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Drei Wünsche

INHALT

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. PROLOG
  7. HELENA
  8. MAXIE
  9. REBECCA
  10. HELENA
  11. MAXIE
  12. REBECCA
  13. HELENA
  14. REBECCA
  15. HELENA
  16. MAXIE
  17. REBECCA
  18. HELENA
  19. MAXIE
  20. REBECCA
  21. MAXIE
  22. HELENA
  23. Zitat Leïla Slimani
  24. Drei Frauen sitzen…
  25. MAXIE
  26. REBECCA
  27. MAXIE
  28. Zitat Jean-Philippe Toussaint
  29. Helena, Maxie und…
  30. MAXIE
  31. HELENA
  32. MAXIE
  33. REBECCA
  34. MAXIE
  35. HELENA
  36. MAXIE
  37. REBECCA
  38. HELENA
  39. MAXIE
  40. REBECCA
  41. MAXIE
  42. REBECCA
  43. HELENA
  44. MAXIE
  45. REBECCA
  46. MAXIE
  47. Zitat Dolly Alderton
  48. Helena muss ins…
  49. MAXIE
  50. HELENA
  51. MAXIE
  52. HELENA
  53. Zitat Klaus Kinski & Wolfgang Matz
  54. »Sie müssen achtsam…
  55. MAXIE
  56. REBECCA
  57. HELENA
  58. MAXIE
  59. HELENA
  60. MAXIE
  61. REBECCA
  62. MAXIE
  63. HELENA
  64. Zitat Karl Ove Knausgård
  65. »Ich weiß, es…
  66. MAXIE
  67. HELENA
  68. REBECCA
  69. MAXIE
  70. REBECCA
  71. MAXIE
  72. HELENA
  73. MAXIE
  74. EPILOG
  75. Fragen, die Helena ihrem Vater nie gestellt hat
  76. Fragen, die Rebecca sich nicht stellen wollte, aber es doch manchmal tat
  77. Fragen, die Maxie Bobby nie gestellt hat
  78. Fragen, die Maxie Hannes nie gestellt hat

ÜBER DIESES BUCH

Die drei Freundinnen Maya, Helena, Rebecca sind Mitte 30 und haben das Gefühl, jetzt die Weichen für ihr Glück stellen zu müssen: Liebe oder Lust, Karriere oder Kinder, Loslassen oder Weitermachen, Verzicht oder Gier? Für was strampelt man sich ab in einer Zeit, in der Erwartungen, Schönheit und Geld mehr denn je eine Rolle spielen? Helena muss ihren geliebten Vater verabschieden, Maya setzt für einen Seitensprung alles aufs Spiel und Rebecca schwankt zwischen Selbsterfüllung und Kinderwunsch.

ÜBER DIE AUTORIN

Laura Karasek wurde 1982 in Hamburg geboren. Die Tochter Hellmuth Karaseks und seiner zweiten Ehefrau, der Journalistin Armgard Seegers, ist Moderatorin und Autorin. Nach ihrem Studium der Rechtswissenschaften arbeitete Laura Karasek in einer großen Kanzlei in Frankfurt am Main, wo sie zurzeit mit ihrem Mann und ihren Zwillingen lebt. 2012 erschien ihr erster Roman »Verspielte Jahre«. Ihr zweites Buch »Ja, die sind echt. Geschichten über Frauen und Männer« handelt von Selbstzweifeln, Größenwahn, Dates und Peinlichkeiten.

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PROLOG

Helenas Mutter liegt wach und lauscht, ob ihr Mann noch lebt. Jede Nacht hört sie nach einer sehr kurzen Phase des Dösens auf zu schlafen, weil sie befürchtet, dass ihr Mann nie mehr die Augen öffnet. Wie fühlt es sich an, neben einem Toten aufzuwachen? Wie fühlt es sich an, wenn der Mensch, mit dem man vierzig Jahre seines Lebens verbracht hat, plötzlich mausetot neben einem liegt? Wenn man sich allein erinnern muss, an all die Reisen, an das Kennenlernen, an das Kinderkriegen, an den Aufbau, den Austausch, an den kaputten Geschirrspüler, an die erste Miete, an den ersten Kuss, an das erste Wort des Kindes, an das letzte Wort zueinander.

Wie soll das Leben gehen ohne ihn, ohne den Menschen, mit dem sie alles besprochen und geteilt hat, mit dem sie gestritten und über die Rente gesprochen, mit dem sie den Tisch gedeckt und Flüge gebucht hat, den Weihnachtsbaum geschmückt, mit den Kindern gekämpft, Schokolade verboten, Fernsehen erlaubt, die eigenen Eltern besucht, Versicherungen abgeschlossen, die Küche renoviert hat, ins Theater gegangen ist. Wie soll das gehen: das Leben als nur eine? Sie waren doch immer zu zweit, sie kannte ihn, da war sie jünger als ihre Tochter Helena jetzt, da war sie noch Studentin und wohnte in einer Wohngemeinschaft, in der er sie stets besucht und abgeholt hatte. Mit ihrem nackten Mitbewohner und ihrer freizügigen Mitbewohnerin, die immer kiffte. Sie, die nie allein gelebt, nie allein gekocht hat, nie allein verreist, nie Witwe gewesen ist. Wer wird ihr Kamerad sein, wie wird sie ihren Kindern nicht zur Last fallen, wo soll sie Ostern verbringen, wie kann sie die Miete der Wohnung weiter bezahlen, wer wird ihr einen Kalbsbraten kochen, wer macht ihr den Reißverschluss hinten am Kleid zu, wer macht im Sommer den Gartenschlauch an, um die Pflanzen zu gießen, wer geht zum Fleischer und zum Weinhaus, wer holt die Getränkekiste aus dem Keller, wer liegt abends auf dem Sofa, wenn sie nach Hause kommt mit Einkaufstüten, wer freut sich, wenn sie Mortadella und Bündnerfleisch mitbringt, wem kann sie einen Milchkaffee machen, wen kann sie nach Mozart fragen, wer wird sie mit Fußball nerven, wem soll sie bei der Fernbedienung helfen, mit der er nicht zurechtkommt, so wie noch vor ein paar Wochen.

»Aaaaannna«, ruft er ihr immer wieder aus dem Wohnzimmer zu, »ich krieg den Fernseher nicht an!«

»Jaaaa«, ruft sie dann genervt aus der Küche zurück.

»Aaaannna, hast du die Fernbedienung gesehen?«, ruft er erneut, wie ein Kind. Und sie geht stöhnend ins Wohnzimmer.

»Welche, die von Apple TV? Das ist die ganz kleine …« Sie zeigt auf die sechs Fernbedienungen, die auf dem Couchtisch liegen. Drei davon sind für Geräte, die sie längst nicht mehr besitzen. Aber sie haben vergessen, welche der drei. Also sind die Bedienungen noch da, die aussortierten Geräte hingegen nicht. Placebo-Bedienungen. Eine weitere ist für den Backofen. Den kann man irgendwie per Timer programmieren … Oder ist es die Stereoanlage?

»Nein, die vom … vom Fernseher.«

»Du meinst die vom Receiver.«

»Wo muss ich hier drücken?« Und dann hält er drei Fernbedienungen in den Händen und wechselt hektisch von links nach rechts, von Knopf zu Knopf, immer wie einen Pfeil direkt auf den Monitor gerichtet, als ob die Zielrichtung helfen würde, als ob er nur dirigieren müsste. Aber die Richtung ist nicht entscheidend, der Knopf ist es – und vor allem: die richtige Bedienung.

»Ich mach das!«

Ihr Mann holt sich ein Glas Wein aus der Küche.

Sie hat inzwischen den Fernseher anbekommen. Das Apfel-Logo ist zu sehen. Mehr nicht. Das Internet scheint nicht zu funktionieren.

»Zieh mal den Stecker raus«, fordert sie ihn auf, während sie hinten an den Kabeln der Geräte fummelt und zerrt.

»Wo ist denn der Stecker?«

»Och, Carl …« Seufzend läuft sie zur Steckdose, um den Stecker zu ziehen.

