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Drei Walter G. Pfaus Krimis: Mörderkarussell & Ein Toter spielt falsch & Der lebende Tote

Drei Walter G. Pfaus Krimis: Mörderkarussel & Ein Toter spielt falsch & Der lebende Tote

Walter G. Pfaus

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2017.

Inhaltsverzeichnis

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Drei Walter G. Pfaus Krimis: Mörderkarussel & Ein Toter spielt falsch & Der lebende Tote

Ein Toter spielt falsch | Ein Krimi aus Ulm | von Walter G. Pfaus

Der lebende Tote | WALTER G. PFAUS | Unheimlicher Roman

Klappentext:

Der Leichenzug wälzte sich langsam durch den Friedhof. Die Träger des Sarges schwitzten. Die feuchte Schwüle trieb ihnen den Schweiß aus den Poren und durchnässte ihre steifen, weißen Hemdkragen.

Further Reading: 1746 Seiten Thriller Spannung: Das Alfred Bekker Krimi Sommer Paket 2017

Also By Alfred Bekker

About the Publisher

Nadine war jung und schön und mit einem reichen, alten Mann verheiratet, den sie loswerden wollte. Leo hatte einige Jahre Knast hinter sich. Er war der ideale Partner für Nadine. Schon nach wenigen Wochen war beiden klar, dass Nadines Mann sterben musste. Sie hatte auch schon den perfekten Plan, und Leo stieg sofort darauf ein. Doch dann lief einiges aus den Fugen und das Mörderkarussell begann sich zu drehen.

1

––––––––

Leo Kampen hatte genug gesehen. Er verließ das Kaufhaus durch den Haupteingang und sah sich auf dem Parkplatz nach dem weißen Alfa Romeo um. Er ging langsam durch die Reihen der geparkten Autos, konnte den Alfa aber nirgends entdecken. Erst als er sich an die Parkbuchten seitlich des langgestreckten Gebäudes erinnerte, fand er den weißen Sportwegen mit den roten Sitzen und dem schwarzen Dach.

Grinsend blieb Leo vor dem Alfa stehen. Rechts neben dem Alfa „Spider 2000“, stand ein alter Opel, links davon parkte ein kleiner Lieferwagen. Leo blickte durch das Seitenfenster in das Innere des Wagens. Auf dem Beifahrersitz lag eine teure Sonnenbrille mit großen Gläsern, und auf dem Rücksitz lag ein schwarzer Damenhut. Er sah sehr teuer aus, wie alles, was die Frau trug.

Es war nicht das erste Mal, dass er die Frau sah. Er kannte sie seit etwa zehn Tagen. Genau gesagt, war es das dritte Mal, dass sich ihre Wege kreuzten.

Schon bei der ersten Begegnung war ihm klar gewesen, dass sie entweder eine Tochter aus gutem Hause oder reich verheiratet war. Leo tippte auf letzteres, was ihm auch am liebsten gewesen wäre. Er war damals gerade aus dem Arbeitsamt gekommen, und sie hatte Ecke Olgastraße und Wichernstraße gestanden und einem Taxi gewunken. Sicher wäre sie ihm nicht aufgefallen, wenn sie nicht so wunderschönes, goldblondes Haar gehabt hätte. Er hatte sie damals ja nur von hinten gesehen. Und sie hatte einen sehr teuren Pelzmantel getragen. Einen Ozelot. Von Pelzen verstand Leo eine Menge. Wegen seiner Vorliebe für Pelze hatte er zuletzt ein Jahr und vier Monate abgesessen, ehe er wegen guter Führung  auf Bewährung rausgelassen wurde.

Leo war bis auf wenige Meter an die Frau herangekommen, ehe ein Taxi anhielt. Sie hatte ihn vermutlich gar nicht gesehen oder zumindest nicht beachtet. Dafür hatte er sie umso eingehender betrachtet.

Die Frau war hübsch, ausnehmend hübsch sogar. Sie hatte ein ovales Gesicht, mit hochstehenden Backenknochen, kleinem herzförmigem Mund und glatter, fast durchscheinender Haut. Sie war nicht sehr groß, knapp eins sechzig. Unter dem dicken, teuren Pelzmantel konnte man ihre Figur nur erahnen. Aber Leo hätte damals schon gewettet, dass sie sehr schlank, fast zierlich war. Genau seine Kragenweite, auch vom Alter her. Sie mochte etwa zwischen fünfundzwanzig und dreißig sein.

Aber dann war sie in das Taxi eingestiegen und abgefahren, ohne Leo überhaupt gesehen zu haben. Leo hatte sich die Nummer des Taxis notiert und vier Tage lang versucht, den Taxifahrer ausfindig zu machen. Aber es war ihm nicht gelungen. Er tröstete sich damit, dass der Taxifahrer ihm ja doch nicht gesagt hätte, wohin er die Frau gefahren hatte.

Fünf Tage nach diesem ersten Zusammentreffen, sah er sie zum zweiten Mal. Es war am Münsterplatz, und sie war in diesem weißen Alfa an ihm vorbeigefahren. Es war ein wunderschöner Apriltag gewesen, und sie hatte das Verdeck zurückgeschlagen. Ihre Kleidung hatte sie dem Wagen angepasst. Sie trug ein rotes Trägerkleid mit tiefem Ausschnitt. Um ihren Hals hatte sie einen weißen Schal geschlungen.

An der Einmündung zur Hirschstraße musste sie am Fußgängerüberweg anhalten, und Leo war gerade rechtzeitig hinzugekommen, um einen Blick auf ihre Figur zu werfen. Sie war so schlank, wie er es sich vorgestellt hatte. Im tiefen Ausschnitt ihres Kleides waren die Ansätze von relativ großen Brüsten zu sehen.

Sie war natürlich der Blickfang aller Männer. Von allen Seiten wurde sie angestarrt, was sie sehr nervös werden ließ. Sie gab im Stand Gas, dass der Wagen laut aufheulte, und eine alte Frau, die gerade dicht an der Motorhaube vorbeiging, zuckte erschrocken zusammen.

Als der Strom der Fußgänger nicht abreißen wollte, ließ sie den Wagen langsam auf den Zebrastreifen rollen. Ungeduldig drängte die sich durch die Fußgänger, und als sie den sehr belebten Fußgängerüberweg endlich hinter sich hatte, gab sie Gas und schoss um die Kurve Richtung Neue Straße.

Leo hatte jedoch Zeit genug gehabt, sich die Nummer des Wagens zu notieren. Aber anfangen konnte er damit auch nichts. Ohne Beziehungen  war es nicht möglich, den Halter eines Fahrzeugs an Hand der Nummer herauszufinden. Beziehungen hatte Leo keine. Keine solchen. Er hätte in den „einschlägigen Kreisen“, wie er die GanovenSzene bei sich nannte, herumfragen können. Einer hätte sicher gewusst, wer die Frau war. Aber das wollte Leo nicht. Er hatte gelernt, dass man in diesen Kreisen keinem trauen konnte.

Und es war auch nicht notwendig gewesen, irgend jemanden nach der Frau zu fragen, denn dann war der heutige Tag gekommen, der erste wirkliche Glückstag in Leos Leben. Vorher hatte er eigentlich noch keine so rechte Vorstellung, was er von der Frau wollte, außer mit ihr ins Bett zu gehen. Aber jetzt wusste er es.

Der Tag hatte schon so wunderbar begonnen. Er war um halb neun aufgestanden und hatte sofort beschlossen, nach Senden zu fahren, um den dortigen Kaufhäusern seinen Besuch abzustatten. In den Kaufhäusern in der Ulmer City kannte man ihn schon viel zu gut.

Es war die beste und glorreichste Idee gewesen, die er je in seinem Leben gehabt hatte. Nicht dass er hier in Senden zum ersten Mal gewesen wäre; er hatte auch hier schon zweimal abgesahnt. Aber dass er gerade heute beschlossen hatte, hierher zu fahren, war sein Glück gewesen, denn er hatte das Kaufhaus kaum richtig betreten, da war sie schon an ihm vorbeigerauscht, eine herrliche Duftwolke hinter sich lassend.

Leo hatte sie sofort wiedererkannt, und er war ihr ganz automatisch gefolgt. Er wollte den richtigen Moment abpassen, um sie anzusprechen.

Aber dann war es gar nicht mehr notwendig gewesen, sie anzusprechen. Es wäre auch völlig falsch gewesen. Also hatte er sich damit begnügt, ihr zwanzig Minuten lang nur zu folgen und sie zu beobachten, und er war aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen.

Und jetzt stand er hier neben ihrem Wagen und wartete auf sie, und zum ersten Mal hatte er das Gefühl, eine Glücksträhne erwischt zu haben. Die Frau sah verdammt gut aus, und sie war reich. Er hatte noch nie eine so gutaussehende Frau in seinem Bett gehabt. Und er hatte noch nie eine reiche Frau gebumst. Die hier war beides, gutaussehend und reich, und Leo würde seine Chance zu nutzen wissen.

Bislang hatte die Glücksgöttin nicht viel für ihn übrig gehabt. Eigentlich gar nichts. Sie schien ihn bisher permanent übersehen zu haben. Solange er zurückdenken konnte, hatte er immer nur Pech gehabt in seinem Leben. Das hatte schon mit seiner Geburt begonnen. Er hatte nämlich das Pech, einen Mann zum Vater zu haben, der eine zweite Tochter wollte. Aber das zweite Kind war ein Sohn gewesen, und sein Vater hatte dieses Kind, das kein Mädchen war, vom ersten Schrei an gehasst. Das wurde schon bei der Taufe deutlich. Er hatte seinem Sohn den Namen gegeben, den er am meisten hasste: Leo. Der Name Leo war für seinen Vater der Inbegriff des Bösen gewesen. In den Jahren 1941 bis 1943 hatte Leos Vater einen Lehrer gehabt, der Leo geheißen hatte. Der Lehrer war ein Teufel gewesen, und Edwin Kampen, Leos Vater, hatte bei dem Lehrer die Hölle gehabt. Die nächste Hölle hatte Edwin Kampen erwartet, als er mit sechzehn Jahren noch in den Krieg ziehen musste. Der Unteroffizier, zu dem Edwin kam, hatte Leo geheißen, und der hätte ihn vier Tage vor Kriegsende fast in den Tod geschickt. Seitdem hatte Edwin Kampen den Namen Leo gehasst, und er hatte seinem Sohn den Namen gegeben, um seine Wut besser an ihm auslassen zu können.

Leo hatte keine schöne Kindheit gehabt. Kaum ein Tag war vergangen, ohne dass er nicht Prügel bezogen hätte. Seine Schwester dagegen, hatte das schönste Leben. Sie konnte tun und lassen was sie wollte, und sie bekam auch alles, was sie wollte. Leo bekam nur das Nötigste. Was er am Nötigsten hatte, laut seinem Vater, waren Prügel, und darin war sein Vater nicht gerade zimperlich gewesen.

Als Leo zwölf war, hatte er ein Gespräch zwischen seinem Vater und dessen Freund belauscht. Sein Vater hatte gesagt: „Weißt du, am liebsten hätte ich einen ganzen Stall voll Mädchen gehabt. Fünf oder sechs; es hätten meinetwegen auch sieben sein können. Aber als dann als zweites dieser Unfall passierte, habe ich mich nicht mehr getraut. Ich wollte nicht noch so einen Bastard großziehen.“

Und erst als Leo vierzehn war, wurde ihm durch eine Beobachtung klar, warum sein Vater nur Mädchen haben wollte. Leo sah, wie sich sein Vater an seiner damals 17jährigen Tochter verging.

