sterne

Über Rio und Shanghai

Über Bali und Hawaii …

Ja, sie sang gut und immer lauter. Der Spielautomat hatte keine Chance gegen ihre Stimme. Mit der hatte sie als Teenager auf Scheunenpartys diverse Contests gewonnen. Immer im Stil der 80er – bloß nichts von dem 70er-Kitsch und ABBA sowieso nicht. Ihre Bestimmung hatte sie gefunden bei Hall & Oates She’s a Maniac mit ihrer ganz eigenen Flashdance-Performance in schwarzer Unterwäsche. Jetzt aber war sie noch ferner in der Vergangenheit:

Deine Liebe ist dein Schiff

Deine Sehnsucht ist die Ferne

Und nur ihnen bist du treu

Ein Leben lang.

So war sie, und so liebte sie der Schnurrbärtige, der, von ihrer Stimme geweckt, langsam zu sich kam. Müde blinzelnd betrachtete er die auch im Sitzen noch große Frau mit langem dunkelblonden Haar. So sicher er sich seiner Gefühle ihr gegenüber war, so wenig erschloss sich ihm die Gesamtsituation: senfgelber Teppich – wankender Grund – ein leichtes Ziehen im Nacken. Nur langsam begriff er, wo genau er sich mit dieser Frau befand, als ihn auch schon ein extrem klares Bedürfnis überwältigte.

»Kaffee«, sagte er, kaum hatte sie ihr Lied beendet.

»O älskling, das wird eine eklige Angelegenheit«, sagte sie und strich ihm die Haare aus der Stirn.

»Kein Kaffee ist so schlecht wie kein Kaffee«, antwortete er.

Dann ließ er vom linken bis zum rechten kleinen Finger und zurück alle Gelenke knacken. Wie ein Cowboy mit Mission stand er ruhig und zielstrebig auf und schritt zur Bar am Ende des Passagierdecks.

Hinter dem mit Kunstholz verkleideten Tresen erwartete ihn eine überaus zuvorkommende Frau von asiatischem Aussehen.

»Hej!«, lächelte die Tresenkraft ihm zu, kaum war sein vollbärtiger Vorgänger in Allwetterkleidung mit zwei Pfefferminztees versorgt.

»Kochst du einen guten Kaffee?«, fragte er.

Sie wies auf die Maschine hinter ihr und eine Kanne Filterkaffee.

»Schwarz und heiß muss er sein«, fuhr er fort.

»Ganz heiß dürfen wir ihn nicht machen. Die Verletzungsgefahr ist zu hoch.«

»Ich nehme zwei«, sagte er. »Und noch einen.«

»Also drei Kaffee?«

»Du sagst es«, versuchte er zu grinsen, doch seine Grimasse geriet zu einem nervösen Wangenzucken.

Er brauchte wirklich dringend einen Kaffee.

»Kommt sofort«, lächelte die Bedienung.

Sie platzierte drei Plastikbecher auf dem Tresen und schenkte aus der mit tiefschwarzer Brühe gefüllten Kanne ein. Der Anblick hätte Magen und Darm jedes halbwegs überlebenswilligen Wesens ängstlich zusammenzucken lassen. Der Schnurrbärtige ließ sich nichts anmerken und zahlte wie gefordert. Dann nahm er drei Beutelchen Zucker, auf denen die Schwedenflagge prangte, und zwei hölzerne Stäbchen, von denen eines gleich zwischen seinen Lippen landete. Das andere war für den Halben Belgier, den er schon aus der Ferne mit Greta reden sah. Cassady schlürfte einen ersten Schluck und war nicht unzufrieden, dass er diese Reise angezettelt hatte.

Hinter den Passagieren zeichnete sich eine Küstenlinie ab, die sicherlich schon zum schwedischen Königreich gehörte. Weiter vorsichtig an seinem Kaffee nippend, musste der Schnurrbärtige an seinen Großvater denken, der vor fast achtzig Jahren so die Neue Welt hatte auftauchen sehen. Damals wäre es wohl beim bloßen Anblick geblieben, wäre da nicht die Dame auf dem Oberdeck gewesen, von der er immer wieder gerne erzählte, wenn er mit seinem selbstgebrannten Slibowitz in einem möglichst schummrigen Zimmer saß und seine Gedanken ins Vergangene schweiften. Der amerikanische Alltag interessierte den Großvater nicht mehr, seit er sich nicht mehr um ihn kümmern musste, um auf Drängen seiner Frau zu schaffen und zu schaffen, damit die Kinder es einmal besser haben würden, als sei das eine Frage des Geldes. Jedenfalls war damals, eines stürmischen Tages auf hoher See, ein Steward in der Holzklasse erschienen, um den verwirrten jungen Mann, der mit seiner schwachen Lunge bei den Einreisekontrollen kaum des Lebens in der Neuen Welt für wert befunden worden wäre, zum Tee zu bitten.

