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Drei Mal täglich

1. KAPITEL

Dr. Bennett Sheridan betrat zum ersten Mal den Operationssaal der Universitätsklinik Saint Madeleine und schenkte den beiden OP-Schwestern ein strahlendes Lächeln. Und zumindest eine von ihnen, Lacy Calder, war sofort hin und weg. Was für ein Mann!

Sie stand auf einem Podest und legte die sterilisierten Instrumente für die nächste Bypassoperation zurecht. Doch nach dem ersten Blick auf Dr. Sheridan hielt sie in der Arbeit inne und starrte ihn an wie eine Erscheinung.

Ihr Herz klopfte wild, und ihr Atem beschleunigte sich. Noch nie in den neunundzwanzig Jahren ihres Lebens war es ihr passiert, dass sie so heftig auf einen Mann reagiert hatte. Ihre Hormone befanden sich mit einem Schlag in wildester Unordnung. Sie empfand Begehren ebenso sehr wie Bewunderung, und dazu kam dieses unendliche Glücksgefühl, das sie mit Macht durchflutete und sich mit dem Verstand einfach nicht kontrollieren ließ.

Er ist es! dachte sie. Der Blitz hat endlich eingeschlagen. Oh, mein Gott, Urgroßmama Kahonachek hat recht gehabt. Dass die Liebe einschlägt wie ein Blitz ist kein Märchen. Bloß glaubt man erst daran, wenn er einen getroffen hat.

Lacy gehörte nicht zu den Frauen, die spontan auf fremde Männer ansprachen. Und doch reagierte sie mit aller Deutlichkeit auf Dr. Sheridan.

Wunderbar.

Weg mit dir, George Clooney! jubelte sie innerlich. Und weg mit dir, Brad Pitt. Dr. Bennett Sheridan ist da!

Der Mann sah so unglaublich gut aus, dass es schwer war, den Blick von ihm abzuwenden. Er war groß, mindestens eins neunzig, mit breiten Schultern und schmalen Hüften. Und dass sein Körper muskulös war, konnte man selbst unter der normalerweise völlig unerotischen grünen OP-Kleidung erkennen.

Da er aus dem Waschraum kam, wo er sich der fünfzehnminütigen Reinigung mit Betadine unterzogen hatte, und die immer noch feuchten Hände zum Trocknen hochhielt, konnte Lacy unter den dünnen Baumwollärmeln genau erkennen, dass er einen ausgeprägten Bizeps besaß.

Seine gebräunte Haut und sein muskulöser Nacken bewiesen ihr, dass sein durchtrainierter Körper nicht das Resultat regelmäßiger Workouts im Fitnessstudio war, sondern irgendeiner Sportart, die man im Freien betrieb. Tennis, entschied sie. Oder vielleicht Softball. Seine Nase hatte einen leichten Rechtsdrall, als ob sie vor Jahren einmal gebrochen gewesen wäre.

Eine Prügelei? überlegte sie. Oder ein Unfall? Wenn er lächelte, entblößte er zwei Reihen makellos weißer Zähne. Prince Charming hatte außerdem ein markantes Grübchen in seiner rechten Wange. Äußerst sexy. Dazu schokobraune Augen. Als sich ihre Blicke kurz trafen, sah er Lacy auf eine Art an, die ihr das Gefühl gab, die einzige Frau auf der ganzen Welt zu sein.

Nach so langer Zeit war es endlich passiert.

Lacy spürte, wie ihre Knie zitterten. Ihr Puls raste, ihr Mund war trocken.

“Guten Morgen, meine Damen”, begrüßte Prince Charming Lacy und ihre Kollegin Jan Marks. “Ich bin Dr. Bennett Sheridan vom Boston General Hospital. Ich ergänze meine Facharztausbildung für sechs Wochen bei Dr. Laramie.”

Sie wussten natürlich, dass er kommen würde. Dr. Laramie hatte keinen Zweifel daran gelassen, wie stolz er darauf war, dass der begabte junge Arzt, der in Harvard summa cum laude promoviert hatte, sich bei ihm in Houston fortbilden wollte.