Nach zehn Sekunden steckt sie den Stecker wieder rein. Das Lämpchen leuchtet, aber rot.

»Schau doch mal in die Bedienungsanleitung«, schlägt sie vor.

»Wo soll die denn sein?«

»Dir muss man wirklich bei ALLEM helfen.«

Ja, er war immer ein anstrengender Mann, nicht einfach, nicht patent. Er hat Schlüssel verloren und Jacken im Zug liegen lassen, er hat zum Hochzeitstag keine Blumen mitgebracht und manchmal alles aufgegessen, was sie in den Kühlschrank gepackt hat. Er hat viel getrunken und viel geredet. Er hat nie Reisen gebucht und im Urlaub oft die Hälfte vergessen, keine Zahnbürste, keine Badehose. Aber jetzt wünscht sie sich so sehr, ihm wieder und wieder den Fernseher anmachen zu können. Sein Fußballgeräusch, seine leeren Weingläser überall. Die Gläser sammelte sie immer ein, manche mit der roten Spur eines vergangenen Rausches am Rand. Seine Mortadella, die er mit bloßen Händen aß, dicke Scheiben in den Mund gerollt.

Sie sehnt sich danach, genervt zu sein von ihm. Aber ein Halbtoter kann kaum noch nerven. Nicht mal mehr das. Er schläft nur noch und kann weder fernsehen noch lesen noch essen noch nach ihr rufen. Kein »Aaaaaannna!«; manchmal nur ein »Aaaah«.

Er liegt herum, meist auf der Seite, zusammengerollt wie ein Teppich vor dem Umzug, immer erschöpft.

Das ist keine Grippe. Das ist der Tod.

HELENA

Der erste Mann, der ihr das Herz brach, war ihr Vater. Und jetzt liegt er im Sterben.

Als kleines Mädchen hatte Helena oft das Gefühl, sie müsse ihm dabei helfen, glücklich zu sein. Er hatte für sie schon immer etwas Verlorenes, diesen traurigen, kindlichen Blick seiner Knopfaugen, die Sehnsucht und Einsamkeit verrieten. Sie weiß, dass er es hasst, niedlich zu sein. Männer wollen keine Teddybären sein, Männer wollen Löwen sein, Haie vielleicht – auch in hohem Alter. Ein bisschen wie Ganoven. Frauen denken oft, sie sollten gute Menschen sein. Frauen wird beigebracht, dass sie gut sein sollen. Carl hat stets versucht Helena zu zeigen, ein bisschen wie eine Ganovin zu sein.

Wie liebt jemand, der vor dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde?

Helenas Vater hat sie verwöhnt und verzogen – vor allem, was Männer betrifft. Er war immer so nachgiebig, so inkonsequent mit ihr wie mit sich selbst, ein Nein bedeutete meist doch ein Ja. Wenn er den Pralinen und dem Sekt abschwor, dann oft nur so lange, bis er fünf Minuten später »Eine noch!« rief und sich die braune Schokoladenkugel mit zwei Fingern genüsslich in den Mund steckte, plopp, wie eine Bowlingkugel, oder sich den weißen Sprudelschaumwein in den Rachen goss. Immer gab es »ein letztes Mal«.

Die einzige Zeit in seinem Leben ohne Alkohol sind diese letzten Wochen vor seinem Tod. Dennoch betont er immer, dass der Krebs nichts mit seinem Trinkverhalten zu tun habe.

»Es liegt nicht am Alkohol! Das sagen auch die Ärzte!«, erklärt er allen – auch Helena – ständig am Telefon und jedem, der ihn besucht.

»Ha! Meine Leberwerte sind fabelhaft! Besser als die von eurer Mutter. Und die trinkt ja keinen Schluck.« Das hat er früher immer gesagt, mit Stolz und Erstaunen. Wie ein Anwalt, der einen Verbrecher überführt, hat er die Ärzte entlarvt: Alkohol kann einem nichts anhaben! Ihm jedenfalls nicht!

Siehe da, schwarz auf weiß, er wedelte mit den Laborwerten, seinem Dokument, das bestätigte, dass er und seine Leber unbezwingbar, unbetrinkbar waren: »Wo früher meine Leber war – ist heute eine Minibar.«

Seinen Champagner und seinen Prosecco hielt er für belebend. »Ich brauche das zum Arbeiten, zum Aufstehen, zum Einschlafen«, erklärte er immer wieder. Er brauchte seinen Fernet Branca und seinen Grappa nach dem Essen: »Das hilft der Verdauung.« Er trank immer gegen irgendetwas an, gegen die Zeit, gegen die Schmerzen, gegen das fette Essen (vielleicht aß er nur deshalb so reichhaltig), gegen den Schlaf, gegen die Schlaflosigkeit. Er trank gegen sich selbst. Das war sein Lieblingstrinkspiel.

Er wollte gegen die Sterblichkeit antrinken. Aber die Sterblichkeit war stärker. Oft wollte er auch seinen Kindern sein Gesöff aufschwatzen, er pries es an, sobald man ihm erzählte, man habe Bauchweh oder fühle sich voll, matt, müde, elend, schlapp, satt, träge, habe zu viel gegessen – für ihn war Alkohol kein Alkohol, sondern Medizin gegen alle Schmerzen körperlicher und geistiger Art.

»Trink einen Schnaps«, sagte er zu Helena, »ich hole dir einen!« Dann klirrte er an seiner Bar herum, schraubte eine Flasche auf, es gluckste, ein Glas für sich, ein Glas für sie, und noch eines für ihren Bruder Benjamin. »Hier, trink das. Das hilft. Wirklich.« Er funktionierte unter Alkohol. Er konnte den Wein und die Digestifs in seinen Alltag einflechten, reinmixen in seine Arbeit, seine Treffen, seine Vorträge, seine Auftritte. Immer stand ein Glas neben ihm. Nur manchmal hinterließ das Trinken doch seine Spuren, wenn er im Laufe des Nachmittags oder Abends immer rechthaberischer wurde, zynischer, launischer. Dann musste man nur auf den nächsten Morgen warten – da würde er wieder milder sein, gegenwärtiger, wachsamer, weniger angestachelt vom aufmüpfigen Alkohol, weniger besessen, stur, weniger Geisel seiner eigenen Entführung, gebeutelt vom Rausch.

Ja, der Alkohol konnte seine Beulen hinterlassen, der Körper stolperte und taumelte, auch der Geist stieß sich an allen Ecken und Kanten, das Wesen purzelte wie auf einem wankenden Schiff. Kam die unterdrückte Wahrheit zutage, oder weckte der Wein den Wahn?

Manchmal, vor allem in den letzten Jahren, hat seine Trinkerei Helena beunruhigt, sie besorgt und betrübt. Sie war traurig und wurde immer trauriger, je länger der Tag voranschritt. Die Zeit lief gegen sie. Er befüllte sich, war in der Früh noch klar und wurde immer trüber, wie altes Blumenwasser, das täglich süßlicher, vergorener riecht. Wie ein vernachlässigtes Aquarium. Irgendwann konnte man nichts mehr erkennen, verschwommen waren seine schillernden Geschichten hinter der dumpfen Scheibe des Rausches.

Meist stritten sie, wenn er in seinem Aquarium untergetaucht war, wenn er diese aggressive Art beim Sprechen bekam, spuckte oder speichelte, rechtfertigte und belehrte. Nur er verstand die Welt.

Er war nämlich nicht abgetaucht, er schwamm und gluckste im trüben Wasser und spritzte um sich, er machte alles und alle nass, wie es ihm passte, er schlug mit seinen Flossen. Er war für richtige Gespräche, für gemeinsame Skatspiele nicht mehr zu gebrauchen.

Sobald er aufstand, fragte ihre Mutter genervt: »Musst du jetzt noch mehr trinken?« Und er kippte wie ein trotziges Kind immer etwas nach, hopp, von der Flasche ins Glas in den Mund, hehe, gluckgluck – mir erteilt keiner Befehle, mir schreibt keiner was vor, was habt ihr denn, hört auf, mich wie einen Idioten zu behandeln, wie einen Trottel, mich zu entmündigen. Aber sie taten ja gar nichts. Helena sah nur stumm zu. Ihr Bruder amüsierte sich oder zog sich zurück. Ihm machte das alles nicht so viel aus. Was hatte er nur, was suchte er zu betäuben?