»Ja, da bin ich dann gesessen«, hörte der Enkel die Stimme seines Großvaters, die bis zu seinem Tod so klang, als wollte sie einen überfahren. »Und jetzt sag mir, warum ich da gesessen bin? Gute Noten? Reiche Eltern? Gutes Benehmen? Von wegen! Also?«

»Die Moustache«, musste er dann antworten, auch wenn er nicht begriff, was das bedeuten sollte.

Das kam erst viel später zur Sprache, als er die ersten Härchen über seiner eigenen Oberlippe entdeckte, mit denen er so recht noch nichts anzufangen wusste.

»Und warum die Moustache?«, fragte er da. »Warum hat der Schnurrbart dir das Leben gerettet?«

Daraufhin war der Großvater aufgestanden, hatte seine Flasche aus dem Schrank geholt und zwei Gläser nebeneinander auf den Tisch gestellt. Dann setzte er sich wieder, überreichte seinem Enkel feierlich sein nicht ganz sauberes Stofftaschentuch und erzählte ihm die ganze Geschichte, wie er als zwanzigjähriger Schnurrbartträger in abgewetztem Anzug plötzlich auf dem piekfeinen Sofa in der Luxussuite dieser Dame aus bestem Hause saß und Tee trinken musste. Sie war nicht mehr die Allerjüngste, sicher schon auf der falschen Seite der Dreißig, und unterwegs zu ihrem außerordentlich erfolgreichen Ehemann, der ihr auch wirklich gut gefiel und dennoch eine Macke hatte, die ihr so gar nicht passte. Ja, das sei wirklich eine tolle Frau gewesen, wie sie ihn dann weiter geneckt hatte, den Kleinen, der erraten sollte, was genau das war, was ihr fehlte an dem Ehemann, der schick uniformiert aus einem silbern glänzenden Bilderrahmen zu ihnen herüberblickte.

»Ja, da saß ich dann und starrte auf diese Fotografie und dachte und dachte nach, weil ich der Dame doch gefallen wollte. Ich starrte und starrte, bis mir dann auffiel, dass da wirklich etwas fehlte, doch da war’s schon zu spät. Sie half mir auf die Sprünge, indem sie sich seufzend nach hinten fallen ließ, die Beine in entgegengesetzte Himmelsrichtungen, der herrliche Hintern mit den Wellen wogend.«

Er musste als knapp Dreizehnjähriger so dumm geguckt haben, dass der Großvater sich kaum einkriegte, weil sein Enkel genauso wenig kapierte, wie er damals auf dem Schiff in der Suite.

»Verdammt, die Dame wollte gebürstet werden!«, lachte der Großvater schallend und schenkte ihnen einen seiner Selbstgebrannten ein. »Egal, was du lernst, mein Kleiner, wenn’s hart kommt, verlasse dich auf deine Haare, denn davon haben wir genug!«

Die Vollversion der Lieblingsgeschichte seines Großvaters war von einem Aufschrei der Mutter beendet worden, die es nicht hatte fassen können, dass ihr Schwiegervater dem Jungen Schnaps einflößte. Wann immer sie später wieder darauf zu sprechen kamen, achteten sie deshalb darauf, dass keine Frauen in der Nähe waren. Das waren gute Stunden gewesen, dachte Cassady, während er die drei Kaffeebecher zu seinen Mitreisenden balancierte. Letztlich war diese Ostseefähre kaum zu vergleichen mit dem Ozeandampfer seines Großvaters, wie so vieles in seinem Leben nicht mit den alten Erzählungen zu vergleichen war – oder eben doch zu vergleichen, aber niemals gleichzusetzen, geschweige denn gleichwertig im Sinne einer guten Erzählung. Die Welt war langweilig geworden. Wer hatte heute noch Stofftaschentücher wie das seines Großvaters, das er immer bei sich trug? Andererseits konnte so eine Überfahrt in der dritten Klasse auch schnell verklärt werden, wenn sie denn gut ausging. Genauso gut hätte sein Großvater eben auch zurückgeschickt werden können ins Alte Europa oder an Typhus oder sonst was erkranken und auf hoher See recht feucht beerdigt werden. Wie dem auch immer war, sie würden auch auf dieser Tupperware-Version eines Dampfers schon irgendwie ihren Spaß haben. Immerhin waren sie unterwegs in ein ihm völlig unbekanntes Königreich. Die Kiste war da fast schon nebensächlich.