Sheridan hatte dreihundert andere Kandidaten aus dem Feld geschlagen, die sich für dieses prestigeträchtige Praktikum beworben hatten. Was Lacy jedoch nicht erwartet hatte, war, dass Dr. Sheridan ihr nur ein Lächeln zu gönnen brauchte, um ihr Herz zu gewinnen.

Doch wie sollte es ihr gelingen, einen Mann für sich zu interessieren, der so offensichtlich jede Frau haben konnte, die er wollte? Sie war nicht gerade eine Frau, die von Männern umschwärmt wurde.

Sie bemerkte, dass er sie aufmerksam fixierte und schluckte. Sie trug ebenfalls grüne OP-Kleidung, dazu den Mundschutz, der nur die Augen freiließ. Das Haar war unter einer blauen sterilen Kappe verborgen, ihre Füße steckten in bequemen Gesundheitssandalen, ebenfalls mit sterilem blauen Tuch verhüllt. Daher fragte sie sich, weshalb Dr. Sheridan sie so unverwandt anblickte. Hatte sie ihren Lidschatten vergessen? Oder einen Fleck auf der Stirn? War ihre Wimperntusche verschmiert?

Das würde ihr ähnlich sehen. Den Mann ihres Lebens treffen und aussehen wie ein Clown. Irritiert machte Lacy einen Schritt, trat prompt ins Leere und fiel von dem Hocker, auf dem sie gestanden hatte.

“Alles in Ordnung?” Ohne daran zu denken, dass er nichts Unsteriles anfassen durfte, kniete sich Bennett Sheridan neben die Krankenschwester, die am Boden lag.

Das arme Ding sah aus wie eine Schildkröte, die auf den Rücken gefallen ist. Verzweifelt versuchte sie, wieder auf die Beine zu kommen. Dabei bemerkte er, wie schlank und zierlich sie war. Die blaue Kappe war verrutscht, sodass er ein wenig von ihrem seidigen blonden Haar sehen konnte.

“Ganz langsam”, beschwichtigte er sie und legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. “Ich helfe Ihnen.” Ihr Fuß hatte sich in dem langen OP-Kittel verfangen. Dr. Sheridan befreite ihn geschickt. “So, jetzt geht es wieder.”

Er sah ihr in die Augen.

Sie erwiderte seinen Blick.

Alles, was er von ihrem Gesicht sehen konnte, waren ihre sanften tiefblauen Augen. Ihr Blick traf ihn bis ins Innerste. Verblüfft blinzelte Bennett und fragte sich, was dieses plötzliche Gefühl zu bedeuten hatte. Er wollte etwas sagen, brachte jedoch kein einziges Wort heraus.

“Hören Sie Musik?”, fragte Lacy.

“Musik?”

“Glockenläuten, Vogelgezwitscher, Engelsgesang?”

“Engel?”

“Sie wissen doch, diese Himmelsgestalten mit den Flügeln.”

Bennett räusperte sich. Konnte gut sein, dass er gerade in diesem Moment ein freudiges Halleluja hörte. “Sind Sie auf den Kopf gefallen?”, erkundigte er sich.

“Nein, mir geht’s gut”, flüsterte sie.

“Sie müssen Ihre Desinfektion erneuern”, verkündete Jan Marks, die andere OP-Schwester, mit herrischer Stimme und unterbrach den magischen Augenblick. “Los, aufstehen. Gehen Sie rüber zum Waschbecken.” Sie klatschte in die Hände. “Beeilen Sie sich. Der Patient wartet, und Dr. Laramie wird in ein paar Minuten hier sein.”

Bennett stand auf und streckte der zierlichen Krankenschwester, die noch am Boden saß, die Hand hin.

Es war die Berührung des Jahrhunderts. Es schien, als habe die Welt nur auf diesen Moment gewartet. Die Welt, die aus Lacy Calder und Bennett Sheridan bestand.

Es funkte zwischen ihnen, eindeutig.