War er so traurig? Und war diese Traurigkeit ansteckend, trug sie als Kind eine Mitschuld an seiner Leere, oder trug er eine Mitschuld an ihrer?

Da saß ihr Vater, irgendwie verloren in seinem Zuhause. Und da saß sie, der Besuch, seine Tochter, sein Kind, und wartete, dass er wieder nüchtern wurde.

Man braucht Geduld. Denn man muss viel warten, so ein Pegel wird nicht im Nu abgebaut, meist dauert es bis zum nächsten Morgen – da würde das Wetter wieder milder sein, und morgen, ja, »Morgen sieht die Welt schon wieder anders aus!«.

Ja, ihr Vater muss doch trinken, brüllen, tyrannisieren, dachte Helena immer.

Er lag viel in den letzten Jahren, Nachmittagsschlaf, Zahnweh, Arthrose. Aber sie war doch das Kind! Und nicht er.

Oder er reiste. Mit dem Ziehkoffer und dem Kleidersack zu Terminen, immer im Zug, an Flughäfen, an kalten Bahnsteigen, ein Mann Ende siebzig. Das war doch nichts. Was war ein Rentnerleben dagegen?

Helena wusste, dass ihre Mutter geknickt war. Da kamen die Kinder extra angereist, und der eigene Mann versaute der Familie den »gemütlichen Abend«. Sie konnte ihren Unmut nicht verbergen und war froh, wenn er schlief und nicht mehr störte.

Ihr war es so wichtig, dass die Kinder kamen, alles sollte perfekt sein. Sie kaufte tagelang ein, befüllte den Kühlschrank mit ihren Lieblingszutaten, erkundigte sich vorab nach Essenswünschen, legte Süßigkeiten ins Zimmer (für Helena) und Wurst ins Fleischfach (für Benjamin), sie dekorierte die Wohnung, kaufte Blumen und stellte sie in Vasen, half ihrem Vater beim Kochen, deckte den Tisch, machte Obstsalat aus frischen Beeren mit Minze, die Kinder sollten sich wohlfühlen, das Zuhause lieben, die Familie lieben. Und dann gluckste Carl mit seinem Durst dazwischen – wie ein Schluckauf unterbrach er die von ihr vorbereitete Harmonie und Festlichkeit, kleckerte mit seinem Wein ihre Tischdecke voll.

Die Eintracht ihrer Eltern schien immer ein wenig bedroht, wenn die Kinder zu Besuch waren. Als würden sie um die Aufmerksamkeit des Nachwuchses buhlen, der Vater prahlte mit Geschichten, die Mutter verwöhnte.

Elternpaare entwickeln kurzfristig eine andere Dynamik, wenn die Kinder plötzlich wieder – wenn auch nur vorübergehend – zu Hause einziehen, in ihren Kinderzimmern schlafen. Wenn die Vergangenheit wieder gelebt wird, die Familie, wie sie war, bevor die Kinder ihre Eltern für ein eigenes Leben zurückließen. Es ist die Rückkehr eines früheren Lebens – eines Lebens, das nicht mehr funktioniert, weil es inzwischen ein anderes Leben gibt. Aber manchmal, für Augenblicke, werden die Kinder wieder Kinder, und die Eltern kommen wieder an die Macht. In Helenas Familie fühlt sich dann alles so nach den Neunzigerjahren an, nach Geborgenheit und Hanuta, nach Backstreet Boys, Hausaufgaben und Bill Clinton.

Im letzten Sommer dachten sie, dass der Alkohol ihn immer so müde machte. Das Trinken in der flirrenden Hitze, die Mücken, der Weißwein, die Windstille. Aber es war nicht der Alkohol. Es war der Krebs.

Und dann das Essen. Eigentlich aß er immer alles, was fett und reichhaltig war. Er verwendete Crème double statt Crème fraîche, weil der doppelte Fettgehalt noch besser schmeckte. Für ihn ging Geschmack vor Gesundheit. Genuss vor Abstinenz.

Er verwendete immer Öl und Butter. Er aß den Fettrand vom Steak (am liebsten Rib-Eye) und vom Schinken.

»Fett ist ein Geschmacksträger, Herrgott«, entgegnete er, wenn Helenas Mutter ihn ermahnte, doch nicht nur den »Glibber« oder das »Gezedder« zu essen.

Er aß Würste aller Art.

Er liebte die klassische deutsche, italienische und französische Küche. Schwere Saucen, Knödel, Kartoffeln, Schwein, Rind, Gans, Kalbsbraten, Morcheln. Mit Barolo oder Sherry und Sahne.

Er wäre nie auf die Idee gekommen, einem Salat eine Mango hinzuzufügen. Oder Goji-Beeren. Oder Chia-Samen.

Aber dann wurde er appetitlos. Wie immer bestellte er im Restaurant sehr viel – und ließ viel liegen, seine halbvollen Teller zurückgehen. Meist war er schon nach der Vorspeise satt und schaffte kaum seinen Hauptgang, sein Fleisch, das er so liebte, all die Jahre, Markknochen, Sülze, Wurst, Kalbsmaske, Hirn, Kalbsbries, Schweinestelzen. Früher aß er sein Steak immer fast roh, niemals medium. Und nun durfte es nicht blutig, nicht zu fleischig sein. Er hat doch rohes Fleisch geliebt, Blutwurst, Tartar.

Dann konnte er eine Zeit lang kein Steak mehr essen, weil seine Zähne nicht mehr mitspielten. In unzähligen Sitzungen ließ er sich die Zähne richten, Implantate einsetzen. Er wollte wieder richtig beißen können, zubeißen. Für ihn war der Verfall der Zähne eine demütigende Entmannung.

Aber irgendwann hatte er es satt, gegen seinen eigenen Körper anzukämpfen. Dann legte er sich hin, immer öfter, je älter er wurde. Zu Hause ruhte er, er ließ überall das Licht aus und schlich durch die dunkle Wohnung, leise, und in die Stille hinein prickelte sein Champagner im Glas, das er wie das olympische Feuer umhertrug, wie eine Kerze.

»Kommt ihr erst mal in mein Alter!«, war sein Lieblingsargument.

Es gab so viele Anzeichen für das Alter. Überall lauerte es, in der Haut, in den Zähnen, in den Schnürsenkeln, die sich nur mit Mühe schließen ließen, im Fleisch, im Appetit, im Reisen.

Irgendwann begann Helenas Vater, Langstreckenflüge zu hassen. Ihren Flug mit der ganzen Familie in die USA nannte er »das schrecklichste Erlebnis meines Lebens« – und dabei hatte er den Krieg erlebt.

Helena hatte die Nacht vor dem Flug durchgefeiert und nur eine Stunde geschlafen. Grün und weiß oder lila im Gesicht stand sie am Flughafen.

»Mein süßes Töchterlein«, sagte ihre Mutter grinsend.

»Puh, wenn man dir zu nah kommt, ist man ja beim Einatmen schon besoffen«, ätzte ihr Bruder.

»Lasst sie«, beschwichtigte ihr Vater. »Du musst im Flieger genau das trinken, womit du gestern aufgehört hast. Bestell dir doch einfach einen Wein.«

Die Flugbegleiterin schenkte ihr einen Sekt, und sie verbrachte den Flug stöhnend über der Kotztüte, mit Flugangst, Schlafentzug und Katermagen. Helenas Vater lief auf und ab, er konnte nicht lange sitzen, sein Rücken tat ihm weh, die Sitze der Holzklasse waren nichts für seine Beine – dabei hatte er nicht mal besonders lange Beine.

»Geht es dir auch so elend, Herz?«, fragte er immer wieder und ächzte zwischen den Reihen.