Später erfuhr Leo von seiner Schwester, die mit neunzehn Jahres das Elternhaus verlassen hatte, dass sich der Vater zum ersten Mal an ihr verging, als sie zehn war.

Das war Leos Elternhaus gewesen. Er hatte keine schöne Kindheit gehabt, und die Jugendzeit war nicht besser gewesen. Was immer er in die Hand genommen hatte, war schief gelaufen. Aber jetzt sah er einen Hoffnungsschimmer. Zum ersten Mal war ein Wunsch von ihm in Erfüllung gegangen. Er hatte sich gewünscht, die Frau wiederzusehen, unter Bedingungen, die es ihm ermöglichen würden, sie anzusprechen. Und schon wenige Tage später heute, an einem regnerischen Tag im April, hatte sich sein Wunsch erfüllt. Und es war sogar noch besser gelaufen, als er je zu hoffen gewagt hatte. Im Moment war jedenfalls nicht abzusehen, was seine Beobachtungen wirklich wert waren. Man würde abwarten müssen, was da alles rauszuschlagen war. Eine flotte Nummer mit einer hübschen Blondine auf jeden Fall. Und Geld sicher auch.

Es dauerte noch etwa zehn Minuten, bis die Blonde endlich auftauchte. Sie schien es nicht sehr eilig zu haben.

Leo bewunderte ihren auserlesenen Geschmack, was ihre Kleidung betraf. Die Frau hatte einfach Klasse. Sie war mit einem schwarzen, knielangen Rock aus Kalbsveloursleder und einem dazu passenden Blazer aus gleichem Leder bekleidet. Darunter trug sie eine weiße Bluse mit schwarzen Streifen. Das blonde, schulterlange Haar trug sie offen.

Leos Herz klopfte laut, als sie langsam näher kam. Sie beachtete ihn gar nicht, obwohl er nicht zu übersehen war. Sie suchte in ihrer großen, weißen Umhängetasche nach ihren Autoschlüsseln.

Ungeniert trat Leo jetzt hinter sie, wartete, bis sie den Wagen aufgeschlossen hatte und berührte sie dann leicht an der Schulter.

„Gestatten Sie?“ sagte Leo. Er drängte sich an ihr vorbei, setzte sich hinein und rutschte auf den Beifahrersitz durch. Dann beugte er sich nach links und lächelte die Frau an. „Bitte, setzen Sie sich doch.“

„Also, das ist doch...“ Die Frau sah ihn mit weitaufgerissenen Augen an. „Das ist die größte Frechheit, die mir je untergekommen ist.“

„Wirklich?“ tat Leo erstaunt. „Da sehen Sie mal, dass Sie noch nicht sehr viel erlebt haben. Was glauben Sie, was mir schon alles passiert ist.“

„Raus!“ zischte die Frau. „Machen Sie sofort, dass Sie aus meinem Wagen kommen, oder ich schreie!“

„In Ihrem eigenen Interesse sollten Sie das nicht tun“, sagte Leo freundlich. „Setzen Sie sich in Ihren Wagen und lassen Sie uns darüber reden.“

„Reden?“ Die Frau tippte sich an die Stirn. „Sie scheinen was am Kopf zu haben. Ich wüsste wirklich nicht, worüber ich mit Ihnen reden sollte.“

„Worüber wir beide reden müssen, ist so wichtig, dass wir nicht einmal Zeugen dafür brauchen können“, sagte Leo. „Hauptsächlich in Ihrem Interesse. Also setzen Sie sich jetzt in den Wagen und machen Sie die Tür zu.“

„Nicht, so lange Sie in meinem Wagen sitzen.“

„Wetten, dass Sie es tun?“

„Das wollen wir doch mal sehen.“ Sie zieht ihr Handy aus der sehr teuer aussehenden Handtasche.

„Wen wollen Sie anrufen? Die Polizei? Das würde ich an Ihrer Stelle nicht tun. Es ist besser, Sie setzen sich jetzt in Ihren Wagen, und wir tun, was ich vorher schon gesagt habe: Wir reden miteinander.“ 

„Ich wüsste wirklich nicht, worüber wir beide reden sollten.“

„Ich habe Sie da drinnen eine Weile beobachtet. Und über das, was ich da drinnen alles gesehen habe, reden wir jetzt.“

Die Frau zögerte noch einen Augenblick. Dann setzte sie sich hinter das Steuer und zog die Tür zu

Leo beugte sich zu ihr hinüber. Sie wich sofort zurück. Aber Leo hatte nicht die Absicht, sie zu küssen. Noch nicht. Seine Hand fuhr blitzschnell unter ihren Rock.

„Darüber möchte ich mich mit Ihnen unterhalten“, sagte Leo.

„Sie...Sie wollen mich vergewaltigen?“ Die Frau wagte sich einen Moment nicht zu rühren.

„Für was halten Sie mich eigentlich?“ Leo lachte. „Ich habe noch nie einer Frau Gewalt angetan. Lieber Gott, wozu denn? Das habe ich wirklich noch nie nötig gehabt.“

„Aber was wollen Sie dann von mir?“ Sie versuchte, seine Hand wegzuschieben.

„Ich möchte mich mit Ihnen über den Hamsterbeutel unter Ihrem Rock unterhalten.“

„Über meinen Hamsterbeutel?“ Sie wurde um einen Schein blasser. „Ich weiß nicht, wovon Sie reden.“

„Mein Gott, jetzt stellen Sie sich nicht so an“, seufzte Leo. Er zog seine Hand unter ihrem Rock hervor und strich dabei sanft über ihre Schenkel. „Ich habe Sie da drin mindestens eine Viertelstunde lang beobachtet. Sie haben geklaut, was Ihnen in die Finger kam. Sie haben alles unter den Bund Ihres Rockes gesteckt, und da unten nichts heraus fiel, müssen Sie logischerweise da drunter einen Sack, eine Tasche oder irgendeinen Beutel hängen haben, der jetzt ganz schön voll sein muss. Ist Ihnen jetzt klar, worüber ich mich mit Ihnen unterhalten möchte?“

„Sind Sie der Kaufhausdetektiv?“ fragte sie plötzlich kleinlaut.

Leo gab ihr darauf keine Antwort.

„Wenn Sie mich anzeigen, kann ich mich gleich aufhängen“, sagte die Frau.

„Na, na. Wegen Kaufhausdiebstahl ist noch niemand gehängt worden.“

„Aber mein Mann bringt mich um, wenn er davon erfährt.“ Ihre Hände spielten nervös mit dem Lenkrad. Ihr Blick war auf ihre Beine gerichtet.

„Dann sollte man Ihren Mann umbringen“, sagte Leo leichthin. „Wenn er imstande ist, Ihnen auch nur ein Haar zu krümmen, ist er Sie nicht wert.“

Sie schwieg eine Weile. Dann sah sie ihn an. „Was wollen Sie jetzt machen?“

„Müssen wir das hier besprechen?“

„Können Sie denn weg?“

„Ich kann weg“, grinste Leo. „Ich kann weg, wann immer ich will.“

„Wohin soll ich fahren?“ fragte sie knapp.

„Fahren wir doch raus zu den Baggerseen, wenn wir schon hier in Senden sind“, schlug Leo vor. „Im April ist da noch kein Badebetrieb. Wir werden dort also ungestört sein.“

„Gut, dann rutschen Sie runter auf den Boden. Ich möchte nicht mit Ihnen gesehen werden.“

„Sehe ich so schrecklich aus?“

„Im Gegenteil. Deshalb sollen Sie ja abtauchen. Es gibt so viele geschwätzige Menschen...

„Okay, okay, ich bin schon unten.“ Leo schob den Beifahrersitz ganz nach hinten und setzte sich davor auf den Wagenboden. Es bereitete ihm etwas Mühe, seine Beine unterzubringen. Aber nach einigen vergeblichen Versuchen, klappte es doch noch.

Die Frau breitete über ihm einen leichten Mantel aus,  startete den Wagen und fuhr los. Sie fuhr sehr schnell. Nach etwa zehn Minuten bremste sie ab und bog in eine schmale Seitenstraße ein.

Leo schob den Mantel ein Stück zur Seite und sah von unten herauf in ihr Gesicht. Es war starr wie eine Maske. Nichts regte sich darin. Sie schien zu ahnen, was auf sie zukommen würde.

„Sie sind eine gute Fahrerin“, lobte Leo, einfach um etwas zu sagen.

Sie gab ihm keine Antwort. Sie schaltete auf den zweiten Gang herunter und lenkte den Wagen auf einen unbefestigten Weg. Leo merkte es an der holprigen Fahrt.

Zwei Minuten später hielt sie an. „Wir sind da. Sie können hochkommen.“

Stöhnend richtete Leo sich auf. Inzwischen taten ihm alle Knochen im Leib weh. Überrascht sah er sich um. Sie hatte vor einer etwa eineinhalb Meter hohen Hecke angehalten, in die ein breites Holztor eingelassen war. Dahinter befand sich ein ziemlich großes Grundstück mit einem gepflegten Rasen und einem kleinen Garten. Mitten im Rasen stand ein kleines, aber hübsches Holzhaus.

„Wem gehört das Haus?“ fragte Leo.

„Meinem Mann.“ Sie öffnete das Tor. „Fahren Sie den Wagen herein und machen Sie dann das Tor wieder zu.“

Ohne Widerspruch setzte sich Leo ans Steuer des Alfas und fuhr ihn durch das Tor. Es war das erste Mal, dass Leo hinter dem Steuer eines solchen Wagens saß. Es war für ihn ein erhebendes Gefühl. Von so einem Wagen hatte er schon immer geträumt.

Er stieg aus, ging die paar Schritte zurück, schob das Tor zu und folgte der Frau in das kleine Holzhaus. Sie war schon drin. Sie hatte ein Fenster geöffnet und die Läden zur Seite geschoben, um ein wenig Licht hereinzulassen. Die Frau schloss das Fenster wieder und wandte sich ihm mit unbewegtem Gesicht zu.

„Verriegeln Sie die Tür.“

Leo warf die Tür zu und schob den Riegel vor. Dann standen sie sich eine Weile schweigend gegenüber. Die Frau zitterte, aber in ihren Augen stand keine Angst.

„Sie sind kein Kaufhausdetektiv, nicht wahr?“ fragte sie mit leicht erregter Stimme.

„Ich habe nie behauptet, dass ich einer bin“, antwortete Leo ruhig.

„Sie haben mich ganz zufällig beobachtet?“

„Nicht ganz“, gab Leo zu. „Ich habe Sie vorher schon ein paar Mal gesehen, und Sie haben mein Herz zum Rasen gebracht. Als ich Sie dann im Kaufhaus wiedersah, bin ich einfach hinter Ihnen hergegangen. Ich wollte auf eine Gelegenheit warten, um Sie anzusprechen. Und dann bin ich aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen. So was habe ich noch nie zuvor gesehen. Sie haben geklaut, was Ihnen in die Finger kam. Völlig wahllos, ohne auf den Wert zu sehen.“

Sie senkte den Blick, wandte sich langsam um und setzte sich auf einen der vier Eichenholzstühle. Der Tisch war ebenfalls aus geschliffenem und lackiertem Eichenholz. Das Haus bestand nur aus diesem einen Raum. Außer dem Eichentisch und den Stühlen gab es noch drei offene Regale an den Wänden, in denen Geschirr stand. Auf einer Kommode stand ein kleiner Gaskocher; links daneben befand sich ein Sofa. Vorne an der Tür lehnten ein paar RelaxLiegen. Daneben lagen zwei Angeln auf dem Boden.

