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Drei Tage und drei Nächte

1. KAPITEL

Die junge Frau hob die Stoppkelle, trat vom Straßenrand auf den Zebrastreifen und brachte damit seinen Wagen zum Stehen. Eine Schar Kindergartenkinder wartete darauf, die Straße überqueren zu können und in den Park auf der gegenüberliegenden Seite zu kommen. Jedes der Kleinen trug eine Butterbrotdose unter dem Arm.

Genau der richtige Tag für ein Picknick im Park, dachte Peter und lächelte unwillkürlich über die fröhlichen kleinen Gesichter.

„Tolles Auto!“

Der anerkennende Kommentar riss Peter aus seinen Gedanken, und er richtete seinen Blick auf die Kindergärtnerin mit der Stoppkelle. Ein offenes Lachen stand auf ihrem Gesicht, die Augen funkelten verschmitzt. Macho in protzigem Cabrio für eine Truppe Kleinkinder angehalten, schien sie in Gedanken zu sagen. Sie genoss ihre augenblickliche Macht ganz offensichtlich. Peter machte es nichts aus. Ihr Lachen war ansteckend, und so grinste er zurück.

Jetzt drehte sie sich zur Seite, um den Kleinen über die Straße zu helfen, und ein Funke von Interesse flammte in Peter auf. Er konnte nicht umhin, sie zu beobachten. Sie gefiel ihm. Ihre Jeans schmiegte sich um ihren runden Po und ihre extrem langen Beine. Sie war sehr groß, wohl kaum kleiner als er selbst. Das T-Shirt mit dem runden Ausschnitt betonte ihre schmale Taille und ihre festen, runden Brüste. Ganz eindeutig war sie eine Augenweide.

Ihm gefiel es auch, dass sie ihr Haar zu einem schlichten Pferdeschwanz gebunden hatte. Dunkles Haar, fast schwarz. Der Zopf wippte vorwitzig, während sie den Kopf hin- und herdrehte, um ihre Schützlinge zu überwachen. Ihre zierliche Stupsnase zeigte frech leicht nach oben, und ihre kleinen Ohren ließen ihn an eine Elfe denken. Sie hatte helle, klare Haut und trug offensichtlich kein Make-up, außer dem rosa Lipgloss, das zu ihrem pinkfarbenen T-Shirt passte. Diese Frau war eine natürliche Schönheit. Ungefähr Mitte zwanzig? Schwer zu schätzen.

Das letzte Kind, ein kleiner Junge, fasste jetzt nach ihrer Hand, als würde er nach einem heiß ersehnten Preis greifen, und zog sie entschlossen mit sich. Ich kann’s dir nicht verübeln, Kleiner, dachte Peter und sah, wie der Junge bewundernd zu ihr aufschaute.

Jetzt drehte sie sich zu Peter um und sah ihn direkt an. Mit diesem wunderbaren Lächeln winkte sie mit der Kelle, ein kecker Gruß, um sich bei ihm für seine Geduld zu bedanken. Er hob die Hand und grüßte zurück, und sein Mund verzog sich automatisch ebenfalls zu einem Lächeln. Spontan erfasste ihn ein seltsames Glücksgefühl. Er beobachtete, wie sie mit dem Jungen an der Hand im Park verschwand, und am liebsten hätte er seinen Wagen geparkt und wäre ihr gefolgt.

Hinter ihm ertönte eine Hupe.

Widerstrebend fuhr er an, obwohl er wusste, dass sein Impuls, ihr folgen zu wollen, absolut unsinnig war. Was verband ihn schon mit einer Kindergärtnerin? Aber hatte Prinzessin Diana nicht auch mit kleinen Kindern gearbeitet, bevor sie Prinz Charles heiratete? Sicher, die Ehe war schiefgegangen, aber Diana würde den Menschen immer als Königin der Herzen in Erinnerung bleiben. Sie hatte die Menschen berührt …

Welche Frau hatte ihn in den letzten Jahren berührt? Peter Ramsey, begehrtester Junggeselle in ganz Sydney, Erbe eines Milliardenvermögens und zudem Milliardär aus eigener Kraft, kannte den Grund nur zu genau, warum er jede schöne Frau haben konnte. Für sein Sexleben war das natürlich fabelhaft, doch keine hatte auch nur annähernd tiefe Gefühle in ihm geweckt, sodass die Beziehung den ersten Lustrausch überdauert hätte. Vielleicht lag es ja auch an ihm. Vielleicht war er zu zynisch geworden, weil sich immer die Frage nach seinem Vermögen stellte, sobald das Wörtchen „Heirat“ sich einschlich.