Irgendwann hören Kinder auf, ihre Eltern zu imitieren. Sie stellen in einem schmerzhaften Moment fest, dass Mama auch Angst vor Einbrechern hat und dass Papa sich auch ein Bein bricht. Keiner ist unverwundbar, der Vater kann den Jungen aus der fünften Klasse nicht verprügeln, weil der dich eine Ziege nennt, dein Vater kann dir bei Liebeskummer höchstens den Rat geben, dass die Zeit alle Wunden heilt.

Das hättest du auch googeln können. Oder Siri fragen. »Wie viel Schnaps muss ich trinken, um Tobi zu vergessen?« Oder: »Welche Eiscreme soll ich essen, weil Tom nicht zurückruft?« Dann wird dir bewusst, du bist allein.

Die letzten Jahre hat Helena viel versäumt. Sie hat ihm oft abgesagt, ist nicht nach Hause zu ihren Eltern gefahren. Sie ist lieber auf Partys gegangen oder in Bars, wegen der belanglosen Bedürfnisse einer, die glaubt, etwas erleben zu müssen. Eine, die glaubt, er bliebe ewig.

Er verstand Schmerzen. Er verstand Alkohol.

Wie viel Zeit man als Teenager mit den Eltern versäumt! Was man an Augenblicken verprasst, Gesprächen verschwendet, Worten verschenkt! Als würde man sie mit einer Magnum-Flasche Champagner verspritzen. Und jetzt, wie gerne hätte sie das alles vom Boden aufgeleckt!

Immerhin, sie hat alle Weihnachten ihres bisherigen Lebens mit ihm verbracht. Sie liebte es immer, zu ihm nach Hause zu kommen. Er war niemand, der in der Tür stand und das Kind empfing. Er stand meist am Herd, mit einem Wein- oder Sektglas in der Hand, und kochte für die ganze Familie. Ihre Mutter öffnete die Tür und drückte sie. Oder sie holte die Kinder am Bahnhof ab. Er sagte – selbst früher, als er noch Auto fuhr, und das war sicher zehn Jahre her – immer: »Ich schenke dir ein Taxi.« Abholen war nicht sein Ding. Zeitverschwendung. Autofahren war lästig. Das konnte man doch käuflich erwerben, da musste doch keiner extra los. Er verstand das Prinzip von Gefallen und Gefälligkeiten nicht. Er machte sich nichts daraus, abgeholt zu werden, für ihn hatte es keinerlei Wert. Und somit hatte es für ihn auch keinen Wert, jemanden abzuholen.

Dasselbe galt für Geschenke. Er machte keine. Er konnte keine aussuchen. Er wünschte sich selbst aber auch nichts. Seiner Frau sagte er jedes Jahr zum Geburtstag: »Kauf dir etwas Schönes, Schatz.« Und er bezahlte es, was immer es auch war. Hauptsache, er wurde nicht mit der lästigen Aufgabe des Auswählens oder gar Einpackens behelligt. Für ihre Mutter war das nicht leicht. »Ich habe mir jedes Armband selbst ausgesucht«, sagte sie einmal.

Er hat auch Helena in seinem ganzen Leben eigentlich nichts geschenkt. Nur ein einziges Mal eine CD-Sammlung der besten Pianisten der Welt. Damals war sie siebzehn.

Irgendwie machte es nichts. Er hat andere Qualitäten, dachte Helena damals.

MAXIE

Maxie macht sich nichts aus Autos. Aber sie macht sich was aus Männern.

Ihre Geschichte beginnt mit einem Auto. Genauer gesagt beginnt sie mit einem Familienfest, drei Tage bevor das Auto auftaucht.

Maxies Schwiegervater Wolfgang hat zu seinem fünfundsechzigsten Geburtstag ein großes Gartenfest veranstaltet. Es gibt Erdbeeren und Pimm’s, es gibt Reden und viele weiße Anzüge, der Sommer ist so prall dahergekommen, die Männer tupfen sich den Schweiß von der Stirn, die Kellner servieren kleine Gläser mit kalter Gurkensuppe. Und mittendrin steht Maxie, in einem hellen Kleid, und unterhält sich mit dem Geburtstagskind. Ihr Mann, Hannes, steht ein Stück weiter bei seinem Onkel und bespricht die letzten Einzelheiten der Rede, die der Onkel gleich halten wird. Es ist noch hell draußen, Maxie hat schon drei Gläser Rosé getrunken und fühlt sich ganz beschwingt.

»Ich kenne Sie noch gar nicht«, sagt er, der Mann, der plötzlich neben ihr und ihrem Schwiegervater steht, groß, breite Schultern, wenig Bauch, gepflegtes, straff sitzendes weißes Hemd, silbernes Haar.

»Bobby!«, ruft Wolfgang. »Das ist die Frau meines Sohnes, Maxie, also wage es nicht …«

Aber er wird es wagen. Er sieht sehr mutig aus, überhaupt nicht ängstlich. Er ist furchtlos, das sieht Maxie sofort. Sie hat schon von ihm gehört, er ist ein langjähriger Freund ihres Schwiegervaters, und er ist mächtig, und das sieht man. Nichts ist so sichtbar wie Erfolg, ohne dass man es an irgendetwas festmachen kann. Erfolg ist wie ein Parfum, ein Duft, der einen Menschen umgibt.

Maxies Schwiegermutter kommt vorbei und ermahnt sie: »Trink nicht so viel!« Sie hält ein Glas Wasser in der Hand und scheint kurz zu überlegen, ob sie es gegen Maxies Weinglas eintauschen soll. Doch dann ruft jemand nach ihr, und sie eilt davon.

»Freut mich, Sie kennenzulernen«, sagt Bobby zu Maxie.

»Sie können mich duzen«, sagt Maxie.

»Kann ich Sie auch anrufen?«, fragt Bobby, als ihr Schwiegervater von einer weiteren Gratulantin begrüßt wird.

»Darf ich euch kurz alleine lassen?«, fragt Wolfgang, als er von einem Bekannten zu einem Kreis von Leuten gezogen wird.

»Du sollst sogar!« Bobby grinst frech und zieht an einem Zigarillo.

Maxie bleibt. Sie mag den Geruch von Zigaretten. Den von Zigarillos hat sie nie ausstehen können.

Er heißt Robert und nennt sich Bobby.

Er heißt Robert, und nie hätte sie gedacht, dass dieser Name mal so etwas wie eine Krankheit in ihr würde auslösen können. Dass überhaupt irgendein Name, irgendwelche aneinandergereihten Buchstaben, eine solche Reaktion in ihr hervorrufen könnten.

Er heißt Robert. Ein Name, der in ihrem Leben vorher überhaupt keine Rolle gespielt, keinerlei Bedeutung gehabt hat. Ein Name wie jeder andere. Eine Wiese wie jede andere.

Er heißt Robert, und das ist alles.

Er ist nicht eitel, was sein Aussehen betrifft, aber er hält sich für einen exzellenten Geschäftsmann, der sich – selbstredend – auch exzellent kleidet. Er hat keine Angst. Er hat Geld.

Sie weiß noch nicht, wie er mit Nachnamen heißt und welche Bedeutung er bald für ihr Leben haben wird. Jetzt weiß sie nur, dass er ihr viele Komplimente macht und Wein holt. Er erwähnt, dass er ihren Chef kennt, dass ihre Agentur die Pressearbeit für seine Unternehmen mache. Als sie fröstelt, reicht er ihr sein Jackett, und dann stellt er ihr viele Fragen, erzählt, und sie lachen und sind albern, und der Rosé zaubert ihnen rosige Wangen. Sie vergessen, dass es dunkel wird und die anderen Gäste sind schon vorbeigekommen und haben Bemerkungen gemacht. Ein älterer Freund von ihm hat mit dem Finger gemahnt, und ein weiterer hat gesagt: »Na, bei euch knistert’s aber ganz schön, was?« Hannes kümmert sich um die Freundinnen seiner Mutter und bemerkt nicht, wie Maxie lacht und dass es in den Gesprächen um nichts geht und doch um alles.