„Ich kann nichts dafür“, sagte die Frau leise. Sie saß zusammengesunken auf ihrem Stuhl und blickte auf ihre schlanken, braungebrannten Hände auf ihrem Schoß. „Es kommt manchmal einfach über mich... Es ist wie ein Zwang. Dann muss ich stehlen... Ich weiß nicht, was ich dagegen tun soll...“

„Haben Sie’s schon mal mit einem Psychiater versucht?“ Leo setzte sich auf das Sofa.

„Das kann ich nicht!“ wehrte sie entsetzt ab. „Das ist völlig unmöglich! Mein Mann würde es sofort erfahren, und dann müsste ich ihm sagen, weshalb ich einen Psychiater aufsuche. Er würde mir sofort verbieten, weiterhin zu dem Arzt zu gehen, und er würde selbst versuchen, mich davon zu heilen... Mit Prügel.“

„Das darf doch nicht wahr sein“, sagte Leo ungläubig.

„Es ist aber so. Glauben Sie mir.“

„Warum verlassen Sie ihn dann nicht?“

Sie gab ihm darauf keine Antwort. Stattdessen fragte sie: „Was wollen Sie für Ihr Schweigen haben?“

Leo war noch ein wenig verwirrt von ihrem Geständnis.

„Was... haben Sie anzubieten?“ fragte er plump.

„Alles!“ Sie stand hastig von ihrem Stuhl auf. „Alles was Sie wollen. Sie wollten doch mit mir schlafen, nicht wahr? Bitte, ich bin einverstanden. Wir können es hier tun, sofort. Jetzt kommt niemand hierher. Oder wollen Sie lieber Geld? Ich habe zwar keines bei mir, aber ich besorge Geld, wenn Sie ein wenig Geduld haben und wenn es nicht zuviel ist. Ich tue alles, was Sie wollen, wenn Sie mich nicht verraten und wenn Sie mich nicht anzeigen...“

Sie zog ihren Blazer aus, hängte ihn über einen Stuhl und knöpfte langsam ihre Bluse auf. Sie schien wirklich zu allem bereit zu sein.

Leo sagte nichts. Er ließ sie machen. Sein Blick war auf ihre Bluse gerichtet. Er war richtig gespannt, was drunter hervorkommen würde.

Es war überwältigend, was er zu sehen bekam. Ihre Brüste waren noch schöner, als er es sich vorgestellt hatte. Er wollte sie ganz nah vor seinen Augen haben, er wollte sie fühlen und streicheln, und er streckte die Arme nach ihr aus.

Sie kam langsam näher. Zögernd ließ sie sich neben ihm auf das Sofa nieder, und Leo nahm ihr Gesicht in beide Hände und küsste sie zart auf den Mund, die Stirn, die Augen und ließ seine Zunge um die zarten Knospen ihrer Brüste kreisen.

Anfangs lag sie steif in seinen Armen. Aber dann kam sie ihm nach und nach entgegen, und ihr Mund öffnete sich ihm, und sie zog ihn immer ungestümer an sich. Bald lagen sie beide völlig nackt auf dem Sofa, und sie gab sich ganz dem sanften Spiel seiner Hände hin.

Dann drang er langsam in sie ein.

2

Später lagen sie schwer atmend nebeneinander auf dem engen Sofa. Sie hielt ihn fest umschlungen, und Leos Hände streichelten sanft über ihren Körper.

Die Frau brach als erste das Schweigen.

„O Gott, wie ich das gebraucht habe“, flüsterte sie nah an seinem Ohr. „Es war so wunderschön... unsagbar schön. Ich wusste gar nicht mehr, wie es ist, von einem Mann so behandelt zu werden... Halt mich fest. Halt mich ganz fest und lass mich nie wieder los.“

„Ich lass dich nie wieder los“, versprach Leo. Er  bog den Kopf zurück und sah ihr in die Augen. „Ich weiß nicht mal deinen Namen. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mit einer Frau geschlafen, von der ich nicht einmal den Namen weiß.“

„Ich heiße Nadine.“

„Nadine“, flüsterte Leo. „Was für ein schöner Name. Ein Name wie Musik. Nadine...“. Er schwieg ein paar Sekunden. Dann sagte er: „Damit kann ich nicht konkurrieren. Ich heiße einfach Leo, Leo Kampen.“

„Gefällt dir der Name nicht?“

„Nein, er gefällt mir nicht. Er klingt so einfach, so simpel. Hunde nennt man Leo.“

„Wie würdest du gern heißen?“

„Ich weiß nicht... Christian vielleicht.“

„Nein, nicht Christian!“ Ihre Stimme klang hart und abweisend, und ihr Gesicht wirkte von einer Sekunde zur anderen verschlossen und starr. Durch ihren Körper lief ein Zittern.

„Was ist los?“ fragte Leo verwundert. „Was hast du gegen den Namen?“

„Er heißt so!“

„Wer? Dein Mann?“

Sie nickte.

„Wer ist dein Mann?“

„Christian Karmann.“

„Karmann? Der Karmann?“

„Ja, der Karmann mit der Waffenfabrik.“

„Großer Gott!“ stöhnte Leo. „Auch das noch. Den fürchten sogar die Ganoven aus Ulms Unterwelt.“

„Jetzt weißt du, warum ich mich fürchte.“

„Ja, jetzt ist mir alles klar. Karmann ist ein Schwein, das weiß sogar ich. Und ich weiß, dass er jede Menge Frauen um sich herum hat. Wozu braucht er dann dich?“

„Zum Herzeigen“, sagte Nadine bitter. „Ich bin nur seine Herzeigpuppe. Ich bin in einem Schweizer Internat aufgewachsen, aber ich habe erst viel später erfahren, dass er das bezahlt hat. Er hat mich gekauft. Mein Vater starb, als ich noch sehr klein war, und meiner Mutter ging es nicht sehr gut. Da hat er mich eines Tages gesehen und mit meiner Mutter ein Geschäft abgeschlossen. Er gab ihr Geld und sorgte für meine Ausbildung. Als ich fertig war, riet mir meine Mutter, ihn zu heiraten. Sie war damals schon so schwer krank, dass sie nicht mehr aufstehen konnte. Sie wollte mich versorgt wissen, wenn sie einmal nicht mehr ist. Er kam damals jeden zweiten Tag zu uns und machte mir ungeschickt den Hof. Seine Ungeschicktheit rührte mich, und sein Geld imponierte mir, und es gefiel mir, dass er nicht zudringlich wurde. Ich gab dem Drängen meiner Mutter nach und heiratete ihn. Ein halbes Jahr später wurde ich an das Krankenbett meiner Mutter gerufen. Sie lag im Sterben. Bevor sie starb, sagte sie mir, dass er meine Ausbildung bezahlt hat, aber ich musste ihr versprechen, ihm nie zu sagen, dass ich es weiß. Ich habe es ihm bis heute nicht gesagt.“

Leo hatte ihr fasziniert zugehört. Was sie erzählte, hörte sich wie ein Märchen an. Aber er brauchte nur in ihr Gesicht und in ihre Augen zu blicken, um zu wissen, dass sie die Wahrheit sagte.

„Anfangs ging er mit mir ins Bett“, fuhr sie leise fort. „Aber ich war sehr unerfahren und habe einfach nur hingehalten. Das hat ihn sehr verärgert, und er wollte, dass ich so Schweinereien mache. Ich habe es nicht gemacht. Ich habe mich davor geekelt, und ich habe mich vor ihm geekelt, und ich begann ihn immer mehr zu hassen. Er merkte es und ließ mich in Ruhe. Von da an war ich nur noch seine Herzeigpuppe, ich war sein Lehrmeister im Benehmen, und ich musste Kontakte zu einflussreichen Leuten herstellen.  Das war für mich nicht schwer. In dem Internat waren nur Töchter von reichen und berühmten Leuten, und so kam er zu Verbindungen, die bis ins Bundesministerium reichten.“

„Wie lange machst du das schon mit?“ fragte Leo.

„Sechs Jahre. Ich war zweiundzwanzig, als ich ihn heiratete. Er war vierundvierzig.“

„Dann ist er ja um zweiundzwanzig Jahre älter als du“, stellte Leo fest. „Das ist ja furchtbar. Er könnte ja leicht dein Vater sein.“

„Ja, das könnte er“, sagte Nadine ernst. „Unser Verhältnis ist auch so ähnlich. Er befiehlt, und ich habe zu gehorchen. Und wenn ich nicht tu’ was er sagt, gibt’s Prügel, und die nicht zu knapp.“

Leo setzte sich auf und drehte sich so, dass er Nadine in die Augen sehen konnte.

„Genau wie bei mir“, sagte Leo leise. „Genau wie bei mir. Uns hat wirklich das Schicksal einander in die Arme getrieben.“

„Wie meinst du das?“

„Ich habe auch immer Prügel bekommen“, erklärte Leo. „Fast jeden Tag. Und wenn meinem Vater am Abend auffiel, dass ich den ganzen Tag noch keine Schläge bekommen habe, gab er mir eine Ohrfeige, dass ich mich unter dem Tisch wiederfand. Dann lachte er laut und hämisch und sagte: „Das war nur ein kleiner Vorschuss aufs nächste Mal. Das nächste Mal kommt bestimmt. Ich kenn dich doch. Spätestens morgen.“ 

Und er hatte immer recht. Irgendwas gab es immer. Entweder ich kam zu spät aus der Schule, und wenn es nur fünf Minuten waren, oder er hat gemerkt, dass ich heimlich geraucht habe, oder meine Schwester hat etwas angestellt. Und meine Schwester hat oft etwas angestellt. Absichtlich, weil sie wusste, dass ich dafür die Prügel bekam. Ich hatte kein schönes Elternhaus.“

„Mein Gott, wie hast du das nur ausgehalten?“ fragte Nadine entsetzt.

„Wie hältst du es aus?“ fragte Leo zurück.

„Ich bin erwachsen“, antwortete Nadine. „Ich sehe zwar zerbrechlich aus, aber ich bin in Wirklichkeit sehr zäh. Ich halte schon was aus. Manchmal spüre ich die Schläge gar nicht mehr. Sie steigern nur meinen Hass auf ihn. Aber du warst ja noch ein Kind.“

Leo zuckte mit den Schultern. „Wo ist da der Unterschied? Auch als Kind gewöhnt man sich an Schläge. Auch ein Kind kann hassen. Und ich habe meinen Vater hassen gelernt. Manchmal kam mein Hass durch meinen Jähzorn zum Ausbruch, und das hat er geliebt, mein Vater. Oft hat er mich absichtlich so lange gereizt, bis ich auf ihn losging. Und das mochte er. Das war das einzige, was er an mir liebte, denn dann konnte er mich richtig fertig machen. Und das tat er dann auch. Er schlug mit Fäusten und Füßen solange auf mich ein, bis ich winselnd am Boden lag.“

„O Gott, das ist ja schrecklich“, flüsterte Nadine.

„Ich hatte keine schöne Kindheit“, sagte Leo. „Wirklich nicht. Aber ich war ein Kind. Ich konnte nicht einfach weglaufen. Du aber bist erwachsen. Du müsstest dir das nicht gefallen lassen. Du könntest ihn verlassen, und du hättest das Gesetz auf deiner Seite. Warum tust du es nicht? Warum lässt du dich so von ihm behandeln?“

„Von wegen Gesetz!“ Nadine setzte sich jetzt ebenfalls auf. Ihre herrlichen Brüste hoben und senkten sich hastig, und um ihren Mund lag ein bitterer Zug. „Für ihn gelten keine Gesetze. Er macht sich seine Eigenen. Ich habe einmal versucht, wegzulaufen. Drei Tage später hatten mich seine Leute aufgestöbert und zurückgebracht. Er hat mir demonstriert, wie mächtig er ist. Er hat mir gezeigt, dass er es versteht, die Beziehungen, die ich ihm verschafft habe, auszunutzen, dass es vor ihm kein Entkommen gibt, wohin ich auch gehen mag. Und er hat mir bewiesen, dass er sich von niemandem seinen Besitz wegnehmen lässt. Und ich bin sein Besitz, seine Sklavin...“ Sie verstummte plötzlich und sah Leo flehend an. „Lass uns von was anderem reden. Das regt mich nur auf. Ich möchte nicht von ihm reden. Das ist kein Thema für uns beide. Lass uns lieber von dir reden...“

„Aber...“

„Bitte, Leo. Dieses Schwein ist kein Thema für uns. Jetzt nicht.“

„Später vielleicht?“

„Ja, vielleicht.“

„Dann sehen wir uns also wieder?“ fragte Leo erfreut.