Selbst das hübsche Ding dort mit dem Pferdeschwanz … Hatte sie ihn nur wegen seines Sportwagens angelächelt?

Trotzdem … großartiges Lächeln.

Und der Funke Interesse war noch immer da.

Geh sie dir anschauen, flüsterte dieser Funke ihm zu. Du hast doch Zeit.

Und Lust.

Nach der künstlichen Manieriertheit von Alicia Hemmings – seiner letzten Ex – wäre es … erfrischend und aufregend, eine Frau kennenzulernen, die völlig natürlich auf ihn reagierte. Vor allem im Bett. Keine Vorspiegelung falscher Tatsachen, immer mit Hintergedanken und Blick auf den Nestbau. Nein, wenn er hinterher dieses natürliche Lächeln sehen würde, dann …

Noch während er sich selbst für seine abstrusen Hirngespinste verspottete, schlug er das Lenkrad ein und bog in die nächste Seitenstraße. Er parkte den Wagen im ersten Parkplatz, den er fand. Ein Druck auf den Knopf, und das Faltdach fuhr hoch und schloss sich über ihm. Da er nicht als der Cabriofahrer erkannt werden wollte, zog er die Kappe vom Kopf, setzte die Sonnenbrille ab, zog Jackett und Krawatte aus und öffnete den obersten Knopf seines Hemdes. Schnell rollte er noch seine Ärmel auf und setzte sich dann in Bewegung zu einem harmlosen Spaziergang im Park.

Es war durchaus denkbar, dass man ihn als Peter Ramsey erkannte, angesichts der Häufigkeit, mit der sein Gesicht in den Medien auftauchte. Aber wer würde das schon glauben, an einem solchen Ort? Außerdem war es so oder so egal. Die Frau war von Kindern umringt, also kaum der richtige Zeitpunkt, sich ihr vorzustellen – auf welche Weise auch immer. Natürlich war dieser Impuls, ihr zu folgen, absurd, dennoch ließ ihn die Neugier nicht los. Im Gegenteil, sie war geradezu drängend geworden. Diese Frau war einfach anders, sie gehörte nicht zu der Sorte, die in seiner Welt lebte.

An einem Kiosk kaufte er sich zwei Sandwiches und eine Dose Cola. Eigentlich war es doch eine gute Idee, und jeder würde es nachvollziehen können, dass er seinen Lunch hier im Park einnahm. Es machte ihm sogar Spaß, dieses neue Spiel, sich zu geben, als wäre er ein anderer. So impulsiv zu handeln war auf jeden Fall nicht langweilig.

Die Kinder saßen im Gras, von einem Feigenbaum mit ausladenden Ästen und großen Blättern vor der heißen Mittagssonne geschützt. Alle Gesichter waren auf die dunkelhaarige Frau mit dem Pferdeschwanz gerichtet, die anscheinend eine Geschichte erzählte, der alle konzentriert lauschten. Peter ließ sich auf einer Bank in der Nähe nieder, von wo aus er die junge Frau beobachten und gleichzeitig der Geschichte zuhören konnte.

Ihr Gesicht war äußerst lebendig, und es war ein wunderschöner Anblick, ihr zuzusehen. Auch ihre Stimme war faszinierend. Mit wunderschönen Versen und einem fließenden Singsang erzählte sie das Märchen von einer Prinzessin mit einem magischen Regenbogenlächeln und einem Herzen aus Gold, die aus dem wunderbaren Immerland gekommen war, um allen Kindern Glück und Freude zu bringen.