Sie weiß noch nicht mal, ob er ihr gefällt. Er hat nicht nach ihrer Nummer gefragt, also speichert sie es als einen charmanten, aber harmlosen Flirt ab. Doch als sie nachts ins Bett fällt, wundert sie sich doch, dass er ihre Kontaktdaten nicht haben wollte – wozu auch immer. Und sie fragt sich, ob sie die ganze Situation vielleicht fehlinterpretiert hat und ob er vielleicht überhaupt nicht geflirtet hat, sondern einfach den anderen Freunden des Schwiegervaters beweisen wollte, dass er der geilste Hengst unter ihnen ist. Sie fragt sich, ob sie sein Projekt, sein Vorführobjekt gewesen ist an dem Abend. Einfach ein Nachweis seiner unerschrockenen Männlichkeit vor Publikum. Und dann wundert sie sich, dass sie so lange wach liegt und sich ärgert, dass er ihre Nummer nicht haben wollte. Dabei ist er doch nichts anderes als ein Freund ihres Schwiegervaters.

Doch drei Tage später ist er mehr als einfach ein Freund ihres Schwiegervaters. Er ist ein Freund ihres Schwiegervaters, der ihr nach einer Unterhaltung bei einer Gartenparty ein Auto schenkt. Ein Geschenk, so groß wie der Wille zu beeindrucken, so unübersehbar, nicht zu verstecken, nicht falsch zu deuten. Eindeutig. Ein Wagen fürs Wagen. Geparkt, mächtig, riesig. Rumms, hier bin ich. Einfahrt blockiert, Ausfahrt blockiert. Ein Austin Haley in Grau.

Da steht es also. Das Auto, das sie nicht fahren kann. Was soll sie Hannes erzählen, wo der Wagen herkommt! Und trotzdem schleppt sie den Schlüssel, der ihr per Kurier ins Büro geliefert wurde, jeden Tag in ihrer Handtasche mit sich herum, für den Fall, dass … Aber es gibt keinen Fall. Fallen kommt später.

Es könnte ja sein! Es ist ja ihrer, obwohl sie weiß, dass sie ihn nicht annehmen kann.

Es gibt diesen Anfang, von dem die Betroffenen noch nicht wissen, dass es ein Anfang ist. Niemand ahnt, dass überhaupt etwas beginnt. Und es beginnt ja auch nur für zwei Menschen etwas. Alles andere bleibt gleich. An diesem Anfang hat er irgendwie die Tür aufgestoßen, Luft reingelassen, Wärme, Sauerstoff, Mücken, Fliegen, eine Brise, alles ist reingeflogen, und die Tür war weit geöffnet.

»Ich muss dich wiedersehen!«, schreibt er.

Und sie freut sich, dass er sich ihre Nummer besorgt hat. Es kommt so unverhofft, und sie hat schon an sich zu zweifeln begonnen, sie hat schon gegrübelt, warum er keinerlei weiteres Interesse an ihr gehabt hat. Und sie antwortet höflich, dass sie leider bald erst einmal zehn Tage auf Kreta im Urlaub sei und leider vorher keine Zeit mehr habe. Leider. Zu viele LEIDER in einer Nachricht. Sie hofft, die Dinge würden sich dann von allein regeln: aus den Augen, aus dem Sinn. Nach dem Urlaub wird er sie längst vergessen haben. Und sie? Sie hat ja gar nichts zu vergessen.

»Ich will dich zum Essen einladen«, schreibt Bobby.

»Ich will dein Auto nicht.«

»Dann triff mich wenigstens. Glaub mir. Ich weiß selbst, dass es nicht klug ist. Aber es geht nicht anders. Triff mich. Ich komme überall hin. Wir müssen auch nichts essen. Wir können auch trinken. Oder ins Theater gehen. Oder spazieren.«

»Ich kann nicht«, sagt sie. Dabei könnte sie doch.

»Dann sag mir, wo du bist. Und ich tue so, als ob ich zufällig auch dort bin.«

Seine Hartnäckigkeit ist gut, selbstsicher, das gefällt ihr.

»Ich bin ab übermorgen auf Kreta.«

»Dann komme ich nach Kreta.«

»Ich bin nicht allein. Außerdem machst du das doch eh nicht.«

»Ich meine es ernst. Du wirst noch sehen.«

Und so fliegt Maxie mit Hannes nach Kreta. In einen Urlaub, auf den sie sich sehr freut. Hannes und sie haben viel gearbeitet in der letzten Zeit, und sie möchte mit ihm im Meer baden und abends bei Wein Backgammon spielen. Bobby spielt in ihrem Leben keine Rolle, das Auto spielt keine Rolle. Nur ab und zu denkt sie an ihn und wundert sich. Sie denkt an diese Begegnung, die anders war als diese typischen unbeholfenen Flirts oder Copy-and-Paste-Schleimereien per E-Mail von irgendwelchen Typen, die man auf irgendwelchen Events kennenlernt. Bobby verkörpert etwas Originelleres, Erwachseneres, Bestimmteres.

Treffen will sie ihn eigentlich nicht. Sie traut ihm nicht. Sie traut sich selbst nicht. Und sie weiß, dass er versuchen wird, sie zu küssen. Und sie weiß nicht genau, ob sie Nein sagen können wird. Sie weiß nicht einmal, ob sie enttäuscht wäre, wenn er es nicht versuchen würde. Was hat sich verändert? Sie war doch sonst nie anfällig für Wilderer und Rabauken? Liegt es an ihr oder an ihm oder gar an Hannes? Werden Menschen schwach, weil etwas in ihrer Beziehung nicht stimmt, oder werden Menschen schwach, weil Schwachwerden schön ist?

Kreta ist schön, die Insel tut ihr gut, fern zu sein, die Tavernen, das Baden, die Spaziergänge mit Hannes. Sie liebt ihn, wie kann sie sich da je nach einem anderen Mann sehnen?

»Maxie«, sagt er am vierten Abend. »Ich muss zurück nach Deutschland.«

»Jetzt?«

»Nein, morgen. Die haben eben angerufen und schon einen Flug gebucht.« Auf irgendeiner Konferenz ist der geladene Experte für Kardiologie, der Chefarzt in Hannes’ Krankenhaus, ausgefallen. Hannes soll einspringen und den Vortrag halten.

»Und ich?«, fragt sie.

»Bleib doch hier. Ich komme in ein paar Tagen zurück. Ich bin nur zwei Nächte weg. Mach es dir schön im Hotel. Lass dich massieren. Du bist doch sowieso gern mal allein.«

»Aber nicht im Urlaub.«

»Ich würde es nicht machen, wenn es kein Notfall wäre.«

»Ja, fahr. Fahr ruhig.« Sie will nicht schwierig sein. Vielleicht macht es ihr auch wirklich nichts aus. Sie denkt ans Alleinsein. An ihre Musik, ihre Bücher. Und an Bobby.

Hannes ist fort, das Hotelzimmer ist leer, das Frühstück nimmt sie allein ein, das Mittagessen lässt sie ausfallen, sie liegt und liest und spricht kein Wort. Abends sitzt sie allein auf dem Balkon und starrt aufs Meer. Sie trinkt ein paar Gläser Wein und fühlt sich allein und glücklich und traurig und seltsam.

Sie kann sich an ein Leben ohne ihn kaum erinnern. So jung haben sie sich kennengelernt, so lang hat er ihr Leben begleitet, sie beim Leben beobachtet. Was ist ihr Leben ohne ihn? Undenkbar. Obwohl Hannes so viel arbeitet und keine Kinder will. Obwohl er sie immer für sich will – auch wenn er selbst oft gar nicht da ist. Er hat ihr das gute Leben versprochen, ihr einen Antrag gemacht, mit ihr eine Wohnung eingerichtet und Pläne geschmiedet. Sie kannte dieses Leben bis dahin nicht. Sie ist als Kind immer allein gewesen. Sie wollte nicht mehr allein sein. Er hat ihr etwas zu bieten, wonach sie sich immer gesehnt hat: Zugehörigkeit.

Was ist ihr Leben mit ihm? Ist es genug, ist das alles?

Sie braucht ihn.