„Wenn du willst.“

„Du fragst ob ich will?“ Leo schlang die Arme um sie und presste sie an sich. „Natürlich will ich! Gleich morgen und übermorgen und überübermorgen. Jeden Tag...“

„Morgen kann ich nicht“, sagte Nadine. „Aber übermorgen. Und jetzt lass uns von dir reden. Erzähl mir alles über dich. Ich will alles über dich wissen.“

„Über mich gibt es nicht viel zu erzählen“, sagte Leo. „Was würde dich denn interessieren?“

„Alles!“ Nadine strahlte ihn an. „Was machst du zum Beispiel beruflich?“

„Nichts“, gab Leo freimütig zu. Er hatte sich entschlossen, ihr sofort die Wahrheit zu sagen. Er tat es nicht immer. Aber bei ihr hatte er das Gefühl, dass es besser wäre, ehrlich zu sein, ihr nichts vorzumachen. „Zurzeit mache ich gar nichts. Ich bin regelmäßig zweimal in der Woche auf dem Arbeitsamt und falle der lieben Frau Gottlieb auf die Nerven, und ich bin einmal die Woche bei meinem Bewährungshelfer und trample dem auf den Nerven herum, weil ich immer noch nach einem Job suche, der meinen Fähigkeiten entspricht.“

„Bewährungshelfer?“ fragte Nadine erstaunt. „Wozu brauchst du einen Bewährungshelfer?“

„Ich bin ein Knacki“, sagte Leo. „Ich habe bislang insgesamt fünf Jahre meines Lebens im Knast verbracht. Zurzeit bin ich auf Bewährung draußen, deshalb brauche ich noch einen Bewährungshelfer. Ich muss mich regelmäßig bei ihm melden, und er versucht mir auch wirklich zu helfen. Aber bisher waren seine Bemühungen vergebens.“

„Du... du warst im Gefängnis?“ fragte Nadine entsetzt. „Aber weswegen denn?“

„Weswegen kann ein Mann mit meiner Kindheit schon im Gefängnis landen?“ sagte Leo bitter.

„Hast du etwa deinen Vater...“

„Nein, leider nicht.“ Leo seufzte. „Ich hatte es mir oft vorgenommen, ihn eines Tages umzubringen. Aber dann kam ich vorher ins Gefängnis, und als ich entlassen wurde, war er tot. Gerechte Strafe. Er wurde von einem Bagger zermalmt. Ich habe bei den Bullen ein Foto von dem Unfall gesehen. Es hat mich nicht im Geringsten berührt. Er lag mit zerquetschtem Kopf auf dem Boden einer Kiesgrube. Ich starrte einen kurzen Moment auf das Bild. Dann ging ich einfach weiter.“

„Das kann dir wirklich niemand verübeln“, sagte Nadine leise. „Ich kann dich auf jeden Fall verstehen. Vermutlich wäre es mir auch nicht anders gegangen. – Aber warum bist du dann ins Gefängnis gekommen?“

„Ach, wegen mehreren Delikten“, sagte Leo. „Das erste Mal wegen versuchtem Totschlag. Hört sich schlimm an, nicht?“

Nadine sah ihm in die Augen. „Willst du’s mir erzählen?“

„Es ist eine lange Geschichte“, sagte Leo.

„Gut, erzähl’s mir übermorgen. Ich kann nicht mehr lange bleiben. Es ist schon kurz vor halb fünf, und ich muss spätestens um fünf zu Hause sein.“

„Wieso gerade um fünf?“

„Er will es so.“

„Und wenn er es so will, hast du zu parieren?“

Nadine nickte.

„Und wenn du um fünf nicht zu Hause bist?“

„Dann gibt’s Hiebe.“

„Wie will er das kontrollieren?“

„Er ruft an, und ich muss ans Telefon, wo immer ich auch bin. Meinem Hausmädchen glaubt er kein Wort.“

„Ruft er jeden Tag an?“

„Nein, nicht jeden Tag. Aber ich weiß nie, wann er anruft. Er hat mich schon zweimal geschlagen, weil ich um punkt fünf nicht zu Hause war. Ich lasse es nie wieder darauf ankommen.“

„So ein verdammtes Schwein!“ regte sich Leo auf. „Am liebsten würde ich dich gar nicht zu ihm gehen lassen.“

„Wo soll ich hingehen? Ich habe dir doch schon gesagt, er würde mich überall finden.“ Nadine erhob sich. „Ich muss mich jetzt anziehen.“

„Und wir sehen uns bestimmt übermorgen wieder?“

„Bestimmt.“ Nadine suchte hastig ihre Kleider zusammen und zog sich an. „Mein Gott, ich komme bestimmt schon zu spät. Ich muss dich doch noch zu deinem Wagen bringen.“

„Das musst du nicht.“ Leo begann ebenfalls seine Kleider zusammenzusuchen. „Wenn du mir den Schlüssel überlässt, räume ich hier auf, schließe ab und warte übermorgen hier auf dich. Oder glaubst du, er vermisst den Schlüssel?“

„Nein, das sicher nicht. Aber wie kommst du dann zu deinem Wagen?“

„Darüber mach dir mal keine Sorgen“, sagte Leo. „Ich gehe gern zu Fuß. Und ich habe jede Menge Zeit. Fahr du nach Hause, und ich bringe hier alles in Ordnung.“

„Kann ich mich auf dich verlassen?“

„Das kannst du“, versicherte ihr Leo. „Du wirst übermorgen nichts zu beanstanden haben.“

„Aber pass auf, dass dich niemand sieht.“

„Keine Sorge, ich pass schon auf.“

Nadine trat angezogen vor Leo. „Brauchst du Geld?“

„Gegen ein paar Scheine hätte ich nichts einzuwenden“, gestand Leo. „Das Leben ist verdammt teuer.“

„Gut. Ich sehe zu, was ich auftreiben kann.“ Sie sahen sich eine Weile schweigend in die Augen. „Es war wunderschön“, sagte Nadine leise.

„Ja“, antwortete Leo. „Es war so schön, dass ich dich gar nicht gehen lassen möchte.“

Nadine stellte sich auf die Zehenspitzen, küsste ihn auf den Mund und ging zur Tür hinaus, ohne sich noch einmal umzudrehen. Leo hörte, wie sie den Wagen startete. Er ging zur Tür und sah zu, wie sie wegfuhr. Er wartete noch, bis das Motorengeräusch verklungen war. Dann schloss er die Tür, zog sich vollkommen an und ließ sich auf dem Sofa nieder.

Er konnte es noch immer kaum fassen, dass er hier auf diesem Sofa mit der Frau von Christian Karmann geschlafen hatte. Der kleine Verlegenheitsganove, Leo Kampen, hatte sich in die Frau des NadelstreifenGangsters, Christian Karmann verliebt. Leo war klar, dass sein Leben keinen Pfifferling mehr wert war, wenn Karmann das erfahren würde.

Er kannte Karmann nicht persönlich. Er hatte ihn noch nie gesehen. Aber gehört hatte er schon einiges. Unter anderem, dass Karmann eine Firma besaß, die Waffen produzierte. Waffen aller Art. Waffen, die er auch auf illegale Weise verschlungenen Pfaden in Krisengebiete lieferte. Das hatte Leo in einer Kneipe so nebenbei mitbekommen. Zwei Männer hatten sich leise am Nebentisch unterhalten, ohne ihn bemerkt zu haben. Damals hatte ihn das Gehörte kaum interessiert. Sollte Karmann doch Waffen hinliefern wohin er wollte. Was gingen ihn, Leo Kampen, diese verdammten Staaten an, die unbedingt Krieg führen wollten. Er hatte kein Mitleid mit den Völkern. Mit ihm hatte auch niemand Mitleid. Er war seit zweiunddreißig Jahren auf dieser Welt, und er hatte noch nicht ein einziges Mal eine reelle Chance bekommen.

War das jetzt die Wende in seinem Leben? War Nadine die Glücksfee, auf die er all die Jahre gewartet hatte? Sie musste es sein. Alles deutete darauf hin.

Jetzt nur nichts überstürzen, dachte Leo. So was braucht seine Zeit. So was muss langsam reifen. Aber man muss dranbleiben, und ich werde dranbleiben. Niemand wird mich davon abhalten, diese Chance zu nutzen.

3

Leo fuhr schon am Vormittag zu den Baggerseen hinaus. Er stellte seinen alten, klapprigen Golf gut fünfhundert Meter von der Hütte entfernt unter ein paar Laubbäume. Es regnete seit gut einer Stunde. Aber das störte Leo nicht. Im Gegenteil. Solange es regnete, war man hier draußen auch vor Spaziergängern sicher.

Er stieg aus, schlüpfte in einen dunkelblauen Mantel und rannte zu der Hütte hinüber. In einer Plastiktragetasche hatte er zwei belegte Brote und zwei Flaschen Sekt, die er von seinem letzten Geld gekauft hatte. Er hatte sich nicht getraut, sie zu klauen.

Nadine kam punkt zwei Uhr. Mit einem leisen, aber hohen, schrillen Schrei, stürzte sie sich in seine Arme und küsste ihn mit einer Leidenschaft, die Leo einen Augenblick verwirrte. Aber dann wurde er von ihrer Leidenschaft angesteckt. Im Stehen zogen sie sich mit fliegenden Fingern gegenseitig aus, und als Nadine nackt war, trug Leo sie zum Sofa und legte sich darauf nieder. Nadine zog er über sich, und sie übernahm auch sofort die Initiative.

Später, viel später, lagen sie erschöpft und schwer atmend nebeneinander. Nadine brach als erste das Schweigen.

„O Gott, war das wieder schön“, flüsterte Nadine. „Ich wünschte, es könnte immer so sein.“

„Ich auch“, sagte Leo leicht heißer. „Du glaubst gar nicht, wie sehr ich mir das auch wünsche.“

Es war wieder eine Weile still. Dann sagte Nadine: „Ich habe dir Geld mitgebracht. Zweitausend DMark konnte ich zusammenkratzen. Mehr ging leider nicht.“

„Zweitausend DMark?“ Leo stützte sich auf den rechten Ellenbogen und blickte überrascht in ihr Gesicht. Er hatte höchstens mit fünfhundert gerechnet.

„Was sind schon zweitausend DMark“, sagte Nadine leise. Sie hielt die Augen geschlossen. „Das reicht mir manchmal nicht einmal für ein Kleid, geschweige denn für einen Pelzmantel.“

„Wie viele Pelzmäntel hast du?“ fragte Leo.