Das kann doch gar nicht sein, dachte er. Ich kann ja noch nicht mal ihr Gesicht sehen. Das, was er empfand, hatte nichts mit der jungen Frau zu seinen Füßen zu tun. Vermutlich hatte der Schokomuffin, den er zum Frühstück gegessen hatte, seinen Blutzuckerspiegel in die Höhe getrieben. Ja, das musste es sein. Es konnte mit seinen Hormonen nichts zu tun haben.

Er zog die Krankenschwester mühelos auf die Füße. Sie zog ihre sterile Kappe zurecht und vermied es, Sheridan in die Augen zu sehen.

“Danke”, flüsterte sie und schaute zur Tür.

“Warten Sie”, sagte er. “An Ihrer Hose hängt etwas.”

“Wo?” Sie drehte den Kopf und versuchte, ihre Rückseite zu betrachten.

“Darf ich?”

Er wusste nicht, welcher Dämon in ihn gefahren war. Doch Bennett legte eine Hand um ihre Taille. Er spürte die sanfte Rundung ihrer Hüften. Äußerst einladend. Mit der anderen Hand zog er das rote Klebeschildchen ab, das auf ihrem Po haften geblieben war. Solch ein sexy Po … Er hörte, wie sich ihr Atem beschleunigte. Verblüfft bemerkte er, dass sie zitterte.

Schockiert begriff er, was er getan hatte. Er hätte sie nicht berühren dürfen. Es ging zu weit. Vor allem, da er durchaus eindeutige Gedanken hegte, während er ihren hinreißenden Po betrachtete.

“Hier.” Er räusperte sich und bemühte sich um eine neutral klingende Stimme, während er innerlich in Aufruhr war. Er gab der Krankenschwester das rote Klebeschildchen. Darauf stand: Vorsicht! Explosiv. War das eine Botschaft? Oder was?

“Danke”, stammelte sie.

“Gehen Sie sich die Hände desinfizieren”, forderte Jan Marks die beiden noch nachdrücklicher auf. Sie deutete hinüber zum Waschraum. “Sofort.”

Lacy und Bennett standen nebeneinander vor den großen Waschbecken aus rostfreiem Stahl und schrubbten zuerst ihre Finger, dann die Hände, danach die Arme mit einer harten Bürste sowie rotbrauner Betadinelösung.

Sie schwiegen, aber Lacy hatte das Gefühl, ihr Herz würde gleich zerspringen.

Bennett begann, leise vor sich hin zu pfeifen. Lacy spürte, wie heiße Schauer über ihren Rücken rannen. Sie legte den Kopf schief und lauschte auf die Melodie. Als sie sie erkannte, hätte sie beinah die Handwaschbürste fallen lassen.

Dr. Sheridan pfiff die Melodie von “Hooked on a Feeling”.

War das eine Botschaft? Signalisierte der Umstand, dass er diesen ganz speziellen Song pfiff, dass er ähnlich empfand wie sie? War es der unbewusste Ausdruck seiner geheimen Empfindungen?

Der Blitz hatte eingeschlagen. Nichts anderes konnte ihre Reaktion auf diesen Mann erklären. Halt! dachte Lacy erschrocken. Bloß nichts übereilen. Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit ist dieser Traummann verheiratet.

Sie warf einen Blick auf seine linke Hand. Der Ringfinger war nackt. Aber das hatte nichts zu bedeuten. Die meisten Chirurgen trugen keine Ringe. Eine Chance gab es jedoch. Ärzte im Praktikum waren meistens unverheiratet. Trotzdem: ein unberingter Finger war keine Garantie.

Lacy wollte nicht glauben, dass das Schicksal ihr einen so üblen Streich spielte. Sicher wäre Amor nicht so grausam, ihr ausgerechnet einen verheirateten Mann zu schicken. Denn was sie empfand, fühlte sich wirklich genau so an, als hätte der kleine geflügelte Liebesgott ihr einen seiner Pfeile mitten ins Herz geschossen.

Sie erinnerte sich daran, wie es war, als Bennetts Hand auf ihrer Hüfte lag. Und an die kurze Berührung, als er ihr das rote Klebeschildchen von der Hose abzog. Es war ein erregendes Gefühl, das ein Kribbeln bis in die Fußspitzen sandte.