»Was stehst du da herum, älskling«, holte ihn Greta endgültig in die Gegenwart zurück. »Kalt wird der Kaffee sicher nicht besser schmecken.«

Er machte die letzten drei Schritte zu ihr hin und wünschte einen guten Morgen.

»Ist das schwedischer Kaffee?«, fragte der Halbe Belgier, skeptisch an seinem Becher schnüffelnd, als handele es sich um einen exotischen französischen Käse.

»Das ist Transit-Kaffee«, sagte sie. »Identitätslos ekelhaft.«

Sie tranken ihn dennoch, und das mit jedem Schluck weniger widerwillig.

Anschließend blieben sie in ihren Schalensesseln sitzen und betrachteten die immer näher rückende Küstenlinie. Der Halbe Belgier dachte an Côte d’Azur und Cinqueterre, wo sie genauso gut hätten hinreisen können und wo alles viel schöner war, weil im Süden, und auch der Kaffee wenigstens genießbar. Nur wäre er da niemals hingefahren. Mit Ende zwanzig war er sicher, dass er von selbst niemals zu etwas aufbrechen würde. Sein Phlegma sehnte sich zurück ins Bett. Der Schnurrbärtige hingegen überlegte, was jetzt wohl in der Frau an seiner Seite vorging. Schließlich hatte er sie mehr oder weniger dazu überredet, diese Reise in ihre Heimat zu wagen. Er hoffte, dass sie ihre Probleme wirklich übertrieben hatte. Sonst stünde er am Ende nicht so glänzend da mit seinem Tatendrang.

»Mein Gott, mir wird schlecht«, sagte sie.

»Der Kaffee?«

»Nein, das Land. Allein der Anblick. Diese Ordnung.«

»Bitte, wir kommen aus Deutschland«, versuchte er, sie zu beruhigen.

»Wir kommen aus Berlin!«

»Berlin liegt in Deutschland.«

»Nicht ganz Berlin. Nicht unser Berg.«

»So schlimm kann es nicht sein.«

»Viel schlimmer«, seufzte sie. »Man kann dieses Land nicht nur hassen. Strindberg konnte das noch, aber selbst er ist zurückgekehrt. Wie zu einer Familie zu Weihnachten, nur schlimmer. O Gott, wie traurig all das ist! Hoffentlich lassen sie mich gar nicht rein!«

Leicht verwirrt suchte der Halbe Belgier den Blick seines Freundes, der vollkommen ruhig ihre Hand streichelte. Der Schnurrbärtige glaubte nicht, dass ihnen ernsthafte Gefahren von Seiten der schwedischen Obrigkeit drohten.

»Du bist nicht alleine«, sagte er.

»Nein«, sagte sie. »Sonst würde ich ins Wasser springen.«

»Ich glaube, man kommt gar nicht raus aus diesem Schiff«, sagte der Halbe Belgier.

»Seht ihr«, seufzte sie. »Man kann sich hier noch nicht mal mehr das Leben nehmen.«

Dann schwiegen sie. Nach einer Weile zogen sie die Kiste unter den Sitzen hervor, um ihre Beine hochzulegen und so das Ziel der Überfahrt zu betrachten. Da standen die in warmen Rot- und Gelbtönen gestrichenen Holzhäuser im mittlerweile sanft wärmenden Sonnenschein. Einladend, herzlich, heil, würde jeder auf Anhieb denken, nur stimmte etwas nicht an der Sommeridylle: Es fehlte die Bewegung. Verlassen war die Landschaft, der auch das Flattern all der Fahnen kein richtiges Leben einhauchen konnte.

Als die Fähre schließlich den Anleger erreicht und dank modernster Technik ohne jedes Zutun eines Matrosen festgemacht hatte, blieben die drei noch einen Moment sitzen, um den Säfflebus zu beobachten, der seine Reise über Malmö nach Oslo ohne sie fortsetzte. Sie würden von hier aus mit Gretas Mutter weiterreisen, die versprochen hatte, sie mit dem Wagen abzuholen. Es folgten die übrigen Passagiere in ihren Wohnmobilen und mittelalten Volvos. Der Halbe Belgier dachte sehnsüchtig an das viel fröhlichere Treiben im Hafen von Piräus.

»You want to go back to Germany?«, riss sie der Steward aus ihren Gedanken.

»Nein«, sagten sie wie aus einem Munde, nahmen die Beine von der Kiste und standen auf.

Der Steward sprach auch den letzten Reisenden an, der am Ende des Decks in seiner Zeitung las. SOMMAR!!! stand selbst auf die Entfernung gut leserlich auf der Titelseite, dazu das Bild einer Frau im Bikini. Der Passagier las weiter, ohne aufzusehen. Der Steward ließ ihn. Die Madame schaute kurz skeptisch, meinte dann, dass sie sich beeilen sollten.

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