„Vier.“

„Einen kenne ich“, sagte Leo. „Ich habe dich in einem gesehen. In einem Ozelot.“

„Kennst du dich mit Pelzen aus?“

„Das war mal mein Traumberuf. Das heißt, er ist es heute noch.“

„Was? Pelzhändler?“

„Egal was, ob Kürschner, Händler oder Verkäufer. Ich möchte nur mit Pelzen zu tun haben. Ich bin verrückt nach Pelzen. Ich flippe aus, wenn ich einen Pelz in die Finger bekomme, und ohne es gelernt zu haben, kenne ich fast alle Pelze. Ich kann dir sagen, was teuer und billig ist, und ich kann dir sagen, was gut oder schlecht verarbeitet ist. Meine letzte Gefängnisstrafe verdanke ich meiner Liebe zu Pelzen. Ich bin in ein Pelzgeschäft eingebrochen und habe alles, was gut und teuer war, in mein Auto gestopft. Aber ich hätte es wissen müssen. Ein Pechvogel wie ich kommt damit nicht durch. Sie haben mich gleich am nächsten Tag geschnappt. Mit den Pelzen. Ich bekam dreieinhalb Jahre dafür. Nach einem Jahr und vier Monaten ließen sie mich raus. Natürlich auf Bewährung. Ich darf mir also nichts erlauben. Zumindest darf ich mich nicht erwischen lassen, sonst sitze ich den Rest der Strafe ab, und die neue kommt noch hinzu. Das geht noch über ein Jahr so.“

„Du liebst also Pelze?“ fragte Nadine.

„Das ist kein Ausdruck. Ich bin verrückt danach.“

„Würde es dir helfen, wenn ich zu jedem Treffen einen Pelzmantel mitbringe?“

„Das würdest du wirklich tun?“ fragte Leo erfreut.

„Warum nicht? Ich habe doch genug davon. Wir können ihn hier aufs Sofa legen und uns darauf lieben, und hinterher können wir uns damit zudecken.“

„Dir ist kalt, nicht wahr?“

„Ein bisschen“, sagte Nadine.

„Gibt es hier keine Decke oder so was?“

„Ich glaube, dort in der Kommode müsste eine Decke sein.“

Leo holte die Decke, und sie deckte sich damit zu. Nadine schlüpfte nah an Leo heran und fragte: „Aber du sagtest doch, dass du wegen versuchten Totschlags zum ersten Mal ins Gefängnis gekommen bist?“

„Das ist richtig.“

„Willst du es mir heute erzählen?“

„Wenn du es unbedingt hören willst.“

Nadine sagte nichts. Sie schmiegte sich nur noch etwas enger an ihn, und ihre Hand wanderte über seinen Bauch zwischen seine Beine.

„Wenn du deine Hand dort lässt, bringe ich vermutlich meine Geschichte nicht zu Ende.“

„Fang schon mal an.“ Nadine kicherte. „Wir werden ja sehen.“

„Ich habe dir ja schon erzählt, dass ich keine schöne Kindheit hatte“, begann Leo zu erzählen. „Und das setzte sich fort, als ich die Volksschule beendet und einen Beruf erlernen wollte. Ich hatte damals schon meine Begeisterung für Pelze entdeckt und wollte unbedingt Kürschner werden, weil ich glaubte, dass das sie Grundvoraussetzung für das Pelzgeschäft im Allgemeinen ist.“

„Das ist sicher richtig“, warf Nadine ein.

„Ja, sicher“, fuhr Leo fort. „Aber nicht für meinen Vater. Er lachte mich aus, schleppte mich zu einem Metzger, der seit einem Jahr schon nach einem Lehrling suchte, und befahl mir, dort zu bleiben. In seiner hämischen Art erklärte er mir, als Metzger könne ich den Tieren nach Herzenslust die Haut abziehen und hätte außerdem auch noch einen Beruf mit Zukunft erlernt. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu bleiben. Aber der Meister war nicht besser als mein Vater. Dauernd hatte er an mir etwas auszusetzen, schrie mich an, schlug mich und warf sogar mit dem Messer nach mir. Einmal verfehlte mich das Messer nur um wenige Millimeter. Ich versuchte natürlich, mich an ihm zu rächen. Damals war ich im dritten Lehrjahr und schon fast achtzehn. Ich klaute aus dem Kühlhaus Hartwürste, Salami und geräucherte Schinken und verkaufte sie zum halben Preis. Ich weiß auch nicht, warum ich nie auf die Idee kam, er könnte das merken. Ich glaube, ich habe überhaupt nichts gedacht. Ich war einfach blind und taub vor Wut. Es kam natürlich wie es kommen musste. Der Metzgermeister  bemerkte das Fehlen der Würste und Schinken, und es gab inzwischen auch eine Menge Zeugen, die ihm berichteten, dass ich das Zeug zu Schleuderpreisen unter die Leute gebracht hätte...“

Leo zog mit einem wohligen Stöhnen die Luft ein. Nadine massierte ihn sanft zwischen den Beinen, und er war schon wieder voll da.

„Erzähl weiter“, verlangte Nadine und setzte das sanfte Spiel ihrer Hand nach einer kurzen Unterbrechung fort. „Ich will alles hören.“

„Ich kann jetzt nicht mehr weiterreden“, sagte Leo. „Merkst du nicht, wie hart er ist?“

„Ich merke es. Aber er ist erst dran, wenn du fertig bist.“

„Weißt du, was das ist?“

„Ich habe keine Ahnung.“

„Das ist Sadismus. Es macht dir Spaß, mich zu quälen.“

„Aber es gefällt dir, nicht?“

„Ja“, seufzte Leo. „Sehr.“

„Na also. Dann erzähl weiter.“

„Ich will’s versuchen... Der Metzgermeister schlug in blinder Wut auf mich ein, und da packte mich der Jähzorn, und ich schlug zurück. Ich war damals schon sehr kräftig gebaut, und der Schlachtermeister war alt und dick und unbeweglich, und ich hätte Hackfleisch aus ihm gemacht, wenn mich nicht ein Geselle, der stärker war als ich, rechtzeitig von ihm weggezogen hätte. Trotzdem lag der Meister danach noch drei Wochen im Krankenhaus und wurde nie mehr richtig gesund. Ich wurde natürlich fristlos entlassen, und mir stand eine Gerichtsverhandlung ins Haus. Und von da an ging es mit mir nur noch bergab. Ich hatte keinen Job mehr und bekam auch keinen mehr. Niemand wollte mich haben. Mein Vater verprügelte mich jeden Tag, und obwohl ich mich inzwischen zur Wehr setzte und mich nicht einfach von ihm schlagen ließ, war ich trotzdem immer der Unterlegene. Er hatte jedes Mal eine neue Gemeinheit auf Lager... Ich geriet auch in Kneipen zweimal in eine Schlägerei, und ich stand sehr schnell in dem Ruf eines brutalen Schlägers, obwohl ich nichts dafür konnte. Eine Woche nach meinem achtzehnten Geburtstag kam dann mein Untergang in Gestalt eines hübschen Mädchens. Ich lernte sie abends kennen, und sie nahm mich noch in derselben Nacht mit ins Bett. Es war das erste Mal für mich, und ich war unsagbar verknallt in das Mädchen. Aber das beruhte nicht auf Gegenseitigkeit. Sie war nichts weiter, als eine kleine Nutte, und sie wollte mich wieder loswerden. Sie wurde mich aber nicht los. Ich war den ganzen Tag auf der Suche nach ihr, und wenn ich sie fand, wich ich nicht mehr von ihrer Seite. Ich war unsagbar blöd. Ich merkte nicht, dass sie mich nicht haben wollte. Am vierten Tag fand ich sie unten an der Donau sitzend. Neben ihr saß irgend so ein Kerl. Ich kann dir nicht sagen, wie er ausgesehen hat. Ich sah nur, wie die beiden knutschten, und die Hand des Kerls steckte tief in ihrer Bluse. Und da sah ich nur noch rot. Was dann geschah, weiß ich nicht mehr. Ich erfuhr es erst später bei der Polizei, und dann bei der Gerichtsverhandlung, und immer wurde ausgesagt, ich hätte mit unvorstellbarer Brutalität auf den jungen Mann eingeschlagen, und wenn nicht einige Passanten mich zurückgehalten hätte, wäre der junge Mann tot. Ich wurde zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, wovon ich drei Jahre und acht Monate absitzen musste.“

„Aber hast du denn bei der Verhandlung nicht gesagt, dass dein Vater dich sehr oft geschlagen und...“

„Dazu kam es nicht“, unterbrach sie Leo. „Ich sagte es dem Pflichtverteidiger, der mir zugewiesen wurde, und der hatte nichts Besseres zu tun, als zu meinen Eltern zu rennen. Natürlich hat mein Vater alles abgestritten, und meine Mutter zwang er dazu, dasselbe auszusagen. Dann kam der Verteidiger wieder zu mir ins Untersuchungsgefängnis und sagte, dass ich mit Lügen auch nicht weiterkäme. Das würde sich vor Gericht nur noch schlimmer für mich auswirken. Also sagte ich bei der Verhandlung kein Wort. Das legte man mir als Verstocktheit aus, und ich bekam fast das volle Strafmaß zu spüren. Meine Mutter wagte sich nicht einmal zur Polizei, als mein Vater durch den Unfall ums Leben gekommen war, aus Angst, es würde dann alles herauskommen, auch dass sich mein Vater oft genug an seiner Tochter vergriffen hatte. Meine Schwester wollte nicht, dass das an die Öffentlichkeit kam. Sie wollte ihre Ruhe haben. Sie war verheiratet mit einem Bürgermeister irgendwo in Norddeutschland und hatte Angst, das Gerede könnte ihrer Ehe und der Karriere ihres Mannes schaden. Meine Mutter hielt natürlich zu ihrer Tochter und wohnt jetzt dort. Niemand in dem Dorf da oben weiß, dass es mich überhaupt gibt. Ich könnte mich an ihnen rächen, wenn ich wollte, aber was hätte ich schon davon?“

„Hast du wenigstens Geld von ihnen verlangt?“ fragte Nadine.

„Eine Weile haben sie mir Geld geschickt. Aber nach etwa zwei Jahren blieb auch das aus.“

„Und wovon hast du gelebt?“

„Von Hartz vier“, sagte Leo bitter. „Weißt du wie es ist, von Harts vier leben zu müssen? Auf Almosen angewiesen zu sein?“

„Ja“, sagte Nadine plötzlich hart. „Ich weiß es. Meine Mutter und ich lebten auch eine Weile davon. Ich habe mir damals geschworen, dass mir das nie passieren würde. Nie. Deshalb habe ich mich auch bereit erklärt, Karmann zu heiraten, obwohl ich ihn nie liebte.“

„Du hast es geschafft“, sagte Leo. „Du wirst bestimmt nie von dieser Staatshilfe leben müssen. Du bist bestimmt eine der reichsten Frauen in der Stadt.“

„Das bin ich, und ich werde es immer bleiben.“

Nadine sagte das so bestimmt, dass Leo keinen Augenblick daran zweifelte. Wieso auch? Selbst bei einer Scheidung würde sie immer noch soviel bekommen, dass sie sehr gut leben konnte.

Aber das dachte Leo nur. Laut sagte er: „Ich werde wohl aus dem Teufelskreis nicht mehr herauskommen.“

„Doch, du schaffst es“, erklärte Nadine. „Und ich werde dir dabei helfen.“

„Das würdest du wirklich tun?“ fragte Leo.

„Ja, lass mich nur machen.“ Sie lächelte ihn an. „Du, er ist immer noch steif.“

„Ist das ein Wunder, bei einer Frau wie dir?“

„Komm“, sagte Nadine und schob sich unter ihn, und Leo drang langsam in sie ein.

4

Bei ihren nächsten Treffen in der Hütte, kam Nadine nicht auf das Thema zu sprechen. Sie brachte wieder fast zweitausend DMark mit und wie versprochen auch den Pelzmantel. Sie liebten sich auf dem Pelz, und es war für Leo schöner als je zuvor.