Lacy war so erschüttert, dass sie kein Wort sagen konnte. Der Mann ihrer Träume, auf den sie so lange gewartet hatte, stand auf einmal direkt neben ihr. Seit sie denken konnte, sprachen die Frauen in ihrer Familie davon, dass sie eines Tages den richtigen Mann kennenlernen würde.

“Aber woher soll ich wissen, dass es der Richtige ist?”, hatte Lacy als kleines Kind ihre Mutter gefragt.

“Es ist, als wenn der Blitz einschlägt”, erklärte ihre Mutter. “Er trifft dich aus heiterem Himmel.”

“Du kannst dich gar nicht irren”, hatte Großmutter Nony hinzugefügt.

“Es hat danach überhaupt keinen Sinn mehr, sich nach anderen Männern umzuschauen”, ergänzte Urgroßmutter Kahonachek. “Wenn du nicht vom Blitz getroffen wirst, dann ist es eben nicht der Richtige. Und wenn es passiert, dann wird nichts zwischen dir und der wahren Liebe stehen.”

Lacy war in einer Großfamilie aufgewachsen, in der nicht nur Geschichten vom Blitz, der Verliebte traf, sondern auch romantische Geschichten aus der Alten Welt erzählt wurden. Lacy musste zugeben, dass sie sich heimlich wünschte, das mit dem Blitz sei wahr und nicht nur der überbordenden Fantasie ihrer Großmutter entsprungen. Sie alle hatten Lacy beigebracht, dass die wahre Liebe ganz unvermutet in ihr Leben treten würde, und von einem so starken Gefühl begleitet sein würde, dass ein Irrtum ausgeschlossen war.

Diese Magie hatte bei den drei Generationen vor ihr offensichtlich funktioniert. Wenn die Theorie des Blitzschlags für ihre Mutter, ihre Großmutter und ihre Urgroßmutter funktionierte – warum dann nicht für sie selbst? Alle diese Frauen führten lange, glückliche Ehen.

Und hier, an diesem Ort, hatte nun sie der Blitz ereilt. Die Liebe ihres Lebens. Dr. Bennett Sheridan hatte es geschafft, sie mit einem einzigen Lächeln mitten ins Herz zu treffen.

Sie akzeptierte diese Gefühle, ohne sie infrage zu stellen. Dr. Bennett Sheridan war der Mann, auf den sie ihr ganzes Leben lang gewartet hatte. Sie wusste es so genau wie ihren eigenen Namen.

Trotzdem fürchtete sie sich etwas.

Nicht nur etwas, sondern ganz gehörig.

Sein plötzliches Auftauchen in ihrer geordneten Welt brachte alles durcheinander. Sosehr sie sich nach einem Mann gesehnt hatte, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen wollte, sosehr befürchtete sie nun, dass sie die einzige Chance, die sich ihr bot, verpatzen würde.

Lacy war atemlos wie ein Schwimmer, der in Panik geriet, weil er glaubte, das rettende Ufer nicht mehr zu erreichen. Sie hatte keine Ahnung, was sie tun sollte. Schließlich konnte sie nicht einfach zu ihm sagen: “Hallo, ich bin die Frau Ihres Lebens. Wir werden heiraten und Kinder kriegen.”

“Wie heißen Sie?”, fragte Bennett mit dunkler, samtweicher Stimme. Lacy spürte wieder einen jener lustvollen Schauer.

“Wie … wie ich heiße?”, stammelte sie.

“Ich will nicht jedes Mal ’He, Sie!’ rufen müssen, wenn ich eine Pinzette brauche”, sagte er lächelnd und zwinkerte ihr zu.

Er schaute sie so durchdringend an, dass Lacy sich fragte, ob er vielleicht Röntgenaugen hatte, mit denen er durch ihre grüne OP-Kleidung hindurchschauen konnte, um ihre schwarze Spitzenunterwäsche zu entdecken.