»Ich bin für Kinder nicht gemacht«, sagt er immer. »Ich sehe so viel Elend im Krankenhaus. Ich sehe so viel, was schiefgeht. Lass uns unser Leben genießen. Lass uns anderen helfen.«

Und sie nickt, obwohl sie gar nicht weiß, was sie will. Hat sie überhaupt einen Kinderwunsch? Vermutlich hat sie gar keinen, denn sonst würde sie ihm doch widersprechen. Sie möchten ja noch mal ins Ausland. Und noch so viel reisen.

»Oder willst du ein Kind, meine Schönste?«

»Ich weiß nicht«, sagt sie immer, denn sie weiß nicht.

»Lass uns erst mal abwarten. Unser Leben ist doch schön so. Wir wollten doch noch ins Ausland. Vielleicht bekomme ich ja wirklich das Stipendium für Washington. Da passt doch ein Baby nicht.«

»Ich weiß ja gar nicht, wie man als Mutter zu sein hat«, sagt Maxie unsicher. »Was man machen muss. Ich kannte meine eigene ja kaum.« Maxie hat Angst. Eine Mutter ist ihr im Leben noch nie so richtig begegnet, und sie kann diese Rolle vermutlich gar nicht ausfüllen, und außerdem: Vielleicht wird auch sie jung sterben, und dann wäre das arme Kind genauso eine Halbwaise wie sie, und das will sie dem kleinen Ding nicht antun.

Sie ist allein auf Kreta, und sie denkt an das Kind. Das Kind, das es nicht gibt. Das Kind, das sie gewesen ist. Sie hat immer nur neben ihrem Vater existiert. Und irgendwann ist Hannes gekommen, ein weiterer Mann, der ihren Vater abgelöst und sich ihrer angenommen hat. Immer haben Männer für sie gesorgt. Das Meer ist unheimlich und rollt. Da unten ist ein enormes Leben, eine andere Welt, Muschelgold, Meeresgrund, Horizont, Ferne, Unendlichkeit. Sie sollte weniger trinken, denkt sie. Der Wein versetzt sie in eine seltsame Stimmung.

Warum ist sie so sehnsüchtig? Sie hat doch alles, warum reicht es nicht?

Nachts hört sie Geräusche.

»Das ist nur der Wind«, sagt sie laut.

Du machst dir wieder selber Angst. Du nimmst dich zu wichtig. Ist da jemand? Das Herz hüpft so komisch, stolpert. Es ist ein Herzinfarkt. Es ist ein Einbrecher. Jetzt stirbst du. So oder so. Es ist der Wind. Sei nicht albern. Da ist es wieder. Und die Atemnot. Das sind Marder. Wieso sollte jemand es ausgerechnet auf deinen Bungalow, auf deine Hütte auf Kreta abgesehen haben? Zimmer 27? Warum?

Beruhige dich.

Schlaf.

Wind macht was mit dir. Das Klappern der Fensterläden macht was mit dir. Da will jemand rein. Da will jemand einbrechen. In dein Leben. Mach nicht auf. Egal, wie es rüttelt. Und die Holzläden flattern und knallen.

»Ich komme bald wieder, Liebste. Ein bisschen musst du noch ohne mich aushalten. Geht es dir gut?«, schreibt Hannes.

Sie sitzt da, das Meer rauscht, der Himmel ist dunkel, der Mond ist hell, ihr Handy leuchtet. Sie legt das Telefon weg und schaut aufs Meer. Sie hat den ganzen Tag geschwiegen. Wenn man lange schweigt, wird der Kopf so laut.

Sie greift zum Handy. Sie wartet. Sie gibt seine Nummer ein.

Und sie schreibt Bobby. Er wird nicht kommen.

»Ich bin jetzt kurz allein.« Was bezweckt sie? Was sucht sie? Gedankenverloren und aus Langeweile fängt sie irgendeine Art Spiel an, nur um Bobby zu beweisen, dass er niemals kommen wird, und um ihm endlich zu zeigen, dass es zwecklos ist.

»Wann?«, kommt zehn Sekunden später zurück.

»Ab morgen früh für achtundvierzig Stunden.« Sie fordert ihn heraus.

»Ich komme«, schreibt er.

Und er kommt.

Er kommt wirklich.

REBECCA

Da ist es. Das Ziehen im Unterleib. Das Ziehen im Herzen. Blut, immer dieses beschissene Blut. Und wieder kein Baby.

Wie oft hat sie in den letzten Monaten geglaubt, schwanger zu sein – und dann geweint, als sie ihre Tage bekommen hat? Was soll sie tun, wenn sie niemals Kinder bekommen kann?

Wenn man hofft, bittet und für ein paar Tage glaubt, schwanger zu sein, sich einredet, dass die Dinge plötzlich anders riechen und schmecken, ist man schrecklich enttäuscht, wenn die verspätete Regel einem wieder den Vogel zeigt, einem unter die Nase reibt, nein, unter die Nase blutet, dass man irre ist, an Wahnvorstellungen leidet, keine Ahnung hat, seinen Körper nicht kennt, haha, lacht er einen aus, die blutige Lache – und du Idiotin hast im Kopf schon Kindernamen ausgesucht! Dummerle.

Jede Periode ein Schlag ins Gesicht, ein Tritt in den Unterleib. Ihr Körper zeigt ihr, wer an der Macht ist, wer hier die Hosen anhat, und sie kann nur hilflos zusehen, wie er nicht fruchtet und sich nicht befruchten lässt. Sosehr sie sich bemüht, ihn zu beackern, zu gießen, zu pflegen und zu hegen – er gehorcht ihr nicht. Rebecca will gemein zu ihm sein, aber sie weiß, er hat mehr Macht und wird noch viel gemeiner zu ihr sein können.

Sie erinnert sich, wie alles sich verschärft hat, mit dem Kinderwunsch, mit der plötzlichen Hektik, denn auf einmal waren alle engen Freundinnen schwanger. Sie wollte immer Kinder, aber nun ist der Druck, zu funktionieren, stärker geworden.

Auf Partys hat Rebecca immer wieder beobachtet, dass viele Frauen nicht mehr rauchten. Dass sie ihr Weinglas unberührt ließen. Sie alle logen einander an; die einen erklärten, sie würden gerade detoxen, und Rebecca log vor, dass sie nicht merkte, worum es ging.

Und irgendwann kamen dann die Anrufe der Freundinnen.

»Ich bin schwanger«, riefen sie alle freudig ins Telefon.

»Das ist ja großartig«, antwortete Rebecca und tat überrascht.

Immer, wenn sie auflegten, musste Rebecca weinen.

Rebecca weiß nicht, ob sie von ihrem Besuch beim Kinderwunschzentrum erzählen soll. Sie findet es beschämend, sich so um ein Baby zu bemühen. Es ist beschämend, dass ihr Körper so versagt, es ist beschämend, so eine durchgeplante Frau mit Zykluskalender zu sein. Für ihren Mann Tim ist das alles nicht so ein Problem, er versteht ihre Anspannung oft nicht.

Rebecca sitzt in der eierschalenfarbenen Praxis der Gynäkologin.

Wie viel Zeit sie schon in Wartezimmern verbracht hat! Während die anderen einfach so beim Dienstagabend- oder Samstagmorgensex schwanger werden! Was für eine Zeitersparnis. Wann ist das Leben eigentlich so aufwendig geworden?

Man sollte ihr eine Platinum-Ärztebesuchskarte schenken, leider gibt es hier kein Payback-Bonussystem, keine geschenkte Pfanne und kein Messerset für Treuepunkte.

Achtundvierzig Minuten später wird sie aufgerufen.

Rebecca sitzt etwas unbeholfen vor der Ärztin, die schweigend Daten über sie – was tippt sie da wohl? – in den Computer eingibt. Warum schweigen Ärzte so viel, bevor sie einem alles ordentlich erklären? Rebecca wartet wie ein Schulmädchen. Die Ärztin tippt weiter. Was schreibt sie da wohl? »Hochgradig emotional und empfindlich, unkoordinierter Tränenfluss«? Eine Befürchtung unangenehmer als die andere.