Als sie sich das vierte Mal trafen, kam Nadine wieder darauf zu sprechen.

„Möchtest du noch, dass ich dir helfe, aus dem Dreck herauszukommen?“ fragte sie.

„Natürlich möchte ich das“, beeilte sich Leo zu sagen. „Lieber heute als morgen.“

„Gut, dann musst du erst mir helfen.“

„Dir?“ Leo sah sie erstaunt an. „Ich soll dir helfen? Was könnte ich schon für dich tun?“

„Hilf mir, ihn umzubringen.“

Leo richtete sich mit einem Ruck auf. Der Ozelot, unter den sie sich gekuschelt hatten, rutschte von seinen Schultern, und Nadine lag völlig entblößt unter ihm. Ihr Körper überzog sich mit einer leichten Gänsehaut. Aber das sah Leo nicht. Er sah nur ihr Gesicht, und er hörte sich sagen: „Das ist doch nicht dein Ernst.“

„Das ist mein Ernst“, antwortete Nadine fest.

„Du sprichst von Mord.“

„Ich weiß.“

„Lieber Himmel, du kannst dich doch scheiden lassen. Das geht doch heutzutage so leicht...“

„Nichts ist leicht bei ihm“, unterbrach ihn Nadine schroff. „Hast du das immer noch nicht kapiert? Er würde nie in eine Scheidung einwilligen, und wenn ich ausziehe, um die Scheidung zu erzwingen, würde er mich umbringen lassen, und der Mann, der dann bei mir wäre, würde das auch nicht überleben.“

„Aber... aber das ist doch Wahnsinn“, flüsterte Leo. „Wir können ihn doch nicht einfach umbringen.“

„Du musst es nicht tun“, sagte Nadine ruhig. „Ich bin dir nicht böse deswegen. Ich weiß, dass ich das nicht von dir verlangen kann. Aber kannst du dir vorstellen, dass ich seit Jahren an nichts anderes denken kann, als an seinen Tod? Und seit ich dich kenne, ist es noch viel schlimmer geworden.“

„Bitte, Nadine, sei vernünftig.“ Leo legte sich wieder zurück und deckte sich und Nadine mit dem Pelzmantel zu. Ihm war plötzlich kalt geworden. „Du denkst an Mord, als ob das etwas ganz Normales wäre...“

„Ich bin vernünftig“, erwiderte Nadine immer noch ruhig. „Noch bin ich es. Und ich denke an Mord, aus reinem Selbsterhaltungstrieb. Wenn ich nicht bald etwas unternehme, drehe ich durch in diesem Haus. Ich werde verrückt. Ich komme mir vor wie eine Gefangene, und ich bin nicht für ein Gefängnis geschaffen. Ich muss frei sein.“

„Wenn wir ihn umbringen, landen wir beide in einem wirklichen Gefängnis, und daraus wird es dann kein Entkommen geben. Ich habe fünf Jahre in Gefängnissen zugebracht. Ich weiß also, wovon ich spreche.“

„Wir werden nicht ins Gefängnis kommen“, sagte Nadine überzeugt. „Ich habe einen ausgezeichneten Plan, für einen perfekten Mord.“

„Es gibt keinen perfekten Mord“, sagte Leo.

„Es gibt ihn“, widersprach Nadine. „Mein Plan ist perfekt.“

„Und wie lange hast du den Plan schon?“ fragte Leo misstrauisch.

„Seit du gesagt hast, man sollte meinen Mann umbringen“, erklärte Nadine ruhig. „Seitdem habe ich intensiv darüber nachgedacht. Die Idee dazu hatte ich schon länger.“

„Ich soll gesagt haben, deinen Mann müsste man umbringen?“ fragte Leo verdutzt. „Wann habe ich das gesagt?“

„Bei unserem ersten Treffen. Damals vor dem Kaufhaus in meinem Wagen. Zu der Zeit dachte ich noch, du wärst der Kaufhausdetektiv.“

„Ich bin eine Weile hinter dir hergegangen, weil ich von deiner Schönheit geblendet war. Es war also reiner Zufall...“

„Für dich ja“, fiel sie ihm hastig ins Wort. „Für mich nicht. Für mich war es ein Wink des Schicksals. Es war ein Zeichen, endlich darüber nachzudenken, wie ich mich von ihm befreien könnte. Nur... alleine kann ich es nicht. Ich brauche jemanden dazu. Und wer wäre dafür besser geeignet, als jemand, den man liebt und von dem man geliebt wird?“

„Ich würde alles für dich tun, Nadine. Alles... Aber Mord... Ich kann doch nicht einen Menschen umbringen.“

„Damals, als du noch jung warst, hast du aus Eifersucht einen Mann fast totgeschlagen. Hast du mir selbst erzählt. Bin ich dir nicht soviel wert, wie die kleine Hure von damals?“

„Mein Gott, Nadine, damals war ich jung und unbeherrscht, und ich wusste nicht, was ich tat. Aber was du vorschlägst, wäre eiskalter, geplanter Mord. Dafür gibt es lebenslänglich Zuchthaus.“

„Nicht für dich und nicht für mich. Niemand wird mich je verdächtigen, und dich erst recht nicht. Außerdem wird ihm niemand eine Träne nachweinen. Die meisten werden sagen: Geschieht ihm recht. Er hat es nicht anders verdient. Und wir beide wären reich. So reich, dass es uns bis an unser Lebensende reichen würde.“

„Würdest du erben?“

„Ja.“

„Alles?“

„Ja.“

„Bist du ganz sicher?“

„Ganz sicher. Er hat kein Testament gemacht.“

„Woher weißt du das?“

„Ich habe es selbst gehört. Die Tür zu seinem Arbeitszimmer stand etwas offen, und ich habe gehört, wie sein Rechtsanwalt ihm vorgeschlagen hat, ein Testament zu machen. Aber er hat nur gelacht. Er meinte, er wäre noch zu jung für ein Testament; das wäre etwas für achtzigjährige. Er lebt nach dem Motto: Unkraut verdirbt nicht. Er glaubt, das ewige Leben gepachtet zu haben.“

Leo sah sie lange an. Sie hielt seinem Blick stand.

„Was geht nur in diesem hübschen Köpfchen vor“, sagte Leo kopfschüttelnd. „Man sollte nicht meinen, dass darin für solche schwarze Gedanken  Platz ist.“

„Wenn man so ein Leben führt wie ich, hat man seinen Peiniger in Gedanken schon auf hundert verschiedene Arten getötet“, sagte Nadine ruhig und sachlich, als erzähle sie ihm, was es morgen zum Essen gibt. „Ich wollte ihm schon den Hals zudrücken, aber dazu fehlt mir die Kraft. Ich hatte schon ein paar Mal ein Messer in der Hand, um es ihm ins Herz zu stoßen. Doch dann hielt mich immer wieder der Gedanke zurück, dafür ins Gefängnis zu kommen. Man würde mir sicher mildernde Umstände zubilligen, aber drei oder vier Jahre würde ich bestimmt absitzen müssen. Und ich würde nicht erben. Aber genau das will ich. Er hat mich gekauft wie eine Sklavin und hat mich als seinen Besitz betrachtet. Ich war sein persönliches Eigentum. Aus seiner Sicht ganz normal. Er hat eine Menge Geld in mich investiert; er hat meine Ausbildung bezahlt, hat meiner Mutter Geld gegeben, hat mich mit dem Allerbesten ausstaffiert, und er hat mich sogar geheiratet. Ich gehöre also ihm, mit Haut und Haaren... Mein Gott, wie beneide ich die Frauen, die sagen können: ‚Mein Körper gehört mir’. Mein Körper gehört ihm. Er bestimmt, was damit geschieht. Das hat er mir oft genug zu verstehen gegeben. Ich hasse ihn dafür. Ich hasse ihn so sehr, dass mir oft schwindlig wird, wenn ich nur daran denke. Kannst du verstehen, dass ich an nichts anderes mehr denken kann, als an seinen Tod? Eigentlich müsstest gerade du mich am besten verstehen. Du hast mir doch selbst erzählt, dass du oft daran gedacht hast, deinen Vater umzubringen.“

„Daran gedacht habe ich oft“, gab Leo zu. „Und ich habe meinen Vater genauso gehasst, wie du deinen Mann. Aber ich habe es nicht getan.“

„Weil du noch ein Kind warst“, sagte Nadine. „Du warst noch zu jung, um einen ausgeklügelten Plan zu entwerfen. Bei mir dauerte es sechs Jahre, bis ich soweit war. Sechs Jahre musste ich wie eine Gefangene Leben. Jetzt will ich für all diese Jahre entschädigt werden. Ich will seinen Tod und sein Geld. Sein ganzes Geld. Es ist genug für zwei. Für uns zwei, Leo. Uns hat das Schicksal zusammengeführt. Wir haben beide kein schönes Leben gehabt. Aber wir hatten auch nie eine Chance, mehr aus unserem Leben zu machen. Jetzt bietet sich diese Chance. Wir brauchen nur zuzugreifen. Zusammen schaffen wir es, das weiß ich. Karmann’s Tod könnte der Anfang eines wirklich schönen Lebens für uns beide sein. Lass es uns tun, Leo. Bitte, Leo, hilf mir. Alleine kann ich es nicht, und ich möchte es auch nicht. Es geht nur zu zweit, und ich möchte es mit dir tun. Ich wüsste keinen Menschen auf der Welt, mit dem ich es lieber tun würde, als mit dir.“

„Ich weiß nicht“, wandte Leo schwach ein. „Ein neues Leben auf einen Mord aufbauen...“

„Hast du Skrupel?“

« Es geht immerhin um Mord.“

„Aber es kommt doch darauf an, wer umgebracht werden soll“, sagte Nadine leidenschaftlich. „Würde es dir etwas ausmachen, einem räudigen Hund die Kehle durchzuschneiden?“

„Das ist doch was anderes...“

„Es ist nichts anderes, glaub mir. Er ist ein mieses, hinterhältiges, gemeines Schwein, eine Geisel der Menschheit, nicht nur für mich. Er betrügt den Staat, das Finanzamt und seine Geschäftspartner. Er besticht wichtige Leute in Ministerien oder erpresst sie, um ungestört Waffen in Krisengebiete liefern zu können, die er dort zu weit überhöhten Preisen verkauft. Er liefert an jeden, der in der Lage ist zu zahlen. Ob Regierungstruppen, Rebellen oder Terroristen, das ist ihm völlig egal. Durch seine schmutzigen Geschäfte ist er mitschuldig geworden am Tod von unschuldigen Frauen und Kindern. Er hat den Tod tausendmal verdient...“

„Weißt du, was du da sagst?“

„Natürlich weiß ich, was ich sage. Ich habe Beweise für meine Behauptung. Er hat Unterlagen in seinem Safe im Büro, und ich habe sie herausgenommen und kopiert.“

„Du hast Unterlagen, die deinen Mann ins Zuchthaus bringen könnten?“ fragte Leo überrascht.