Lacy hatte eine Schwäche für teure Unterwäsche. Schöne Dessous anzuhaben gab ihr das Gefühl, weiblich und sexy zu sein, selbst wenn sie darüber weite, langweilige Dienstkleidung trug. Sie stellte sich vor, wie Bennett wohl reagieren würde, wenn er wüsste, was sich unter dem sterilen grünen Baumwollzeug verbarg.

Beschämt von ihren Gedanken errötete sie heftig und konzentrierte sich aufs Säubern ihrer Finger, damit sie nicht ständig in Versuchung war, Bennett anzusehen. Ob er es auch spürte? Die Wärme? Die Energie, die zwischen ihnen zu fließen schien? Es ließ sich in Worten kaum ausdrücken, was geschah.

“Lacy”, flüsterte sie endlich und ärgerte sich über ihre Schüchternheit.

“Verzeihung, ich habe es nicht verstanden.” Er wandte ihr den Kopf zu. “Sie haben so eine leise Stimme.”

“Es tut mir leid.”

“Sie brauchen sich nicht dafür zu entschuldigen.” Er lächelte sie an.

Sie wusste, dass es dumm war, doch es fiel ihr schon immer schwer, sich halbwegs verständlich zu artikulieren, wenn attraktive Männer zugegen waren. Ihre Zunge wurde plötzlich bleischwer, ihre Hände wurden unbeholfen, sie stolperte und stammelte. Mit Männern, für die sie sich nicht interessierte, hatte sie dieses Problem nicht. Doch sobald ein passender Kandidat auftauchte, verwandelte Lacy sich in das ultimative Mauerblümchen.

Vielleicht lag es daran, dass sie das zweite von sechs Kindern war. Wahrscheinlich war sie in der Menge einfach untergegangen. Nie hatte sie es fertiggebracht, laut ihre Meinung zu sagen und sie auch durchzusetzen. Sie wusste, dass das ein Fehler war. Ihre Freundinnen sagten immer, sie sei viel zu nett. Wahrscheinlich stimmte das sogar. Trotzdem: Small Talk und Lacy Calder, das passte irgendwie nicht zusammen.

Sie nahm immer an, dass das, was sie sagte, vielleicht dumm klingen könnte. Daher hielt sie meistens den Mund und ertrug es, dass die Leute sich wunderten. Das war ihr lieber, als wenn sie dahinterkamen, wie schüchtern sie war.

Und jetzt stand sie neben einem griechischen Gott in menschlicher Gestalt und brachte kaum ein halbwegs intelligent klingendes Wort heraus. Wie sollte sie Dr. Right davon überzeugen, dass sie die Richtige für ihn war, wenn sie nicht mit ihm redete?

“Lacy”, sagte sie mutig, straffte die Schultern und zwang sich, lauter zu sprechen. Trotzdem konnte sie ihm dabei nicht in die Augen schauen. “Lacy Calder.”

“Ich bin entzückt, Sie kennenzulernen, Miss Calder”, erwiderte er.

Schnell warf sie einen Blick auf ihn, um zu sehen, ob er sie anschaute, doch er wusch sich gerade die Unterarme. Lacy nahm die Gelegenheit wahr, um den Mann neben ihr eingehend zu betrachten. Er war so sexy, so männlich. Er hatte eine Ausstrahlung, die Kraft verriet, und Machtbewusstsein. Eine Frau würde niemals Angst haben müssen, wenn ein Mann wie Dr. Sheridan sie beschützte. Doch dann, als ob er ihren Blick spürte, hob er den Kopf und zwinkerte Lacy zu.

Peinlich, dachte sie, wurde rot und senkte schnell den Kopf. Sie war froh über ihren Mundschutz, weil der einen Großteil ihres Gesichts verbarg. Das Einzige, was sie verriet, waren ihre Augen. Doch solange sie Bennett nicht direkt ansah, konnte sie an diesem Morgen vielleicht sogar arbeiten.

Eilig drehte sie sich um und ging mit zum Trocknen erhobenen Händen wieder Richtung Operationssaal.