Natürlich kam auch ein Bösewicht in dem Märchen vor – ein wirklich mieser und heimtückischer Bengel, der nur schwarz trug und es darauf anlegte, jedem Kind die Freude zu verderben und Lügen über die Prinzessin zu verbreiten, damit sie aus dem Leben der Kinder verschwand. Nur ein kleiner Junge glaubte die Lügen des Schlingels nicht, und mit mächtigem Löwengebrüll rief er die Prinzessin aus Immerland zurück und stellte den gemeinen Kerl als das bloß, was er war – als hinterhältigen, elenden Lügner.

Das klassische Märchen – Gut siegt über Böse. Und doch war Peter fasziniert von den Reimen und dem lebendigen Vortrag. Die Kleinen schienen die Geschichte auswendig zu kennen, denn manchmal fielen sie in die Reime mit ein, und vor allem, als die Erzählung zu der Stelle mit dem Löwengebrüll kam, waren sie alle mit vollem Einsatz dabei. Offenbar handelte es sich um ein bekanntes Kinderbuch. Peter nahm sich vor, sich danach zu erkundigen. Er würde es als Geschenk für seinen Neffen kaufen.

Nachdem die letzte Zeile verklungen war, sprangen die Kinder auf und fassten sich bei den Händen, um einen Ringelreihen zu tanzen. Natürlich gab es Gerangel, wer denn nun die Hand der Geschichtenerzählerin halten durfte. Bis einer der anderen Erwachsenen vorschlug: „Stell dich doch als Prinzessin in die Mitte des Kreises, Erin.“

Erin also … ein hübscher Name. Und offensichtlich konnte sie gut mit Kindern umgehen, denn jedes der Kleinen betete sie geradezu an.

Nun, er fühlte sich ebenfalls zu ihr hingezogen und keineswegs nur wegen ihres Äußeren, auch wenn dessen Wirkung ihm mehr und mehr zu schaffen machte. Er stellte sich vor, wie sie ihm Märchen erzählen würde … erotische Märchen im Bett. So wie Scheherazade dem Sultan.

Das würde ihm gefallen. Sehr sogar.

Doch wie konnte er Prinzessin Erin auf ungezwungene Weise kennenlernen?

Vielleicht war sie ja verheiratet. Oder bis über beide Ohren verliebt. Energisch verdrängte Peter diese Gedanken. Er musste sich auf das Wesentliche konzentrieren, um sein Ziel erreichen zu können.

Einen direkten Weg gab es hier wohl nicht. Wie viel einfacher war es da für seinen Freund und jetzigen Schwager Damien Wynter gewesen. Nach dem ersten Blick auf Peters Schwester war Damien vorangestürmt und hatte Charlotte davon überzeugt, ihn heiraten zu müssen und nicht den Mitgiftjäger, der fast schon einen Ring an Charlottes Finger gesteckt hatte.

Peter erinnerte sich daran, dass er Damien gefragt hatte, woher er so genau wusste, dass Charlotte die Richtige war. Die Antwort würde Peter wohl nie vergessen.

„Irgendwo klingelt da was in deinem Kopf. Eine Stimme sagt dir, dass du das, was du mit dieser Frau vielleicht haben könntest, auf gar keinen Fall verpassen darfst. Weil sie diejenige ist, auf die du gewartet hast.“

Wollte ihm sein Instinkt etwa sagen, Erin sei die Richtige? Sofort spöttelte die Stimme der Erfahrung, dass hier eindeutig die Pferde mit ihm durchgingen. Dennoch wusste er, dass er im Moment nichts lieber wollte, als hierzubleiben und Erin zuzusehen. Und wer konnte sagen, wo es ihn hinführen würde? Vielleicht zu etwas Besserem, als er es aus der Vergangenheit gewohnt war. Auch wenn das eher unwahrscheinlich …

„Hey!“, schrie eine der Erzieherinnen alarmiert auf, als ein Mann den Kreis der tanzenden Kinder sprengte, einen kleinen Jungen in seine Arme riss und fest an sich drückte.