„Ja, das habe ich. Aber ich will ihn nicht ins Zuchthaus bringen. Davon haben wir beide nichts. Ich will ihn tot sehen. Außerdem würde ihm bei seinen Beziehungen nicht allzu viel passieren. Die Politiker und Beamten, die er bestochen oder erpresst hat, würden ihm da raus helfen, um sich selbst zu schützen. Nein, davon hätten wir gar nichts. Wir haben nur etwas davon, wenn er tot ist. Nur sein Tod bietet uns die Chance, ein neues Leben zu beginnen.“

„Hast du die Unterlagen mit in deinen Plan eingebaut?“ erkundigte sich Leo. „Spielen sie eine Rolle?“

Nadine sah ihn erstaunt an. „Wie hast du das erraten?“

„Das war nicht schwer“, sagte Leo nicht ohne Stolz in der Stimme. „Weshalb hättest du sie sonst kopieren sollen, wenn du ihn nicht anzeigen willst?“

„Du kannst gut kombinieren“, lobte Nadine. „Das gefällt mir. Jetzt bin ich ganz sicher, dass wir es schaffen. Wir beide werden ein unschlagbares Team sein.“ Nadine stützte sich auf den Ellenbogen. „Ja, die Unterlagen sind ein Teil meines Planes. Ein sehr wichtiger Teil.“

„Erzähl mir von deinem Plan.“

„Bist du dabei?“

„Ich denke, du hast recht. Warum sollte man Skrupel haben, einen Mann wie Karmann umzubringen, wo er doch Tausende auf dem Gewissen hat. Ja, ich glaube, ich bin dabei.“

Nadine nickte zufrieden. „Gut, das genügt mir. Selbstverständlich kannst du dir alles noch überlegen bis zu unserem nächsten Treffen.“

„Wann wird das sein?“

„Morgen ist Mittwoch“, überlegte Nadine. „Da geht’s bei mir nicht. Aber am Donnerstag, wie immer um zwei hier.“

Leo nickte, und Nadine begann, ihm ihren Plan zu erklären. Sie redete fünf Minuten, und als Leo erfuhr, dass da noch ein zweiter Mann mit im Spiel war, wurde er sofort misstrauisch. Leo stellte Fragen, und Nadine gelang es, nach und nach seine Zweifel zu zerstreuen. Aber ein Rest Misstrauen blieb, was allerdings daran lag, dass ihm etwas an der technischen Durchführung nicht ganz behagte.

„Ich werde darüber nachdenken“, sagte Leo, ohne sich sein Misstrauen weiter anmerken zu lassen.

„Tu’ das“, nickte Nadine. „Ich glaube zwar nicht, dass man daran etwas ändern kann, aber vielleicht fällt dir eine kleine Verbesserung ein.“

„Irgendwie ist mir der Plan viel zu kompliziert“, erklärte Leo. „Zu viele Umwege und...“

„Das muss so sein“, unterbrach ihn Nadine hastig. „Auf uns darf nicht der Schatten eines Verdachts fallen.“

„Natürlich nicht, aber...“ Leo zuckte mit den Schultern. „Ich denke darüber nach.“

„Gut.“ Nadine zog ihr Höschen an und schlüpfte in ihre grüne Bluse. Dann nahm sie ein Bündel Geldscheine aus ihrer Handtasche und reichte es Leo. „Hier. Ich konnte noch ein paar Scheine auftreiben.“

„Soll mir das beim Nachdenken helfen?“ platzte Leo heraus.

Nadine sah ihn eine Weile schweigend an. Aus ihren graugrünen Augen schossen Blitze. Dann sagte sie langsam: „Es tut mir leid, dass ich dir Geld gegeben habe. Wenn du so darüber denkst, bringe ich dir natürlich keins mehr.“

„Nun sei nicht gleich beleidigt“, lenkte Leo sofort ein. „Es tut mir leid, was ich gesagt habe.“

„Ich gebe dir Geld, weil ich möchte, dass es dir gut geht“, erklärte Nadine schon wieder ruhiger. „Ich will nicht einmal wissen, wozu du das Geld ausgibst. Ich dachte mir nur, es könnte nicht schaden, wenn du dich mal neu einkleiden würdest. Und vielleicht möchtest du dir auch ein neues Auto, das heißt, zumindest ein besseres Auto kaufen. Tu’ mit dem Geld was du willst, aber denke nicht, ich hätte dich damit kaufen wollen. Das stimmt nämlich nicht.“

„Das denke ich ja auch gar nicht“, sagte Leo zerknirscht. „Es ist mir einfach nur so rausgerutscht. Entschuldige, bitte. Es war wirklich nicht so gemeint.“

Nadine lächelte ihn an und küsste ihn auf die Nasenspitze. „Es gefällt mir, wenn sich jemand für eine Verfehlung entschuldigen kann. Er hätte das nie getan. Er hätte höchstens hämisch gelacht und hätte mich noch in den Hintern getreten.“

„Ich glaube, er wird dich bald nicht mehr in den Hintern treten können“, sagte Leo. Er zog sie in seine Arme und küsste sie leidenschaftlich. Nadine schob ihn sanft zurück.

„Ich muss gehen“, sagte sie. „Es wird höchste Zeit.“

Sie zog sich an, und Leo zog sich ebenfalls an. Er half Nadine in den Ozelot und begleitete sie zur Tür. Er blieb unter der offenen Tür stehen und wartete, bis sie mit dem Wagen durch das Tor gefahren war. Er brauchte keine Angst zu haben, gesehen zu werden. Draußen regnete es in Strömen, und der Regen ging langsam in Schnee über, und alles erschien ihm grau in grau. Nur seine Zukunft erschien ihm jetzt wesentlich heller und freundlicher. Er hätte ihr sofort sagen können, dass er mitmachen würde, trotz seines leichten Misstrauens. Er wusste, dass das die Chance war, auf die er gewartet hatte. So eine Chance bekommt man nur einmal im Leben geboten. Er musste sich zu seiner Sicherheit nur immer wieder den Plan durch den Kopf gehen lassen. Immer wieder.

5

Am nächsten Morgen war Leo schon sehr früh auf. Er kaufte sich an einem Kiosk beide Tageszeitungen und las sie an Ort und Stelle durch. Er fand in beiden Zeitungen, was er suchte, und fuhr sofort zum Arbeitsamt.

Elsa Gottlieb, die sich bisher sehr viel Mühe gegeben hatte, ihm eine annehmbare Arbeit zu vermitteln, sah überrascht auf, als er das Zimmer betrat.

„Guten Morgen, Herr Kampen! Ist was passiert?“

„Warum? Was soll passiert sein?“

„Es ist Viertel nach acht.“ Frau Gottlieb zeigte auf ihre Armbanduhr. „So früh waren Sie noch nie hier.“

Leo legte die Zeitung auf den Tisch, den Anzeigenteil nach oben, und deutete auf eine großformatige Anzeige.

„Da möchte ich arbeiten. Warum haben Sie mir da noch nie was vermittelt?“

„Bei Karmann?“ fragte Frau Gottlieb überrascht. „Das ist eine Waffenfabrik. Also hauptsächlich Metallarbeit. Und die suchen in erster Linie Schlosser und Feinmechaniker und gelernte Waffenschmiede...“

„Auch Hilfsarbeiter“, unterbrach sie Leo und deutete noch einmal auf die Anzeige. „Hier steht’s doch.“

„Wissen Sie, was man da als Hilfsarbeiter zu tun hat?“

„Keine Ahnung.“ Leo zuckte mit den Schultern. „Wie wäre es damit?“ Leo deutete wieder auf das Inserat. „Die suchen doch auch jemanden zum Anlernen an einen Drehautomaten.“

„Würde Ihnen das gefallen?“

„Man könnte es doch mal versuchen.“

„Aber bisher haben Sie so was doch immer abgelehnt“, sagte Elsa Gottlieb erstaunt.

„Einen Drehautomaten hatten wir bisher noch nicht“, widersprach Leo. „Immer nur mechanische Drehbänke. Vermutlich irgend so alte Apparate, wo man sich das Handgelenk kaputtmacht vor lauter drehen und kurbeln. Aber so ein Drehautomat... Da geht alles automatisch, wissen Sie.“

Elsa Gottlieb lächelte. „Ich möchte Sie ja in Ihrem momentanen Eifer nicht bremsen...“ Sie schrieb etwas auf einen Zettel und reichte ihn Leo. „Ich kenne den Personalchef der Firma gut. Ich habe Ihnen den Namen aufgeschrieben. Er heißt Albert Gillner. Ich werde ihn anrufen und Sie anmelden. Ist Ihnen das recht?“

„O ja!“ strahlte Leo sie an. „Das wäre mir sogar sehr recht. Und wenn Sie ihm dann auch gleich sagen, wer ich bin... Ich meine, dass ich ein Knacki bin und so.“

„Ich werde ihm sagen, dass Sie ein wenig gestrauchelt sind“, erklärte Elsa Gottlieb. „Dass Sie aber arbeitswillig sind und noch einmal ganz von vorn anfangen wollen.“

„Sehr schön“, lobte Leo. Er strahlte noch immer über das ganze Gesicht. „Heute habe ich ein gutes Gefühl. Ich glaube, heute klappt es. Vielen Dank, Frau Gottlieb. Sie waren mir wie immer eine große Hilfe... Soll ich Ihnen mal was sagen? Ich glaube, wenn es Sie nicht gäbe, wäre ich vermutlich längst wieder im Knast.“ Er winkte der stolz lächelnden Frau Gottlieb zu und ging hinaus.

Leo parkte seinen alten, verrosteten Golf auf einem freien Platz vor dem nagelneuen Bürogebäude. Es war erst vor zwei Jahren errichtet worden. Der schäbige alte Bau, der vorher dort gestanden hatte, war abgerissen worden.

Hinter der Glasscheibe an der Anmeldung saß eine ältliche Dame mit weißem Haar und starker Brille.

„Ich möchte zu Herrn Gillner“, sagte Leo durch die kleine Klappe, welche die Frau öffnete.

„Kommen Sie wegen einer der ausgeschriebenen Stellen?“ erkundigte sich die Frau.

„So ist es, liebe Frau“, lächelte Leo.

„Dann nehmen Sie mal dort drüben Platz.“ Sie zeigte auf eine Sitzecke, schräg gegenüber der Anmeldung. „Herr Gillner wird Sie dann aufrufen.“

„Ich bin bei Herrn Gillner von Frau Gottlieb vom Arbeitsamt angemeldet.“

„Wie ist Ihr Name?“

„Kampen. Leo Kampen.“

„Gut. Nehmen Sie bitte Platz.“

Leo schlenderte zu der Sitzecke und setzte sich. Er kannte das zur Genüge. Er würde jetzt eine halbe Stunde oder gar eine Stunde warten müssen. Dann würde jemand kommen und ihn zu diesem Gillner bringen, oder er würde gleich sagen, dass es keinen Sinn hätte, weiter zu warten, die Stelle wäre schon besetzt. So war es ihm meistens ergangen, wenn Frau Gottlieb so liebenswürdig war, ihn anzumelden. Nur diesmal wollte er die Stelle auch nicht haben. Er wollte nur Gillner sehen und mit ihm sprechen. Wenigstens ein paar Worte. Er wollte wissen, was Gillner für ein Mensch war.

Außerdem hoffte Leo, Karmann zu sehen. Er hatte zwar schon einiges über Karmann gehört, aber gesehen hatte er ihn noch nie.

Zu einem Vorstellungsgespräch mit Gillner kam es nicht. Dafür bekam er Gillner und Karmann zu sehen. Aber anders, als er es sich vorgestellt hatte.

Er hatte knapp eine Viertelstunde in der Besucherecke gewartet, als ein kleiner, zur Fülle neigender Mann wie eine Furie zur Tür hereingeschossen kam. Unter dichten, schwarzen Augenbrauen, spien eisgraue Augen Blitze aus, und die Nasenflügel der breiten Nase schienen vor Wut zu beben. Fehlte nur noch, dass ihm die wenigen Haare auf seinem breiten Schädel zu Berge standen.

„Wer hat da seinen dreckigen Rosteimer auf meinen Platz gestellt?“ schrie der Mann unbeherrscht.

Die weißhaarige Frau rannte mit eingezogenem Genick aus ihrem Glaskasten.