Sie spürte Bennetts Blick in ihrem Rücken. Sie schluckte und ging unsicher weiter, wobei sie sich bemühte, jeglichen Hüftschwung zu vermeiden. Sie konzentrierte sich so sehr darauf, dass sie die Krankenschwester übersah, die den Wagen mit den für die Operation benötigten Instrumenten quer durch den Raum schob.

“Lacy!”, rief Bennett. “Passen Sie auf!”

Seine Warnung kam zu spät. Lacy trat zur Seite, doch nicht schnell genug.

Der Rollwagen prallte mit ihr zusammen.

Die Sachen auf dem Wagen gerieten ins Rutschen. Die Krankenschwester fluchte.

Lacy streckte beide Hände aus, um zu verhindern, dass alles zu Boden fiel, doch sie blieb mit einem Ärmel an einem Regalbrett hängen.

Sie zog an ihrem Ärmel.

Schachteln fielen herunter. Katheter und Schalen mit sterilisierten Instrumenten fielen scheppernd zu Boden. Plastikbehälter und Packungen mit Einwegspritzen hinterher.

Eine ganze Lawine aus medizinischem Zubehör ging auf Lacy nieder. Sie wollte der Lawine ausweichen, doch ihr Ärmel blieb festgehakt. Ehe sie jedoch fiel, war Bennett schon an ihrer Seite. Er umfing ihre Taille, um sie zu stützen, und sie spürte seinen Atem an ihrem Hals.

Lacy errötete tief. Er musste sie für die unbeholfenste Frau des Universums halten.

“Ich habe Sie”, flüsterte er.

Oh ja, das hast du! dachte sie erschüttert.

Nachdem sie sich zum dritten Mal an diesem Morgen Hände und Arme desinfiziert hatten, gingen sie zurück in den Operationssaal. Im gleichen Moment kam Dr. Laramie herein. Bennett begann eine Unterhaltung mit ihm, sodass Lacy Zeit hatte, sich wieder zu fangen.

Innerlich schimpfte sie mit sich, weil sie sich so dämlich anstellte. Was war bloß los mit ihr? Sie musste endlich ihren Verstand einschalten. Schließlich konnte sie während der Operation nicht ständig Instrumente fallen lassen, nur weil der neueste Schwarm in der Chirurgie ihr den Kopf verdreht hatte.

Sie stieg wieder auf den Hocker und begann erneut, die Instrumente zurechtzulegen.

Bald wurde auch der Patient hereingeschoben. Es handelte sich um einen fünfundsechzig Jahre alten pensionierten Bauarbeiter, der vor Kurzem einen Herzinfarkt erlitten hatte.

Lacy versuchte, sich auf ihren Job zu konzentrieren, und reichte Jan die Dinge, die diese benötigte, um den Patienten für die Operation vorzubereiten. Tupfer mit Betadinelösung getränkt, sterile Tücher, Kochsalzlösung.

Automatisch erledigte sie all ihre Aufgaben so, wie sie sie an jedem Tag mehrere Male durchführte. Sie hatte Erfahrung, und das zahlte sich jetzt aus, weil sie während der Arbeit ständig über Dr. Sheridan nachdachte. Du musst gelassener werden, Lacy, ermahnte sie sich im Stillen. Du darfst keine voreiligen Schlüsse ziehen. Es geht um zu viel. Gib deinen Gefühlen die Chance, sich etwas abzukühlen. Vielleicht passiert das alles nur, weil du weißt, dass du bald dreißig wirst, und weil deine biologische Uhr tickt.

Das hörte sich vernünftig an. Lacy bemühte sich, die Schmetterlinge in ihrem Bauch zu ignorieren und cool zu sein. Doch ihr Herz kümmerte sich nicht darum.

Er ist es! Er ist es! Er ist es! jubilierte eine kleine Stimme in ihrem Kopf, und ihr Puls beschleunigte sich.

Hilflos schaute sie hinüber zu ihm. Bennett Sheridan stand mit dem Rücken zu ihr und unterhielt sich mit dem Anästhesisten Dr. Grant Tennison.

Bewundernd musste sie erneut zugeben, dass Dr. Sheridan selbst in der langweiligen grünen OP-Kleidung eine ausgezeichnete Figur machte. Unter der sterilen Kappe schauten ein paar glänzende schwarze Locken hervor.