„Er ist mein Sohn!“, knurrte er die drei Frauen an, die sofort auf ihn zustürmten. Fast klang es wie das Knurren eines wilden Tieres. Der Mann wich mit ruckartigen Bewegungen zurück, den Jungen noch immer an seine Schulter gepresst.

Die Frauen redeten auf den Mann ein, und die Kinder begannen zu weinen, aufgeregt durch die bedrohliche Atmosphäre, die so plötzlich entstanden war.

Peter sprang auf und schritt vorsichtig auf die Gruppe zu. Fetzen der erregten Unterhaltung drangen an sein Ohr, während er um die große Feige herumging, um sich rücklings an den verzweifelten Vaters anzupirschen.

„Ich bin sein Vater. Ich habe jedes Recht der Welt, Thomas mitzunehmen.“

„Wir tragen die Verantwortung für Thomas, Mr. Harper. Seine Mutter hat ihn uns für den Tag überlassen, und …“

„Seine Mutter hat ihn mir weggenommen. Er ist mein Sohn!“

„Das sollten Sie mit Ihrer Frau klären, Mr. Harper.“

„Zu mir lässt sie ihn nicht, aber dann lädt sie ihn bei Leuten wie Ihnen ab. Sie bedeuten ihm doch nichts, wer sind Sie schon? Aber ich, ich bin sein Vater!“

„Wir werden die Polizei verständigen müssen, wenn Sie Thomas mitnehmen.“

„Mr. Harper, das ist keine gute Idee. Wenn Sie im Gefängnis sitzen, werden Sie Ihren Sohn erst recht nicht sehen können.“ Das war Erins Stimme, die leise an seine Vernunft appellierte.

Doch ein hysterisches Lachen machte alle Vernunft zunichte. „Das nennt man wohl Gerechtigkeit, was? Ich habe nichts Falsches getan, aber meine untreue Ehefrau, diese Schlampe, darf meinen Sohn behalten!“

„Gehen Sie vors Familiengericht“, versuchte Erin es weiter. „Dort bekommen Sie eine faire Verhandlung, wenn Sie …“

„Fair? Nichts ist fair!“ Tränen der Wut und der Verzweiflung schossen in Mr. Harpers Augen. „Sie hat ihrem aufgeblasenen Staranwalt unmögliche Lügen über mich erzählt. Mir bleibt keine andere Chance als diese hier! Keine andere Chance! Sagen Sie meiner Frau, sie kann ihren reichen Lover ruhig behalten, aber meinen Sohn, den kriegt sie nicht … Niemals!“ Die gequälten Schluchzer des Mannes gingen jedem durch und durch. Strauchelnd wich er zurück.

„Ich rufe jetzt die Polizei.“ Eine der Erzieherinnen holte ihr Handy hervor.

„Tun Sie es nicht!“ Peter trat vor und legte dem schluchzenden Vater einen Arm um die Schultern, sowohl stützend als auch, um ihn in Gewahrsam zu nehmen.

Erin sah erstaunt zu ihm hin. „Wer sind Sie?“

Sie hatte grüne Augen.

Faszinierende grüne Augen.

Und Peter wollte am liebsten die Frage, die er in diesen wunderschönen Augen las, ehrlich beantworten … Nur, er hatte nicht vor, das Gewicht seines Namens hier in die Runde zu werfen.

„Das ist nicht wichtig. Ich bin nur ein Mann, der nicht mitansehen kann, wie ein anderer Mann zusammenbricht“, antwortete er knapp und warf einen einschüchternden Blick voller Autorität zu der Erzieherin mit dem Handy. „Lassen Sie das bitte. Wenn Sie die Polizei rufen, machen Sie alles nur noch schlimmer. Ich kümmere mich um diese Sache.“

„Und ich trage die Verantwortung für die Kinder“, widersprach die Frau gereizt. Sie war um einiges älter als Erin, etwa Mitte fünfzig, mit stahlgrauem Haar und einer untersetzten Figur. „Ich werde Mrs. Harper Rede und Antwort stehen müssen, wenn Thomas etwas geschieht.“

„Thomas wird gar nichts geschehen“, versicherte Peter. „Mr. Harper möchte seinen Sohn nur für ein paar Minuten halten. Das ist unter den gegebenen Umständen doch verständlich, oder?“

„Er muss ihn aber bei uns lassen“, insistierte die Ältere.