„Tut mir leid, Herr Karmann, ich habe nicht darauf geachtet“, sagte die alte Dame unterwürfig. „Ich hatte heute Morgen soviel zu tun...“

„Rufen Sie die Nummer des Wagens im Betrieb aus!“ herrschte Karmann die Frau an. „Der Besitzer dieses Dreckeimers soll sich augenblicklich bei mir melden! Der Kerl fliegt auf der Stelle raus!“

„Ja natürlich, Herr Karmann...“

Die weißhaarige Dame verschwand hastig in ihrem Kasten, kam wieder herausgestürzt und rannte vor die Tür, um sich die Nummer des Wagens aufzuschreiben.

Leo ahnte zwar, dass es um seinen Wagen ging, sagte aber kein Wort. Er blieb still auf seinem Stuhl sitzen und beobachtete Karmann.

Nachdem was Nadine ihm erzählt hatte, müsste Karmann gerade fünfzig sein. Aber er sah älter aus. Vielleicht ließ ihn nur die spiegelblanke Glatze, die von einem dünnen Kranz dunkler Haare umringt war, älter erscheinen. Ansonsten war er genau so, wie Leo ihn sich vorgestellt hatte: Unbeherrscht, arrogant und in höchstem Maße autoritär. Ein Mann, der nur seine Geschäfte im Kopf hatte, der immerzu nur dachte, wie er noch mehr Geld machen konnte; ein Mann, den niemand liebte, nicht einmal seine eigene Frau.

Zitternd vor Wut machte sich Karmann auf den Weg zu den Büros. Da sah er Leo sitzen.

„Wer sind Sie?“ fauchte er Leo an.

„Ich komme auf Ihre Stellenanzeige in der Tageszeitung“, sagte Leo. Er blieb dabei sitzen. „Die Stelle am Drehautomaten würde mich interessieren.“

„Gehört Ihnen der Rostkübel da draußen?“

„Wenn Sie den grünen Golf meinen, der gehört mir“, antwortete Leo ruhig.

„Was?“ Karmanns Unterlippe begann zu zucken. „Sie stellen Ihre Rostkarre auf meinen Parkplatz und wagen es auch noch, sich bei mir um eine Stellung zu bewerben. Raus! Machen Sie sofort, dass Sie rauskommen, oder ich lasse das Vehikel einstampfen!“

„Es hat nicht jeder soviel Geld wie Sie“, entgegnete Leo gelassen.

„Soviel Unverschämtheit ist mir doch noch nie untergekommen!“ schrie Karmann. „Raus! Verschwinden Sie, aber schnell, bevor ich mich vergesse!“

Leo erhob sich langsam.

„Ich konnte ja nicht wissen, dass das Ihr Parkplatz ist.“ Leo versuchte höflich und ruhig zu bleiben. Es fiel ihm jetzt doch ziemlich schwer.

„Raus!“ Karmanns Stimme überschlug sich fast.

In diesem Augenblick betrat ein großer, schlanker Mann mit braunem, borstigem Haar und langem Pferdegesicht die Empfangshalle. Er musste Karmanns Geschrei gehört haben. Aber er tat so, als hätte er nichts gehört. Er blieb vor Leo stehen und fragte: „Herr Kampen?“

„Ja.“

„Würden Sie bitte mitkommen?“

„Wenn dieser Mann auch nur einen Schritt Richtung Büros macht, fliegen Sie mit ihm raus, Gillner!“ herrschte Karmann ihn an.

Gillner wandte sich unerschrocken an seinen Chef. „Herr Karmann, dieser Mann wurde mir von Frau Gottlieb vom Arbeitsamt avisiert. Er hat ein paar Jahre Gefängnis hinter sich, aber Frau Gottlieb hat mir versichert, er wäre arbeitswillig und wolle ganz von vorn anfangen. Ich meine...“

„Was?“ brüllte Karmann. „Auch noch ein Zuchthäusler! Raus! In meinem Betrieb werden keine Zuchthäusler beschäftigt. Schon gar nicht solche wie der da. Machen Sie, dass Sie rauskommen, oder ich zertrete Sie wie eine Wanze!“

Gillner wollte etwas sagen, aber Leo hob die Hand. „Tut mir leid, Herr Gillner. Ich hätte ja gerne hier gearbeitet, aber Herr Karmann scheint etwas gegen Leute zu haben, die rostige Autos fahren und schon mal im Gefängnis waren.“ Leo ging langsam auf die Tür zu. „Da kann man nichts machen. Habe ich eben Pech gehabt. Meistens ist es nur meine Vergangenheit, die mir meine Zukunft verbaut. Heute war es meine Vergangenheit und mein altes Auto.“

Karmann lief vor Zorn rot an. Mit erhobener Faust ging er auf Leo zu.

Aber Leo war schneller. Er riss die Tür auf, lief zu seinem Wagen, startete ihn und verließ das Betriebsgelände.

„Scheiße!“ schrie er gegen die Windschutzscheibe. „Verdammte Scheiße!“

Er hatte es verbockt. So hatte er es sich nicht vorgestellt. So nicht. Er wollte eigentlich nur Gillner sehen und ein paar Worte mit ihm wechseln. Und wenn möglich einen Blick auf Karmann werfen. Und dann hatte er so einen Auftritt.

Es wäre ja alles nicht weiter schlimm gewesen, wenn nicht die weißhaarige Alte von der Anmeldung alles mitbekommen hätte.

Verdammt, wer konnte auch ahnen, dass der Karmann so ein Arschloch ist? dachte Leo verzweifelt. Und dann dieser Gillner. Das war ja das Schlimmste. Posaunte der doch glatt aus, dass ich schon ein paar Jahre Gefängnis hinter mir habe. Dass Karmann das gehört hat, ist vollkommen egal. Aber die Alte. Die wird das nie vergessen. Nie!

Großer Gott, was wird nur Nadine sagen? In einer halben Stunde oder spätestens in einer Stunde wird sie es wissen. Gillner wird sie davon unterrichten, ist doch klar. Er wird ihr sagen... Verdammt noch mal, ist doch egal, was er ihr sagen wird. Wichtig ist nur, was Nadine morgen sagen wird. Mein Gott, was mache ich jetzt? Ich muss das irgendwie wieder ins Reine bringen. Ich muss!

Er fuhr in die Bessererstraße, wo er in einem alten, großen Haus im dritten Stock ein schäbiges Zimmer bewohnte. Er legte sich auf das Bett und dachte nach. Es war schon Spätnachmittag, als er sich zu einem Entschluss durchgerungen hatte. Er stand auf, packte die wenigen Habseligkeiten zusammen, die ihm gehörten, ging zu seiner Vermieterin und kündigte die Wohnung.

6

Nadine blieb erschrocken unter der Tür stehen.

„Was machen Sie...“ Sie brach mitten im Satz ab und riss erstaunt die Augen auf. „Leo! Bist du’s wirklich?“

„Ich bin’s wirklich“, lächelte Leo.

„Mein Gott, wie kann ein Mensch sich nur so verändern.“ Nadine starrte ihn immer noch ungläubig an. „Ich glaube, wenn ich dir draußen begegnet wäre, hätte ich dich nicht erkannt.“

„Wenn du das sagst, dann ist es mir wirklich gelungen.“

„Das ist dir gelungen.“ Nadine schloss die Tür und blieb zwei Schritte vor Leo stehen. Sie musterte ihn aufmerksam von unten nach oben.

Leo sah aus wie ein Dressman, als käme er gerade von einer Modenschau. Er trug schwarze, modische Schuhe, eine schwarze, glatte Hose und ein schwarzes Hemd. Um den Hals hatte er einen weißen Seidenschal geschlungen. Über dem Hemd trug er eine weiße Strickjacke mit Schalkragen. Seine vorher braunen, glatten Haare waren jetzt schwarz mit lauter kleinen Löckchen. Über der Oberlippe hatte er sich ein kleines Bärtchen angeklebt.

„Na, was ist?“ fragte Leo. „Gefalle ich dir?“

„Sehr gut“, sagte Nadine bewundernd. „Wirklich sehr gut. Wenn ich dich nicht schon lieben würde, würde ich mich auf der Stelle in dich verlieben.“

„Das höre ich gern“, lachte Leo geschmeichelt. „Aber ich hatte auch wirklich etwas gutzumachen.“

„Ja, das hattest du.“ Nadines Gesichtszüge verfinsterten sich von einer Sekunde zur anderen. „Was du gemacht hast, war so bescheuert, dass mir einfach die Worte fehlten. Ich habe dann lange darüber nachgedacht, und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass wir die Sache abblasen müssen.“

„Bist du jetzt immer noch der Meinung?“

„Nein, jetzt nicht mehr. Ich bin ehrlich überrascht. Du hast dir wirklich was einfallen lassen, um deinen Fehler wieder gutzumachen.“

„Ich habe noch mehr getan“, sagte Leo lächelnd. „Ich habe meine Wohnung gekündigt und wohne vorübergehend in einem Hotel, bis ich eine neue Wohnung gefunden habe.“

„Das ist sehr gut“, lobte Nadine. „Such dir eine nette Wohnung in einer ruhigen Gegend. Möglichst eine mit eigenem Eingang. Hier können wir uns ohnehin bald nicht mehr treffen.“

„So eine Wohnung wird nicht leicht zu finden sein“, sagte Leo.

Nadine dachte eine Weile nach. Dann sagte sie: „Ich glaube, ich habe da schon was. Ruf’ mich morgen Nachmittag punkt zwei Uhr zu Hause an, dann kann ich dir mehr sagen.“ Nadine deutete auf das Bärtchen. „Das geht natürlich nicht. Ein angeklebter Bart ist ein zu großes Risiko.“

„Das ist mir auch klar.“ Leo zog sofort den Bart ab und rieb mit der Hand den Klebstoff weg. „Ich wollte dir nur zeigen, wie ich mit Bart aussehe. Ich habe die Absicht, mir einen wachsen zu lassen.“

„Das ist nicht gut“, sagte Nadine. „Er wird braun wachsen, und dein Haar ist jetzt schwarz.“

„Verdammt, daran habe ich nicht gedacht.“ Leo fühlte, wie es heiß in ihm aufstieg. Er wollte doch so perfekt sein.

„Macht nichts“, lächelte Nadine. „Du hast schon an eine ganze Menge gedacht.“ Sie blickte ihm in die Augen. „Kann ich jetzt davon ausgehen, dass alles klar ist?“

Leo nickte. „Alles klar. Du kannst mit mir rechnen.“

„Gut, dann muss ich dir zunächst noch einmal sagen, wie hirnverbrannt es war, was du gemacht hast“, tadelte ihn Nadine. „Warum bist du überhaupt in den Betrieb gegangen?“

„Es war natürlich nicht so geplant, wie es dann gelaufen ist“, sagte Leo entschuldigend. „Eigentlich wollte ich ja nur Giller sehen.“

„Warum?“

„Ich weiß nicht. Einfach so.“

„Du hast mir nicht getraut, stimmt’s?“ Nadine suchte seinen Blick. „Du hast mir nicht geglaubt, dass ich mit Gillner nie geschlafen habe.“

„Ein bisschen hast du recht“, gab Leo zu. „Aber nur ein bisschen. Ich wollte den Mann sehen, mit dem du einen kaltblütigen Mord geplant hast, ohne mit ihm geschlafen zu haben. Sein Motiv war mir nicht ganz klar.“

„Und jetzt?“

„Jetzt sehe ich etwas klarer. Er könnte in der Tat der Mann sein, der kaltblütig einen Mord plant, nur um seinem Chef eins auswischen zu können, nur um ihn in die Hand zu bekommen, um ihn erpressen zu können. – Hat er dich gleich angerufen?“

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