Umso besser, dachte Lacy. Sie hatte immer von einem schwarzhaarigen Mann mit braunen Augen geträumt.

Apropos träumen. Sie verlor sich in einer wunderbaren Fantasie, wie schön es wäre, sich neben Bennett Sheridan aufs Sofa zu kuscheln und die Sonntagszeitung mit ihm zu lesen. Oder jeden Morgen neben ihm aufzuwachen und sein schönes Gesicht zu betrachten, während er noch schlief. Ich möchte mit ihm im Supermarkt einkaufen gehen und zusammen die leckersten Sachen auswählen, dachte sie. Ich möchte ihn mit Eis füttern, wenn er Fieber hat. Ich will zuschauen, wenn er sich die Zähne putzt, die Schuhe anzieht oder sich Butter aufs Brot schmiert. Ich wünsche mir, dass er mich um meine Meinung fragt: Kann ich diesen Schlips zu diesem Hemd anziehen? Was hältst du davon, wenn ich mir einen Schnauzbart stehen lasse? Ich wünsche mir, dass er sich Sorgen macht, wenn ich mich zum Abendessen verspäte.

Dieser Mann war alles, wonach sie sich jemals gesehnt hatte. Und jetzt, da sie ihn vor sich sah, wusste sie, dass er halten würde, was er versprach. Er sah nicht nur aus wie ein Filmstar, sondern er hatte auch eine super Karriere vor sich. Dazu besaß er das verführerischste Lächeln, das sie jemals gesehen hatte, und außerdem knisterte es gewaltig zwischen ihnen, wenn sie sich nicht sehr irrte.

Ein Blick in seine Augen hatte genügt, um zu erkennen, was zwischen ihnen möglich war. Da waren Funken gewesen. Fast wäre sie in Flammen aufgegangen. Es war ein Versprechen für die Zukunft. Sie stellte sich vor, wie es sein würde, ihn zu küssen. Wie würden sich seine festen, vollen Lippen auf ihrem Mund anfühlen? Sie träumte von dem Spiel ihrer Zungen und erschauerte.

Bennett wandte sich um und grinste sie an, als wüsste er genau, was sie gerade dachte.

Lacy nahm abrupt ihre Arbeit wieder auf und tat, als ob sie es nicht bemerkt hätte. Sie rückte die Instrumente zurecht und atmete die stickige Luft durch ihren Mundschutz. Die gleißend hellen Lampen schienen heute doppelt so viel Hitze auszustrahlen wie sonst.

Jetzt, da sie ihn gefunden hatte, musste sie ihn nur noch davon überzeugen, dass er Mr. Right war. Doch wie?

Ihre angeborene Schüchternheit hatte sie während der Ausbildung zur Krankenschwester oft genug in Verlegenheit gebracht. Sie war ein Hauptgrund, weshalb sie in der Chirurgie arbeitete. Hier musste sie sich nie direkt den Patienten zuwenden. Sie konnte Menschen helfen, ohne mit ihnen reden oder sie anfassen zu müssen.

Sie hatte Monate gebraucht, bis sie sich im Operationssaal das Vertrauen der Chirurgen und der anderen Krankenschwestern erworben hatte. Manchmal neckten ihre Kolleginnen und Kollegen sie, weil sie so zurückhaltend war, doch nach sechs Jahren im Betrieb fühlte sie sich in ihrem Job wohl.

Sie musste diese verflixte Schüchternheit überwinden. Unbedingt. Andernfalls konnte sie den Blitz der Liebe vergessen und zusehen, wie Dr. Bennett Sheridan nach dem Ende seiner Praktikumszeit auf und davon ging, ohne dass zwischen ihnen mehr gelaufen war als der Austausch von ein paar bedeutungsvollen Blicken.

Lacy durfte nicht zulassen, dass Mr. Right aus ihrem Leben verschwand. Sie musste etwas tun, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Dazu gehörte, dass sie ihre Zurückhaltung überwand, was Männer betraf.

Aber wie?

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Viel Spaß!



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