»Machen Sie sich dann bitte mal frei.«

Während Rebecca sich auszieht, überlegt sie, ob sie einen Smalltalk-Versuch starten soll, um der Stille entgegenzuwirken, die nur leicht durch das Ratschen ihres Reißverschlusses gebrochen wird.

Sie spürt das kalte Gel auf ihrem Unterleib.

»Sehen Sie? Das sind alles ihre Eizellen.« Auf dem Bildschirm tummeln sich lauter kleine Kugeln, dicht gedrängt und wie in Zeitlupe auf- und abspringend, wabernd.

»Ihre Eier sind leider viel zu klein. Die müssen mindestens 1,2 Millimeter groß sein. Und hier sehe ich, Ihr Größtes ist nur 0,8 Millimeter groß.«

Rebecca blickt auf die Eier, die wie kleine hüpfende Flummis im Eierstock herumhopsen, eine dichte Ansammlung funktionsloser Murmeln. Wie Lottokugeln ohne Zahlen – in einem blubbernden Eintopf.

Wieso bringen mich die anderen so aus der Ruhe?, fragt sich Rebecca. Ich war doch nie so! Nie so besessen vom Vergleich, aber jetzt bin ich so traurig, wenn ich nur einen Kinderwagen sehe oder einen Strampelanzug. Es fühlt sich an, als würden alle Abitur machen und in die Welt hinausziehen und ich müsste nachsitzen und die zwölfte Klasse wiederholen.

Vielleicht möchte sie einfach etwas Neues erleben, sie hat nun Tim schon so lange, sie hat Karriere gemacht, sie ist durch Asien gereist, hat Geld verdient, Joints geraucht, einen Tanzkurs belegt, den Zauberberg gelesen, den Faust gesehen, sie ist per Anhalter gefahren, hat im Vollrausch ihre eigenen Kontaktlinsen aus einem Glas getrunken, sie hat den Führerschein verloren und ihre Jungfräulichkeit, sie hat sich auch selbst mal verloren gefühlt, sie war schon am Bodensee paragliden, sie hat mal fast einen Dreier gehabt – und nun ist es so weit: Sie hat das alles erlebt, sie hat genug erlebt. Sie ist durch mit der Jugend. Und auch mit dieser Zweisamkeit, dieser Ehe und dieser Beziehung, die ihr gefällt, ja wirklich, aber sie muss sich jetzt auch mal weiterentwickeln, und zwar nach vorn. Mit Tim war sie doch schon in Paris und in Sri Lanka, sie haben gemeinsam Squash gespielt und Videos geguckt, haben im See gebadet und im Meer, haben getrunken und sind zusammen ausgenüchtert, waren beim Italiener essen, beim Spanier, beim Griechen und Japaner, waren beim Mexikaner und auch beim Franzosen, sie sind zusammengezogen und mit dem Auto durch Island gefahren, sie haben die verschiedensten Stellungen probiert, hatten Kuschelsex, wilderen Sex und sogar mal einen Quickie an einer Tankstelle. Was soll denn jetzt noch kommen? Sie hat Angst, dass nichts mehr kommen wird. Tim und sie sind irgendwie gar, durchgekocht und wenn nicht bald serviert wird, wird das Essen kalt. Und Rebecca verblüht. Also bleibt nur eins: Sie muss Mutter werden. Sie will nicht eins dieser kinderlosen Paare werden, die gemeinsam Golf oder Badminton spielen, die viele kleine Patenkinder haben und viele tolle Reisen machen und immer von ihren »Freiheiten« und ihrer »Sorglosigkeit« schwärmen. Rebecca will unfrei sein und sich sorgen. Alles andere hat sie schon erledigt.

Sie ist müde, müde von den wöchentlichen Besuchen bei der Frauenärztin, beim Kinderwunschzentrum. Oft schläft sie im Büro ein, sie will den Kopf nur kurz auf den Leitzordner legen, schreckt hoch, wenn ein Kollege in der Tür steht und ihre kleine Spucke-Lache auf dem Aktenordner sichtbar ist. In ihrem Kopf sind lauter Zahlen, aber keine Excel-Tabellen für den Job, sondern nur fruchtbare Tage, Ovulationszeiten, Termine für den Beischlaf, Laborwerte. Vielleicht kann man nicht gleichzeitig Karriere machen und Mutter werden. Zumindest kann sie es nicht. Ihr Körper macht ihr einen Strich durch die Rechnung. Sie malt sich aus, wie sie hochschwanger mit Kugelbauch in Meetings sitzt und die männlichen Kollegen mit ihrer Präsentation überzeugt. Aber in Wirklichkeit ist sie gerade weder überzeugend noch hochschwanger. Nein, sie ist noch nicht einmal leichtschwanger.

Sie blutet das ganze Laken voll. Es läuft einfach aus ihr heraus, und sie tut nichts dagegen.

HELENA

Helena ist nicht vorbereitet auf die Diagnose. Sie kommt ebenso unvermittelt wie ein »Ich liebe dich nicht mehr«. Etwas wächst. In seinem Körper. Helena denkt, er hätte ein Mitspracherecht, weil es sich um seinen eigenen Körper handelt. Weil er ein guter Mensch ist und immer viel Broccoli gegessen hat. Aber er hat keinen Einfluss auf seinen eigenen Körper.

»Ich habe Krebs«, sagt er. »Bitte weine nicht, Herz.«

Das kommt wie ein Wasserfall und plötzlich ertrinkt sie an der Wirklichkeit. Das ist kein Film. Das löst keiner auf. Kein April, April. Kein Streich, den ihr ein Freund spielt.

Das ist das Leben, das mit ihr spielt und ihr seine haushohe Überlegenheit demonstriert.

Helenas Vater ist so einer, der stets gelärmt und geweint hat – und den man eben darum lieb hat.

Sie hat ihn auch immer vor sich selbst entschuldigt, wenn er mal zu laut wurde. Für sie ist er nicht boshaft – er ist bloß auf Abwehr getrimmt. Helena sieht ihn als Opfer, als Kind ohne Kindheit, das alles nachholen durfte, weil es für ihn kein Spielzeug gab und er in seiner Kindheit viel Hunger hatte. Weil er auf der Flucht war, vertrieben, verjagt, mit lauter jüngeren Geschwistern, der jüngste Bruder wurde im Stall geboren und mit einer Zange geholt. Er hat als junger Mann immer von einem Marmeladenbrot geträumt. »Eines Tages«, hat er gesagt, »werde ich so erfolgreich sein, dass ich einen eigenen Schreibtisch haben werde und in der obersten Schublade wird ein Marmeladenbrot liegen.« Seine Schwestern teilten sich in der Kindheit ein einziges Paar Schuhe. Er kam nicht aus dem sterilen, gepflegten und satten Deutschland der Achtzigerjahre mit ALF und der Sesamstraße – so wie sie.

Helenas Vater war nicht da, wenn man ihn brauchte. Er meldete sich wochenlang nicht, fragte nicht nach, ob man sich ein neues Fahrrad gekauft hatte oder wo man am Wochenende essen war. Er wusste nicht, wie ihre beste Freundin hieß oder ihr Professor. Ihn interessierte nur das Wesentliche an seinen Kindern, ihre Meinung zu Themen wie der Bundestagswahl oder zu einem Kinofilm, einem Buch, einer Debatte. Ihn interessierte, was man im Beruf so machte, was man lernte, er liebte philosophische Fragen, rechtliche Auseinandersetzungen, Diskurse über Zeitungsartikel.

Er hatte immer viel Verständnis, vor allem, wenn es um Sünden und Makel ging: »Du darfst genießen, iss noch eine Eiskugel!«, »Trink einen Schnaps!«, »Das macht doch nichts«, »Gib Geld aus!«, »Gib zu viel von dir preis!«, »Träume schrecklich!«, »Sei nicht anständig, sei menschlich, sei schwach.« Er hat sogar jetzt noch Albträume, dass er durchs Abitur fällt. Früher verpasste er Züge und Flüge, ließ Manuskripte und Textstapel liegen, Mäntel und Brillen. Oft vergaß er seinen Vortrag, vertauschte die Blätter und improvisierte. Ihm brach der Angstschweiß aus, er tupfte sich mit einem Taschentuch die Stirn, und manchmal blieben weiße Papierreste an seinem Gesicht kleben. Aber dann funktionierte er unter Druck.