„Natürlich. Das wird er auch tun, dafür sorge ich.“ Der Vater war so verzweifelt und erschüttert, er würde sich nicht auf einen Kampf einlassen. Und selbst wenn, gegen Peter hätte er keine Chance.

Die Frau musterte Peter von Kopf bis Fuß. Seine Größe – gut einsneunzig –, seine breiten Schultern, seine muskulöse Gestalt. Harper dagegen war klein und schmächtig, er reichte Peter gerade bis zum Kinn. Es war von vornherein klar, wer bei einem Kräftemessen die Oberhand gewinnen würde.

„Er soll den Jungen absetzen“, verlangte die Frau.

Doch in diesem Moment begann der Junge zu weinen. „Ich will zu meinem Daddy. Ich hab meinen Daddy lieb.“ Er schlang die Arme um den Hals seines Vaters und schmiegte seinen Kopf an dessen Schulter. „Nicht weinen, Daddy. Ich will nicht, dass du weinst.“

Den Jungen jetzt von seinem Vater wegzuzerren wäre brutal. Es gab schonendere Alternativen. „Geben wir uns doch ein wenig Zeit, damit sich jeder wieder beruhigen kann.“ Peter hoffte darauf, einen Funken Mitgefühl in der älteren Erzieherin zu wecken. „Ich werde mich mit Mr. Harper dort drüben auf die Bank setzen“, er deutete mit dem Kopf zu der Parkbank, auf der er vorhin gesessen hatte. „Dann kann er mit Thomas zusammen sein, und die anderen Kinder können unter Ihrer Aufsicht noch eine Weile spielen.“

„Sie sind alle völlig aufgeregt“, widersprach die Frau. „Wir sollten sie zum Kindergarten zurückbringen.“

Peter richtete seine Aufmerksamkeit auf Erin, die ihn offen ansah, Verwunderung und Erstaunen in den wunderbaren grünen Augen. Verlangen brandete in ihm auf, jäh und mächtig, und alle Zweifel an seiner impulsiven Handlung verpufften. Adrenalin pulste durch sein Blut, und er verspürte ein Ziehen in seinen Lenden.

„Erzählen Sie den Kindern noch eine Geschichte“, wandte er sich lächelnd an sie. „Sie erzählen wunderbar, ich habe Ihnen auch zugehört, als ich meinen Lunch aß. Bei einem Ihrer Märchen vergessen die Kinder bestimmt sofort die unangenehme Situation.“

Es zuckte schwach um ihre Mundwinkel, die Andeutung eines Lächelns. „Danke. Ich glaube auch, das ist eine wirklich gute Idee.“

„Erin …“, protestierte die andere. Es störte sie ganz offensichtlich, dass ihr die Kontrolle aus der Hand genommen wurde.

„Sarah, er ist doch wirklich groß und kräftig genug“, erwiderte Erin mit einem zuversichtlichen Blick auf Peter und tat den Einwand mit einem Handwisch ab.

Es war kein Ring an ihrem Finger. Das registrierte er sofort.

„Außerdem kannst du immer noch die Polizei rufen, wenn es schiefgeht.“

Ein Triumphgefühl durchlief Peter. Erin war auf seiner Seite. Der erste Schritt war gemacht, und darauf ließ sich aufbauen.

Sie wandte sich jetzt wieder ihm zu. „Auf dem Rückweg zum Kindergarten holen wir Thomas wieder ab.“

„Einverstanden. Aber wahrscheinlich sollten Sie allein kommen, um den Jungen zu holen. Thomas wird sich wohl weniger sträuben, wenn die Prinzessin ihn bei der Hand nimmt und von seinem Dad wegholt.“

Ein Hauch Röte zog über ihren wunderbar hellen Teint. Peter kannte keine Frau, die je rot geworden wäre. Er fand es bezaubernd.