Als Helena klein war, machte die Familie immer Urlaub am Wörthersee, jeden Sommer für drei Wochen. Abends spielte nach dem Essen eine Live-Band im Hotel, und die Gäste schwoften dazu. Sie sangen Obladi oblada oder Du bist die Rose, die Rose vom Wörthersee. Es gab Damenwahl und Herrenwahl, und die Erwachsenen tanzten mit den Kindern, und die Kinder wollten den Moonwalk machen, so wie Michael Jackson. Sie tanzten den Mambo Number 5 von Lou Bega, bewegten sich wild zu Saturday Night von Whigfield oder Macarena von Los del Rio. Das Hotel war schön, aber nicht pompös, so wie gute Hotels Anfang der Neunzigerjahre eben aussahen: klassisch und ohne Infinity Pool oder riesigen Spa-Bereich, eher gemütlich als durchgestylt. Es lag direkt an dem grünen, warmklaren See, und die Kinder fuhren jeden Tag Wasserski oder Banane und spielten Tennis mit ihren Vätern. Sieben Schilling waren eine Mark, davon konnte man sich ein Ed-von-Schleck-Eis, ein BUMBUM oder ein Calippo-Fizz mit Cola-Geschmack kaufen.

Man musste damals an der Grenze noch den Pass zeigen. Es war die Zeit von YPS-Heften und Gameboys. Im Fernsehen lief Wetten dass …? mit Gottschalk oder Die 100.000 Mark Show mit Ulla Kock am Brink, Traumhochzeit mit Linda de Mol oder die Miniplaybackshow mit Mareike Amado. Die Werbung brachte den netten Melitta-Mann auf den Bildschirm, Eltern riefen ihre Kinder zu Miracoli ins Haus, italienische Nachbarn sagten »Isch abe gar kein Auto« oder sangen »Bitte nicht vor den Kindern!«.

In einem Sommer am Wörthersee, Helena war ungefähr elf oder zwölf Jahre alt, hieß es wieder einmal: Damenwahl. Eine junge Studentin hatte Helenas Vater, der er tagsüber am See rasch bei irgendeiner Hausarbeit oder einem Referat geholfen hatte, aufgefordert. Er tanzte ruckartig und schwitzte dabei, so sehr, dass er sich mit einem Taschentuch die Stirn abtupften musste und weiße kleine Papierfetzen an seinen feuchtgeschwitzten Schläfen oder am Kinn hängenblieben. Er biss sich angestrengt auf die Unterlippe. Helena sah ihn mit dem jungen Mädchen und fühlte sich schrecklich. Sie winkte ihm hektisch zu, machte eine abwertende Handbewegung und fuchtelte dann wild mit beiden Armen, um ihm lautmalerisch »Nein! So nicht!« zuzurufen. Es war das erste Mal, dass sie sich für ihn schämte. Die Pubertät hatte begonnen. Er sah seine Tochter, sah ihr Entsetzen, zuckte noch einmal unrhythmisch mit den Armen und entschuldigte sich dann bei der jungen Frau, dass er nun den Tanz abbrechen müsse. Er tat es für sie. Er ertrug es nicht, ihr peinlich zu sein.

Später schämte Helena sich, dass sie sich so geschämt hatte. Er erzählt die Geschichte manchmal heute noch – wie aus der bedingungslosen Bewunderung der Tochter ein erstes Unbehagen wurde, vielleicht zu Abnabelungszwecken, vielleicht um sich abzugrenzen, sich der eigenen Jugend zu versichern, vielleicht aus Überidentifikation und eigener Unsicherheit. Helenas Vater wurde damals vom Podest gestoßen. Aber sie würde ihn noch oft genug wieder hinaufheben.

Ja, diese Unsicherheit hat Helena von ihm gewissermaßen übernommen. So schauen sie beide immer auf den Blick der anderen, sie suchen der Menschen Bewunderung und haben Angst zu missfallen. Er, weil er ein armer Junge war, ein Kind im Krieg und dann als Teenager ein Flüchtling, der sich von seinem Elternhaus emanzipieren musste und stets das Gefühl hatte, nicht richtig dazuzugehören. Sie, weil auch sie sich in ihrer Jugend nirgends zugehörig fühlte, vielleicht seinetwegen. Sie wollte Plastikwimpern tragen und falsche Fingernägel – und gleichzeitig Brecht lesen und Tschaikowsky hören. Für die Schlauen war sie zu laut, frech und vergnügungssüchtig, und für die Coolen war sie zu nachdenklich, albern und sensibel. Manchmal fühlt sie sich noch heute, als Erwachsene, zwischen allen Stühlen.

Aber bei ihrem Vater fühlt sie sich verstanden. Dort liegt diese uneingeschränkte Akzeptanz. Sie braucht keine Angst zu haben, nicht zurückgeliebt zu werden. Sie muss nicht an ihrem Wesen zweifeln. Und als Kind hat sie sich immer für in Ordnung befunden. Sie hat im Zentrum seiner Aufmerksamkeit gestanden und damals angenommen, dass es immer so bleiben würde. Erst die Erlebnisse in der echten Welt würden ihre Sicherheit zermürben. Erst später fing sie an, an sich herumzumäkeln, sich manchmal sogar zu hassen. Sie versuchte sich in eine bestimmte Form zu pressen. Welche das eigentlich war, wusste sie selbst nicht genau.

Helena wollte schon als Kind lieber mit dem Trompeter aus der Big Band spielen als mit den coolen Krawall-Jungs Joints rauchen. Trotzdem rauchte sie die Joints mit. Ihr wurde schlecht, sie vertrug das Zeug nicht und bekam lila Lippen und Herzrasen. Sie verschanzte sich auf dem Klo, damit keiner von den Jungs bemerkte, dass sie nicht kiffen konnte. Oft hatte sie in ihrer Kiffer-Gang sehnsüchtig dem Trompeten-Jungen hinterhergeschaut, der so unbeirrt sein Instrument trug und zu den Proben ging, während sie ein- und ausatmen lernte und Ringe blasen und Tüten bauen. Sie musste dabei immer cool sein, desinteressiert tun. Aber sie war weder cool noch desinteressiert. Ihr schmeckte das Gras nicht, und sie wollte nicht den ganzen Tag in verdunkelten Kellerzimmern sitzen und Cypress Hill und Wu Tang Clan hören. Sie wollte lieber ein Instrument lernen und Tagebuch schreiben. Also rang sie sich dazu durch, mit dem Kiffen aufzuhören und sich bei den Flinken Federn anzumelden, einer Schreib-AG für Mädchen mit Pferdepullovern, anstatt den Jungs beim Skateboarden zuzuschauen – wie die anderen Mädchen, die schon knutschten und Brüste hatten. In ihrer Klasse war sie eine der Letzten, die einen Zungenkuss bekam. Er hieß Jan Peter und war etwas zu blond, zu blass, zu groß und zu dünn. Er war nicht ihr Typ, aber er war da, und sie war ungeduldig.

Helena hat immer nach neuen Vorbildern gesucht. Für sie war ihr Vater so etwas wie ein Wunderkind, ein Hochbegabter unter all den Idioten, die mit ihr in eine Klasse gingen. Und als die Pubertät kam und sie anfing, sich für ihn zu schämen oder glaubte, sich für ihn schämen zu müssen, da fiel es ihr schwer, ein neues Vorbild zu finden. Lange Zeit verliebte sie sich in nichts und niemanden, niemand beeindruckte sie, sie fand immer den Makel – einen Fleck, der sich ausbreitete. Mal war es die piepsige Stimme, mal waren es die kleinen Füße, mal der Geruch (oft der Geruch!), mal das unechte Lachen, mal waren die Beine zu kurz und das Gesicht zu lang.

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