„Gut“, erwiderte sie hastig, dann drehte sie sich um, um die Kinder wieder zu einer kleinen Gruppe um sich zu scharen.

Mit gerunzelter Stirn warf Sarah Peter einen verärgerten Blick zu. Anscheinend hatte sie nicht vor, weiterhin gegen seinen Vorschlag anzugehen. Doch offensichtlich gefiel es ihr ganz und gar nicht, in eine Situation gedrängt worden zu sein, in der sie einem Fremden vertrauen sollte. Dennoch wandte sie sich schließlich ab, um sich ebenfalls um ihre Schützlinge zu kümmern.

Da Peter sich nun sicher war, Erin noch einmal allein zu sehen, schob er den armen Harper zu der Bank hinüber, darauf bedacht, durch Mitgefühl das Vertrauen des Mannes zu gewinnen. „Ich kann mir vorstellen, dass Ihnen das alles über den Kopf gewachsen ist. Aber lassen Sie uns reden und sehen, ob es nicht einen Weg gibt, wie Sie mit Ihrem Sohn zusammenkommen können.“

Jeder Kampfgeist hatte Harper verlassen, der Mann war am Ende seiner Kräfte, so schien es Peter. Erschöpft ließ er sich auf die Bank fallen und wiegte sich vor und zurück, seinen Jungen in den Armen – das Bild eines Mannes, der alle Hoffnung verloren hatte.

Als er sich genügend gesammelt hatte, sah er Peter verzweifelt an. „Sie hat dem Anwalt gesagt, ich würde meinen Sohn schlagen. Aber das stimmt nicht. Ich würde meinen Jungen nie anrühren …“

Peter glaubte ihm. Denn der Junge hatte keine Angst, sondern klammerte sich an seinen Vater, als hätte er ihn ebenso vermisst wie der Vater den Sohn. Die Liebe zwischen den beiden war nicht zu übersehen.

„Ein guter Anwalt sollte das klären können“, riet er dem Mann.

„Ich kann mir keinen leisten. Ich hab meinen Job verloren. Konnte einfach nicht mehr die Energie dafür aufbringen.“

„In welchem Beruf arbeiten Sie?“

„Als Handelsvertreter.“

„Also gut. Wie wäre es, wenn ich Ihnen eine neue Stelle besorge und Sie zu einem Anwalt bringe, der auf Familienrecht spezialisiert ist? Dann haben Sie jemanden, der Ihnen am besten raten kann, wie es weitergehen soll.“

„Warum sollten Sie so etwas tun?“ Argwohn und Unsicherheit spiegelten sich in Harpers Blick wider. „Sie kennen mich doch gar nicht.“

Peter stutzte. Ja, welche Motive standen hinter seinem Vorschlag? Weil es ihn störte, dass ein Vater von seinem Sohn getrennt werden sollte? Weil er nicht mitansehen konnte, wie ein Mann zerstört wurde, weil die Ehefrau ihm alles nahm? Weil er schlicht und einfach die Ungerechtigkeit nicht ertragen konnte?

Oder weil spontane Entscheidungen heute sein Leben zu steuern schienen?

Erin …

Wenn er sich der Sache mit Thomas annahm, konnte er die Verbindung zu ihr halten. Er hatte dann einen Fuß in der Tür zu ihrem Arbeitsplatz. Harper wusste es natürlich nicht, aber er war ein Geschenk des Himmels, um die Bekanntschaft zu der Frau, die Peter mehr wollte als je eine andere, ausweiten zu können.

Doch jetzt würde er es bei einer einfachen Antwort belassen. „Weil ich die Möglichkeit dazu habe, Harper. Und ich bin der Ansicht, Thomas braucht seinen Vater. Das ist wichtig im Leben eines Kindes.“

Harper schüttelte ungläubig den Kopf. „Sie versprechen da eine Menge.“

„Sie können mir ruhig glauben. Ich kann und ich werde halten, was ich verspreche.“

Seine Miene spiegelte Zweifel, den Wunsch, es glauben zu können, und das Hoffen auf ein Wunder wider. Schließlich fragte er: „Wer sind Sie?“

Die gleiche Frage hatte auch Erin gestellt.

Dieses Mal würde er antworten müssen. Damit wäre auch sofort seine Glaubwürdigkeit garantiert. Peter zog seine Brieftasche hervor und hielt Harper seinen Führerschein hin.

„Peter Ramsey“, las Harper laut, und sofort traf ihn der Schock. Der Name des Milliardärs war ausreichend bekannt. Mit aufgerissenen Augen starrte Harper sein Gegenüber an, das Gesicht, das regelmäßig in den Medien zu sehen war – das markante Kinn, das dunkelblonde Haar, die blauen Augen, die hohen Wangenknochen, die Sommersprossen auf der geraden Nase, verblichene Zeichen einer Kindheit an der frischen Luft und in der Sonne. Erkennen und Fassungslosigkeit stand ihm nun ins Gesicht geschrieben. „Was tun Sie hier?“, stieß er hervor.

Allein in einem öffentlichen Park, ohne die üblichen Sicherheitsvorkehrungen, die ihn normalerweise umgaben? Peter zuckte mit den Schultern. „Ich nehme mir eine kleine Auszeit von meinem gewohnten Leben.“

„Die Chancen standen eins zu einer Million …“, stammelte Harper überwältigt.

Peter lächelte leicht ironisch. „Da haben Sie heute wohl einen Glückstreffer gelandet.“

„Meinen Sie das wirklich ernst? Sie wollen mir helfen?“

„Ja. Am besten Sie kommen gleich mit mir mit, damit wir die Dinge für Sie in eine positive Richtung lenken können, gleich nachdem Thomas mit den anderen wieder zum Kindergarten zurückkehrt. Und inzwischen – warum lassen Sie sich nicht von Ihrem Sohn erzählen, wie es ihm geht, was er so macht, was es Neues bei ihm gibt?“

Harper streckte spontan die Hand aus. „Das ist unglaublich großzügig von Ihnen, Mr. Ramsey.“

„Keine Ursache“, erwiderte Peter und schüttelte die dargebotene Hand.

„Ich heiße Dave. Dave Harper.“

„Freut mich, Dave.“

Es freute ihn wirklich – mitzuerleben, wie der Mann seinem Jungen versicherte, dass Daddy jetzt wieder in Ordnung sei und dass sie sich bestimmt sehr bald wiedersehen würden.

Währenddessen zog Erin die Gruppe der Kinder mit einem weiteren Märchen in ihren Bann. Nicht eines der Kleinen drehte den Kopf, um vielleicht nach Thomas und dessen Vater zu sehen. Die Krise war gemeistert, dachte Peter zufrieden.

Nichtsdestotrotz würde Sarah sich verpflichtet fühlen, Thomas’ Mutter von dem Vorfall zu berichten, wenn die Frau am Nachmittag ihr Kind abholte. Und das würde Dave mit Sicherheit Schwierigkeiten einbringen. Auch wenn die Entführung verhindert worden war, so würde man Dave unterstellen, dass ein wiederholter Versuch in Zukunft nicht auszuschließen war. Er würde versuchen müssen, das von vornherein zu unterbinden.

Außerdem – das zu regeln würde Peter die Chance bieten, Erin offiziell kennenzulernen.

Ihm würde wohl nichts anderes übrig bleiben, als seinen Namen in die Waagschale zu werfen, um Sarah aufzuhalten. Nun, lange würde er seine Identität vor Erin so oder so nicht verheimlichen können.

Peter zog eine leichte Grimasse. Das Preisgeben seiner Identität würde eine unvermeidliche Rolle spielen, wenn es darum ging, ob und wie gut Erin ihn kennenlernen wollte.

Das war immer ein Problem.

Doch im Moment war Peter das gleich.

Das Verlangen nach ihr war zu stark, um sich über solche Probleme den Kopf zu zerbrechen.

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